Das Meer vor Augen, das Land im Rücken?
Portugiesisches Puzzle
Michael Ackermann
"Ich vermag die Dinge nie anders als von
verschiedenen Sichtwinkeln zu erfassen."
Brigitte Paulino-Neto,
Die Melancholie des Geographen<D>
Leben die Portugiesen mit dem Rücken zum
Land, weil sie auf dem Meer die vergangenen Zeiten suchen? In
diesem oft bemühten Bild ist das schmale Land am westlichen
Rand Europas ein Ort von Menschen, die als Gefangene ihrer glorreichen
Geschichte über das Trauern nicht hinauskommen. Dazu wird
gerne Fernando Pessoa zitiert: Das Meer hat sich erfüllt
und das Reich zerfiel./ Herr, nun fehlt noch, Portugal zu erfüllen.
Aber womit? Schon der aufgespaltene Dichter Pessoa ließ
seine Heteronyme, Alberto Caeiro, Ricardo Reis und Alvaro de Campos,
einander widersprechende Antworten geben, die von nationalistischer
Verzückung, der Erwartung der Rückkehr des jugendlichen
Königs Dom Sebastiao bis zur modernistisch-futuristischen
Entrückung reichen, wie uns Angel Crespo in seiner Biographie
Fernando Pessoa auf detailreiche und spannende Weise zeigt.
Und wenn José Cardoso Pires in seinem Lissabonner Logbuch
stöhnt: "Pessoa. Der Pessoa, immer der Pessoa, der Pessoa,
unser Schicksal", dann gilt dies Stöhnen auch dem Suchen
der Schriftstellerinnen und Schriftsteller nach Antworten über
Pessoa hinaus.
Natürlich ist das nationale Erbe längst zum europäischen geworden. Mehr noch. Günter Kollert läßt in Der Gesang des Meeres in illustrativ-schöner Form Die portugiesischen Entdeckungsfahrten als Mythos der Neuzeit Revue passieren. Aber was passiert, wenn man das Bild vom Portugiesen, der mit dem Rücken zum Land steht, hinterfragt? Bei Brigitte Paulino-Neto beginnen dann die Begriffe zu tanzen. Mag das Meer auch weit sein und endlos wirken, das Schiff wird auf den Wellen zum Gefängnis. Und das Meer ist weiblich, in ihm kann man versinken. Vielleicht überwanden die Entdecker nur mühsam diese Furcht, und angekommen "entdeckten" sie dann die eigene Unvollkommenheit durch die Berührung mit den neuen Kontinenten? Noch heute sieht man auf Kachelbildern, den Azulejos, die den Gesängen von Luis de Camoes in Die Lusiaden nachempfunden sind, die großen Männer in Paradies-Welten verdienstvoll einherschreiten - und dabei bedrückende Schönheit, weil große Langeweile verbreiten. Brigitte Paulino-Neto fragt in Die Melancholie des Geographen: "Doch, was geschieht, wenn die Abenteurer der Phantasie an den Ufern der Wirklichkeit anlegen? Und was für ein Irrtum offenbart sich ihnen, außer daß es nur eine Menschheit gibt, daß jeder, überall, wo auch immer, gleich ist; überall Deinesgleichen, überall dein Bruder; daß das Monströse anderswo nicht anders ist als hier, obwohl man geglaubt hat, dieses Land unbedingt, über Nacht, säubern und Juden und Mauren verstoßen zu müssen, was letztlich zu nichts geführt hat, bloß zu vergeblich vergossenem Blut und Tränen. Anstelle des Traums - warum es verschweigen? - lauter Bramarbasieren, lauter Verrat, lauter Tyrannei."
In den Kacheln der Geschichte ist dies ausgespart, aber in ihnen ist auch alles erstarrt. Kein Anstoß mehr, kein Leben, keine Arbeit. "Nicht zu arbeiten war in Portugal immer ein Zeichen von Adel, und als die Arbeit ihrerseits wie im protestantischen Europa als Zeichen der Erwählung zu gelten begann, entdeckten wir kollektiv, wie man ein uraltes Erbe verfeinert, und übertrugen diese peinvolle Pflicht den Schwarzen. Genau besehen ist dies die authentische Essenz der Entdeckungen, der Rest, wenn auch immens, ist Beiwerk", sagt Eduardo Lourenco in Mythische Psychoanalyse des portugiesischen Schicksals.
