„Eine Neuinterpretation staatlicher Macht steht an“

 

André Glucksmann im Gespräch mit Marko Martin

 

Anlässlich des Erscheinens seines neuen Buches Dostoievski à Manhattan sprach unser Autor mit André Glucksmann über entleerte politische Auseinandersetzungen, die der Rechten in die Hände spielen und das Voranschreiten nihilistischer Politik begünstigen – in den westlichen Demokratien ebenso wie etwa in Russland. Eine Doppelmoral aber, die das Leiden der Palästinenser beschwört, den Schrecken der Tschetschenen aber vergesse, mache nicht nur den Kampf gegen den Terrorismus unglaubwürdig, sie führe geradezu in einen „zweiten Nihilismus“.

 

Marko Martin: Monsieur Glucksmann, in einem Spiegel-Interview haben Sie kürzlich gesagt, dass der Sieg Jacques Chiracs bei den Präsidentschaftswahlen im Mai der Beweis sei, dass man Wahlen auch gewinnen könne, ohne an demokratischen Prinzipien und den Menschenrechten zu rütteln. Ist das nicht angesichts all der chiracschen Affären ein ziemlicher Euphemismus?

André Glucksmann: Nun, Korruption existiert überall. Auch in unseren Demokratien, wo man allerdings – im Unterschied zu Diktaturen – darüber sprechen kann und durch diese Möglichkeit zur Kritik auch die Chance besitzt, substanziell etwas zu verändern. Gewiss, Jacques Chirac hat Vergünstigungen angenommen und undurchsichtige Transaktionen unterstützt. Was aber ist mit seinem ehemaligen Herausforderer Lionel Jospin? Während der Zeit Mitterands – einer Epoche geradezu institutionalisierter Korruption – trug er Verantwortung in der Sozialistischen Partei; wer soll da glauben, dass er nie etwas von den Machenschaften seines Chefs mitbekommen hat. Wenn man schon von „schwarzen Schafen“ spricht, sollte man ehrlich genug sein, diese „Schafe“ nicht nur bei den demokratischen Rechtsparteien, sondern auch bei der demokratischen Linken zu suchen. Jospin hatte seinen Wahlkampf auf die Aussage reduziert, Chirac sei ein Dieb. Dieses Null-Niveau der politischen Auseinandersetzung hat sich schließlich im Fiasko der Sozialisten gerächt.

 

Wobei die Frage ja erlaubt sein muss, ob Chirac nicht wirklich ein Dieb ist, der in einem Land mit einem etwas anderem Staatsverständnis schon längst seinen Posten verloren hätte. Den Le-Pen-Wählern konzidieren Sie „einen bewussten Willen zum Bruch um jeden Preis“, eine Haltung, die sich nicht um Reformen bekümmert, sondern die „totale Ablehnung“ favorisiert. Wo aber gibt es denn in Frankreich, einer Republik mit dem partiellen Gehabe eines Feudalstaates und einer politisch größtenteils immobilen Klasse, wirklich Reformen? Man erinnere sich nur an Raymond Arons resignativen Satz, nach welchem man in Frankreich zwar die Revolution liebe, Reformen aber verachte. Verursacht so etwas nicht Frustration? Jedenfalls scheint es nur schwer vorstellbar, dass alle, die diesmal Le Pen gewählt haben, eingefleischte Nihilisten mit dem Hang zur Selbstzerstörung sind.

Ich warne davor, das Votum für Extremisten stets mit einer Unzufriedenheit in der Bevölkerung erklären zu wollen. Nicht nur die fünf Millionen Le-Pen-Wähler oder die Unterstützer der Trotzkisten sind unzufrieden, unzählige andere Menschen sind es auch. Nur haben die eben nicht extrem gewählt.

