Wie es so geht: Eigentlich wollten wir dieser Tage in Weimar sein und den werten Lesern davon berichten, mit welch extravaganten Projekten die Bauhausuniversität die "Kulturstadt Europa" 1999 zu beglücken gedenkt. Eigentlich wollten wir das berühmte Puppenbauerehepaar Weinhold vorstellen, um mit ihm Fragen des Puppenbaus im Systemwechsel zu debattieren. Eigentlich wollten wir den Köpenicker Igelvater Kurt Volkmann, der im Osten Berlins vier Igelstationen hochzog und betreut, befragen, wie wir unseren Igel winterfest machen können. Themen, Fragen, die endlich zu behandeln seit Monaten angemahnt wird. Dann kommt das Weimarer Material nicht zusammen. Dann sind die Weinholds unauffindbar. Dann packt, just als wir an den Schuhkarton klopfen, der Igelvater seine Koffer, um in den Urlaub zu fahren. Dann kriegen wir langsam ein panisches Flackern in den Augen und finden uns im allerletzten Moment am Fuße des Prenzlauer Berges wieder, im Acud, einer alternativen Freizeitstätte, die aussieht, als gäbe es noch immer keine Baumärkte, charmant, charmant, und lassen uns ganz oben, unterm Dach, "Aus der Schule made in GDR: 16-mm-Lehrfilme" vorführen. Der Sammler Ralf Forster hat sie zusammengetragen und ausgewählt. Zu Wendezeiten betrieb Herr Forster ums Eck ein Galerie-Café, da hatte er ein hohes Berliner Zimmer. In so ein hohes heimeliges Berliner Zimmer würden ja wie gemalt die guten alten "Heimfilme" passen. Die auf 8 mm herunterkopierten Bildungsverbrechen und -versprechen. Auch Unterhaltendes. Da wurde, nach dem Anschluß und einer Kreisreform, die Unterrichtsfilmstelle Lübz aufgelöst, und statt im Sondermüll, landeten tausend Titel in Herrn Forsters Einraumwohnung. Dann bewahrte er viele Hunderte Heimfilme vor einem traurigem Schicksal. Und heute, das Galerie-Café ist längst vergessen, sitzt er, auch die Flohmärkte sind mittlerweile abgegrast, auf Tausenden von Rollen und Röllchen, jetzt auch internationaler Produktionen, stellt wichtige Serien zusammen, Schwerpunkt Animationsfilm, und tuckert zu diversen Abspielorten, soweit sein Trabant reicht. Also hoch bis Hannover und runter bis Dresden. Mehr erreicht er eben nicht.
Heute schenkt uns zum Einstieg Herr Forster den vielleicht ältesten, noch immer im Einsatz befindlichen Lehrfilm. Schwarzweiß, Ufa-Kulturfilmabteilung, 1929: "Insektenfressende Pflanzen". Fette Blütenblätter klappen stimuliert zusammen. Dann lutscht die Venusfalle eine unschuldige Raupe aus. Fünf Minuten lang. Und stumm. Das wahrscheinlich ist das Geheimnis seines regimeübergreifenden Erfolgs. Denn gleich danach beginnt ein schauerliches Pathos. "Der DDR-Lehrfilm ging beim Ufa-Kulturfilm in die Schule...", teilt uns Herr Forster mit: "Bis 1945 war die Ufa der weltgrößte Kultur- und Lehrfilmhersteller, sofort nach der Gründung der DEFA (1946) wurde am selben Ort und mit einem Großteil des früheren Mitarbeiterstammes die antifaschistisch-sozialistische Unterrichtsproduktion angekurbelt." Indes mochte das bei Filmen wie dem flotten "Chemische Reaktion von Magnesium mit dem Sauerstoff der Luft" keine große Rolle spielen. Auch ein Film wie "Entstehung und Entwicklung einer Zyklone" ist kaum Ideologieträger. (Jener Film, gänzlich ohne Satelliteneinsatz