Schlagen die Überlegenheitsgefühle
also um in Dekadenz, Verachtung des Volkes, Ekel gegenüber
allem vermeintlich Häßlichen und Niederem? Paulino-Netos
Roman entfaltet solche Gedanken und wird dabei durch eine zentrale
Geschichte zusammengehalten: Ein reicher Grundbesitzer und Schwerenöter
verliebt sich in seine ausgemergelte und alte Pächterin.
Der Geograph folgt zunehmend weniger fassungslos dem Gebaren des
Grundbesitzers Morgado, der die Boden-wischende alte Rosa Maria
als erotische Stimulanz empfindet. Im finalen Waschen der Alten
wird mit dem Lob der Häßlichkeit ein Gegenbild zu Klassengräben
und dekadenter Schönheit beschworen - der Geograph wird zum
Zeichner einer Karte anderer Gesellschafts- und Geschlechterverhältnisse.
Natürlich muß für solche Gedanken die "Nelkenrevolution" des Jahres 1974 als tiefer Einschnitt gelten. Und es waren vor allem die Schriftstellerinnen, die die Karte des Gemeinwesens neu beschrieben. Ähnlich wie später in Spanien nach dem Sturz Francos, sprangen Schriftstellerinen am radikalsten in neue literarische Formen, um dabei die alten, männlichen Mythen zu überwinden. "Wenn seit Anbeginn der Zeiten ,ein Mann mal zwei eine Frau ist`, so ist heute in der portugiesischen Literatur endlich ,ein Schriftsteller mal zwei eine Schriftstellerin`", verkündet Graca Abranches mit Selbstbewußtsein (siehe den Band Portugiesische Literatur). Immerhin finden wir in Samstag um acht und Die Schwestern der Mariana Alcoforado Erzählungen und Porträts von Gegenwartsschriftstellerinnen und lernen mit Neue portugiesische Briefe (alle drei Bände: edition tranvía, Berlin) auch die Initialzündung der feministischen Bewegung aus dem Jahre 1971 kennen, die Maria Isabel Barreno, Maria Teresa Horta und Maria Velho da Costa ausgelöst und dafür vom Regime, wild um sich schlagend, abgestraft wurden.
Aber geschehen ist geschehen, und das Selbstbewußtsein, sowohl in der Rollenauseinandersetzung wie in bezug auf literarische Techniken, läßt sich in Romanen von Clara Pinto Coreira, Teólinda Gersao und Theresa Salema gut nachempfinden. In Auf Wiedersehen, Princesa (dtv 11966) zeigt Clara Pinto Coreira in einer Journalisten- und Krimi-Handlung das Beharrungsvermögen der patriarchalen Welt im Alentejo und verbindet damit auch eine Kolportage über die Geschlechterrollen; in Das Alphabet der Frauen (Byblos Verlag, Köln 1992) buchstabiert sie anhand verschiedener Stimmen das moderne Beziehungsleben in Lissabon durch, ein Desillusionierungsprozeß.
Am präsentesten ist hierzulande Lídia Jorge. Die Nachrichten von der anderen Seite der Straße folgten den Jahren nach der Revolution als Zeiten kompliziertester weiblicher Anpassungs-, Durchsetzungs- und Emanzipationsprozesse; in Die Küste des Raunens spiegeln sich auch eigene Erfahrungen als ehemalige Offiziersfrau in Moçambique. "Niemals und nirgendwo anders hätte ich in so kurzer Zeit einen Spiegel, eine Zusammenfassung all dessen finden können, was tiefgreifende soziale Konflikte, Veränderungen von Verhaltensweisen, Zusammenbruch des Imperiums und Gewaltverhältnisse auf allen Ebenen ausmachte", sagte sie in einem Interview. Und im Gegensatz zu vielen Schriftstellern, kommt in ihrem Roman nicht nur das Grauen der portugiesischen Soldaten, sondern auch das der Opfer zur Sprache.
Ein Geschehen von verschiedenen Punkten aus
zu betrachten ist auch das gestalterische Prinzip ihres jüngsten
Romans, Paradies ohne Grenzen. Dort beobachtet eine Erzählerin
als Untermieterin eines Altbaus die vornehmlich jungen Mitbewohner
bei ihren Aktivitäten. Im Mittelpunkt steht der "Static
Man", der in der Fußgängerzone Bewegungslosigkeit
aufführt, bald zum Medienereignis wird und sich dem Ansinnen
nach Aufstellung eines "Weltrekordes" ausgesetzt sieht.