Es gibt hier also keinen Automatismus. Außerdem: Le Pen hat weder beim ersten noch beim zweiten Wahlgang nennenswert zugelegt; sein Wählerpotential blieb im Großen und Ganzen gleich. Nur aufgrund der gespaltenen Voten auf der Linken, aber auch bei den Konservativen, konnte er überhaupt zum Herausforderer Chiracs werden. Das ist das entscheidende Problem, diese breite Unzufriedenheit mit den etablierten demokratischen Parteien. Le Pen hat damit nur sekundär etwas zu tun, seine Kamikaze-Anhänger waren schon in der Vergangenheit präsent und werden es leider wohl auch weiter sein. Wichtig ist, wie und ob die demokratischen Parteien auf die Herausforderungen unserer Zeit reagieren und ob sie den Mut besitzen, Pogramme anstatt nur Sprechblasen zu produzieren. Ein Hauptthema bei den Wahlen war das Thema der Unsicherheit, das meiner Meinung nach allerdings viel zu eng gefasst wurde – ganz so, als wüsste nicht jeder Fernsehzuschauer, wie dramatisch AIDS in Afrika zunimmt, sich zwischen Indien und Pakistan ein Nuklearkonflikt anbahnt, die islamistische Gefahr noch lange nicht gebannt ist et cetera. Je weniger die Politik über diese neue Art planetarischer Unsicherheit eingeht, desto einfacher ist es, lokale Sündenböcke zu finden und Hysterie zu schüren.

 

Ich wäre mir nicht ganz so sicher, ob es sich hier – zum Beispiel was die Situation in den Vorstädten betrifft – nur um „geschürte Hysterie“ handelt. Ist Ihre Generation – und ich meine damit die Nouveaux Philosophes, die in den Siebzigerjahren die Dominanz der marxistischen Ideologie aufbrauchen – nicht in Gefahr, das soziale Sein der Bevölkerung zugunsten der Reflexion über ein politisches Bewusstsein ein wenig aus dem Auge zu verlieren? Zugespitzt gesagt: Dort, wo früher die Marxisten das Materielle, die soziale Basis überschätzten, unterschätzen es die Anti-Marxisten. – Kann es nicht sein, dass es in einer Demokratie auch genug Schlimmes gibt, das nicht in dem Rahmen Totalitarismus versus Antitotalitarismus passt, nicht einmal eine der traditionellen Menschenrechtsverletzungen darstellt und dennoch große Gefahren birgt?

Die Kampfsituation, die Sie beschreiben, ist seit langem vorbei, außerdem gibt es keine geistige Hegemonie der Noveaux Philosophes.Wohl aber existiert die Tradition, dass französische Intellektuelle – natürlich nicht alle, sondern nur eine wache Minderheit – über den nationalen Tellerrand hinausschauen und zu analysieren versuchen, was sich jenseits der Grenzen tut. Kroatien, Bosnien, Kosovo – die Debatten dazu sind bekannt. Heute sitzt Milosevic endlich als inhaftierter Kriegsverbrecher in Den Haag, anstatt weiter als Garant einer so genannten französisch-serbischen Achse gehätschelt zu werden. Leute wie ich haben die proserbische Politik Mitterands damals ebenso kritisiert wie die französische Komplizenschaft am Massaker in Ruanda 1994. Heute nun geht es darum, Europa daran zu erinnern, dass Vladmir Putin permanent Verbrechen gegen das tschetschenische Volk verübt. Um jedoch auf Ihre Frage zurückzukommen ... Wenn ich Sie richtig verstehe, lautet die Kritik, dass man bei all diesem Engagement die innergesellschaftlichen Brüche und Probleme vernachlässigt.

 

So habe ich es gemeint.

