Die gespaltene Erinnerung

Geschichtsbrüche im deutsch-deutschen Verhältnis


Conrad Lay

Fünf Jahre nach der deutschen Einigung wird die Kluft zwischen West- und Ostdeutschen als tiefer empfunden als in der Wendezeit 1989/90. Kanzler Kohl gesteht ein, er habe sich getäuscht, die Unterschiede unter den Deutschen seien größer, als er gedacht habe. In der Feierstunde zum 3. Oktober 1995 räumten die Festtagsredner Rau und Süssmuth selbstkritisch ein, mehr als bisher müsse es darum gehen, die unterschiedlichen Lebenserfahrungen in Ost und West wahrzunehmen und anzuerkennen. Doch die Ost-West-Begegnungsrunden, zu denen die Bonner Politiker auffordern, haben in den vergangenen fünf Jahren auf unterschiedlichsten Ebenen längst stattgefunden. Ihr Resultat ist ernüchternd: Der Dialog kommt nicht voran.

Viele Ostdeutschen haben das zuvor idealisierte Glanzbild des Westens relativiert. Seit sie jedoch nicht nur die Schokoladenseite, sondern auch die Schwächen der Marktwirtschaft zur Kenntnis nehmen, steigert sich ihr Mißmut darüber, daß sich die Vereinigung - was nicht zu bestreiten ist - ausschließlich nach dem Maßstab westdeutscher Normative richtet. Sofort geht es dabei um moralische Wertmaßstäbe, die der Westen dem Osten nach dem Tenor entgegenhält: "Wie konntet Ihr nur solange...?" Der Vertrauensvorschuß, den die Euphorie nach dem Fall der Berliner Mauer auslöste, erweist sich dann als aufgebraucht.

Die Wahlen der Jahre 1994/5 bestätigten dieses Ergebnis: Die politischen Kulturen in Ost- und Westdeutschland haben sich auseinanderentwickelt. Distanz und Mißtrauen gegenüber den eingeführten demokratischen Institutionen haben zugenommen. Die durchschlagende Parole der Leipziger Montagsdemonstrationen "Wir sind ein Volk" empfindet nur noch eine Minderheit unter den Ostdeutschen als richtig, beinahe zwei Drittel sehen sie inzwischen als unzutreffend an. Es gibt keine Automatik, wonach eine Angleichung des ostdeutschen an den westdeutschen Lebensstandard das Zusammenwachsen der Deutschen von alleine ergebe. Die Republik ist weit gespaltener, als es die PDS-Wahlanteile vermuten lassen. Die vielbeschworene Einheit der Nation stellt sich als brüchig heraus.

Was zunächst als eine augenblickliche Verstimmung aussah, als oberflächliches "Ossi-Wessi"-Gerede, erweist sich als eine historisch weit zurückreichende Hypothek. Seit die Vereinigung anders läuft, als manch einer dies in den Blütenträumen der Wendezeit angekündigt hatte, tauchen alte Muster wieder auf. Verstaubte Bilder, die gar nicht mehr aktuell zu sein schienen, werden wieder hervorgekramt; man kann auf sie zurückgreifen, da sie im kollektiven Bewußtsein lagern.

Der Staatsfeind als Feindstaat oder:
Der Mythos vom "besseren" Deutschland

Vier Jahrzehnte lang wurden die Fragen nach nationaler Identität nach dem Prinzip der wechselseitigen Ausschließung beantwortet. Bürger der DDR zu sein hieß nichts oder nur wenig mit der BRD gemein zu haben. Umgekehrt gehörte es zum Selbstverständnis der Bundesbürger, sich von dem als militaristisch und unmenschlich wahrgenommenen SED-Regime abzugrenzen.

Die "Diktatur der Arbeiterklasse" - "besonnen ausgeübt durch ihre Partei, die SED" - wurde in der DDR zur Grundlage von Staat und Gesellschaft gemacht und als Träger des geschichtlichen Fortschritts angesehen. Im Westen galt sie als Projekt des Staatsfeindes. Dort wurde die Orientierung wirtschaftlicher Entscheidungen am privaten Gewinn, verkörpert in der Gestalt des freien Unternehmers, als Garant des Wohlstands betrachtet. In der DDR galt "der Kapitalist" als der große Schurke der neueren Geschichte.

Die deutsche Teilung bot beiden Seiten die Möglichkeit, sich von den schlechten Eigenanteilen zu distanzieren und sich dem moralisch, politisch oder ökonomisch überlegeneren Teil zuzurechnen. Typischerweise nahmen beide Teilstaaten für sich allein das Recht in Anspruch, das bessere Deutschland zu verkörpern: die DDR in bezug auf die Vergangenheit, die Bundesrepublik in bezug auf die Gegenwart.

So schrieb sich die DDR die Abkehr vom Faschismus auf die Fahnen und verstand sich als Wahrer des Antifaschismus und des Friedens. Die säuberliche Scheidung von Pro- und Antifaschisten ermöglichte die manichäische Aufspaltung deutscher Traditionen in einerseits schlimme, imperialistische und demokratische, humanistische Anteile andererseits.

Mit dem Mythos eines "anderen" und "besseren Deutschlands" konnte sich die SED zum Sachwalter der wahren Interessen der Nation aufschwingen. Ihre Kampagnen gegen die Wiederbewaffnung und die politische Westintegration der Bundesrepublik waren von eindeutig nationalistischen Tönen geprägt.