- Das Portugal der späten 80er ist eine Gesellschaft ohne
Wurzeln. Vom mittelständisch-konservativen Leben ihrer Eltern
wollen die jungen Leute nichts wissen, lassen sich von ihnen aber
gerne ihre übersteigerten Phantasien finanzieren. Im Hafen
ankern - "Schutz" versprechend - Kriegsschiffe der Nato,
und ein Folteropfer des alten Regimes wird nur durch Zufall nicht
zum Brandstifter des Chiado (dem Straßenzug, der im Handlungsjahr
des Romans, 1988, ja tatsächlich niederbrannte - und der,
welche Ironie, ja 1974 auch Platz der Verkündigung der Freiheit
war). Selbst der einstige Widerstand wird zu einem Anachronismus,
weil die einstigen Täter und Mitläufer zum Alltag übergegangen
sind.
Ja", sagte Lídia Jorge, "es gibt eine Identitätskrise, die man als Wachstumskrise des Bewußtseins bezeichnen könnte. Aber die Bevölkerung erlebt sie nicht als solche. Solange der Wohlstand steigt, kümmert man sich nicht um den Verlust bestimmter kultureller Werte" (FR, 24.12.92) - und macht das alles im jüngsten Roman in einer Slapstick-Bewegung fühlbar. Ihr zur Seite stellt der Übersetzungszufall nun eine Gegenwartsmimikry. In Mário de Carvalhos Wir sollten mal drüber reden tobt sich eine vergnügungssüchtige Menge von (vornehmlich) Männern in Kunst, Architektur, Recht, Geschäft und Institutionen dermaßen aus, daß solcher Entartung der biedere Joel nach vielen privaten und beruflichen Enttäuschungen sein Engagement in der Kommunistischen Partei entgegenstellen möchte. Wer glaubt, das müsse in Hochzeiten des Neoliberalismus ein leichtes sein, täuscht sich. Wie verderbt die Sitten auch sein mögen, die Partei ist mit ihren Bewußtseinsverkrustungen und Diskussionsritualen den kapitalen Verhältnissen gewiß nicht gewachsen. So wird für Joel nicht nur nichts aus dem ersehnten Beitritt, den armen Mann treibt es auch noch endgültig ins Abseits.
Der Vorteil solcherart Gegenwartszeichnung
ist, daß dem Leser die privaten und gesellschaftlichen Qualen
in vergnüglicher Form begegnen und ihm dabei ein originelles
Bild des Lissabonner Lebens serviert wird. Schon der erste Satz
in Paulo Castilhos Roman Rituale der Leidenschaft läßt
dagegen eine düstere Welt entstehen: "Hätte ich
die unsichtbare Pein benennen wollen, die beim Aufwachen mein
Dasein verfinsterte, wäre Brodem das passende Wort gewesen."
So führt uns ein Ich-Erzähler in sein New Yorker Leben
ein, wohin er nach einer Ehekatastrophe geflüchtet ist. Im
Kreis anderer USA-Emigranten wiederholen sich nun die Rituale
der Leidenschaft in der Beziehung des Mannes zu einer jungen Frau,
und das ist ein ebenso quälender und selbstbezüglicher
Prozeß wie das Ringen der anderen Ich-Erzählerin, die
als "career woman" um ihre Stellung in der Werbe-Branche
kämpft. Am Ende des Romans stehen lauter einsame und verlassene
Einzelne. Der Roman des Diplomaten Paulo Castilho ist weltläufig,
wortreich und von eben jener Melancholie durchwebt, die als typisch
portugiesisch gilt. Es ist jedoch eher ein ambitionierter "Gesellschaftsroman"
des forciert lebenden Metropolen-Jet-Set.
Natürlich wäre es idealistisch, gegen internationalisierte Perspektiven und Lebensverhältnisse mit dem Beharren auf das "portugiesische Wesen" zu reagieren. Aber es bleiben doch eher die Blickwinkel spannend, die nach innen gehen: "Wenn das Ausland Portugal Armenhaus Europas nennt, gebraucht es diesen Ausdruck hämisch und stellt uns auf eine tiefere Stufe menschlicher Verdienste. Und doch wissen wir alle, wo nicht im Sinne einer Philosophie, doch zumindest als Vorahnung, daß etwas in der unteilbaren Solidarität der Menschen zur Armut neigt. Und daß sie in Zukunft die einzige Form zivilisierter Distinktion sein wird, welcher der menschliche Wille Glauben schenken kann..." Was Agostina Bessa-Luis, die alte Dame der portugiesischen Gegenwartsliteratur, schon auf einem Schriftstellerkongreß in den 80er Jahren ausführte (zitiert nach: Curt Meyer-Clasons Portugiesische Tagebücher), verbindet die aus gutbürgerlichem Hause stammende 75jährige mit dem 1995 verstorbenen portugiesischen Urgestein Miguel Torga (geboren 1907 im Trás-os-Montes (Hinter den Bergen): Jene Einfühlung in die Würde der Armut, die der Geschichte des Landes so oft fehlte. Die Diskrepanz zwischen bäuerlicher Tradition (der Eltern) und eigenem Weg zur Literatur hat der bis ins hohe Alter tätige Landarzt stark empfunden, und dies spezielle Sensorium drückt sich in seinen Büchern über das ländliche Portugal aus. Ein schönes Beispiel dafür ist Weinlese.