Nun, ich glaube, dass ich mich immer auch um diese Themen gekümmert habe, gerade im Kampf gegen Le Pen und den Rassismus. Und was die Arbeitslosigkeit und die Immigration betrifft – das sind gewiss Probleme, die jedoch nicht alles determinieren. Wie sonst wäre es zu erklären, dass die meisten Le-Pen-Wähler aus Gegenden stammen, wo entweder die Arbeitslosigkeit oder die Zahl der Einwanderer ganz gering ist? Ein Beispiel aus Deutschland: Nicht in Frankfurt am Main mit seinen 15 Prozent Ausländeranteil gibt es rassistische Übergriffe, sondern in Ostdeutschland, wo es nicht einmal 1 Prozent Ausländer gibt. Das Problem betrifft also nicht nur Frankreich, es ist grenzüberschreitend, auch wenn das bislang keiner unserer nationalen Politiker wahrzunehmen scheint. So war es auch kein Zufall, dass bei den Wahlen in Frankreich viele Themen, die uns direkt betreffen, einfach ausgespart blieben: Die Nachwirkungen des 11. September, der Islamismus, der Nahost-Konflikt, die neue Rolle der Atommacht ... Niemand spricht darüber – außer eben Extremisten wie Le Pen, die einfache Antworten anbieten und Feindbilder produzieren. Würde sich unsere europäische politische Klasse wirklich auf die Realität einlassen, hätten solche Simplifizierungen auch weniger Chancen. Denn natürlich sind die Menschen, die Wähler verunsichert: Wenn Manhattan explodiert, ist das eine Revolution, die auch uns in Paris oder Berlin betrifft. Da hilft es nicht weiter, von den guten alten Zeiten oder von einer Gesellschaft zu träumen, deren Grenzen weniger durchlässig sind. Denn all diese idyllischen Regressions-Wünsche sind illusionär: Die Deutschen können nicht mehr überschaubar leben wie einst die Germanen, für die Schweiz gibt es kein Zurück in die Zeit eines Wilhelm Tell und das Frankreich der stolzen autochthonen Stämme ist auch passé. Nebenbei bemerkt votiert auch die Mehrheit der Bretonen nicht für ihren „Stammesbruder“ Le Pen. Aus diesen Gründen habe ich die extremistischen Voten als nihilistisch bezeichnet; denn selbst diese Leute glauben ja nicht mehr daran, dass ihre homogenen Politik-Programme jemals Realität werden könnten; auch sie wissen, dass der Weg zurück in die Vergangenheit versperrt ist. Auch wenn die europäischen Eliten bis jetzt die Augen davor verschließen: Es gibt einen Zusammenhang zwischen nationalem und internationalem Geschehen. Milosevic war eben nicht nur ein Massenmörder, sondern lange Zeit eine dominierende Regionalkraft in Europa, gegen die Intellektuelle wie ich genauso protestiert haben wie jetzt gegen das Putin-Regime, das von der politischen Klasse ebenfalls sträflich unterschätzt wird. Während Sarajewo „nur“ beschossen wurde, hat man Grosny völlig dem Erdboden gleichgemacht – ein seit der Zerstörung Warschaus durch die Wehrmacht einmaliges Kriegsverbrechen auf europäischem Boden.

 

Wir werden auf das Thema Russland gleich noch einmal zurückkommen. Doch ich möchte noch einmal auf meine Frage zurückkommen: Glauben Sie nicht, dass die Mehrheit der westeuropäischen Bevölkerung sich eher Gedanken darüber macht, ob die Arbeitslosigkeit ansteigt, ob die Renten –und Sozialversicherungssysteme stabil bleiben, ob der Sozialstaat weiter handlungsfähig ist, die Steuern steigen et cetera? Man kann dies bedauern und als Egoismus schelten, gleichwohl scheint es mir eine Tatsache zu sein. Wenn es in der Bibel heißt, man lebe nicht vom Brot allein, so könnte man vielleicht auch sagen, das Alltagsleben definiert sich nicht nur durch den Kampf gegen Diktaturen.

Das kommt darauf an. Ich glaube eben, dass es dem Durchschnittsbürger sehr wohl zu vermitteln ist, dass seine und die Zukunft seiner Kinder weniger von den Beitragssätzen der Krankenkassen im Jahr 2010 abhängt als von der Position, die etwa der Islamismus oder Russland in den kommenden Jahren in Europa einnehmen wird. Es ist außerdem intellektuelle Arroganz, den so genannten „Massen“ ein Bewusstsein für diese politischen Konstellationen abzusprechen. Angesichts der Bilder von den Massakern in Bosnien und im Kosovo war zum Beispiel die Mehrheit der Franzosen ganz klar für ein militärisches Eingreifen – und dies im Gegensatz zu den Pseudo-Pragmatikern der politischen Klasse. Auch im Fall Tschetschenien ist der normale Zeitungsleser oder Fernsehzuschauer viel wacher, als man annehmen könnte; er fragt sich nämlich, ob man unbedingt europäische Wirtschaftshilfe für ein Regime leisten muss, das solche Taten begeht.

 

In Ihrem neuen Buch Dostoievski à Manhattan beschreiben Sie nicht nur den islamischen, sondern auch den russischen Nihilismus. Lässt sich dies wirklich vergleichen? Gehorcht die kriminelle Energie, Grosny auszuradieren, nicht auf perverse Weise dennoch realistischen Parametern, nämlich der Konzeption eines starken, imperialen Russlands?