am Zeichentisch gefertigt, besticht durch Trickreichtum: Kalt- und Warmfront werden verschiedenfarbig aneinandergemalt, Pfeile demonstrieren ihre Bewegungsrichtung. Die Stimme: "Jetzt wollen wir uns das einmal genauer ansehen." Die Pfeile werden ganz nah und fett herangezoomt.) Doch schon bei dem Minderheitenschutzfilm "Wie die Sorben den Maibaum aufstellen" kann sich der Sprecher nicht enthalten, das Anstecken der Frühlingsfeuer in ein Fortschrittsgefackel umzudeuten. Wunderschön "Volkstanz III - Greifswalder Schultanz", Versuche, einen sozialistischen Volkstanz zu kreieren, hier ein ausdrucksstarker Tanz von Minderjährigen zur Berufsfindung. Formal, keine Frage, war der Schulfilm der DDR auf hohem Niveau. Wie Annelie und Andrew Thorndike "Das kapitalistische Kolonialsystem" geißeln, ein für die Schulen bereiteter Ausschnitt aus "Die alte und die neue Welt" (1977), alte Fotografien, Filmausschnitte, vielleicht auch Gestelltes mit der Musik unter Schändung der englischen Hymne zu einem wahren Ballett der Ausbeutung komponieren, auf der Erinnerungsschiene: Lang, Eisenstein, Riefenstahl, das ist mitreißend. Das Problem ist, daß wir unter dem Eindruck jener mißbrauchenden und mißbrauchten Ästhetik das inhaltlich Wahre kaum noch zu sehen vermögen. 1100 Titel füllten 1989 allein für die Bereiche Biologie, Chemie, Physik, Erdkunde, Geschichte, sozialistische Produktion und sorbische Minderheiten-Kultur den Katalog.
Jetzt aber die den Filmfreund erschütternde Enthüllung: Bereits 1976 wurden in der DDR Kaurismäki-Filme von erheblich subversivem Potential gedreht(!): "Wegweiser Gesundheit - Tabakmißbrauch". Und zwar von der Gruppe "Spektrum". "Wir werden beobachtet. Auf Schritt und Tritt", so beginnt eine Orgie des Rauchens. Kinder zeigend, die Raucher beobachten, um ihrerseits sofort zu rauchen. Männer an Haltestellen, Kinder mit Beatles- oder Kaurismäki-Frisuren qualmen aus allen Löchern. Kippen rinnen von oben durch das Bild und türmen sich zu Kippenbergen, schwindsüchtige Hungaryfinnen im Zigeuneroutfit bekommen zur Jugendweihe die ersten Zigaretten zwischen die Lippen genötigt. Es war mir im Unterbewußten immer klar, daß die DDR das Finnland Mitteleuropas war. Nie hat man es deutlicher gesehen. Und am Ende wieder: "Wir werden beobachtet..."
Angemerkt sei hier, daß "Insektenfressende Pflanzen" nicht nur vier Regimes überlebt hat, bruchlos der nationalsozialistische Lehrfilm in den sozialistischen überführt wurde, sondern daß so manches aus der DDR-Produktion auch in der neuen Republik seine segensreiche Wirkung entfaltet. Wenn auch nicht ganz bruchlos. Wer beispielsweise bei dem Film "In Flammen geboren" immer wieder hart aus den Wundern der Stahlproduktiongerissen wird, weil der Film plötzlich "Briztl kchrrrcch" macht, ein Satz nicht zu Ende geht, statt dessen irgendwie falsch weiter, irrt, wenn er meint, das wäre der vernutzten Kopie geschuldet. Vielmehr ist es so, daß auf "höhere Weisung" aus den Texten die satzfinalen DDR- oder Sozialismus-Wörter oder -Lobpreisendungen getilgt wurden. Und zwar nicht fein im Studio geschnitten, gar irgendwie nachgeformt. Sondern am Projektor gemetzelt. In den Unterrichtsfilmstellen. Kopie für Kopie: "Britzl kchrrrch."