Anlässlich des Erscheinens seines neuen Buches Dostoievski à Manhattan
sprach unser Autor mit André Glucksmann über entleerte politische
Auseinandersetzungen, die der Rechten in die Hände spielen und das
Voranschreiten nihilistischer Politik begünstigen – in den westlichen
Demokratien ebenso wie etwa in Russland. Eine Doppelmoral aber, die das Leiden
der Palästinenser beschwört, den Schrecken der Tschetschenen aber vergesse,
mache nicht nur den Kampf gegen den Terrorismus unglaubwürdig, sie führe
geradezu in einen „zweiten Nihilismus“.
Marko Martin: Monsieur Glucksmann, in einem Spiegel-Interview haben
Sie kürzlich gesagt, dass der Sieg Jacques Chiracs bei den
Präsidentschaftswahlen im Mai der Beweis sei, dass man Wahlen auch gewinnen
könne, ohne an demokratischen Prinzipien und den Menschenrechten zu rütteln.
Ist das nicht angesichts all der chiracschen Affären ein ziemlicher
Euphemismus?
André Glucksmann: Nun, Korruption existiert überall. Auch in unseren
Demokratien, wo man allerdings – im Unterschied zu Diktaturen – darüber
sprechen kann und durch diese Möglichkeit zur Kritik auch die Chance besitzt,
substanziell etwas zu verändern. Gewiss, Jacques Chirac hat Vergünstigungen
angenommen und undurchsichtige Transaktionen unterstützt. Was aber ist mit
seinem ehemaligen Herausforderer Lionel Jospin? Während der Zeit Mitterands –
einer Epoche geradezu institutionalisierter Korruption – trug er Verantwortung
in der Sozialistischen Partei; wer soll da glauben, dass er nie etwas von den
Machenschaften seines Chefs mitbekommen hat. Wenn man schon von „schwarzen
Schafen“ spricht, sollte man ehrlich genug sein, diese „Schafe“ nicht nur bei
den demokratischen Rechtsparteien, sondern auch bei der demokratischen Linken
zu suchen. Jospin hatte seinen Wahlkampf auf die Aussage reduziert, Chirac sei
ein Dieb. Dieses Null-Niveau der politischen Auseinandersetzung hat sich
schließlich im Fiasko der Sozialisten gerächt.
Wobei die Frage ja erlaubt sein muss, ob Chirac nicht wirklich ein Dieb
ist, der in einem Land mit einem etwas anderem Staatsverständnis schon längst
seinen Posten verloren hätte. Den Le-Pen-Wählern konzidieren Sie „einen
bewussten Willen zum Bruch um jeden Preis“, eine Haltung, die sich nicht um
Reformen bekümmert, sondern die „totale Ablehnung“ favorisiert. Wo aber gibt es
denn in Frankreich, einer Republik mit dem partiellen Gehabe eines
Feudalstaates und einer politisch größtenteils immobilen Klasse, wirklich Reformen? Man erinnere
sich nur an Raymond Arons resignativen Satz, nach welchem man in Frankreich
zwar die Revolution liebe, Reformen aber verachte. Verursacht so etwas nicht
Frustration? Jedenfalls scheint es nur schwer vorstellbar, dass alle, die
diesmal Le Pen gewählt haben, eingefleischte Nihilisten mit dem Hang zur
Selbstzerstörung sind.
Ich
warne davor, das Votum für Extremisten stets mit einer Unzufriedenheit in der
Bevölkerung erklären zu wollen. Nicht nur die fünf Millionen Le-Pen-Wähler oder
die Unterstützer der Trotzkisten sind unzufrieden, unzählige andere Menschen
sind es auch. Nur haben die eben nicht extrem gewählt.
