Japanische Ansichten

Siegfried Knittel

In Japan scheint selbst das Wetter nicht mehr in der alten Ordnung zu sein. Anfang August war offiziell das Ende der Regenzeit verkündet worden. Dann schien endlich der Sommer einzukehren. Aber er war nicht so heiß wie sonst, nachts regnete es sogar bisweilen, und nach einigen Tagen kehrte die Regenzeit mit Heftigkeit zurück. Im Mittelteil der Insel Honshu traten Flüsse über die Ufer und rissen mehrere Menschen mit sich. Andere wurden bei Erdrutschen begraben. Und Ende August tauchte entgegen allen saisonalen Regeln auch noch ein Taifun vor der japanischen Ostküste auf und hätte fast meinen Rückflug nach Deutschland verhindert.

Ansonsten aber ist der Eindruck, den man als Besucher bekommt, ganz wie gewohnt. Morgens und abends die vollen U-Bahnen, Männer und Frauen auf dem Weg ins Büro oder nach Hause. Die Männer im dunklen, immer tipptopp gebügelten Anzug und im weißen, immer gestärkten Hemd, das Jackett wegen der Hitze sorgfältig über den Arm gelegt. Die Frauen oft sehr effekthascherisch herausgeputzt, pure Luxusgeschöpfe, die man sich bei keinerlei Arbeit und vor allem nicht als Hausfrauen und Mütter vorstellen kann - sie selbst sich vielleicht auch nicht. Aber genau das werden sie ein paar Jahre später sein.

Nur die wenig bevölkerten Kaufhäuser und Boutiquen auf der Ginza und in Shinshuku lassen auf die zunehmend verschärfte Wirtschaftskrise des Landes schließen. Die Zahl der Obdachlosen mag zwar gewachsen sein, aber sie tritt nicht so geballt in Erscheinung, seit der Bahnhof in Shinshuku zum Sperrgebiet erklärt worden ist. Die Obdachlosen sind jetzt über die ganze Stadt verteilt, liegen oder sitzen in Parks auf den Bänken oder am Flußufer des Sumidagawa. Die meisten sind nicht ohne weiteres als Obdachlose erkennbar. Was sie alle verbindet, sind die Pappdeckel, auf denen sie sitzen und die ihnen nachts wohl als Schlafunterlage dienen. Als ich eines Tages ebenfalls am Ufer des Flusses saß, fragte mich ein vorübergehender Japaner, woher ich käme und zu welchem Zweck ich nach Japan gekommen sei. Und dann fragte er plötzlich, warum ich denn hier säße. Der mißbilligende Unterton in seiner Frage war dabei nicht zu überhören. Daß ich mich in die Nähe "solcher" Leute setzte, konnte er nicht gutheißen.

Der Handygebrauch in der Öffentlichkeit, vor allem unter jungen Leuten, hat in Japan noch eine ganz andere Dimension als hierzulande, weil der Drang zur Nachahmung noch viel stärker ist als in westlichen Ländern. In jeder U-Bahnstation, auf jedem Straßenplatz sieht man fortwährend junge Leute telefonieren. Vor zwei Jahren waren noch pager, die auf einem Display anzeigten, wen man anrufen sollte, der Renner. Mittlerweile sind Handys trotz der höheren Gebühren fast so normal wie hierzulande ein gewöhnliches Telefon. Manche Japaner haben gar kein kabelgebundenes Telefon mehr, müssen dann aber auch auf ein Faxgerät verzichten, eigentlich Standard in japanischen Privathaushalten. Deutlich wird am Siegeszug des Handys, daß die Kaufzurückhaltung vor allem der jungen Japaner ihre Grenzen hat. Was trendy ist, wird trotz Krise gekauft, denn die Kaufzurückhaltung hat ihren Grund nicht im Geldmangel, sondern in der gestiegenen Sparsamkeit infolge der unsicheren Zukunftsaussichten.

