Peter Mosler
Das Griechische ist eine kleine Sprache, und der Zypriot Kostas Mondis hat geschrieben:
Ganz wenige lesen uns Ganz wenige
kennen unsere Sprache
Wir bleiben unberechtigt und man applaudiert uns nicht An diesem
fernen Teil der Welt
Doch was dies aufwiegt ist: wir schreiben griechisch.*
Aber Hand aufs Herz: Welches sind die portugiesischen Schriftsteller, die Sie gelesen haben, seit das Land 1997 Buchmessenschwerpunkt war? Auch diese müssen von sich sagen: "Ganz wenige lesen uns/Ganz wenige kennen unsere Sprache". So kennen einige Das Memorial des portugiesischen Nobelpreisträgers José Saramago oder Gedichte von Fernando Pessoa, während Underworld von Don DeLillo schon etliche im Original gelesen haben, bevor Kiepenheuer & Witsch die deutsche Übersetzung auf den Markt brachte. Vassilis Vassilikos bringt das so auf den Punkt: "Die Literatur des Landes von Kavafis und Kazantzakis ist im Lande von Alfred Döblin und Heinrich Mann noch unbekannt." Die griechische Sprache sei wie alle kleinen Sprachen "gebunden an ihr Ursprungsland wie der Sklave an seine Fesseln". Abgesehen davon, dass die deutsche Moderne, ein Heinrich Böll, Peter Weiss oder Günther Grass, noch nicht zu Vassilikos vorgedrungen ist von einem beschlagenen Leser kann auch nur erwartet werden, dass er aus den kleinen Sprachen die großen Schriftsteller kennt, jene, die der Weltliteratur angehören und das sind in der griechischen Literatur die Lyriker Kavafis, Elytis, Seferis und Ritsos. Der Roman ist ohnehin nicht ein Genre mit Tradition bei den Griechen.
Griechenland ist heute nicht, wie Touristen erträumen, der bukolische Garten mit dorischen Säulen und einem Kafenion. Griechenland ist globalisiert, Simitis hat es Euro-fähig gemacht, und das Land selbst erlebt eine europäische Hegemonisierung durch Wirtschaft und Verbrechen. Ist es eine Übertreibung, wenn Petros Markaris in seinem neuen Krimi Nachtfalter schreibt: "Hier sterben jeden Tag Albaner, Araber, Russen griechischer Abstammung wie die Fliegen. So viele, dass man die Fälle gar nicht mehr ins Präsidium weiterleitet, sondern nurmehr zum zuständigen Revier und damit ad acta legt." Das ist das zeitgenössische Griechenland, Nackttänzerinnen kommen aus Osteuropa, Arbeiter ohne Papiere aus Albanien, und die Plaka in Athen gibt es heute ebenso wenig wie Schwabing in München, Montmartre in Paris oder das Scheunenviertel in Berlin. Und wie bei uns arbeiten griechische Studenten, die 1973 unter der Lebensgefahr das Polytechnikum in Athen besetzten, heute in der politischen Verwaltung, meinungskorrupt wie die Grünen in Berlin.
Die Präsentation griechischer Schriftsteller auf der Buchmesse in Frankfurt trägt das Motto: "Neue Wege nach Ithaka." Der griechische Kulturminister Evangelos Venizelos kokettiert mit der Vergangenheit, und diese soll die Namen von Homer und Kavafis tragen: Mit den Versen von Kavafis, des Vaters der griechischen Moderne in der Lyrik, können auch zeitgenössische Schriftsteller begriffen werden: "Immer halte Ithaka im Sinn/ Dort anzukommen ist dir vorbestimmt./ Doch beeile nur nicht deine Reise./ Besser sie dauerte viele Jahre;/ und alt geworden lege auf der Insel an,/ reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst,/ und hoffe nicht, dass Ithaka dir Reichtum gäbe." Die "alten Griechen" sind tot, aber im Buchmessenportal des Internet teilt das Gastland mit: "Griechenland ein Land mit großer Vergangenheit und bewegter Gegenwart." Die Panegyriker der "großen Vergangenheit" wollen mit diesen Worten bei allen dynamischen Veränderungen der griechischen Gesellschaft als Mitglied der EU das Gestern der Mythologie bewahren. Ich halte es da eher mit dem Amerikaner Archibald MacLeish: "Señora, daß die Griechen tot sind, stimmt:/ Es ist auch wahr, wir sind Amerikaner hier:/ und haben die Maschine, den Anblick Gottes sind wir nicht gewohnt." Geschichtsunterricht in griechischen Schulen nennt Vassilis Alexakis (Das Rätsel von Delphi) "Taschenspielerei mit den Jahrhunderten": Alexander der Große, dann ein Sprung ins Jahr 1000 n. Chr., Hellenisierung des Byzantinischen Reichs, danach Fall Konstantinopels und dann ein gewaltiger Sprung über die Herrschaft der Osmanen, um genau im Unabhängigkeitskrieg im Jahre 1821 zu landen immer auf der Suche nach dem Beweis dafür, dass Griechen die Nachkommen eines großen ruhmreichen Volks sind. Ein anderer Schriftsteller, der es wagt, gegen den Stachel der heiligen Vergangenheit zu löcken, war Freddy Jermanós (er ist 1999 gestorben). In seinem Roman Teresa stellt Sarah Bernard in Paris der Presse ihren neuen Liebhaber, einen Griechen, mit den Worten vor: "Dieser antike Grieche ist der Mann meines Lebens." Mokant fügt der Autor hinzu: "Freilich war der antike griechische Gott ein unbedeutender Glücksritter, wie übrigens alle griechischen Götter der Antike."
