"Krieg ist kein geschlossener Ablauf,
er ist Wirklichkeit, aber auch eine Geisteshaltung, eine schwindelerregende
Spirale von Ereignissen, der ein langsamer Prozeß der Bewußtwerdung
folgt."1
Sowohl in Bosnien-Herzegowina als auch in Kroatien kommt der Wiederaufbauprozeß nur schleppend voran. Beide Länder haben, nicht zuletzt wegen der von der serbischen Führung initiierten militärischen Eskalation, die 1991-1992 zum endgültigen Auseinanderbrechen des jugoslawischen Vielvölkerstaates führte und erst 1995 mit der Rückeroberung kroatischer Territorien (Westslawonien und Krajina) durch die kroatische Armee und dem auf US-Drängen zustande gekommenen Daytoner Friedensabkommen2 ihren Abschluß fand, mit vielfältigen Problemen zu kämpfen. Dazu gehören die jeweiligen Flüchtlings- und Minderheitenpolitiken.
Ohne Zweifel gibt es zwischen diesen schwierigen Nachbarn beträchtliche (Entwicklungs-)Unterschiede. Das betrifft auch die perspektivische Ebene. Trotz internationaler Kritik darf sich Tudjmans autoritär regiertes Kroatien über kurz oder lang berechtigte Hoffnungen auf die angestrebte Nato- und EU-Mitgliedschaft machen. Aufgrund seiner Wirtschaftsstruktur und nicht zuletzt wegen des wieder florierenden Tourismus verfügt es über ganz andere Ressourcen als das von ethnischen Säuberungen und systematischen Zerstörungen noch stärker in Mitleidenschaft gezogene Bosnien.
Die von zwei "Entitäten", von der serbischen und der bosnisch-kroatischen Republik, getragene Föderation ist der mühsam ausgehandelte Versuch, an die Vision einer multiethnischen Gesellschaft aus der Vorkriegszeit anzuknüpfen, welche sich mit Vorliebe auf die ethnischen Schmelztiegel Sarajewo und bedingt auch Mostar konzentrierte.3
Aktuelle Konflikte zwischen bosnischen Kroaten, Muslimen und Serben, die mit der Deutung des Daytoner Friedensabkommens und mit der daraus abzuleitenden Alltagspraxis zusammenhängen, geben Anlaß zu der Vermutung, daß dieser vom Westen und durch die Kriegsumstände aufgezwungene Wiederbelebungsversuch eher ein fragiles Kunstprodukt als ein stabiles Haus geschaffen hat. Allein die Spannungen zwischen Kroaten und Muslimen, sei es im ethnisch geteilten Mostar oder in der restlichen Herzegowina, stimmen skeptisch und zeigen, daß nicht einmal zwischen den beiden Verbündeten, die sich allerdings 1993/94, ein weiterer Tiefpunkt des Bosnien-Konflikts, blutig bekämpften, ein solider Grundkonsens darüber besteht, wie es am Besten weitergeht.
Unterdessen hat der Aufbau rechtsstaatlicher
und demokratischer Strukturen in Kroatien und Bosnien-Herzegowina
begonnen. Doch eklatante Demokratiedefizite und ein bisweilen
rüder Umgang mit den jeweiligen ethnischen Minderheiten,
denen nach wie vor gleiche Staatsbürgerrechte verweigert
werden, erschweren die nötige Nachkriegsnormalisierung. Als
positive Gegenbeispiele gelten indessen Ostslawonien, das bis
15. Januar 1998 als letzte Enklave auf kroatischem Territorium
unter UN-Verwaltung (UNTAES) stand,4 und das in Nord-Bosnien liegende
Industrie- und Verwaltungszentrum Tuzla. Auf einer Reise durch
die beiden Nachbarregionen ging es denn auch um die Frage, ob
dort ein entsprechendes gesellschaftspolitisches Klima, wodurch
ein nationaler Versöhnungsprozeß begünstigt würde,
konstatiert werden kann.5
Einige Kilometer hinter der ungarisch-kroatischen Grenze deuten zerschossene Gebäude auf erste Spuren des Krieges, der hier vor allem 1991 zwischen Teilen der ehemaligen jugoslawischen Bundesarmee und serbischen Freischärlern auf der einen und kroatischen Polizisten und Milizionären auf der anderen Seite tobte. Verlassene Häuser und Gehöfte, ja ganze verlassene Dörfer säumen den Weg. Nicht umsonst gelten der kroatische Teil der Baranja und Ostslawonien als ökologische Ausnahmefälle: Der Mensch zieht sich weitgehend zurück und überläßt die Natur sich selbst. Das landschaftlich reizvolle, aber strukturschwache Gebiet ist minenverseucht. Wer die Landstraße verläßt, um auf holprigen Wegen etwas Natur zu schnuppern, riskiert sein Leben. Am Rande Osijeks, neben dem zerstörten Vukovar die wichtigste Stadt der Region, starben vor kurzem mehrere Arbeiter bei Aufräumarbeiten. Während der Kampfhandlungen war Osijek von drei Seiten eingeschlossen. Obgleich das Stadtzentrum Normalität verheißt, dokumentieren Einschüsse an vielen Gebäuden, daß hier gekämpft wurde.