Wie jedes Jahr steigen die Bewohner eines Dorfes der Terra Fria (der kühlen, kargen Gebirgslandschaft) zur Terra Quente (den warmen und fruchtbaren Regionen) hinab, um an den Hängen des Douro den Wein zu ernten. "Die Augen, die im Gebirge ausgetrocknet und tief eingefallen waren, weiteten sich staunend vor diesem goldenen Fluten." Gewollt sind die Frauen und Männer, Jungen und Mädchen jedoch nur als Arbeitsvieh, das der Gutsbesitzer fronen und in Verschlägen hausen läßt. Torga liefert ein Bild von Ausbeutung, und er zeigt die innere Zerrissenheit einer aufgestiegenen Gutsbesitzerfamilie und den Niedergang eines altfeudalen Weingutes. Die Talwärme schlägt in menschlichen Frost um, in der auch wohlmeinende, aber in sich zerrissene Idealisten scheitern und die Liebe der Besitzenden zum makabren Spiel wird. Mit Melancholie und Einfühlung, mit Drastik und bitterem Sarkasmus führt Torga die Diskrepanz von Lebenswelten vor, in denen die einen noch nie das Meer gesehen und die anderen noch nie gearbeitet haben. Und aus der Stadt, in diesem Falle Porto, kommt nur leibhaftige Dekadenz.
In Torgas ländlicher Welt haben Legenden
wenig Platz, und wenn, wie in Erzählungen aus dem Gebirge
oder Tiere, dann blitzen diese Legenden im sozialen Leben
nur auf. Den jungen José Riço Direitinho (Jg. 1965)
dagegen interessiert gerade die über das harte Leben abgelegener
Gebirgsnestbewohner gezogene Decke aus Legenden und Magie. Schon
bei der Geburt zeigt das Muttermal eines Knaben in Form eines
Eichenblattes Besonderheit an. Ist es ein Teufelsmal oder das
Vorzeichen auf einen Heiligen? Der bewegte, aber kurze Lebensweg
des José de Risso mündet jedenfalls in das hübsche
Brevier der schlechten Gewohnheiten, und dies zeigt uns,
aus welch drastischem Stoff Dorflegenden und Wallfahrten gewebt
sein können.
Legenden waren häufig das Ausgangsmaterial für den hierzulande meistübersetzten Autor Portugals - José Saramago. In Das Memorial zog er gegen die nationalistische Legende von der Entstehung des Memorial do Convento zu Mafra mit einer sozialgeschichtlichen Perspektive zu Felde, die die extremen Arbeitsbedingungen beim Bau des Klosters mit dem Schicksal und den Visionen einzelner verband. In barocker Sprache legte er auch die Geschichte der Belagerung von Lissabon an, in der die Eroberung der maurischen Stadt durch die Christen im Jahre 1147 zum Lob eines Erbes maurischer Kultur wurde. In den letzten Jahren aber hat sich Saramago von umrissenen historischen Stoffen abgewandt, versuchte sich in Das Evangelium nach Jesus Christus an einer Neuinterpretation der Schrift aus der Perspektive "des Menschen Jesus" und hat in Der Stuhl und andere Dinge mit sechs Erzählungen jenes allegorische Feld bestellt, auf dem er nun in Die Stadt der Blinden eine herbe Ernte einbringt.
Mit der Erblindung eines Autofahrers an einer Ampel beginnt eine Seuche, der ein ungenanntes Regime in einem ungenannten Land mit Einschluß aller Blinden in ein leerstehendes Irrenhaus beizukommen sucht. Aber es werden immer mehr Blinde, und das Irrenhaus wird zu einer Zwangsgesellschaft, in der Vergewaltigung und Mord fürchterliche Urständ feiern, bis die einzige Sehende einer Handvoll Überlebender den Weg in die Stadt zurückweist. Auch hier herrscht Überlebenskampf pur, aber die Sehende setzt durch sorgendes Verhalten einen Bewußtwerdungsprozeß in Gang.