Die Bundesrepublik verkörperte dagegen gegenwärtige Werte, nämlich westlichen Wohlstand und die Frontstellung gegen den Stalinismus. Im Wettkampf der Systeme, der durch die Ordnung von Jalta vorgegeben war, hatte der westliche Teilstaat die besseren Karten.

Die Hallstein-Doktrin, die die westdeutsche Außenpolitik vor der Brandtschen Ostpolitik prägte, ließ sich von dem Grundsatz leiten: "Wir sind das eigentliche Deutschland; im Osten gibt es einen illegitimen Sproß, einen Wurmfortsatz, der niemanden zu interessieren hat." Wenn der Osten in dieser westlichen Optik auftauchte, dann in der Version: "Gen Osten wollen wir reiten", wie es in einem alten Landserlied heißt. Diese Mentalität, die in den siebziger und achtziger Jahren an Bedeutung verlor, gab es in der Bundesrepublik des Kalten Krieges sehr wohl.

Aus heutiger Sicht fällt auf, daß solche Vorstellungen gerade nicht auf die vielleicht noch erreichbare Wiedervereinigung des geteilten Landes gerichtet waren, sondern auf die unerreichbare Wiederherstellung des deutschen Reichs in den Grenzen von 1937. Es paßt in eine solche Vorstellungswelt, daß in den fünfziger Jahren "Häuser des Ostens" gebaut wurden, als Stätten der Begegnung für Heimatvertriebene, aber keine Zentren für eine Wiedervereinigung. Gegenüber den Kommunisten im Osten galt ein Berührungstabu.

Unterhalb der Schwelle pathetischer Sonntagsreden war die Wiedervereinigung als realistisch zu erstrebendes Ziel abgehakt. Und zwar nicht nur bei jenen, die der Ehrlichkeit halber das Vereinigungsgebot am liebsten aus der Präambel des Grundgesetzes gestrichen hätten. Auch in der CDU dachte man nicht anders: Noch im Bundestagswahlkampf 1986, also drei Jahre vor dem Fall der Mauer, trat sie mit dem Slogan auf "Weiter so, Deutschland". Sie spaltete damit die DDR, die sich - wie wir heute wissen - in ihren letzten Zügen befand, ganz selbstverständlich von ihrem Deutschland-Bild ab.

Die DDR ihrerseits praktizierte ein noch strengeres Berührungstabu. Sie verlegte den Hauptteil ihres Terrorpotentials an die "Staatsgrenze West". Dort war es für die eigenen Bürger zwar kaum zu sehen, dafür um so mehr für die Westdeutschen. Hier schlug das Manichäische der Ordnung von Jalta durch: Gut und Böse waren widerwillig Anrainer, das Gute mußte vom Bösen strikt abgetrennt werden.

Der Systemimperativ der DDR war auf die Einhaltung dieser Grenzen angelegt, westliche Einflüsse durften nicht überschwappen, die eigenen Bürger nicht gehen. Der Sozialismus in den Farben der DDR war eine durch und durch konservierende Kraft. Die panische Angst vor Außeneinflüssen - ob bei den FDJ-Aktionen gegen (West-)Fernsehantennen in den fünfziger Jahren oder bei der 40 Prozent-Rate an Westmusik in DDR-Diskos, die bis zuletzt nicht überschritten werden durfte - zeugte nicht gerade vom Selbstbewußtsein jener, die beständig die Morgenröte des Sozialismus im Munde führten. Die nach 1989 sichtbar gewordene Angst vor dem Fremden hat eine ihrer Ursachen in den Abschottungen, die die DDR nicht nur gegen den Westen, sondern seit der Perestroika auch gegenüber dem Osten praktizierte.

Wer sich angesichts solch strikter Grenzziehungen im geteilten Deutschland öffentlich äußerte, mußte sich entweder für die eine oder die andere Seite entscheiden. Zum Verderblichsten gehörte es, "Beifall von der falschen Seite" zu bekommen - und mit Rücksicht darauf wurde vieles nicht ausgesprochen, was zwar der Freiheit gutgetan hätte, aber nicht in die bipolare Welt von Jalta paßte. Ein geradezu idealtypischer Abspaltungsmechanismus sorgte dafür, daß die Teilung Deutschlands psychisch gesehen einen ungeheuren Vorteil bot. Sie wurde dazu benutzt, die schlechten Seiten - "der böse Kapitalist", "der böse Kommunist" - dem jeweils anderen zuschreiben zu können, und sich selbst damit ins bessere Licht zu rücken.

In den Hochzeiten des Kalten Krieges diente im Westen die Totalitarismus-Theorie dazu, Nationalsozialismus und SED-Regime gleichzusetzen. In der Konsequenz führte dies zu einem Desinteresse, ja einer Abwendung von den in der DDR lebenden Deutschen. Denn wenn sich der Staat auf totalitäre Weise der Gesellschaft bemächtigt hat, wenn - wie die Totalitarismus-These behauptet - DDR-Staat und -Gesellschaft identisch seien, warum soll man sich dann mit der DDR-Gesellschaft und den in ihr Lebenden auseinandersetzen? Dann kann man sich beruhigt zurücklehnen, man weiß ja ohnehin: "Dies ist ein Terror-Staat". Das solchermaßen verkürzte Interesse reicht dann gerade noch für paternalistisches Päckchen-Packen.

