Rechtsruck in Westeuropa

 

Soziale und wirtschaftliche Hintergründe

 

Peter Lohauß

 

Die Wahl von rechten Regierungen und die populistischen Auswüchse in verschiedenen europäischen Ländern verweisen auf tiefer liegende Ursachen. Unser Autor findet sie in den Umbrüchen der Sozialverhältnisse in den Wohlfahrtsstaaten, auf die die traditionellen politischen Formationen wie Sozialdemokratie und Sozialisten nur unzureichend reagier(t)en. An der Bewältigung der neuen Unsicherheiten könnte sich aber auch eine Rechte schnell verheben.

 

Es ist noch nicht lange her, da sah die politische Landkarte in Europa ganz anders aus: Noch Anfang 1999 regierten Sozialdemokraten in 13 von 15 EU-Ländern – die Ausnahmen waren Spanien und Irland. Auch anderswo, etwa in Norwegen und in der Schweiz, gab die Farbe Rot den politischen Ton an. Heute hingegen finden Schröder und Blair allein im äußersten Norden und Süden Europas Bundesgenossen in Regierungsverantwortung: Außer in Deutschland und im Vereinigten Königreich regieren Sozialdemokraten nur noch in Schweden, Finnland und Griechenland.

Nun ist es in Demokratien normal, Regierungen auch wieder durch die Opposition abzulösen, insbesondere wenn sie lange regiert haben. Tatsächlich ist es in parlamentarischen Republiken sogar das wirksamste Mittel, um eingesessene Macht zu begrenzen, Korruption zu erschweren und neue Ideen voranzubringen – und niemand sollte sich heute noch der Illusion hingeben, linke Parteien seien für Machtmissbrauch weniger anfällig als konservative. Doch es wirft schon besondere Fragen auf, wenn regierende Sozialdemokraten und Sozialisten überall in Westeuropa innerhalb von drei Jahren Schlag auf Schlag nacheinander abgewählt werden.

Nun hat es in der Vergangenheit bereits mehrere Perioden gegeben, in denen jeweils eines der beiden großen politischen Lager in vielen Ländern Europas (und sogar den USA) gleichzeitig die Regierungen stellte: In den Siebzigerjahren löste die Linke die Konservativen ab, in den Achtzigern schwang das Pendel unter Reagan und Thatcher besonders weit nach rechts und Mitte der Neunziger gelangten fast überall wieder Sozialdemokraten und sogar gewendete Kommunisten unter dem Schlagwort des „Dritten Weges“ an die Macht. Sieht man jetzt näher auf die einzelnen Länder, dann lösen sich die großen Bewegungen auf in viele ganz besondere und kaum vergleichbare nationale Besonderheiten. Nur auf einer hohen Stufe der Verallgemeinerung kann man folgende materielle und politische Veränderungen beschreiben, die mehr oder weniger ausgeprägt in allen westeuropäischen Ländern in ähnlicher Weise abliefen: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde überall auf Basis hoher wirtschaftlicher Wachstumsraten allmählich der demokratische Wohlfahrtsstaat meist unter konservativer politischer Führung ausgebaut. Die Mehrheit der Wähler wollte Mitte/Ende der Sechzigerjahre ein höheres Maß an sozialer Gleichheit durchsetzen und brachte die Linke an die Regierungen. Schon die ersten Krisen des demokratischen Wohlfahrtsstaates Ende der Siebzigerjahre (immanente Verteilungskonflikte und Gerechtigkeitsfragen, Inflation, Finanzierungsprobleme des Sozialstaates) konnten die linken Regierungsparteien nicht lösen und die allgemein gewachsenen Ansprüche der Einzelnen an Freiheit und Selbstbestimmung verschafften neoliberal gestimmten Konservativen in den Achtzigern Rückenwind und größere Wahlerfolge. Die Ernüchterung über die zunehmenden sozialen Konflikte im Gefolge neokonservativer Politikstrategien begünstigte dann Mitte der Neunziger wieder die „neuen“ Sozialdemokraten.