Saramago jagt uns in gewohnt souveräner, aber auch etwas belehrend-beschwörender Tonlage durch eine Welt tiefer Verzweiflung und "gesellschaftlicher Blindheit", bis wir mit den Bildern des Endes verstanden haben, was not tut: Besinnung auf Solidarität und ein neues Bündnis zwischen Frau und Mann. Gewiß fehlt es diesem Roman nicht an Sogkraft, auch ist die ohne Punkt und Absätze dahingleitende Sprache noch immer faszinierend, aber der Autor flüchtet sich hier doch sehr in die Allegorie.
Überzeugender ist da der Roman von Júlio
Moreira, Requiem für einen Bösewicht. Auch bei
Moreira bleiben in der Erzählung von einem Mann, der sich
nach Gefangennahme durch ein nicht näher gekennzeichnetes
Regime in ein ebenso undefiniertes Exilland flüchtet, die
Bezüge vage. In den Affären und Depressionen der früheren
Freunde des Exilanten stoßen kryptische Botschaften des
seit Jahren Vermißten aber die Türen zu Neuinterpretationen
der Geschichte so weit auf, daß ein Lichtstreifen von Anspielungen
auf die Mythen des Widerstandes gegen das Salazar-Regime wie den
alten Trott der Gesellschaft im neuen Gewande fällt.
Bei Moreira leben alle Gestalten mit einem deutlich existentialistisch gefärbten Lebensgefühl. Ein böses Regime allein entscheidet nicht über das Verhalten des einzelnen. Der stößt vielmehr auf eigene fragwürdige Verhaltensweisen. Gemeinsamkeiten mit anderen sind flüchtig, die Liebe ist ichbezogenes Vakuum statt wärmende Zweisamkeit. Mann und Frau bleiben wechselseitig allein. Das ist auch die bittere Erkenntnis des jungen Jorge, der im Sommer des Jahres 1936 im Badeort Figueira da Foz und in Lissabon erste Liebe und Sexualität erlebt. Durchlebt, muß man besser sagen. Denn was Jorge de Sena (1919-1978) in Feuerzeichen auf knapp 600 Seiten entwickelt, ist keine Feier der Liebe und der Sexualität, sondern ein Bilderreigen grundsätzlicher Einsamkeit im Milieu verwandtschaftlicher Beziehungen, jugendlich-männlicher Cliquen und im Ringen um eine Geliebte, der Jorge zwar körperlich ungeheuer nahe kommt, von der er sich aber seelisch um so weiter entfernt. In Jorge de Senas erstem Teil einer autobiographischen (und durch den Tod unabgeschlossenen) Romantrilogie werden nicht nur Orgien mit Prostituierten, homosexuelle Leidenschaften und subtile Quälereien und wechselseitiger persönlicher Verrat in pralle Bilder gefaßt, in ihm zeigt sich auch die Atmosphäre eines Landes, das auf den beginnenden reaktionären Putsch der francistischen Kräfte jenseits der Grenze mit einer allgemeinen Panik reagiert. Der jugendliche Held des Romans aber bleibt all dem Geschehen gegenüber ambivalent, auch einer hoffnungslosen Widerstandsaktion zugunsten der spanischen Republik durch junge Bekannte gegenüber. Aus dem Wahn der Zeit steigt in ihm nur die dichterische Intuition auf. Sie ist ihm kein Geschenk, sondern ein Zwang; sie verbindet nicht mit anderen, sondern faßt Isolierung in Zeilen.
Es gibt im Roman eine zweite Isolierung: Das
Land Portugal ist isoliert, abgeschnitten vom Geschehen in Europa,
ausgeliefert einer verdummenden Propaganda des Regimes. Angstvoll
geht der Blick der Isolierten zur Grenze, während die nationale
Flotte in einer aberwitzigen Aktion ein paar aufständische
Matrosen und Unteroffiziere "niederringt", um "die
Revolution" zu verhindern - und den alten Mythos der Seemacht
aufleben zu lassen.
Es ist diese Mischung aus Mythen, Kleingeistigkeit, Zensur, Propaganda, klandestinen Machtkämpfen, biederem Bürgermilieu, verarmter Landbevölkerung, physischer und psychischer Vernichtung Aufbegehrender und der grausame, aber letztlich vergebliche Kampf gegen die Befreiungsbewegungen in den Kolonien, der zu einem, vielleicht zu dem Kulminationspunkt portugiesischer Gegenwartsliteratur führt - zu den Romanen von António Lobo Antunes. Im eigenen Land wird er wie José Saramago auch - gewiß keine Freunde im literarischen Geiste, zu viel trennt sie in Stil und Weltsicht - oft als nationaler Nestbeschmutzer beschimpft, weil er in seinen Romanen mit mäandernden Sätzen und geschichteten Stimmen- und Gedankenbewegungen immer aufs neue die Zertrümmerung der Individuen durch die nationalen Traditionen beschwört.
