Wenn
so ein Afrikaner die Documenta macht, dachte und wünschte es anfangs im Freund
der Künste (F. d. K.), dann würde es nur so durch die Kasseler Natur rauschen,
Farben und Formen würden tropisch und subtropisch die Fulda-Auen touristisch
aufwerten, Schamanen durch die Büsche tanzen und allerlei Geriebenes vom Tier
der westlichen Impotenz aufhelfen. Aber dann hat er im Vorfeld schon mitbekommen,
dass Okwui Enwezor Globalisierung nachgespielt hat und in Wien, Neu-Delhi,
Santa Lucia und Lagos geweihte Kreise die Weltenprobleme und die Rolle der
Künstler in ihnen verhandeln ließ, bis er nun die transistorischen Ergebnisse
prozessierender künstlerischer Weltdurchdringung vorstellte. Der F. d. K. mag
auch einen Text des künstlerischen Leiters gelesen und sich darob gewundert
haben, dass der ungefähr klang wie eine Patentschrift oder eine
staatsanwaltschaftliche Ermittlung des Amtsgerichtes Moabit im Falle einer
Zigarettenschmuggelverschleierung. Also bürokratisch bis auf die Knochen durch
jahrzehntelange sich selbst befeuernde Emporelaborierung, hinter der eines
Tages der kleine materielle Sinn gänzlich verschwunden war. Dann stand also der
F. d. K. vor dem Fridericianum und der Platz davor war wie gefegt. Und er
schaute durch den Rahmenbau, der seit der sechsten Documenta über der Karlsaue
aufragt, auf dieselbe hinunter und sah nichts.
Ungläubig
rennt er die Treppen hinunter und, sich fündig wähnend, auf einen grauen Gaul
zu, der plötzlich bewegungslos in den Rabatten steht. Aber dann kommt doch eine
Reiterin fluchend aus dem Unterholz und versucht den Zossen zum Weitermachen zu
bewegen. Ein paar winzige Klanginstallationen, im weiten Gelände verteilt,
verstimmen durch geschmacklos ambientöse Harfenklänge, ein Spiegelkabinett, die
alte Rummelplatzklamotte, wie man hört Lieblingsobjekt des Kasseler Publikums,
mag etwas für schöne Menschen sein, ganz sicher ist es nichts für
Brillenträger. Der F. d. K. flieht. Er erreicht die Orangerie. Simparch, eine
Gruppe aus Amerika, hat eine halbe Röhre aus Metall und Holz und eine Bank zum
Stillsitzen querdurch hineingestellt. Aus ihren Wänden kommt das Krächzen und
Surren und Knacken minimalster Musique concrète. Der F. d. K. atmet auf und
durch. Bässe brummen den Schädel wieder heil. Also nochmal anfangen.
Oft wird vergessen, dass die Globalisierung nur unseren Globus betrifft. Der
ist indes bekannt. Der Globalisator möchte den ganzen Globus haben. Er denkt an
Rekolonialisierung. Globalisierung als Chance meint: Mitverdienen,
Mitverludern, Mitvernichten. Der Künstler muss aufpassen, dass er nicht im
Crossover der Möglichkeiten neuer Medien und der aus ihnen stürzenden
Bilderfluten zum Affen des Globalisators wird. Die Netze und Netzgeburten
werden zur unendlichen selbstbezogenen Knüpfarbeit, aus der nichts mehr auf
fruchtbaren Boden fällt. In der Documenta-Halle neben dem Fridericianum kann
man sich daran satt sehen. Selbst die Einspeisung von Elends- oder Schreckensbildern
samt sozialarbeiterischer Bearbeitung wird zur Propaganda der Benebelungs- und
Beschäftigungstechnologien für überflüssigen Menschenmüll. Die Forderung Okwui
Enwezors, dem Getue von der Autonomie der Künstler „leb wohl“ zu sagen und ihre
Arbeiten als Messwerkzeuge und Wissensspeicher in eine Kunst mit sozusagen
sozialer Verantwortung zu versenken, lässt sich jedoch symposienreich in dieser
Massivität nur begründen, wenn man glaubt, dass Kunst je hätte autonom sein
können, und ist von einer etwas verzweifelten Komik, denn nur wenn der Künstler
mit brummiger Brötelei das Seine macht, nur wenn Differenz ausgehalten wird –
und die gibt es nicht autonom –, der Künstler als jener Jogurt-Becher sich
behauptet, der nicht überall herumgefahren werden will, bevor er zum
Verbraucher kommt, besteht die Chance, nicht in die Globalisierungsfalle zu
gehen. Fremd sei der Künstler, ein Kauz.
