"Glokalisierung"

Perspektiven und Chancen – Teil 11

Eike Hennig

Der Globalisierungsprozess ist nicht einfach nur ein Dominanz- oder Abschleifungsprozess von oben nach unten – und er ist ein uneinheitlicher Prozess in Zeit und Raum. Wie vermitteln sich die Raum-Zeit-Beziehungen im Kontext der Globalisierung, welches Verhältnis gehen Globus und Lokus ein? Und: Welches Gewicht kommt eigentlich jenen besonderen Räumen zu, die im Zuge dieser Prozesse ganze Regionen und Stadtlandschaften prägen? Wer nimmt Einfluss auf ihre Entwicklung?

"Etwas ist ... besonders bemerkenswert, und das ist die angeborene Neigung der Amerikaner, zu experimentieren, die hirnverbranntesten Pläne bei sozialen, wirtschaftlichen, religiösen und sogar geschlechtlichen Problemen auszuprobieren."

"Die Moral von dem allen ist: je weniger Organisation, desto besser".

Henry Miller, Big Sur und die Orangen des Hieronymus Bosch, Reinbek b. Hamburg 1989, S. 22, 38 – 1957.

Glokalisierung – Perspektiven und Chancen": Die komplexe Thematik muss ausgeweitet werden. Sie verweist – trotz allen Lamentierens über "Globalisierungslügen" und "Globalisierungsfallen" (Boxberger/Klimenta, Martin/Schumann) – sehr wohl zwar auf Chancen, selbstverständlich aber auch auf Risiken. Auf den verschlungenen Wegen "from local to global and back again" (Reid) herrscht reger Verkehr; kein Autopilot kann die wechselnden Perspektiven von oben nach unten ("top down") sowie von unten nach oben ("bottom up") wahrnehmen und verarbeiten. Henry Millers Hinweis auf Offenheit, Experimentierfreudigkeit und Pragmatismus, wie sie den "American Dream" in einer Kultur von Individualismus, Aufstieg, Staatsferne und Behaviorismus bestimmen, weist auf erforderliche Einstellungen und Verhaltensweisen hin. Zur Debatte stehen jedenfalls keine Naturgrößen! Immer noch gilt die alte Einsicht der Aufklärung, dass nämlich die Menschen ihre Geschichte selbst machen (und dies unter vorgegebenen Bedingungen, worauf Marx hinweist).

Einschränkend ist zu bemerken, geblickt wird hier auf die USA beziehungsweise, noch begrenzter, auf Süd-Kalifornien und die Bay Area, San Francisco – Berkeley – San Jose, eben auf San – San, jenen Raum von San Francisco bis San Diego. Zudem ergeben sich Grenzen der Verallgemeinerung, weil insbesondere Informationstechnologien und deren Voraussetzungen beachtet werden. Es scheint (wenngleich dies nicht weiter ausgeführt wird), dass verschiedene politische Systeme, Kulturen und unterschiedliche Innovationsfelder (wie Informations- und Biotechnologie sowie Kultur- und Medienindustrien) je eigene Begegnungen von Globus und Lokus ergeben. Vieles spricht dafür: Es gibt mehr als einen Glokalisierungsweg, aber es gibt kein Glokalisierungsrezept!

Vorbemerkungen zur Aufmerksamkeitshaltung

Risiken und Chancen von Globalisierung bilden räumlich und zeitlich unterschiedliche global-lokale Figurationen aus. Ungleichheit nimmt sozialräumlich Formen an von Segregation und Entropie, das heißt von spezifischen Differenzen verschiedener Elemente im Raum2; zeitlich verweist Ungleichheit auf Ungleichzeitigkeiten, das heißt auf die Zeitzone eines Ortes und lokaler Akteure gegenüber globalen Standards, welche die Möglichkeiten bestimmen. Innovationen und (neue) Standards setzen sich im Wettbewerb verschiedener Orte durch und bilden als Standortvorteil oder -nachteil die Bedingung für lokal-zeitliche Vorsprünge, Hemmnisse, Verzögerungen und Verweigerung. Dies führt zu neuen städtisch-regionalen Hierarchien einerseits im globalen Wettbewerb und andererseits in der Konkurrenz von Regionen und Städten um Teilhabe an globalen Standards. Lernen angesichts von Ungleichheit und Flexibilität steht im Vordergrund, wenn im globalen Wettbewerb vor Ort "positivere" und "nachhaltigere" Projekte realisiert werden sollen.

