Der Kampf der Lebensmittel gegen den schlechten Koch

 

Auch die 11. Documenta ist besser als ihr Verruf

 

Wilhelm Pauli

 

Wenn so ein Afrikaner die Documenta macht, dachte und wünschte es anfangs im Freund der Künste (F. d. K.), dann würde es nur so durch die Kasseler Natur rauschen, Farben und Formen würden tropisch und subtropisch die Fulda-Auen touristisch aufwerten, Schamanen durch die Büsche tanzen und allerlei Geriebenes vom Tier der westlichen Impotenz aufhelfen. Aber dann hat er im Vorfeld schon mitbekommen, dass Okwui Enwezor Globalisierung nachgespielt hat und in Wien, Neu-Delhi, Santa Lucia und Lagos geweihte Kreise die Weltenprobleme und die Rolle der Künstler in ihnen verhandeln ließ, bis er nun die transistorischen Ergebnisse prozessierender künstlerischer Weltdurchdringung vorstellte. Der F. d. K. mag auch einen Text des künstlerischen Leiters gelesen und sich darob gewundert haben, dass der ungefähr klang wie eine Patentschrift oder eine staatsanwaltschaftliche Ermittlung des Amtsgerichtes Moabit im Falle einer Zigarettenschmuggelverschleierung. Also bürokratisch bis auf die Knochen durch jahrzehntelange sich selbst befeuernde Emporelaborierung, hinter der eines Tages der kleine materielle Sinn gänzlich verschwunden war. Dann stand also der F. d. K. vor dem Fridericianum und der Platz davor war wie gefegt. Und er schaute durch den Rahmenbau, der seit der sechsten Documenta über der Karlsaue aufragt, auf dieselbe hinunter und sah nichts.

Ungläubig rennt er die Treppen hinunter und, sich fündig wähnend, auf einen grauen Gaul zu, der plötzlich bewegungslos in den Rabatten steht. Aber dann kommt doch eine Reiterin fluchend aus dem Unterholz und versucht den Zossen zum Weitermachen zu bewegen. Ein paar winzige Klanginstallationen, im weiten Gelände verteilt, verstimmen durch geschmacklos ambientöse Harfenklänge, ein Spiegelkabinett, die alte Rummelplatzklamotte, wie man hört Lieblingsobjekt des Kasseler Publikums, mag etwas für schöne Menschen sein, ganz sicher ist es nichts für Brillenträger. Der F. d. K. flieht. Er erreicht die Orangerie. Simparch, eine Gruppe aus Amerika, hat eine halbe Röhre aus Metall und Holz und eine Bank zum Stillsitzen querdurch hineingestellt. Aus ihren Wänden kommt das Krächzen und Surren und Knacken minimalster Musique concrète. Der F. d. K. atmet auf und durch. Bässe brummen den Schädel wieder heil. Also nochmal anfangen.

 

Oft wird vergessen, dass die Globalisierung nur unseren Globus betrifft. Der ist indes bekannt. Der Globalisator möchte den ganzen Globus haben. Er denkt an Rekolonialisierung. Globalisierung als Chance meint: Mitverdienen, Mitverludern, Mitvernichten. Der Künstler muss aufpassen, dass er nicht im Crossover der Möglichkeiten neuer Medien und der aus ihnen stürzenden Bilderfluten zum Affen des Globalisators wird. Die Netze und Netzgeburten werden zur unendlichen selbstbezogenen Knüpfarbeit, aus der nichts mehr auf fruchtbaren Boden fällt. In der Documenta-Halle neben dem Fridericianum kann man sich daran satt sehen. Selbst die Einspeisung von Elends- oder Schreckensbildern samt sozialarbeiterischer Bearbeitung wird zur Propaganda der Benebelungs- und Beschäftigungstechnologien für überflüssigen Menschenmüll. Die Forderung Okwui Enwezors, dem Getue von der Autonomie der Künstler „leb wohl“ zu sagen und ihre Arbeiten als Messwerkzeuge und Wissensspeicher in eine Kunst mit sozusagen sozialer Verantwortung zu versenken, lässt sich jedoch symposienreich in dieser Massivität nur begründen, wenn man glaubt, dass Kunst je hätte autonom sein können, und ist von einer etwas verzweifelten Komik, denn nur wenn der Künstler mit brummiger Brötelei das Seine macht, nur wenn Differenz ausgehalten wird – und die gibt es nicht autonom –, der Künstler als jener Jogurt-Becher sich behauptet, der nicht überall herumgefahren werden will, bevor er zum Verbraucher kommt, besteht die Chance, nicht in die Globalisierungsfalle zu gehen. Fremd sei der Künstler, ein Kauz.