Es
gibt hier also keinen Automatismus. Außerdem: Le Pen hat weder beim ersten noch
beim zweiten Wahlgang nennenswert zugelegt; sein Wählerpotential blieb im
Großen und Ganzen gleich. Nur aufgrund der gespaltenen Voten auf der Linken,
aber auch bei den Konservativen, konnte er überhaupt zum Herausforderer Chiracs
werden. Das ist das entscheidende Problem, diese breite Unzufriedenheit
mit den etablierten demokratischen Parteien. Le Pen hat damit nur sekundär
etwas zu tun, seine Kamikaze-Anhänger waren schon in der Vergangenheit präsent
und werden es leider wohl auch weiter sein. Wichtig ist, wie und ob die
demokratischen Parteien auf die Herausforderungen unserer Zeit reagieren und ob
sie den Mut besitzen, Pogramme anstatt nur Sprechblasen zu produzieren. Ein
Hauptthema bei den Wahlen war das Thema der Unsicherheit, das meiner Meinung
nach allerdings viel zu eng gefasst wurde – ganz so, als wüsste nicht jeder
Fernsehzuschauer, wie dramatisch AIDS in Afrika zunimmt, sich zwischen Indien
und Pakistan ein Nuklearkonflikt anbahnt, die islamistische Gefahr noch lange
nicht gebannt ist et cetera. Je weniger die Politik über diese neue Art planetarischer
Unsicherheit eingeht, desto einfacher ist es, lokale Sündenböcke zu finden und
Hysterie zu schüren.
Ich wäre mir nicht ganz so sicher, ob es sich hier – zum Beispiel was
die Situation in den Vorstädten betrifft – nur um „geschürte Hysterie“ handelt.
Ist Ihre Generation – und ich meine damit die Nouveaux Philosophes,
die in den Siebzigerjahren die Dominanz der marxistischen Ideologie aufbrauchen
– nicht in Gefahr, das soziale Sein der Bevölkerung zugunsten der Reflexion
über ein politisches Bewusstsein ein wenig aus dem Auge zu verlieren?
Zugespitzt gesagt: Dort, wo früher die Marxisten das Materielle, die soziale
Basis überschätzten, unterschätzen es die Anti-Marxisten. – Kann
es nicht sein, dass es in einer Demokratie auch genug Schlimmes gibt, das nicht
in dem Rahmen Totalitarismus versus Antitotalitarismus passt, nicht einmal eine
der traditionellen Menschenrechtsverletzungen darstellt und dennoch große
Gefahren birgt?
Die
Kampfsituation, die Sie beschreiben, ist seit langem vorbei, außerdem gibt es
keine geistige Hegemonie der Noveaux Philosophes.Wohl aber existiert die
Tradition, dass französische Intellektuelle – natürlich nicht alle, sondern nur
eine wache Minderheit – über den nationalen Tellerrand hinausschauen und zu
analysieren versuchen, was sich jenseits der Grenzen tut. Kroatien, Bosnien,
Kosovo – die Debatten dazu sind bekannt. Heute sitzt Milosevic endlich als
inhaftierter Kriegsverbrecher in Den Haag, anstatt weiter als Garant einer so
genannten französisch-serbischen Achse gehätschelt zu werden. Leute wie ich
haben die proserbische Politik Mitterands damals ebenso kritisiert wie die
französische Komplizenschaft am Massaker in Ruanda 1994. Heute nun geht es
darum, Europa daran zu erinnern, dass Vladmir Putin permanent Verbrechen gegen
das tschetschenische Volk verübt. Um jedoch auf Ihre Frage zurückzukommen ...
Wenn ich Sie richtig verstehe, lautet die Kritik, dass man bei all diesem
Engagement die innergesellschaftlichen Brüche und Probleme vernachlässigt.
So habe ich es gemeint.