Oft denke ich, Griechen müssten eine Modernisierung der Identität wagen, einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit, wie Alexakis oder Jermanós, bevor sie diese hegelianisch "aufheben" können. Die Reisen der griechischen Autoren von heute gehen nicht mehr nach Kairo und Phönizien, wie in dem Gedicht von Kavafis. Schriftsteller des heutigen Griechenland sind Migranten der Kulturen. Demosthenes Kourtovik (Die Nostalgie des Drachens) lässt seine Hauptfigur nach Wroclaw reisen, der Spieler Noussis von Antonis Sourounis (Der Rosenball) findet sich am Roulettetisch in Wiesbaden wieder, Soti Triantafillou schickt Billy und Lucia in einer road-novel auf die Route 66 (Der unterirdische Himmel), Vassilis Alexakis begleitet in Das Rätsel von Delphi Pavlos, einen Migranten aus Paris, der Hellas mit griechischer Seele und französischen Augen sucht, in Jenseits von Epirus erzählt Nikos Themelis von einer Zeit, als Griechen noch mit Türken, Juden, Domé (zum Islam übergetretene Juden), Albanern und Armeniern zusammenlebten, Rhea Galanaki erzählt von Ägypten, wohin ein junger Kreter verschleppt wird und wo er den Islam und den Namen Ismail Ferik Pascha annimmt, in Die Frauen von Andros von Ioanna Karystiani blitzt immer wieder Smyrna auf, aber auch Odessa oder Valparaiso, und der griechische Exildichter Elias Petropoulos ist seit einem Vierteljahrhundert in Paris zu Hause ("Schon der Gedanke an eine Rückkehr langweilt mich"). Griechische Literatur im Jahr 2001 spielt entweder im Ausland oder in der Vergangenheit. Vieles wird literarisch fokussiert in Smyrna (heute Izmir) in Kleinasien, früher so griechisch wie Saloniki jüdisch. Das zeitgenössische Griechenland kommt in der Literatur kaum vor bei Petros Markaris, Nachtfalter, einem Krimi, in dem erbarmungslos das heutige Athen beschrieben wird, oder mit den Augen eines Fremden, der Grieche ist, in Das Rätsel von Delphi von Vassilis Alexakis, und bei Ersi Sotiropoulos, Bittere Orangen, einem Roman, der im Milieu der Heranwachsenden spielt, ihren Lebensrhythmus und ihre Sprache schreibt, und der Plot pendelt zwischen Krankenhaus und Disco, zwischen Leben und Tod.
Aus der Geschichte: Smyrna und Bürgerkrieg
Zurück zu Smyrna. Diese Stadt heißt heute Izmir und gehört zur Türkei. Griechenland schloss sich im Ersten Weltkrieg der Entente an und erhielt nach Kriegsende unter anderem das Völkerbundsmandat über Smyrna. Am 9. September 1922 geschah das, was Griechen "die kleinasiatische Katastrophe" nennen: Kemal Atatürk eroberte mit seinen Truppen Smyrna, und die türkischen Soldaten schlachteten 25000 Menschen ab und vertrieben 200.000. In der Folge dieses Massakers wurde im Frieden von Lausanne die "ethnische Säuberung" der Region beschlossen: 1,5 Millionen Griechen wurden aus Kleinasien nach Griechenland umgesiedelt, 500.000 Türken mussten Griechenland verlassen. Griechische Schriftsteller, die "Generation von 1930" (viele von ihnen stammten aus Kleinasien, Georgios Seferis ist sogar in Smyrna geboren), machten das interkulturelle Zusammenleben, Massaker und Vertreibung von 1922 zum Gegenstand ihrer Romane. Natürlich lag die "kleinasiatische Katastrophe" viel zu kurz zurück, als dass Griechen affektfrei hätten darüber schreiben können.