 

Was nun politische Kunst ausmacht ist unverändert zweierlei: Einmal Kunst als Übungsraum zur Weitung für Sinne und Seele, oder wie ein von Ben Kinmont in seinem Alltagskunst-Projekt Befragter sich ausdrückt: „Du musst dich entscheiden, deinen Geist zu öffnen, bevor die Natur dich dazu zwingt. Wenn du dich entscheidest, deinen Geist zu öffnen, dann ist das Kunst. Wenn die Natur dich dazu zwingt, dann nicht. Im Museum kannst du dich immer entscheiden, nein zu einem Kunststück zu sagen und einfach weitergehen; aber wenn du es im Leben ignorierst, dann stirbst du.“

Ein bis heute wirkendes Beispiel für gelungene Gymnastik ist die Verhüllung des Reichstages durch die Christos. Man stelle sich vor, welch reaktionäre Erfahrungen und Folgen dagegen eine Reichstags-Sprengung ausgelöst hätte, welch muffiges Ding gegen jenes beglückende Volkfest diese gewesen wäre. Die zweite Möglichkeit ist die offene Behandlung des politischen Themas mit künstlerischen Mitteln. Eine Untergruppe wäre die liebevolle Zuneigung, wie sie Ulrike Ottinger in ihren Filmen über weiße Flecken auf der Menschenkarte ausschüttet. Ein verflixtes Unterfangen im täglichen Bildertaumel. Zwei Arbeiten ragen da in der Documenta heraus, Filmarbeiten fast konträrer Machart. “Ruanda, einen Völkermord später“ von Eyal Sivan, ein schwarz-weißer Film, aus Dokumenten geschnitten, vom Leichenberg. Und während die Reste der Bevölkerung im Sand nach den Knochen ihrer Familien scharren, feuern Propagandisten im Radio und christliche Kriegsgewinnler von der Lässigkeit der jungen Lurie-Brüder (Lounge Lizzards) oder der Börsen-Idioten vor der Krise den nächsten Genozid an. Auf das Barfußleid der Knochenschlepper folgt der Schnitt auf die polierten und blitzenden Schuhe der Kanzelgangster. Schuhe wie Waffen. Es ist ein Schock. Und der F. d. K. muss daran denken, wie auch bei uns wieder Schuhe zu Waffen werden, an den Kampf der Horx-Gangster, Hartz wahrscheinlich verwandt, um den dienstleistenden, fröhlichen „Shoe-shine-boy“ auf unseren Straßen. Dagegen dann die Arbeit von Zarina Bhimij „Out of Blue“. Erst Landschaft, Uganda wie von chinesischen Meistern der Wasserfarbe gefedert, dann die Entzündlichkeit des Terrors, war es Blitz, war es Granatenschlag? Und jetzt Bilder der Angst und des Terrors, menschenlos, die Mauern nur, Zeichen des Elends eingeschrieben, ausschwitzende Sekrete, Folternarben, Gitter und Türen, Zellen, verlassene Schlafstätten, manchmal das Darüberhuschen eines Schattens, einer Waffe Schatten, und dazu eingespielt in die Verlassenheit, das Stöhnen und Wimmern der verlorenen Seelen, darüber das Summen der Schmeißfliegen.