Nun,
ich glaube, dass ich mich immer auch um diese Themen gekümmert habe, gerade im
Kampf gegen Le Pen und den Rassismus. Und was die Arbeitslosigkeit und die
Immigration betrifft – das sind gewiss Probleme, die jedoch nicht alles
determinieren. Wie sonst wäre es zu erklären, dass die meisten Le-Pen-Wähler
aus Gegenden stammen, wo entweder die Arbeitslosigkeit oder die Zahl der
Einwanderer ganz gering ist? Ein Beispiel aus Deutschland: Nicht in Frankfurt
am Main mit seinen 15 Prozent Ausländeranteil gibt es rassistische Übergriffe,
sondern in Ostdeutschland, wo es nicht einmal 1 Prozent Ausländer gibt. Das
Problem betrifft also nicht nur Frankreich, es ist grenzüberschreitend, auch
wenn das bislang keiner unserer nationalen Politiker wahrzunehmen scheint. So
war es auch kein Zufall, dass bei den Wahlen in Frankreich viele Themen, die
uns direkt betreffen, einfach ausgespart blieben: Die Nachwirkungen des 11.
September, der Islamismus, der Nahost-Konflikt, die neue Rolle der Atommacht
... Niemand spricht darüber – außer eben Extremisten wie Le Pen, die einfache
Antworten anbieten und Feindbilder produzieren. Würde sich unsere europäische
politische Klasse wirklich auf die Realität einlassen, hätten solche
Simplifizierungen auch weniger Chancen. Denn natürlich sind die Menschen, die
Wähler verunsichert: Wenn Manhattan explodiert, ist das eine Revolution, die
auch uns in Paris oder Berlin betrifft. Da hilft es nicht weiter, von den guten
alten Zeiten oder von einer Gesellschaft zu träumen, deren Grenzen weniger durchlässig
sind. Denn all diese idyllischen Regressions-Wünsche sind illusionär: Die
Deutschen können nicht mehr überschaubar leben wie einst die Germanen, für die
Schweiz gibt es kein Zurück in die Zeit eines Wilhelm Tell und das Frankreich
der stolzen autochthonen Stämme ist auch passé. Nebenbei bemerkt votiert auch
die Mehrheit der Bretonen nicht für ihren „Stammesbruder“ Le Pen. Aus
diesen Gründen habe ich die extremistischen Voten als nihilistisch bezeichnet;
denn selbst diese Leute glauben ja nicht mehr daran, dass ihre homogenen
Politik-Programme jemals Realität werden könnten; auch sie wissen, dass der Weg
zurück in die Vergangenheit versperrt ist. Auch wenn die europäischen Eliten
bis jetzt die Augen davor verschließen: Es gibt einen Zusammenhang zwischen
nationalem und internationalem Geschehen. Milosevic war eben nicht nur ein
Massenmörder, sondern lange Zeit eine dominierende Regionalkraft in Europa,
gegen die Intellektuelle wie ich genauso protestiert haben wie jetzt gegen das
Putin-Regime, das von der politischen Klasse ebenfalls sträflich unterschätzt
wird. Während Sarajewo „nur“ beschossen wurde, hat man Grosny völlig dem
Erdboden gleichgemacht – ein seit der Zerstörung Warschaus durch die Wehrmacht
einmaliges Kriegsverbrechen auf europäischem Boden.
Wir werden auf das Thema Russland gleich noch einmal zurückkommen. Doch
ich möchte noch einmal auf meine Frage zurückkommen: Glauben Sie nicht, dass
die Mehrheit der westeuropäischen Bevölkerung sich eher Gedanken darüber macht,
ob die Arbeitslosigkeit ansteigt, ob die Renten –und Sozialversicherungssysteme
stabil bleiben, ob der Sozialstaat weiter handlungsfähig ist, die Steuern
steigen et cetera? Man kann dies bedauern und als Egoismus schelten, gleichwohl
scheint es mir eine Tatsache zu sein. Wenn es in der Bibel heißt, man lebe
nicht vom Brot allein, so könnte man vielleicht auch sagen, das Alltagsleben
definiert sich nicht nur durch den Kampf gegen Diktaturen.
