Bundestagswahl

 

Die Identitäts-Falle

 

Michael Ackermann

 

Nicht selten hört man, bei dieser Wahl sei es vorbei mit dem „kleineren Übel“, nein, nicht der SPD, sondern dem der Bündnisgrünen. Im Netzwerk „Basisgrün“, Residuum derer, die in den und um die Bündnisgrünen herum sich noch als linke Alternative versammeln, wird vehement der Wahlboykott propagiert, und innerhalb des ak (manchen vielleicht eher als Arbeiterkampf bekannt) ruft jemand unter dem Motto „Eine Erneuerung der Linken ist ohne das Ende von Rot-Grün nicht zu haben“ ernsthaft zur Wahl von Stoiber auf. Das rot-grüne Projekt der „Neuen Mitte“ müsse zerstört und der „Demoralisierung der Linken“ durch die Ideologie des „Dritten Weges“ ein Ende gesetzt werden.

Man könnte solche Kuriositäten belächeln, wenn sie nicht einhergingen mit einer durchaus verbreiteten Mischung aus Enttäuschung und Verachtung gegenüber Rot-Grün im Allgemeinen und den Bündnisgrünen im Speziellen. Es hat wohl etwas mit dem Erwartungshorizont zu tun, wenn bei den Diskussionen über die Regierungspolitik die emotionalen Wellen hoch gehen. Manche tun so, als hätte Rot-Grün seit September 1998 locker einen „linken Durchmarsch“ organisieren können und diese Möglichkeit an „Neoliberalismus“ und „Dritten Weg“ nur verschenkt. Diese Sicht geht davon aus, dass die Existenz der rot-grünen Regierung Ausdruck eines Mehrheitswunsches ist und nicht ein eher zufälliges Nebenprodukt einer Kanzlerabwahl. Die erste Annahme wurde von der Wahlforschung allerdings schon am Abend des 27. September 1998 ins Reich der Legende verwiesen.

Solche Tatsachen gerne vergessend, werden die Bündnisgrünen weniger wegen mancher Unzulänglichkeiten und Unfähigkeiten kritisiert, sondern generell des Karrierismus und Opportunismus (gegenüber dem stärkeren Partner) geziehen und durch ihre „Kriegspolitik“ als Verräter an einstigen programmatischen Zielen betrachtet. In der Wahrnehmung bestimmter Teile sind die Bündnisgrünen eben gerade nicht eine „Partei ohne Identität“, wie der Parteienforscher Richard Stöss in einer Analyse versichert.(1) Denn wo Stöss schon bei der Gründung der Grünen nur einen Mix aus unterschiedlichen Identitäten und widersprüchlichen Prinzipien sieht und folgerichtig die Entwicklung der Partei als einen permanenten Abrieb der Programmatik an der Wirklichkeit von Machtverhältnissen beschreibt, sehen manche der einstigen Anhängerinnen und Anhänger vornehmlich die willfährige Aufgabe von Zielen zugunsten einer opportunistischen Realpolitik.

Gerade die Bündnisgrünen unterliegen also einem viel höheren identitären Erwartungsdruck (eines, wenn auch kleinen, Teiles ihrer Anhänger- und Wählerschaft), als er ihnen eigentlich qua Größe und Möglichkeiten zugemutet werden dürfte. Natürlich rührt das aus ihrer Genese als Bewegungs- und einziger prinzipieller Oppositionspartei der Bundesrepublik. Die Einbeziehung der Bündnisgrünen in das traditionelle Parteiensystem hat eben (zusammen mit der PDS) nicht nur das Parteiensystem grundlegend verändert (aus der Symmetrie der Großparteien mit dem Zünglein FDP wurde ein asymmetrisches System mit potenziell komplizierten Regierungsbildungsprozessen), sondern auch die Partei selbst. Dieser Vorgang blieb vielfach unreflektiert, und so wird etwa der Rückgang der „neuen sozialen Bewegungen“ als Folge einer fatalen Integrationspolitik in den Parlamentarismus beschrieben, quasi als Aufweichung von Radikalität. Dass der Höhepunkt dieser Bewegungen längst vorbei war, dass alle Bewegungen zeitgeistige oder zumindest nur zeitweilige sind (und wohl auch nur sein können), dass auch Themen (wie der „sofortige“ Atomausstieg) ihre Konjunkturen haben, wird oft gar nicht wahrgenommen oder eben doch nur als Abstumpfung von Widersprüchen interpretiert. Und so glaubt man auch da noch eine Fehlleistung der Bündnisgrünen zu entdecken, wo eine nachrückende Jugend nicht jenem Protest huldigt, den man sich von ihr per se verspricht.

Aber man wird sich eventuell daran gewöhnen müssen, dass die Zeiten hochidentitärer Bewegungen und auch solcher Parteien vorbei sind. Lager- und Weltanschauungsorganisationen werden den meisten Individuen jedenfalls nicht attraktiver. Womöglich tendiert das Jahrhundert der Ideologien doch noch einem Ende zu – oder es wird gerade von der Tendenz zu einem ethno-kulturellen Clash abgelöst, in dem Hochidentität jedenfalls reaktionäre Züge bekommen könnte. Den Trend zur Minderung der Identifikation mit Parteien und Großorganisationen, der die „Volksparteien“ über die Jahre nun schon ordentlich beutelt, muss man also nicht nur skeptisch betrachten. Es braucht aus der wachsenden Distanz ja nicht gleich die Wahlenthaltung als emanzipatorische Großtat abgeleitet werden. Vielleicht sollte man jede Wahl nur als „kleineres Übel“ gegenüber einer Vollabstinenz begreifen, die manchmal nur der Enttäuschung unerfüllter Identitäts- und Idealitätsmuster entspringt oder der Annahme, dass die Interessen einer Partei und ihrer Mitglieder und Wähler in einer Regierung (für alle) sehr häufig zur Deckung kommen könnten. Selbst wenn ich solche Illusionen ablege, könnte ich durchaus den eklatanten Mangel an Vorhaben von Rot-Grün für die nächste Legislaturperiode kritisieren – und in einer ironischen Wendung sagen: Trotz alledem!

 

1 Vorgänge. Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik. Nr. 157 (1/02): Rot/Grün – Eine Bilanz, Opladen (Leske + Budrich) 2002. – Anhand informativer Beiträge zu verschiedenen Politikfeldern lässt sich hier auch schön studieren, wie unterschiedlich die Ergebnisse von Rot-Grün ausfallen – je nachdem, welche Messlatte von den AutorInnen angelegt wird.