Weltmarkt und Weltmusik

Die Entstehung des internationalen Musikbusiness und die aktuelle Wiederkehr der Schellackplatte

Christoph Wagner

Letztes Jahr feierte die Schellackplatte hundertsten Geburtstag. Als ihr Erfinder ging Emile Berliner in die Phono-Geschichte ein. Der 1870 von Hannover in die USA ausgewanderte Elektroingenieur hatte es 1897 nach langwierigen Experimenten geschafft, die damals gebräuchlichen Tonträger wie Walze und Zinkplatte durch ein Material zu ersetzen, das aus feinstem Schiefermehl, Rußstaub und Schellack bestand. Das große Plus der neuen Schellackplatte bestand darin, daß sie sehr leicht vervielfältigt werden konnte. Von nun an war es möglich, Schallplatten in beliebiger Stückzahl zu pressen.

Anfangs wurden Schallplatten hauptsächlich zur Aufzeichnung von Stimmen benutzt, weshalb Schellacks mit Musik bis zur Jahrhundertwende relativ rar blieben. Erst als die Musikplatte sich gegenüber der Sprechplatte durchsetzte, war das neue Medium nicht mehr zu stoppen. Bald sorgten Grammophone und Schellackplatten in Gastwirtschaften und Cafés für Unterhaltung, was allemal billiger war, als eine Musikkapelle zu verpflichten. Aber nicht nur in Europa und den USA erlebte die Schellackplatte einen Aufschwung. Auch in Lateinamerika, Asien, der Karibik und Afrika faßte sie Fuß.

Zwischen den großen Firmen in Amerika, England, Frankreich und Deutschland entbrannte ein Wettlauf um die Märkte der Welt. Um Plattenspieler in Übersee zu verkaufen, benötigte man die passende Musik als Köder. Überall tauchten jetzt die Aufnahmeteams der großen Phono-Unternehmen auf, um mit Musikern vor Ort Einspielungen zu machen.

Plattenaufnahmen in Übersee gingen nicht immer reibungslos über die Bühne. Für die Ingenieure war es schwierig, ihr Plansoll zu erfüllen. Die fremde Sprache und andere Gebräuche, Kulturschock und klimatische Bedingungen machten die "recording trips" zu einer kniffligen Angelegenheit. Fingerspitzengefühl und Strapazierfähigkeit waren gefragt. Der Erschöpfung nahe, telegraphierte am 18. März 1903 ein Ton-Ingenieur aus Shanghai nach Hause: "Die ersten zehn Aufnahmen sind geschnitten. Die sogenannte Musik der 15 Chinesen ist ein einziges Krachen und Knallen. Das Getöse hat meinen Verstand derart gelähmt, daß ich kaum noch denken kann."

Neben der englischen Grammophone Company und dem amerikanischen Victor Label war die deutsche Firma Odeon einer der Hauptakteure auf dem internationalen Plattenmarkt. 1904 hatten Max Strauß und Heinrich Zunz das Unternehmen in Berlin aus der Taufe gehoben, das schnell zu einem der Marktführer im Klassik- und Opernbereich wurde. Gleichzeitig richtete die Firma ihr Augenmerk auf die Märkte außerhalb Europas.

Noch im Gründungsjahr unternahm der Toningenieur von Odeon, John Daniel Smoot, längere Reisen nach Nordafrika, Griechenland und der Türkei, an die sich binnen kurzem weitere Musik-Expeditionen anschlossen. Mit den Aufnahmen, die dabei gemacht wurden, begann sich der Odeon-Katalog rasch zu füllen. 1906 enthielt er schon 11.000 Titel mit außereuropäischer Musik.

Im Gegensatz zur Konkurrenz, die ein weltweites Netz von Niederlassungen betrieb, hatte Odeon einen direkteren Weg in die ausländischen Märkte gefunden. Die Berliner Firma rekrutierte Repräsentanten vor Ort, denen sie größtmögliche Freiheit ließ. Von der Auswahl der Musiker bis zur Organisation des Verkaufs bestimmten sie alles selbst. Erst wenn eine Aufnahmesession vorbereitet und terminlich anberaumt worden war, machte sich ein Ingenieur aus Berlin mit dem Aufnahmegerät auf den Weg, um die Musik in bestmöglicher Qualität in Wachs zu schneiden.