Das
kommt darauf an. Ich glaube eben, dass es dem Durchschnittsbürger sehr wohl zu
vermitteln ist, dass seine und die Zukunft seiner Kinder weniger von den
Beitragssätzen der Krankenkassen im Jahr 2010 abhängt als von der Position, die
etwa der Islamismus oder Russland in den kommenden Jahren in Europa einnehmen
wird. Es ist außerdem intellektuelle Arroganz, den so genannten „Massen“ ein
Bewusstsein für diese politischen Konstellationen abzusprechen. Angesichts der
Bilder von den Massakern in Bosnien und im Kosovo war zum Beispiel die Mehrheit
der Franzosen ganz klar für ein militärisches Eingreifen – und dies im
Gegensatz zu den Pseudo-Pragmatikern der politischen Klasse. Auch im Fall
Tschetschenien ist der normale Zeitungsleser oder Fernsehzuschauer viel wacher,
als man annehmen könnte; er fragt sich nämlich, ob man unbedingt europäische Wirtschaftshilfe
für ein Regime leisten muss, das solche Taten begeht.
In Ihrem neuen Buch Dostoievski à Manhattan beschreiben Sie nicht nur den
islamischen, sondern auch den russischen Nihilismus. Lässt sich dies wirklich
vergleichen? Gehorcht die kriminelle Energie, Grosny auszuradieren, nicht auf
perverse Weise dennoch realistischen Parametern, nämlich der Konzeption eines
starken, imperialen Russlands?
Ich
beurteile den Nihilismus nach seinen praktischen Ergebnissen. Die Wahrheit der
Absichten enthüllt sich in den Taten, sagt Hegel, und in diesem Sinne bin ich
durchaus Hegelianer. Der militärische Nihilismus will alles zerstören, was in
seine Reichweite gerät – die Resultate lassen sich in Manhattan ebenso wie in
Grosny besichtigen. Die Opfer von Manhattan stammten aus insgesamt sechzig
Nationen – im Unterschied zu der törichten Auslassung von Günter Grass, der
verkündete, man trauere nur deshalb um die Toten, weil sie weiße Amerikaner
seien – sie waren Schwarze und Weiße, Amerikaner und Chinesen, Christen, Juden
und Muslime, Arme und Reiche, Männer und Frauen. In Grosny das Gleiche:
Natürlich weniger Chinesen, aber immerhin bestand die Hälfte der Bevölkerung
aus Russen; mittellosen Russen, die nicht das Geld hatten, die Stadt zu
verlassen. Auch sie brachte man um, und genau dieser totale Krieg gegen
Zivilisten ist ein Charakteristikum des Nihilismus – gleichgültig, ob er von
nichtstaatlichen Gruppen wie Al Qaida, der algerischen GIA oder von der
russischen Armee ausgeübt wird. Auch ganze Staaten können von diesem Virus
befallen werden, wie in jüngster Zeit etwa Liberia. Erinnern wir uns daran, was
unser gemeinsamer Freund, der deutsche Schriftsteller Hans Christoph Buch, dort
erlebt hat: Als er einen der Kindersoldaten mit der Kalaschnikow traf und das
Kind fragte, ob es nicht fürchte, mit diesen Waffe versehentlich auch jemand
aus seiner eigenen Familie zu töten, erhielt er zur Antwort: „Why not?“ Dieses Why
not höre ich ebenso bei Bin Laden
wie bei den Freischärlern in Sierra Leone, die Zivilisten Arme und Beine
abhacken, ich höre es bei Putin ebenso wie bei jenem deutschen Schüler, der
dieses Blutbad in Erfurt anrichtete, oder dem Mörder des holländischen
Politikers Pim Fortuyn: „Why not?“
Man
kann dieses Phänomen also nicht allein auf den Islamismus reduzieren.