Runder Tisch mit politisch interessierten Jugendlichen
aus Stadt und Umgebung. Eine Umfrage an der Uni Osijek (1994/95
rund 7000 Studenten), so wird berichtet, habe ergeben, daß
50 Prozent der befragten Studenten in Kroatien keine Zukunft mehr
sehen. 31 Prozent wollten auswandern. Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit
- Landesdurchschnitt 17,2 Prozent (Juni 1998), davon rund 35 Prozent
der unter 24jährigen - stellt eines der Hauptprobleme dar.
Allerdings kritisieren 37 Prozent der Befragten Behördenwillkür
und Nepotismus, 28 Prozent schließen sich der Aussage an,
Kroatien sei eine intolerante Gesellschaft. In der Diskussion
wird deutlich: Viele hoffen auf einen Politikwechsel, doch werde
- bei den Parlamentswahlen 1999 - die alleinregierende HDZ, Herrscherin
des Machtapparats, ein negatives Ergebnis nicht dulden.
"Vukovar, zum Mahnmal verurteilt", hieß es am 11. Juli im Neuen Deutschland. Politisches Kalkül seitens der kroatischen Behörden, vermuten die Autoren, verhindere den Wiederaufbau der strategisch wichtigen Hafenstadt an der Donau, in der 90 Prozent aller Häuser zerstört und bisher nur wenige wieder aufgebaut worden sind. In der Tat drängt sich der vom Leiter des örtlichen UN-Flüchtlingswerks (UNHCR) geäußerte Verdacht bei einer Stippvisite in Vukovar förmlich auf.
Von Präsident Tudjman zunächst zum Synonym für den kroatischen Befreiungskampf gegen den serbischen Aggressor deklariert, dann im Juni 1997 zum Versöhnungssymbol der beiden Erzfeinde erhoben, darben die 20.000 Einwohner, von denen etwa 90 Prozent Serben sind, vor sich hin. Hier, wo erwiesenermaßen die schrecklichsten Kämpfe und die schlimmsten Massaker des kroatisch-serbischen Krieges stattfanden, unter anderem die Liquidierung von mindestens 200 Ärzten, Patienten und Pflegern des örtlichen Hospitals durch serbische Schergen (November 1991), sind die destruktiven Folgen greifbar nahe: eine gespenstische Ruinenlandschaft, in der es kaum intakte Wohneinheiten gibt.6
Offenbar werden selbst kroatische Vertriebene, die in die Herzegowina geflohen sind, von den Behörden an der Rückkehr gehindert und in Aussicht gestellte Kredite zum Aufbau der Häuser nicht ausgezahlt.7 Die Arbeitslosigkeit liegt bei 90 Prozent, Hilfsorganisationen unterschiedlicher Provenienz tummeln sich vor Ort. Selbst der Arbeitersamariterbund, wen wundert's, führt mit EU-Geldern Bauprojekte durch, die bisher nur einigen Bürgern kroatischer Herkunft zugute kamen.
Kroatische Serben, ob aus Ostslawonien oder aus der Krajina (ganz zu schweigen von Serben, die aus Bosnien flüchteten), gehen bei der Rückerstattung von Wohneigentum oder Wohnrechten meist leer aus und vegetieren, unzureichend durchgefüttert von den Hilfswerken, zwischen den Ruinen vor sich hin. Von den 200.000 verbliebenen kroatischen Serben, vor dem Krieg waren es 600.000, leben noch 80.000 in Ostslawonien (1996: 125.000), was auf ihre massive Abwanderung hinweist und was angesichts der anzutreffenden Perspektivlosigkeit vielen als einziger Ausweg erscheinen muß.