Aber das Bild eines Pendels, das immerfort im Zehnjahresrhythmus zwischen Konservativen und Sozialdemokraten hin und her schwingt, führt in die Irre. Es wird schon durch die Beobachtung widerlegt, dass es nach 1999 nicht einfach die Konservativen waren, die den linken Parteien die Wähler wieder abspenstig gemacht haben, sondern dass rechtspopulistische Gruppierungen ihren Siegeszug antraten. Den Beginn machte im Jahr 2000 Haider in Österreich. Die damalige vehemente politische Abwehrreaktion einiger EU-Länder wirkt von heute aus gesehen sehr hilflos. Denn kurz darauf folgten in Italien das Versagen des Linksbündnisses, der Wiederaufstieg Berlusconis und die Beteiligung ehemaliger Neofaschisten unter Fini sowie der rechtspopulistischen Bewegung Bossis an der Regierung; dann in Norwegen die Abwahl der Sozialdemokraten und die Unterstützung der rechtspopulistischen Fortschrittspartei für die konservative Regierung; dann der Erfolg der Schill-Partei in Hamburg; ferner die Einbeziehung von Rechtspopulisten in die portugiesische Regierung; in Dänemark der Verlust der Mehrheit für die dänische Arbeiterpartei und der Aufstieg einer fremden- und europafeindlichen Partei; der Erfolg Le Pens und der Misserfolg Jospins im ersten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen und zuletzt der Sieg der rechtspopulistischen Partei des tragischerweise ermordeten Fortuyn in Holland.

Es zeigten sich immer ähnliche Konstellationen: Verluste von Sozialdemokraten und Sozialisten gingen mit dem Aufstieg rechtspopulistischer Parteien einher. Weil sich diese Kräfte von Kopenhagen bis Lissabon national und sozial geben, gewinnen sie auch Wähler aus dem linken Spektrum. Auch davon, dass sich die Programme der etablierten Parteien immer mehr gleichen, profitieren Populisten. Meist haben sie charismatische Anführer, die behaupten auszusprechen, was viele nur zu denken wagen. Ihre bevorzugten Themen sind Einwanderung, Kriminalität, Arbeitslosigkeit, die Sorge um den Erhalt des Wohlstands und zu hohe Steuern. Auch die Europäische Union ist vielen ein Dorn im Auge. Europafeindlichkeit und Globalisierungskritik scheinen oft für Wähler von links und rechts gleichermaßen attraktiv zu sein. Da die großen konservativen Parteien bei den Wahlen seit 1999 meist keine Einbußen erlitten, fielen ihnen die Regierungsübernahmen praktisch ohne großes eigenes Zutun wieder in den Schoß und bis auf Frankreich wurden überall – und auch das ist bemerkenswert neu – die Rechtspopulisten aus ihrer verpönten Schmuddelecke geholt und an den Regierungen beteiligt.

Auf der Suche nach den möglichen Motiven dieser Kehrtwende unter den vormals linken Wählern betrachten wir zunächst eine aktuelle, auf Befragungen beruhende Analyse der sozialen Milieus in den Neunzigern am Beispiel Deutschlands, fragen anschließend nach den Folgen der Globalisierung für die besonders frustrierten ehemals linken Wählergruppen und erst am Schluss wird ein Hauptthema des Rechtspopulismus kurz aufgegriffen: die verbreitete Fremdenfeindlichkeit und die Furcht vor Verbrechen.

 

Soziale Milieus und politische Lager in Deutschland

In den Neunzigerjahren haben sich nach neueren Ergebnissen der Sozialforschung die sozialen Milieus in Westdeutschland weiter modernisiert, ohne dass größere soziale Verschiebungen eingetreten sind.(1) Umfragen zeigten, dass in den gehobenen konservativen Milieus die vormals ständischen Färbungen weiter verblassten und mehr technokratisch-liberale Züge hervortraten. Das die Grünen begünstigende Alternativmilieu in Westdeutschland verschwand allmählich als sozialstatistisch nachweisbare abgegrenzte Gruppierung, an seiner Stelle erscheint möglicherweise ein mehr postmodernes Milieu. Die mittleren sozialen Milieus der Arbeitnehmer differenzierten sich stärker in solche, die am sozialen Fortschritt Anteil hatten und größere Gruppen des leistungsorientierten beziehungsweise kleinbürgerlichen Arbeitsnehmermilieus, die zunehmend unter sozialen Druck gerieten. Die traditionellen Arbeitermilieus schrumpften weiter, die unteren Schichten wuchsen leicht auf knapp über 10 Prozent der Bevölkerung. Mit nur wenigen Unterschieden sind diese sozialen Schichtungen und Milieus übrigens in den meisten westeuropäischen Ländern nachweisbar.