Auch Nikos Themelis (übrigens Redenschreiber und Berater des Ministerpräsidenten Kostas Simitis) thematisiert heute in seinem ersten Roman Jenseits von Epirus Smyrna, in einer Geschichte, die das Leben unter und nach der osmanischen Herrschaft erzählt und die Stadt in Kleinasien mit ihrem Handel und Wandel fokussiert. Fast die Hälfte der über 150.000 Einwohner von Smyrna war griechisch, die anderen türkisch, jüdisch, armenisch, katholisch. Der farbig erzählte Roman berichtet aus verschiedenen Perspektiven von Smyrna und seinen Geschichten bis im letzten Kapitel jemand aus der Ferne Zeuge des türkischen Massakers wird. Die "kleinasiatische Katastrophe" hat alles zerstört, worauf man bislang unerschütterlich vertraute. Am Schluss ist nicht mehr von den Gassen Smyrnas mit ihren wohlvertrauten Gerüchen die Rede, nicht mehr von Armeniern, Türken oder Sarazenen, sondern von der Iera Odos und dem Omonia-Platz in Athen jene Stadt, aus der Griechen vor Jahrtausenden aufgebrochen sind und in die sie als Flüchtlinge nach 1922 zurückkehrten.
Das Negativ dieser Bilder im Roman der Karystiani (siehe Kasten "Die Frauen von Andros") ist gewissermaßen in Die Wache von Nikos Kavvadias zu finden: "Die armen Seeleute. Ich habe ihre Frauen gesehen, wie sie zum Kai runterkommen, noch bevor das Schiff in Sicht ist, und wie sie dort warten, in der sengenden Sonne oder im Regen. Ich habe gesehen, wie sie sich verabschieden, wenn das Schiff ablegt, wie verhärmt sie sind, mitgenommen von den vielen Abtreibungen, mit einem Stall voll Kinder, die an ihren Röcken zerren. Die kommen zu kurz, verstehst du? Da fehlt der Mann."
Die Erzählungen von Seeleuten auf den Nachtwachen klingen in der Melodie eines Joseph Conrad, auch eines Bertolt Brecht, der von Abenteurern und Seefahrern spricht "Schlendernd durch Höllen und gepeitscht durch Paradiese". Es ist ein aufregendes Buch, voll wahrer Abenteuergeschichten und Seemannsgarn, schon 1954 in Griechenland erschienen, Kavvadias einziger Roman. Vom Autor war bisher nur Li auf deutsch zu lesen, auch eine kleine Geschichte von Liebe und Seefahrt. Die Übersetzung von Maria Petersen ist kenntnisreich mit dem ganzen nautischen Vokabular ausgestattet, aber die Ausgabe des Fest-Verlags wäre noch besser, wenn Petersen nicht ständig den Leser mit ihren altklugen Erklärungen in Fußnoten nerven würde. Wie seine Seefahrer ist Kavvadias mit der Welt vertraut: Geboren 1910 in der Mandschurei, als Sohn von Griechen, begann er mit 19 Jahren zur See zu fahren. In seinem Roman wird an Bord auch deutsch, englisch, türkisch, arabisch und französisch gesprochen, aber das Werk bleibt immer authentisch griechisch, und einmal mehr hören wir: "Niemand kann die See so gut befahren, wies die Griechen können. Griechen vom Bosporus, aus Marmara, vom Schwarzen Meer, Inselgriechen." Kavvadias, der lebenslang gehofft hatte, in den Armen seiner Geliebten, der See, zu sterben, erlag 1975 in Athen einem Schlaganfall. Die Wache gehört zu den großen Büchern der Weltmeere.
Ein pfiffiges Buch über die Lebensgeschichte einer glamourösen griechischen Lady hat Freddy Jermanós mit Teresa vorgelegt, ein Roman, der auch ausweglos in der Katastrophe von Smyrna endet. Die Geschichte ist kompiliert aus facts und fiction, also faction, wie die Amerikaner sagen, und wir begegnen mit Teresa dem Schriftsteller Hemingway, der nicht nur ihr Liebhaber war, sondern auch Korrespondent des kanadischen Toronto Star. Jermanós zitiert aus authentischen Artikeln des Amerikaners über den Krieg in Kleinasien: "Während Konstantinopel auf Kemal wartet, tanzt es den Todestanz." Es ist ein gut geschriebenes Buch, das mit Verstand unterhält (es gibt unter den griechischen Büchern im Herbst auch einige, die unterhaltsam, aber literarischer small talk für den anspruchslosen Leser sind). Bei Teresa taucht immer wieder der skrupellose Waffenhändler Sir Basile Zacharof auf, dem es egal ist, ob seine Waren bei den Türken oder den Griechen Profit machen. Dieser Zacharof ist von Jermanós nicht holzschnittartig gezeichnet, sondern als ebenso faszinierender wie abstoßender einsamer Gangster. Er ging als Graf Minipopoulos in Hemingways ersten Roman Fiesta ein.