Die verfassungswidrige Demoralisierungs- und Verzögerungstaktik - aus Kroatien stammende Serben haben die gleichen Rechte wie ethnische Kroaten - der kroatischen Regierung8 schreckte sicherlich auch jene 30<%10>0<%0>000 kroatischen Serben vor einer Rückkehr ab, die es vorzogen, nach Restjugoslawien zu fliehen.
Erst massiver Druck zwang das Zagreber Regime,
seine Politik zu revidieren, die laut OSZE-Berichten darauf hinauslief,
einen ethnisch einheitlichen Nationalstaat zu schaffen. Ein "Schema
von administrativer Abschreckung" und willkürlicher
Entscheide durchziehe alle Verwaltungsstufen9 - ein unhaltbarer
Zustand, der im Juni 1998 mit dem, vom kroatischen Parlament bewilligten
"Programm zur Rückkehr der Flüchtlinge" möglicherweise
behoben worden ist. Wie es hieß, wurde Zagreb deswegen von
OSZE- und UNHCR-Vertretern monatelang "bearbeitet",
ehe es, weitere finanzielle Unterstützung für den Weg
nach Europa vor Augen, nachgab.10
Ein Gespräch im "Center for Peace, Legal Advice and Psycho-Social Assistance Vukovar" veranschaulicht die praktische Seite, die zur Wiederaufbau- und Integrationsarbeit gehört. Angetrieben von ihrer energischen Chefin, der Juristin Ankica Mikic, kümmert sich das mit UNTAES kooperierende Team um die verunsicherten BewohnerInnnen. Im Vordergrund stehen Menschenrechtsverletzungen, Rechtshilfe und psychosoziale Betreuung. Letztere wird besonders traumatisierten Frauen und Kindern in Form von Gesprächs-, Bastel- und Spielkreisen angeboten. Vor dem Krieg, betont Mikic, habe es keine Probleme zwischen den damals 21.000 Kroaten, 14.000 Serben, 700 Ungarn und 8.500 "anderen" Staatsbürgern gegeben.
Dem dann erzeugten und mitunter fortwährenden Haß zwischen den Ethnien müsse durch Zusammenführung, durch konkrete Hilfe zur Selbsthilfe begegnet werden. Fragen der Vergangenheit, lautete der weniger überzeugende Befund, interessierten nicht mehr. Wichtiger sei die Bewältigung der Alltagsprobleme. Politische Äußerungen vermied die um Neutralität bemühte Mikic.
Deutlicher wurde hingegen Donna Kerner, OSZE-Mitarbeiterin in Vukovar. Von den zwei Milliarden US-Dollar Aufbauhilfe flossen etwa 40 Millionen nach Vukovar und Umgebung. Vieles sei im Dunstkreis von staatlicher Bürokratie und den neuen slawonischen "Tycoons" versickert, welche sich gegenseitig die Mittel zuschanzten. Der potentiell profitable Agrarsektor leide wegen der Minengefahr, den Unternehmen fehlten Investionsmittel. Die Privatisierung bezeichnete Kerner als ökonomisches "Desaster" - ein Urteil, das sich insbesondere auf die bar jeglicher Kontrolle agierende Privatisierungbehörde und ihre Klientelbeziehungen zu Macht und Mafia bezieht.11
Auch Wolfgang Franke, Mitglied einer aus Polizisten bestehenden OSZE-Mission im ehemaligen Jugoslawien, nimmt kein Blatt vor den Mund. "Feedback-Probleme" zwischen OSZE und der lokalen Polizei, "Polizei- und Militärstaat", "Ostslawonien wild west" und drohender "serbischer Exodus" lauten seine Stichworte. Besonders die ostslawonische Polizei, eine in seinen Augen durch den Kampf gegen die Serben arrogant auftretende Militärtruppe, schrecke vor Willküraktionen nicht zurück. Gerade ihr Gebaren gegenüber der serbischen Minderheit ist indes Bestandteil seiner "Monitoring-Mission". Serbische Kroaten im Dienste dieser Polizei hätten einen schweren Stand. Fingierte Disziplinarverstöße dienten als Hebel, um sie loszuwerden. Sorge bereite ihm, Franke, auch die enorme Polizeidichte, die fünfmal höher liege als in Deutschland (auf 200.000 EinwohnerInnen kämen in Osijek 3.000 Polizisten). Die vielen Straßenkontrollen - mehrere Kontrollen auf der Strecke Osijek-Vukovar sind offenbar keine Seltenheit - dienten zugleich der Bereicherung und Einschüchterung.
