Nun hatte sein Leben mindestens einen
Sinn. Rockmusik als Selbstfindung, als
historische Struktur, als Trost in
trostloser Kunstsinnigkeit, als
jakobinische Himmelsleiter, als kleines,
von imperialistischen Kulturrömern
umgebenes gallisches Dorf bedeutete
Horak fast alles.
(Bortlik, Wurst & Spiele)
Bedeutete ihm! Fast! Aber das ist eben auch
Horak - wir lernen ihn noch kennen -, ein wurst- und durstvoll
lebender Mensch mit all seinen Lastern, aber wahrlich auch liebenswerten
Seiten. Ein Mensch wie du und du. Indes bekommen wir aus dem Inneren
des gallischen Musikdörfchens, der gallischen Musikdörfchen
korrekterweise, denn auf saubere Segregation müssen wir schon
achten beim Selbstfindungsprozeß, zunehmend Melodien aufgespielt,
die uns zeigen, daß den Bewohnern ihre Musik nicht irgend
etwas "bedeutet", sondern daß sie mit ihren identitätsstiftenden
Klängen und Krächen und der dazugehörigen Kirche
in eins fallen, geradezu verwachsen, und zwar in jener gänzlich
unmusischen, eher manischen oder süchtigen Verkehrsform,
in der beispielsweise der Briefmarkenfreund sein Album verwaltet,
nach den Gesichtspunkten: Ist selten, hat alle Zähne, Erstausgabe.
Hab ich's vollständig? Wann ist Börse? Hatte der Sohn
vom Schwager des Kreisvorstandes nicht noch die 30-Pf.-Kanzler-mit-Pfeife?
-, daß also die Angebetete hinterm Altardienst fast verschwindet.
Die Musikfreunde werden zu Sklaven ihrer realen und virtuellen
Plattensammlungen. Die Tonträgersammlungen repräsentieren
ihre Besitzer. Im gallischen Dörfchen kommt durch die kalte
Küche die Repräsentationskultur wieder hereingeschleimt.
Jeder sich in Dissidenz zum Kulturrömer konstituierende Musikfreund
ist und hat sein eigenes Bayreuth, in dem allerdings, je nach
Zeitläuften, Übereinkünften in der Dorfpresse,
Angriffs-, Verteidigungs- und Ausweichbewegungen, der Dirigent
wechselt und immer schneller wechseln muß. Denn kaum ist
ein bisserl Glanz in der Dissidentenhütte, schon kreisen
drüber die Geier der umlagernden Kulturrömer auf der
Suche nach Verwertbarem. Oh, Sinnenstrudel, oh, Hamsterrad!
Andreas Neumeister debütierte
vor zehn Jahren mit Äpfel vom Baum im Kies, ein schönes
Stück avancierter, moderner Heimaterforschung um den Würmsee
herum. Mit Salz im Blut, 1990, versuchte er sich dann in
München, das ging noch, aber er stand schon mit einem Bein
in der Ich- oder Beliebigkeitsfalle, nicht mehr so recht in der
Lage zu überblicken, was nun aus seinem Studentenleben so
überaus mitteilenswert sein solle und was lieber im Familienalbum
verbliebe. Dann ging's bergab. Und jetzt tut er, was man immer
macht, wenn einem nichts einfällt, er kramt in seinen Devotionalien-
und Schundschränkchen herum. Auf den Buchdeckeln heißt
es dann: Er macht Inventur. Ja, er ist eine große Plattensammlung.
Und er kennt Leute, die auch prima Plattensammlungen sind. Nicht,
daß wir über die Leute etwas erfahren oder die Musik.
