Vor genau einem Jahr erschien Don DeLillos Underworld in Amerika mit großem Erfolg, die Auflage ging rasch in die Hunderttausende. Seinem deutschen Verlag gelang es in kaum einem Jahr, die Übersetzung des über 800 Seiten starken Stückes herauszubringen, rechtzeitig zur Buchmesse, deren Gesprächsthema es werden soll.
Und diese "Unterwelt" ist auch nichts weniger als das opus maximum des Autors, der mit Pynchon und Gaddis zu den "Ober-Schamanen der Paranoiker-Schule der amerikanischen Literatur" zählt.1 Dabei geht es alles andere als mystisch zu; wer, möchte ich fast behaupten, die Kultur der Nachkriegs-USA kennenlernen will, muß dieses Buch einfach lesen. Während DeLillos bisherige Romane jeweils scharf umrissene Segmente und Momente der Gegenwart zum Gegenstand hatten, greift er hier in die Vergangenheit aus und taucht, viele seiner Motive noch einmal aufnehmend, tief in die Geschichte der 50er, 60er und 70er Jahre ein.
Dabei hatte sich alles recht schlicht angelassen,
als eine kleine Story über das legendäre Baseball-Finale
des Jahres 1951, das DeLillo als Kind am Radio mitbekommen hatte.2
Der entscheidende Schlag, der den Spielverlauf sensationell auf
den Kopf stellte, ist in die Nachkriegsmythologie der USA etwa
so eingegangen wie bei uns das 3:2 von Helmut Rahn im WM-Finale
1954. Die Erzählung über einen schwarzen Jungen aus
der Bronx, der ohne Karte ins Stadion gekommen ist und dem es
gelingt, den Ball nach dem entscheidenden homerun zu erwischen,
bildet den Prolog und so etwas wie den Kern oder Fluchtpunkt des
Romans.
In seinen Recherchen stutzte DeLillo beim Durchlesen der Mikrofilmausgabe der New York Times vom 4.10.1951: Neben dem Leitartikel über den Baseball-Schlag (The Shot Heard Round the World) stand in gleicher Aufmachung der Bericht über die Explosion einer russischen Atombombe in Zentralasien. Diese Koinzidenz nun - der legendäre Flug des Balles und das apokalyptische Aufsteigen des atomaren Pilzes3 - bildet das Gerüst, aus dem ein Panorama des Kalten Krieges bis Anfang der 90er Jahre entrollt wird, aber eben nicht als lineare Geschichte, sondern als vielfach gebrochene, in- und gegeneinander leitmotivisch mit zahlreichen Assonanzen und Assoziationen verzahnte, quasi kaleidoskopische Totalität.4
Der Zusammenhalt des Ganzen stellt sich zunächst durch die - wenigen - Personen her: den Jugendlichen Nick Shay und seinen Bruder Matt, die während der 50er Jahre in der Bronx aufwachsen, den Lehrer Bronzini und seine zeitweilige Frau Klara. In die eindrücklichen Schilderungen der Bronx, damals ein Viertel der irisch-italienischstämmigen working class, geht unverhüllt wie selten die autobiographische Erfahrung des Autors ein. Wir verfolgen, durch die diversen Bruchstücke und Teil-Bücher, den Weg der Personen, vor allem Nicks, der auch in der Ich-Form als Erzähler auftritt, in der Nachkriegsära. Nick endet schließlich als Topmanager einer prosperierenden müllverwertenden Firma. Neben der virulenten, quasi stets vom Himmel her drohenden Atomkriegsgefahr ist damit das zweite düstere Thema angeschlagen: der ins Unsichtbare vergrabene Müll, die Kehrseite unserer so blind und chaotisch wirkenden Produktionsweise: beides Formen des Destruktiven, in das sich das kapitalistisch verfaßte Produzieren längst pervertiert hat! Beide Motive werden am Schluß in einer beklemmenden Szenerie zusammengeführt, als Nick eine frühere Atomtestanlage in Kasachstan besucht, die jetzt den im Westen produzierten Müll aufnimmt und atomar zerkleinert.
Dieser Epilog heißt übrigens "Das
Kapital" (deutsch im Original) und verweist damit unübersehbar
darauf, wo die treibenden Kräfte im Globalisierungs-Taumel
der Gegenwart zu suchen sind. Überwunden sind, kommentiert
Nick, die starren Kategorien des kalten Krieges; das System wird
geschmeidiger, "die Macht zusammenschießender Märkte
produziert ein augenblickliches Kapital, das mit Lichtgeschwindigkeit
über die Horizonte schießt und eine gewisse flüchtige
Gleichheit erzeugt, alle Besonderheiten planiert und alles affiziert
von der Architektur bis zur Freiheit, bis zur Art, wie die Leute
essen, schlafen und träumen". Die Extremformen der "Globalisierung",
die blitzschnelle Bewegung von Milliarden Finanzmassen um den
Erdball und die Verslummung im Herzen der Metropolen, sind miteinander
vermittelt und werden im Roman aufeinander bezogen.
