Verschnaufpause nach so vielen 68er Jubiläen

Peter Mosler

Studentenbewegung - ist das nicht die Folge der Großen Koalition 1968 gewesen, oder...?" meinte zweifelnd ein Bekannter. Was heißt das... - daß Menschen den Aufruhr nach dreißig Jahren aus den Augen verloren haben, weil er nichts bewirkt hat? Daß man ihn dem Vergessen überantworten sollte, weil er von den Ereignissen danach überwuchert ist? Oder daß man ausdrücklich an die Revolte erinnern sollte?

"68 und die Folgen" ist, teilt der ArgonVerlag in seiner Schmonze (Verlagsmitteilung, jidd.: "leeres Geschwätz") mit, "ein Buch für Nostalgiker und für Nachgeborene - für alle, die mehr wissen wollen über die Revolte und ihre Nachwirkungen in der Bundesrepublik." Die Neuerscheinungen über 1968 - wer kauft sie heute? Ein Buchhändler in BerlinSchöneberg sagte mir: "Ein Pädagogikprofessor, Jahrgang 49, hat in diesem Jahr ein Buch über 68 bei mir gekauft - sonst nichts... Aber alles, was Politik ist, findet keine Nachfrage. Am leichtesten kann ich noch ein Buch über einen toten Politiker verkaufen, Bismarck etwa. Aber bitte, glauben Sie nicht, daß mein Laden irgendwie repräsentativ ist!" Er hat sich getäuscht. Eine Umfrage bei 14 anderen Buchhandlungen in Berlin ergab: Es werden wenig Bücher über 68 gekauft und fast nur von Zeitgenossen der Studentenbewegung; das gilt für City wie für Mitte, für große wie für kleine Buchhandlungen.

Ist die Studentenrevolte ein toter Hund...? Rainer Langhans lädt in Berlin zu einem generationenübergreifenden Treffen im Tempodrom ein, das, groß angekündigt und schwach besucht, hauptsächlich durch den öffentlichen Austausch von Phrasen in Erinnerung bleibt, so ähnlich wie eine Talkshow von Meiser oder Veronika. Nach diesem Treff im Tempodrom, für den das Wort Begegnung zu ambitioniert wäre, gilt, daß wir hoffen dürfen, bis 2018 von weiteren "Anniversaries" von 68 verschont zu bleiben.

Zurück zu dem Buch vom Argon Verlag. Es gibt darin kritisch reflektierte Beiträge, erzählende und das Geplapper der Zaungäste von 68. Ein unvollständiges Lexikon heißt es im Untertitel. Das hört sich an, wie die Bitte um Vergebung a priori, und das hat zur Folge, daß die meisten Beiträge nur drei Druckseiten umfassen. Sie sind leicht zu lesen, nur manchmal wünscht man sich noch etwas mehr von der Autorin, dem Autor. Bebildert wurde das Werk mit Fotos, die man schon hundertmal gesehen hat, flache Bilder, geeignet als Titelbilder von konkret in den Sechzigern, zweifellos der Verkaufsstrategie des Verlags geschuldet.

