Die "Olympische Idee"

Jürgen Meier

Pirre de Fredi, Baron de Coubertin, Pädagoge, Historiker und Sportler, erweckte die Olympische Idee am 23.6.1894 in der Sorbonne für die Neuzeit, die 1896 in Athen mit 280 Athleten aus 13 Nationen in die Tat umgesetzt wurde. 11 Journalisten berichteten über deren Kämpfe.

Coubertin, am 1.1.1863 im Schloss Coubertin, das fünf Kilometer von Versailles entfernt liegt, geboren, blieb Aristokrat, aber von jenem bürgerlichen Typus, der sich mit dem Menschenbild der Industrialisierung zu verbinden wusste. In seinen Texten Pedagogie sportivie und L’histoire universelle legte er die theoretischen Grundlagen für die Olympischen Spiele moderner Prägung. Vier seiner Richtlinien lauteten:

1. Übernahme des antiken Rhythmus von vier Jahren

2. Würde des Festes

3. Internationalität der Teilnehmer und des Kampfortes und

4. der moderne Sport als sportlicher Inhalt.

"Der Olympismus", so Courbertin, "sucht wie in einem Strahlenbündel alle miteinander wetteifernden Grundsätze zur Vervollkommnung des Menschen zu vereinen."

Coubertin entwickelte auf dem Gebiet des sportlichen Wettkampfes, was die Industrie und deren fortschrittliche Erziehungspraktiker, wie Owen in England, auf anderen Gebieten längst zu praktizieren begonnen hatten. Die technische Entwicklung der großen kapitalistischen Länder erforderte eine Angleichung oder Globalisierung der menschlichen Fähigkeiten. Coubertin forderte für die Erziehung der jungen Menschen, der sportlichen Ausbildung einen gleichberechtigten Raum neben dem wissenschaftlichen einzuräumen. Anders als heute, nahm mit der Industrialisierung die quantitative Dominanz der körperlichen Arbeit in den Fabriken zu. Das erforderte neue Erziehungskonzepte.

Nicht von ungefähr fanden die Olympischen Spiele 1900, Paris, und 1904, St. Louis, am gleichen Ort wie die Weltausstellungen in jenen Jahren statt. Während die Weltausstellungen den technischen Fortschritt der bürgerlichen Produktionsweise ganz allgemein zur Schau stellten (Eiffelturm), sollten die Olympiaden den menschlichen Fortschritt demonstrieren, der, als Völkerverständigung bezeichnet, die körperliche Leistungsfähigkeit der Nationen vergleichbar werden ließ. Das US- Team, das 1904 vom Fabrikanten Albert Goodwill Spalding verpflichtet wurde, dessen Kleidung zu tragen, zeigte als erstes Team, wie in der Neuzeit Sport als Ausdruck national ökonomischer Leistungsfähigkeit verstanden wurde.

Die "antike Idee"

Von 776 vor bis 393 nach Chr. fanden alle vier Jahre Spiele in Olympia statt, bis Kaiser Theodosius den "heidnischen" Brauch verbot. Diese Spiele waren gemeinsame Götzendienste der ansonsten unabhängigen und oft zerstrittenen griechischen Stadtstaaten. Während der Kulthandlungen in Olympia war es diesen untersagt, Nachbarstädte zu überfallen.

Olympia, das war der Name des heiligen Bezirks, der dem Gott Zeus geweiht war, den alle griechischen Stadtstaaten verehrten. Im Olympos, dem griechischen Gebirgszug, lebten, so der Mythos, die Götter, denen zum Opfer sich die Freien, die Adligen der Stadtstaaten versammelten.

Der Fackellauf zum Entzünden des Opferfeuers war ursprünglich die einzige sportliche Aktion des Kultes. Die Olympiade war ein Opferfest für die Götter des Olymp. Von den teilnehmenden Stadtstaaten wurde verlangt, dass sie zehn Prozent ihrer Kriegsbeute dem Göttervater Zeus spendeten. Der Götterthron samt Zeus, eines der sieben Weltwunder der Antike, war aus solcher Kriegsbeute finanziert worden. Die Olympischen Spiele begannen mit dem Fackellauf zum Opferaltar, an den sich später immer weitere, zunächst nur Laufdisziplinen anschlossen. Der Lauf, genannt "Stadion", was so viel wie "das in die Länge Gezogene" bedeutete, entsprach einem Wegmaß von 600 Fuß. Die antike Laufbahn war ein lang gestrecktes Rechteck, kein Oval wie heute. Die Kurzstrecke führte vom Osten des Olymp nach Westen, zum Altis, dem heiligen Bezirk des Zeus. Erst nach der 17. Olympiade kam der Fünfkampf, das Pentathlon, bestehend aus Diskuswurf, Sprung, Speerwurf, Lauf und Ringen hinzu.