Nach Smyrna ist der Bürgerkrieg das große historische Trauma der Griechen, Die kommunistische Befreiungsarmee EAM kämpfte nach dem Weltkrieg todesmutig, aber auch wie in einem verzweifelten Suizid, wusste doch die Partei nicht, dass Stalin in Jalta Griechenland den alliierten Streitkräften des Westens überantwortet hatte. Politik taucht in Die Tochter der Hündin von Pavlos Matessis immer wieder in der Ferne auf, und Matessis ist laut Klappentext 1933, nach Kourtovik ("Schriftstellerlexikon") 1929 geboren, das Original des Buches ist nach Hanser 1996, nach Kourtovik 1990 erschienen. Abgesehen von diesen Ungereimtheiten ist es ein fröhlicher Roman, geschrieben fast in der Tonart der Commedia dellArte, in der Raraú von ihrem Leben und dem ihrer Mutter in Kriegs- und Nachkriegszeiten erzählt, und sie kann auch dem Unglück noch ein Lächeln abgewinnen. Am Ende des Romans erzählt sie die Geschichte eines unglücklichen Hühnchens, das verhungerte, "und ich denke, das war der einzige Gefährte, den ich mir in meinem Leben gewonnen habe". Sie hatte den abgemagerten Vogel unter ihrem Bett in der festgetretenen Erde begraben.
Raraú beschreibt Krieg und Nachkriegszeit aus der Perspektive von kleinen Leuten, die Besatzung, Befreiung und Bürgerkrieg erlebt haben, immer als Passagiere der Geschichte, die auch die harten Zeiten mit einer Art humorbegabten, schwejkhaften Überlebenstechnik erfahren haben. So ist ein weicher, anschmiegsamer, humorvoller Text entstanden, ganz anders als der harte, illusionslose Ton, mit dem ein anonymer Kämpfer der "Demokratischen Armee" sein Schicksal erzählt eine kafkaeske Parabel: Die Kiste gilt als Meilenstein der modernen griechischen Literatur, geschrieben im französischen Exil. Alexandrou, geboren 1922 in Petrograd (dem späteren Leningrad), aufgewachsen in Saloniki und Athen, begab sich 1967, nach dem Putsch der Junta, sofort nach Paris, wo er 1978 starb. Er hinterließ einen Roman, der von einer ausweglosen Mission erzählt: Freiwillige sollen eine Kiste mit unbekanntem Inhalt vom Hauptquartier der Partisanen in der Stadt N. an die revolutionäre Führung der Stadt K. überbringen. Auf diesem Selbstmordkommando sterben 33 Todgeweihte, nur der anonyme Erzähler überlebt und schafft es, die Kiste zu übergeben. Als sie geöffnet wird, ist sie leer. Es ist eine Parabel über den Irrsinn von Befehl und Gehorsam, wenn auch die Ausweglosigkeit heute, nach dem Ende der kommunistischen Parteien, schwer nachvollziehbar für den Leser ist. Die Bedingungslosigkeit, mit der sich Kommunisten früher den Beschlüssen der Partei unterwarfen, erscheint uns heute als ein Fall neurotischer Störung, ihr Fanatismus als ein Fall von Devianz aber dennoch hat bis heute die Metapher des Buches Gültigkeit behalten.
Der Dichter das Dunkel, die lockende Tollheit
Liebhaber von Lyrik haben schon immer griechische Gedichte gelesen von Konstantin Kavafis, Odysseas Elytis, Georgios Seferis und Jannis Ritsos. Uad übrigens auch von Elias Petropoulos, dessen Berlin-Poem (In Berlin, 1989) leider nur kurze Zeit auf Deutsch zu haben war. Die Chefs großer Verlage kaufen die Titel ein, die sich im Herkunftsland gut verkaufen oder die mit dem griechischen Staatspreis oder dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden. Kavafis ist der einzige in Deutschland bekannte griechische Dichter, der im 19. Jahrhundert geboren ist (1863 in Alexandria geboren, 1933 dort gestorben). Aber sein Werk gehört dem 20. Jahrhundert an, denn er hat zu Lebzeiten nicht veröffentlicht. Es gibt nicht weniger als fünf deutschsprachige Verlage, die den Alexandriner in ihrem Programm haben. Leider existiert bis heute keine zufrieden stellende deutsche Nachdichtung der 154 vom Autor autorisierten Gedichte. In Frankreich wagen sich Dichter an die Neuübersetzung der Bibel; warum bei uns nicht an eine Neuübersetzung von Konstantin Kavafis?
Asteris Kutulas hat im kleinen Frankfurter Axel Dielmann Verlag, das Büchlein Unfertige Gedichte von Kavafis übersetzt und herausgegeben. Vom Dichter gibt es eine kurze biografische Notiz, die dem Buch vorangestellt ist: "Der unterzeichnende Autor arbeitete eine Zeit lang als Journalist in Alexandria, dann als Broker (beschäftigt bei seinem Bruder Aristides) und schließlich als Angestellter im Amt für Wasserwirtschaft. ... Er erreichte wenig im praktischen Leben. Sein Ehrgeiz ist anderer Natur." Diese Worte sind so lapidar, dass sie an Kafka erinnern. Kavafis hat lange an seinen Gedichten gearbeitet, immer auf der Suche nach dem einfachen, schnörkellosen Satz. Die kleine Sammlung, die Kutulas herausgegeben hat, enthält unvollendete Gedichte das Buch ist ein Steinbruch zu nennen, das meiste "unfertig" darin. In manchen Gedichten erkennt man ihr Potenzial, etwa in "Viererbande" (wenngleich ich die Übersetzung des Titels für unglücklich halte) oder "Des sechsten oder siebten Jahrhunderts". Ich musste an Walter Benjamin denken, der geschrieben hat, das fertige Kunstwerk sei die Totenmaske der Intention. Der grob behauene Stein steckt voller Möglichkeiten.