"Den Japanern geht es noch zu gut, sie wollen noch nicht wahrhaben, daß sie Opfer bringen müssen, damit die Wirtschaft wieder effektiver wird." Das sagte mir ein Consultant einer großen Unternehmensberatung, den ich traf. In Deutschland, so führte er weiter aus, habe Daimler-Benz als eine der deutschen industriellen Topadressen eine Vorreiterrolle gespielt und 20.000 Leute entlassen. Danach konnten andere ähnliche Schritte unternehmen. In Japan müsse ebenfalls ein Topunternehmen den Vorreiter spielen, damit die anderen folgen könnten, aber noch traue sich keiner.

Inzwischen hat Hitachi nach der Ankündigung des schlechtesten Ergebnisses der Firmengeschichte die Entlassung von 4.000 Beschäftigten angekündigt, und einige Tage später zog Toshiba nach und erklärte, 6.000 Beschäftigte entlassen zu wollen. Ist dies der Beginn jener Restrukturierungs- und Rationalisierungswelle, die mein Gesprächspartner für notwendig hielt?

Aus allen Bereichen der Wirtschaft nehmen die Firmennachrichten über die mangelnde Profitabilität der japanischen Industrie erschreckend zu. Nicht nur die Banken und die überdimensionierte Bauindustrie sind in der Krise, sondern auch Firmen des traditionell leistungsstarken Produktionssektors. Mitsubishi, das größte Firmenkonglomorat Japans, ist ein schwerfälliger, unprofitabler Riese geworden, seine Motorcompany kann möglicherweise nicht überleben. Nur eine Handvoll Unternehmen wie Toyota und Sony arbeitet wirklich gewinnbringend.

Eine Ahnung von der mangelnden Arbeitsorganisation vornehmlich in den Verwaltungen japanischer Unternehmen vermittelte mir eine Bekannte, die in einem großen Unternehmen der Elektroindustrie die Managementlaufbahn eingeschlagen hat. Sie beklagte sich bei mir, daß sie momentan faktisch nichts zu tun habe, weil ihr Chef auf Auslandsreise sei und niemand ihr Arbeitsanweisungen gebe. Ist er im Büro, erwartet er von ihr, ohne daß er das je gesagt hätte, daß sie morgens vor dem offiziellen Dienstbeginn im Büro ist und abends nochmals zu Überstunden bereit ist, weil auch er morgens früher kommt und abends länger arbeitet. Sie hat Überstunden nicht nur arbeitsbedingt zu leisten, sondern in einer Haltung des Respekts ihrem Chef zur Verfügung zu stehen, ob er sie benötigt oder nicht. Die Einhaltung sozialer Regeln ist für die Organisation der Arbeit fast wichtiger als die Arbeitseffizienz. In der formellen Kleiderordnung, den peinlich steif gebügelten Hemden der salarimen spiegelt sich die Starrheit der betrieblichen Beziehungen wider.

Sie hat ihre Entsprechung in der Unbeweglichkeit von Regierung und Bürokratie. Im Gespräch mit dem Korrespondenten einer deutschen Tageszeitung entwirft dieser zwei Szenarien der weiteren Entwicklung in Japan. Was die Regierung zuerst einmal wolle, sei muddling through. Sie hoffe wieder einmal, daß die Bodenpreise steigen, damit weniger Kredite abgeschrieben werden müssen und so den Banken das Überleben leichter fällt. Mit ein paar Steuersenkungen hoffe man, dann den Kauf langlebiger Konsumgüter beleben zu können und damit den Zustand der Wirtschaft etwas rosiger erscheinen zu lassen. Auf dieser Basis sollen die nächsten Unterhauswahlen gewonnen werden. Gelingt dieser Plan nicht, etwa weil entgegen den Versprechungen der Regierung doch noch eine Bank bankrott geht, so mein Gesprächspartner, trete vermutlich Szenario zwei ein. Dann würden die jungen Abgeordneten der LDP, die um ihre Wiederwahl fürchten, der Regierung ihr Vertrauen entziehen. Vorzeitige Neuwahlen wären dann unausweichlich. Sie brächten dann unter Umständen den bei weitem populärsten Politiker Japans, Kaoto Kan, mit seiner Demokratischen Partei an die Spitze. Aber eben nur vielleicht. Ob die Wähler tatsächlich so viel Mut haben, die LDP auch im Unterhaus abzuwählen, kann man bezweifeln. Aber vielleicht läßt ja eine wirkliche Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation des Landes einen solchen Mut entstehen.