Dazu ist Inventur auch nicht da. Es wird aufgesagt, von Amon Düül
bis Alphex Twin. Und da fällt ihm dann, weil er in München
ist, der eine oder andere Bemerkungsbrösel zur Olympiade,
zu Uschi Obermeier und immer wieder zu Giorgio Moroder und Donna
Summer herunter, was auch zeigt, wohin die ständigen Ausweichbewegungen
zwangsläufig führen, wenn der Kulturrömer unersättlich
und ausdauernd am privaten Bayreuth knabbert. Nicht wenige sind
ja schon beim kurzfristig unbesetzten deutschen Schlager der 60er
Jahre angekommen. Die menschliche Füllmenge zwischen den
Inventurregalen besteht aus ein paar Vornamen, die, soviel ist
klar, zur Dorfbevölkerung gehören. So unter sich, Ansammlungen
unter Ansammlungen, gehetzt durch immer neue Allerheiligste, ist's,
die Umschlaggeschwindigkeiten an den Dirigentenpulten, die Reinrausspiele
der Indiecharts mit Geschwindigkeit und Rhythmus des zähen
Lebens außerhalb verwechselnd, kein Wunder, daß Neumeister
nun allen Ernstes dem Jahr 2000 entgegenhofft. An der "Abschaffung
des 20. Jahrhunderts arbeitet", nach all den "beschissenen
Jahrzehnten". Welch blöde Idee: Die beschissenen Jahrzehnte
werden eingeschrieben bleiben. Abschaffbar wäre einzig die
Zukunft. Durch Wort- und Sinnfamilien mich lesend, Latten fettgedruckter
Abkürzungen: "YMO für Yellow Magic Orchestra; YMG
für Young Marble Giants...", durch Suchmeldungen, alles
fett, als sei hier literarisch-poetischer Sonderraum geschaffen
für Inventurpausen, dann durch repetitiv verdichtete Nullaussagen
zu Wichtigtuerei aussstrahlenden Nichtigkeitskernen, hätte
mir "Gut laut" glatt zum Anlaß werden können,
meine famose Plattensammlung dem nächstbesten Höker
zu verscherbeln, hätte ich mich ihrer vor Monaten nicht schon
entledigt. "Was ist aus Jean Knight eigentlich geworden?/was
ist aus Shirley Brown eigentlich geworden?/was ist aus Melba Moore
eigentlich geworden?/was ist aus Patrice Rushen eigentlich geworden?/was
ist aus Stephanie Mills eigentlich geworden?" Kleiner Ausschnitt
aus den fetten Was-ist-aus-denen-geworden-Fragen. Und, frage ich
hinzu, was ist aus Andreas Neumeister geworden? Vielleicht hat
die ADAC-Motorwelt ja recht. Neumeister zitiert sie selbst:
"Der Text eines Musikstücks wird nämlich von der
linken Gehirnhälfte aufgenommen, die Melodie von der rechten.
Und mit der dritten Hälfte fährt man dann Auto - das
kann nicht klappen." Dies gilt natürlich nicht nur für
das Bewegen eines Automobils.
Ganz schlimm sieht's
diesbezüglich mit Rainald Goetz aus. Zwischen Tanzboden und
Plattenteller ist er sprachlich unterdessen bei Verona Feldbusch
angekommen. So super ist alles: "An der Bar: alle. Mehr oder
weniger alle. Olaf, Anki, Martina, Helli, Sassy, Tommy, Susi,
Daniela, Nilly, Virginia, Caro, Kathi, Sascha, Wirna, Silvie,
Änni, Dominik, Claudia, Daniel, Sue. Bitte Bier. Danke. Hallo
Bob, Kathrin, Cambis, Keiwan, Robert, Pata, Kerstin, Daniel, Thomas,
Susi von den Stämmen und die kleine Susi und Fabienne und
Natalie und Alex und Felix. Ich geh mal tanzen. Hallo Moritz!
Rebecca! Wieder an der Bar: bitte mehr Bier. Hallo Alex, Sarah,
Jerome, Alia, Jenny, Katja, Steffen, Michel, Hartwig. Hallo David,
Dorle, Upstart, Monika, Lester, Barbara, Aroma, und Roy steht
da plötzlich da. Hallo Roy! - Hallo Rainald! - Hallo Hille!
Du auch hier?! - Ja, wieso nicht? Ausnahmsweise mal. Bea und Clé
sind auch da, da drüben. Echt? Ist ja toll. Mit manchen winkt
und lacht man sich gegenseitig zu, mit manchen sagt man sich nur
so hallo und mit vielen redet man kurz. Geil." Seine Hymne
auf die drogengestützte Rundumverblödung - Rave
- führt uns nun weniger von Plattenstapel zu Kassettengourmet,
sondern von Rave zu Rave, von der Toilette zur Love-Parade und
zurück, und wieder durchschusseln wildfremde Menschen, das
heißt: ihre Namen, - nein, wir gönnen ihm alle die
Bekanntschaften von Herzen, nur was sollen wir damit anfangen?
- die hochaufjauchzenden Seiten. Was wir begreifen ist, daß
er sich im wesentlichen im Umfeld des Münchner Musik- und
Kunst- und Musikjournalisten-Gschwerls herumdrückt, und aus
diesem Dampftopf weht der unangenehme Geruch, der das ganze Buch
durchzieht: Die Propaganda dieses sich selbstentzündenden
und selbstbefriedigenden Lebens, die ihre Opfer in ein Ratenrennen
treibt, in dem auch noch die Mittel, die ihnen ihre Sinnlöcher
oder vermurksten Lebensentwürfe wenigstens am Wochenende
kompensatorisch zu- und wegrauschen, ständig entwertet werden.