Nach der Aufnahmesession wurden die bespielten Matrizen ins Preßwerk nach Berlin geschafft, um sie danach zum Verkauf wieder an ihren Ausgangsort in Asien, Afrika oder Lateinamerika zurückzubringen. Die Praxis machte sich bezahlt. Weil niemand die Vorlieben und Eigenheiten der lokalen Märkte besser kannte als die Odeon-Vertreter vor Ort, waren Flops relativ selten, und die Schellacks verkauften sich zu Tausenden. Neidvoll registrierte die Konkurrenz die Erfolge. In einer Lagebeurteilung der English Grammophone Company hieß es im Jahre 1909: "Das Geschäft entwickelte sich für Odeon in den letzten zwei Jahren in Java außerordentlich, weil sie die einzige Firma dort sind. Zwei Aufnahmereisen haben sie bisher unternommen und eine dritte steht bevor. Die Einheimischen dort gelten als die besten Geschäftsleute des Ostens, und sie sind begeistert von Grammophon und Schallplatte. Obwohl die Qualität der Aufnahmen nicht sehr hoch ist, sind die Verkäufe enorm. In einer Stadt - in Semarang - bestellte ein einziges Unternehmen allein 4<%10>5<%0>000 Platten."

Generalstabsmäßig geplant führte die nächste Expeditionen von Odeon 1906 auf den indischen Subkontinent. Von Calcutta im Gangesdelta, nach Benares, von da nach Lucknow und Kanpur, weiter über Delhi, Amritsar und Lahore nach Bombay und von dort aus wieder zurück nach Calcutta führte die Route. Am Ende der monatelangen Exkursion hatte der Toningenieur siebenhundert Aufnahmen im Gepäck, die unverzüglich nach Berlin verschifft wurden.

Bei einigen dieser frühen "Weltmusik-Schellacks" handelt es sich um die ersten und gelegentlich sogar die einzigen Tondokumente, die von einem bestimmten Stil traditioneller Musik überhaupt vorhanden sind. Selten waren es staatliche Institutionen, wie Tonarchive, Universitäten oder Museen, denen die Rettung dieser musikalischen Schätze zu verdanken ist. Vielmehr profilierten sich private Sammler als die sorgfältigeren Archivare. John Marsden, ein pensionierter städtischer Angestellter aus dem nordenglischen Sheffield, ist ein solch passionierter Sammler. Er hat in den letzten vierzig Jahren mehr als 3.000 Schellacks mit Musik aus Hawaii zusammengetragen und besitzt damit die größte Sammlung dieses Musikstils in Europa.

Die alten, zerkratzten Hawaii-Scheiben, die man heute gelegentlich auf Flohmärkten findet, sind die Überbleibsel des ersten Weltmusik-Booms, der Anfang unseres Jahrhunderts Europa erfaßte. Der Tango bildete die Vorhut. 1907 erreichte er über Nizza die europäischen Metropolen. In Paris, Madrid und Barcelona schwappte die Welle der Begeisterung hoch. Aber auch in Berlin tanzte man zu den lasziven Rhythmen aus Buenos Aires, und zwar im Takt der Originalorchester, die für Tourneen nach Europa kamen und hier sogar Platteneinspielungen machten. Diese Schellacks öffneten der Plattenindustrie die Augen für die Absatzchancen "exotischer Klänge" vor der eigenen Haustür.

Verglichen mit den USA war allerdings die frühe Weltmusik-Szene in Europa nur ein Klacks. Als klassisches Einwandererland hatte sich Amerika naturwüchsig zu einem Mekka der traditionellen Musik aus aller Welt entwickelt. Jede Emigrantengruppe brachte nicht nur ihre eigene Musik mit, sondern pflegte sie auch mit der Hingabe der Heimwehkranken. Bald schon witterte die Plattenindustrie das kommerzielle Potential, das in der Vermarktung der Musik der verschiedenen Minderheiten lag.

"Tausende Meilen fern der Heimat, in einem Land mit fremder Sprache und Kultur, hungern 35 Millionen Ausländer nach allem, was die Erinnerung an ihr Vaterland wachhält, und gieren sprichwörtlich nach Unterhaltung", hieß es in einer Marktanalyse der Branche. Bei der Erschließung des ethnischen Musikmarkts in Amerika spielte die Schallplattenfirma Columbia eine Pionierrolle. Der Katalog der Firma von 1906 offerierte Schallplatten mit Musik in zwölf verschiedenen Sprachen, und in einer gedruckten Verkaufsanleitung, die an jede Musikalienhandlung ging, war zu lesen:

"Denken Sie daran, daß es in allen Großstädten und den meisten größeren Städten Stadtteile gibt, wo Leute einer Nationalität zusammenleben. Die meisten von ihnen behalten ihre Gewohnheiten bei und bevorzugen es, sich in der Sprache ihres Heimatlandes zu verständigen. Falls Sie dazu in der Lage sind, sprechen Sie diese Leute in ihrer Muttersprache an, und Sie werden erleben, wie sich ihre Gesichter mit einem Lächeln aufhellen. Auf diese Leute üben Schallplatten in ihrer eigenen Sprache eine unwiderstehliche Attraktion aus und sie werden sie bereitwillig kaufen."

