In den vorhergehenden Teilen war behauptet
worden, daß mit einer Verbindung von zwei politischen Reformen
- Staatsbürgerschaft und Steuer - neue Felder der Bürgerexistenz
und -tätigkeit erschlossen werden können. Damit geraten
wir in eine Diskussion über die Entwicklung der Moderne.
Gibt es noch etwas Neues im Westen oder ist die okzidentale Moderne
im Moment ihrer unbestrittenen Führungsrolle in der Welt
darauf beschränkt, sich nur zu wiederholen oder sich als
"zweite Moderne" reflexiv gegen sich selbst abzusichern?
Viele der gepriesenen Innovationen sind ja eher Verlängerungen
bisheriger Trends, deren Faszination sich in Grenzen hält.
Und diejenigen, die etwas anderes wollten, haben sich in der Bonner
Republik darauf spezialisiert, sich bloß mit den Folgen
der Moderne auseinanderzusetzen - wobei sie eben doch nur von
deren Vorgaben und Erträgen zehren konnten. Wird also alles
immer repetitiver? Leben wir tendenziell in einem Museum?
Nein, es gibt
Neuland der Moderne. Es liegt allerdings in einem Bereich, in
dem es die menschenzentrierte Utopie "Jeder nach seinen Fähigkeiten,
jedem nach seinen Bedürfnissen" nicht sucht. Tatsächliche
Erweiterungen, die sich vor unseren Augen vollziehen, liegen auf
der gegenständlichen Seite der Moderne. Ihr objektiver
Gehalt wird gegenwärtig an einen Punkt getrieben, an dem
der subjektive Heroismus der "Arbeiter" oder "Völker"
nur noch wie eine Kinderstube der Neuzeit erscheint. Dies soll
zunächst mit einer Beobachtung erläutert werden, die
die beiden Hauptgestalten betrifft, die den Westen seit der Industrialisierung
in Atem halten: Lohnarbeit und Kapital. Auf der Seite der Lohnarbeit
deutet nichts auf ein "Ende der Arbeit" hin. Von 1970
bis 1996 hat die Beschäftigung in den OECD-Ländern um
37,2 Prozent zugenommen, das waren 110 Millionen Arbeitsplätze.1
Auf der Seite des Kapitals ist ein Erlahmen der Akkumulation und
eine Tendenz zur konsumtiven Gentryfizierung nicht feststellbar.
Ein Indikator dafür sind die Direktinvestitionen, die zwischen
1985 und 1995 mit jährlich plus 17 Prozent fast doppelt so
schnell wuchsen wie der Waren- und Dienstleistungshandel und viermal
so schnell wie die Weltproduktion. Der Anteil, der davon auf die
alten Industrieländer entfiel, verringerte sich von 83,3
im Jahr 1990 auf 64,5 Prozent 1995; es kam also auch zu einer
geographischen Expansion. Das eigentlich Erstaunliche ist, daß
diese beiden Erweiterungen von Lohnarbeit und Kapital bei geringeren
Ertragsraten erfolgten. Auf der Seite der Arbeit ist dafür
die gesunkene Lohnquote ein Indikator. Sie besagt, daß trotz
Erweiterung der Beschäftigtenzahl deren relative Einkommensanteile
sinken. Das vielzitierte Beispiel der USA weist im unteren Einkommensfünftel
reale Einkommensverluste um 11 Prozent (1979-1994) aus.2 Gerade
in diesem Fünftel ist aber ein erheblicher Teil der neuen
Beschäftigten entstanden. Auf der Seite des Kapitals sinkt
die Rentabilitätsrate. Der Anteil des Jahresüberschusses
und der Zinsaufwendungen an der Bilanzsumme bei etwa 60.000 untersuchten
Unternehmen in den alten Bundesländern sank von 7,9 (1971)
auf 6,2 Prozent (1991).3 Angesichts solcher Zahlen kann nicht
angenommen werden, daß hier ein Wertschöpfungsschub
stattgefunden hat, der die Beschäftigungs- und Kapitalexpansion
trägt. Es muß vielmehr eine Erweiterung der Marginalsituationen
vermutet werden: Es wird auch noch zu Bedingungen Arbeit aufgenommen
und Kapital akkumuliert, die vorher nicht zum Spektrum des Sozialverträglichen
gehörten. Es kommt selbst dann zu neuen Wirtschaftsaktivitäten,
wenn der neue Schritt weniger honoriert wird als die bisherigen
Schritte (bzw. die Schritte der etablierten Akteure).4
