Vom Nervennetz der Worte, das Island durchzieht

Neues von der Poeteninsel

Balduin Winter

Blühende Landschaften, jedenfalls literarische, hat das kleine Island zu bieten. Da wird geschrieben und gelesen, was das Zeug hält: 250.000 Einwohner kaufen eine Million Bücher im Jahr - also vier Bücher pro Kopf. Aber auch bei den AutorInnen und PoetInnen sind die Isländer europäische Spitzenreiter: Jeder zehnte Isländer schreibt zumindest ein Buch. Es scheint, als wolle sich dieses Volk der Geschichtenerzähler mittels der Literatur seiner Existenz vergewissern und sie stets von neuem erfinden. Feinen Nerven gleich wird Island von einem dichten Netz der Worte überzogen, so charakterisiert Goran Tunström die Insel, auf der die "Hirten der Plauderstunde" so zahlreich sind.

In Frída A. Sigurdardóttirs Roman Ninas Geschichte schreibt die Titelfigur am Sterbebett ihrer Mutter eine Familiensaga von fünf Generationen auf. Ein verwirrter alter Mann im Krankenhaus fragt: "wo stammst du her?" und wird von einer Elfenfrau weitergeschoben. Und die emanzipierte Schriftstellerin und Texterin Nina taucht durch ein Kaleidoskop von Vergangenheit, von Träumen, von Bildern, muß sich alles erst wieder aus der Erinnerung neu zusammensetzen, erkennt, wie wenig sie von den nächsten Menschen weiß, wie wenig sie ihre Geschwister kennt. Manchmal kommt ihr vor, die rätselhaften Vorgänge um ihre Ururahnin Sunneva seien ihr zugänglicher als die Umstände, in denen ihre Schwester und Rivalin Marta lebt. Aber auch die klaren Verhältnisse auf dem Lande, eingebunden in Natur und Jahreszeiten, eingespannt in von Generation zu Generation überlieferte mündliche Berichte, werden unscharf, je weiter Nina in sie eindringt.

Und doch ist es keine Familiensaga, denn deren Fragmente dienen Nina im Grunde dazu, ihre eigene Geschichte zu berichten. Sie verkörpert das moderne Island, eine Frau, die sich an nichts gebunden fühlt, Inhaberin einer Werbeagentur, die gern einen Jaguar fährt, die das tut, was sie tun möchte, die die Männer liebt, die sie lieben möchte oder zu lieben glaubt.

Mit ihrer Tochter sitzt sie am Bett der Toten, die Geburt fällt ihr ein, Leben und Sterben. Die einfache und doch so verwirrende Frage nach der Herkunft läßt sie an ihrer Selbstgewißheit zweifeln. Ihre Frage: "Was wird jetzt aus mir?" bleibt offen. Denn das Schicksal kleidet sich auf Island in Elfengewand, nur für wenige hochgradig Hellsichtige sichtbar...

Auch in Göran Tunströms Roman Der Mondtrinker schreibt der Sohn die Geschichte des verstorbenen Vaters auf. Ähnlich wie bei Sigurdardóttir legt er sich, seine Vaterbeziehung reflektierend, Rechenschaft über sein Leben ab. Das Besondere an dieser Beziehung ist die Dominanz des Vaters, der dem Sohn von klein auf die Mutter ersetzen mußte, die bei einem Vulkanausbruch ums Leben gekommen war. Halldór Halldórsson ist ein musikalischer Mensch, der seinen Sohn Pétur zu den fallenden Quinten Haydns mit natürlichem Hai-Lebertran aufzieht. Beim Rundfunk macht er den Fischereibericht, und da seine Sendung die wichtigste in Island ist, hat er auch gute Beziehungen zu den höchsten Politikern des Landes. So ist es ganz normal, daß er, um den Bildungshunger Péturs zu stillen, den Botschafter in Nigeria anruft, um zu fragen, ob es dort Meerrettich zum Dorsch gibt.