Den Leuten von der Straße in Yanaka, dem Viertel, in dem ich wohne, wenn ich in Tokyo bin, imponiert Kan. Er hat bei der Aufdeckung des HIV-Skandals bewiesen, daß man der Bürokratie Paroli bieten kann. In die LDP hat man kein Vertrauen mehr. Der Besitzer eines Bilderrahmengeschäfts, mit dem ich mich abends im nomiya, der typischen japanischen Kneipe, unterhalte, bekommt leuchtende Augen, wenn er von Kan spricht. Die Partei, die ihm aber am besten gefällt, ist die KPJ. Früher habe er immer die LDP gewählt, jetzt aber sei sie nur noch die Partei des Geldes. Die Kommunisten kümmerten sich hingegen um die Probleme der kleinen Leute, die Renten und die Gesundheitsreform. Für mich ist es verwirrend zu hören, wie jemand, dazu noch ein Gewerbetreibender, von der konservativen LDP zur KP schwenken kann. Aber die LDP war nie eine konservative Partei im westlichen Sinn. Sie hat nie auf dem Boden einer konservativen Programmatik operiert. Und ihren Wählern ist ein Prinzipialismus, wie er für unser Denken auch in politischen Dingen charakteristisch ist, fremd. Andererseits hat auch die KP viel dogmatischen Ballast über Bord geworfen und ist auf dem besten Weg zu einer sozialdemokratischen Partei. Und die Renten- und Gesundheitsreform sind die Themen, die vielen Leuten in Wohnbezirken wie Yanaka auf den Nägeln brennen.

Yanaka ist ein down town-Bezirk. Ein Stadtteil, der ein Sorgenkind der Feuerwehr sein muß, denn etliche der malerischen Holzhäuser stehen so dicht beieinander, daß sie im Falle eines Brandes von Feuerlöschfahrzeugen nur schwer zu erreichen sind. Eine ungeheure Vielzahl verschiedenartiger kleiner Läden und Handwerksbetriebe existiert in dem Quartier. Schreinereien, so winzig und so voller Holz und Hobelspäne, daß man sich darin kaum bewegen kann. Aber die Sorgfalt mit der hier gearbeitet wird, ist bewundernswert. Es gibt kleine Reismühlen, bei denen man den unterschiedlich schmeckenden Reis aus den verschiedenen Regionen Japans erhält - immer frisch geschält, weil er dann am besten schmeckt. Aber mir ist schleierhaft, wie diese Unzahl fern aller Modernisierungstrends existierenden Läden den Gewinn abwerfen können, den ihre Betreiber zum Leben brauchen. Vor allem die Lebensmittelhändler halten ihre Läden oft bis Mitternacht geöffnet und sonntags sowieso. Sie können wohl nur überleben, wenn sie noch dem letzten abendlichen Spätheimkehrer die Möglichkeit zum Obsteinkauf bieten. Aber wahrscheinlich führen die Betreiber, auch wenn sie keinen Feierabend haben, ein geruhsames, wenn auch sehr bescheidenes Leben. Meist wohnen sie hinter oder über dem Laden - sehr beengt und ohne jeglichen Wohnkomfort.

Aber, so meine Vermutung, es ist nicht bloß der ökonomische Zwang, der sie ihre Läden so lange geöffnet halten läßt, ihnen ist vielmehr eine Dienstleistungsmentalität eigen, die wir auch in den südeuropäischen Ländern schätzen, die uns Deutschen aber völlig fremd ist. Geschäftliches und Soziales sind hier sehr viel enger miteinander verwoben als im Westen und besonders in der BRD. Das geht natürlich zu Lasten der ökonomischen Rationalität. Meine in Managementkategorien denkende japanische Bekannte wunderte sich jedenfalls über den Mangel an Effizienz, der hier geschäftliche Normalität ist. Und doch ist dieser Mangel auch in ihrem Betriebsalltag Realität, wenn sie sich zur Anwesenheit in der Firma verpflichtet fühlt, nicht weil die Arbeit dies erfordert, sondern weil ihr Chef dies erwartet. Arbeitszeit, so scheint es, ist in Japan nicht bloß effizient mit Arbeit angefüllt. Sie ist untrennbar mit dem Gefühl der Verpflichtung verbunden - gegenüber dem Kunden, dem Vorgesetzten, dem Chef. Ein allabendlicher Thekennachbar, der als Verkaufsmanager in der Investitionsgüterindustrie arbeitet, erklärte, als er mir seine Visitenkarte gab, der Vorname auf der Karte sei ein Spitzname, den sein Chef ihm gegeben habe. Er sagte dies mit einer Hochachtung und Verehrung für diesen Mann, die hierzulande als Unterwürfigkeit und Ausdruck fehlender Eigenständigkeit angesehen würde.