Illegale Hausräumungen gehören zum
Alltagsgeschäft. Meist gehe es, erläutert Franke, Fälle
aus der Osijeker Praxis, um serbische Flüchtlinge aus der
West-Krajina, die in südlichen Stadtteilen, den Hochburgen
der Serben, wohnten. Irgendwann kämen kroatische Hausbesitzer
auf die Idee, ihren Besitz zurückzufordern, sprich, die Räumung
ihrer Häuser zu verlangen. Mittlerweile reichen oft Drohungen,
ansonsten helfen kroatische Polizisten auch mal nach oder schauen
bei Gewalttätigkeiten weg. Franke kommt bei seinen Recherchen
zu nüchternen Ergebnissen. Entweder kooperierten die von
ihm befragten Polizisten nicht, oder sie versuchen, ihn hinters
Licht zu führen. Die einzige Sanktionsmöglichkeit, Berichte
an die Wiener OSZE-Zentrale, die auch Regierungsstellen und Presse
zu Gesicht bekommen, scheint in der Zwischenzeit zu wirken. Dennoch
ist Franke eine gewisse Enttäuschung anzumerken. Er hat eine
in Aussicht gestellte Mandatsverlängerung abgelehnt.
Diskussion mit Damir Juric in der Local Democracy Embassy (LDE) Osijek. Mit Rückendeckung des Europarates versucht die LDE seit November 1993, so etwas wie "civil society" in der Region Osijek zu entwickeln. Ihre Gründung verdankt sie der Initiative couragierter Kommunalpolitiker und nicht zuletzt dem Engagement mancher BürgerInnen, denen ethnische Separierung zuwider ist. Ihr Fernziel, Stärkung lokaler Demokratie durch Dialog und Toleranz zwischen Mehrheit und Minderheit(en), möchte die LDE mittels Konferenzen, Seminaren ("school of civil society") und Besuchen realisieren. Partnerschaften mit anderen europäischen Städten, Regionen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) erscheinen dabei unerläßlich. "Horizontale Kooperation" lautet die Maxime.
Warum, fragte LDE-Repräsentant Damir Juric 1995 in einem pfiffig aufgemachten Cartoon, konnte es zu diesem Krieg kommen?12
Weil die jugoslawische Gesellschaft nach dem "Zusammenbruch des Totalitarismus" verwüstet erschien und dort als "Wüstenstürme" ausbrechen konnte, was man andernorts in zivilisierter Form austrägt? Weil auch Titos Erben nach 1980 die Ausformung einer "bürgerlichen Gesellschaft" und das notwendige Maß an Selbstbewußtsein und Selbstinitiative der Individuen verhindert haben?
Bei der Gegenwartsanalyse wird Juric konkreter. Das zwei Jahre währende UNTAES-Mandat in Ostslawonien war sinnvoll, obwohl die verspätete Entmilitariserung, die Entwaffnug der serbischen Milizen im Mai 1996, diesen genügend Zeit gelassen hätte, sich auf die neue Situation einzustellen. Insbesondere die Schaffung mafioser Strukturen wurde ermöglicht. Die Kooperation mit der kroatischen Polizei habe da nur wenig geholfen. Nach dem Ende des UNTAES-Mandats (Januar 1998) kehrten Juric zufolge viele Kroaten in die Region zurück und pochten auf ihre Rechte. Die erwähnten Spannungen mit serbischen Flüchtlingen um Wohnrechte und staatlicher Druck auf serbische Heimkehrer nahmen zu. Noch immer litten serbische Dörfer oder Wohnviertel unter Bedrohungsängsten - auch und gerade weil die kroatische Polizei mit zweierlei Maß messe. Ähnlich wie Franke und andere OSZE-Berichterstatter konstatiert Juric niedrige Polizeistandards, die "Vermischung hoheitlicher und privater Interessen" und andere Formen von Behördenwillkür (etwa bei der staatlichen Kreditvergabe). Kurz: Die Serben seien vor dem Gesetz gleich, aber keine gleichberechtigten Staatsbürger.