Offensichtlich greift es zu kurz, die Integration in das DDR-System auf repressive Mittel zu reduzieren. Man unterschlägt damit, daß die DDR für die ersten Generationen eine Aufsteigergesellschaft war mit allen Anpassungsmechanismen, die damit zusammenhängen. Doch ist das nur die eine Seite des Problems. Die andere ist die schlichte Abwendung von Lebenswelt und Gesellschaftsgeschichte der DDR. Solche weit verbreitete Haltungen mögen dazu beigetragen haben, daß nach dem Fall der Mauer das Leben in der DDR den allermeisten Westdeutschen schlicht unbekannt und fremd war.

Die Entstalinisierung nach '89 oder:
Die Sieger der Geschichte sind andere

Vergleicht man die beiden Systemumbrüche 1945 und 1989 miteinander, so fallen als erstes die Unterschiede auf. Zuallererst: Es gab in der DDR keinen Holocaust. Auch gibt es anders als 1945 keinen Kollektivschuld-Vorwurf gegenüber den Ostdeutschen - auch wenn manches auf westdeutscher Seite danach klingt. Und ein dritter Unterschied: Die Westdeutschen als diejenigen, die heute als Sieger der Geschichte gelten, sind keine fremdsprachigen Besatzer; die Bevölkerung der DDR hat sich vielmehr 1990 in mehreren Wahlen für eine schnelle Übernahme des westdeutschen Modells entschieden.

Die Ähnlichkeiten liegen also weniger in den politischen Systemen als in den subjektiven Mechanismen der Umorientierung. Hier allerdings sind deutliche Parallelen festzustellen. Wie nach 1945 ist auch jetzt wieder zu hören: "Das haben wir alles nicht gewußt, das haben wir nicht gesehen." Wenn man freilich genauer nachfragt - so berichtet etwa die Psychologin Brigitte Rauschenbach von Forschungsarbeiten in Sachsen-Anhalt -, "wußte man doch eine ganze Menge. Eine Frau sagte einmal, sie habe sich wie ,unter einer Käseglocke` gefühlt." Diese diente als wohliger Schutzraum, der auch davor abhalten sollte, darüber hinauszuschauen.

Die Kränkung, nach dem politischen Umbruch Schreckliches zu erfahren, ob nach 1945 oder nach 1989, rechtfertigt den bisherigen Stolz nicht länger. Deshalb muß diese Kränkung nun in einem wörtlichen Sinne abgearbeitet werden. Das westdeutsche Wirtschaftswunder der fünfziger Jahre war psychisch gesehen eine solche Antwort auf die erlittene Kränkung. "Psychologisch war das eine einsichtige Möglichkeit gewesen: ,Ich lasse etwas hinter mir zurück, was mich verletzt hat, was mich den Zeigefingern der Welt ausgesetzt hat, und zeige jetzt umgekehrt, daß wir doch etwas können`" (Brigitte Rauschenbach).

In der Tat funkionierte dieser Mechanismus nach 1945. Doch hier bricht die Parallele ab. Zwar gingen die Macher der Wiedervereinigung in der unmittelbaren Nachwendezeit der Jahre 1990/91 allgemein davon aus, daß ein Wirtschaftswunder problemlos im Osten Deutschlands wiederholbar sei, daß "die Pferde schon zu saufen" (Exwirtschaftsminister Haussmann) begönnen, wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen gegeben seien. Noch einige Jahre versuchten die Wirtschaftsinstitute in ihren Jahresberichten krampfhaft, "das Ende der Talsohle" zu sichten. Dann mußten sich auch die Politiker vom Traum der "blühenden Landschaften" verabschieden und eingestehen, daß die Wirklichkeit komplizierter ist - im übrigen bereits in den fünfziger Jahren komplizierter war - und sich die Geschichte nicht einfach wiederholt. Seitdem kann sich niemand mehr in Ostdeutschland der Hoffnung hingeben, die Kränkung durch ein Wirtschaftswunder "abzuarbeiten".

Genauer betrachtet, löst der "Zeigefinger der Welt" weniger Schuldbewußtsein aus als vielmehr Scham. Dies ist als Anzeichen dafür zu verstehen, daß das eigene Ich-Ideal enttäuscht wurde. Zwar kann man sich um die Enttäuschung herummogeln, solange es niemand bemerkt. Doch wenn ein anderer es sieht, stellt sich ein Gefühl des Ertappt-Seins ein. Genau dies ereignete sich nach 1989: zunächst löste der Fall der Mauer eine Euphorie aus, die als "Wahnsinn" bezeichnet wurde. Die Ostdeutschen ("Wir, das Volk") konnten stolz darauf sein, die Regierung gewaltlos gestürzt zu haben. Alle Welt schaute auf sie und freute sich mit ihnen. Doch kurz darauf folgte die Ernüchterung, die kilometerlangen Stasi-Akten. "Plötzlich zeigte die Welt mit dem Finger, ,Ihr seid doch nicht nur Mitläufer gewesen, Ihr seid im Alltag Denunzianten gewesen. Jeder hat jeden bespitzelt`. Das ist jetzt die neue Schamsituation" (Brigitte Rauschenbach).

