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Identität in Zeiten des Wandels

Thomas Gehrmann

Identität ist kein Thema - außer in Zeiten des Wandels. Und, erleben wir gerade eine Zeit des Wandels? Besser wird sich das in zehn oder zwanzig Jahren beantworten lassen, aber zumindest für ein bedingtes Ja sprechen doch einige Indizien.

Gebabbel von Loddar Späth Falls der derzeitige Kanzler auch der künftige sein sollte, wird sich ihm Lothar Späth als Berater beigesellen. Jener, der einst als "Cleverle" apostrophiert wurde und der aktuell ein Buch über die "zweite Wende" veröffentlicht hat. Einer Rezension zufolge, die ich im Radio hörte, enthält das Werk ein paar wunderbare Metaphern. So wird Kohls "Freizeitpark Deutschland" fortentwickelt zum "Freizeitzoo Europa", in welchem die Tiere, gewissermaßen im sozialen Netze gefangen, das Jagen neu entdecken müßten, das ihnen doch eigentlich natürlich wäre. Dann waren wohl die Jagden der Hooligans in Frankreich die Bugwelle dessen, was da kühn und innovativ losrauscht.

Identität ist kein Thema für diejenigen, die sich als Motoren dieses Wandels (oder dieser "Wenden") fühlen. Für sie geht's geradeaus, für sie stimmt es so. Es ist wie meistens in einer Beziehung, die auseinander geht: Die Person, die sich verlassen fühlt, leidet, während es der Person, welche die Trennung aktiv betreibt, gut geht, wenigstens besser als vorher.

"Energisch muß ich Franz Beckenbauer widersprechen, der in seinem Fazit (zur Fußball-WM) anmerkte, die Nationalmannschaft werde immer stärker an Bedeutung verlieren, zumal es bald auch eine Europaliga gäbe", erklärte der alte Patriarch des Deutschen Fußballbundes, Egidius Braun, im Editorial der jüngsten Ausgabe des DFB-Journals. "Das Gegenteil stimmt, wie die Einschaltquoten des Fernsehens beweisen. Auch kann es nicht richtig sein, alle Kräfte zu bündeln für einige wenige Klubs, die quasi über den Wolken auf europäischer Ebene schweben - möglichst noch mit garantiertem Startrecht und ohne Rücksicht auf die nationalen Meisterschaften".

Braun bringt in diesem Satz zweierlei zusammen, was zusammengehört: Das tendenzielle Verschwinden der Nationalstaaten zugunsten eines irgendwie vereinigten Europas und die hemmungslose Gier der Profiteure, die sich als Betreiber dieser Entwicklung verstehen. Allerdings klingt es, und ich sage das mit Bedauern, wie das Pfeifen im dunklen Walde, wenn der Präsident dem Kaiser "entschieden widerspricht". Der Rückgriff auf Bewährtes und Traditionelles wirkt immer hilflos gegenüber dem, der sich mit dem neuen Trend im Einklang sieht.

Welche sind die unsrigen? Ähnlich melancholisch wie Brauns Protest klingt die Glosse "Mein Problem mit den Nomaden" von Ulrich Kaiser im gleichen Heft: "Ich kenne einen, der kann die Mannschaftsaufstellung von Dortmund aus den sechziger Jahren in ungefähr siebeneinhalb Sekunden aufsagen, obwohl damals ziemlich schwierige Namen dabei waren. Heute käme niemand mehr auf die Idee, sich so etwas zu merken: Schlimmer noch: Es geht gar nicht." Geht nicht, weil Stammformationen out sind und selbst während der Saison ständig Spieler von einem Verein zum anderen wechseln. "Gottseidank", schließt Kaiser, "haben die Trikots ja meistens noch eine entfernte Ähnlichkeit mit jenen vom vergangenen Jahr - sonst müßte man den Nachbarn auf der Tribüne fragen: ,Welche Mannschaft ist eigentlich die unsrige?`"

In der Idee vom Nomaden klingt, jedenfalls in den Ohren des Seßhaften, Heimatlosigkeit an, vielleicht auch Treulosigkeit, nicht wissen, wo man hingehört, wackelnde Identität. "Kein Mensch merkt sich die Namen von Nomaden, Legionären, Landsknechten", meint Kaiser, und das klingt so, als wäre das ihre gerechte Strafe. Diese Idee hat nichts mit der Realität traditioneller Nomadenvölker zu tun, sondern ist, selbstverständlich, nur eine Projektion, eben eine Idee. Doch die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift.

Wie gewalttätig gerade diese Idee (daß jene "Nomaden" die Ursache der Verwirrung seien) werden kann, wenn sie die Massen ergreift, hat das Dritte Reich gezeigt mit der Verfolgung der (als notorisch heimatlos gedachten) Juden, der Zigeuner und der Vagabunden. Um materiell werden zu können, braucht die Idee zwei Voraussetzungen: erstens eine "Masse", in der sie zur Gruppen-Phantasie werden kann, und zweitens einen realen Körper, auf den sie projiziert werden kann: Personen oder Gruppen, die den Sündenbock herzugeben haben.

Es liegt mir fern, den Autor der Glosse etwa als verkappten Nazi zu denunzieren. Ich selbst teile sein Unbehagen. Nur wird mir mindestens ebenso unbehaglich, wenn ich diese Wortkette Nomaden-Legionäre-Landsknecht lese. Da deutet sich ein Hinabsteigen in die dunkleren Zonen der kollektiven Emotionalität an, von Verunsicherung über Ablehnung zu Verachtung, Wut und Haß sind nicht mehr fern.

"Geist von Rom" Braut sich etwas zusammen? In der FR vom 13.8.98 schrieb Michael Gabriel über die deutschen Fußballfans: "Die Szene verroht und rückt spürbar nach rechts." Er bezieht sich allerdings auf die Formen offen politischer Kundgebungen wie "Wir sind wieder einmarschiert!"-Gesänge bei der WM in Frankreich und ähnliches.

Die rechte Wochenzeitung Junge Freiheit (5.6.98) unterstellt dem Bundestrainer Berti Vogts, er vermittle den "Geist von Rom" (wo wir vor acht Jahren Weltmeister wurden), und zwar auch "durch eine nationale Präferenz, die auf Abstammung und nicht auf Staatsbürgerschaft oder kulturelle Lippenbekenntnisse vertraut. Vereinstrikots wechselt man wie das Hemd, nicht aber das der Nationalmannschaft. Bei einer WM ist weniger Professionalität als vielmehr das Herz gefragt. Für wen schlägt aber dasjenige von Fredi Bobic, Mehmet Scholl oder Darius Wosz, gar von Oliver Neuville oder Sean Dundee? Eine WM ist der falsche Ort, um dies herauszufinden". Die bewußten Ideengeber und verbalen Gewehrspanner sind also schon am Werk.

Ich glaube, daß "Traditionalisten" wie Egidius Braun und "Innovatoren" wie Franz Beckenbauer sich so fern gar nicht sind. Aber vor der Verwirrung, womit der Fan sich denn noch identifizieren kann, liegen am Highway der rasenden Innovatoren die Opfer, Deklassierte, die sowohl Status als auch materielle Sicherheit verloren haben oder zu verlieren drohen, und vielleicht auch Heimat und Familie. Für sie gibt es schon den gruseligen Begriff "Flexibelchen", wie Frank Eckardt in der letzten Kommune zitierte. Wer werden die Opfer sein, wenn die Flexibelchen in Raserei verfallen?