Musik als Turnschuh

Mit Sang und Klang durchs Weh und Ach

Wilhelm Pauli

Nun hatte sein Leben mindestens einen
Sinn. Rockmusik als Selbstfindung, als
historische Struktur, als Trost in
trostloser Kunstsinnigkeit, als
jakobinische Himmelsleiter, als kleines,
von imperialistischen Kulturrömern
umgebenes gallisches Dorf bedeutete
Horak fast alles.
(Bortlik, Wurst & Spiele)

Bedeutete ihm! Fast! Aber das ist eben auch Horak - wir lernen ihn noch kennen -, ein wurst- und durstvoll lebender Mensch mit all seinen Lastern, aber wahrlich auch liebenswerten Seiten. Ein Mensch wie du und du. Indes bekommen wir aus dem Inneren des gallischen Musikdörfchens, der gallischen Musikdörfchen korrekterweise, denn auf saubere Segregation müssen wir schon achten beim Selbstfindungsprozeß, zunehmend Melodien aufgespielt, die uns zeigen, daß den Bewohnern ihre Musik nicht irgend etwas "bedeutet", sondern daß sie mit ihren identitätsstiftenden Klängen und Krächen und der dazugehörigen Kirche in eins fallen, geradezu verwachsen, und zwar in jener gänzlich unmusischen, eher manischen oder süchtigen Verkehrsform, in der beispielsweise der Briefmarkenfreund sein Album verwaltet, nach den Gesichtspunkten: Ist selten, hat alle Zähne, Erstausgabe. Hab ich's vollständig? Wann ist Börse? Hatte der Sohn vom Schwager des Kreisvorstandes nicht noch die 30-Pf.-Kanzler-mit-Pfeife? -, daß also die Angebetete hinterm Altardienst fast verschwindet. Die Musikfreunde werden zu Sklaven ihrer realen und virtuellen Plattensammlungen. Die Tonträgersammlungen repräsentieren ihre Besitzer. Im gallischen Dörfchen kommt durch die kalte Küche die Repräsentationskultur wieder hereingeschleimt. Jeder sich in Dissidenz zum Kulturrömer konstituierende Musikfreund ist und hat sein eigenes Bayreuth, in dem allerdings, je nach Zeitläuften, Übereinkünften in der Dorfpresse, Angriffs-, Verteidigungs- und Ausweichbewegungen, der Dirigent wechselt und immer schneller wechseln muß. Denn kaum ist ein bisserl Glanz in der Dissidentenhütte, schon kreisen drüber die Geier der umlagernden Kulturrömer auf der Suche nach Verwertbarem. Oh, Sinnenstrudel, oh, Hamsterrad!