Die kleinbürgerlichen Arbeitnehmermilieus (ca. 20 % der Bevölkerung) gerieten in den Achtzigerjahren in eine Krise. Mit ihrem bescheidenen und zunehmend unsicher gewordenen Lebensstandard sahen sie sich von der Modernisierung der Wirtschaft und der Lebensstile abgehängt und in ihrer Pflichtreue wenig belohnt. Sie verarbeiteten dies vor allem in autoritären Ressentiments gegen alles Moderne und die Jugend, gegen Ausländer und auch gegen Politiker. Sie haben Angst, ihr Erworbenes mit anderen teilen zu müssen.

Die Milieus der facharbeiterischen Traditionslinie (ca. 30 %) gründen ihre Respektabilität im Unterschied zu jenen Milieus nicht auf Ein- und Unterordnung, sondern auf persönliche Autonomie, die erworben wird durch qualifizierte und eigenverantwortliche Arbeitsleistung, verbunden mit einer guten Ausbildung. Die große Mehrheit dieser Gruppe hat sich in der Geschichte der Bundesrepublik nach Qualifikation und Lebensstil erheblich modernisiert, ist aber dennoch äußerst unzufrieden mit den neuen sozialen Ungleichheiten. Viele fühlen sich um den Ertrag ihrer Leistung geprellt. „Der Ärger wird jedoch in der Regel nicht auf Ausländer und sozial Schwache gelenkt, sondern begründet tiefe Zweifel daran, dass in der Gesellschaft Leistung sich noch lohnt und die Mächtigen nicht bevorzugt werden. Die politische Enttäuschung führt in diesen Milieus nicht zurück zu autoritären Vorurteilen, sondern begründet eine tiefe Skepsis gegenüber Politikern und den großen linken und konservativen Ideologien.“ (Vester u. a. 2001, S. 97)

Von diesen sozialen Milieus sind die „politischen Lager“ zu unterscheiden, die sich nun nicht genau mit den Milieuabgrenzungen decken, aber jeweils deren typische soziale Grundkonstellationen ausdrücken. Die rapiden politischen Umbrüche nach 1999 gehen laut Vester unter anderen auf folgende drei politische Lager zurück, die in Bewegung geraten sind: Zunächst das Lager der „Enttäuschten Autoritären“ (ca. 27 %), zusammengesetzt aus traditionellen Arbeitnehmern mit einfacher oder geringer Fachqualifikation und eher autoritären Grundauffassungen. In diesen Milieus sind Arbeitsqualifikationen und soziale Zusammenhänge durch die Modernisierung überholt. Sie fühlen, dass die von ihnen anerkannten Autoritäten ihrer Fürsorgepflicht für sie nicht mehr genügen und entziehen ihnen deshalb ihre Loyalität. Im Alltagsleben verarbeiten sie diese Ausgrenzung autoritär, insbesondere mit Ressentiments gegen Ausländer und die moderne Jugend. Sie bevorzugten bisher die CDU und SPD. Ein Teil des Lagers äußert Sympathien für Rechtspopulismus.

Das zweite Lager ist das der “Skeptischen Distanz“ (ca. 18 %). Hier konzentrieren sich die moderneren Arbeitnehmer der mittleren Generation mit gutem Fachkönnen, Leistungswillen und Zusammenhalt. Ihr Vertrauen, dass in der demokratischen Wohlfahrtsgesellschaft Leistung durch Teilhabe belohnt wird – also ihre spezifische Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit – ist nachhaltig erschüttert worden. Diese Schichten wählten bislang überdurchschnittlich die SPD, sie neigen heute stärker zur Wahlenthaltung.

Das Lager der „Sozialintegrativen“ (ca. 13 %) umfasst als drittes der hier erwähnten die modernsten Teile der Arbeitnehmermilieus und der Eliten, die neuen und alten Bildungsmilieus in der linken und oberen Mitte des sozialen Raumes. Sie gehören nicht zu den Modernisierungsverlierern, sondern sehen ihre zentralen Werte der persönlichen Selbstbestimmung und der sozialen Rücksichtnahme verletzt. Ihre Kritik richtet sich daher vornehmlich gegen das, was sie als Arroganz der institutionellen Mächte und als Entmutigung der Solidarität und Mitbestimmung erleben. Sie wählten bislang überdurchschnittlich SPD und Grüne und auch bei ihnen nimmt die Neigung zur Wahlenthaltung zu.