Nach dem 11. September haben in Europa und den USA vor allem
konservative Kommentatoren die Hilflosigkeit der westlichen Gesellschaften mit
einer Menge Dinge erklärt, die doch eigentlich den Charakter dieser westlichen
Gesellschaften ausmachen. Nun hieß es plötzlich, man sei zu individualistisch
geworden, zu permissiv, zu ironisch, schaue zu viel Fernsehen, und wieder
einmal schienen die Achtundsechziger an allem schuld ...
Auf
der Liste der Verantwortlichen fehlen die Flugzeug-Konstrukteure, denn ohne
ihre Maschinen hätte es natürlich auch keine Flugzeugentführungen und
Hochhaus-Crashs gegeben. Hätte Christoph Kolumbus Amerika nicht entdeckt,
hätten saudiarabische Terroristen auch nicht Manhattan attackieren können. Und
was die Permissivität betrifft, so wäre natürlich alles einfacher, gebe es
keine Männer und Frauen mit ihren Wünschen und Phantasien. All das stimmt und
es erklärt überhaupt nichts. Der Rückzug in heile Welten, in das Europa des
Jahres 1900 ist ein für alle Mal versperrt, und vielleicht ist das auch gut so,
wenn man bedenkt, welches Ausmaß an Illusionen und Unwissenheit vierzehn Jahre
später den Ersten Weltkrieg möglich machten. Seitdem haben wir wenigstens ein
Bewusstsein unserer eigenen Fehlbarkeit, eine Ahnung von den Dämonen, die unter
dem dünnen Firnis der Zivilisation lauern. Inzwischen musste man die Entdeckung
machen, dass selbst der Glaube an Gott keine ausreichende Barriere für
destruktives Handeln darstellt, ja dass der Glaube oftmals erst den Vorwand
liefert, um andere zu vernichten.
Glauben Sie, dass im gegenwärtigen Kampf gegen den Terror das notwendige
Element des Militärischen nicht zu absolut gesetzt wird, dass sich eine ganze
eigene Logik der Allianzen ergibt, die – wie im Falle Putins, wie bei zahllosen
Dritte-Welt-Potentaten – all die Werte fragwürdig werden lässt, für die man
doch zu kämpfen vorgibt? Ist dies nicht, nach den für die Menschenrechte
sensibleren Clinton- und Madeleine-Albright-Jahren, die Rückkehr jenes
Teddy-Roosevelt-Satzes: „He’s a son of a bitch, but he’s our son of a bitch.“
Aus
diesem Grund habe ich ja mein Buch geschrieben. Man braucht sich ja nur dieses
Foto anzusehen, das George Bush zusammen mit Putin und dem chinesischen
Premierminister breit lächelnd und in klassisch chinesischer Tracht zeigt, um
das Desaster zu ahnen. Soll so etwa die Allianz der Terrorismus-Gegner
aussehen? China, das bis heute die Menschen in Tibet unterdrückt, unterhält
beste Verhältnisse zu Nordkorea, dessen Regime immerhin drei Millionen Menschen
in den Hungertod getrieben hat, es kauft Erdöl aus dem Irak, verkauft Waffen in
den Iran – um von Putins Russland ganz zu schweigen. Manche Zweckgemeinschaft
mag auf kurze Zeit nützlich sein, man sollte sich jedoch hüten, sie zu
idealisieren. Vielleicht ist das der Nachhall der alten Vorstellung, nach der
ein Staat immer Recht hat. Vorher war es – auf der Linken – das Volk und – auf
der Rechten – die Rasse, die angeblich niemals fehlen, die immer ein
untrügliches Gespür für das Richtige haben würden. Davon hat man sich inzwischen
verabschiedet. Bleiben noch die Reste der Illusion, Staaten – oder besser noch:
die ominösen „Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft“ – würden
schon alles zum Guten wenden. Aber so wie es den Nihilismus der so genannten
kleinen Leute gibt, die hinter jeder noch so wahnwitzigen Idee hinterherlaufen
und sich bereitwillig opfern, so gibt es auch den nihilistischen Impuls der
Staaten, sich selbst zu massakrieren: 1914 ist nur ein Beispiel dafür.