Es lohnt sich, mehr über diese Beobachtung nachzudenken. Was geschieht da eigentlich? Solange wir uns die Moderne unter dem Gesichtspunkt der Produktivitätssteigerung vorstellen, scheint sie sich auf Dauer nur verengen zu können. Ein Gut wird durch Arbeitsteilung auf höherer Stufenleiter kostengünstiger hergestellt. Sofern dadurch Arbeit freigesetzt und Kapital neu gebildet wird, können diese sich auf andere Güter werfen und sie der gleichen Prozedur unterwerfen. So geht die Jagd um den ganzen Erdball und verleibt nach und nach alle Güter einem immer engeren Produktivitätszirkel ein. Diese fixe Idee einer Moderne, die von fremden stofflichen, kulturellen und moralischen Reserven und Traditionen lebt und diese in ihre Rationalisierungsmühle steckt, zieht sich in Deutschland von der Romantik über den Marxismus bis zur kritischen Theorie. Zugrunde liegt eine merkwürdige Vorstellung von Arbeitsteilung, nach der eine immer vorgegebene Arbeit im nachhinein geteilt wird: Die Stecknadelherstellung ist vorgegeben; sie wird von einer Person auf 100 verteilt - bei Erhöhung der Stückzahl und Verdrängung von 200 bisher unabhängigen Einzelherstellern. Das finstere Ende dieser Geschichte ist abzusehen. Wenn die Moderne wirklich so laufen würde, hätte sie sich schon nach ein paar Jahrzehnten totgelaufen. Der Irrtum liegt darin, daß es nicht nur vorgegebene Arbeit gibt, sondern daß Arbeit auch erst durch Arbeitsteilung konstituiert wird. Der Umkreis der erreichbaren Gegenstände kann durch sie erweitert werden, und die Menschen könnnen durch sie eine Profilierung gewinnen, die sie von Natur und Vorgeschichte aus gar nicht mitbringen.5
Bei dieser Erweiterung kann man gegenwärtig zwei Richtungen unterscheiden. Nehmen wir zunächst eine weitgehend routinisierte Herstellung in einer älteren Industrie (etwa Bekleidung). Hier kann eine bestehende große fabrikmäßige Organisation fragmentiert werden. Die Arbeiter nehmen sich einen Teil der Arbeit und Arbeitsmittel "mit nach Hause".6 Kleinunternehmen entstehen um Einzelmaschinen aus der vorher integrierten Halle. Kleinlastwagen fahren zwischen den Werkstätten herum. Aufwendige Bearbeitungsmechanismen werden durch Handarbeit ersetzt. Bestimmte Industriezweige werden so dekapitalisiert. Wohlgemerkt: Beim Endprodukt geschieht eigentlich nichts Neues, und die Produktivität "pro Kopf" wird eventuell sogar sinken. Auch die alte Handwerker-Ganzheitlichkeit kehrt nicht zurück, sondern es wird an die industrielle Vereinfachung angeknüpft. Die Einfachheit und Billigkeit dieser Module ist der Trumpf. Ein neuer Typus von provisorischen Maschinen, Transportvehikeln, Hallen bildet eine neue Gegenstandswelt, deren Eintrittsschwellen für Unternehmer und Arbeiter niedriger sind. Mit der Tendenz zur Remanualisierung erlangen auch die menschlichen Körper eine neue gegenständliche Bedeutung. In der Moderne gibt es ja keine Instanz, die die höchste Produktivität verlangen kann. Kein Weltmarkt fragt danach, ob in einem bestimmten günstigen Preis für ein Paar Schuhe eine vollautomatische Fabrik oder 100 Sweatshops stecken. Auf ihm sind Maschinen und Menschenhände gleichwertige Gegenstände, und die leichte Verfügbarkeit der eigenen Hand schlägt vielfach die aufwendigere Verfügbarkeit einer großen Maschine. In der Moderne müssen die Menschen ihre Existenz selbst verantworten. Sie entscheiden, ob sie sich auf die fragmentierte Existenz mit sporadischem Einkommen und krummem Rücken einlassen. Und da es eben um ihre lebendige Existenz geht, haben sie ein stärkeres Motiv als Automaten. Dieser neue industrielle Existentialismus ist die eine Erweiterungsrichtung der Moderne.7 Er ist heute nicht nur in Schwellenländern wirksam, sondern auch in südeuropäischen Ländern wie Spanien und Italien. Ohne ihn wäre die heutige Erweiterung des Teilnehmerkreises am Weltmarkt und die geographische Verlagerung von Industrien nicht denkbar.8