Keines dieser Lager ist allein wegen ökonomischer Benachteiligung verdrossen. Sie beklagen eher neue Belastungen und Zumutungen gerade in den Überzeugungen und Werten, die sie bislang an das politische System der Bundesrepublik gebunden haben. Das interessante ist gerade, dass eben nicht die fast gleich großen politischen Lager der eher konservativen Wähler in Bewegung geraten sind, sondern diejenigen, die bisher eher der Linken zuneigten.

Die sozialen Milieus in Ostdeutschland haben demgegenüber ihre eigenen Ausprägungen. Für den beschriebenen Zusammenhang wirken jedoch die spezifisch ostdeutschen Prägungen sehr verstärkend: Die soziale Schichtung ist dort noch stärker durch Arbeiter und Arbeitslose bestimmt, die Erwerbsorientierung ist weiter verbreitet. Die Bindungen an politische Lager sind weit schwächer, die Wahlentscheidungen daher wechselhafter. Autoritäre, nationalistische und vor allem fremdenfeindliche Orientierungen sind wesentlich stärker verbreitet.(2) Die grundlegende historische Erfahrung westdeutscher Arbeitnehmer in der Bundesrepublik, durch Leistung auch im sozialen und politischen System akzeptiert und integriert zu werden, hat nur ein kleiner Teil der besonders mobilen Arbeitnehmer seit der Wende nachholen können. Gerade in den wirtschaftlich besonders rückständigen Randgebieten der ehemaligen DDR akzeptiert eine Mehrheit nicht das demokratische System der Bundesrepublik – fast jeder Dritte hängt rechtsradikalen Ideen an, etwas mehr noch bewahrten sich altsozialistisch-linksradikale Werte. Diese Haltungen bleiben auf der politischen Ebene gleichwohl weitgehend latent, insofern sie – vor allem auf der rechten Seite des politischen Spektrums – keinen Ausdruck in entsprechend hohen Wahlergebnissen von Parteien finden, die genau diese Orientierungen offen propagieren. Aber auch hierdurch wird die große Distanz breiter Schichten gegenüber der Politik und dem politischen System als Ganzem verstärkt.

Auch unter Rot-Grün verstärkte sich der Eindruck, dass große Teile der politischen Eliten den Kontakt mit den meisten Volksmilieus verloren haben. Die Hegemonie aller Parteien über die von ihr repräsentierten Milieus schwindet rapide. „Daher haben wir auch heute keine Krise der Milieus (als Folge des Wertewandels), sondern eine Krise der politischen Repräsentation (als Folge einer zunehmenden Distanz zwischen Eliten und Milieus)“ (Vester u. a., S. 104). Da der Kern der Frustration aber durchaus mit der Wahrnehmung sozialer Gerechtigkeit zu tun hat, trifft die linken Parteien der Vertrauensverlust stärker.

Für die übrigen westeuropäischen Länder liegen zwar keine so differenzierten vergleichenden Untersuchungen vor, doch gibt es eine Reihe von Hinweisen, dass zumindest einige Grundkonstellationen wiederum sehr ähnlich gelagert sind: Die eher traditionell und autoritär orientierten, bisher eher sozialdemokratisch eingestellten Arbeiter und kleinen Angestelltenmilieus fühlen sich von den Modernisierern des „Dritten Weges“ wenig verstanden und geraten in den Neunzigern eher an den Rand des Mainstreams. Die eher höher gebildeten und besser gestellten Angestellten und Facharbeiter werden „liberaler“ und entfremden sich einem politischen System, das ihren Werten von auf Leistung beruhender Partizipation immer weniger entspricht. Größere Wählerschichten geraten in den Neunzigerjahren in zunehmende Distanz zu den etablierten politischen Parteien, äußern Politikverdrossenheit, pflegen fremdenfeindliche Vorurteile und üben Kritik an der sozialen Gerechtigkeit. Auch die zunehmende Empfindlichkeit gegenüber Korruption, Unfähigkeit und tatsächlicher oder vermeintlicher ungerechtfertigter Bereicherung von Politikern scheint ein Ausdruck dieser Entwicklung zu sein. Von diesem Stimmungswandel werden die linken Parteien besonders betroffen, da sich auf sie in besonderem Maße die Hoffnungen derjenigen richten, für die die soziale Gerechtigkeit zu den wichtigsten politischen Anliegen gehören. Diese Konstellationen werden nun besonders virulent angesichts der politischen Arbeitsmarktstrategien in den Neunzigerjahren.