Die 19 Erzählstimmen in Das Handbuch der Inquisitoren führen, in stetem Wechsel von "Bericht" und "Kommentar", auf das Landgut des "Herrn Doktor", Minister von Salazar, der eher als ländlicher Patriarch denn als systemischer Despot erscheint ("Ich mache was sie wollen aber den Hut nehme ich nie ab damit klar ist wer das Sagen hat"). Seine Frau verläßt ihn früh, was den "Herrn Doktor" in Aggressionen schwelgen und alleweil das jüngere Personal vögeln läßt. Ein schlichtes Mädchen aus einem heruntergekommenen Lissabonner Stadtteil verwandelt "Herr Doktor" in das Abbild seiner Frau, nach dem Sturz des Regimes sinkt sie zur "Hure" herab, der "das Volk" wieder "Sitten beibringen" wird. Da siecht der "Herr Doktor" schon sabbernd im Altenheim dahin, erinnert sich fluchend ("Ich mache was sie wollen aber den Hut nehme ich nie ab damit klar ist wer das Sagen hat") und schimpft über seinen fehlgeratenen Sohn. Der Schwiegertochter aus gutem Hause hatten die Verwandten schon immer gesagt, daß der "Schwachkopf von ihrem Mann" ein Versager sei. Diese Verwandten bringen nach kleiner Auszeit im Gefängnis der "Nelkenrevolution" das Gut des "Herrn Doktor" in ihre Hand und etablieren die alte Macht aufs neue. Der Fahrer des "Herrn Doktor" berichtet nur ungern von der Ermordung des "Gegenkandidaten" (General Humberto Delgado, 1958 Präsidentschaftskandidat einer Mitte-links-Opposition), als dieser im Jahre 1965 aus dem Exil wieder heimlich nach Portugal zurückkehren will...
In Lobo Antunes Romanen gibt es keine nachhaltige Veränderung der Lebensverhältnisse. Die Verkrustungen des alten Regimes perforieren das Leben in der neuen Demokratie, die patriarchalen Strukturen leben ungebrochen fort. Direkte Verständigung zwischen einzelnen gibt es nicht. So überlappen sich Monologe, innere Monologe und Dialoge, und der Leser muß im brillanten literarischen Chaos die Ordnung selber finden.
In seiner Zertrümmerungsbewegung hat der Autor auch vor dem "Goldenen Zeitalter Portugals" nicht haltgemacht. In seinem - noch unübersetzten - Roman As Naus (Die Schiffe/Die Karavellen; 1988) kehren die Entdecker der Meere und die Sänger der Ehre (Vasco da Gama, Luís Camoes u.a.) als "retornados", als ungeliebte Gescheiterte des portugiesischen Imperiums, mit schwarzen Frauen und Kindern zurück. Am Ende warten sie zusammen mit Touristen, Afrikaheimkehrern und Lungenkranken am Strand sehnsüchtig auf den "Hoffnungsträger", den 1578 in Afrika verschollenen Jungenkönig Dom Sebastiao, der schon immer dazu herhalten mußte, den Realitäten auszuweichen. So wendet sich im bizarren Szenario des Geschichtspessimisten Lobo Antunes der Blick wieder einmal vom Lande ab und geht aufs Meer hinaus.
Aber was soll von da kommen?, fragt er.
Von Inseln
Der höchste Berg Portugals, 2.300 Meter hoch, liegt nicht auf dem Festland. Der Pico ist ein Vulkan, so, wie der Azoren-Archipel vulkanischen Ursprungs ist. Zuletzt ergossen sich 1957/58 die Schlacken über fruchtbares Land, gaben Faial ein neues Gesicht. Ralph Roger Glöckler macht diesen Ausbruch in Vulkanische Reise zum Mittelpunkt einer faszinierenden naturwissenschaftlichen, aber auch sozialgeschichtlichen und literarischen Erkundung. Als wichtige Walfänger-Station waren die Azoren schon im 19. Jahrhundert mit der Neuen Welt verbunden. Heute leben dort 1 Million Menschen mit Azoren-Abstammung, während der Archipel selbst noch etwa 300.000 Einwohner hat. 1958/59 verließen erneut Hunderte die Azoren in Richtung USA, nachdem ihre Häuser zerstört waren. In New Bedford, Massachusetts (einst bedeutendster Walfängerhafen und Moby-Dick-Lesern gut bekannt), leben 50.000 "portugiesische Amerikaner azoreanischer Herkunft", und Glöckler porträtiert einige davon. Sein Weg aber, mit Melville und Plinius, mit alten Berichten und neuen Erkenntnissen, führt zurück auf die Azoren: zur Faszination des Vulkanismus und zum Leben und Denken der Menschen, die mit den Naturgewalten leben müssen - im Guten und im Schlechten.