Inzwischen wird noch ein zusätzliches Heilmittel, das neueste im Pogramm,
feilgeboten: der Markt; die unsichtbare Hand des freien Geld- und
Warenverkehrs, die alles richten wird. Tatsächlich? Sieht man sich an, wie
Terroristen-Organisationen ihr Geld waschen und in Unternehmen investieren, um
anschließend sich und andere in die Luft zu sprengen, wird klar, dass auch der
Markt gegen den Nihilismus nicht immun ist: Bin Laden ist ein außerordentlich
reicher Mann. So wie es keinen gesunden Menschenverstand gibt, der automatisch
und kollektiv funktioniert, so wie auch Staaten nicht immer rational handeln
und ihre Bewohner schützen, so ist auch der Markt etwas, das nicht per se
konstruktiv agiert. Wenn die Revolution ihre Kinder frisst, kann auch der
ungehemmte Markt den freien Markt fressen.
Was
man den Amerikanern auch vorwerfen mag – ich glaube, dass sie wenigstens eine
erste Ahnung davon haben, wie brüchig alles ist. Ich erinnere mich an
Bushs Satz, den ich für den wichtigsten Satz halte, den jemals ein
amerikanischer Präsident gesprochen hat: „Time is not on our side.“ Und das vom
ersten Mann in „God’s own country“, der Heimstatt des Optimismus! Dieser Satz,
hinter dem hoffentlich auch eine Überlegung steht, bricht mit allen bisherigen
Gewissheiten Amerikas – er ist revolutionär und der neuen Lage wahrlich angemessen.
Nein, die Zeit ist tatsächlich nicht auf unserer Seite, unsere offenen
Gesellschaften sind fragil und verwundbar. Es gibt ein gigantisches
Destruktionspotential, das weder regional noch religiös eingegrenzt werden
kann, dem wir uns jedoch stellen müssen. Ich habe das vor vielen Jahren einmal
als „Elftes Gebot“ bezeichnet: Nichts Unmenschliches sei dir fremd. Praktische
Humanität muss aus der Erkenntnis und dem Erschrecken vor dem Bösen kommen,
ansonsten ist sie nichts als eine Pille zur Selbstberuhigung.
Gleichzeitig
steht eine Neuinterpretation staatlicher Macht an: Der Staat als absoluter
Garant der Stärke und der Wohlfahrt ist ebenso verschwunden wie das
Gleichgewicht der Abschreckung, jene Regeln, die wir noch aus dem Kalten Krieg
kennen. Aus diesem Grund halte ich den 11. September 2001 für ebenso
entscheidend wie den Tag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima; die Fähigkeit zur
radikalen Destruktion hat sich sozusagen „demokratisiert“ und globalisiert. Ein
wenig Geld, ein paar gekaperte Flugzeuge – und ein Staat ist bis ins Mark
getroffen. Wie man mit den Mitteln des Negativen sogar auf diplomatischer Ebene
reüssieren kann, zeigt das Beispiel Putin. Beim G-7-Gipfel als zukünftige
Nummer 8 aufgenommen und mit Krediten überschüttet, konnte der russische
Präsident sehen, dass nicht etwa wirtschaftliches Wachstum oder gar
Demokratisierung die Taschen des Westens öffnet, sondern die pure Angst,
Russland könne schaden. Im Unterschied zu Singapur ist Russland ein
ökonomischer Zwerg – aber eben ein Riese mit einem gewaltigen Militär- und
Rohstoffpotenzial, der ruhig gehalten, will heißen: finanziell gehätschelt
werden muss. Putins zynische Rechnung ist also aufgegangen – Destruktivität
rechnet sich – und die russische Mafia und die Banken auf Zypern können jubeln.