Die Propagierung von Lebenshaltungen, die, würden sie massenhaft
realisiert, ihre ganze gschwerlhafte Existenz vom Erdball fegten.
Aus der rasenden Entwertung der angebotenen Medizin und der Angst,
eingeholt und weggeschluckt zu werden, resultiert immer kindischere
Aufschäumung. Man könnte es dekadent nennen, verkommen.
Jedenfalls ist es zutiefst asozial. Der Rest ist der uralte kleinbürgerliche
Klatsch und Tratsch. Wie eh und je bei den Schicken da unten.
Wie angemessen, geschmackssicher
und heilend die Musik unser Leben begleiten kann, zeigt uns der
Schweizer Wolfgang Bortlik in seinem Roman Wurst & Spiele.
Auch Horak, der Held, weit entfernt davon, wie ein Hund an jedem
Scheiß zu schnüffeln, nimmt gelegentlich Drogen vom
urgesunden Hanf, auch er trinkt, auch er liebt Musik, wenngleich
eher eine ins Hippiehafte spielende, eine ältere Sorte. Aber
all das ist selbstverständlicher Teil seines Lebens, hineingearbeitet,
nicht plärrhälsisch herausgeprotzt: Wie ich Plattensammlung!
Wie ich saufe! Wie ich vögle! Wen ich alles kenne! Ich, ich,
ich! Es ist eingebettet in Land und Leute, und gekotzt wird gern
in der guten Luft. Horak trinkt viel in der Sportgaststätte
am Rande des Sportplatzes des schwächelnden Erstligaclubs
Langenburg. Dort kellnert seine Liebste, und während er sie
einmal ein paar Tage vertritt, mauselt sie in der Nachbarstadt
mit einem unterbelichteten Spiegelbrillenträger herum. Verlust
der Liebsten, Erinnerung an frühe Verwundungen, an die Zeit
der Rebellion, die für ihn, den Exmaoisten, recht eigentlich
nimmer abgeschlossen ist. Und während er sich mit dem Schicksal
des Fußballvereins verbindet, versucht der alte Kummerwirt,
ihn zum Geschäftsführer eines zu errichtenden Würstchenstandes
zu machen, der während der Halbzeit die Zuschauer sättigen
und den auf unklarer Rechtsgrundlage betriebenen Stand und den
ihn abkassierenden Exspieler Olkan niederkonkurrieren soll. Der
alte Kummerwirt ist eine glänzend gelungene Figur. Allein
wegen ihm rentierte sich das Buch. Wie er monologisiert, sich
und andern die Weltwirtschaft einschließlich der Globalisierung
erklärt, wie er erpreßt und barmt und bettelt, raunzt
und alle Register zieht. Horak wird Niederlage auf Niederlage
einstecken müssen. Aber er wird immer wieder aufstehen. Und
wenn auch der Stand nie verwirklicht wird, weil der Sohn vom Kummerwirt
eine intrigante Sau ist und mit dem zwielichtigen Vereinsvorsitzenden
hinter Olkan steht, der am Ende gar die Wirtschaft übernimmt,
da hilft dann Horak die Musik: Seine "Mantras" summt
und brummelt und redet er dann daher: "No more working for
the rich man...", "If you don't wanna fuck me baby,
baby fuck off...", "Buzz buzz buzz goes the honeybee..."
Und leuchtet da nicht schon wieder ein bescheidenes Exmaoistengelegenheitsbuchhändlerteilzeitsozialarbeiterglück
aus Horaks Bettwäsche? Die so fesche wie patente Zweitkellnerin
Elfi gar? Tut es. Ein erdverbundenes Buch mit einer erdigen Sprache,
mit erdreichem Humor und erdnahem Personal. Mantra, Mantra.