Vor allem das Leben und Denken von Frauen auf
der Insel Madeira des 19. Jahrhunderts steht in Raquels Töchter
im Mittelpunkt, auch wenn zu Beginn der seefahrende Arzt Marcos
Vaz de Lacerda die präsenteste Figur ist. Bald aber gewinnt
seine Frau Raquel Profil, und nach ihrem frühen Tod lernen
wir eine ganze Abfolge von Frauengenerationen kennen. Aus dem
Interieur des eher biederen romantischen Familienromans entwickelt
Helena Marques, auf Madeira aufgewachsen, recht forsch einen Emanzipationsroman.
Mit ihrer aufklärungsbereiten Mittelschicht im Leben der
Hauptstadt Funchal geraten dabei auch Inselgeschichte, portugiesische
Festlandspolitik und antikoloniales Denken in den Blick. Auf Madeira
ist nicht nur die alte Technik der Wasserversorgung fortschrittlich.
Ralph Roger Glöckler, Vulkanische Reise,
Stuttgart (Klett-Cotta Verlag) 1997 (172 S., 34,00 DM)
Helena Marques, Raquels Töchter. Roman. Aus dem Portugiesischen
von Karin von Schweder-Schreiner, Freiburg (Beck & Glückler
Verlag) 1997 (259 S., 38,80 DM)
Logbücher
Eine Wanderung über die gepflasterten Bürgersteige Lissabons ist eine Lektüre, die mit unserem Erbe als Kinder des Ozeans zu tun hat", sagt José Cardoso Pires (Jg. 1925) in seinem Lissabonner Logbuch und schenkt seine Aufmerksamkeit sogleich der Kunst der wenigen Nachfahren, die das Pflastern von Geschichte noch zu bewerkstelligen wissen. Sein Blick schweift über die Stadt, und er fragt sich, wie Allan Tanner nur behaupten konnte, es sei Die weiße Stadt. Cardoso Pires sieht sie farbig oder so fleckig wie die vollgeschissenen Standbilder der nationalen Größen, die heute kaum jemand mehr beachtet. Sein Blick gilt Raben, Katzen, Affen, Blinden, Trinkern und den Rentnern im Park. "Man kann Lissabon als Symbol definieren", aber er glaubt, "die ganze Stadt ist eher ein Stadtviertel oder ein Ort in der Stadt", in der kunstvoll gestaltete Untergrundbahn-Stationen "Literatur unter der Erde" bereithalten. Das schmale Buch der Stimmen, Blicke, Erinnerungen wird nur denjenigen enttäuschen, der es als Tip-gebenden Stadtführer kauft. Es will aber als Literatur gelesen sein.
Das wird man von einem Überblicksbuch
Portugiesische Literatur nicht unbedingt verlangen. Aber
beim erfreulich breiten Überblick über die jüngere
portugiesische Literatur(-geschichte, inclusive Lyrik und Drama)
stört manchmal der angestrengt literaturwissenschaftliche
Ton. Sieht man von ihm ab, erfreut man sich an der Deutung "imaginärer
Bildwelten" oder des "Selbstverständnisses der
Portugiesen in ihrer Literatur", genießt Octavio Paz`
Aufsatz über Fernando Pessoa oder etwa "Annäherungen
an den portugiesischen Roman des 20. Jahrhunderts". In Einzelstudien
werden Eça de Queirós, Miguel Torga, Vergílio
Ferreira und Agustina Bessa-Luis ebenso gewürdigt wie Jorge
de Sena, José Saramago, António Lobo Antunes und
die portugiesisch schreibende deutsch-jüdische Exilantin
Ilse Llosa. Natürlich ist auch ein Aufsatz über José
Cardoso Pires (s.o.) dabei, in dem Die Ballade vom Hundestrand
(Hanser Verlag, 1990) eine wichtige Rolle spielt. Einblicke erhält
man zudem in die Literatur von "Kolonialkrieg und Befreiungskampf"
und in "Die luso-afrikanischen Literaturen" (Angola,
Mosambik, Kapverde, Guinea-Bissau etc.). Hinweise auf deutschsprachige
Ausgaben erhält man immer. Zum Weiterlesen.