Im Gegensatz zu den Amerikanern sind die naiven Europäer jedoch noch weit davon
entfernt, diesen Realitäten wirklich ins Auge zu sehen. Leider werden die
internationalen Beziehungen mehr und mehr davon geprägt sein, wie stark man den
anderen stören und erpressen kann.
In Ihrem Buch bezeichnen Sie diese Blindheit als „zweiten Nihilismus“,
da er den ersten leugnet, relativiert und somit zusätzlich stärkt. Nun gibt es
seit geraumer Zeit eine Antiglobalisierungs-Bewegung, die zur Erklärung des
Terrorismus wie auch immer geartete soziale Ungerechtigkeiten ins Feld führt.
Jenseits dieser Naivität werden jedoch auch richtige Fragen, den sozialen
Zustand unserer Welt betreffend, gestellt – so etwa, wenn man darauf hinweist,
dass die europäischen Subventionen, um die einheimischen Märkte zu schützen, um
ein Vielfaches die Entwicklungshilfe-Almosen übersteigen, die man in die Dritte
Welt liefert. Ist solch eine legitime Empörung, die vor allem von jungen Leuten
artikuliert wird, wirklich nur antiwestliche Provokationslust?
Diese
Kritik ist wichtig, aber es ist auch notwendig, dass die Kritiker immer wieder
ihre eigenen Prämissen hinterfragen, anstatt in Selbstgerechtigkeit
abzudriften. Da sehe ich etwa bei Gruppen wie Attac ein großes Manko.
Natürlich hat es immer Leute gegeben, die mit den besten Intentionen ...
Die meine ich nicht. Ich spreche nicht von schwärmerischen Idealisten,
die die Welt retten wollen. Ich spreche von Leuten, die sich ganz konkret
engagieren, etwa für die Gewerkschaft der Landlosen in Boliven und unzählige
andere demokratische Projekte, die der öffentliche Diskurs ansonsten nicht
wahrnimmt.
D’accord.
Aber vielfach geht das unter im Chor der Selbstgerechten, deren
Solidaritätsvermögen übrigens ziemlich limitiert ist. Warum findet man für den
Völkermord in Tschetschenien keine Worte, ist aber sehr stark darin, die –
zugegebenermaßen fragwürdige – Umweltpolitik der amerikanischen Regierung zu
kritisieren? Ich frage mich, wo da das Gefühl für die Proportionen ist.
Auch
wenn es etwas harsch klingt: Die Finanzkrise in Buenos Aires ist marginal
gegenüber den Verbrechen, Folterungen und Vergewaltigungen, die, hinter dem
Rücken der Weltöffentlichkeit, in Grosny verübt werden. Das stellt sogar das,
was 1999 im Kosovo geschah, in den Schatten. Warum also rührt das Schicksal der
Muslime in Palästina, aber nicht das Leiden der Muslime in Tschetschenien, von
der Blindheit unserer Demonstranten des Jahres 1995 ganz zu schweigen, als in
Bosnien das Massaker von Srebrenica stattfand? Ich nehme mir die Freiheit, dies
als Heuchelei zu bezeichnen. Die Eindeutigkeit der Feindbilder erinnert mich an
die indischen Nationalisten des Jahres 1940, die nicht Hitler, sondern den
englischen Kolonialismus für das Hauptproblem der Epoche hielten oder an jene
französischen Trotzkisten, die das „kapitalistische Frankreich“ nicht gegen die
Wehrmacht verteidigen wollten, da diese doch aus deutschen Proletariern
bestand.
Die
gesamte Kritik der Globalisierungsgegner geht von der Voraussetzung aus, dass
erstens die Ökonomie beziehungsweise die Technik alles erklärt und zweitens
Amerika die ganze Welt beherrscht, folglich auch für alles verantwortlich ist.