Positives Ziel von Glokalisierung ist es, "innovative" Elemente in Raum und Zeit so anzuordnen (etwa als Korridor bzw. Wissensmilieu), dass eine Schwelle überschritten und eine hohe Verdichtung erreicht wird. Lokale Interaktionen sollen einen sich selbst tragenden Prozess initiieren und in Gang halten. In Verbindung mit Logistik und Informationstechnologie stehen somit Herstellung, Verdichtung und Erhalt wissensorientierter und wissensproduzierender Milieus und Partizipation im Vordergrund. Lernen und "Widerstand" spezifizieren diese allgemeinen Aussagen vor Ort. Ziel ist es, globale Standards auf lokale Bedingungen, Erfordernisse und Folgen "optimal" anzuwenden. Lernen und "Widerstand" schwanken dabei zwischen großer Verweigerung (H. Marcuse) und einer bezüglich ihrer Folgewirkungen kontrollierten Innovation.3 Arena dieser (demokratischen) Kontrolle und Regulierung globaler Standards ist der unter "Globalisierungsstress" stehende Raum, vorwiegend Städte und Regionen. In lokalen Politiken und Kulturen brechen und konkretisieren sich die scheinbar raumfreien globalen Maximen. (Von national-staatlichen Systemen werden vor allem diejenigen Normen und Regelungen betroffen, die begrenzte nationale Standards festlegen. "Neoliberalismus" als Vorwurf meint ein Abschleifen solcher nichtglobal affirmativer Regelungen; keineswegs jedoch verlieren nationalstaatliche Systeme in toto ihr Regulierungsvermögen, was Saskia Sassen immer wieder unterstreicht. Dennoch, konkrete Globalisierungen manifestieren sich vor allem vor Ort, dort wird – so oder so – Globalisierung gelebt [Eade, Hennig].) Ziel wäre eine regulierte, lokale Adaption globaler Ansprüche, was idealiter als ein "Win-Win-Spiel" vieler Akteure (zwischen Polen eben wie Verweigerung und Anpassung) auszuhandeln wäre.

Globalisierung(en)?

Das Schlagwort "Globalisierung" beinhaltet nachgerade alles Mögliche, weshalb es, positiv oder negativ, als "Schleier" und "Metapher" (Cohen) für vieles herhalten muss. Mit Bezug auf Globalisierung – von der andere sagen, sie sei nicht nur geografisch noch gar nicht grenzenlos (Hirst/Thompson, Hübner4) – kann man, bisweilen in ein- und derselben politischen Partei, "bremsen" oder "Gas geben". – Es existieren aber auch Forschungen (Scherrer): Im angelsächsischen Sprachraum gibt es früher einen Überblick (Walzer 1995), dem in der Bundesrepublik später erst Sammlungen folgen (Beck 1998); der US-Soziologenverband legt 1999 ein Curriculum vor; die angelsächsische Debatte seit Ende der 80er-Jahre lässt sich über einen "Reader" erschließen (Lechner/Boli). Zumindest ein Problemhorizont hat sich entwickelt. Lechner/Boli (2000: 1-3) erschließen ihn durch folgende Fragen zur Globalisierung: Was schließt sie ein? Ist sie neu? Wird sie vom Markt vorangetrieben? Wird die Welt homogener? Werden lokale Ereignisse determiniert? Ist sie schädlich? (Über die räumlichen Implikate solcher Fragen sollen hier einige Überlegungen angestellt werden.)