Eine zweite Erweiterungsrichtung spielt auf
einem anderen Feld. Diesmal ist der Ausgangspunkt die Tatsache,
daß eine Produktion auf großer Stufenleiter mit ihrer
größeren Reichweite zu neuen Produkten führen
kann. Ein klassisches Beispiel ist der Übergang von der Kohleverhüttung
zur Kohlechemie, der durch großindustrielle Integration
ganz neue Stoffqualitäten entdecken konnte. Nun sind solche
Funde aber nicht automatisch. An einer Stelle kann die Stufenleiter
zu Neuem führen, während man sie anderswo noch so sehr
verlängern kann, ohne vorwärtszukommen. In der Welt
steht ja nicht nur eine große Stufenleiter, sondern mehrere,
zwischen denen die Produktionsfaktoren in einem gewissen Grade
wandern. Ein expansiver Investitionszweig kann einen stagnierenden
überholen oder sogar substituieren. Die Arbeitsteilung zwischen
Branchen ist also nie definitiv. Dies führt zur Selektivität
der Stufenleiterentwicklung. Eine hohe Selektivität ist die
Bedingung für die Erhöhung der Reichweite und für
die Erschließung neuer Produkte. Aber niemand kann von vornherein
die richtige Auswahl treffen. Ein Chemiekonzern kann nicht sicher
sein, ob er eher auf Pharmaentwicklung oder auf industrielle Hilfsstoffentwicklung
setzen soll.9 Oder branchenübergreifend: Liegen die größeren
Zukunftsmärkte im Tourismus oder im Ausbau innerstädtischer
Areale? Auf diesem Niveau von Arbeitsteilung ist also nicht das
Bild eines aufzuteilenden Kuchens angemessen, sondern das Bild
eines Ungeheuers mit vielen Tentakeln, die mal hierhin und mal
dahin tastend ausfahren. Dies ständig neue Selektionsproblem
ist der Grund für die heutige Bedeutung des Finanzkapitals
(sowohl als Bank als auch als Versicherung). Hätten wir nur
Routineproduktion auf einer einzigen großen Stufenleiter,
gäbe es keine Risiken, sondern nur "Macht". Selektivität
kann zwar im einzelnen zu märchenhaften Extrarenditen führen,
aber im Durchschnitt - und darauf kommt es hier an - führt
sie eher zu sinkenden Neuerträgen. Gemessen an den angehäuften
Vermögenswerten und Sachanlagen sind hier die Zugewinne eher
gering. Die Luft wird sozusagen immer dünner. Nun gibt es
in der Moderne keine Instanz, die eine Rate fixiert, in der das
Neue zum Alten zu stehen hätte, in der also die Zugewinne
durch neue Produkte zu den alten Vermögenswerten zu stehen
hätten. Was ist die mathematische Größe einer
Profitrate gegen die menschliche Neugier? Das Finanzkapital, dessen
Transaktionen seit den 70er Jahren einen neuen Schub erfahren
haben, ist daher gerade nicht nur als Repräsentant des Maximalprofits
zu verstehen, sondern als die Verarbeitungsform einer tendenziell
niedrigeren Profitrate. Seine Flexibilität hilft, das Selektionsdilemma
zu bewältigen. Zu diesen flexiblen Selektionsformen gehören
aber nicht nur ein paar einsame Magnaten, sondern weitverzweigte
Ketten: höherwertige Dienste wie Forschung, Design, Personalberatung,
juristische Dienste; niederwertige Dienste wie Salatschneiden,
Putzen, Koffertragen. Dabei kann man nicht sagen, ob das höhere
Ende der Kette die Bedingung des niedrigeren Ende ist oder umgekehrt.
Auf ihre gesamte Länge und ihr Ineinandergreifen kommt es
an. Hier liegt ein Neuland, das wir vielfach pauschal "Dienstleistungsgesellschaft"
nennen. Wir übersehen dabei, daß die Ausdehnung
der Dienstleistungsgesellschaft von einer paradoxen Suche nach
Exzellenz bestimmt wird. Das Neue ist hier das Seltene, das nur
durch einen großen Vermögenswettbewerb gefunden werden
kann. Der in diesem Exzellenzkapitalismus Erfolgreiche
steht immer wackelig auf vielen Schultern.