Zu dem politischen Vorwurf ("Ihr miesen kleinen Stasi-Täter") gesellte sich die ökonomische Entwertung ("Eure Fabriken sind Schrott"). Paradoxerweise stellte sich die von ostdeutscher Seite so sehr gewünschte wirtschaftliche Anerkennung - der 1:1-Währungskurs - als Todesstoß heraus. Der psychische Verarmungsprozeß, der nach 1945 durch die Anpassung an die Siegermacht vermieden werden konnte, trat nach 1989 ein.

Ein Teil der Ostdeutschen reagiert auf solche Entwertungserfahrungen erneut mit dem Versuch, sich abzugrenzen und als die "eigentlich Besseren" darzustellen. "Wir brauchen eben nur 12 Schuljahre", heißt es dann in der Bildungsdiskussion.

Vor allem aber werden - ähnlich wie in der westdeutschen Verarbeitung des Nationalsozialismus - die "attraktiven Seiten" hervorgehoben, daß also die DDR für die Älteren eine Fülle von Aufstiegsmöglichkeiten bot, eine starke soziale Dynamik entfaltete, ja in den fünfziger und sechziger Jahren eine erstaunliche Aufstiegsgesellschaft war.

Es ist schon sehr auffällig, wie sich die Art und Weise gleicht, mit der man sowohl '45 als auch '89 auf Schuldvorwürfe reagiert: "Wir waren ja eigentlich kleine Fische", "wir haben genug gebüßt", "wir werden von neuem ungerecht behandelt". Neuerdings kommt zu den bekannten Reaktionsweisen noch hinzu: "Wir haben den Krieg dreimal verloren"; gemeint ist real verloren gegen die damaligen Siegermächte, zum zweiten verloren, weil - wie es jetzt heißt - "uns das sowjetische System aufgezwungen wurde", und schließlich zum dritten Mal verloren durch die westdeutschen Sieger. Unter allen drei Aspekten habe man mehr bezahlt als die Westdeutschen, doch diese - so der westdeutsche Historiker Alexander von Plato - "sind nicht einmal bereit, einen Funken davon anzuerkennen. Dies schafft auf östlicher Seite eine gewisse Abwehr, die Schuldvorwürfe für Verstrickungen in den SED-Staat zu akzeptieren."

Zu ihrer Rechtfertigung beziehen sich viele Ostdeutsche auf ein durchgehendes "Kleine-Leute-Bild". Auffallend auch hier die Parallelen zu dem "fügsamen und betäubten Volk", von dem Norbert Elias für die Zeit von 1933 bis '45 spricht. Zu einem Abschütteln der Käseglocke, die das eigene Bewußtsein benebelt, fühlt man sich nicht in der Lage. Reicht diese Traditionslinie gar bis ins 19. Jahrhundert zurück? Der "Erfahrungsverlust", wie Peter Brückner dies bezeichnet, erinnert an den Hebbelschen Meister Anton, dem das autoritäre Korsett verlorenzugehen droht und der in seinem Mißverhältnis zu seiner Umwelt ahnungsvoll ausruft: "Ich verstehe die Welt nicht mehr!"

Offenbar handelt es sich hier um eine Konstante, die sich durch die deutsche Geschichte zieht. Nach dem politischen Mißerfolg zieht man sich in die Privatsphäre zurück und bekundet: "Wir haben nichts zu sagen, wir haben uns hier nur eingerichtet, und irgendwann möchten wir auch was vom Kuchen abhaben."

Der Ostberliner Historiker Wolfgang Meinicke ist gegenüber diesen allzuschnell vorgebrachten Argumenten freilich skeptisch: "Den Rückzug auf die Ohnmacht der ,kleinen Leute` haben sie 1989 selbst ad absurdum geführt. Das weiß zwar jeder, aber man ist nicht bereit, dies generell für die 40 Jahre DDR gelten zu lassen. Doch auch der 17. Juni 1953 und die Entwicklung 1968 in Prag sind nicht spurlos an der DDR vorübergegangen. Es fehlte nicht an Ereignissen, die gezeigt haben, daß die sog. kleinen Leute durchaus in der Lage waren, etwas zu bewegen."

Solche Widersprüchlichkeiten, die zum Nachdenken anregen, kommen jedoch nicht weiter zum Tragen, da die Verarbeitung des Umbruchs 1989 von Anbeginn in den Strudel des Ost-West-Sogs gezerrt wird. Es ist nicht irgend jemand, der mit dem Finger auf die ostdeutschen Wunden zeigt, sondern es sind die Westdeutschen, also Angehörige des gleichen nationalen Kollektivs. Sie, die schon immer behauptet haben, die Schuld läge im Osten, kommen sich nun doppelt bestätigt vor: Ihre Überheblichkeit bezieht sich sowohl auf die wirtschaftlichen Erfolge des eigenen Systems als auch auf die moralische Verkommenheit des gegnerischen.

Diese Verkommenheit ist aus ostdeutscher Sicht doppelt schlimm: Zum einen steht sie dem selbst gestellten Anspruch diametral entgegen, das moralisch bessere Deutschland zu sein. Zum anderen erlaubt sie es den Westdeutschen, in deren Abhängigkeit sich die Ostdeutschen mit dem "Beitritt" begeben haben, in die alte Kerbe der Systemkonkurrenz und des Blockdenkens zu hauen.

