Auch der Österreich-Kolummnist der Kommune machte Urlaub - und las internationale Zeitungen zwecks Erweiterung des Horizonts.
"Was sind schon ,die Märkte`? Das sind, ganz einfach, Menschen, die etwas kaufen und verkaufen. Nämlich zu zwei Prozent Güter der Realwirtschaft, der Rest sind Finanzprodukte und Derivate im Wert von 1500 Milliarden Dollar täglich - mehr als die Reserven aller Zentralbanken der Welt. Als Liberaler frage ich mich daher: Wenn nun die Märkte kein abstraktes, metaphysisches Wesen sind, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, warum sind dann die Menschen in einer Welt von Technologien, mit denen wir die komplexesten Prozesse monitorieren und steuern können, noch nicht in der Lage, ihr ökonomisches und finanzwirtschaftliches Verhalten zu überwachen und zu regeln, so, wie sie es in der zivilen und politischen Sphäre auch getan haben, um zu vermeiden, daß der Mensch - unter Wahrung seiner Freiheit - auch dann ,dem Menschen ein Wolf wird`, wenn dieser andere gar nicht sein direkter wirtschaftlicher Konkurrent ist?"
Das schreibt Piero Ostellino, lange Jahre Chefredakteur des nun nicht gerade börsenfernen Mailänder Corriere della Sera (Leitartikel, 8.9.98). Ihm drängt sich der Verdacht auf, daß "sich viel tun ließe, um die Unordnung zu reduzieren. Aber man hat es bisher nicht gewollt." Und er schließt: "Hat der neoliberale Pensée unique an das Schicksal der Millionen von Menschen gedacht, die in der globalen Unsicherheit leben, als er willkürlich ,den Märkten` die historische Aufgabe zuordnete, zu verhindern, daß es in der Welt ein bißchen mehr Gerechtigkeit gibt?"
Hat er natürlich nicht. Und jetzt stehen die einstigen Apologeten des radikalen Marktliberalismus da wie die Zauberlehrlinge mit den Besen...
In Cernobbio am Como-See traf sich Anfang September die Elite der Ökonomen und Konzernherren zum jährlichen Ambrosetti-Symposion. Das am häufigsten gehörte Wort war "governance" - also Regelung. Nicht von neuem Staatsinterventionismus war die Rede und nicht von neokeynesianischer Finanzpolitik, aber von nötiger gesellschaftlicher Zähmung destruktiver Marktkräfte, von gesellschaftlichen Spielregeln, innerhalb derer der Markt sich dann sehr wohl als (bisher in der Geschichte) optimaler Allokationsmechanismus betätigen kann.
"Der politikfreie, völlig deregulierte Markt produziert im Fall seines Versagens hochpolitische, weil sozial äußerst brisante Ergebnisse", schreibt Joschka Fischer in Für einen neuen Gesellschaftsvertrag. Und fordert ein "alternatives gesellschaftliches Projekt" der demokratischen Linken als Antwort. Heute (15.9.) weiß ich ja noch nicht, wie die Bundestagswahlen ausgegangen sind. Aber das strategische Projekt, das Joschka Fischer so eloquent vertritt, hat durch die "Katharsis" der einstigen Parade-Liberisten eine glänzende Rechtfertigung erhalten. Wenn Martin Feldstein (ehemaliger Reagan-Berater), Rudiger Dornbush und John Deutch (MIT, vormals CIA-Chef) kleinlaut ihre Kritik am bisher wegen seines Linksliberalismus verhaßten Paul Krugmann zurücknehmen und unisono mit George Soros und Ralph Darendorf "governance" für die außer Rand und Band geratenen Märkte fordern - so die Analyse des Corriere am 5.9. - dann knistert es im Gebälk.
John Deutch forderte eine "transatlantic partnership" zwischen der US-Zentralbank und der EZB, eine Zusammenarbeit von Dollar und Euro ein - unter politischer Leadership der G 7. Und über den Wassern des Como-Sees schwebte der Geist von Fed-Chef Greenspan, dessen Ankündigungen einer weniger rigiden Geldmengenpolitik und konkjunkturfördernder Zinspolitik sofort die Börsenkurse auf ein Zwischenhoch trieben.
Peter Sutherland von Goldmann Sachs International: "Heute wird in der Welt eine zu rigide Geldpolitik verfolgt: Diese gehört abgemildert, und es ist ausgezeichnet, daß Alan Greenspan das angekündigt hat. ... Das Problem der Leadership besteht weltweit. Europa hätte die Möglichkeit, zu einem globalen Motor zu werden... Und es wäre wichtig, die Geldpolitik der Fed und der EZB zu koordinieren und eine globale Wirtschaftskonferenz der entwickelten und der neuen emerging-Staaten zu schaffen, die ebenso wie die G 7 regelmäßig zusammentritt, um zu verhindern, daß die Märkte ohne Steuerungssignale allein gelassen werden und sich zu falschen Reaktionen treiben lassen" (Corriere, 6.9.98).
Harvard-Professor Alberto Alesina legte im CorrierEconomia gleich noch nach und verlangte eine Stärkung und Neu-Ausrichtung des Internationalen Währungsfonds. Helmut Schmidt gab als "Elder Statesman" in der Repubblica (7.9.) seinen Segen dazu: "Die Welt muß an eine neue Weltwährungsordnung denken. Das System von Bretton Woods hat schon lange ausgedient, die Wirtschaft ist global geworden, Europa hat sich den Euro gegeben, der genauso wichtig werden wird wie der Dollar. Da brauchen wir eine neue Weltregierung."
Da wird es schon niemanden mehr verschreckt haben (im Gegenteil, die in Cernobbio versammelten Gurus vermerkten es positiv), daß Jospin und Schröder (laut einer "Enthüllung" der FIAT-nahen Turiner La Stampa vom 2.9.) übereingekommen sind, nach einem Wahlsieg der Linken in der BRD einen "neuen Pakt für Europa" zur Überwindung des blinden und im Kern deflationistischen und rezessionsverstärkenden Maastricht-Monetarismus zu schließen.
François Chesnais, Ökonom der Pariser Universität Villetaneuse. kommentierte: "Europa muß sich schnell die Institutionen schaffen, um eine gemeinsame Wirtschaftspolitik zu machen, die sich an gesellschaftlichen Prioritäten ausrichtet und die Lebensbedingungen der arbeitenden Menschen und der Arbeitslosen im Blickfeld hat. Die historische Phase, in der Maastricht konzipiert wurde, ist vorbei, die Periode des triumphierenden Liberalismus ist abgeschlossen. Ich schlage eine europäische verfassunggebende Versammlung vor - und dabei geht es auch um die Schaffung von politischen Institutionen, die Wirtschaftspolitik betreiben" (il manifesto, 3.9.).
Zwischen der ökosozialen Marktwirtschaft der demokratischen Linken (die durchzusetzen jetzt aktuell ist, wie Joschka Fischer bravourös argumentiert) und der "governance" von John Deutch ist schon noch ein himmelweiter Unterschied. Aber der unerschütterliche Glaube an den Markt als ultimativer Demiurg und Problemlöser ist erschüttert. Wo schon George Soros und Gianni Agnelli nach "governance" rufen, hat ökosozialer Linksliberalismus eine Chance, zu einer bestimmenden und gestaltenden Kraft zu werden.