In der Bibliothek Suhrkamp ist vor mehr als zehn Jahren ein Kleinod griechischer Literatur erschienen: Um zu bleiben, melancholische homoerotische Liebesgedichte des Alexandriners Kavafis, mit Grafiken des berühmten David Hockney, welche die gleiche Stimmungslage ausstrahlen. Der Verlag hat jetzt in derselben Reihe Gefärbtes Glas, historische Gedichte des griechischen Poeten, publiziert, die von einer großen hellenischen Vergangenheit sprechen, die unwiderruflich verloren ist (ich habe in dem Abschnitt "Smyrna" davon erzählt), und die Gewässer Zyperns, Syriens und Ägyptens nennt er "die geliebten Gewässer unserer Heimatländer". Die Gedichte der Anthologie Gefärbtes Glas (unter denen das eben zitierte fehlt) hat wieder der kongeniale Michael Schroeder übersetzt. Er hat die (noch nicht durchgängig in der Volkssprache dimotiki geschriebenen) Verse von Kavafis in seiner Übertragung "modernisiert". Er hat ihnen damit ein wenig vom Ton des späten Gottfried Benn gegeben, und genau betrachtet wurde mit dieser im Alter gereiften Bitternis des deutschen Dichters den Versen von Kavafis kein Zwang angetan.
Von Odysseas Elytis ist 1969 bei Claassen To Axion Esti (Gepriesen sei) erschienen. Es ist ein großes Werk des Symbolisten und Surrealisten, immer wieder neu zu lesen, bewundernswert in seiner statuarischen Größe und gleichzeitigen Eleganz. Eine Neuausgabe ist jetzt im Elfenbein-Verlag erschienen. Erwähnenswert sind weniger die Veränderungen des Übersetzers Günther Dietz, auch nicht sein neues Nachwort, in dem er einiges wiederholt, was schon vorher von ihm in einem anderen Buch zu lesen war. Hervorzuheben ist die Zweisprachigkeit der Neuausgabe, wenn auch nur wenige diese Verbesserung der Edition bei Claassen genießen können. Ich kann mich, auch im Deutschen, nie der Faszination dieses Poems entziehen wenn es im stolzen Lob in der Beschreibung des Dichters heißt: Gepriesen sei "Er das Dunkel und er die lockende Tollheit/ Er aller Lichtregen klarste Frühlingsreinheit". Odysseas Elytis ist neben die Großen der Lyrik der Moderne zu stellen, neben Rilke, Apollinaire, Eluard, Benn, Lorca oder Pessoa.
Halbe Verrisse
Ein Buch, das den Literaturpreis "Blue Book" (zur Förderung der Übersetzung zeitgenössischer Literatur) erhalten hat, zieht Aufmerksamkeit auf sich. Es ist Der schöne Hauptmann von Menis Koumandareas. Auch der Buchtitel verspricht eine untergründige Erotik, und so schlägt man die Seiten gespannt auf. Der Autor, geb. 1931, gilt als der bedeutendste Vertreter des sozialen Realismus in Griechenland, und sein Roman Glasfabrik, den manche Kritiker für sein Hauptwerk halten, ist 1985 in einem Schweizer Verlag erschienen. Sein neuer Roman erzählt von einem Hauptmann, der in den Fluren des höchsten Gerichts in Athen altert, wo er immer wieder gegen seine ungerechte Beurteilung prozessiert, wegen der er nicht befördert wird. Das ist kein fesselnder Plot wenn er nicht in den Sechzigerjahren spielte: Attentat auf Lambrakis, Wahlkämpfe und Straßendemonstrationen, Sieg und Niederlage des alten Georgios Papandreou, Putsch der Obristen. Das könnte ein spannendes Buch sein wenn nicht Koummandareas derart behäbig und konventionell in einem altväterlichen Stil erzählte, dass der Leser vom Klima der aufgeregten, politisch sich überstürzenden Jahre vor der Machtübernahme der Junta, einer explosiven, vibrierenden Zeit, kaum etwas spürt. Man bewegt sich soigniert in den besseren Kreisen am Obersten Gericht in Athen, statt wahrzunehmen, wie die Luft am Syntagma-Platz brennt.