Daniel Cohen weist überzeugend nach, Globalisierung sei weniger eine eigenständige Größe, sondern führe turbulent und eben "global" längere Wandlungsprozesse fort. So forciere sie die Wege von der "fordistischen Industriegesellschaft" hin zu flexiblen, "postfordistischen" Dienstleistungsindustrien und Wissens- wie Informationsgesellschaften.5 Maßgeblich – keineswegs aber eigenständig und neu – wird die enge, nahezu "just-in-time" erfolgende Verschränkung globaler und lokaler Dimensionen. Seit längerem wirksame Wandlungen wie etwa abnehmende Produktionstiefe, Automatisierung, Internationalisierung, steigende Bedeutung von Wissen und Organisation (gegenüber fixen Investitionen), Differenzierung und Kooperation um Container und Kernmodule fließen ein und bringen das Globale zum Lokalen.6 In diesem Sinne verlieren ältere "fordistische" und "wohlfahrtsstaatliche" Sicherheiten wie Grenzen gegenüber globalen Strömen an Gewicht; dies dürfte ein Grund dafür sein, dass mit Stoßrichtung gegen den "flexiblen Menschen" heute selbst Fords Mammutfabriken und Massenarbeiter positiver erscheinen (Sennett), selbst der "rheinische Kapitalismus" genießt heute eine Achtung (wie sie der Wiederkehr von Manchester verweigert wird).

Um sich einer Begrifflichkeit der Globalisierungen zu nähern, wird das "all-purpose catchword" (Lechner/Boli) hier geografisch auf die aktiven Zentren in der Triade Nord-Amerika, Westeuropa, Japan und den Tigerstaaten und sachlich auf die neue Leitindustrie der Informationstechnologien (IT), auf Wissensproduktion, Märkte und Lebensstile bezogen. Entsprechende Globalisierungsaspekte mögen Stichworte wie multinationale Wertschöpfungsketten, Unternehmensnetzwerke, Normangleichungen, dichte Reise- und Kommunikationsbezüge umschreiben. Vor allem jedoch wird davon ausgegangen, dass die Globalisierungsprozesse im Bereich von Kultur, Ökonomie, Gesellschaft, Ethnien und Politik neue Raumbeziehungen und Kräftediagramme zwischen Globus und Lokus aufbauen. Zur Globalilisierung gehört entscheidend eine neue Produktion ungleicher, sozialer Räume. Aus der Tradition Henri Lefebvres ist es ein Verdienst angelsächsischer Stadtgeografen und -soziologen (z. B. Soja) diesen Aspekt nachdrücklich hervorzukehren. Dieser Linie soll gefolgt werden, um Globalisierung primär unter Gesichtspunkten der Produktion von Räumen zu betrachten; Innovation stellt sich aus dieser Perspektive dar als ein Environment, ein bestimmtes Raumarrangement.

Raum-Zeit-Beziehungen im Kontext von Globalisierung

Nicht nur weltweiten Bezügen, Normen und Möglichkeiten, sondern gerade homogeneren, "kleineren" und "näheren" Räumen (wie Regionen, Inseln, Korridoren, internationalen Stadtstrukturen – aber, negativ, auch den "Inner City Ghettos" am Rande städtischer Zentren) kommt steigende Bedeutung zu. Die Verschränkung global – lokal präsentiert sich in einer neuen Dynamik und muss hinsichtlich aller Möglichkeiten bedacht werden:

1. "Glokal" vom Globus zum Ort: "think local, act global"; wichtig sind Standortstruktur, räumliche Nähe und Mikromarketing für grenzenlose Austauschprozesse7,

2. "Lokbal" vom Ort zum Globus: "think local, act global"; Globalmarketing und die Konstruktion globaler Bezugsmatritzen spielen eine entscheidende Rolle,8

3. globale Bezüge und Erfordernisse wie Normen in "einer Welt" (3a.) ebenso wie Vernetzungen von Ort zu Ort (3b.) erhalten in der geänderten Hierarchie von Erdteilen, Staaten, Regionen und Städten ebenfalls eine größere Bedeutung. Es bilden sich neue, regionale und städtische Hierarchien von Räumen heraus.

Insgesamt wird Globalisierung hier – durchaus im Einvernehmen mit wichtigen literarischen Beiträgen (z. B. Giddens, Harvey, Z. Baumann) – als eine primär sozioökonomische und kulturelle Form der Produktion sozialer Räume, von "cross-national links" (Waters) oder Strukturierungen (Giddens) und Figurationen der Strukturen und Personen (Elias) aufgefasst. Insofern dieses "Linking" mit postmodernen Zügen korreliert (Baumann), verdampft so ziemlich jedes Telos im Wertehimmel; das beflügelt zwar die globalen Raumproduktionen, nährt gleichzeitig aber auch ein breites Spektrum moderner, vormoderner ("fundamentalistischer") und schwer einzuordnender "alternativer" Oppositionsformen.