Es gibt also
gegenwärtig qualitative Erweiterungen der Moderne - eine
Art doppeltes Neuland, in dem Lohnarbeit und Kapital nicht mehr
so mechanisch aneinander gebunden sind. Der industrielle Existentialismus
und der Exzellenzkapitalismus treiben die Ökonomie über
ihre utilitaristischen Grenzen hinaus - ohne freilich die Wohlstandsgesellschaft
flächendeckend zu ersetzen. Bei diesen Grenzerweiterungen
kommt es auf ein Merkmal an. Die Erweiterungen erfolgen nämlich
von der Objektseite der Moderne her. Die produktivistische Sicht
der Moderne fixierte ja immer eine bestimmte Relation - eine Wohlstandserwartung
- zwischen den Menschen und ihren Gegenständen. Jenseits
dieser Grenze verloren die Gegenstände für die Menschen
angeblich ihr Interesse. Dadurch wurden die Horizonte der Welt
eng.10 Aber das eherne Gesetz, das die Dinge in einer festen Funktion
den Menschen unterordnet, gibt es nicht. Es ist gerade die Moderne,
die diesen Funktionalismus immer wieder aufbricht. Sie ist in
diesem Sinn eine objektivistische Veranstaltung. Die Rolle der
Menschen verschwindet dabei nicht. Das Subjekt stirbt nicht. Aber
es wird kleiner, einseitiger, provisorischer. Dabei sollte man
nicht nur an die prekären menschlichen Existenzen in Sweatshops
denken, sondern auch an die Lebens- und Arbeitsweisen der Menschen
in den oberen Etagen des Risikokapitals. Gerade hier gibt es extreme
Sach-, Zeit- und Kooperationszwänge, und wir finden hier
mehr Lohnempfänger als "Hausherren", während
paradoxerweise in den fragmentierten Industrien neue Mikroeigentümer
auftauchen. Der Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital, der ja auf
einer festen klassenmäßigen Personifizierung dieser
ökonomischen Kategorien beruhte, verliert seine Sprengkraft,
weil bei ihm nun Subjektivität und Objektivität auseinandertreten.
Objektiv sind Lohnarbeit und Kapital scharf und asymmetrisch getrennt.
Aber für die Subjekte sind "Lohnarbeiter" und "Kapitalist"
keine einander ausschließenden Großidentitäten
mehr - die Biographien sind allemal kleiner und gemischter. "Der
Unternehmer" oder "der Arbeiter" sind verblassende
Subjekt-Mythen. Insofern befinden wir uns bereits in einer Welt
jenseits des Grundwiderspruchs von Lohnarbeit und Kapital.11
Nun war bei der bisherigen Darstellung des modernen Neulands nur von ökonomischen Phänomen die Rede. Die beschriebenen Erweiterungen haben aber eine zweite, vielleicht noch interessantere Seite in der politischen Sphäre. Wenn das ökonomische Handeln heute über den Utilitarismus hinaustreibt, so treibt das politische Handeln über seine Machtlogik hinaus: Es wird Tolerierungshandeln. Um dafür einen Blick zu bekommen, muß man sich von der subjektorientierten Vorstellung trennen, die bei Politik sofort an Staatsorgane, Wähler oder auch Bürgerproteste denkt. Wir sollten eher an den sachlich-räumlichen Zusammenhang einer Stadt - eben der "Polis" - denken. In deutschen Städten kann man heutzutage eine interessante Beobachtung machen. Seit mehreren Jahren klagt der Einzelhandel über stagnierende und sinkende Umsätze. Die Leute geben weniger Geld aus. Aber es ist auch zu beobachten, daß bestimmte Straßen, Plätze und Arenen voller sind denn je. Sogar am Sonntagnachmittag werden Schaufenster und Mitmenschen inspiziert, eigene Kleidung und Körperfitneß vorgeführt, oder die Leute wohnen einem "Event" bei. Nun wird nicht nur beklagt, daß dies Verhalten die Kassen weniger klingeln läßt, sondern auch, daß es "unpolitisch" sei, weil das fordernde Demonstrieren fehlt. Und dennoch geschieht hier Politik: Die Bürger konstituieren einen eigenständigen Raum, in dem sie die Grenzen des Tragbaren ausprobieren und definieren, und in dem sie so gegenseitig um Anerkennung ringen. Es wird nicht etwas eingefordert, sondern etwas mitgebracht. Diese Eigenleistungen, bei denen die Bürger zugleich Akteure und Publikum bilden, sind kommerziell meistens nicht zählbar, weil sie zu klein sind, um marktfähig zu sein. Aber sie begründen in einem existentiellen Sinn schon eine politische Bürgerschaft.