Einen ganz anderen Ton schlägt Demosthenes Kourtovik in Die Nostalgie des Drachens an. Es geht um eine alte Mumie, gefunden von einem Wehrmachtsoffizier auf einer griechischen Insel. Sie gelangt in die Keller griechischer Museen, keiner interessiert sich für sie bis sie verschwindet. Prof. Drakas, Hauptfigur des Romans und Leiter des Museums für Frühgeschichte in Athen, nimmt die Spur auf, sucht in Italien, Deutschland, Dänemark, Polen und Bosnien. Ein Kriminalroman, nicht nur mit etlichen Opfern, auch mit philosophischem Diskurs und literarischem Talmi. Auf der Suche nach der Mumie begegnen Drakas und seine Begleiterin (und vor allem Stichwortgeberin), die Kommissarin Andromache Kotouba, Anthropologen, Paläontologen, Archäologen. Vom Scheitern der Ideologien, AIDS bis zum Massenselbstmord fanatischer Anbeter der Muttergöttin Mond kommt in diesem Film alles vor, was die Wirklichkeit zu bieten hat. In der Postmoderne gibt es das Spiel mit den Gattungsmustern, so auch hier, es ist ein Kriminalroman, pulp fiction, ein Diskurs über Philosophie und Weltverständnis, ein Spiegel-Report, changierend zwischen Zitat und Persiflage. Dennoch es bleibt der Triumph des Uneigentlichen, des Zitats, auch des Banalen, des Kitschs, Elemente, die, wie in jeder pulp fiction, Figuren flächenhaft und ungestaltet erscheinen lassen. Der Autor sagt: "Mein Roman liegt bewusst jenseits der künstlichen Opposition von Trivialliteratur und hoher Literatur für Auserlesene." Das liest sich so: "Aber plötzlich zieht diese Schlampe eine Pistole, schießt auf Branko ... und zum Glück stürzt sich Milan von hinten auf sie, verpasst ihr eins mit der Handkante ins Gesicht, dass sie nur so fliegt." Immerhin hat die Übersetzerin die unterschiedlichen Tonlagen gut getroffen, aber jeder Leser muss selbst wissen, ob er dies Ensemble von Modeschmuck und Edelsteinen mag. Er wird auf jeden Fall, wie Andromache, "nie mehr glauben, dass die Wissenschaft vor Wahnsinn schützt".
Was auch in diesem Jahr an griechischen Texten in deutschen Verlagen erscheint (insgesamt sollen es etwa 60 Titel sein) von Bedeutung ist, ob es einen afterglow griechischer Literatur nach der Messe geben wird, mit anderen Worten, ob bei den Verlagen in den kommenden Jahren das Interesse an griechischen Autoren anhalten wird. Was freilich mit dem Interesse des Publikums korrespondiert. Es ist schon heute keine gewagte Prophezeiung, dass in Zukunft die Bekanntheit der griechischen mit sagen wir: der italienischen Literatur nicht standhalten kann. Genügend Übersetzerinnen und Übersetzer aus dem Griechischen scheint es zu geben. Aber solange es nicht einen Verleger gibt, der für die griechische Literatur das ist, was Wagenbach für die italienische, werden die Kavafis, Karystiani, Elytis oder Galanaki und Kourtovik ein Strohfeuer aus Athen auf der Buchmesse 2001 sein. Was muss geschehen, damit 2002 auf den Regalen der deutschen Buchhandlungen nicht nur griechische Nobelpreisträger und Kazantzakis (für den touristischen Gebrauch) stehen?
* In: Charalambidis u. a., Hier, wo das Wunder noch wirkt. Stationen der zyprischen Dichtung, Köln 2001
Vassilis Alexakis, Das Rätsel
von Delphi. Roman. Aus dem Griechischen von Dimitris Depountis,
Zürich (Rotpunkt-Verlag) 2001 (353 S., 40,00 DM)
Charalambidis/Mondis/Michailidis, Hier, wo das Wunder noch wirkt.