Ich beurteile den Nihilismus nach seinen praktischen Ergebnissen. Die Wahrheit der Absichten enthüllt sich in den Taten, sagt Hegel, und in diesem Sinne bin ich durchaus Hegelianer. Der militärische Nihilismus will alles zerstören, was in seine Reichweite gerät – die Resultate lassen sich in Manhattan ebenso wie in Grosny besichtigen. Die Opfer von Manhattan stammten aus insgesamt sechzig Nationen – im Unterschied zu der törichten Auslassung von Günter Grass, der verkündete, man trauere nur deshalb um die Toten, weil sie weiße Amerikaner seien – sie waren Schwarze und Weiße, Amerikaner und Chinesen, Christen, Juden und Muslime, Arme und Reiche, Männer und Frauen. In Grosny das Gleiche: Natürlich weniger Chinesen, aber immerhin bestand die Hälfte der Bevölkerung aus Russen; mittellosen Russen, die nicht das Geld hatten, die Stadt zu verlassen. Auch sie brachte man um, und genau dieser totale Krieg gegen Zivilisten ist ein Charakteristikum des Nihilismus – gleichgültig, ob er von nichtstaatlichen Gruppen wie Al Qaida, der algerischen GIA oder von der russischen Armee ausgeübt wird. Auch ganze Staaten können von diesem Virus befallen werden, wie in jüngster Zeit etwa Liberia. Erinnern wir uns daran, was unser gemeinsamer Freund, der deutsche Schriftsteller Hans Christoph Buch, dort erlebt hat: Als er einen der Kindersoldaten mit der Kalaschnikow traf und das Kind fragte, ob es nicht fürchte, mit diesen Waffe versehentlich auch jemand aus seiner eigenen Familie zu töten, erhielt er zur Antwort: „Why not?“ Dieses Why not  höre ich ebenso bei Bin Laden wie bei den Freischärlern in Sierra Leone, die Zivilisten Arme und Beine abhacken, ich höre es bei Putin ebenso wie bei jenem deutschen Schüler, der dieses Blutbad in Erfurt anrichtete, oder dem Mörder des holländischen Politikers Pim Fortuyn: „Why not?“

Man kann dieses Phänomen also nicht allein auf den Islamismus reduzieren.

 

Nach dem 11. September haben in Europa und den USA vor allem konservative Kommentatoren die Hilflosigkeit der westlichen Gesellschaften mit einer Menge Dinge erklärt, die doch eigentlich den Charakter dieser westlichen Gesellschaften ausmachen. Nun hieß es plötzlich, man sei zu individualistisch geworden, zu permissiv, zu ironisch, schaue zu viel Fernsehen, und wieder einmal schienen die Achtundsechziger an allem schuld ...

Auf der Liste der Verantwortlichen fehlen die Flugzeug-Konstrukteure, denn ohne ihre Maschinen hätte es natürlich auch keine Flugzeugentführungen und Hochhaus-Crashs gegeben. Hätte Christoph Kolumbus Amerika nicht entdeckt, hätten saudiarabische Terroristen auch nicht Manhattan attackieren können. Und was die Permissivität betrifft, so wäre natürlich alles einfacher, gebe es keine Männer und Frauen mit ihren Wünschen und Phantasien. All das stimmt und es erklärt überhaupt nichts. Der Rückzug in heile Welten, in das Europa des Jahres 1900 ist ein für alle Mal versperrt, und vielleicht ist das auch gut so, wenn man bedenkt, welches Ausmaß an Illusionen und Unwissenheit vierzehn Jahre später den Ersten Weltkrieg möglich machten. Seitdem haben wir wenigstens ein Bewusstsein unserer eigenen Fehlbarkeit, eine Ahnung von den Dämonen, die unter dem dünnen Firnis der Zivilisation lauern. Inzwischen musste man die Entdeckung machen, dass selbst der Glaube an Gott keine ausreichende Barriere für destruktives Handeln darstellt, ja dass der Glaube oftmals erst den Vorwand liefert, um andere zu vernichten.