Nicht nur die ostdeutschen Bürgerrechtler als die "kleinen Störenfriede von nebenan", sondern auch die Westdeutschen gerieren sich als moralisch auftrumpfende Richter. Dabei haben diese durchaus ihre eigenen Motive: "Mit den SED-Verbrechen passiert uns nicht noch einmal, was uns 1945 passierte", so ist in der westdeutschen Tagespresse zu lesen. Eine "Schwamm-drüber-Mentalität" werde der damaligen und der heutigen Situation der Opfer nicht gerecht. Man beachte: auch der damaligen Situation! Mit anderen Worten: Die Versäumnisse von 1945 sollen nach 1989 nachgeholt werden.

Die Stasi-Debatte steht von westdeutscher Seite aus auch für eine nachträgliche Auseinandersetzung mit 1945: 50 Jahre später will man nun an einem anderen Objekt Unnachgiebigkeit beweisen und merkt nicht, daß man sich dabei in der Logik des alten Blockdenkens verfängt.

Von ostdeutscher Seite wird dies als Einmischung empfunden, die Abwehrreaktionen hervorruft: "Mit uns wollt Ihr machen, wozu Ihr selber nicht in der Lage ward." So werden die Ansätze zur Nachdenklichkeit und selbstkritischer Neuorientierung von neuen Spannungen überlagert. Im Ost-West-Dialog oder bei Täter-Opfer-Gesprächen macht sich paradoxerweise eine Grundstimmung bemerkbar, die die Opfer der SED-Politik mit denen, die sie zu verantworten haben, fast wieder zusammenführt.

Beide Seiten reagieren auf die Einmischung der Westdeutschen äußerst allergisch. Die Trotzhaltung ähnelt den Reserven, die vor 50 Jahren den Allierten, also den damaligen Siegern der Geschichte, entgegengebracht wurde. Heute wird den Westdeutschen die Legitimation, zu urteilen, abgesprochen: "Nur wer hier gelebt hat, kann das werten", so der bekannte Leitspruch. Sofort kommt es zu einem Schulterschluß: "Dem ging's ja genauso wie mir, und da stehen wir schon zusammen und lassen uns nicht hineinreden." Mit solchen Haltungen wird die gerade in Gang gekommene Nachdenklichkeit blockiert.

Die Gefahr wird deutlich, daß sich Verschweigensgemeinschaften herausbilden, ähnlich denen nach 1945. Wieder kommt es zu einem heimlichen Konsens gegen die Sieger, diesmal die westdeutschen Sieger, und es erscheint nicht angebracht, seine Meinung zu äußern. Zwanzigmal mehr Ostdeutsche sagen in einer repräsentativen Befragung nach 1989, daß es nicht opportun ist, frank und frei seine Meinung zu sagen.

Historiker, die die Nachkriegsjahre untersucht haben, weisen jedoch noch auf weitergehende Gefahren hin: "Nach 1945 wurden die Unterschiede in den tatsächlichen Verantwortungen eingeschliffen. Ein Einkaufsvorstandsmitglied bei Krupp, dem damals größten Kriegsbetrieb, wird mit einer gewissen Sympathie bedacht, wenn er den gleichen Schuldvorwurf erfährt wie eine Hausfrau, die buchstäblich nichts mit der Verantwortung für diesen Krieg zu tun gehabt hat. Aber eine solche Hausfrau - und ich beziehe mich auf den konkreten Fall einer solchen Befragung - verteidigt den Einkaufschef bei Krupp, weil sie auch nicht glaubt, daß alle Vorwürfe gegen ihn - genausowenig wie bei sich selbst - berechtigt seien" (Alexander von Plato).

Wie in der Zeit nach 1945 entstehen neue Brücken des Einverständnisses. Es liegt nahe anzunehmen, daß die inzwischen nicht mehr zu rechtfertigenden, bornierten Unkenntnisse im Westen und die mangelnde Bereitschaft, die komplizierte Lebensweise innerhalb der DDR auch nur mit gewisser Sympathie zu betrachten ("War Robert Havemann ein Michael Kohlhaas?" fragt heute ein Richter die Witwe Havemanns), zu einem Erstarken des ostdeutschen Wir-Gefühls beigetragen haben.

Wieder kommt es zu einer Vermischung von Verantwortlichkeiten. Die Gefahr ist groß, daß auf diese Weise zusammengeschoben wird, was eigentlich nicht zusammengehört: nämlich die tatsächlich Verantwortlichen des SED-Regimes mit jenen, die dort nur einigermaßen zurechtkommen wollten.

Die Gleichmacherei unterschiedlicher Verantwortungen läßt im Osten Deutschlands die SED und in der Folge auch die PDS in einem anderen Licht erscheinen. Heute geht ein nicht unbeträchtlicher Teil der Ostdeutschen davon aus, daß es auf Unterschiede in der Verantwortung nicht ankomme. Weit über den Umkreis ehemaliger SED-Mitglieder hinaus erkennt man kein Problem darin, daß die PDS 1989 keinen Schlußstrich unter die Vergangenheit gezogen hat. Damit ist auch das Rätsel gelöst, warum die PDS im Osten Deutschlands heute ganz anders als im Westen beurteilt wird, nämlich als eine unverzichtbare Regionalpartei, die die aktuellen Interessen der Ostdeutschen engagiert verteidige.