 

Globalisierung und Arbeitsmärkte im demokratischen Wohlfahrtsstaat

Die in allen westeuropäischen Ländern erfolgreich eingerichteten demokratischen Wohlfahrtsstaaten schufen einen so hohen Grad sozialer Absicherung der Arbeitnehmer, dass sie sich alle außenwirtschaftlich öffnen konnten – wozu für Westeuropa vor allem auch der europäische Binnenmarkt, die Währungsunion und die geplante Osterweiterung der EU gehören.(3) Die außenwirtschaftliche Liberalisierung und das Wirtschaftswachstum in der verflochtenen Weltwirtschaft der vergangenen Jahrzehnte führten allerdings zu mindestens zwei unerwünschten Nebenfolgen der Globalisierung: erstens, „dass niedrig qualifizierte Arbeit in den höher entwickelten Volkswirtschaften zum Teil durch den technischen Fortschritt nicht mehr benötigt und zum Teil vergleichsweise teurer wird“ (Rieger/Leibfried 2001, S. 54) und zweitens, dass „das Kapital ... nicht nur mobiler, sondern auch – in den heute allein relevanten globalen Größenordnungen – im Verhältnis zur Arbeit knapper“ wurde (ebd., S. 57).

In der Regel kann ein Land ohne außenwirtschaftliche Absicherungen nicht vom Export profitieren, ohne sich auch der verstärkten Konkurrenz aus Volkswirtschaften mit niedrigeren Arbeitskosten oder höherer Produktivität zu stellen: Kann sich eine Volkswirtschaft in der internationalen Konkurrenz nicht durchsetzen, droht entweder ein steiler Anstieg der Arbeitslosenrate oder eine Absatzkrise. Das ist ein Dilemma, das demokratische Wohlfahrtsstaaten mit hohen Arbeitskosten letztlich vor zwei unangenehme Alternativen stellt: Entweder wird das innergesellschaftliche Lohnniveau vor allem für die unteren Bereiche gesenkt, indem auf die eine oder andere Weise die das Lohnniveau absichernden sozialstaatlichen Regelungen modifiziert werden (wie Arbeitszeitregelungen, Flächentarif, Kündigungsschutz, Sozialpläne, Sozialhilfeniveau, Höhe des Arbeitslosengeldes, Lohnnebenkosten, Rentenalter u. a.) oder die bestehenden Lohnhöhen werden korporativ abgesichert mit der Folge einer hohen Arbeitslosigkeit unter den nicht mehr konkurrenzfähigen Arbeitnehmerschichten.

Zwischen Scylla und Charybdis gibt es freilich mehrere Wege, je nachdem, wie breit und auf wen die Lasten sozial verteilt werden: So nutzten die niederländischen Sozialdemokraten die damals noch vorhandene große Kompromissfähigkeit der sozialen Gruppen zur Senkung der gesellschaftlichen Arbeitskosten durch die massive Ausdehnung von Teilzeitarbeit (in erster Linie von Frauen) und Frühverrentungen, die französische Linksregierung suchte ihr Heil in einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich.

In Deutschland hingegen wurden die existierenden produktiven Arbeitsplätze mit hohem Lohnniveau abgesichert und die steigende Arbeitslosigkeit in Kauf genommen und sozialstaatlich abgefedert. Die Konkurrenzfähigkeit wurde durch eine forcierte Rationalisierung und Produktivitätssteigerung gesichert, was wiederum den Druck auf die Qualifikation der Arbeitnehmer enorm erhöhte. So wurden gerade in Deutschland besonders viele Arbeitnehmer der weniger fortschrittlichen Bereiche und mit entwerteten Qualifikationen aus dem Erwerbsleben abgeschoben und besonders viele einfache Jobs vollständig wegrationalisiert. Im internationalen Vergleich hat Deutschlands Industrie heute die höchsten Arbeitskosten je Arbeiterstunde, mit die geringsten Anteile unqualifizierter sowie älterer Arbeitnehmer und die höchsten Raten von Langzeitarbeitslosen. Bei der Transformation der ostdeutschen sozialistischen Planwirtschaft führte das Dogma der sofortigen weitgehenden Lohnangleichung an die vielfach produktivere Wirtschaft des Westens und die aus politischen Gründen absurd überhöhte Umtauschrelation der Ostmark in DM dazu, dass schlagartig zwei Drittel der industriellen Arbeitsplätze beseitigt wurden, die marktwirtschaftliche Investitionsrate bis heute gegen Null tendiert und Hunderte von Milliarden an unproduktiven Subventionen gezahlt werden, um die Angleichung des Niveaus des privaten Konsums zu gewährleisten. Hohe Arbeitslosigkeit und hoher subventionierter Konsum sind die beiden Seiten des sozialpolitischen Konsenses in Deutschlands.