 

Glauben Sie, dass im gegenwärtigen Kampf gegen den Terror das notwendige Element des Militärischen nicht zu absolut gesetzt wird, dass sich eine ganze eigene Logik der Allianzen ergibt, die – wie im Falle Putins, wie bei zahllosen Dritte-Welt-Potentaten – all die Werte fragwürdig werden lässt, für die man doch zu kämpfen vorgibt? Ist dies nicht, nach den für die Menschenrechte sensibleren Clinton- und Madeleine-Albright-Jahren, die Rückkehr jenes Teddy-Roosevelt-Satzes: „He’s a son of a bitch, but he’s our son of a bitch.“

Aus diesem Grund habe ich ja mein Buch geschrieben. Man braucht sich ja nur dieses Foto anzusehen, das George Bush zusammen mit Putin und dem chinesischen Premierminister breit lächelnd und in klassisch chinesischer Tracht zeigt, um das Desaster zu ahnen. Soll so etwa die Allianz der Terrorismus-Gegner aussehen? China, das bis heute die Menschen in Tibet unterdrückt, unterhält beste Verhältnisse zu Nordkorea, dessen Regime immerhin drei Millionen Menschen in den Hungertod getrieben hat, es kauft Erdöl aus dem Irak, verkauft Waffen in den Iran – um von Putins Russland ganz zu schweigen. Manche Zweckgemeinschaft mag auf kurze Zeit nützlich sein, man sollte sich jedoch hüten, sie zu idealisieren. Vielleicht ist das der Nachhall der alten Vorstellung, nach der ein Staat immer Recht hat. Vorher war es – auf der Linken – das Volk und – auf der Rechten – die Rasse, die angeblich niemals fehlen, die immer ein untrügliches Gespür für das Richtige haben würden. Davon hat man sich inzwischen verabschiedet. Bleiben noch die Reste der Illusion, Staaten – oder besser noch: die ominösen „Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft“ – würden schon alles zum Guten wenden. Aber so wie es den Nihilismus der so genannten kleinen Leute gibt, die hinter jeder noch so wahnwitzigen Idee hinterherlaufen und sich bereitwillig opfern, so gibt es auch den nihilistischen Impuls der Staaten, sich selbst zu massakrieren: 1914 ist nur ein Beispiel dafür. Inzwischen wird noch ein zusätzliches Heilmittel, das neueste im Pogramm, feilgeboten: der Markt; die unsichtbare Hand des freien Geld- und Warenverkehrs, die alles richten wird. Tatsächlich? Sieht man sich an, wie Terroristen-Organisationen ihr Geld waschen und in Unternehmen investieren, um anschließend sich und andere in die Luft zu sprengen, wird klar, dass auch der Markt gegen den Nihilismus nicht immun ist: Bin Laden ist ein außerordentlich reicher Mann. So wie es keinen gesunden Menschenverstand gibt, der automatisch und kollektiv funktioniert, so wie auch Staaten nicht immer rational handeln und ihre Bewohner schützen, so ist auch der Markt etwas, das nicht per se konstruktiv agiert. Wenn die Revolution ihre Kinder frisst, kann auch der ungehemmte Markt den freien Markt fressen.

Was man den Amerikanern auch vorwerfen mag – ich glaube, dass sie wenigstens eine erste Ahnung davon haben, wie brüchig alles ist. Ich erinnere mich an Bushs Satz, den ich für den wichtigsten Satz halte, den jemals ein amerikanischer Präsident gesprochen hat: „Time is not on our side.“ Und das vom ersten Mann in „God’s own country“, der Heimstatt des Optimismus! Dieser Satz, hinter dem hoffentlich auch eine Überlegung steht, bricht mit allen bisherigen Gewissheiten Amerikas – er ist revolutionär und der neuen Lage wahrlich angemessen. Nein, die Zeit ist tatsächlich nicht auf unserer Seite, unsere offenen Gesellschaften sind fragil und verwundbar. Es gibt ein gigantisches Destruktionspotential, das weder regional noch religiös eingegrenzt werden kann, dem wir uns jedoch stellen müssen. Ich habe das vor vielen Jahren einmal als „Elftes Gebot“ bezeichnet: Nichts Unmenschliches sei dir fremd. Praktische Humanität muss aus der Erkenntnis und dem Erschrecken vor dem Bösen kommen, ansonsten ist sie nichts als eine Pille zur Selbstberuhigung.