Es wurde gekämpft, um die Ehre der Götter des Olymp für sich zu gewinnen. "Du willst in Olympia siegen?", fragte Epiktet: "Auch ich, bei den Göttern! Denn das bringt Ehre." Um zu siegen mussten die Freien nicht selbst antreten. Es reichte, wenn einer ihrer Sklaven gewann. Ursprünglich waren alle Wettkämpfe den Adeligen vorbehalten, aber das änderte sich vom 5. Jahrhundert vor Chr. Zum Sieger wurde nicht der Gespannfahrer (Jockey) erklärt, sondern der Besitzer des Pferdes, der selbst gar nicht in Olympia anwesend sein musste. Die alten und die neuen olympischen Spiele haben, trotz scheinbarer Ähnlichkeiten, die die Sklavendienste der griechischen Akteure mit den werbungsschleppenden, aber freien Sportlern aufkommen lässt, wenig an "Idee" gemeinsam.

Während die modernen Spiele dem Mythos der modernen Industrialisierung und Globalisierung folgen, blieben die alten Spiele liturgische Handlungen, um den Göttern des Olymp zu dienen. Selbst der Waffenlauf der alten Spiele (Hoplitodromos) der anfangs mit Helm, Beinschienen und Schild ausgetragen wurde, später nur mit Helm und nackt galt in seiner ganzen Brutalität den Göttern, nicht der Wehrhaftigkeit des Mannes.

Der erste Fackellauf 1936

Das "Dritte Reich" verstand sich als Renaissance des alten Griechenland. Statt, wie Marx sagte, bei Betrachtung der griechischen Kunst – die ohne griechischen Mythos genauso unmöglich gewesen wäre wie der Sport – sich über die Produkte der Kindheit unserer menschlichen Geschichte zu erfreuen, wurden in Deutschland Millionen von Menschen kindisch. Sie glaubten an den gesunden Geist, der nur in einem gesunden Körper wohnen könne. Um Deutschland wehrtüchtig zu machen. benutzten die Nazis die Legende von der Olympischen Idee, die sie unter anderem so priesen:

"Allen Spiels/ heil’ger Sinn/ Vaterlandes/ Hochgewinn./ Vaterlandes höchst Gebot/ in der Not:/ Opfertod!" ("Heldenkampf und Totenklage")

Die griechischen Körper, die 1935/36 in der Wanderausstellung "Sport der Hellenen" glorifiziert wurden, sollten Vorbild, Verpflichtung, Selbstzucht und Erziehung zur Härte sein, sie sollten die anzustrebenden Tugenden des "neuen" deutschen Menschen zeigen. Stets erfolgte der Bezug auf die griechische Antike.

Heute ist ganz in Vergessenheit geraten, dass der Fackellauf, bei dem das olympische Feuer von Olympia an den jeweiligen Austragungsort getragen wird, eine Erfindung der Nazis war. Der erste Lauf führte 1936 durch sieben Länder über eine Distanz von 3075 Kilometer, durch Städte, die wenige Jahre später alle von deutschen Militärs besetzt wurden. Die Strecke war von Mitarbeitern des Propagandaministeriums festgelegt worden. Die Firma Krupp stellte die Fackelhalter kostenlos zur Verfügung. Strategisch und mit modernen Marketingkriterien messbar, begann der Fackellauf mit einer "Weihestunde" zwischen den Ruinen Olympias. Am 20. Juli 1936 um 12 Uhr mittags entfachten 13 Mädchen in antiken Gewändern mit einem von Zeiss/Jena hergestelltem Hohlspiegel eine Flamme. Der Erzbischof von Tripolis segnete diese Flamme, und der erste griechische Läufer entflammte seine Fackel an diesem Altarfeuer. Der Reichsrundfunk übertrug diese Glorienfeier. Zur gleichen Zeit fand vor dem Berliner Rathaus eine Feierstunde statt.

In den Hauptstädten versammelten sich große Menschenmengen, um die Ankunft der Flamme mit Volksfesten und "Weihestunden" zu feiern. Alles war haarklein von den Nazis geplant worden, die Form des Altars, auf dem die Flamme brannte, war genauso vorgeschrieben wie der Ablauf der Veranstaltungen: Reden, Hymnen, Fahnenhissen, Glockengeläut.