Die Verkaufsstrategie verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Nachfrage stieg so rasant, daß es für Columbia lohnend war, selbst für so kleine Zielgruppen wie die finnischen oder griechischen Einwanderer Schallplatten zu produzieren. Anfang der zwanziger Jahre umfaßte der Katalog der Firma Musik für nicht weniger als dreiunddreißig ethnische Minderheiten.

Darüber hinaus entstanden jetzt in den "Communities" der verschiedenen Volksgruppen eigene Speziallabels. Die Schweizer in den USA wurden von Helvatia Records in Wisconsin versorgt, die Panhellenion Phonograph Company in New York und die Greek Record Company aus Chicago belieferten ihre griechischen Landsleute. Es gab eigene Labels für Italiener, Slowenen und Schweden. Der Ethnomarkt schien unersättlich. Von einer Erfolgsplatte wie der "Ukrainischen Hochzeit" konnte Columbia in kürzester Zeit mehr als 120.000 Stück absetzen.

Heute bilden die alten Schellacks ein musikalisches Gedächtnis, das für manche Stile zum Lebensretter wurde. Die jüdische Musik ist dafür das beste Beispiel. Die Klezmertradition war in den sechziger Jahren vom Aussterben bedroht. In Europa von Nationalsozialismus und Stalinismus ausgerottet und vernichtet, gab es auch in den USA kaum noch überlebende Musiker, die die alten Musizierformen der jiddischen Hochzeitsmusikanten aus Polen, Galizien, Weißrußland und der Ukraine beherrschten.

Für die jungen Musiker des amerikanischen Klezmer-Revivals bildeten deshalb die frühen Platteneinspielungen eine unverzichtbare Quelle. "Wir verwenden viele der alten Aufnahmen. Die meisten Einspielungen entstanden in Amerika zwischen 1912 und 1928. Wir haben eine riesige Sammlung von Musik, nicht nur aus den USA, sondern auch aus Europa, die dort zwischen 1910 und 1915 gemacht wurden" erläutert Joshua Horowitz von der Klezmergruppe Budowitz. "Man kann viel von den alten Platten lernen. Wie gespielt und phrasiert wird, wie man die Noten gruppiert und atmet. Diese Feinheiten machen die musikalische Sprache der Klezmermusik aus, nicht so sehr die Melodien. Die amerikanischen Aufnahmen unterscheiden sich stark von den Schellacks, die in Europa gemacht wurden. Die ganz frühen europäischen Einspielungen von um 1912 erscheinen uns am wertvollsten. Sie stammen aus Rumänien und Warschau und sind deshalb so kostbar, weil man darin noch Einflüsse des Orients findet, die durch die Transplantation der Musik nach Amerika verschwanden."

Einige der frühen Schellacks gelten heute als absolute Raritäten, von denen in manchen Fällen nur noch ein einziges Exemplar existiert. Auf den Sammlerbörsen und Auktionen erzielen solche Unikate schwindelerregende Preise. Vor allem seltene Bluesplatten aus den 20er und 30er Jahren stehen hoch im Kurs. Zu Spitzenpreisen werden etwa die Einspielungen des legendären Delta-Sängers Robert Johnson gehandelt, die einst Flops waren und deshalb nur in kleinen Auflagen gepreßt wurden. Bei einer Versteigerung in den USA wechselte unlängst ein Exemplar von Robert Johnsons Aufnahme "Hellhound On My Trail" für umgerechnet etwa 9000 DM den Besitzer.

Weltweit gibt es vielleicht ein halbes Dutzend Plattenlabels, die sich auf die Wiederveröffentlichung von früher "Rootsmusic" spezialisiert haben. In Deutschland hat sich das Münchner Trikont Label inzwischen vom ehemaligen linksradikalen Sponti-Unternehmen zum bedeutendsten Dokumentator früher Volksmusik entwickelt, wobei CDs mit Aufnahmen früher Schrammelmusik und Münchner Volkssänger den Katalog schmücken. In Amerika sind Yazoo, Rounder und Arhoolie die Namen, die der Weltmusik-Fan kennt. Yazoo hat mit einer Serie unter dem Titel "The Secret Museum of Mankind" vor drei Jahren damit begonnen, rare Aufnahmen aus den entlegensten Ecken der Welt zu veröffentlichen, während Arhoolie von Cajun-Musik über mexikanischen Mariachi bis kubanischen Son viele Stile aus der Frühzeit der technischen Klangaufzeichnung dokumentiert hat. In Großbritannien ist das Harlequin/Heritage-Label der Marktführer auf dem "Re-Issue"-Markt. Seit 28 Jahren veröffentlicht Bruce Bastin traditionelle Musik aus aller Welt, wobei er sich vom Blues mehr und mehr der "Early Worldmusic" zugewandt hat. Durch ausgefallene Veröffentlichungen hat sich sein Label unter Spezialisten einen ausgezeichneten Ruf erworben.