Auf paradoxe Weise befinden sich Serben und Kroaten in einer ähnlichen Situation. Waren zuerst meist die Serben die Täter und die Kroaten die Opfer, sind nunmehr die Kroaten die Täter und die Serben die Opfer. Daher meint Jurics zu Recht, ein Regierungswechsel allein bringe wenig, wenn sich die gesellschaftliche Atmosphäre nicht grundlegend ändere. Feindbilder, produziert vom staatlich kontrollierten Fernsehen und anderen Instanzen, müssen überwunden werden. Der Staatsapparat und die katholische Kirche müssen reformiert werden. In den Schulen Osijeks, berichtet Juric, gehen serbische Kinder orthodoxen Glaubens in den katholischen Religionsunterricht, wo mitunter Haß gepredigt werde. Gegen dieses zweifelhafte Unterrichtsmonopol hat sich noch kein ernsthafter Widerstand formiert.
Vieles ließe sich anfügen, um bestehende
Defizite in Kroatien zu benennen. Festzuhalten bleibt, daß
die Gesellschaft langsam in Bewegung gerät. Gegen die Wirtschaftspolitik
der Regierung protestierten am 20. Februar Zehntausende Arbeiter
auf Zagrebs Straßen. Daß etwas in Gang kommt, unterstreicht
auch die Tatsache, daß der Mythos vom gerechten Verteidigungskrieg
in Slawonien oder in Bosnien-Herzegowina in Frage gestellt und
über Kriegsverbrechen, begangen von Kroaten, öffentlich
berichtet wird.13
Im Gegensatz zu anderen Städten und Gemeinden in Bosnien-Herzegowina hat Tuzla seinen multiethnischen Charakter über die Schrecken des Krieges hinweg bewahren können. Hier sind die Vorbehalte gegen Kroaten und teilweise gegen Serben schwächer. Ein Indiz dafür sind die vielen "gemischten Ehepaare", die in Tuzla leben. Anders als in den ländlichen Gebieten sind dort keine nennenswerten Diskriminierungen gemeldet worden.
Das liegt zum einen an der langen Tradition multiethnischen Zusammenlebens, welche auf Arbeiterschaft und Restbevölkerung des Industriestandorts Tuzla prägenden Einfluß hatte. An diese Solidarität, betont Vehid Sehic, der Vorsitzende vom "Forum der Bürger Tuzlas" (FBT), konnte der Verein bei seiner Gründung im März 1993 anknüpfen.
Zum anderen hat die kroatisch-muslimische Stadtverwaltung in Zusammenarbeit mit den NGOs diese Kultur der gegenseitigen Anerkennung aufgegriffen und versucht, die wachsenden Probleme der Stadt und des Kanton Tuzla im Konsens zu lösen. Während der zweimonatigen Blockade der Stadt durch serbische Tschetniks organisierte FBT Foren zum Thema "Wie überleben". Seitdem leistet die "unparteiische Vereinigung, in der sich Bürger nach freiem Willen versammeln", wichtige Beiträge zur politischen Willensbildung.
Unterteilt in diverse Ausschüsse (gesellschaftliche Fragen, Menschenrechte, Wirtschaft und Kultur) bemüht man sich um die "demokratische Einflußnahme in allen Bereichen des Lebens der Stadt Tuzla und Bosnien-Herzegowinas".14 Eine eindrucksvolle Sponsoren- und Kontaktliste, darunter das Frankfurter Bosnien-Büro, die Friedrich-Ebert-Stiftung, die holländische Regierung, Soros-Foundation und OSZE, stärkt das Selbstbewußtsein des FBT, der auch mit der LDE Osijek kooperiert. In regelmäßigen Abständen tagt das gesamtbosnische Parlament der Bürgerforen, um über die dringendsten Probleme des Landes zu beraten. 1996 etwa wurde ein runder Tisch mit Vertetern aus Serbien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina veranstaltet.