Außer in Prag jubelten die Menschen dem deutschen Marketingkonzept in der Gestalt einer Fackel mit Flamme lauthals zu. In Prag demonstrierten Hitlergegner gegen die feierliche Entzündung des "Altarfeuers" so heftig, dass sogar die olympische Flamme erlosch. Die meisterlich inszenierten "Events" und "Rituale" des deutschen Faschismus, die in der Kontinuität zum Kaiserreich standen, scheiterten in Prag erstmals an der Wirklichkeit des gesellschaftlichen Lebens.

Kaiser Wilhelm hatte sich bereits 1873 in seiner Funktion als "Protector der Königlichen Museen" für die Ausgrabungen auf dem Boden des antiken Olympia eingesetzt und von 1875 bis 1881 dafür 800000 Mark der Staatskasse entnommen. In einem Vertrag (13./25.4.1874) mit Athen wurde vereinbart, dass Deutschland alle Kosten der Ausgrabungen übernimmt. Bismarck ließ sich vom Reichstag diese museal verkleidete imperiale Ambition bestätigen. Der Abgeordnete Römer, dessen Name ein weltberühmtes Museum in Hildesheim trägt, pries Bismarcks Initiative mit den Worten: "das Gesamtgut sämtlicher gebildeter Nationen, Kunst und Wissenschaft" würde damit in erfreulicher Weise gefördert (Stenographischer Bericht, S. 522 f.).

Kaiser Wilhelm hatte in einem Brief an den Rassentheoretiker Hitlers, Chamberlain, der eine ideologische Verbindung zwischen der alten kaiserlichen Reaktion und dem späteren Faschismus schuf, deutlich gesagt, was diese "gebildeten Nationen" an Absichten verfolgten: Hegemonie! Der Kaiser, so der Brief, wolle "Streitkumpan und Bundesgenosse im Kampf für Germanien gegen Rom, Jerusalem usw." sein.

Die Ausgrabungen waren Teil dieses Kampfes. Sie wurden geleitet von Ernst Curtis, einem sehr engen Vertrauten des Kaisers, der schnell dafür sorgte, dass durch den Verkauf von Abgüssen gefundener Skulpturen dem Deutschen Reich viel Geld zufloss. Eine 1,27 Meter hohe Skulptur eines knienden Wagenlenkers vom Ostgiebel des Zeustempels kostete 100 Mark. 1896 legte dieser Ernst Curtis die "Liturgie" der ersten Olympischen Spiele fest. Er schuf den Mythos des edlen Olympia der Antike, an dem Hitler euphorisch anknüpfte. Den Höhepunkt der Feier von 1896 bildete der Gesang des Chores:

"Unsterblicher Geist der Antike, Vater des Wahren, Schönen und Guten, steig hernieder, erscheine ..."

Er erschien! Einmal 1914, dann 1939!

Die kaiserliche und die faschistische Reaktion benutzten die Antike als Mythos ihrer imperialen Gelüste, die sich in der Architektur der deutschen Hauptstadt deutlich vergegenständlicht zeigt.

1936, als die Olympiade in Berlin eröffnet wurde, nahm Deutschland die Grabungen in Olympia wieder auf – also ein Jahr nach den "Nürnberger Rassegesetzen" –, die seit 1879 unterbrochen worden waren.

Modernes Olympia

Die Olympische Idee ist im Zuge der ökonomischen Globalisierung ehrlicher auf den Boden ihrer eigentlichen Nutznießer gefallen. Die Aufstellung der Turner bei der Olympiade 1908 in London, die das Wort "Odol" formten, jenem bekannten Mundwasser, das in England damals bereits stark verbreitet war und nach größeren Märkten suchte – wie wir wissen, mit Erfolg –, löste damals noch große Empörung aus. Heute sind nicht nur die Akteure mit Werbebotschaften völlig zugeklebt, sondern auch die Nationen und Städte der "Gastgeberländer" stehen in direkter Abhängigkeit zu den "Sponsoren". In Australien lief nichts ohne Coca Cola, IBM, VISA, UPS, McDonald’s, Kodak, Samsung, Swatch, Energy Australia et cetera. Die ökonomischen Interessen ersetzten den Mythos von Olympia, der ohnehin in die menschliche Kindheitsgeschichte gehört. Alles ist heute klarer geworden, aber eben nicht menschlicher. Der Ruf Heinrich Manns aus dem Pariser Exil 1936 ist in diesem Sinne noch längst nicht veraltet. Er rief auf "zu einer Olympiade der Menschlichkeit und des Friedens".

 

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Zeitschrift Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur.

Kühl-Verlag (Frankfurt/Main)

Ausgabe Oktober 2000