Der fragwürdige Schulterschluß ist nicht nur auf die Entwertung von Lebenserfahrungen und die Ignoranz im Westen Deutschlands zurückzuführen, sondern auf einen einschneidenden Unterschied zum Epochenbruch 1945: Während die Entnazifizierung in der SBZ mit dem Angebot verbunden war, einen neuen Weg zu gehen und dafür künftig zu den Siegern zu gehören, gibt es heute diese Option nicht. Die Position der Sieger der Geschichte ist schon besetzt: Dafür stehen Westdeutsche bereit. In der Regel nimmt die aus dem Westen stammende "Importelite" jene Posten ein, die bei der Säuberung von belasteten Personen frei werden.

Der Rückblick auf das SED-Regime wird gemeinhin als Schulddebatte geführt; nach Funktionsaufteilungen in Staat und Gesellschaft wird erst gar nicht gefragt. Die Verengung der Diskussion auf die Staatssicherheit hat den Blick auf das innere Räderwerk der DDR, also auf die Funktionsweise eines autoritären Systems, versperrt. So drängt sich der Eindruck auf, daß die Stasi-Debatte auch deshalb von Westseite aus so ausgiebig geführt wird, weil sie sehr einfache Abgrenzungs- und das heißt Schuldkriterien ermöglicht. Denn sonst müßte man sich näher mit der Funktionsweise der DDR-Gesellschaft beschäftigen. Mit dem plakativen Abgrenzungskriterium "Stasi-Mitarbeiter ja oder nein" kann man sich dies ersparen.

Im Sinne des alten Blockdenkens muß sich nur der Osten für seine Anpassungsleistungen rechtfertigen, der Westen nicht. Kaum jemand fragt sich in Westdeutschland, inwieweit die Anlehnungen an den Westen ebenfalls zu Anpassungen führten. Hunderttausende haben sich auch im Westen ihre Moral nach den jeweiligen Anforderungen zurechtgelegt, ihre Meinungen und politischen Haltungen geändert. Für westliche Biographien - und zwar für die älteren wie die jüngeren Jahrgänge - ist der politische Meinungs- und Positionswandel geradezu charakteristisch. Das Recht auf politischen Irrtum nimmt man gerne in Anspruch.

Insofern wäre es reizvoll zu vergleichen, welche Anpassungsleistungen in der SED-Diktatur notwendig erschienen und welche es unter den heutigen Bedingungen sind. Wo machen sich die Unterschiede zu einem demokratischen System bemerkbar? Wie wird Demokratie konkret erfahren? Die Ostdeutschen könnten in einen solchen Dialog ihre Erfahrungen mit zwei Systemen einbringen, die Älteren sogar mit drei. Man darf deshalb vermuten, daß ein solcher Vergleich nicht auf die gleiche Ablehnung stoßen würde wie die Stasi-Debatte.

Viel Zeit bleibt dafür freilich nicht. Denn die Debatte über subjektive Verantwortlichkeiten und Anpassungsleistungen scheint - zum Mißfallen der Bürgerrechtler - auch im Osten Deutschlands wenig gefragt zu sein. Gegenüber den westlichen Schuldvorwürfen ist eine Schlußstrich-Variante beliebt. Unabhängig von Schuldzuweisungen wäre aber die Frage, was man bezogen auf das Verhältnis von Individuum und Politik aus den schwierigeren DDR-Bedingungen heute für die einfacheren, weil demokratischen Bedingungen lernen kann. Daran schlösse sich die Frage an, welche individuellen Fähigkeiten in einer Gesellschaft nötig sind, die nicht mehr autoritäre Korsetts liefert.

Das Sieger-Besiegte-Syndrom oder:
Die Asymmetrie des deutsch-deutschen Dialogs

Als 1989 das sozialistische System zusammenbrach und die westlichen Gesellschaften sich als die offeneren, moderneren, funktionstüchtigeren erwiesen, tauchte das alte, schon überholt geglaubte Muster, die besseren Deutschen zu sein, wieder auf. Systemeigenschaften - wie die "starre Planwirtschaft" - wurden auf reale Personen betragen; aus "unseren Brüdern und Schwestern in der Zone" wurden "faule Ossis".

Sicher wurden die gegeneinanderstehenden starren Fronten, die die fünfziger und sechziger Jahre kennzeichneten, in den Jahren der "Ostpolitik" abgemildert, aber das zugrundeliegende Muster prägte sich in der Nachwendezeit von neuem heraus. Die Westdeutschen sahen sich aufgrund der Gunst der Grenzziehung zu Siegern erklärt, die Ostdeutschen zu Besiegten. Hilflos protestiert Günter Grass: "Ich will mich nicht auf die Bank der Sieger setzen."

Solche historischen Zuordnungen führen dazu, daß unabhängig von den konkret agierenden Personen die Sieger Bescheid wissen, die Besiegten haben zu lernen. Warum auch sollen Sieger Grund haben, sich zu ändern und von dem alten Denken in Blöcken Abschied zu nehmen? Für die Lernfähigkeit des Westens war die so verstandene Vereinigung wahrscheinlich die ungünstigste Variante: Sich ausschließlich bestätigt zu fühlen führt längerfristig zu mangelnder Flexibilität und Erstarrung des Denkens.