All zu routiniert verläuft das Gespräch
im geräumigen FBT-Büro. Marketing und Verbindungen,
Hochglanzbroschüren, von denen es einige gibt, und persönliche
Kontakte gehören zum kleinen Einmaleins aller NGOs, wenn
sie im harten Konkurrenzkampf um öffentliche Gelder bestehen
wollen.15 Konkrete Zahlen über diverse Musikfestivals des
"Helsinki Citizens Assembly Youth Network" in Tuzla
wurden von einer eloquenten Holländerin auf Anfrage nicht
geliefert. Nicht zu Unrecht wird die einseitige Fixierung der
internationalen Hilfsorganisationen auf Sarajewo und die daraus
resultierende Vernachlässigung der Regionen kritisiert. Das
Friedensabkommen von Dayton im allgemeinen und seine Umsetzung
im besonderen wird vom FBT, dem örtlichen Helsinki-Komitee
und der ethnisch gemischten Stadtverwaltung unterstützt.
Beispiele aus Tuzla, den Friedensprozeß zu hintertreiben,
sind nicht bekannt. Die politischen Frontlinien verlaufen hier,
folgt man den Vertretern der NGOs, weniger polarisierend als in
Sarajewo, Banja Luka oder Mostar, wo interne Machtkämpfe
den politischen Entscheidungsprozeß lähmen.
Ein großes Problem stellen die Flüchtlinge dar. Schon jetzt hat Tuzla 40.000 bis 60.000 Einwohner mehr als vor dem Krieg. Morgens und abends scheint die ganze Stadt in Bewegung. Menschenmassen, darunter auffällig viele junge Menschen, drängen sich durch die Fußgängerzone, bevölkern die Cafés und füllen die öffentlichen Plätze. Viele Flüchtlinge sind bei einheimischen Familien untergebracht. Wohnungsmangel und Arbeitslosigkeit belasten das soziale Klima. Unweigerlich passiert man das Denkmal für die 71 Opfer eines serbischen Raketenangriffs. Mit diesem barbarischen Akt, der mit der Geiselnahme mehrer UN-Beobachter und UN-Soldaten einherging, versuchte die serbische Führung Mitte 1995 noch einmal verlorenen Boden gutzumachen, denn militärisch befanden sich die Serben zu diesem Zeitpunkt längst in der Defensive. Drei Jahre danach, so scheint es, ist von dem Grauen nichts mehr zu spüren. Das bunte Treiben deutet, ähnlich wie in Osijek, auf eine allmähliche Normalisierung hin. Doch der Flüchtlingsdruck übersteigt die Leistungsfähigkeit der Stadt. Diesen Eindruck vermittelt wenigstens ansatzweise der zuständige Kantonsminister für Wiederaufbau und Entwicklung. Inwieweit die vielen muslimischen Zuwanderer den multikulturellen Charakter Tuzlas verändern werden, bleibt ungewiß. Rein äußerlich dominieren westliche Modetrends das Straßenbild. Alkohol, vorwiegend Bier, wird in den Kneipen teilweise zu Westpreisen verkauft. Konkrete Probleme wollen der Kantonsminister und seine Mitarbeiter lieber nicht ansprechen. Drastisch schildert hingegen der Vertreter der Caritas- und Diakonie-Stelle die äußeren Bedingungen: Immer mehr Flüchtlinge würden in die Randgebiete von Tuzla verdrängt. In den dortigen überbelegten Sammellagern herrschten teilweise katastrophale Zustände, Repressalien gegen Rückkehrer seien - in ganz Bosnien - keine Seltenheit.16 Gleiche Schwierigkeiten werden aus dem Dorf Kolovat im Kanton Tuzla, auf den sich die materielle Aufbau- und Eingliederungshilfe der hessischen Landesregierung konzentriert, gemeldet.17 Ein Ende der Misere ist nicht in Sicht.
Vergangenheitsbewältigung scheint auch in Tuzla eher die Ausnahme zu sein. Sehic zufolge würden die Kriegsfolgen von der Bevölkerung lieber verdrängt. Psychosoziale Projekte für traumatisierte Frauen, durchgeführt von einer Amica-Sektion, die ein Frauenhaus in Tuzla unterhält, werden durchgeführt. Existentielle Probleme, die Vergewaltigung muslimischer Frauen während des Krieges, waren spürbar, kamen aber allenfalls indirekt zur Sprache. Viele Frauen lernen bei Amica Lesen und Schreiben. Über ihre Berufsperspektiven machen sie sich keine Illusionen.