 

Plötzlich nachts, beim Versuch des F. d. K., sich in den Schlaf zu zappen, ein Hochriss aus sommerlichem Gedämmer. Der Kritiker Peter Iden steht am Bett, er, der zur Documenta 10 sich folgendermaßen einließ und nun bei der 11. noch furchtbarer leiden muss: „Zweifellos hat sie, zum Schaden der Selbstbehauptung der Kunst, Tendenzen befördern wollen, den Werkbegriff aufzulösen und den Anspruch der künstlerischen Setzung auf Autonomie preiszugeben“, plötzlich also steht Iden am Bett vor einer Kasseler Leinwand und sagt: „Das hat vor vier (oder sagte er zehn?) Jahren, schon der (oder meinte er den?) gemacht. Und zwar besser.“ Und im Halbschlaf sagt der F. d. K.: Ach Iden, das hast du vor vier, zehn und zwanzig Jahren schon gesagt, besser noch dazu, und die Leichenberge waren vor sechzig Jahren auch irgendwie mehr knorke. Es ist wirklich zu blöd und zeigt, wie die Hinneigung zur Kunst nicht davor schützt, dieselbe mittels der Autonomie, auf der man herumturnt, an das Schneller-weiter-Höher des Konsumismus und des kapitalistischen Schwungrades zu verscherbeln. Gerne fällt dann auch immer wieder der Einwand, dass die Documenta den Kunstmarkt nicht hätte erschüttern können, die dort Präsentierten kaum von ihm bemerkt worden seien. Wogegen soll das sprechen? Vor allem aber: Wie sollen nachrückende Generationen Kunst im Abwinken der alten abgehangenen Kriegsblinden erfahren und wie sollen sie Empathie mit den Opfern des Globalisators und seiner Schergen entwickeln unter dem abgebrühten Begrinsen von „political correctnes“, Gutmenschentum und Friedensschläppchenträgerschaft?

Freilich, ein Bild, das nicht weglaufen kann, ist leichter zu fassen, als eine Videobastelei, die unser Zeitbudget zu sprengen drohte, rennten wir nicht nach zwei Minuten unklaren Geflimmers weiter. Aber zunehmend macht sich in denn F. d. K. doch auch das schlechte Gewissen ob der Möglichkeit breit, in der folgenden halben Stunde Wichtiges verpasst zu haben. Und die Dokumentation einer „Kunstaktion in sozialer Verantwortung“, deren einzige Spuren vielleicht ins Gedächtnis der Bewohner einer Plattenbausiedlung eingegraben sind, ist halt etwas anderes als die Aktion selbst, und man wird bescheiden tun und es zu lesen lernen müssen.

 

Die Sinnlichkeit vieler Installationen, Eigenart und Eigenheit vor allem in der Binding Brauerei, den neuen Ausstellungsräumen, präsentiert, setzen sich spielend gegen das theoretische Häkelwerk der Documenta-Macher, wie das eitle Raunzen der Kritiker durch. Und gerade ihretwegen können sie sich mit der lausigen Welt des großen Globalisators wie der kleinen Amateurglobalisierer ins Verhältnis setzen. Pompejianische Räume von rieselndem Schwarz, mit verbrannten Schriften, verglühten Kolonialwaren, Katzen aus nur noch lose gehaltener Asche und blendenden Knochen an gesäuberten Tassen bauten Glenn Ligon, Chohreh Feyzdjou und Mark Manders. Geschändete Körper und Glieder, irritierend bunt und handgemacht, im Zucken und Schleifen an Schicksalsfäden von Annette Messager. Installationen, die verschiedenste Formen zu kombinieren versuchen, am berückendsten vielleicht „Lines in the Sand“ von Joan Jonas, amerikanisches Geplapper, ein Gedicht von Hilda Doolittle, Videowand, Kleinkino, antike Statuen und Spuren im Sand als Materialbild. Unerklärlich erschlagend die Arbeit von Asymptote „Flux-Space 3.0/mscapes“, bei der sich über den Köpfen der Besucher zum Rauschen des Weltenraums eine Art riesige Nockenwelle oder der Arm einer Raumstation dreht und auf den Zeichen projiziert werden, als wälze sich da oben das Wissen der Leiterplatten oder Bibliotheken ab. Dann wieder ganz irdische Schmerzen: „Ans Haus gefesselt“ von Mona Hatoum, hinter dem Sirren des Hochsicherheitsdrahtes, die schlichten Küchengeräte unter Strom.