Dieses verschwörungstheoretische, manichäische Denken ist ein Mix aus Marx,
Heidegger und Adorno, alles verquirlt und halb verdaut. Deshalb attackiert Attac
auch niemals Putin und findet keine andere Erklärung für den Horror in Liberia
als den Westen oder das Kapital, das als böser Demiurg angeblich hinter allem
steckt. Nach dieser Logik erklären ökonomische Fakten alles und die Tobin-Steuer
ist das beste Mittel im Kampf gegen den Terrorismus. Diese Blindheit erinnert
an die idealistischen Philosophen des 19. Jahrhunderts, während die Vorstellung
amerikanischer Omnipräsenz auch schon bei Hitler und Stalin zu finden war, ganz
zu schweigen von simplen Amerikanern selbst, die sich in nationalem Größenwahn
sonnen. Die angeblichen Gegner erweisen sich hier wieder einmal als
Spiegelbilder, doch mit politischer Analyse hat all dieses Vermuten und
Überschätzen gewiss nichts zu tun. Sowohl der Ökonomismus von Davos – es lebe
der Erfolg unserer großen Unternehmen – wie auch der andere Ökonomismus von
Porto Alegre – ein Hoch unserem kapitalismuskritischem Kampf – verkennt die
wahre Problemstellung nach dem 11. September. Beide Lager glauben, mit Geld sei
alles zu regeln, und ignorieren den politischen Rahmen. Nehmen wir nur einmal
das Thema Entschuldung. Warum sollten Diktatoren schuldenfrei gemacht werden,
damit sie weiter in Saus und Braus leben und ihre Gegner umbringen können?
Etwas völlig anderes ist das bei Ländern, die auf dem Weg der Demokratie sind
und bitter unsere Unterstützung benötigen...
Wie zum Beispiel Mali.
Genau.
Hier muss die Trennlinie verlaufen und nicht zwischen „reichem Norden
und armem Süden“, wobei Ersterer angeblich immer schuldig und Letzterer stets
ein Opfer ist. Die Vereinigten Staaten haben Russland wirtschaftlich
liberalisiert, mit Krediten versorgt und was ist das Resultat? Das Land ist
nicht etwa demokratischer geworden, sondern im festen Griff von alter Nomenklatura
und neuer Mafia.
Paradoxerweise
hilft es, ein Bewusstsein von der Existenz des Bösen zu besitzen – es schärft
nämlich auch den Blick und die Empathie für all die Menschen in der Welt, die
sich diesem Bösen wiedersetzen und für Demokratie und Menschenrechte kämpfen.
Und da gehört Tschetschenien unbedingt auf die Agenda der internationalen
Debatten. Wenn dieses Volk, das bislang noch nicht „bin ladenisiert“ ist,
weiter so geschunden wird, prophezeie ich ein Manhattan in Moskau. Das
gegenwärtige Russland schützt nicht etwa Europa vor dem Islamismus der
Kaukasusregion, sondern provoziert ihn. Deshalb ist der Westen nicht nur aus
moralischen, sondern auch aus realistischen Gründen aufgerufen, sich
einzumischen und seine eigenen Prinzipien nicht länger zu verraten. Besonders
in Deutschland sollte man sich fragen, weshalb man den ehemaligen
Geheimdienstmann Putin mit solch blinder Euphorie empfängt. Was hat er denn
anzubieten außer seinem sanften deutsch, das er bei der Stasi gelernt hat? Oder
geht es tatsächlich nur um billige Erdgaslieferungen und das Abschieben von
westeuropäischem Atommüll in ein Land, in dem Umweltaktivisten behindert und
ins Gefängnis geworfen werden? Kein deutscher Spitzenpolitiker mit Ausnahme des
klugen Joschka Fischer scheint hier auch nur das geringste Unbehagen zu spüren.
Braucht es denn erneut eine Katastrophe, ehe wir aufwachen?
Aus dem Französischen von Marko Martin.