Andreas Neumeister debütierte vor zehn Jahren mit Äpfel vom Baum im Kies, ein schönes Stück avancierter, moderner Heimaterforschung um den Würmsee herum. Mit Salz im Blut, 1990, versuchte er sich dann in München, das ging noch, aber er stand schon mit einem Bein in der Ich- oder Beliebigkeitsfalle, nicht mehr so recht in der Lage zu überblicken, was nun aus seinem Studentenleben so überaus mitteilenswert sein solle und was lieber im Familienalbum verbliebe. Dann ging's bergab. Und jetzt tut er, was man immer macht, wenn einem nichts einfällt, er kramt in seinen Devotionalien- und Schundschränkchen herum. Auf den Buchdeckeln heißt es dann: Er macht Inventur. Ja, er ist eine große Plattensammlung. Und er kennt Leute, die auch prima Plattensammlungen sind. Nicht, daß wir über die Leute etwas erfahren oder die Musik. Dazu ist Inventur auch nicht da. Es wird aufgesagt, von Amon Düül bis Alphex Twin. Und da fällt ihm dann, weil er in München ist, der eine oder andere Bemerkungsbrösel zur Olympiade, zu Uschi Obermeier und immer wieder zu Giorgio Moroder und Donna Summer herunter, was auch zeigt, wohin die ständigen Ausweichbewegungen zwangsläufig führen, wenn der Kulturrömer unersättlich und ausdauernd am privaten Bayreuth knabbert. Nicht wenige sind ja schon beim kurzfristig unbesetzten deutschen Schlager der 60er Jahre angekommen. Die menschliche Füllmenge zwischen den Inventurregalen besteht aus ein paar Vornamen, die, soviel ist klar, zur Dorfbevölkerung gehören. So unter sich, Ansammlungen unter Ansammlungen, gehetzt durch immer neue Allerheiligste, ist's, die Umschlaggeschwindigkeiten an den Dirigentenpulten, die Reinrausspiele der Indiecharts mit Geschwindigkeit und Rhythmus des zähen Lebens außerhalb verwechselnd, kein Wunder, daß Neumeister nun allen Ernstes dem Jahr 2000 entgegenhofft. An der "Abschaffung des 20. Jahrhunderts arbeitet", nach all den "beschissenen Jahrzehnten". Welch blöde Idee: Die beschissenen Jahrzehnte werden eingeschrieben bleiben. Abschaffbar wäre einzig die Zukunft. Durch Wort- und Sinnfamilien mich lesend, Latten fettgedruckter Abkürzungen: "YMO für Yellow Magic Orchestra; YMG für Young Marble Giants...", durch Suchmeldungen, alles fett, als sei hier literarisch-poetischer Sonderraum geschaffen für Inventurpausen, dann durch repetitiv verdichtete Nullaussagen zu Wichtigtuerei aussstrahlenden Nichtigkeitskernen, hätte mir "Gut laut" glatt zum Anlaß werden können, meine famose Plattensammlung dem nächstbesten Höker zu verscherbeln, hätte ich mich ihrer vor Monaten nicht schon entledigt. "Was ist aus Jean Knight eigentlich geworden?/was ist aus Shirley Brown eigentlich geworden?/was ist aus Melba Moore eigentlich geworden?/was ist aus Patrice Rushen eigentlich geworden?/was ist aus Stephanie Mills eigentlich geworden?" Kleiner Ausschnitt aus den fetten Was-ist-aus-denen-geworden-Fragen. Und, frage ich hinzu, was ist aus Andreas Neumeister geworden? Vielleicht hat die ADAC-Motorwelt ja recht. Neumeister zitiert sie selbst: "Der Text eines Musikstücks wird nämlich von der linken Gehirnhälfte aufgenommen, die Melodie von der rechten. Und mit der dritten Hälfte fährt man dann Auto - das kann nicht klappen." Dies gilt natürlich nicht nur für das Bewegen eines Automobils.

Ganz schlimm sieht's diesbezüglich mit Rainald Goetz aus. Zwischen Tanzboden und Plattenteller ist er sprachlich unterdessen bei Verona Feldbusch angekommen. So super ist alles: "An der Bar: alle. Mehr oder weniger alle. Olaf, Anki, Martina, Helli, Sassy, Tommy, Susi, Daniela, Nilly, Virginia, Caro, Kathi, Sascha, Wirna, Silvie, Änni, Dominik, Claudia, Daniel, Sue. Bitte Bier. Danke. Hallo Bob, Kathrin, Cambis, Keiwan, Robert, Pata, Kerstin, Daniel, Thomas, Susi von den Stämmen und die kleine Susi und Fabienne und Natalie und Alex und Felix. Ich geh mal tanzen. Hallo Moritz! Rebecca! Wieder an der Bar: bitte mehr Bier. Hallo Alex, Sarah, Jerome, Alia, Jenny, Katja, Steffen, Michel, Hartwig. Hallo David, Dorle, Upstart, Monika, Lester, Barbara, Aroma, und Roy steht da plötzlich da. Hallo Roy! - Hallo Rainald! - Hallo Hille! Du auch hier?! - Ja, wieso nicht? Ausnahmsweise mal. Bea und Clé sind auch da, da drüben. Echt? Ist ja toll. Mit manchen winkt und lacht man sich gegenseitig zu, mit manchen sagt man sich nur so hallo und mit vielen redet man kurz. Geil." Seine Hymne auf die drogengestützte Rundumverblödung - Rave - führt uns nun weniger von Plattenstapel zu Kassettengourmet, sondern von Rave zu Rave, von der Toilette zur Love-Parade und zurück, und wieder durchschusseln wildfremde Menschen, das heißt: ihre Namen, - nein, wir gönnen ihm alle die Bekanntschaften von Herzen, nur was sollen wir damit anfangen? - die hochaufjauchzenden Seiten. Was wir begreifen ist, daß er sich im wesentlichen im Umfeld des Münchner Musik- und Kunst- und Musikjournalisten-Gschwerls herumdrückt, und aus diesem Dampftopf weht der unangenehme Geruch, der das ganze Buch durchzieht: Die Propaganda dieses sich selbstentzündenden und selbstbefriedigenden Lebens, die ihre Opfer in ein Ratenrennen treibt, in dem auch noch die Mittel, die ihnen ihre Sinnlöcher oder vermurksten Lebensentwürfe wenigstens am Wochenende kompensatorisch zu- und wegrauschen, ständig entwertet werden. Die Propagierung von Lebenshaltungen, die, würden sie massenhaft realisiert, ihre ganze gschwerlhafte Existenz vom Erdball fegten. Aus der rasenden Entwertung der angebotenen Medizin und der Angst, eingeholt und weggeschluckt zu werden, resultiert immer kindischere Aufschäumung. Man könnte es dekadent nennen, verkommen. Jedenfalls ist es zutiefst asozial. Der Rest ist der uralte kleinbürgerliche Klatsch und Tratsch. Wie eh und je bei den Schicken da unten.