Vor diesem Epilog nun stehen ein Prolog und sechs Bücher, die sich jeweils auf einen eingegrenzten Zeitraum beziehen, sowie drei zusätzliche, auch äußerlich durch schwarze Blätter umrahmte Erzählstücke, die schildern, wie der Vater des kleinen Schwarzen, der den Baseball errungen hat, diesen, während der Junge schläft, noch in derselben Nacht zu Geld zu machen versucht.5 Diese drei kurzen Einsprengsel sind linear geschrieben und können als ein Stück gelesen werden: Sie bilden gleichsam einen Pfeil in verdichteter Zeit nach vorn, während das Buch sonst gleichsam mit dem Rücken zur Gegenwart erzählt wird. Der Durchgang des Balles durch das Buch oder die Suche nach ihm - Nick, stellt sich zum Schluß heraus, ist nach etlichen Wechseln sein letzter Besitzer6 - bildet so etwas wie ein durchläufiges Strukturelement, während alle anderen Zusammenhänge erst peu à peu enthüllt werden. Das klingt viel komplizierter, als es sich liest. Die gut lesbare Machart zeitigt aber auch verblüffende Wirkungen, wenn wir etwa die Genese von Geschichten, die wir gelesen haben, erst im nachhinein mitbekommen und unsere stillschweigende Hypothesenbildung laufend umstellen müssen. Nichts ist unverrückbar von Anfang an determiniert oder, wenn man das lieber will, es könnte auch ganz anders ausgehen!
Dieser Durchgang durch die Zwiebelschalen ist
aber nur das eine. Wichtiger noch sind die Bezüge quer durch
alle Schichten und durch das ganze Buch hindurch. Wie es funktioniert
und mit welcher Raffinesse das gearbeitet ist, dazu wenigstens
ein Beispiel. Der FBI-Chef Edgar Hoover beobachtet am 3.10.1951
zusammen mit Frank Sinatra und einigen anderen Prominenten das
Endspiel. Soweit das historische Faktum. Im Roman nun betrachtet
er, nicht angetan vom Renommieren und Witzeln seiner Kumpane,
geistesabwesend einen Ausschnitt aus dem Farbmagazin Life,
das eine Reproduktion von Pieter Brueghels berühmtem "Triumph
des Todes" enthält, und studiert interessiert die Einzelheiten
der Leichenzüge, Folterszenen, Brandschatzungen und Quälereien;
im Horizont des Bildes wabern düstere Feuerschwaden. Einer
seiner Agenten bringt ihm kurz darauf die Nachricht von der russischen
Atomexplosion, was bedeutet, daß die atomare Bedrohung durch
die Sowjets schlagartig gestiegen ist. Später sehen wir nun
eine alte Nonne bei der Sozialarbeit in den Ghettos. Sister Edgar
heißt sie (man sieht, DeLillo arbeitet manchmal deutlich
bis hin zur Überdeterminierung!). Sie wird Augenzeugin, als
in der mittlerweile heruntergekommenen Bronx bei einem Brand in
der U-Bahn Menschenmassen in Panik aus der Subway strömen;
das Bild Brueghels, in dem die Toten die Lebenden verfolgen, wird
evoziert und in die Gegenwart verpflanzt mit traumatischen Effekten.
Wie eines im anderen angelegt ist, merkt man häufig erst
beim zweiten Lesen.7
Schließlich endet alles im Netz, im prototypischen Internet. Und das bei einem Autor, der sich selbst hartnäckig weigert, einen PC zu benutzen. "Das Kapital" entwirft Bilder aktualisierten Todes-Triumphes: Der reisende waste analyst Nick sieht in einem kasachischen Museum mißgebildete Föten, besucht ein Heim mit radioaktiv verstrahlten Kindern, "Tschernobyl" fällt als Stichwort. In stummer Resignation fragt er: "Erinnert sich noch jemand, warum wir all das tun?" Schließlich sehen wir ihn geistesabwesend in seiner Wohnung, die Bücher hin und her sortierend, müde, deprimiert, in seiner Lebenskraft auf eine erschreckende Art beschädigt, obwohl nach außen hin alles zum besten steht.