Ein zweites urbanes Phänomen, das sich
weniger leicht beobachten läßt, kann diese politische
Sphäre nach einer ganz anderen Seite erweitern. Die Global-City-Forschung12
hat festgestellt, daß sich die "Kommandozentralen"
internationaler Konzerne, deren Zulieferer-Dienstleistungen und
die Markthallen des Finanzkapitals in einigen großen Weltmetropolen
räumlich konzentrieren: New York, Tokio, London... Im Städtesystem
werden die Abstände zwischen erstrangigen und nachrangigen
Metropolen größer, in der erstrangigen Metropole spielen
wenige zentrale Areale die Hauptrolle. Es findet also eine räumliche
Bündelung statt. Ist im ersten Beispiel erstaunlich, daß
die urbane Verdichtung trotz fehlender Kaufkraft der Menschen
erfolgt, so ist hier bemerkenswert, daß gerade Vermögende
trotz guter Standortalternativen die metropolitane Zentralität
suchen. Eigentlich sollte man annehmen, daß internationale
Konzerne es nicht nötig hätten, sich untereinander auf
Tuchfühlung zu begeben und ihre Entscheidungsträger
dem Kontakt mit neugierigen Konkurrenten oder verführerischen
Ablenkungen auszusetzen. Schließlich gibt es billige Verkehrs-
und Kommunikationsmittel, die alles von der grünen Wiese
aus steuerbar zu machen scheinen. Aber offenbar sehen die Konzerne
bestimmte Fühlungsvorteile. Sie beziehen sich auf das oben
beschriebene Selektionsproblem, aber sie umfassen nicht nur ökonomische
Tatbestände, sondern alle möglichen auf Exzellenz gerichteten
Ambitionen. Die räumliche Bündelung bringt solche disparaten
Ambitionen zusammen und ermöglicht eine gewisse Vorauswahl
von Gelegenheiten und Tendenzen. Eine heutige Börsen- und
Broadway-City ist eine ziemlich vage Veranstaltung, in der sehr
pauschale Indizien präsentiert und verglichen werden. Die
hohe Komplexität der Zukunftsmöglichkeiten ist in diesem
Stadium noch nicht marktfähig. Aber sie ist doch schon durch
den stabilen Horizont der metropolitanen Bündelung reduziert.
Diese Sphäre unfertig versammelter Exzellenz muß man
auch als Politik verstehen.
Auch hier lohnt sich ein längeres Nachdenken. Politik ist hier nicht Ausgleich einer zu disparaten ökonomischen Welt. Sie ist nicht Rückbindung, sondern Erweiterung über den Markt hinaus. In der Existenz- und Exzellenzsphäre des politischen Handelns spielt dabei der Raum eine besondere Rolle. Im ersten Fall geht es um einen Präsenzraum. Indem sich die Bürger körperlich auf diesen Raum einlassen, machen sie sich gegenseitig verletztlich und haftbar. Politik geschieht hier in einem ganz elementaren Sinn. Im zweiten Fall geht es eher um Repräsentanz. Die großen Vermögen gehen ja nicht auf die Straße, aber sie machen sich durch ihre Niederlassungen, Stiftungen, Schaufenster und Vertreter meßbar - und wiederholt meßbar. Ihre repräsentativen Investitionen stellen eine Art "Geisel" oder "Unterpfand" dar, mit dem sie sich gegenüber der Gesamtbürgerschaft und gegenüber Konkurrenten zurückbinden. Sie ermöglichen so eine gewisse Kontrolle von Aktivitäten, die eigentlich durch ihre spezifische Komplexität exklusiv sind. In beiden Fällen konstituiert sich die politische Sphäre nicht durch Macht, sondern durch Toleranz von Risiken und Verletzlichkeit. Nicht die machtmäßige Abschottung, sondern die - begrenzte - Selbstauslieferung der Bürger und ihrer Vermögen ist für die "Fühlungsvorteile" konstitutiv. In beiden Fällen kann man auch von einer neuen politischen Gegenständlichkeit sprechen. Die räumliche Anordnung, die Proportionierung unterschiedlicher