Überhaupt geht Normalität auf Island mit der kontinentalen nicht ganz konform. In der blauen Stunde (dämmerblau, nicht alkoholisch), in der in Island alle wichtigen Gespräche geführt werden, berichtet der Vater von seiner Zeugung. Angeblich habe am 17. September 1943 um 19 Uhr der zukünftige Präsident eine Radioansprache gehalten, in der er die Isländerinnen und Isländer aufgefordert hat, in dieser Nacht Kinder zu zeugen - Kinder der Unabhängigkeit, die in neun Monaten, am 17. Juni 1944, ausgerufen werden soll. Jedes Unabhängigkeitskind solle eine inflationsgesicherte Krone und einen Fußball oder eine Puppe erhalten. Tatsächlich seien an diesem 17. Juni rund zehntausend Kinder geboren worden, darunter auch Papa Halldór, wie sein Fußball beweist.

Normal ist es auch, daß der Vater nächtens in den Garten geht, seine Hände zum Vollmond hebt, sie zur Schale formt, um Mondmilch zu trinken. Normal ist weiters, daß Pétur zu seinem 12. Geburtstag den Unabhängigkeitsfußball geschenkt bekommt, ihn postwendend in den Garten des französischen Botschafters schießt, der den Ball als Eigentum der Republik Frankreich beschlagnahmt, trotz diplomatischer Proteste Islands. Was schwerwiegende Folgen haben wird, denn viele Jahre später wird Pétur einen Fischhandel in Paris aufziehen, sich in die Tochter des Botschafters verlieben, sie heiraten und seinem Vater vorweisen können, was er da statt des Fußballs nach Island mitgebracht hat.

Bei aller herzerfrischenden Skurrilität entwickelt sich dennoch eine beklemmende Vater-Sohn-Beziehung, aus der Pétur sich herausreißen muß. Er zieht aus, geht schließlich ins Ausland. Aus der Ferne bekommt er den allmählichen Verfall des Vaters mit, dem beim Rundfunk gekündigt wird, weil er zum Fischereibericht erotische Gedichte aufsagt und schließlich im Irrenhaus landet. Berührend die Briefe, die er dem fernen Sohn schreibt. Die Beziehung hat sich umgekehrt, jetzt braucht der Vater Schutz und Fürsorge. Ein letzter Trost ist die Geschichte mit dem Ball. Das kürzliche 1:1 der Isländer gegen den Weltmeister Frankreich hat er leider nicht mehr erleben können.

Und noch einmal der Tod. In einer Erbschaftsangelegenheit taucht das Manuskript eines verstorbenen isländischen Kaufmanns auf, der in New York reich geworden ist. Es ist die Lebensbeichte eines äußerst unsympathischen Sonderlings, die Olafur Jóhann Olafsson in seinem Roman Vergebung der Sünden auf zwei Ebenen präsentiert. Zum einen sind es Ausschnitte aus den letzten Monaten von Pétur Pétursson, zum anderen erzählt er die Geschichte seiner Jugend, seiner Studentenzeit im von den Nazis besetzten Dänemark, seiner Emigration und seiner Karriere. Und eines Verbrechens. Tagebuch und Krimi.

Der Alte ist ein bewundernswert widerlicher Misanthrop, ein "Sammelbecken von Bosheit", mißtrauisch und bösartig den eigenen Kindern gegenüber, bedacht, ihnen die Erbschaft zu versalzen. Als sein Sohn ihm mitteilt, daß des Vaters Exfrau im Koma liegt, wimmelt er ihn ab, weil er mit seiner jungen kambodschanischen Bediensteten, Mädchen für wirklich alles, wenn er nur könnte, feiern möchte. Doch in das Bild vom häßlichen Kapitalisten schleichen sich auch Widersprüche ein. So geht der Nihilist eines Tages in eine Kirche und betet zu einem Gott, an den er nicht glaubt, denn er ist überzeugt, daß ihm seine Sünden nicht vergeben werden.