Weder der niederländische noch der französische noch der deutsche Weg der Arbeitsmarktpolitik war geeignet, den Wählern aus dem linken Spektrum die von ihnen erwartete soziale Sicherheit zu geben: Die sozialen Kosten der Anpassungsstrategien in Form von Einkommensverlusten oder Arbeitslosigkeit trugen in allen Fällen die sozial schwächer gestellten Milieus, und die besser gestellten wurden dennoch von sozialen Ängsten bedrängt. Zu allem Überfluss wurden in Frankreich und besonders in Deutschland die sozialen Probleme trotzdem nicht geringer, im Gegenteil.

Vor diesem Hintergrund ist es interessant, dass in zwei Ländern die Arbeitslosenquoten erheblich gesenkt werden konnten, wobei ein wesentlich höheres Maß von sozialer Ungleichheit offenbar gesellschaftlich und politisch akzeptiert wurde: Der „Dritte Weg“ in Großbritannien führte zur massiven Senkung des Lohnniveaus durch Ausweitung des Niedriglohnsektors – die Arbeiterstunde in der Industrie kostet im internationalen Vergleich seiner Haupthandelspartner am wenigsten. Als „Nebenfolge“ hat das Vereinigte Königreich nun eine der höchsten Armutsraten in der EU. Auch in den USA werden ein ausgedehnter Niedriglohnsektor und sehr lange Jahresarbeitszeiten gesellschaftlich akzeptiert, wenn nur die Arbeitslosenraten klein gehalten werden können. Zusätzlich schützen die USA ihren Arbeitsmarkt vor internationaler Konkurrenz durch ausgedehnte protektionistische Maßnahmen und direkte „imperiale“ Interventionen und institutionelle Reglungen und Machtausübung (z. B. über IMF und WTO) (vgl. Rieger, Leibfried, S. 174 ff).

Hier soll nicht argumentiert werden, die Parteien könnten sich wie aus einem Baukasten aus den Maßnahmen anderer Länder einfach die erfolgreichsten Strategien aussuchen. Alle demokratischen Wohlfahrtsstaaten haben ihre je eigenen demokratisch abgesicherten und legitimierten Systeme sozialer Sicherung, und jedes dieser Systeme bewegt sich bei Herausforderungen in seine jeweils eigensinnige Richtung. „Der demokratische Wohlfahrtsstaat existiert nach wie vor als eine sozialpolitische Bedarfsdeckung national festgeschriebener Bedürfnisse und hat genau in diesem Versprechen seine Zukunft“ (ebd., S. 47).

Es geht mir um die These, dass alle Wege in ihrer Unterschiedlichkeit darin übereinstimmen, dass sie gerade die Klientel des linken politischen Spektrums besonderen Zumutungen aussetzen und es mangelte eben in vielen Fällen an dem politischen Vermögen der linken Parteien, diese Zumutungen in ein glaubhaftes Konzept der sozialen Sicherheit und Verbesserung einzubinden.

