Es gibt zwei Situationen im Leben, in denen
man seine Finger von Spekulationsgeschäften lassen sollte:
Wenn man sich's nicht leisten kann und wenn man sich's leisten
kann.
Mark Twain
Oktober. Einer der gefährlichsten Monate für Börsenspekulationen.
Die anderen sind Juli, Januar, April, September, November, Mai,
März, Juni, Dezember, August und Februar.
Mark Twain
Die großen Einbrüche und heftigen Turbulenzen an den Weltbörsen zeugen von unruhigen Zeiten und unsicheren Auspizien. Der scheinbar grenzenlose Optimismus von Anlegern und Auguren der wirtschaftlichen Entwicklung weicht zunehmender Skepsis und hie und da gar düsteren Vorahnungen. Die bangen Fragen, die hierzulande immer wieder gestellt werden, lauten: Werden sich die Aktienkurse und die unter Abwertungsdruck geratenen Währungen stabilisieren und bald wieder erholen oder setzt sich der Abwärtstrend fort? Wie groß sind die zu erwartenden negativen Rückwirkungen der diversen Finanzcrashs auf Wachstum und Beschäftigung in Europa und den USA? Und last but not least, was kann die Politik tun, um den bestehenden Unsicherheiten und Instabilitäten wirksam zu begegnen? Nicht wenige Beobachter sehen im aktuellen Krisenverlauf Parallelen zur Weltwirtschaftskrise 1929-1933. Doch noch überwiegen die beruhigenden und entdramatisierenden Stimmen. Zu Recht?
Ausgelöst wurden die starken Kurseinbrüche
an den Aktienbörsen von der sich zuspitzenden Finanz- und
Staatskrise in Rußland und dem damit einhergehenden dramatischen
Verfall der russischen Währung. Die Heftigkeit der Reaktionen
läßt sich nicht mit der (geringen) weltwirtschaftlichen
Bedeutung Rußlands erklären, sie kann daher nur vor
dem Hintergrund der anhaltenden Deflationsprozesse in den asiatischen
Regionen der Weltwirtschaft nachvollzogen werden. Dort liegt das
Epizentrum der Krise, die den Rest der Welt in ihren Sog zu ziehen
droht. Vorbei sind vorerst die glänzenden Zeiten eines fernöstlichen
Booms, der viele westliche Bewunderer zu blenden vermochte. Die
Wachstums- und Exporterfolge der südostasiatischen "emerging
markets" (aufstrebenden Märkte) wurden zu einem Gutteil
durch spekulatives Kapital aus dem Ausland getragen und angeheizt.
Als dieses Wachstum auf Pump sich abzuschwächen begann und
finanzielle Schieflagen von Banken und Unternehmen bekannt wurden,
schmolz das vielbeschworene Vertrauen der internationalen Anleger
rasch dahin. Diese begannen vor etwa einem Jahr, gegen die betreffenden
Länder oder Währungen zu spekulieren. Da gab es kein
Halten mehr. Der massive Abzug ausländischen Kapitals und
die damit einhergehenden sprunghaften Währungsabwertungen
und -verluste haben in den betroffenen Ländern zu einem dramatischen
Einbruch der Wirtschaftsaktivitäten geführt. Krisenverschärfend
kommt hinzu, daß auch die Wirtschaftsmacht Japan in einer
tiefen Krise steckt und damit als Wachstumsmotor und Stabilitätsanker
in dieser Region ausfällt. Mit einer raschen Überwindung
der Krise in Asien ist nicht zu rechnen. Die bangen Blicke der
Analysten richten sich nun verstärkt auf China. Fällt
die feste Anbindung der chinesischen Währung an den US-Dollar,
ist mit einer neuerlichen Abwertungsrunde in Südostasien
zu rechnen.
Bleibt der Westen (vorerst) auf Wachstumskurs?
Da wir bekanntlich im "Zeitalter der Globalisierung"
leben, wäre ein Übergreifen des asiatischen und russischen
Krisenvirus auf die europäische und US-amerikanische Wirtschaft
zu vermuten. Doch bisher werden in Euroland und den USA nur die
Börsen von Schüttelfrost geplagt. Die Realwirtschaft
scheint stabil und krisenfest. Das verkündet auch der Mainstream
der Konjunkturforscher. Allenfalls mit leichten Eintrübungen
der Gewinnaussichten und einer geringen Abschwächung der
Konjunktur sei zu rechnen. Als einer von wenigen warnt Norbert
Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, davor, die Asienkrise
zu unterschätzen. Nach seiner Einschätzung wird die
deutsche Wirtschaft in diesem Jahr statt des erhofften Wachstums
von 3 bestenfalls gut 2 Prozent erreichen. Auch das Deutsche Institut
für Wirtschaftsforschung (DIW) hat seine Wachstumsprognose
für dieses und nächstes Jahr nach unten revidiert. Für
das DIW ist gar "die Gefahr einer weltweiten Depression nicht
mehr von der Hand zu weisen". Zwar geht nur ein kleinerer
Teil der deutschen Exporte nach Rußland (knapp 2 %) und
in den asiatischen Raum (etwa 11 %), so daß die direkten
Wachstumsverluste aufgrund von Umsatzeinbußen auf diesen
Märkten in der Tat nicht sehr groß ausfallen dürften.
