Editorial

Joscha Schmierer

Hauptsache, es ist rum, fast möchte ich sagen, egal wie es ausgeht. So schlimm wie der Wahlkampf kann sein Ergebnis gar nicht sein. In der Haut eines CDU- oder SPD-Wählers, also eines der Wähler, deren Stimmen direkt über den Kanzler entscheiden, möchte ich allerdings nicht stecken. Zu offensichtlich toben sich die beiden Kandidaten auf einem hemmungslosen Egotrip aus. Der eine, der Alte, erzählt ständig, er wolle es noch einmal wissen. Was eigentlich? Wie die Regierungsmacht schmeckt, weiß er doch schon lang genug. Wie der Sieg schmeckt, will er wieder einmal kosten. Allen wolle er es noch einmal zeigen, sagt er. Was denn? Das klingt fast schon nach Exhibitionismus. Der andere, der Junge, aber doch wesentlich älter als Lothar Matthäus, um den herum mit dem Neuaufbau der Nationalmannschaft begonnen wird, will den ewigen Sieger besiegen, bevor es zu spät ist und der freiwillig zurücktritt und die Legende auf den Nachfolger überträgt, was auch den unschlagbar machen könnte, zumal er jetzt schon der geschätzteste Politiker ist. Schröder will ran, er will rein. Und zu diesem Zweck hat er die Technik des Gegners so genau studiert, daß man ihn danach nicht mehr unterscheiden kann. Nur noch die Jahre machen den Unterschied aus, aber sind sie entscheidend in einer alternden Gesellschaft? Bringt das jüngere Alter vor allem unter Jugendlichen einen Vorteil, die anders als die beiden Kandidaten zu ihrer Zeit längst keinen Marschallstab mehr im Tornister tragen?

Die überzeugten Demokratinnen und Demokraten unter den SPD-Wählerinnen und Wählern scheinen immerhin ein demokratietheoretisches Argument mit ihrer Stimme in die Waagschale werfen zu können: den durch Wahlen herbeigeführten Wechsel, der ohne Schröders Sieg noch lange auf sich warten lassen könnte. Aber sticht dieses Argument? Rot-Grün will er ja gar nicht, selbst wenn er den Versuch nicht vermeiden können sollte. Schröder ist ein Mann für die große Koalition. Sein einziges Ziel ist, daß die SPD stärkste Partei und er Kanzler wird. Zu einer Kühnheit wie Brandt, der ja Kanzler wurde, weil er sich, obwohl seine Partei nur zweiter Sieger war, mit der Opposition gegen die große Koalition verband - das war damals die FDP -, wäre Schröder gar nicht in der Lage. Er will zwar siegen, aber mit großer Mehrheit regieren. Sein ganzer Wahlkampf folgte diesem strategischen Ziel, und deshalb war er dermaßen als Egotrip angelegt: Auf Schröder kommt es an und sonst nichts.

Hätten die Bundestagswahlen gleich sechs Wochen nach den Niedersachsenwahlen stattgefunden, wäre diese Wahlstrategie erfolgversprechender gewesen. War aber nicht so. Sie in der Schlußphase der Bayernwahl ausgerechnet auf dieses Bundesland zu übertragen zeigt den Schröder-zentrierten Irrsinn der SPD-Wahlkampfzentrale, die offensichtlich von Süddeutschland keine Ahnung hat. Es sollen ja ausgebuffte Profis sein, die den Bundestagswahlkampf führen. Ich frag' mich bloß, was sie gelernt haben. Als Oberprofi wird der Genosse Müntefering gehandelt. Der aber zeigt deutliche Symptome einer Berufskrankheit.

Aus purem Masochismus hab' ich mir vor den Bayernwahlen die Talkshow von Frau Christiansen mit Müntefering und Pastor Hintze angeschaut. Von den Grünen war Frau Röstel, von der FDP Herr Gerhardt dabei. Profi Müntefering hat da dauernd nur wiederholt, daß sein Stab dank richtiger Strategie die Wahlen schon gewonnen habe. Man stelle sich das vor: Hintze und Gerhardt, zwei echte Trottel, konnten politisch punkten. Frau Röstel blieb im Schatten des Wunschpartners. Als SPD-Wähler wäre ich mir ganz schön dumm vorgekommen. Für dumm verkaufen lassen will sich aber niemand so gern. Die Symptome des Genossen Müntefering haben - über den Daumen gepeilt - wahrscheinlich mehr Stimmen gekostet, als er mit der professionellen Wahlkampagne eingebracht haben mag. Eine glatte Fehlbesetzung ist der Mann. Die Expo 2000 könnte er vielleicht managen.

Nach seinem kläglichen 5000-Meter-Lauf in Athen bei den Europa-Meisterschaften hat Dieter Baumann gleich von seinen Planungsfehlern gesprochen. Schon bei den 10000 Metern hatte er Probleme mit seinen Beinen. Bei den 5000 Metern streikten sie von Anfang an. Wahlkämpfe sind jedoch am ehesten mit Mittelstreckenanläufen zu vergleichen. Die 400 und die 800 Meter sind mörderisch. Du mußt sprinten, aber ganz lang. Die Profis aus der Baracke haben wahrscheinlich die Strecke falsch eingeschätzt. Ohne genügend Sauerstoffzufuhr - in der Politik nennt man das Inhalte - übersäuern die Muskeln schon vor dem Ziel.

Martin Walser, der in diesen Tagen den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält und sich inzwischen ganz unpolitisch gibt, sagt, seine Wahlempfehlung wäre, "das mit der Münze zu entscheiden: Kopf oder Zahl". Bleibt allerdings das Problem, im vorhinein festzulegen: Für wen steht der Kopf, für wen die Zahl? Die Wählerinnen und Wähler der Kanzlerparteien können das aber auf die empfohlene Art machen. Sieg oder Niederlage, sie haben nur ein ihnen fremdes "Ich" gestärkt oder verworfen, eine Wette verloren oder gewonnen. So oder so wird ein Süchtiger Kanzler. Vernünftigerweise versucht man also, eine liberale Drogenberatung zu fördern. Dafür zumindest stehen die Grünen noch. Nicht einmal nur metaphorisch.