Wege und Gebäudemassen, die Nutzungsabgrenzung - diese Sachverhalte werden aus simplen "Stand"-Orten für die Wirtschaftstätigkeit zu eigenständigen politischen Gütern. Das Nachdenken über die Zumessung und Herstellung dieser Güter gehört zu den am meisten vernachlässigten und spannendsten Themen der aktuellen Moderne. Jane Jacobs hat am Beispiel von Bürgersteigen anschaulich gezeigt, wie das planerische Bemühen um Abschottung von Gefahren das urbane Leben zerstört.13 Eine "politische Straße" wird durch Formen der Selbstbeteiligung aufgebaut, in denen der Bürger etwas gibt und nimmt: Höflichkeit, Beobachtung, Wegeinformation, Animation durch Auslagen, Sauberkeit, Zivilcourage. Dies ist selten ein direkter Tausch. Oft nimmt eine Straße solche Bürgertätigkeiten zunächst in sich auf und gibt sie später wieder zurück. Ohne den baulich-objektiven Charakter der Straße wäre dies nicht möglich. Die von der kommunikativen Soziologie so beliebte Intersubjektivität ist viel zu intim und bricht zu schnell zusammen. Walter Benjamin hat in seinem "Passagen-Werk" die noch unerschlossenen Potenzen der Eisen- und Glaskonstruktionen angedeutet. Er hat - gegen den Subjektwahn von Rasse, Klasse und "neuem Menschen", der seine Zeit prägte - die Rettung auf der gegenständlichen Seite gesucht. In den gebauten "Konfigurationen des Lebens", in der "Aura" des Kunstwerks und des Industriewerks, im "physiognomischen Denken" ließ er das aufscheinen, was eine der Moderne angemessene politische Sphäre der Exzellenz sein könnte. Zu ihrer Ausarbeitung kam er nicht. Seine schlichte Notiz "Zu früh gekommenes Glas, zu frühes Eisen" ist ein Vermächtnis.14
Beide - Jacobs und Benjamin - sahen sich eher
in einem Abwehrkampf gegen die zerstörerischen Tendenzen
einer auf Utilitarismus und Macht verengten Moderne. Dies ist
nicht mehr unsere Situation. Die Berliner Republik nimmt ihren
Anfang zu einer Zeit, in der die Moderne sich bereits auf Neuland
bewegt. Die ökonomischen und politischen Erweiterungen, die
hier mit "Existenz" und "Exzellenz" umschrieben
wurden, braucht diese Republik nicht neu zu erfinden. Im Weltmaßstab
und auch im europäischen Maßstab war die famose deutsche
89er Revolution eine nachholende Bewegung. Es kommt darauf an,
daß diese nachholende Bewegung fortgesetzt wird, und daß
sich die Republik nicht von neuem provinzialisiert. Dabei ist
es eher ein glücklicher Zufall, daß die Hauptstadt
Berlin keine leichte Boomtown ist, sondern die Fragmentierung
und zugleich die Selektivität der neuen Marginalsituationen
repräsentiert. Gegenüber der Bonner Verbänderepublik
könnte diese Stadt ein Unterpfand für die historisch
uneingelöste Urbanisierung der Republik darstellen. Die Berliner
Republik muß allerdings wirklich als modernes Neuland erschlossen
werden statt als Fehlersuche in der vorgefundenen Moderne. Gerade
auch eine neue, herausfordernde Opposition muß dabei einen
neuen Sinn für die gegenständliche Seite der Republik
entwickeln. Sie muß in einem tiefen Sinn konstruktiv sein.15
1 Dabei lag auch Westdeutschland mit 6% im positiven Bereich, allerdings weit hinter den USA (56,5%) oder den Niederlanden (27%).
2 Alle Zahlen stammen aus der Broschüre des Instituts der deutschen Wirtschaft "Globalisierung - Bedrohung oder Chance?" Köln 1998.
3 Es handelt sich nicht um zwei Sonderjahre, sondern um einen ziemlich linearen Trend (vgl.: Deutsche Bundesbank, Jahresabschlüsse westdeutscher Unternehmen 1971 bis 1991, Frankfurt/M. 1993).
