Shell kommt 1958 nach Nigeria und findet Öl am Niger-Delta. Diese Entdeckung des Schwarzen Goldes sollte für die Ogoni, eines der Völker in der Bundesrepublik Nigeria, die in den Fundgebieten leben, ein Fluch und kein Segen werden.
Nach fast vierzig Jahren Ölförderung in Nigeria haben die Ogoni heute ein entwickeltes Schulsystem, eine gute medizinische Versorgung, ein passables Angebot Arbeit, eine ausreichende Lebenserwartung, starke politische Repräsentation in der Regierung, ein zufriedenstellendes Straßensystem, sauberes Leitungswasser und funktionierende Elektrizität...?
Sie haben nichts von alledem. 80 Prozent der Ogoni sind Analphabeten, für 70000 Menschen steht ein Arzt zur Verfügung, Arbeitslosenrate: 85 Prozent, Lebenserwartung: 51 Jahre; keine politische Vertretung in der föderalen und der Bundesregierung, verrottete Straßen, kein Leitungswasser, keine Elektrizität- und Generationen von Nigerianern, geborene und ungeborene, wurden auf immer und ewig verschuldet. Die Auslandsverschuldung der Bundesrepublik Nigeria betrug 1993 32 Milliarden und 531 Millionen Dollar. Nigeria zählt zu den armen Ländern auf der Welt und allein auf Londoner Banken sind nigerianische private Guthaben in einer Höhe von 6,5 Milliarden Dollar eingezahlt. An die tausend nigerianische Familien der Oberschicht haben Auslandskonten und Immobilien in London, Paris, New York, Tokio und Berlin. Das Öl veränderte das Verhalten der Führungskaste binnen einiger Jahre. Es entstand eine neue nigerianische Mentalität durch die Verteilung des Surplus an die Eliten. Heute lautet die Frage: "What do you have for me?"
Nigeria ist ein Vielvölkerstaat von 105 Millionen Einwohnern. Eines der Völker sind die Ogoni, ansässig im (ehemals) fruchtbaren Niger-Delta. Das Ogoni-Land ist eintausend Quadratkilometer groß (also 100 Quadratkilometer größer als Berlin) und hat 500.000 Einwohner. Im Ölfördergebiet Niger-Delta wohnen noch andere Ethnien, aber ein Ogoni hat sich die Sache seines Volkes zur Lebensaufgabe gemacht: Ken Saro-Wiwa: "Ich persönlich habe mich voll und ganz dem Volk der Ogoni verschrieben. Für mich hat dieser Kampf oberste Priorität vor allen anderen Interessen. Denn ich bin fest überzeugt, daß das, was die Ogoni erreichen, anderen ethnischen Minderheiten und unterdrückten Völkern in ganz Afrika als Vorbild dienen wird."
Was zunächst nicht einfach war: Keiner hörte zu. "Ich rief bei Greenpeace an. ,Wir arbeiten nicht in Afrika`, lautete die ernüchternde Antwort, die ich bekam. Und als ich bei Amnesty anrief, fragte man mich: ,Ist jemand tot? Ist jemand im Gefängnis?` Als ich das verneinte, erklärte man mir, da sei nichts zu machen."
Ken Saro-Wiwa ließ sich nicht entmutigen. Er wußte: Gegen sein Volk wird ein erbarmungsloser ökologischer Krieg geführt. Aber er wollte gegen seine Feinde, die Allianz der nigerianischen Militärregierung mit Shell, mit friedlichen Mitteln kämpfen.