Man traut sich ja in der zerpixelten multimedialen Welt globaler Zeitvernichtungsexzesse schon kaum noch ein Buch mit Handlung. Deshalb schnell zu Thomas Meineckes Tomboy. Meinecke ist Member of FSK (Freiwillige Selbstkontrolle). Eine singuläre Gruppe innert der neuen deutschen Bewegungen der Achtziger, die zunehmend bayerisch-amerikanische Musikelemente in ihr Gitarrengeschrummel hineinnahm und mit schwernaiven, rätselnaiven Texten die Hörer abschreckte. Ich hatte alle ihre Platten, bis ich neulich... Tomboy ist alles andre als naiv. Auch in ihm gibt es weder Handlung noch recht eigentlich Menschen. Die Damen und Halbdamen des Buches, die sich von "rrriot girls", Ladypunks der amerikanischen Ostwestküste, aufhelfen lassen, sind in Wirklichkeit in und um Heidelberg herumfegende Zettelkästen. Und die Zettelkästen sind gefüllt mit den Früchten verschärften feministischen Diskutierens. Mit Exzerpten aus Arbeiten von Judith Butler (Gender Trouble), vom bösen Weininger, der Anfang des Jahrhunderts mit dem Buch Geschlecht und Charakter Skandal machte, und dem offenbar auch beliebte Vorläufer des "Anderen Deutschland" so allerlei abgewinnen konnten. Lacan, natürlich. Auch die olle Valerie Solanas und ihr Manifest zur Vernichtung der Männer tauchen wieder auf. Immerzu ziehen sich die Mädels und Halbmädels aus einem Bücherstapel ganz zufällig ein Zitat, das von einem andern, aus einem anderen Stapel von anderer Hand gezogen, ebenso flott beantwortet wird. Nein, nicht beantwortet, das führte zu weit: ergänzt, konterkariert, verglichen. Da Zettelkästen nicht selbst denken können, lassen die Mädels eben denken, die durchgängige deutsche philosophische Schule, und am Ende, wenn alles aus dem Hut gezerrt und gezaubert ist, dann sagt, sich zurücklehnend, die Heldin Vivian, der "army brat", deutsche Mutter, Vater GI aus den Barracks: Vermerk machen, Frage nicht vergessen, darüber müßt' ich einmal nachdenken - und verläßt uns samt Kapitel. Ist ja auch schwer: Freundin Frauke Stöver, die über die Vorhaut Jesu promoviert und unter anderem vor dem Problem steht, ob die mit auferstanden ist oder nicht, heiratet Angela, die Pizzabäckerin aus Handschuhsheim, die eigentlich Angelo ist. Wer ist nun Frau Stöver, die eigentlich Angelo ist, wenn sie in einer Mannheimer Schwulendisko als Ledermacker auftritt? Und was, wenn man ihren Penis weiblich benennte?
Ach, ich hatte keine Ahnung, daß es das alles noch gibt! Es ist unglaublich. So was wird wirklich studiert. Ich meine, das ewige Kriechen der Feministinnen um den Phallus, bei gleichzeitigem Schnippelwunsch im Angesicht eines realexistierenden Penis', war ja schon immer unübertroffen. Aber jetzt, 1998, immer noch? Nun gut. Man zitiert hin und her, schneidet aus und faxt, macht sich schön und befragt den Spiegel. Gern gelitten sind zarte männliche Feministen, die beim Herumschleimen weder an jüdischen Selbsthaß noch an rassistische Segregation erinnern. Ziemlich am Ende, als sich die Freundin Korinna von einem dealenden vollprolo Odenwaldstenz in Mudau hat vollvögeln lassen und jetzt schwanger im Grünen sitzt - ach, wie sollte so ein feministischer Zettelkasten anders enden, als unter dem schweren Hodenprofil eines primitiven semivergewaltigenden Vollrohrsaftständers, jedem anderen würde er ja die Latte im Handumdrehen weglabern -, schnallt die sich einen Dildo um und penetriert die Heldin. Ganz am Rande, heimlich fast, als die Mädels in der schärfsten Kluft mal wieder losstechen, um sich über die Schwanzträger aufregen zu können, erfahren wir, daß der Dildo von Frauke geliehen war. Wer also penetrierte Vivian? frage ich mich jetzt spontan auch schon. Und was bedeutet das im Kontext der Sein-Haben-Scheinen-Problematik?
Meinecke gelingt, was selten gelingt: Er verbindet
die Theoriestückchen und Debattenfetzen mit der Nichthandlung
so, daß es kaum knirscht, fast nie papieren wirkt. Indes
wird es im Lauf der Zeit einfach zuviel, zumal ja auch die Erkenntnisprobleme
für Frauen in einer männlich gestalteten, gesehenen,
gesprochenen Welt - so sehr sie mäandern mögen -, schnell
begriffen sind. Was bedeutet zum Beispiel "Frau"? Da
geht es ja schon los. Zumal zumal in den Spielchen mit den, nach
wissenschaftlichen Untersuchungen diverser Illustrierten, sich
heutzutage verflüchtigenden und verflüssigenden Geschlechtergrenzen
schon immer von der Voraussetzung, so sei es, ausgegangen wird.