Als Sünden betrachtet er nicht seine skrupellosen, zum Teil kriminellen Geschäftsmethoden, die zu schildern ihm diebische Freude bereitet. Seine Sünde wurzelt in einer unerwiderten Liebe, für die er sich unglaublich gemein rächt. Es ist eine Rache, die der Rächer nur überstehen kann, indem er sich selbst völlig verhärtet. Auch wenn die Altersgeschichten manchmal etwas langatmig sind, gelingt dem Autor ein spannender biographischer Bogen um einen vielschichtigen Charakter.

Dagegen spielt Gudbergur Bergssons Roman Der Schwan in der tiefsten isländischen Provinz. Ein neunjähriges Mädchen wird, nachdem es mehrfach bei Ladendiebstählen erwischt wird, sozusagen zur Besserung aufs Land geschickt. Bei einer Bauernfamilie soll es auf andere Gedanken kommen. Provinz, Möwengekreisch, Pferde, die vielen AutorInnen der Insel eigene poetische Sprache - alle Ingredienzien zu einem Heimatroman sind gegeben. Vielleicht ist er das auch. Aber das Land ist, entgegen mancher hilflos wirkenden Versuche, an alten Tradtitionen festzuhalten, nicht mehr das, was alte Bücher beschreiben. Die Höfe sind motorisiert, das Reitpferd wird nur noch für bestimmte Feste von der Weide geholt, ansonsten fährt man mit dem Landrover, und abends holt man sich die Welt mit dem Fernseher ins Wohnzimmer. Die Menschen haben in diesem Buch keine Namen, sie heißen nur "der Bauer" oder "das Mädchen". Der Wegfall des Namens, in der isländischen Literatur im hohen Maße Chiffre für eine lange Familiengeschichte, signalisiert die Auflösung alter Bindungen und die Zufälligkeit zwischenmenschlicher Beziehungen.

"Dort ist die Luft viel gesünder als hier, und die Leute sind sorgenfrei und gut", wird dem Mädchen gesagt. Was sie erlebt, ist eine Realität, die mit solchen Phrasen wenig zu tun hat. Umgeben vom großen Schweigen des Landes und von schweigsamen Bauern kann sie das Erlebte nur mit ihrer Phantasie deuten - schwebende Geschichten, die manchmal ins Tragische zu kippen drohen, von höchsten Glücksgefühlen bis zu Suizidwünschen. Nur mit dem Tagebuch schreibenden Knecht kann sie ein wenig über die großen Fragen des Lebens reden, über die Beschaffenheit der Seele und wo sie beim Tod entweicht, über die Liebe und die Kümmernis, keine Liebste zu finden und so.

Äußerlich passiert nicht viel: Arbeit, Pferde aufzäumen, Kühe auf die Weide treiben, der Besuch der Tochter, die in der Stadt studiert, ein Fest, eine Wanderung. Und ein Blick in die Seele eines heranwachsenden Menschen - ein selten schönes Buch.

Frída A. Sigurdardóttir, Ninas Geschichte. Roman. Aus dem Isländischen von Ingolf Kaspar und Hubert Seelow, Göttingen (Steidl Verlag) 1998 (266 S., 36,00 DM)
Göran Tunström: Der Mondtrinker. Roman. Aus dem Schwedischen von Hans-Joachim Maas, München/Wien (Hanser Verlag] 1998 (266 S., 36,00 DM)
Olafur Jóhann Olafsson, Vergebung der Sünden. Roman. Aus dem Isländischen von Moritz Kirsch, Göttingen (Steidl Verlag) 1998 (312 S., 36,00 DM)
Gudbergur Bergsson, Der Schwan. Roman. Aus dem Isländischen von Hubert Seelow, Göttingen (Steidl Verlag) 1998 (192 S., 36,00 DM)