Doch die Materie ist schwierig. "Oft habe ich Musik veröffentlicht, die niemand jemals zuvor veröffentlicht hat", erzählt der Labelchef. "Oder wer hat schon Schallplatten mit Vokal- und Gitarrenmusik der 30er Jahre aus Sardinien herausgebracht? Oder westafrikanische Gitarristen aus den 20ern? Oder südafrikanische Chöre der 30er Jahre? Um eine Compact Disc zusammenzustellen, braucht man die Originalschellacks, eine Diskographie, einen Einführungstext, Fotos der Künstler und einen guten Toningenieur. Manchmal stammen alle Schellacks von ein und demselben Sammler, manchmal ist man auf verschiedene Sammler angewiesen, was die Arbeit komplizierter macht. Manchmal gibt es niemanden, der über eine spezielle Musik Bescheid weiß, ein anderes Mal fehlt geeignetes Bildmaterial. Und wo sind die Leute, die Yoruba übersetzen können oder Sardinisch? Und wer weiß über tourende argentinische Tangogruppen in Deutschland Bescheid? Dazu kommt, daß der Markt für derart hochspezialisierte Produkte sehr klein ist. Was andererseits den Vorteil hat, daß große Plattenfirmen an dieser Musik nicht interessiert sind. Aber das kann sich ändern. Wenn ich von einer CD tausend Stück verkaufe, bin ich zufrieden. Von ein paar wenigen meiner Platten wurden über 2.000 Exemplare verkauft, und unser Bestseller ist immer noch das Album ,Instrumental Tangos of the Golden Years.`"

In den letzten Jahren hat die Zahl der Schellack-Wiederveröffentlichungen explosionsartig zugenommen. Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht eine oder mehrere CDs mit historischem Material erscheinen. Für die Weltmusik-Szene bieten die wiederveröffentlichten Schellacks die Chance, zu den Wurzeln bestimmter Stile vorzustoßen, die man nur in ihrer modernen Spielart kennt. Dagegen wirkt das Rauschen der alten Scheiben oft wie ein Gütesiegel für Authentizität.

Auswahl-Diskographie:

Frühe Musik aus aller Welt

The Secret Museum of Mankind. Vol. 1-4, Yazoo Records 7004, 7005, 7006, 7010

The Secret Museum of Mankind, Vol. 5, Ethnic Music Classics 1925-48, Yazoo 7014

Asien

The Secret Museum of Mankind: Central Asia, Ethnic Music Classics 1925-48, Yazoo Records 7007

Afrika

The Secret Museum of Mankind: North Africa, Ethnic Music Classics, Yazoo Records 7011

The West African Instrumental Quintet 1929, Heritage HT CD 16

Wien

Die besten Schrammeln instrumental, Trikont US-0233

Wien: Volksmusik. Rare Schellacks 1906-1947, Trikont US-198

München

München: Volkssänger. Rare Schellacks 1902-1948, Trikont US-0199

Alpen

Bayern: Volksmusik. Rare Schellacks 1906-1941, Trikont US-196

Oberösterreich-Salzburg: Volksmusik. Rare Schellacks 1910-1949, Trikont US-197

USA

Slovak Csárdás: Dance Tunes from the Pennsylvania Coal Mines 1928-1930, Heritage HT CD 37

Fire in the Mountains: Polish Mountain fiddle Music. Vol. 1 & 2, Yazoo Records 7012-7013

Times ain't like they used to be: Early American Rural Music. Vol. 1 & 2, Yazoo Records 2028 & 2029

Klezmer

Yikhes: Frühe Klezmer-Aufnahmen von 1907-1939, Trikont US-0179

Klezmer Music: Early Yiddish Instrumental Music. 1908-1927, Folklyric/Arhoolie CD 7034

Tango/Argentinien

Classic Bands of Tango's Golden Age, Harlequin HQ CD 91

Buenos Aires to Berlin: Argentine Tango Bands in Germany 1927-39, Harlequin HQ CD 61

Mexiko

Cuarteto Coculense: The Very First Mariachi Recordings 1904-1908, Folklyric/Arhoolie CD 7036

Kuba

The Cuban Danzon: The First Historic Recordings 1905-1929, Folklyric/Arhoolie CD7032

Lateinamerika:

Before the Tango. Argentinias Folk Tradition, Harlequin HQ CD 114

Cuarteto Coculense - The Very First Mariachi Recordings 1908-1909, Arhoolie-Folklyric 7036

Bresil: Choro-Samba-Frevo 1914-1945, Fremeaux/Fenn Music Service FA 077