Wie angemessen, geschmackssicher und heilend die Musik unser Leben begleiten kann, zeigt uns der Schweizer Wolfgang Bortlik in seinem Roman Wurst & Spiele. Auch Horak, der Held, weit entfernt davon, wie ein Hund an jedem Scheiß zu schnüffeln, nimmt gelegentlich Drogen vom urgesunden Hanf, auch er trinkt, auch er liebt Musik, wenngleich eher eine ins Hippiehafte spielende, eine ältere Sorte. Aber all das ist selbstverständlicher Teil seines Lebens, hineingearbeitet, nicht plärrhälsisch herausgeprotzt: Wie ich Plattensammlung! Wie ich saufe! Wie ich vögle! Wen ich alles kenne! Ich, ich, ich! Es ist eingebettet in Land und Leute, und gekotzt wird gern in der guten Luft. Horak trinkt viel in der Sportgaststätte am Rande des Sportplatzes des schwächelnden Erstligaclubs Langenburg. Dort kellnert seine Liebste, und während er sie einmal ein paar Tage vertritt, mauselt sie in der Nachbarstadt mit einem unterbelichteten Spiegelbrillenträger herum. Verlust der Liebsten, Erinnerung an frühe Verwundungen, an die Zeit der Rebellion, die für ihn, den Exmaoisten, recht eigentlich nimmer abgeschlossen ist. Und während er sich mit dem Schicksal des Fußballvereins verbindet, versucht der alte Kummerwirt, ihn zum Geschäftsführer eines zu errichtenden Würstchenstandes zu machen, der während der Halbzeit die Zuschauer sättigen und den auf unklarer Rechtsgrundlage betriebenen Stand und den ihn abkassierenden Exspieler Olkan niederkonkurrieren soll. Der alte Kummerwirt ist eine glänzend gelungene Figur. Allein wegen ihm rentierte sich das Buch. Wie er monologisiert, sich und andern die Weltwirtschaft einschließlich der Globalisierung erklärt, wie er erpreßt und barmt und bettelt, raunzt und alle Register zieht. Horak wird Niederlage auf Niederlage einstecken müssen. Aber er wird immer wieder aufstehen. Und wenn auch der Stand nie verwirklicht wird, weil der Sohn vom Kummerwirt eine intrigante Sau ist und mit dem zwielichtigen Vereinsvorsitzenden hinter Olkan steht, der am Ende gar die Wirtschaft übernimmt, da hilft dann Horak die Musik: Seine "Mantras" summt und brummelt und redet er dann daher: "No more working for the rich man...", "If you don't wanna fuck me baby, baby fuck off...", "Buzz buzz buzz goes the honeybee..." Und leuchtet da nicht schon wieder ein bescheidenes Exmaoistengelegenheitsbuchhändlerteilzeitsozialarbeiterglück aus Horaks Bettwäsche? Die so fesche wie patente Zweitkellnerin Elfi gar? Tut es. Ein erdverbundenes Buch mit einer erdigen Sprache, mit erdreichem Humor und erdnahem Personal. Mantra, Mantra.