Bei allen menstruierenden Heiligen! - Die harte Welt bleibt draußen
vorm Feministinnennest, nicht anders wie bei dem Ravedeppen. Meinecke
indes verfügt über ausreichend kombinatorische, nichtverbalisierte
Ironie, um das Ganze erträglich zu gestalten. Nirgendwo schreit
er Ichichich!, wie seine Münchner Kumpels. Sondern er zwinkert:
hört's, schaugt's, hört's. Aber nochmal: gibt es das,
gibt es das wirklich immer noch?
Man gestatte mir ein abschließendes Aufatmen mit Silvia Szymanski. Ihr Roman heißt Chemische Reinigung und führt uns in die Achtziger und den westlichsten Westen Deutschlands. In die Aachener Gegend. Da singt die Romansilvia und schreibt Texte für die nojanichtrichtige Wave-Band "Schweine" (während die Romanschreibsilvia dasselbe in der weiblichen Rockband "The Me-Janes" tut) und hat eine Menge Trouble mit den Jungs. Mit denen in der Band, weil sie nicht singen kann, was sie selbst weiß - aber was bedeutete das schon für eine achtziger Wave-Band? -, und weil die nie zufrieden sind und auch mal was ohne Mädchen machen wollen. Und weil sie - so glaubt man zwischen den Zeilen zu lesen - auch ein ziemlich rechthaberisches Aas ist und mit den Gefühlen der Jungs ganz schön schlittenfährt. Und mit denen der anderen, in den Kneipen, die plötzlich dasteh'n mit einem Bier in der Hand an der Wand und so einsam aussehen. Da kriegt die Silvia einen ganz hinüberfließenden Blick, wie ihr Freund verstimmt anmerkt, und wird so schwachundweich. Aber so weich, daß sie nicht gelegentlich zufassen könnte, auch wieder nicht. Sie jobbt in der Chemischen Reinigung und kriegt dort den Puls der Zeit aufs Ohr gedrückt, und später geht sie in die Landwirtschaft, glaub' ich. Viel geschieht nicht. Man streunt herum, trinkt, schaut, sehnt sich und sucht. Die Band bekommt, niemand weiß warum, einen Plattenvertrag. Halt die Achtziger. Silvia aber läßt bei allem Ärger die Burschen Burschen sein. Läßt sie trinken und von Fußball reden und sich aufführen und ist ein bisserl melancholisch, weil sie schon verstanden hat, daß man die Differenz aushalten muß, weil es sonst kein Glück nicht geben wird, ja, daß es gar in der Differenz liegt. "Man müßte sich unheimlich anstrengen, um für einen Jungen das zu sein, was Bier für ihn ist. Mir ist nicht nach solchen Anstrengungen." Braucht's ja auch nicht, Bier gibt's schon für alle. Aber Silvia? Und sie fürchtet die Gefahren allzu großen Begehrens: "Es ist ein schmaler Grat zwischen Zuneigung und Zumutung."
Silvia ist eine ausnehmend sympathische Erscheinung.
Man möchte sie küssen. Sie läßt sich von
Eno durchrieseln, fant gerade Robert Fripp an - keine schlechte
Wahl -, verkleidet sich als Mink de Ville, was natürlich
keiner von den Aachener Holzköpfen merkt und zu schätzen
weiß, und mäkelt bei geschwächtem Selbstbewußtsein
an ihrer Schreibe herum: "Ja, man merkt's doch immer wieder:
ich bin keine gute Schriftstellerin. Ich hab' zu wenig Lust, mir
richtig Mühe zu geben (und herauszufinden, daß es dann
immer noch nicht reicht). Ich schreibe wirklich fast wie ein Teenie.
Nicht mal wie vom Gymnasium." Ja, Gott sei Dank, Silvia!
Und genau da, wo es sein muß. So teeniefrisch und teenieverwackelt
und teenieklug. Schau dir daneben mal den Rave-Deppen an:
War am Gymnasium, hat Geschichte studiert und Medizin und Theaterstücke
geschrieben und jetzt? - Feldbusch. Laß dich bloß
nicht beeindrucken.
Andreas Neumeister, Gut Laut. Roman, Frankfurt/M.
(Suhrkamp Verlag) 1998 (180 S., 28.00 DM)
Rainald Goetz, Rave. Erzählung, Frankfurt (Suhrkamp Verlag)
1998 (270 S., 38,00 DM)
Wolfgang Bortlik, Wurst & Spiele. Roman. Hamburg (Edition
Nautilus) 1998 (220 S., 28,00 DM)
Thomas Meinecke, Tomboy. Roman. Frankfurt (Suhrkamp Verlag) 1998
(251 S., 36,00 DM)
Silvia Szymanski, Chemische Reinigung. Roman, Leipzig (Reclam
Verlag) 1998 (153 S., 16,00 DM)