Was nun politische Kunst ausmacht ist unverändert zweierlei: Einmal Kunst als
Übungsraum zur Weitung für Sinne und Seele, oder wie ein von Ben Kinmont in
seinem Alltagskunst-Projekt Befragter sich ausdrückt: „Du musst dich
entscheiden, deinen Geist zu öffnen, bevor die Natur dich dazu zwingt. Wenn du
dich entscheidest, deinen Geist zu öffnen, dann ist das Kunst. Wenn die Natur
dich dazu zwingt, dann nicht. Im Museum kannst du dich immer entscheiden, nein
zu einem Kunststück zu sagen und einfach weitergehen; aber wenn du es im Leben
ignorierst, dann stirbst du.“
Ein
bis heute wirkendes Beispiel für gelungene Gymnastik ist die Verhüllung des
Reichstages durch die Christos. Man stelle sich vor, welch reaktionäre
Erfahrungen und Folgen dagegen eine Reichstags-Sprengung ausgelöst hätte, welch
muffiges Ding gegen jenes beglückende Volkfest diese gewesen wäre. Die zweite
Möglichkeit ist die offene Behandlung des politischen Themas mit künstlerischen
Mitteln. Eine Untergruppe wäre die liebevolle Zuneigung, wie sie Ulrike
Ottinger in ihren Filmen über weiße Flecken auf der Menschenkarte ausschüttet.
Ein verflixtes Unterfangen im täglichen Bildertaumel. Zwei Arbeiten ragen da in
der Documenta heraus, Filmarbeiten fast konträrer Machart. “Ruanda, einen
Völkermord später“ von Eyal Sivan, ein schwarz-weißer Film, aus Dokumenten
geschnitten, vom Leichenberg. Und während die Reste der Bevölkerung im Sand
nach den Knochen ihrer Familien scharren, feuern Propagandisten im Radio und
christliche Kriegsgewinnler von der Lässigkeit der jungen Lurie-Brüder (Lounge
Lizzards) oder der Börsen-Idioten vor der Krise den nächsten Genozid an. Auf
das Barfußleid der Knochenschlepper folgt der Schnitt auf die polierten und
blitzenden Schuhe der Kanzelgangster. Schuhe wie Waffen. Es ist ein Schock. Und
der F. d. K. muss daran denken, wie auch bei uns wieder Schuhe zu Waffen
werden, an den Kampf der Horx-Gangster, Hartz wahrscheinlich verwandt, um den
dienstleistenden, fröhlichen „Shoe-shine-boy“ auf unseren Straßen. Dagegen dann
die Arbeit von Zarina Bhimij „Out of Blue“. Erst Landschaft, Uganda wie von
chinesischen Meistern der Wasserfarbe gefedert, dann die Entzündlichkeit des
Terrors, war es Blitz, war es Granatenschlag? Und jetzt Bilder der Angst und
des Terrors, menschenlos, die Mauern nur, Zeichen des Elends eingeschrieben,
ausschwitzende Sekrete, Folternarben, Gitter und Türen, Zellen, verlassene
Schlafstätten, manchmal das Darüberhuschen eines Schattens, einer Waffe
Schatten, und dazu eingespielt in die Verlassenheit, das Stöhnen und Wimmern
der verlorenen Seelen, darüber das Summen der Schmeißfliegen.