Es ist diese Verschränkung von Arbeit und Sozialem, die Japan und seine Wirtschaft stark gemacht hat und die sich nun auch als Schwäche des japanischen Systems erweist, weil das Netz von Verpflichtungen und Einordnungen die Suche nach neuen Konzepten in Wirtschaft und Politik so erschwert.

Wer annimmt, im Handykult der Japaner drücke sich deren Aufbruch in die postindustrielle Fun-Gesellschaft aus, täuscht sich. Gewiß, von einer solchen Lebensform träumt insbesondere die junge Generation. Wenn man durch bestimmte Stadtbezirke Tokyos wie Harajuku und Shibuya streift, kann man dort viele von jungen Leuten betriebene Kneipen und Cafés entdecken, die in ihrer Aufmachung den schicken, für ein jugendliches Publikum gemachten Kneipen hiesiger Großstädte sehr ähnlich sind. Aber wahrscheinlich sind die jungen Leute, die hier verkehren, jene Anfangszwanziger in den dunklen Anzügen, denen man morgens in der U-Bahn auf dem Weg ins Büro begegnet. Wenn man mit Studenten diskutiert, wollen sie größtenteils nicht den Weg einschlagen, den all die Jahrgänge vor ihnen beschritten haben und den auch diese schon nicht hatten beschreiten wollen. Aber nach Abschluß eines Studiums ziehen sie dann doch im familiären und insbesondere mütterlichen Auftrag das gestärkte weiße Hemd und den dunkelblauen Anzug an und gehen als salariman in das Großraumbüro eines japanischen Konzerns.

Naoto Kan, der Chef der linksliberalen Minshuto-Partei scheint die Verkörperung eines anderen Selbstverständnisses zu sein. Seine selbstbewußte und offene Art, sich zu geben, läßt ahnen, daß er bereit ist, zu führen und dabei, wenn notwendig, Konflikte auszutragen. Aber Ministerpräsident, wenn auch nur als Gewinner einer parteiinternen Wahl, wurde erst einmal Keizo Obuchi, der Prototyp eines konturlosen, nur auf Konsens bedachten Politikers. Der Japan-Kenner Ian Buruma schrieb in einem Essay für die Süddeutsche Zeitung, daß nur solche Politiker Japan regieren könnten. Entscheidungsfreudige Führerfiguren seien in der japanischen Gesellschaft zum Scheitern verurteilt. Das hieße, daß trotz Kans Beliebtheit der konturlose Obuchis der tieferen Seelenlage der Japaner eher entspricht. Auch ein Helmut Kohl war in Deutschland nicht beliebt und verdankte seine Macht wesentlich der Durchsetzungsfähigkeit innerhalb seiner Partei. Und doch deutet seine sechzehn Jahre dauernde Kanzlerschaft auf eine innere Nähe seiner Mentalität zu der der Wählermehrheit in Deutschland hin.

Der Unterschied zur Situation in Japan ist nur, daß Gerhard Schröder Helmut Kohl sehr viel näher ist als Naoto Kan Keizo Obuchi. Kan als Ministerpräsident, das bedeutete einen größeren Politikwechsel in Japan, als die Wahl Gerhard Schröders zum Bundeskanzler in Deutschland mit sich bringen würde. Ob aber die Japaner dazu den Mut haben werden, steht in den Sternen, jedenfalls so lange, wie nicht noch eine große Bank zusammenbricht.