Gleichzeitig steht eine Neuinterpretation staatlicher Macht an: Der Staat als absoluter Garant der Stärke und der Wohlfahrt ist ebenso verschwunden wie das Gleichgewicht der Abschreckung, jene Regeln, die wir noch aus dem Kalten Krieg kennen. Aus diesem Grund halte ich den 11. September 2001 für ebenso entscheidend wie den Tag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima; die Fähigkeit zur radikalen Destruktion hat sich sozusagen „demokratisiert“ und globalisiert. Ein wenig Geld, ein paar gekaperte Flugzeuge – und ein Staat ist bis ins Mark getroffen. Wie man mit den Mitteln des Negativen sogar auf diplomatischer Ebene reüssieren kann, zeigt das Beispiel Putin. Beim G-7-Gipfel als zukünftige Nummer 8 aufgenommen und mit Krediten überschüttet, konnte der russische Präsident sehen, dass nicht etwa wirtschaftliches Wachstum oder gar Demokratisierung die Taschen des Westens öffnet, sondern die pure Angst, Russland könne schaden. Im Unterschied zu Singapur ist Russland ein ökonomischer Zwerg – aber eben ein Riese mit einem gewaltigen Militär- und Rohstoffpotenzial, der ruhig gehalten, will heißen: finanziell gehätschelt werden muss. Putins zynische Rechnung ist also aufgegangen – Destruktivität rechnet sich – und die russische Mafia und die Banken auf Zypern können jubeln. Im Gegensatz zu den Amerikanern sind die naiven Europäer jedoch noch weit davon entfernt, diesen Realitäten wirklich ins Auge zu sehen. Leider werden die internationalen Beziehungen mehr und mehr davon geprägt sein, wie stark man den anderen stören und erpressen kann.

 

In Ihrem Buch bezeichnen Sie diese Blindheit als „zweiten Nihilismus“, da er den ersten leugnet, relativiert und somit zusätzlich stärkt. Nun gibt es seit geraumer Zeit eine Antiglobalisierungs-Bewegung, die zur Erklärung des Terrorismus wie auch immer geartete soziale Ungerechtigkeiten ins Feld führt. Jenseits dieser Naivität werden jedoch auch richtige Fragen, den sozialen Zustand unserer Welt betreffend, gestellt – so etwa, wenn man darauf hinweist, dass die europäischen Subventionen, um die einheimischen Märkte zu schützen, um ein Vielfaches die Entwicklungshilfe-Almosen übersteigen, die man in die Dritte Welt liefert. Ist solch eine legitime Empörung, die vor allem von jungen Leuten artikuliert wird, wirklich nur antiwestliche Provokationslust?

Diese Kritik ist wichtig, aber es ist auch notwendig, dass die Kritiker immer wieder ihre eigenen Prämissen hinterfragen, anstatt in Selbstgerechtigkeit abzudriften. Da sehe ich etwa bei Gruppen wie Attac ein großes Manko. Natürlich hat es immer Leute gegeben, die mit den besten Intentionen ...

 

Die meine ich nicht. Ich spreche nicht von schwärmerischen Idealisten, die die Welt retten wollen. Ich spreche von Leuten, die sich ganz konkret engagieren, etwa für die Gewerkschaft der Landlosen in Boliven und unzählige andere demokratische Projekte, die der öffentliche Diskurs ansonsten nicht wahrnimmt.

D’accord. Aber vielfach geht das unter im Chor der Selbstgerechten, deren Solidaritätsvermögen übrigens ziemlich limitiert ist. Warum findet man für den Völkermord in Tschetschenien keine Worte, ist aber sehr stark darin, die – zugegebenermaßen fragwürdige – Umweltpolitik der amerikanischen Regierung zu kritisieren? Ich frage mich, wo da das Gefühl für die Proportionen ist.

Auch wenn es etwas harsch klingt: Die Finanzkrise in Buenos Aires ist marginal gegenüber den Verbrechen, Folterungen und Vergewaltigungen, die, hinter dem Rücken der Weltöffentlichkeit, in Grosny verübt werden. Das stellt sogar das, was 1999 im Kosovo geschah, in den Schatten. Warum also rührt das Schicksal der Muslime in Palästina, aber nicht das Leiden der Muslime in Tschetschenien, von der Blindheit unserer Demonstranten des Jahres 1995 ganz zu schweigen, als in Bosnien das Massaker von Srebrenica stattfand? Ich nehme mir die Freiheit, dies als Heuchelei zu bezeichnen. Die Eindeutigkeit der Feindbilder erinnert mich an die indischen Nationalisten des Jahres 1940, die nicht Hitler, sondern den englischen Kolonialismus für das Hauptproblem der Epoche hielten oder an jene französischen Trotzkisten, die das „kapitalistische Frankreich“ nicht gegen die Wehrmacht verteidigen wollten, da diese doch aus deutschen Proletariern bestand.