Plötzlich nachts, beim Versuch des F. d. K., sich in den Schlaf zu zappen, ein
Hochriss aus sommerlichem Gedämmer. Der Kritiker Peter Iden steht am Bett, er,
der zur Documenta 10 sich folgendermaßen einließ und nun bei der 11. noch
furchtbarer leiden muss: „Zweifellos hat sie, zum Schaden der Selbstbehauptung
der Kunst, Tendenzen befördern wollen, den Werkbegriff aufzulösen und den
Anspruch der künstlerischen Setzung auf Autonomie preiszugeben“, plötzlich also
steht Iden am Bett vor einer Kasseler Leinwand und sagt: „Das hat vor vier
(oder sagte er zehn?) Jahren, schon der (oder meinte er den?) gemacht. Und zwar
besser.“ Und im Halbschlaf sagt der F. d. K.: Ach Iden, das hast du vor vier,
zehn und zwanzig Jahren schon gesagt, besser noch dazu, und die Leichenberge
waren vor sechzig Jahren auch irgendwie mehr knorke. Es ist wirklich zu blöd
und zeigt, wie die Hinneigung zur Kunst nicht davor schützt, dieselbe mittels
der Autonomie, auf der man herumturnt, an das Schneller-weiter-Höher des
Konsumismus und des kapitalistischen Schwungrades zu verscherbeln. Gerne fällt
dann auch immer wieder der Einwand, dass die Documenta den Kunstmarkt nicht
hätte erschüttern können, die dort Präsentierten kaum von ihm bemerkt worden
seien. Wogegen soll das sprechen? Vor allem aber: Wie sollen nachrückende
Generationen Kunst im Abwinken der alten abgehangenen Kriegsblinden erfahren
und wie sollen sie Empathie mit den Opfern des Globalisators und seiner
Schergen entwickeln unter dem abgebrühten Begrinsen von „political correctnes“,
Gutmenschentum und Friedensschläppchenträgerschaft?
Freilich,
ein Bild, das nicht weglaufen kann, ist leichter zu fassen, als eine
Videobastelei, die unser Zeitbudget zu sprengen drohte, rennten wir nicht nach
zwei Minuten unklaren Geflimmers weiter. Aber zunehmend macht sich in denn F.
d. K. doch auch das schlechte Gewissen ob der Möglichkeit breit, in der
folgenden halben Stunde Wichtiges verpasst zu haben. Und die Dokumentation
einer „Kunstaktion in sozialer Verantwortung“, deren einzige Spuren vielleicht
ins Gedächtnis der Bewohner einer Plattenbausiedlung eingegraben sind, ist halt
etwas anderes als die Aktion selbst, und man wird bescheiden tun und es zu
lesen lernen müssen.
Die Sinnlichkeit vieler Installationen, Eigenart und Eigenheit vor allem in der
Binding Brauerei, den neuen Ausstellungsräumen, präsentiert, setzen sich
spielend gegen das theoretische Häkelwerk der Documenta-Macher, wie das eitle
Raunzen der Kritiker durch. Und gerade ihretwegen können sie sich mit der
lausigen Welt des großen Globalisators wie der kleinen Amateurglobalisierer ins
Verhältnis setzen. Pompejianische Räume von rieselndem Schwarz, mit verbrannten
Schriften, verglühten Kolonialwaren, Katzen aus nur noch lose gehaltener Asche
und blendenden Knochen an gesäuberten Tassen bauten Glenn Ligon, Chohreh
Feyzdjou und Mark Manders. Geschändete Körper und Glieder, irritierend bunt und
handgemacht, im Zucken und Schleifen an Schicksalsfäden von Annette Messager.
Installationen, die verschiedenste Formen zu kombinieren versuchen, am
berückendsten vielleicht „Lines in the Sand“ von Joan Jonas, amerikanisches
Geplapper, ein Gedicht von Hilda Doolittle, Videowand, Kleinkino, antike
Statuen und Spuren im Sand als Materialbild. Unerklärlich erschlagend die
Arbeit von Asymptote „Flux-Space 3.0/mscapes“, bei der sich über den Köpfen der
Besucher zum Rauschen des Weltenraums eine Art riesige Nockenwelle oder der Arm
einer Raumstation dreht und auf den Zeichen projiziert werden, als wälze sich
da oben das Wissen der Leiterplatten oder Bibliotheken ab. Dann wieder ganz
irdische Schmerzen: „Ans Haus gefesselt“ von Mona Hatoum, hinter dem Sirren des
Hochsicherheitsdrahtes, die schlichten Küchengeräte unter Strom.