In dreißig Jahren hatte die Ölförderung 30 Milliarden Dollar erbracht - von denen die Ogoni 1,5 Prozent erhielten. Saro-Wiwa bereitete einen Protestmarsch der Ogoni gegen die Zerstörung von Luft, Wasser und Erde vor, umsichtig und voraussehend organisiert: Es gab Organisatoren in allen Königtümern der Ogoni, auf der Kundgebung sprachen auch eine Frau und ein Vertreter der Ogoni-Jugend - und natürlich Ken Saro-Wiwa, der zu einem Symbol des friedlichen Widerstands der Ogoni geworden war:
"Heute ist das Ogoni-Volk in zwei Kriege verwickelt. Der erste ist der 35 Jahre alte ökologische Krieg, den die multinationalen Ölkonzerne Shell und Chevron führen. Es ist ein überaus ausgeklügelter, unkonventioneller Krieg, in dem keine Knochen gebrochen, kein Blut vergossen und niemand verstümmelt wird. Dennoch sterben Männer, Frauen und Kinder; Flora und Fauna gehen zugrunde, Luft und Wasser werden verpestet und schließlich stirbt das Land. Der zweite ist ein politischer Krieg der Tyrannei, Unterdrückung und Habgier, der darauf zielt, das Volk der Ogoni seiner Rechte zu berauben und der Armut, Sklaverei, Erniedrigung und Ausrottung auszusetzen."
An diesem Protestmarsch der Ogoni sollen 300.000 Menschen teilgenommen haben, und Greenpeace und Amnesty konnten ihre Augen nicht länger vor den Vorfällen in Nigeria verschließen. Saro-Wiwa gehört mit zu den Begründern der MOSOP (Movement for the Survival of the Ogoni People), am hilfreichsten aber war für ihn die Zusammenarbeit mit der UNPO (Unrepresented Nations and People Organisation), 1990 von dem jungen niederländischen Anwalt Michael van Walt van der Praag gegründet. Er hatte juristisch den Dalai Lama vertreten und war zu dem Schluß gekommen, daß es auf der Welt Völker gibt, die eine Interessenvertretung in internationalen Foren brauchen. "Von Michael lernte ich sehr viel über die Arbeitsweise der Vereinten Nationen und ihrer Menschenrechtskommission." So konnte Ken Saro-Wiwa eine Rede vor der UN halten, in der er beschrieb, wie die Erdölförderung das Ogoni-Land in Ödland verwandelt.
Saro-Wiwa war zuvor ein Teil des nigerianischen Establishments gewesen. Zuerst Assistent in der University of Nigeria, Nsukka, dann Verwalter von Bonny, einem bedeutenden Ölumschlagplatz im Niger-Delta, schließlich Minister eines regulären Kabinetts im neugegründeten Bundesstaats Rivers State. Den Rest kennen wir: Ken Saro-Wiwa wurde als Aktivist der MOSOP verhaftet und am 10. November 1995 um 11.30 Uhr in einem Gefängnis in Port Harcourt in Ostnigeria gehenkt, nach einem haltlosen Verfahren vor dem Militärgericht. Er war 54 Jahre alt und unschuldig.
Der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka verfaßte im Exil einen Aufruf: "Dieses Regime muß isoliert werden, es muß ökonomisch und kulturell völlig ausgetrocknet werden. Wirtschaftliche, diplomatische, kulturelle, Sportboykottmaßnahmen sind wichtig, aber wir brauchen wirklich eine vollständige, gnadenlose Isolation dieses Regimes." Heute, fast ein Jahr nach dem Tod Saro-Wiwas, haben die Nigerianer erfolgreich bei den Olympischen Spielen in Atlanta gekämpft, und ökonomisch heißt die Devise: Business as usual. In Europa: BRENT-SPAR, die Ölplattform, die Shell im Frühjahr 1996 in der Nordsee versenken wollte. Greenpeace schickt seine Armada los, und Shell holt die ausgediente Plattform nach den internationalen Protesten an Land, eine Stahlkonstruktion, 137 Meter hoch und 14.000 Tonnen schwer. Das PR-Ressort von Esso macht aus dem Skandal einen Jux mit Preisausschreiben. Die Bürger sollen Vorschläge zur künftigen Verwendung der Ölplattform einschicken. Das ist Esso - liberal in Europa und wie eine Bestie des Raubkapitalismus in Afrika.