Zugleich werden aber die Exporte aus Japan und insbesondere den
südostasiatischen Schwellenländern infolge der massiven
Währungsabwertungen deutlich zunehmen und so die Konkurrenz
auf Drittmärkten erheblich verschärfen. Damit könnte
der deutsche Handelsbilanzüberschuß 1998 und vor allem
1999 wieder schrumpfen und als Wachstumsmotor ausfallen. Nicht
auszuschließen ist zudem, daß die Turbulenzen auf
den Aktienmärkten zu einem vorsichtigeren, zurückhaltenden
Investitions- und Konsumverhalten führen. Es ist also durchaus
mit einer mehr oder weniger deutlichen Wachstumsdelle zu rechnen,
ein Konjunktureinbruch aber, wie zuletzt 1992/93, ist zumindest
auf kurze Sicht unwahrscheinlich. Dafür spricht, daß
die Konjunktur in Deutschland und den meisten europäischen
Ländern nach wie vor stabil zu sein scheint, auch wenn sich
in jüngster Zeit die Auftragseingänge abgeschwächt
haben und die Geschäftserwartungen weniger optimistisch beurteilt
werden. Die kurz- und langfristigen Zinsen bewegen sich in Europa
auf relativ niedrigem Niveau (obgleich die Realzinsen im historischen
Vergleich nicht gerade als niedrig bezeichnet werden können).
Da zudem Inflationsgefahren kurz- und mittelfristig nicht erkennbar
sind, kann und müßte angesichts eher bestehender Deflationstendenzen
eine Senkung der Leitzinsen in Europa (und den USA) erwartet werden.
Eine der Lehren aus der Weltwirtschaftskrise 1929-33 ist sicherlich,
daß die Lockerung der geld- und zinspolitischen Zügel
(in den USA) zu spät und zu zögerlich erfolgte. Hat
die Konjunktur erst einmal schlappgemacht, ist auch das geldpolitische
Instrumentarium wirkungslos. Eine weitere historische Lehre ist,
die Konsolidierung der Staatshaushalte in den Kontext der wirtschaftlichen
Entwicklung zu stellen. Es sollten also weder Steuern erhöht
noch Ausgaben gesenkt werden. Vielmehr sind zusätzliche,
aber zeitlich begrenzte staatliche Ausgabenprogramme auf den Weg
zu bringen. Entgegen dem neoliberalen Laissez-faire wäre
also eine Renaissance der Wirtschaftpolitik vonnöten. Wenn
diese gar international koordiniert erfolgen würde, kann
damit zumindest kurzfristig ein stimulierender Effekt erzielt
werden. Dies könnte für die nächsten Monate ein
mögliches Szenario sein. Die USA und die EU-Länder bleiben
danach also auf Wachstumskurs und tragen somit zur Beruhigung
der Finanzmärkte und wirtschaftlichen Stabilisierung der
emerging markets bei.
Die Zeichen stehen auf Sturm
Kurzfristig mögen die Einbrüche an den Börsen teilweise wieder wettgemacht werden und die Konjunktur in der EU und den USA kaum Schaden nehmen, doch in einer mittelfristigen Perspektive, also für die Jahre 1999 und 2000, sind die Aussichten alles andere als rosig. Vielmehr muß mit weiteren Erschütterungen der Weltwirtschaft gerechnet werden. Dafür sprechen mehrere Gründe.