Die Szenerie blendet, quasi mit einem Tastenhieb,
noch einmal in die Bronx von heute. Die Nonnen besuchen einen
jungen rührigen, obwohl schon von Aids gezeichneten Schwarzen,
der mit aufgemotzten Schrottautos handelt und ihnen sein Projekt
vorstellt, damit "online zu gehen". Drei Wochen später
erfahren sie, daß ein obdachloses flüchtiges Mädchen,
mit dem sie vergeblich Kontakt aufnehmen wollten, vergewaltigt
und ermordet worden ist.8 Es schnürt einem den Hals zu, wenn
in einer winzigen Sequenz auch noch dieser Mord aus der Sicht
des Mörders geschildert wird. Schließlich stirbt kurz
darauf auch Sister Edgar, und es kommt zum allerletzten Umschlag:
ins Geflimmere der Buchstaben im Netz, wo alles miteinander verknüpft
ist, alles ineinander übergeht, Sister Edgar und Brother
Edgar miteinander verlinkt sind, wo aber auch alles zu verschwimmen
droht - wenn auch nicht ganz. Denn nachdem alle Fäden geknüpft,
alle Lebensläufe ins Leere gelaufen sind, bildet sich auf
dem Hintergrund des Bildschirmflimmerns das Wort "Frieden"
heraus. Es ist das letzte Wort9, und es ist wie ein Seufzer. Aber
was bleibt, angesichts der Verhältnisse, die doch selten
einmal so umfassend und präzise beschrieben werden wie hier
- außer der Sprache, aus der all dies besteht und in die
hinein sich, nach dem Lesen, auch dieser Roman wieder auflöst?
Und dem Wunsch, der Ahnung, daß diese Verhältnisse
ganz anders zusammengesetzt werden müßten?
1 So die New York Review of Books, zitiert von Peter Körte in der Frankfurter Rundschau in der ersten deutschen, sehr frühen Besprechung (6.10.97).
2 In der beiläufigen Erwähnung eines 16jährigen, der mit seinem Radio auf das Dach klettert, um ungestört hören zu können, kann man ein Selbstporträt sehen. Ironischerweise war DeLillo Fan der Dodgers, die das Spiel verloren.
3 Man vergleiche auch den hochsymbolisch aufgeladenen Anflug der V-2-Rakete in Pynchons Das Ende der Parabel.
4 Vielleicht ist heute Totalität überhaupt nur so noch herstellbar: als fragmentarische, zerbrochene.
5 Der Vater ist nebenbei ein typischer hustler aus dem Schwarzen-Ghetto, vgl. dazu den entsprechenden Abschnitt in Pierre Bourdieus u. a. Das Elend der Welt - diesem Gemisch aus Schwarz-, Gelegenheits- und normaler Lohnarbeit wie (klein)krimineller Beschaffungs-Tätigkeit korrespondiert als Gegenstück das Managergeschäft Nicks, das einmal auch direkt mit dem Begriff hustling bezeichnet wird. Wie realistisch die Welt des Ghettos beschrieben wird, ahnt man, wenn man beispielsweise liest, daß eine Gruppe von Jugendlichen auf einer Brandmauer alle diejenigen Gleichaltrigen als Engel verewigt, die Schießereien oder dem Kokain zum Opfer gefallen sind. Und wenn man dann per Zufall in einer Reportage des Geo-Magazins über eine junge Fixerin aus New York auf eine Bildunterschrift stößt: "Die Mauern sind Grabsteine - Erinnerungen an all jene, die East New York nicht überlebten, und auch Peggys Name wird bald wohl dort stehen; dann, wenn sie endlich erlöst ist von ihrer Passion" (Feb. 93).
6 In dem letzten Film von Woody Allen, Deconstructing Harry (Harry außer sich), findet sich eine Hommage an DeLillo: der von Allen gespielte Harry überreicht jemandem eben diesen Baseball aus dem Endspiel von 1951 als Geschenk.
7 So erinnert beispielsweise ein tunnelartiges Gewölbe auf dem Brueghel-Bild Hoover an einen Subway-Eingang.
8 Und auch hier wieder das Korrespondenzpaar: dem Jungen im Prolog steht das Mädchen am Schluß gegenüber, beide gekennzeichnet, unter anderem, durch das Laufen, das sich befreiende Laufen, den Sprung, die Flucht. Nick übrigens ist Jogger.
9 Vielleicht eine Anspielung auf Joyce' Ulysses:
word known to all men - bei Joyce ist es das Wort love.
Don DeLillo, Unterwelt. Roman. Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert, Köln (Verlag Kiepenheuer & Witsch) 1998 (966 S., 54,00 DM)