Verschärfend kam noch ein weiteres Problem der Globalisierung hinzu: Das rapide Wachstum der Weltbevölkerung und die weltweite Modernisierung machen das Kapital global knapp, die weitgehende Liberalisierung des Kapitalverkehrs durch die entwickelten Länder macht es extrem beweglich. Das erhöht seine Verhandlungsmacht und seinen politischen Einfluss. Bei der politischen Aushandlung der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums können die Finanz- und Kapitalinteressen immer erfolgreicher durchgesetzt werden: Die Unternehmenssteuern und die Steuern auf hohe Einkommen werden weltweit relativ gesenkt. Die wachsenden Ansprüche an den Wohlfahrtsstaat müssen hingegen immer stärker von den Arbeitnehmern selbst finanziert werden. Dabei verschärft die wachsende Inanspruchnahme sozialstaatlicher Leistungen die Finanzierungsprobleme, sodass zu allem Überfluss auch noch die sozialen Leistungen verschlechtert werden. Die bisherigen Balancen der Verteilungsgerechtigkeit geraten überall aus dem Gleichgewicht.

Natürlich erwägt keine der regierungsfähigen Parteien auch nur im Traum, zu den Konstellationen der Fünfziger- und Sechzigerjahre zurückzukehren: mit Kapitalverkehrskontrollen, mit hohen Steuern auf Vermögen und Kapital, mit geringerer sozialstaatlicher Absicherung, mit einem Reservoir billiger, schlecht ausgebildeter Arbeitskräfte. Sobald der demokratische Wohlfahrtsstaat die ganz überwiegende Mehrheit aller Menschen einschließt, kann er gar nicht anders, als Leistungsansprüche und Bürokratisierung immer weiter auszubauen. Jede Infragestellung von einmal gewährten Leistungen stellt die Loyalität der begünstigten Bevölkerungsgruppe in Frage und diese kann und wird sich bei den nächsten Wahlen melden. In Deutschland hat der demokratische Wechsel von Regierung und Opposition das Spiel nicht verändert, sondern wurde selbst dadurch geprägt: Die SPD-Opposition gewann die Wahl 1998 wesentlich deshalb, weil sie versprach, soziale Leistungskürzungen der CDU-FDP Regierung wieder rückgängig zu machen, heute verspricht die CDU verstärkte Subventionen für Ostdeutschland und für Familien sowie die Abschaffung der Ökosteuer, selbstverständlich unter Beibehaltung aller sonstigen Eigentums- und Leistungsansprüche. Die regierungsfähigen politischen Parteien rücken de facto in ihren sozialen und wirtschaftlichen Strategien alle in der Mitte des politischen Spektrums zusammen.

Die gegenwärtigen sozialökonomischen und politischen Grundkonstellationen in den westlichen Wohlfahrtsstaaten sind nicht allein von den anonymen Schattenseiten der Globalisierung oder von obskuren neoliberalen Feldzügen bestimmt. Die Bedingungen des ökonomisch-sozialen Erfolges der demokratischen Wohlfahrtsstaaten in der Globalisierung schlagen zurück: Die Teilhabe der Masseneinkommen an der weltweiten kapitalistischen Expansion ist nicht bruchlos mit dem gewünschten Maß an sozialer Sicherheit, Gleichheit und Arbeitsanstrengungen vereinbar. Die demokratischen Parteien sehen ihre Aufgabe zunächst darin, die Ansprüche ihrer Wähler nicht zu frustrieren und daher wirken ihre sozialökonomischen Programme wie ein Flickenteppich von weitgehend wirkungslosen Einzelmaßnahmen und leeren Versprechungen. Und schließlich sind die regierenden Parteien tatsächlich programmatisch immer näher beieinander, was den politischen Raum für scharf abgegrenzte Alternativen eröffnet.

 

Rechtspopulistische Potenziale und Erfolgsaussichten

Nach Untersuchungen des Emnid Meinungsforschungsinstitutes glauben heute 77 Prozent der Deutschen, aber nur 36 Prozent der Amerikaner, dass sich die führenden Personen nicht wirklich darum kümmern, wie es den kleinen Leuten geht – und wahrscheinlich könnte man ähnlich hohe Werte auch in all den Ländern finden, in denen Rechtspopulisten bei Wahlen gewonnen haben. Auf dem sozialökonomischen Feld liegen die Hauptgründe für die Frustration der Wähler, aber wieso erzielen Rechtspopulisten Erfolge mit einer Propaganda, die in erster Linie von Fremdenfeindlichkeit und Furcht vor Verbrechen handelt?