Die Krisen in Japan, Südkorea, Südostasien und in Rußland haben bei allen Unterschieden eines gemeinsam: Sie sind struktureller Natur. In den asiatischen Staaten hat der schuldeninduzierte Boom Überkapazitäten erzeugt, die nun ebenso wie der Schuldendienst schwer auf der realen Wirtschaft lasten. Die Krisenbereinigung kann Jahre dauern. Japan schlägt sich schon seit Anfang der 90er Jahre mit den Folgen des Zusammenbruchs ihrer bubble-economy herum. Milliardenschwere Konjunkturprogramme und Steuererleichterungen konnten dort ebensowenig wie ein Leitzinssatz von unter einem Prozent die aktuelle Rezession vermeiden. Für die Krisenbewältigung in den südostasiatischen Ländern wäre fresh money dringend erforderlich, doch die potentiellen Anleger und Kreditgeber lassen nun Vorsicht walten und halten sich mit neuen Investments in diesen Krisenländern zurück. Auch die Not- und Umstrukturierungskredite des IWF werden zukünftig nicht mehr so einfach zu erhalten sein. Das hat zum einen mit der Konditionierung dieser Kredite zu tun. Die marktwirtschaftlichen Reformauflagen des IWF verschärfen eher die Probleme, statt einen Ausweg zu bieten. So wird in den Krisenländern die Einnahme dieser bitteren Medizin mehr und mehr verweigert. Zum anderen gehen dem IWF schlicht die finanziellen Mittel aus. Schlechtem Geld solle man kein gutes hinterherwerfen, so die sich verbreitende Auffassung der maßgeblichen Mitgliedsländer und Finanziers des IWF. Die betroffenen Länder müßten ihre Probleme in erster Linie selbst lösen. Leichter gesagt als getan. Die Mitverantwortung westlicher Investoren und des IWF wird schlicht geleugnet. Hier zeigt sich, daß für ein gemeinsames Vorgehen der G-7-Staaten weder eine Basis vorhanden ist noch ein brauchbares Konzept vorliegt. Allenfalls vermag man sich auf Zinssenkungen zu verständigen, aber dies liegt im Verantwortungsbereich der Zentralbanken und nicht der amerikanischen und europäischen Regierungen. Auf weitergehende Maßnahmen zur Stabilisierung und Regulierung der internationalen Finanzmärkte wird man dagegen kaum hoffen können. Zu tief und zu breit ist das free market-Denken in den Köpfen der politischen Klasse verankert. Und auch der IWF wird, trotz zunehmender Kritik an seinen neoliberalen Strukturprogrammen, kaum von seiner bisher verfolgten Linie abweichen.
Eine politische Einhegung der internationalen Finanzmärkte (etwa durch feste Wechselkurse und Kapitalverkehrskontrollen) wäre allerdings nicht leicht zu bewerkstelligen. Die Akteure auf diesen Märkten, die Banken und institutionellen Anleger, sind zu einer nur schwer zu bändigenden materiellen Macht mutiert, so daß einem politischen Unterfangen zur Zähmung des "spekulativen Raubtierkapitalismus" (Helmut Schmidt) keineswegs Erfolg gewiß sein könnte. Die intendierten Steuerungsziele können von unbeabsichtigten Nebenfolgen durchkreuzt werden. Zu bedenken ist auch, daß die Aufblähung und Verselbständigung der Finanzmärkte mit der Akkumulationsschwäche und den Wachstumsproblemen in der realen Sphäre reifer kapitalistischer Ökonomien zu tun hat. Es wäre daher etwas vordergründig, die krisenverschärfenden Aus- und Rückwirkungen der Finanzmärkte auf Wachstum und Beschäftigung (respektive die neoliberale Politik der Freisetzung der Marktkräfte) zur entscheidenden Krisenursache zu erklären.
Solange der Laden in den westlichen kapitalistischen Metropolen noch einigermaßen läuft, ist es durchaus naheliegend, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen und darauf zu hoffen, daß es sich irgendwie schon richten wird. Doch dies kann sich schnell als Irrweg und Irrglaube erweisen. "Die nächste Krise kommt bestimmt" (Herbert Hax)! Gemeint ist damit, daß der Aufschwung in Europa wie in den USA nun schon sieben bis acht Jahre andauert und der nächste Konjunkturabschwung vermutlich in der zweiten Jahreshälfte 1999, spätestens aber im Jahr 2000 einsetzen wird. Dieser fällt dann zusammen mit den aller Voraussicht nach noch nicht bewältigten gravierenden Problemen in Japan und Südostasien, von Rußland ganz zu schweigen. Da zugleich die Finanzmärkte auf absehbare Zeit in einer labilen und von Unsicherheit geprägten Verfassung verbleiben, also von hier aus immer wieder destabilisierende Effekte ausgehen, werden die sich dann wechselseitig verstärkenden Krisenprozesse eine politisch kaum mehr beherrschbare destruktive Dynamik entfalten. Die auch hierzulande bereits drängenden Probleme, wie Arbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit, Armut, Finanz- und Schuldenkrisen, werden sich unter diesen Bedingungen spürbar zuspitzen. Eine neue Weltwirtschaftskrise wetterleuchtet also am Horizont. Wie tief und heftig diese Krise - falls sie denn eintritt - verlaufen wird, ob sie gar eine weltweite langandauernde Depression einleitet, bleibt nicht unbeeinflußt vom (internationalen) wirtschaftspolitischen Handeln oder Nichthandeln. Die plausible These systemtheoretischer Provenienz, wonach wir in einer zunehmend komplexeren Welt leben, der die politischen Steuerungszentren unvermeidlicherweise abhandengekommen sind, wäre also praktisch zu widerlegen.
PS: Von den Voraussagen, die von Wirtschaftswissenschaftlern
gemacht werden, trifft stets die Hälfte zu. Leider wissen
nicht einmal sie selber im voraus, welche Hälfte das sein
wird.
(Unbekannter Autor)