Südwest-Boulevard:

Zu früh gekommenes Eisen

Gerd Held

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Die Freizeit-Parks, Event-Center und Einkaufsmalls machen "Furore" - im Wort ist auch das Erschrecken enthalten. Dabei sind diese Kunstwelten eigentlich auf Gemütlichkeit angelegt. Sie machen das Event überschaubar und wohnlich. Auch die Zimmerpflanzen werden nicht vergessen. In gewisser Hinsicht sind diese "neuen Zentren" Verdopplungen der Einfamilienhaussiedlungen auf der gleichen grünen Wiese. Spannend aber wird es, wenn solche Malls sich den Innenstädten nähern, wie dies mit einigen Multiplex-Kinos, Bahnhofs-Malls und Hafen-Freizeitzentren schon geschieht. Hier färbt die Stadt ab, der Ton wird rauher. Und es kommt zu merkwürdigen Begegnungen zwischen den Monumenten des frühen Eisenbaus und ihren noch blitzblanken Enkeln. In Barcelona wackelt der Teleférico, die alte Hafen-Hochseilbahn, über die eleganten Kurven der neuen Marina.

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Walter Benjamin war kein Freund der Innerlichkeit. Er hat sich gegen Fouriers Umdeutung der Pariser Passagen zur Heimstätten-Utopie der "phalanstère" gewandt und von einer "reaktionären Umdeutung" gesprochen: "Während sie ursprünglich geschäftlichen Zwecken dienen, werden sie bei ihm Wohnstätten." Demgegenüber unterstreicht er die Äußerlichkeit und äußerliche Vermittlungsfähigkeit der Eisenbauten. "Die ersten Eisenbauten dienten transitorischen Zwecken: Markthallen, Bahnhöfe, Ausstellungen. Das Eisen verbindet sich also sofort mit funktionalen Momenten im Wirtschaftsleben. Aber was damals funktional und transitorisch war, beginnt heute in verändertem Tempo formal und stabil zu wirken." Eine große Bahnhofshalle wird so zum politischen Gut. Benjamin ordnet die Welt der Eisenkonstruktionen nicht nur der ökonomischen Welt zu. Das Eisen markiert eine Schwellensituation, in der experimentelle Produktionen (genannt wird die Photographie und Werbegrafik) noch nicht vollständig marktfähig sind. Sie "zögern noch auf der Schwelle" zum Markt. In dieser Zwischenstellung finden sie in den Passagen den ihnen gemäßen Rahmen. Auch die Weltausstellungshallen schaffen für die Waren "einen Rahmen, in dem ihr Gebrauchswert zurücktritt". Sie eröffnen "eine Phantasmagorie, in die der Mensch eintritt, um sich zerstreuen zu lassen". In dieser Zerstreuung liegt für Benjamin nicht nur ein zynisches, sondern auch ein utopisches Element. Dies utopische Element des 19. Jahrhunderts versucht er festzuhalten - wie einen vergangenen Traum, den man beim Aufwachen noch erinnert. Was Benjamin hier andeutet, ist eine Art objektiver Utopie: Die Möglichkeiten der Moderne liegen nicht in der heroischen Praxis eines bürgerlichen oder proletarischen Subjekts, sondern in einer hinter ihrem Rücken gebildeten Gegenstandswelt. In Benjamins Passagenwerk wird die bürgerliche Akkumulation des 19. Jahrhunderts so zum Haltepunkt gegenüber den katastrophischen Tendenzen der Dreißiger Jahre. In einem Wettlauf mit der Zeit gilt es, "die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen, noch ehe sie zerfallen sind". Und es scheint, als ob Benjamin das Eisen und Glas dieser Ruinen für eine andere Zukunft retten wollte. "Zu früh gekommenes Glas, zu frühes Eisen", notiert er.

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Der Eisenbau hat es in sich. Bei ihm trete "das konstruktive Prinzip seine Herrschaft in der Architektur an", schreibt Walter Benjamin. Gemeint ist die Künstlichkeit des Baustoffs, seine besonders ausgeprägte Plastizität, seine filigrane Haltbarkeit. Solange mit Stein gebaut wurde, mußte die neue Form einer vorherigen Form mühsam abgerungen werden. Beim Eisen gelingt die Formbildung viel leichter. Mit der Autorität des Steins wird gleichsam die Autorität des Baus unterminiert. Und mit dieser die Autorität der politischen Güter. In den stählernen Hallenkonstruktionen verlieren die großen Bauten nicht ihre Repräsentativität, aber ihre "Naturgegebenheit". Von nun an kann von "versteinerten Verhältnissen" die Rede sein, auf die man sogar von den neuen Eisenbauten herabsehen kann.

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Bei bestimmten Gütern konnte man von der Dauer ihres Herstellungsprozesses auf ihren Wert schließen, sowohl auf ihren Gebrauchswert als auch auf ihren Tauschwert. Bei den großen Eisenbauten trennt sich das Vorher und das Nachher. Sie können immer wieder neu in Wert gesetzt werden, obwohl ihre Herstellungskosten längst abgeschrieben sind.

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"Les faubourgs descendent!" war ein nicht immer erfreuter Ruf in Paris: Die Vorstädte kommen! Die Bewohner der Vorstädte nahmen auf ihre Weise an der Gesamtstadt Anteil. Insbesondere die schlechten Quartiere versuchten nicht unbedingt, ihre Lage "zu Hause" zu heben, sondern ihren Bürgerstatus durch gelegentliche Teilnahme an den zentralen Orten der Stadt durchzusetzen. So ist es auch heute in vielen Großstädten, wo zentrale Plätze, Corsos, Ramblas, Markthallen, Hauptbahnhöfe oder Stadien entscheidende Orte des sozialen Ausgleichs darstellen, die durch kein Stadtteilprogramm ersetzt werden können. Sie sind insbesondere auch Unterpfänder in den Händen der ärmeren Bürger. Denn eine wirkliche Spaltung der Bürgerschaft führt an diesen Orten zu Zerstörung, jede massive Unterdrückungsmaßnahme wird an diesen Orten selber verletzlich. Daher ist die Einschließung in ihren eigenen Stadtteil das Schlimmste, was man den Unterschichten antun kann. Die bei der Stadtsoziologie so beliebte Stadtteil-Perspektive verfehlt den vertikalen Aufbau jeder Stadt: ihre räumliche Arbeitsteilung zwischen zentralen Arealen und Quartieren.

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Was für die Stadt wahr ist, gilt auch für das ganze Städtesystem. Walter Benjamin hatte kein Problem, Paris "die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts" zu nennen. Sie war sozusagen der Zentralplatz des Jahrhunderts. Gerade durch ihre Sonderstellung war die Hauptstadt auch ein Unterpfand in den Händen aller anderen Kommunen der französischen Republik. Es ist eben ein Unterschied, ob man von einer Hierarchie unter Menschen spricht oder von einer räumlichen Hierarchie zwischen Haupt- und Provinzstadt. Oder zwischen Haupt- und Nebenbahnhof. Hier darf man sogar rufen "Mehr Hierarchie!"