Man traut sich ja in der zerpixelten multimedialen Welt globaler Zeitvernichtungsexzesse schon kaum noch ein Buch mit Handlung. Deshalb schnell zu Thomas Meineckes Tomboy. Meinecke ist Member of FSK (Freiwillige Selbstkontrolle). Eine singuläre Gruppe innert der neuen deutschen Bewegungen der Achtziger, die zunehmend bayerisch-amerikanische Musikelemente in ihr Gitarrengeschrummel hineinnahm und mit schwernaiven, rätselnaiven Texten die Hörer abschreckte. Ich hatte alle ihre Platten, bis ich neulich... Tomboy ist alles andre als naiv. Auch in ihm gibt es weder Handlung noch recht eigentlich Menschen. Die Damen und Halbdamen des Buches, die sich von "rrriot girls", Ladypunks der amerikanischen Ostwestküste, aufhelfen lassen, sind in Wirklichkeit in und um Heidelberg herumfegende Zettelkästen. Und die Zettelkästen sind gefüllt mit den Früchten verschärften feministischen Diskutierens. Mit Exzerpten aus Arbeiten von Judith Butler (Gender Trouble), vom bösen Weininger, der Anfang des Jahrhunderts mit dem Buch Geschlecht und Charakter Skandal machte, und dem offenbar auch beliebte Vorläufer des "Anderen Deutschland" so allerlei abgewinnen konnten. Lacan, natürlich. Auch die olle Valerie Solanas und ihr Manifest zur Vernichtung der Männer tauchen wieder auf. Immerzu ziehen sich die Mädels und Halbmädels aus einem Bücherstapel ganz zufällig ein Zitat, das von einem andern, aus einem anderen Stapel von anderer Hand gezogen, ebenso flott beantwortet wird. Nein, nicht beantwortet, das führte zu weit: ergänzt, konterkariert, verglichen. Da Zettelkästen nicht selbst denken können, lassen die Mädels eben denken, die durchgängige deutsche philosophische Schule, und am Ende, wenn alles aus dem Hut gezerrt und gezaubert ist, dann sagt, sich zurücklehnend, die Heldin Vivian, der "army brat", deutsche Mutter, Vater GI aus den Barracks: Vermerk machen, Frage nicht vergessen, darüber müßt' ich einmal nachdenken - und verläßt uns samt Kapitel. Ist ja auch schwer: Freundin Frauke Stöver, die über die Vorhaut Jesu promoviert und unter anderem vor dem Problem steht, ob die mit auferstanden ist oder nicht, heiratet Angela, die Pizzabäckerin aus Handschuhsheim, die eigentlich Angelo ist. Wer ist nun Frau Stöver, die eigentlich Angelo ist, wenn sie in einer Mannheimer Schwulendisko als Ledermacker auftritt? Und was, wenn man ihren Penis weiblich benennte?

Ach, ich hatte keine Ahnung, daß es das alles noch gibt! Es ist unglaublich. So was wird wirklich studiert. Ich meine, das ewige Kriechen der Feministinnen um den Phallus, bei gleichzeitigem Schnippelwunsch im Angesicht eines realexistierenden Penis', war ja schon immer unübertroffen. Aber jetzt, 1998, immer noch? Nun gut. Man zitiert hin und her, schneidet aus und faxt, macht sich schön und befragt den Spiegel. Gern gelitten sind zarte männliche Feministen, die beim Herumschleimen weder an jüdischen Selbsthaß noch an rassistische Segregation erinnern. Ziemlich am Ende, als sich die Freundin Korinna von einem dealenden vollprolo Odenwaldstenz in Mudau hat vollvögeln lassen und jetzt schwanger im Grünen sitzt - ach, wie sollte so ein feministischer Zettelkasten anders enden, als unter dem schweren Hodenprofil eines primitiven semivergewaltigenden Vollrohrsaftständers, jedem anderen würde er ja die Latte im Handumdrehen weglabern -, schnallt die sich einen Dildo um und penetriert die Heldin. Ganz am Rande, heimlich fast, als die Mädels in der schärfsten Kluft mal wieder losstechen, um sich über die Schwanzträger aufregen zu können, erfahren wir, daß der Dildo von Frauke geliehen war. Wer also penetrierte Vivian? frage ich mich jetzt spontan auch schon. Und was bedeutet das im Kontext der Sein-Haben-Scheinen-Problematik?

Meinecke gelingt, was selten gelingt: Er verbindet die Theoriestückchen und Debattenfetzen mit der Nichthandlung so, daß es kaum knirscht, fast nie papieren wirkt. Indes wird es im Lauf der Zeit einfach zuviel, zumal ja auch die Erkenntnisprobleme für Frauen in einer männlich gestalteten, gesehenen, gesprochenen Welt - so sehr sie mäandern mögen -, schnell begriffen sind. Was bedeutet zum Beispiel "Frau"? Da geht es ja schon los. Zumal zumal in den Spielchen mit den, nach wissenschaftlichen Untersuchungen diverser Illustrierten, sich heutzutage verflüchtigenden und verflüssigenden Geschlechtergrenzen schon immer von der Voraussetzung, so sei es, ausgegangen wird. Bei allen menstruierenden Heiligen! - Die harte Welt bleibt draußen vorm Feministinnennest, nicht anders wie bei dem Ravedeppen. Meinecke indes verfügt über ausreichend kombinatorische, nichtverbalisierte Ironie, um das Ganze erträglich zu gestalten. Nirgendwo schreit er Ichichich!, wie seine Münchner Kumpels. Sondern er zwinkert: hört's, schaugt's, hört's. Aber nochmal: gibt es das, gibt es das wirklich immer noch?