Stationen der zyprischen Dichtung, übertragen und mit einem
Nachwort von Hans Eideneier, Köln (Romiosini Verlag) 2001 (281
S., 39,80 DM)
Ersi Sotiropoulos, Bittere Orangen. Roman. Übersetzt von Doris
Wille, München (dtv) 2001 (200 S., 28,00 DM)
Rhea Galanaki, Das Leben des Ismail Ferik Pascha. Roman. Aus dem
Griechischen von Michaela Prinzinger, Frankfurt/M. (Suhrkamp
Verlag) 2001 (200 S., 38,00 DM)
Soti Triantafilllou, Der unterirdische Himmel. Roman. Aus dem
Griechischen von Birgit Hildebrand, Wien (Paul Zsolnay Verlag)
2001 (301 S., 39,80 DM)
Antonis Sourounis, Der Rosenball. Roman. Aus dem Griechischen von
Gesa Schröder, München (Piper-Verlag) 2001 (480 S., 44,00 DM)
Nikos Themelis, Jenseits von Epirus. Roman. Übersetzung von
Norbert Hauser, München (Piper-Verlag) 2001 (382 S., 44,00 DM)
Nikos Kavvadias, Die Wache. Roman, Übersetzung von Maria
Petersen, Berlin (Alexander Fest Verlag) 2001 (294 S., 38,92 DM)
Freddy Jermanos, Teresa. Aus dem Neugriechischen übersetzt und
mit einem Glossar versehen von Susanne Reichert, Hamburg
(Europäische Verlagsanstalt) 2001 (224 S, 38,00 DM)
Pavlos Matessis, Die Tochter der Hündin, Roman, Übersetzerin
Birgit Hildebrandt, München (Hanser-Verlag) 2001 (270 S., 39,80
DM)
Aris Alexandrou, Die Kiste. Aus dem Griechischen von Gerhard
Blümlein, München (Verlag Antje Kunstmann) 2001 (302 S., 42,80
DM)
Konstantinos Kavafis, Unfertige Gedichte. Herausgegeben von
Asteris Kutulas. Übersetzt von Asteris Kutulas und Ina Kutulas,
Frankfurt/M. (Axel Dielmann Verlag) 2001 (28 S., 14,00 DM)
ders., Gefärbtes Glas, historische Gedichte, griechisch-deutsch,
übersetzt von Michael Schroeder, Frankfurt/M. (Bibliothek
Suhrkamp) 2001 (125 S., 22,90 DM)
Odysseas Elytis, To Axion Esti Gepriesen sei.
Griechisch-Deutsch. Aus dem Griechischen von Günther Dietz.,
Heidelberg (Elfenbein-Verlag) 2001 (260 S., 35,20 DM)
Menis Koumandareas, Der schöne Hauptmann. Roman. Aus dem
Griechischen von Luna Gertrud Steiner, Frankfurt/M. (Frankfurter
Verlagsanstalt) 2001 (230 S, 38,00 DM)
Demosthenes Kourtovik, Die Nostalgie des Drachens. Roman.
Übersetzt von Gaby Wurster, Frankfurt/M. (Axel Dielmann Verlag)
2001 (368 S., 42,00 DM)
Ein Fall für Kostas Charitos
Wo liest man einen griechischen Kriminalroman? Jeder antwortet darauf: Am Sandstrand von Kos, Kreta oder Santorin. Ich sage dagegen: Vor einem Besuch in Griechenland. Wer die Berichte über Verkehrsstaus in Athen bei Smog und Hitze, den Streik der Müllabfuhr oder die Aufnahme im Krankenhaus gelesen hat, ist für die Fahrt nach Hellas gewappnet. Oder fährt lieber gar nicht dorthin. Ein guter Krimi zeichnet sich dadurch aus, dass er eine lebendige Reportage einer Stadt, einer Region, eines Milieus gibt, und darin ist Nachtfalter von Petros Makaris begabt. Ein witziger Krimi, der diesen Ton viel versprechend bereits in den ersten Seiten anschlägt: Kostas Charitos, ein Kommissar, den der Leser bereits aus Hellas Channel (ebenfalls Diogenes-Verlag) kennt, fährt zum Urlaub auf eine Insel und erlebt dort statt Erholung ein Erdbeben. Unter einem Erdhaufen findet sich die erste Leiche, die zweite in Athen, und der Autor bringt in den kommenden 500 Seiten die beiden Mordfälle in einen Zusammenhang. Die Übersetzerin hat den saloppen Ton von Markaris gut getroffen, wenn sie auch gelegentlich unbeholfen Athener Straßennamen ins Deutsche zu übertragen versucht.
P. M.
Petros Markaris, Nachfalter. Ein Fall für Kostas Charitos. Übersetzt von Michaela Prinzinger, Zürich (Diogenes-Verlag) 2001 (551 S., 46,90 DM)
Die Frauen von Andros
Smyrna kommt in einer anrührend beiläufigen Art auf den ersten Seiten des Romans der Joanna Karystiani vor: Kapitän Marios, eine der Hauptfiguren des Buches, sammelte griechische Soldaten in Kleinasien für die Überfahrt ein, "als Nuredin Pascha Smyrna verheerte", Konstantinopel wird ein "Gedicht von hundert Strophen" genannt, und für die alte Saltaferena ist das mythische Smyrna der Kindheitsjahre das Maß aller Dinge, und keine Stadt kann den Vergleich mit ihm standhalten.
"Klein England" heißt die griechische Insel Andros im Volksmund, und das ist auch der Name des Schiffes, mit dem Spiros, einer der Helden des Romans, auf den Weltmeeren fährt, bis er nach Beschuss der Deutschen im Zweiten Weltkrieg in den Fluten ertrinkt. Mikra Anglia ("Klein England") heißt das Buch auch im griechischen Originaltitel, aus dem der Übersetzer Norbert Hauser Die Frauen von Andros gemacht hat, nicht zu Unrecht, denn sie, die Frauen, sind es, die diesen Roman als Erzählerinnen beherrschen, wenn sie ihre Männer von den Meeren zurückerwarten und wie oft verlieren sie die Geliebten an die See. Aber auch das Leben der Frauen ist das Meer, und sie glauben, Odessa, Marseille, Archangelsk, Valparaiso alle Häfen der Welt müssten zu Griechenland gehören. Ihre "mickrige Heimat", die Insel Andros, scheint ihnen ein kleiner Kramladen, und sie sehnen sich nach London und New York.