Im deutsch-deutschen Dialog der vergangenen Jahre stieß die auf den Kalten Krieg zurückgehende Verteilung von Schuld und Unschuld auf starke Vorbehalte. Die heute in Halle lehrende Soziologin Sigrid Meuschel schreibt dazu: "Vermutlich war es in den Westzonen nach dem Krieg einfacher, sich von den Besatzungsmächtne in die neue Ordnung einweisen zu lassen. Die Okkupanten waren immerhin die Sieger und außerdem Fremde; mußte man sich schon Blößen geben, dann besser vor Fremden. Nun aber sind die Okkupanten die eigenen Leute aus dem anderen Land, zu dem die Unterlegenen auf Dauer gehören und aus dem die neuen Eliten kommen. Es bleibt also neben dem Gefühl der Okkupation auch das der Fremdheit."

Von ostdeutscher Seite war dazu zu hören: "Ich entschuldige mich nicht dafür, in der DDR geboren zu sein." In Potsdam bewarb sich der PDS-Politiker Rolf Kutzmutz um den Posten des Oberbürgermeisters mit dem trotzigen Slogan: "Meine Biographie begann nicht erst 1989."

Ging es im deutsch-deutschen Dialog der vergangenen Jahre um die Kontroverse von Tätern und Opfern und kleinen Tätern und kleinen Opfern, so stellten sich schnell Selbstschutzmechanismen ein, die die Verständigung blockierten. Immer wieder schlich sich der Fehler ein, Systemeigenschaften persönlich-subjektiv zuzuordnen. Wenn jedoch die Frage nach der Verantwortung des einzelnen mit Alltagsthemen verknüpft wurde, tauchten solche Blockierungen weniger auf. Aufgrund der Konkretheit der Fallsituation wurden Zwänge, Plausibilitäten und Wertentscheidungen deutlich.

So fragwürdig es ist, "die Wahrnehmung auf den eigenen Lebenshorizont egoistisch zu reduzieren" (Lutz Niethammer), so sehr könnte ein erfahrungs- und biographiegestützter Dialogansatz dort weiterhelfen, wo eine simplifizierte Schulddebatte Mauern in den Köpfen entstehen ließ.

Ein halbes Jahrzehnt nach Fall der Mauer verblassen jedoch subjektive Erfahrungen aus dem DDR-Alltag. Mit ihnen verschwindet die Chance, Konflikte aus der inneren Situationslogik der ostdeutschen Akteure verständlich zu machen. Objektive und oftmals banale Systemzuschreibungen bekommen Oberwasser: pro oder contra, schuldig oder unschuldig.

Die historisch herausgebildeten Muster werden reaktiviert: Im Westen Deutschlands will man sich die Geschichte der eigenen Initiation zum demokratischen Staatsbürger nicht nehmen lassen, und zwar gerade dann, wenn man dafür wenig selbst beigetragen hat. Obwohl der Kommunismus historisch erledigt ist und damit eigentlich auch der Antikommunismus seine Berechtigung verloren haben müßte, entsteht merkwürdigerweise ein "nachträglicher Antikommunismus".

Wahltaktisch mag es vorteilhaft sein, auf die "roten Socken" einzudreschen, zumal die PDS ihr Wählerpotential stabilisiert. Doch der Verständigung unter den Deutschen wird damit ein Bärendienst erwiesen. Kurzfristige Taktik zerstört die zarten Pflänzchen der Annäherung, vordergründiges Kalkül zementiert, ja revitalisiert altes Blockdenken. Mit "Roten-Socken"-Kampagnen kann man zwar - wie die Bundestagswahlen 1994 und zuletzt die Berliner Senatswahlen im Oktober 1995 gezeigt haben - Wahlen gewinnen; jedoch hat man post festum langfristig mit jenen Problemen zu tun, zu denen man vorher leichtfertig beigetragen hat.

Es ist außerordentlich aufschlußreich, daß das so sehr erwünschte "Zusammenwachsen" der Ost- und Westdeutschen seitdem überwiegend nach dem sozialpsychologischen Muster des Besseren und Schlechteren, eben des Siegers und des Besiegten verläuft. Der Westen hat recht, der Osten hat sich anzupassen.

Historische Differenzierungen, die das bipolare Blockdenken aufzubrechen würden, kommen unter solchen Umständen selten in den Blick. Ein Beispiel: Das DDR-offizielle Bild von der westdeutschen Gesellschaft war durch Antikommunismus, revisionistische Forderungen, Wiederaufrüstung et cetera geprägt; es nahm überwiegend auf die Vor-68er-Gesellschaft Bezug. Aus dieser Traditionslinie heraus sehen viele Ostdeutsche auch heute noch in der Bundesrepublik zwar eine freie Marktgesellschaft, nicht jedoch die tiefgreifende, "subjektive" Modernisierung, also Wertewandel, Individualisierung, Pluralisierung von Lebensstilen, die die bundesrepublikanische Gesellschaft seit den siebziger Jahren geprägt hat.

Umgekehrt waren es die Westdeutschen gewohnt, im östlichen Teilstaat ausschließlich den gefährlichen Gegner zu sehen. Warum war es dann, um ein Beispiel aus der Kulturpolitik zu wählen, der DDR unmöglich, den westlichen Kultureinflüssen, die für DDR-Jugendliche so außerordentlich attraktiv waren, etwas Substantielles entgegenzusetzen? Die offensichtliche Schwäche der DDR, ihr Hinterherhinken hinter westdeutschen Standards, und zwar nicht nur im Konsumangebot, hat in dieser westdeutschen Optik keinen Raum.