Wieder gibt es zu viele Fotoarbeiten, bei denen die Bilder versuchen, sich durch massierte Hängung eine tragfähige Aura zu erschleichen. Besonders dürftig die gegenwärtig hoch gelobten Serien von Bernd und Hilla Becher, die Fachwerkhäuschen des Siegener Industriegebietes zum Beispiel genommen, leerer Sammlereifer, wo dem F. d. K. – unbeabsichtigter Effekt – durchs Gehirn schießen mag, dass wir bis heute in Ställen leben. Aber auch zum Innehalten Zwingendes wie die Dokumentation amerikanischen Security-Bewusstseins, oder -Wahns in den Vorstädten von Kendell Geers, die still und kalt aus Genua grüßenden zugeschweißten Gullydeckel der Lisl Ponger, die nachtschwarzen Bilder zum 11. September von Touhami Ennarde, die ihre Traumata wie heißes Silber auszuschwitzen scheinen, oder die bearbeiteten Hände mit den Folterspuren von Luis Camnitzer, Fotos, Fotoserien, die mit dem Wissen und den Gefühlen, die wir in uns bergen, spielen. Und dann wieder rein in die Gewalthölle aus blendendem Licht mit den Schritten des unsichtbaren Söldners und dem Geräusch des repetierten Gewehrs der Kubanerin Tanja Bruguera oder der monumental vergrößerten, überwältigenden Video-Games bester 3D-Qualität von Feng Mengbo, die jeder gleich spielen möchte, bis das Blut nur so spritzt.

Endlich verschnaufen, tosende Ruhe in einer der schönsten Arbeiten der Ausstellung, von Igor und Svetlana Kopystiansky: „Flow“. Auf mehreren Leinwänden ringsum, im Schaukeln und Strömen und Kreisen des Wassers, die Bewegungen von weißen Müllbeuteln, die ihre Henkel-Ärmchen uns zustrecken, als wollten sie gerettet werden, dann wieder wie Synchronschwimmer die Leiber bäumen zu den unvorhersehbaren Gesetzen der Wellenbewegungen, alles durchrauscht von der Melodie des fließenden Wassers.

 

Der F. d. K. hat dann in der Aue vor der Orangerie, rechts hinten, doch noch was gefunden. Ein Schmuckstück von John Bock. Eine dieser Gerümpelszenarien, Bastarde aus Beuys-Einzelhandelsstellagen und russischer Armenhäuschen-Installation, die insgesamt etwas überhand nehmen. Aber Bock hat in seinen privaten Flohmarkt noch ein paar Monitore eingebaut, wo er teils als debiler Elvis fungiert, teils wahnwitzige makroökonomische Vorträge hält, mit dem ganzen Gesangbuch neuer Ökonomie, und es ist gar kein Zweifel, dass es, wenn solche Herrschaften weiter unser Schicksal bestimmen, bald überall aussehen wird wie in der bockschen Bruchbude. Noch schöner aber ist sein kleines Filmtheater, nebenan, in das man seinen Kopf von unten her stecken muss, um einen ekelhaften Koch zu erleben, dessen Zumutungen sich die redlichen Lebensmittel erwehren. Tapfere Makkaroni beginnen ihn zu attackieren wie wilde Piranhas, Tomaten und Rippchen klatschen ihm um die Ohren, Ketchup tränkt die nicht mehr weiße Weste, Eier nähern sich im Tiefflug und alle kämpfen sie gegen das finale, gleichmacherische Zusammengerührt-Werden. Ein tiefes Sinnbild der Beharrung im Kampf gegen den Globalisator wie gegen seine panisch gewordenen Schmarotzer.