Man gestatte mir ein abschließendes Aufatmen mit Silvia Szymanski. Ihr Roman heißt Chemische Reinigung und führt uns in die Achtziger und den westlichsten Westen Deutschlands. In die Aachener Gegend. Da singt die Romansilvia und schreibt Texte für die nojanichtrichtige Wave-Band "Schweine" (während die Romanschreibsilvia dasselbe in der weiblichen Rockband "The Me-Janes" tut) und hat eine Menge Trouble mit den Jungs. Mit denen in der Band, weil sie nicht singen kann, was sie selbst weiß - aber was bedeutete das schon für eine achtziger Wave-Band? -, und weil die nie zufrieden sind und auch mal was ohne Mädchen machen wollen. Und weil sie - so glaubt man zwischen den Zeilen zu lesen - auch ein ziemlich rechthaberisches Aas ist und mit den Gefühlen der Jungs ganz schön schlittenfährt. Und mit denen der anderen, in den Kneipen, die plötzlich dasteh'n mit einem Bier in der Hand an der Wand und so einsam aussehen. Da kriegt die Silvia einen ganz hinüberfließenden Blick, wie ihr Freund verstimmt anmerkt, und wird so schwachundweich. Aber so weich, daß sie nicht gelegentlich zufassen könnte, auch wieder nicht. Sie jobbt in der Chemischen Reinigung und kriegt dort den Puls der Zeit aufs Ohr gedrückt, und später geht sie in die Landwirtschaft, glaub' ich. Viel geschieht nicht. Man streunt herum, trinkt, schaut, sehnt sich und sucht. Die Band bekommt, niemand weiß warum, einen Plattenvertrag. Halt die Achtziger. Silvia aber läßt bei allem Ärger die Burschen Burschen sein. Läßt sie trinken und von Fußball reden und sich aufführen und ist ein bisserl melancholisch, weil sie schon verstanden hat, daß man die Differenz aushalten muß, weil es sonst kein Glück nicht geben wird, ja, daß es gar in der Differenz liegt. "Man müßte sich unheimlich anstrengen, um für einen Jungen das zu sein, was Bier für ihn ist. Mir ist nicht nach solchen Anstrengungen." Braucht's ja auch nicht, Bier gibt's schon für alle. Aber Silvia? Und sie fürchtet die Gefahren allzu großen Begehrens: "Es ist ein schmaler Grat zwischen Zuneigung und Zumutung."

Silvia ist eine ausnehmend sympathische Erscheinung. Man möchte sie küssen. Sie läßt sich von Eno durchrieseln, fant gerade Robert Fripp an - keine schlechte Wahl -, verkleidet sich als Mink de Ville, was natürlich keiner von den Aachener Holzköpfen merkt und zu schätzen weiß, und mäkelt bei geschwächtem Selbstbewußtsein an ihrer Schreibe herum: "Ja, man merkt's doch immer wieder: ich bin keine gute Schriftstellerin. Ich hab' zu wenig Lust, mir richtig Mühe zu geben (und herauszufinden, daß es dann immer noch nicht reicht). Ich schreibe wirklich fast wie ein Teenie. Nicht mal wie vom Gymnasium." Ja, Gott sei Dank, Silvia! Und genau da, wo es sein muß. So teeniefrisch und teenieverwackelt und teenieklug. Schau dir daneben mal den Rave-Deppen an: War am Gymnasium, hat Geschichte studiert und Medizin und Theaterstücke geschrieben und jetzt? - Feldbusch. Laß dich bloß nicht beeindrucken.

Andreas Neumeister, Gut Laut. Roman, Frankfurt/M. (Suhrkamp Verlag) 1998 (180 S., 28.00 DM)
Rainald Goetz, Rave. Erzählung, Frankfurt (Suhrkamp Verlag) 1998 (270 S., 38,00 DM)
Wolfgang Bortlik, Wurst & Spiele. Roman. Hamburg (Edition Nautilus) 1998 (220 S., 28,00 DM)
Thomas Meinecke, Tomboy. Roman. Frankfurt (Suhrkamp Verlag) 1998 (251 S., 36,00 DM)
Silvia Szymanski, Chemische Reinigung. Roman, Leipzig (Reclam Verlag) 1998 (153 S., 16,00 DM)