Der hessische Wirtschaftsminister sprach von
Bosnien-Herzegowina als einem "politisch interessanten Markt"18
- für die hessische Landesregierung, die bei der Abschiebung
von Bosniern weniger rigide als Berlin oder Bayern vorgeht, für
die Bundesregierung, die immer wieder mit ihrer humanitären
Hilfe und dem anwesenden deutschen SFOR-Kontingent wirbt, für
die UNO, die mit Hilfe ihres Beauftragten den zerstrittenen Bosniern
einheitliche Autonummernschilder und Schulbücher verordnen
will, und für die NGOs, die durch Dayton eine Legitimationsgrundlage
für die Weiterbeschäftigung zahlreicher MitarbeiterInnen
haben. Ob für die verarmte Bevölkerung mehr als nur
ein paar Brosamen übrigbleiben, wird die Zukunft zeigen.
1 Slavenka Drakulic, Krieg!, in: Jugoslawien: Ein Staat zerfällt, hrsg. von Josip Furkes und Karl-Heinz Schlarp, Reinbek 1991, S. 11.
2 Zum Zustandekommen des Daytoner Friedensabkommen vgl. Richard Holbrooke: Meine Mission. Vom Krieg zum Frieden in Bosnien, München 1998.
3 Vgl. Ursula Rütten: "Die Stadt spiegelt sich im Menschen wie Wasser", in: Nenad Stefanov/Michael Werz (Hrsg.): Bosnien und Europa. Die Ethnisierung der Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1994, S. 182-195. Dagegen verdeutlichen unter anderem Juan Goytisolos Notizen aus Sarajewo (Frankfurt a. M. 1993), daß der von Serben forcierte Krieg, zu dessen Ultima ratio sogenannte ethnische Säuberungen zählten, das Zusammenleben der Völker auf Dauer belasten wird. So gesehen erscheint das Daytoner Abkommen als gewagtes Experiment.
4 Vgl. "UN-Erfolg in Ostslawonien", in: Frankfurter Rundschau (FR), 15.1.98.
5 Dies geschah im Rahmen eines Auslandsseminars (Opposition gegen Krieg und Nationalismus) der Hans-Böckler-Stiftung, das vom 19. bis 28.6.98 in beiden Ländern stattfand.
6 Vgl. Thomas Roser: Vom Hospital zum Massaker. Die Greuel von Vukovar, in: FR, 21.1.98; des weiteren die Studie von Gilles Peress und Erich Stover: Die Gräber - Srebrenica und Vukovar, Zürich 1998.
7 Zu Vukovar und der kroatischen Innenpolitik vgl. Matthias Rüb: Balkan Transit. Das Erbe Jugoslawiens, Wien 1998, S. 53-62.
8 Vgl. auch Jens Becker: Nachwirkungen des serbisch-kroatischen Konflikts. Die Probleme der serbischen Minderheit in Kroatien, in: Kommune, 9/97, S. 18-19.
9 Zit. n. Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 25.5.98.
10 Vgl. NZZ, 29.6.98.
11 Vgl. Ana Knezevic: Ownership Transformation and Privatization in Croatia, in: South-East Europe Review, 1/98, S. 41 ff. Die nunmehr in Angriff genommene "Hauptetappe der Massenprivatisierung", orientiert nach dem tschechischen Modell der Couponprivatisierung, umfaßt allerdings nicht die gesamte erwachsene Bevölkerung, sondern bevorzugt Kriegsopfer, sprich Flüchtlinge oder verwundete Armeeangehörige. Vgl. NZZ, 19.6.98.
12 Vgl. Newsletter. Die Botschaft der Lokalen Demokratie Nr. 3/95 (Frühjahr), o. O.
13 Vgl. dazu: FR, 4.11.97, und Die Zeit, 8.1.98.
14 FBT-Faltblatt, o. O. und o. J.
15 Eine kritische Bilanz zieht Heike Litzinger: "Mehr Radiosender als Ohren. Zur Rolle der humanitären Hilfsorganisationen in Bosnien", in: Perspektiven, Nr. 32 (12/97).
16 Vgl. FR, 27.6.98.
17 FR, 27.5.98.
18 Zit. nach: ebd.