Die Frauen von Andros gehört zu den besten Büchern, mit denen sich Griechenland in diesem Jahr auf der Buchmesse vorstellt eine Geschichte über die Einsamkeit und Weltvertrautheit griechischer Frauen, deren Männer auf den Meeren fahren, und darin ist eine Metapher für das Land der Griechen gelungen. Dieser großartige Roman ist das Debüt einer Schriftstellerin, die zuvor als Drehbuchautorin und Cartoonistin gearbeitet hatte. Ioanna Karystiani war 45, als Mikra Anglia in Griechenland erschien. In einer anmutigen, zielsicheren Sprache beschreibt sie das Schicksal der Schwestern, bis 1948 Orsa in den Armen von Mina stirbt "während die Müßiggänger und die Kinder, ein ganzer Bienenschwarm, zum Platz im Zentrum der Stadt eilten, auf dem die Restaurantbesitzer und die Zuckerbäcker ringsum im besten Einvernehmen dabei waren, die alten Stühle durch zweihundertfünfzig moderne olivgrüne kleine Sessel zu ersetzen". Das ist der letzte Satz des Buches, und man ahnt, wie hier private mit öffentlicher Geschichte verwoben ist, so wie auch das Leben auf der kleinen griechischen Insel mit den Weltmeeren und ihren Häfen verschränkt ist.
P. M.
Ioanna Karystiani, Die Frauen von Andros. Roman. Übersetzt von Norbert Hauser, Frankfurt/M. (Suhrkamp Verlag) 2001 (293 S., 39,80 DM)
Jannis Ritsos
Viele deutsche Leserinnen und Leser kennen den griechischen Dichter Jannis Ritsos. Das kommt, weil die Zeit, als er erstmals von Vagelis Tsakiridis ins Deutsche übersetzt wurde, die Jahre des politischen Gedichts in Deutschland waren, und er faszinierte durch die Mischung von politischem Engagement und griechischer Mythologie. 1968, als ein Band mit Gedichten bei den Quartheften im Wagenbach-Verlag erschien, war Ritsos von der Junta auf die Insel Samos unter Arrest gestellt worden. In Griechenland wurden die Verse des Dichters, die Theodorakis vertont hatte, als message des Widerstands heimlich gesungen. Im Romiosini-Verlag ist jetzt 3 x 111 Dreizeiler erschienen, entstanden 1982. Asteris Kutulas, Übersetzer von Halbkreis Erotika von Jannis Ritsos, erzählt von einem Gespräch mit dem Dichter Ende1982, als dieser von "332 Monochorden"(Gedichten mit einer Strophe) berichtet, die er geschrieben hat. Der Dichter nennt drei seine Lieblingszahl, "aber mehr noch liebe ich die Zahl neun". Man mag es weiße Magie nennen, dass Ritsos 1909 geboren, 1990 gestorben ist. Die "Monochorde", Dreizeiler, sind Gelegenheitsgedichte, und ich kann nicht umhin zu sagen: Die meisten dieser kleinen, an Haikus erinnernden Gedichte sind belanglos und ohne Tiefe, manche sogar nahe am Rande des Kitschs.
Anders in Umkehrbilder des Schweigens. Jannis Ritsos, der unheilbar krebskranke Dichter, schrieb drei Jahre vor seinem Tod Zeilen in jener, dem Leser vertrauten Mischung von Einfachheit und Tiefe, die das Volksliedhafte mancher Gedichte des Poeten ausmacht. Es sind Verse, die als Vermächtnis gelten können, auch wunderbare Bilder zum Ende des Kommunismus: "Wir hatten kein/ Vertrauen mehr,/ weder zu den Tatsachen, noch zu den Träumen."
Aber vom Dichter sagt er:
Wenn er fortgehen wird
(denn alle gehen wir eines Tages fort), wird bestimmt
ein ganz sanftes Lächeln hier auf der Welt bleiben,
das unablässig ja sagen wird und wiederum "ja"
zu allen uralten enttäuschten Hoffnungen.
P. M.
Jannis Ritsos. 3 x 111
Dreizeiler. Lyrik. Griechisch-deutsch: Übersetzt von Theo
Votsos, Köln (Romiosini Verlag) 2001 (200 S., 32,80 DM)
ders., Die Umkehrbilder des Schweigens. Gedichte. Griechisch und
deutsch. Aus dem Griechischen und mit einem Nachwort von Klaus
Peter Wedekind, Frankfurt/M. (Suhrkamp-Verlag) 2001 (140 S.,
38,00 DM)