Ken Saro-Wiwa ist Teil der Internationale der Gerechten, zu der auch Nelson Mandela und Desmond Tutu sowie die ermordeten Martin Luther King und Mahatma Gandhi gehören. Ich wußte, daß er ein Aktivist des friedlichen Widerstands war. Daß er auch ein bedeutender Dichter war, erfuhr ich erst nach seinem Tod. Schriftsteller, schreibt er, "müssen intervenieren. Der Schriftsteller in Afrika muß L'homme engagee sein: Der intellektuelle Mann der Tat." Ich las Sozaboy von Saro-Wiwa - eine große Entdeckung. Es ist die Geschichte des Nigerianers Mene, geschrieben in "rotten English", einer Mischung von Hochsprache und Nigerian Pidgin, gebrochenes und idiomatisches Englisch. Es ist die Lebensgeschichte eines jungen Nigerianers, der in den Sezessionskrieg in Nigeria verwickelt wird, geschrieben als Rollenprosa. Also ein Roman, dessen Perspektive total auf das begrenzte Bewußtsein der Handlungsfigur reduziert ist, jener naive Mene, der stolz in den Krieg Nigerias zieht, um "Hitler zu töten und Hitlers Tochter zu ficken." Bis er geschlagen von dem, was er im Krieg gesehen hat, zurückkehrt, seine Frau und seine Mutter verloren hat und am Schluß des Romans sagt:
"Und ich dachte daran, wie stolz ich war, zu den Soldaten zu gehen und mich Sozaboy (= soldierboy) zu nennen. Aber wenn jetzt irgend jemand irgend etwas über Krieg oder sogar über Kampf sagt, dann werde ich rennen und rennen und rennen. Glaub mir das."
Sozaboy, ein Entwicklungsroman, ein Roman gegen den Krieg ist nichts weniger als der "Simplicius Simplicissimus" Afrikas: "O gnädiger Gott! Als ich meine Heimatstadt Dukana sah, konnte ich nicht sprechen. Du verstehst, die ganze Zeit, wo ich gefahren bin und diese leeren Dörfer gesehen habe, das hat mir nicht so weh getan. Aber als ich meine eigene Heimatstadt sehe, fange ich an zu heulen... Nicht eine Person. Und nicht eine Ziege, kein Huhn oder irgendwas. Uberall eine Stille wie in der Kirche am Montag."
Das Buch ist bisher nur auf Englisch erhältlich. Meine Übersetzung geht nicht ein auf das "rotten English". Es muß ins Deutsche übertragen werden, aber durch einen begabten Übersetzer, der eine Ahnung von den Feinheiten des Originals geben kann. Denn Pidgin ist keine zerrüttete Sprache und auch nicht das Resultat unzulänglichen Spracherwerbs ("du weiß sein ich schwarz"), sondern eine kreative Adaption natürlicher Sprachen. Sozaboy ist anfangs Fahrschüler. "Driver" hat im Pidgin eine sexuelle Konnotation. So ist es nicht nur wichtig, daß ein deutschsprachiger Verlag diesen Roman publiziert, sondern auch, daß eben den Übersetzer findet, der ihn nicht zuschanden übersetzt. dtv hatte eine Option auf die Rechte von Sozaboy. Inzwischen hält der Münchener Verlag diese Option nicht mehr. "Uns fehlt ein Verlag für die Hardcover-Ausgabe des Buches." Statt dessen erscheint zur Buchmesse bei Bertelsmann Die Sterne dort unten, Erzählungen Saro-Wiwas. Die Taschenbuch-Ausgabe ist für Frühjahr 1997 bei dtv vorgesehen.
Manfred Loimeier, Ken Saro-Wiwa. Die Hinrichtung des Umweltschützers und Schriftstellers Ken Saro-Wiwa und weiterer Oppositioneller, der Kampf des Ogoni-Volks gegen Shell und die Lage in Nigeria, Göttingen (Lamuv-Verlag) 1996 (9,80 DM)
Ken Saro-Wiwa, Flammen der Hölle. Nigeria und Shell: Der schmutzige Krieg gegen die Ogoni, Reinbek (rororo aktuell) 1996 (18,90 DM)
Ken Saro-Wiwa, Sozaboy, London (Longman) 1995 (Paperback, 21,00 DM)