Der Gegner muß immer stark sein, sonst eignet er sich nicht als Feindbild. Wie die Geschichte gezeigt hat, war die DDR aber ein schwacher Staat, sonst wäre sie nicht wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Was aber, wenn der Staat plötzlich verschwunden ist? Wenn die Stelle des Gegnerstaates, die über Jahrzehnte hin auf die DDR projiziert wurde, vakant ist?

Die Diskussion über Schuld und Unschuld hat noch einen anderen Aspekt. Sie verdeckt häufig die Verantwortlichkeit für die künftig gemeinsam zu tragende Geschichte. Allzuleicht neigen Westdeutsche dazu, sich aus einer kontroversen Debatte um Wertmaßstäbe für Anpassung oder Widerstand mit der Ausrede auszuklinken, sie könnten dies nicht beurteilen, weil sie es nicht erlebt hätten. Die westliche Diskussionsverweigerung entspricht der ostdeutschen: "Nur wer hier gelebt habt, kann das werten". Das gleiche Argument wird also zu verschiedenen Zwecken in die Diskussion eingebracht. Im einen Fall fördert es westdeutsches Desinteresse und Bequemlichkeit, im anderen östliche Blockaden und Ressentiments.

Derartige Blockierungen fördern ein "Stunde Null"-Denken. Weil der Staat DDR zugrunde gegangen ist, will man - von westlicher Seite - auch mit der DDR-Gesellschaft nichts zu tun haben. Von östlicher Seite entspricht dem ein Abschied ohne Trauerarbeit, der zu rückwärtsgerichteten Wehmutsgefühlen führt. Doch Nostalgie gibt es auch im Westen. Sie äußert sich in Vorstellungen wie: "Bevor die Ostler dabei waren, war alles besser, da konnten wir Zukunftsvorstellungen entwickeln; die Ostler haben uns zurückgeworfen".

Die politischen Auswirkungen solcher Verdrängungsleistungen sind außerordentlich fatal: Die Opfer des SED-Regimes gelten bereits wieder als Unruhestifter, ja als lebender Vorwurf. Mit ihnen wollen viele nichts zu tun haben. Parallelen zu den NS-Opfern in Westdeutschland scheinen offensichtlich. So wie es ein Erfolg der '68er-Generation war, für das Schicksal der vom Nationalsozialismus Verfolgten sensibilisiert zu haben, weisen die heutigen '89er zurecht auf die Opfer der DDR-Repression hin. Sie akzeptieren es nicht - wie die Potsdamer Historikerin Anka Schaefer moniert - , "daß sich ein ostdeutsches Bedürfnis nach schnellem Seelenfrieden mit einem westdeutschen Mangel an Selbstreflexion paart."

Ein gemeinsames Geschichtsverständnis?

Die vierzig Jahre lang getrennte deutsche Geschichte ist aufgrund der Vereinigung - von einem Augenblick auf den anderen, - zu einer gemeinsamen geworden. Die idealiter gemeinsame Geschichte ist freilich noch nicht zu einem gemeinsamen Verständnis von Geschichte geworden. Die Hypothek ihrer beiden Vergangenheiten bringen beide Teile in ein künftiges Geschichtsverständnis mit ein.

Ein Erbe hat positive und negative Seiten. Wer die Blocklogik verlassen will, wird redlicherweise nicht nur - wie es das SED-Regime gemacht hat - die Traditionen herauspicken, die ihm gerade ins Weltbild passen. Wer das Erbe insgesamt in allen seinen Facetten annehmen will, muß es gerade auch in seinen problembehafteten Bestandteilen erwerben, um es zu besitzen.

Die Übernahme des Erbes schafft zwar keine persönliche Verantwortung für den anderen Teil, erfordert aber immerhin die Auseinandersetzung mit seinen beiden Teilen. Dies schließt auch Bewertungen mit ein. Von daher können die Westdeutschen sich nicht taub stellen und so tun, als hätten sie mit dem Stalinismus auf deutschem Boden nichts zu tun; immerhin prägte er das Schicksal der neu zu ihnen gestoßenen Bundesbürger in mehreren Generationen. Die Ostdeutschen wiederum haben sich nicht nur für westliche Konsummöglichkeiten entschieden, sondern auch für jene Form von Demokratie, wie sie sich historisch mit ihren Normen und Regeln im westlichen Teil des Landes seit 1949 herausgebildet hat. Erst diese Auseinandersetzung macht aus einer Staatsform, der die Ostdeutschen beigetreten sind und die sie in Wahlen bestätigt haben, eine lebendige, eigene.

Im Westdeutschland der Nachkriegsjahrzehnte war dies nicht anders: Aus der von den westlichen Alliierten verordneten Demokratie ist erst durch einen langen Aneignungsprozeß eine eigene, gelebte Demokratie geworden. Erst diese Auseinandersetzung, also die Wahrnehmung der Gesellschaftsgeschichte des jeweils anderen Teils Deutschlands, macht den Beteiligten klar, auf wen sie sich mit der Vereinigung des Jahres 1990 eigentlich eingelassen haben