Ich lese in dem Buch etwa ein literarisches Feuilleton von Burkhard Spinnen, Jahrgang 1956, der in dem Museum seiner Stadt in einer Vitrine ein Foto seines letzten Deutschlehrers entdeckt, auf einer Demonstration, der Lehrer als 68er - der er freilich erst im nachhinein wurde, denn zu solchen Jahrgangsexemplaren wurden Menschen erst Jahrzehnte später. Oder Wolfgang Kraushaar, der beschreibt, wie aus dem Langen Marsch der Roten Armee, dem Triumph des Überlebenswillens Tausender bewaffneter Chinesen, eine Phrase des Oberstudienrats in Göppingen oder Emden wurde: "Der Lange Marsch durch die Institutionen". Übrigens sprach Dutschke nie von einem "Marsch in die Institutionen". Von Uwe Wesel lesen wir, daß die immer wieder zitierte Bemerkung Fritz Teufels "Na ja, wenn's der Wahrheitsfindung dient" das Gerichtsklima mehr verändert habe als der Kot, den Karl Pawla auf dem Richtertisch hinterließ. Oder Anita Kugler, die erzählt, wie Raubdrucke gedruckt und verkauft wurden und wie der Verband des linken Buchhandels (VlB) entstand. Christian Semler schreibt über maoistische Sekten und ihr Nachleben. Niemand habe daran gedacht, "die Geschichte dieses Großversuchs aufzuschreiben". Gott sei Dank!, sage ich. Es besteht auch kein Anlaß dazu. Es gibt keine politischen Folgen der ML-Sekten. Es gibt nur psychische Folgen, Deformationen in den Menschen, die diesen Sekten angehörten. Da sind mir, offen gestanden, die Aperçus Joscha Schmierers in seinen Bemerkungen über die kurze Blüte des westdeutschen Maoismus lieber: "Auflösen will ebenso gelernt sein wie gründen." - Dem Thema "Frauen" wendet sich in dem Sammelband Gerburg Treusch-Dieter zu. Die Autorin geht von dem berühmten Tomatenwurf auf die SDS-Leader aus (der übrigens den schwulen Hans-Jürgen Krahl traf) und beschreibt Irrungen und Wirrungen der Frauenbewegung, die mit der weiblich selbstbewußten Definierung der Frau begann und schließlich unversehens auf die Debatte über die Klonierung des Menschen stieß: "Die geschlechtslose Vermehrung ersetzt die sexuelle Fortpflanzung." Als die Frauen 1971 für das Recht auf Abtreibung ("Mein Bauch gehört mir") auf die Straße gingen, wurde in England der erste Embryotransfer durchgeführt. Treusch-Dieter ist nicht die einzige, die in diesem Jahr die Geschichte der Frauenbewegung reflektiert.

Natürlich gibt es auch manches Uberflüssige in dem Buch, etwa Peter Köhler, Jahrgang 1957, der auf vier Seiten die Worte der APO nachplappert, die er etliche Jahre nach 68 irgendwo nachgelesen hat, oder Rolf Schneider, Jahrgang 1932, über "Marxismus", ein Schriftsteller aus der ehemaligen DDR, der keine Ahnung hat vom Entdeckungsrausch westdeutscher Studenten, die Marxisten oder Anarchisten im Amsterdamer Institut für Sozialgeschichte oder in den Archiven der eigenen Universität auffanden. Daß es "kaum eine marxistische oder radikallinke Doktrin gab, die von den Studenten nicht ausgebeutet" wurde, kann nur jemand behaupten, der im eindimensionalen Denken des Staatsmarxismus zu Hause war.

Als erstes trifft der Leser auf den Beitrag von Peter von Becker: "Mythos, Heldenlied, Verwünschungsarie". In Deutsch land, heißt es, waren politische Erfolge = Null (anders als in den USA) - aber: "Es war eine tolle Zeit. Toll in der schillerndsten, in des Wortes vielfältiger Bedeutung: also närrisch und verblendet, fabelhaft und verrückt, verspielt und fanatisch, ... zugleich erfahrungssüchtig und praxisfern, weltoffen und verbohrt... Nie gab es so viel intellektuelle Schärfe, so viel sprühende Intelligenz, gepaart mit ideologischer Blindheit."

Dieses Buch ist "unvollständig", wie die Herausgeber Christiane Landgrebe und Jörg Plath prophylaktisch mitteilen. Trotzdem will ich auf einen Mangel aufmerksam machen, durch den Hinweis auf ein anderes Buch: Reflexionen über "Die Linke und der Antisemitismus" sind eigentlich nichts Neues, aber Esther Dischereit schreibt in ihrem Aufsatz in dem Buch Übungen, jüdisch zu sein auch über jenes spezifische Manko: Juden, Jüdischkeit gab es als Thema oder als Realität unter den 68ern so wenig wie unter deren Eltern nach dem Krieg. Ich erlebe das heute wieder bei PDS-nahen Berlinern: Sie weisen, wie die 68er, den Vorwurf des Antisemitismus weit von sich. "Antizionismus, ja." Und wie heute bei deutschen Reformkommunisten kamen Juden 68 nicht vor, weil sie nicht gekämpft, sondern nur gelitten hatten. Die systematische Forschung über den Nationalsozialismus, auch den jüdischen Widerstand, setzte erst nach 68 ein. Das Dritte Reich kam in der Revolte vor, weil der Vater mit seinem hakenkreuzgeschmückten Orden in der Zigarrenkiste im Wäscheschrank unter Verdacht stand, weil Studenten eine braun gefärbte wissenschaftliche Arbeit ihres Professors entdeckten, weil ein Richter oder ein Polizeioffizier eine Funktion in den verbrecherischen Zeiten hatten. So wenig wie das Wort "Holocaust" gab es 68 ein historisches Bewußtsein über den Massensmord an jüdischen Männern, Frauen, Kindern und Greisen. "Genocidium" (Völkermord) hieß der klinisch gereinigte Begriff, und der 9. Oktober war bei den revoltierenden Studenten der Tag, an dem der Kaiser zurückgetreten ist. Daran hatte auch der Auschwitz-Prozeß in Frankfurt oder der Staatsanwalt Fritz Bauer nichts geändert. Wir waren hinreichend damit beschäftigt, den Schock zu verarbeiten, daß es "in Deutschland nicht nur den Nazi Hitler und nicht nur den Nazi Himmler" gab. "Es gab Hunderttausende, Millionen anderer, die das, was geschehen ist, nicht nur durchgeführt haben, weil es befohlen, sondern weil es ihre eigene Weltanschauung war, zu der sie sich aus freien Stücken bekannt haben" (Fritz Bauer, 1963). Bauer war ein einsamer Rufer in der Wüste, der sich bei den Juristen ebensowenig Gehör verschaffen konnte wie in der Gesellschaft. Es war die Zeit, als ein Ritterkreuzträger etwas galt und ein Emigrant nichts.