Die gesamte Kritik der Globalisierungsgegner geht von der Voraussetzung aus, dass erstens die Ökonomie beziehungsweise die Technik alles erklärt und zweitens Amerika die ganze Welt beherrscht, folglich auch für alles verantwortlich ist. Dieses verschwörungstheoretische, manichäische Denken ist ein Mix aus Marx, Heidegger und Adorno, alles verquirlt und halb verdaut. Deshalb attackiert Attac auch niemals Putin und findet keine andere Erklärung für den Horror in Liberia als den Westen oder das Kapital, das als böser Demiurg angeblich hinter allem steckt. Nach dieser Logik erklären ökonomische Fakten alles und die Tobin-Steuer ist das beste Mittel im Kampf gegen den Terrorismus. Diese Blindheit erinnert an die idealistischen Philosophen des 19. Jahrhunderts, während die Vorstellung amerikanischer Omnipräsenz auch schon bei Hitler und Stalin zu finden war, ganz zu schweigen von simplen Amerikanern selbst, die sich in nationalem Größenwahn sonnen. Die angeblichen Gegner erweisen sich hier wieder einmal als Spiegelbilder, doch mit politischer Analyse hat all dieses Vermuten und Überschätzen gewiss nichts zu tun. Sowohl der Ökonomismus von Davos – es lebe der Erfolg unserer großen Unternehmen – wie auch der andere Ökonomismus von Porto Alegre – ein Hoch unserem kapitalismuskritischem Kampf – verkennt die wahre Problemstellung nach dem 11. September. Beide Lager glauben, mit Geld sei alles zu regeln, und ignorieren den politischen Rahmen. Nehmen wir nur einmal das Thema Entschuldung. Warum sollten Diktatoren schuldenfrei gemacht werden, damit sie weiter in Saus und Braus leben und ihre Gegner umbringen können? Etwas völlig anderes ist das bei Ländern, die auf dem Weg der Demokratie sind und bitter unsere Unterstützung benötigen...

 

Wie zum Beispiel Mali.

Genau. Hier muss die Trennlinie verlaufen und nicht zwischen „reichem Norden und armem Süden“, wobei Ersterer angeblich immer schuldig und Letzterer stets ein Opfer ist. Die Vereinigten Staaten haben Russland wirtschaftlich liberalisiert, mit Krediten versorgt und was ist das Resultat? Das Land ist nicht etwa demokratischer geworden, sondern im festen Griff von alter Nomenklatura und neuer Mafia.

Paradoxerweise hilft es, ein Bewusstsein von der Existenz des Bösen zu besitzen – es schärft nämlich auch den Blick und die Empathie für all die Menschen in der Welt, die sich diesem Bösen wiedersetzen und für Demokratie und Menschenrechte kämpfen. Und da gehört Tschetschenien unbedingt auf die Agenda der internationalen Debatten. Wenn dieses Volk, das bislang noch nicht „bin ladenisiert“ ist, weiter so geschunden wird, prophezeie ich ein Manhattan in Moskau. Das gegenwärtige Russland schützt nicht etwa Europa vor dem Islamismus der Kaukasusregion, sondern provoziert ihn. Deshalb ist der Westen nicht nur aus moralischen, sondern auch aus realistischen Gründen aufgerufen, sich einzumischen und seine eigenen Prinzipien nicht länger zu verraten. Besonders in Deutschland sollte man sich fragen, weshalb man den ehemaligen Geheimdienstmann Putin mit solch blinder Euphorie empfängt. Was hat er denn anzubieten außer seinem sanften deutsch, das er bei der Stasi gelernt hat? Oder geht es tatsächlich nur um billige Erdgaslieferungen und das Abschieben von westeuropäischem Atommüll in ein Land, in dem Umweltaktivisten behindert und ins Gefängnis geworfen werden? Kein deutscher Spitzenpolitiker mit Ausnahme des klugen Joschka Fischer scheint hier auch nur das geringste Unbehagen zu spüren. Braucht es denn erneut eine Katastrophe, ehe wir aufwachen?

 

Aus dem Französischen von Marko Martin.