Ein ganz einfach zu erkennender, doch trotzdem meist wenig beachteter Grund liegt darin, dass ein wachsendes Wählerpotenzial strukturell immer älter wird und längst jenseits des Erwerbssystems steht. In der Regel ist deutlich mehr als ein Drittel der Wähler älter als 60 Jahre und jede diesbezügliche Studie zeigt, dass die Furcht vor Kriminalität mit dem Alter zunimmt und hierüber auch Ausländer in einem Bedrohungsszenario wahrgenommen werden.

Zum anderen gehört sozioökonomisch motivierte Fremdenfeindlichkeit mit Abstand zu den verbreitetsten Einstellungen, die zum rechten und rechtsextremen politischen Lager gehören – für Deutschland errechnen Niedermeyer und Stöss etwa einen Anteil von 26 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahren. Ausländerfeindlichkeit ist zum guten Teil kaschierter Sozialneid und die Botschaften der Rechtspopulisten zielen auf die inneren Wünsche nach Wiederherstellung der sozialen Würde für ihre Klientel. Dass das offizielle politische System hier oft noch Tabus beachtet, begünstigt die Rechtspopulisten: Sie schlagen angeblich wirksame Maßnahmen vor, wo die anderen Parteien zaghaft sind, schweigen oder versagen.

Die Frage, ob sich nun tatsächlich rechtspopulistische Parteien stabilisieren können und mittelfristig Einfluss auf die nationale Politik bekommen, lässt sich nicht aus theoretischen Erwägungen allgemein beantworten, sondern nur aus den jeweils besonderen Umständen der Länder und der politischen Formationen, ja bis hin zu den einzelnen, persönlichen ihrer Anführer. In Deutschland ist der Versuch gescheitert, die FDP in eine rechtspopulistische Richtung zu öffnen, so wie es Haider mit der FPÖ gelang. Allgemein scheinen die Aussichten auf dauerhafte und stabile rechtspopulistische Formationen nicht besonders groß zu sein: Auch hinter ihnen steht kein einheitliches Milieu mehr, genauso wenig wie bei den übrigen Parteien bauen sich dauerhafte Massenloyalitäten auf. Ein Bündnis von Modernisierungsverlierern und Wohlstandschauvinisten hat viele innere Widersprüche und wenig gemeinsame Werte und Interessen, zudem sind die betont autoritären Züge der rechtspopulistischen Kernklientel für die Mehrheit der Gesellschaft heute nicht mehr attraktiv. Am wichtigsten scheint mir aber zu sein, dass jede Regierungsbeteiligung in einem demokratischen Wohlfahrtsstaat der EU eine populistische Partei vor einen im Prinzip schwer lösbaren Konflikt zwischen ihren demagogischen Parolen und den faktischen Ergebnissen der Regierungspolitik stellt. Da sie ihre Klientel in erster Linie mit falschen Vereinfachungen und extremistischen Zuspitzungen an sich gebunden haben, frustrieren sie die Erwartungen gerade ihrer Protestwähler, wenn sie an der Regierung in die langsamen Mühlen der Kompromisse eingebunden werden. Gerade weil bis auf Frankreich nunmehr in allen Ländern, die seit 1999 gewählt haben, Rechtspopulisten in die Regierungen geholt wurden, halte ich es für wahrscheinlicher, dass sie sich teils in bürgerliche Parteien des rechten Spektrums verwandeln, andernteils bei den nächsten Wahlen aus der Regierungsbeteiligung wieder abgewählt werden.

So bleibt als Hinterlassenschaft des sozialdemokratischen „Dritten Weges“ in den Neunzigerjahren eine tiefe Verunsicherung und Frustration bei Teilen der Wählerschaft, die sich, soweit nicht dauerhaft resigniert, in Zukunft wohl für die unterschiedlichsten politischen Formationen kurzfristig mobilisieren lässt.

 

1

Alle folgenden Angaben beruhen auf Michael Vester, Peter von Oertzen, Heiko Geiling, Thomas Hermann und Dagmar Müller: Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001.

2

Hierzu die Untersuchungen von Oskar Niedermeyer und Richard Stöss, zum Beispiel „Rechtsextremismus, politische Unzufriedenheit und das Wählerpotenzial rechtsextremer Parteien in der Bundesrepublik“ im Frühsommer 1998 sowie neuere Daten im Tagesspiegel vom 25.7.02.

3

Die folgende Argumentation folgt im Wesentlichen Elmar Rieger und Stephan Leibfried: Grundlagen der Globalisierung – Perspektiven des Wohlfahrtsstaates, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001.