Kommentar aus Bonn

Wählt Gung!

Andrea Fischer

Was wird bleiben von diesem Wahlkampf? Der Leipziger SPD-Parteitag, auf dem die schick amerikanisierten SPD-Manager den Anfängerfehler machten, die Regieanweisungen nicht gut zu hüten. Ein designierter Wirtschaftsminister mit Sprechverbot, der wie ein Phantom durch den Wahlkampfsommer geisterte. Regierungsparteien, die wie ihre eigene Opposition in jeder Veranstaltung versprachen, nach der Wahl werde kräftig in die Hände gespuckt, und dann alles wieder gut. Ein Kanzler, der es unter Realitätsverleugnung unbedingt noch einmal wissen wollte und dabei am meisten von den eigenen Leuten gehindert wurde. Um den Preis für das schönste Wahlkampf-Event aber rangeln die Jugendministerin und die Bündnisgrünen. Die "Fünf Mark" werden zweifellos in die ewigen Wahlkampfklassiker eingehen. Und Frau Nolte, die Halo Saibold der CDU, konnte gleich zweifach mit dem Versuch punkten, die Wahlchancen ihrer Partei deutlich zu schwächen.

Die satirischen Höhepunkte setzten die Profis: Christoph Schlingensieffs Chance 2000, Wigald Boning sowie die Kampagne des Lindenstraßen-Teams "Wählt Gung (,Konfusius sagt`)!"

Und was passierte noch? Abend für Abend luden Vereine, Kirchen, Gewerkschaften, Handwerkerverbände die KandidatInnen zur Diskussion ein. Oft rührend bemüht, in der Gesprächsführung um jeden Preis Fairneß zu bewahren, wurde jeder Streit mit dem beschwörenden "Wir wollen doch hier keinen Wahlkampf machen!" im Keim erstickt. Und all die vielen Abgeordneten und die, die es werden wollen, gingen brav hin, zeigten ihre Volksverdrossenheit auch nicht angesichts leerer Säle. Immerhin saß diesmal das Volk am längeren Hebel. Im Wahlkreis bildeten sich Lebensgemeinschaften auf Zeit, jede Kandidatin und jeder Kandidat konnte schließlich die Argumente der GegnerInnen schon selber singen.

Von Termin zu Termin hetzten die Abgeordneten, als gelte es, jede Wählerstimme in der konzentrierten Einzelfallbehandlung zu gewinnen. Nur nicht daran denken, daß dies das denkbar uneffizienteste Verfahren ist, Stimmen zu gewinnen. Und schon gar nicht daran denken, daß die Willensbildung im Zweifelsfall eher über die tägliche Tageslosung in den CDU-Anzeigen der Bild-Zeitung stattfindet und über den abendlichen Talkshow-Marathon der Häuptlinge der Parteien. Die Sinnlosigkeit des eigenen Tuns würde damit zu offenkundig. Es sei denn, der eigentliche Sinn liegt darin, daß die Wahlkämpfenden sich wichtig fühlen können - und sei es nur für die kurze Wahlkampfzeit.

Und doch führt der Wahlkampf zu einer sonst seltenen intensiven Begegnung zwischen Politikern und ihren WählerInnen. Gerade auf den kleinen Veranstaltungen, in denen Diskussion möglich ist, ist etwas zu lernen über die Stimmung im Lande nach sechzehn Jahren Kohl. Der allgegenwärtige Sozialneid - jeder kennt jemanden, der kriegt etwas, das er nicht kriegen soll, aber er selber kriegt zuwenig. Die tiefe Ratlosigkeit und Verunsicherung über die Zukunft. Die Sehnsucht nach einfachen Lösungen. Das Mißtrauen gegenüber der Politik ganz grundsätzlich, das merkwürdigerweise mit einer dennoch gewaltigen Erwartungshaltung korreliert. Manche Versammlungen bekamen geradezu kathartische Züge, endlich können Menschen ihr Elend und ihre Verzweiflung öffentlich kundtun, ihren Zorn loswerden. Selbst wenn das den Charakter einer Erweckungsversammlung annimmt - immerhin redet da noch einer und gibt nicht auf. Immerhin sucht da noch einer die Auseinandersetzung und wendet sich nicht den Scharlatanen zu, die die öffentliche Darstellung scheuen wie der Teufel das Weihwasser.

Sachsen-Anhalt in den Knochen, haben insbesondere die beiden großen Parteien die Einwanderung zum Thema gemacht. In der irrigen Annahme, man könne die Rechten besiegen, indem man ihnen recht gibt, haben sich Kanther und Schily in starken Worten zu überbieten gesucht. Im ganzen Wahlkampf trat das Wort Ausländer in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Wort kriminell auf. Und das Schlimmste: Wenn am Ende die drei rechten Parteien zwar zusammen auf neun Prozent kommen, wegen ihrer Zersplitterung aber nicht ins Parlament einziehen, werden sie sich auf die Schultern klopfen, daß sie den Rechtsextremismus erfolgreich draußen gehalten haben. Aber um welchen Preis? Wenn denn der Wahlkampf die hohe Zeit des Kontakts zwischen Politkern und Wahlvolk ist, was hat es dann für Folgen, wenn den Rechten nicht entschieden entgegengetreten wird? Wenn sich all die West-Politiker nicht trauen, im Osten die dramatische Entwicklung des Rechtsradikalismus, die Ausbreitung der "national befreiten Zonen", die Dominanz der Schläger unter den Jugendlichen offen anzusprechen? Aus Angst davor, als arroganter Westler zu gelten, wird das wichtigste Thema lieber verschwiegen als offensiv angegangen. Mit den Verwüstungen, die mit der verständnisinnigen Übernahme der rechten Propaganda gegen Ausländer angerichtet wurden, werden wir noch lange leben müssen. Was heißt wir? Vor allem diejenigen, die anders aussehen, anders leben, werden noch mehr Angst um ihre eigene Unversehrtheit haben müssen.

Und das wird die große Herausforderung in den nächsten Jahren werden: Wieder die Regeln des Zusammenlebens einzufordern: Auch Arbeitslosigkeit ist keine Rechtfertigung, jemand anderem wehzutun. Wer die offene Gesellschaft will, muß dafür kämpfen. Und nicht den Freunden schlichter Lösungen recht geben. Deshalb: Wählt Gung!