Von Michael Ruetz stammen die emblematischen Fotos aus der Studentenbewegung, 1980 bei Zweitausendeins erschienen, heute im Bildgedächtnis aller, die sich an diese Zeit erinnern - die berühmten Bilder von losstürmenden Demonstranten, bewegten Teach-ins, von den Mitgliedern der Kommune 1 oder von dem Polizisten, der sich mit den Händen vor einer Fotografie zu schützen sucht. Jetzt ist ein neues Fotobuch von Ruetz erschienen, mit dem Titel 1968. Ein Zeitalter wird besichtigt. Aber ist der Titel nicht etwas zu großzügig den Erinnerungen Heinrich Manns entlehnt? Der hat nämlich den Bogen von der Französischen Aufklärung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs gespannt, also Aufstieg und Ende des Bürgertums, während die Fotos von Michael Ruetz nur dreißig Jahre umfassen, 1967 bis 1997. Ob diese dreißig Jahre "ein Zeitalter" genannt werden dürfen, ist fraglich.

Dieser Einwand mindert die Qualität der Fotos nicht. Ruetz ist ein Künstler, der die Signale, die eine Konfiguration von Menschen und Dingen aussendet, wahrnimmt, und Aufnahmen macht, die den Eindruck erwecken, als sei die Kamera nicht präsent. Es gibt eine Art unausgesprochenes Einverständnis mit seinem Gegenüber, so daß die Bedeutung, oft auch die historische Bedeutung, eines Fotos erst Jahrzehnte danach zu begreifen ist: "Musiker 1967", in der Mitte ein tanzendes junges Paar, ein Gitarrenspieler, ein Mann mit einem Verstärker, umgeben von einem Kreis von Studenten, in der ersten Reihe ein kräftiger, dunkelhaariger Mann mit einem offenen, freundlichen Lächeln - Andreas Baader. Oder "Studentenbude", ein sehr junges Mädchen an einem Tisch sitzend, an der Wand ein Bücherregal, daneben über einem kleinen Wandschrank ein Foto des öffentlich sprechenden Rudi Dutschke, charismatisch in einem Lichtkegel stehend. Das öffentliche Glück - Langhans und Teufel nach dessen Entlassung aus der U-Haft in einer Gruppe auf dem Ku'damm stehend -, und man sieht, wie Teufel ungerührt, zum Vergnügen der Umstehenden, Schabernack treibt.

Literarisch ist die Zeit kaum je zielsicher prismatisch gestaltet worden, aber als Bild - in den Fotos von Michael Ruetz.

Christiane Landgrebe/Jörg Plath (Hg.), 68 und die Folgen Ein unvollständiges Lexikon, Berlin (ArgonVerlag) 1998 (144 S., 34,00 DM)
Esther Dischereit, Übungen, jüdisch zu sein, Frankfurt/M. (edition suhrkamp) 1998 (214 S. , 18,80 DM)
Michael Ruetz, 1968. Ein Zeitalter wird besichtigt. Mit Texten von Henryk M. Broder, Michael Ruetz und Rolf Sachsse, Frankfurt/M. (Verlag Zweitausendeins) 1997 (384 S., 350 Fotos, 55,00 DM)