Wieder
gibt es zu viele Fotoarbeiten, bei denen die Bilder versuchen, sich durch
massierte Hängung eine tragfähige Aura zu erschleichen. Besonders dürftig die
gegenwärtig hoch gelobten Serien von Bernd und Hilla Becher, die
Fachwerkhäuschen des Siegener Industriegebietes zum Beispiel genommen, leerer
Sammlereifer, wo dem F. d. K. – unbeabsichtigter Effekt – durchs Gehirn
schießen mag, dass wir bis heute in Ställen leben. Aber auch zum Innehalten
Zwingendes wie die Dokumentation amerikanischen Security-Bewusstseins, oder
-Wahns in den Vorstädten von Kendell Geers, die still und kalt aus Genua
grüßenden zugeschweißten Gullydeckel der Lisl Ponger, die nachtschwarzen Bilder
zum 11. September von Touhami Ennarde, die ihre Traumata wie heißes Silber
auszuschwitzen scheinen, oder die bearbeiteten Hände mit den Folterspuren von
Luis Camnitzer, Fotos, Fotoserien, die mit dem Wissen und den Gefühlen, die wir
in uns bergen, spielen. Und dann wieder rein in die Gewalthölle aus blendendem
Licht mit den Schritten des unsichtbaren Söldners und dem Geräusch des
repetierten Gewehrs der Kubanerin Tanja Bruguera oder der monumental
vergrößerten, überwältigenden Video-Games bester 3D-Qualität von Feng Mengbo,
die jeder gleich spielen möchte, bis das Blut nur so spritzt.
Endlich
verschnaufen, tosende Ruhe in einer der schönsten Arbeiten der Ausstellung, von
Igor und Svetlana Kopystiansky: „Flow“. Auf mehreren Leinwänden ringsum, im
Schaukeln und Strömen und Kreisen des Wassers, die Bewegungen von weißen
Müllbeuteln, die ihre Henkel-Ärmchen uns zustrecken, als wollten sie gerettet
werden, dann wieder wie Synchronschwimmer die Leiber bäumen zu den
unvorhersehbaren Gesetzen der Wellenbewegungen, alles durchrauscht von der
Melodie des fließenden Wassers.
Der F. d. K. hat dann in der Aue vor der Orangerie, rechts hinten, doch noch
was gefunden. Ein Schmuckstück von John Bock. Eine dieser Gerümpelszenarien,
Bastarde aus Beuys-Einzelhandelsstellagen und russischer
Armenhäuschen-Installation, die insgesamt etwas überhand nehmen. Aber Bock hat
in seinen privaten Flohmarkt noch ein paar Monitore eingebaut, wo er teils als
debiler Elvis fungiert, teils wahnwitzige makroökonomische Vorträge hält, mit
dem ganzen Gesangbuch neuer Ökonomie, und es ist gar kein Zweifel, dass es,
wenn solche Herrschaften weiter unser Schicksal bestimmen, bald überall
aussehen wird wie in der bockschen Bruchbude. Noch schöner aber ist sein
kleines Filmtheater, nebenan, in das man seinen Kopf von unten her stecken
muss, um einen ekelhaften Koch zu erleben, dessen Zumutungen sich die redlichen
Lebensmittel erwehren. Tapfere Makkaroni beginnen ihn zu attackieren wie wilde
Piranhas, Tomaten und Rippchen klatschen ihm um die Ohren, Ketchup tränkt die
nicht mehr weiße Weste, Eier nähern sich im Tiefflug und alle kämpfen sie gegen
das finale, gleichmacherische Zusammengerührt-Werden. Ein tiefes Sinnbild der
Beharrung im Kampf gegen den Globalisator wie gegen seine panisch gewordenen
Schmarotzer.