José Cardoso Pires, Lissabonner Logbuch.
Stimmen, Blicke, Erinnerungen. Mit einem Nachwort von Antonio
Tabucchi. Übersetzung: Maralde Meyer-Minnemann, München
(Hanser Verlag) 1997 (80 S., 24,00 DM)
Portugiesische Literatur. Herausgegeben von Henry Thorau. Mitarbeit
Marina Spinu, Frankfurt/M. (Suhrkamp Verlag) 1997 (575 S., 54,00
DM)
AUSWAHL NEUERER LITERATUR
Angel Crespo, Fernando Pessoa. Das vervielfältigte
Leben. Biographie. Aus dem Spanischen und Portugiesischen übersetzt
von Frank Henseleit-Lucke, Zürich (Ammann Verlag) 1996 (480
S., 68,00 DM)
Günter Kollert, Der Gesang des Meeres. Die portugiesischen
Entdeckungsfahrten als Mythos der Neuzeit, Ostfildern (edition
tertium) 1997 (300 S., Abb., 48,00 DM)
Brigitte Paulino-Neto, Die Melancholie des Geographen. Roman.
Aus dem Französischen von Giò Waeckerlin-Induni. Mit
einem Nachwort von Ulrich Schweizer, Innsbruck (Haymon Verlag)
1996 (191 S., 39,80 DM)
Lídia Jorge, Paradies ohne Grenzen. Roman. Aus dem Portugiesischen
von Karin von Schweder-Schreiner, Frankfurt/M. (Suhrkamp Verlag)
1997 (399 S., 48,00 DM)
Mario de Carvalho, Wir sollten mal drüber reden. Roman. Aus
dem Portugiesischen von Ralph Roger Glückler, Stuttgart (Klett-Cotta
Verlag) 1997 (276 S., 38,00 DM)
Paulo Castilho, Rituale der Leidenschaften. Roman. Aus dem Portugiesischen
von Karin von Schweder-Schreiner, Freiburg (Beck & Glückler
Verlag) 1995 (358 S., 44,00 DM)
Miguel Torga, Weinlese. Roman. Aus dem Portugiesischen von Erika
Farny, Freiburg (Beck & Glückler Verlag) 1997 (320 S.,
38,80 DM)
José Riço Direitinho, Brevier der schlechten Gewohnheiten.
Roman. Aus dem Portugiesischen von Andreas Klotsch, München
(Hanser Verlag) 1997 (205 S., 34,00 DM)
José Saramago, Der Stuhl und andere Dinge. Erzählungen.
Aus dem Portugiesischen von Sarita Brandt und Andreas Klotsch,
Reinbek (Rowohlt Verlag) 1995 (178 S., 36,00 DM)
ders., Die Stadt der Blinden. Roman. Deutsch von Ray-Güde
Mertin, Reinbek (Rowohlt Verlag) 1997 (399 S., 42,00 DM)
Júlio Moreira, Requiem für einen Bösewicht. Roman.
Aus dem Portugiesischen von Thomas Brovot, Freiburg (Beck &
Glückler Verlag) 1997 (358 S., 38,80 DM)
Jorge de Sena, Feuerzeichen. Roman. Aus dem Portugiesischen von
Frank Heibert, Frankfurt/M. (Suhrkamp Verlag) 1997 (588 S., 68,00
DM)
António Lobo Antunes, Die natürliche Ordnung der Dinge.
Roman. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann, München
(Hanser Verlag) 1996 (344 S., 45,00 DM)
ders., Das Handbuch der Inquisitoren. Roman. Aus dem Portugiesischen
von Maralde Meyer-Minnemann, München (Luchterhand Verlag)
1997 (459 S., 48,00 DM)
Mário de Sá-Carneiro, Lúcios Bekenntnis.
Roman. Aus dem Portugiesischen übersetzt und mit einem Nachwort
versehen von Berthold Zilly, Frankfurt/M. (Bibliothek Suhrkamp
1267) 1997 (136 S., 19,80 DM)
Eugénio de Andrade, Stilleben mit Früchten. Ausgewählte
Gedichte. Aus dem Portugiesischen und mit einem Nachwort von Curt
Meyer-Clason, München (Hanser Verlag) 1997 (144 S., 32,00
DM)