4 Bei den Beschäftigungszuwächsen in den USA oder den Niederlanden wird häufig moniert, diese seien mit "einer verhältnismäßig schwachen Zunahme der Arbeitsproduktivität" erkauft (vgl. z.B. FAZ, 17.4.97 o. 6.3.97). Dies zeigt aber gerade die Problematik des Maßstabs "Arbeitsproduktivität".
5 Auf diese Profilierung hat schon Adam Smith aufmerksam gemacht, indem er das subjektive Paradox der Arbeitsteilung beschrieb: Die Menschen sind besonders leere "Tiere", die sich erst durch arbeitsteilige Entäußerungen an Gegenstände füllen. "Von Natur aus ist ein Philosoph hinsichtlich Fähigkeit und Veranlagung von einem Lastträger halb so verschieden wie eine Dogge von einem Windhund", schreibt Smith. Aber während die Tiere diese Unterschiede nicht weiter ausbauen können, können die Menschen ihre geringe natürliche Profilierung durch Arbeitsteilung und Austausch steigern und die Differenzierung von Dogge und Windhund bei weitem übertreffen. Es hängt nur davon ab, wie weit sie von ihrem gegenständlichen Sinn Gebrauch machen. Das heutige Wort dafür ist Professionalität.
6 Vgl. Andrea Saba, L'industria sommersa. Il nuovo modello di suiluppo, Venezia-Padova 1980.
7 Der industrielle Existentialismus ist einerseits eine Chance für marginalisierte Akteure: Frauen, junge Leute, Bewohner peripherer Gebiete. Andererseits bietet diese Form gegenüber der Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich den Vorteil, daß sie die Menschen nicht nur für einen kurzen, hochproduktiven Moment an die Arbeitsgegenstände läßt und sie nicht nach ein paar Stunden wieder vor das Werkstor setzt. Die Fragmentierung ist erfahrungsreicher, und sie erlaubt Mischungen mit anderen häuslichen, ländlichen oder urbanen Aktivitäten.
8 Es geht dabei nicht um eine flächendeckende Ersetzung der "economies of scale" durch eine andere Produktionsweise, wie die These vom "Ende der Massenproduktion" (Piore/Sabel) suggeriert, sondern um Neuland an den - inzwischen sehr breiten - Rändern der großindustriellen Prozesse.
9 In der FAZ werden gegenwärtig in einer Serie die Weltmarkt-Anpassungen deutscher Konzerne dargestellt. Das liest sich teilweise wie eine Odyssee im Weltmarkt.
10 Die beiden Felder liegen genau jenseits jener beiden Grenzen, die Marx für das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital annahm: die industrielle Reservearmee und das überakkumulierte "Reservekapital", das angeblich keine Anlagemöglichkeit mehr findet. Die Anlagegrenze wird von Marx durch eine mathematische Relation bestimmt, die Profitrate, die als Motivationsrelation unterstellt wird. Da liegt der ganze Irrtum, der die gegenständliche Seite der Moderne auf einen utilitaristischen Umgang mit den Gegenständen herunterbringt.
11 Das moderne Neuland jenseits von Lohnarbeit und Kapital und das Hinaustreiben der Welt über die "Schlacht ums Mehrprodukt" zwischen Völkern und Klassen ist der Grund dafür, daß die gegenwärtige Globalisierung nicht in eine Neuauflage des "Weltbürgerkriegs" umschlägt - trotz eklatanter Gegensätze.
12 Vgl. etwa Saskia Sassen, Metropolen des Weltmarkts, Frankfurt/New York 1996.
13 Jane Jacobs, Tod und Leben großer amerikanischer Städte, Braunschweig 1963/1993.
14 Walter Benjamin, Das Passagen-Werk. (Hg. von R.Tiedemann) Frankfurt/M. 1983.
15 Willfried Maier ging in seinem Beitrag in der Kommune 1/97 davon aus, daß die Verbindung zwischen Arbeitsgesellschaft und Republik schwächer wird. Sein Vorschlag "Bürgerinitiativen als freie Assoziationen" geriet insofern in ein Niemandsland, als er keine Gegenstände für die Bürgertätigkeit angeben konnte. Politik wurde in der Tendenz zur reinen Zwischenmenschlichkeit. Mein Vorschlag beruht darauf, die Arbeitsgesellschaft nicht vorschnell abzuschreiben, sondern sie von ihren utilitaristischen Verkürzungen zu befreien. Dies eröffnet dann auch eine neue Sphäre politischer Gegenständlichkeit.