In der Spannweite der Widerstandsformen und -inhalte, bisweilen in merkwürdigen "Regenbogenkoalitionen", bildet sich die neue Beziehung von Homogenität und Heterogenität, von Universalia und Besonderheiten, von Globus und Lokus ab. Verbunden mit der wachsenden Bedeutung von IT und Internationalisierung bekommen "Echtzeit", Zeitzonen und Ungleichzeitigkeit bei diesen Bewegungen und Raumprodukten ebenfalls eine gesteigerte Bedeutung. Die Verbindung von Raum und Zeit, die "time-space-compression", prägt als wichtigstes Begriffselement die Globalisierungen. Daraus folgt: Wer zu spät kommt, kann von der Welt bestraft werden; wer globalen Einflüssen entsprechen will, muss sich vernetzen, muss international lernen; wer aber verschiedene lokale Eigenheiten pflegen und Urzustände bewahren will, greift zu den verschiedensten Formen von "Widerstand" beziehungsweise Regulierung und Planung (Beauregard). Dabei gilt das Lokale im globalen Zeitalter zunächst als depriviert (ähnlich wie die Provinz im modernen Gegensatz von Stadt und Land), das Lokale jedenfalls muss sich ausweisen, wohingegen das Globale vielfach als Selbstläufer um die Erde rast. Für politisch-soziale Realitäten und Pläne ergeben sich hieraus besagte Inkonsistenzen, wie sie die politisch-wissenschaftlichen Landschaften bestimmen.

Globalisierung: Ungleichheit und Freiheit

Die Stichworte "glokal" und "lokbal" beziehungsweise die deren Prozesscharakter anzeigenden Verbalsubstantive "Glokalisierung" und "Lokbalisierung" umschreiben eine "dialektische" Verschränkung von Welt und Ort ebenso wie die von Ort und Welt. Dialektisch sind diese Raumbezüge insofern, als sich daraus neue, flexible und hybride Beziehungen von Raum, Zeit, Problemen, Absichten, Möglichkeiten und Handlungen ergeben (können). Augenscheinlich gibt es keine Ferne mehr, Bewegungen von A nach B erfolgen in bislang ungeahnter Fülle, Vielfalt und Dichte. Produkte dieser zunehmenden Verbindung sind neben den Gewinnmöglichkeiten, die eine aktive Glokalisierung in der Regel erwirtschaften möchte, unter anderem alte und neue Formen der Ungleichheit und Anpassung. Daniel Cohen (1998: 81) bezeichnet wachsende Ungleichheit als "die große Frage des ausgehenden 20. Jahrhunderts." Dies öffnet die Arenen für sozialräumliche Segregation und hinterfragt zentral das (konzeptionelle und geldwerte) Vermögen einer innovativen und ausgleichend-intervenierenden Politik. Vor allem großflächige Gleichheitsansprüche nationalstaatlicher Wohlstandssysteme (flankiert durch "fordistische" Großbetriebe und einen korporativen Industriepluralismus) sehen sich globalen Proben ausgesetzt und erscheinen sozial- und arbeitspolitisch als Auslaufmodelle.

"Leitphilosophie" der Globalisierung und der neuen Raumprodukte ist nicht Gleichheit, sind nicht Ausgleich und Sicherheit, sondern Freiheit, Risiko und Konkurrenz. Joachim Hirsch kleidet dies – und den zugehörigen Wandel der Akkumulationsregime – in die Redeweise einer Wende vom Sicherheits- zum Wettbewerbsstaat – eine Wende, der angesichts der "cities in stress" auch der "local state" zu entsprechen hat. Vor allem sozioökonomisch, sozialpsychologisch und kulturell (via Bildung) wird im Bezug von Globalisierung die Beck’sche Figur der "Risikogesellschaft" geradezu exponenzial potenziert. Den weltweiten Trends (Globalisierungen), wie sie einstmals sichere, eigensinnige, authentische, ja autochthone Räume durchdringen, an- und aufregen (Glokalisierung) oder wie sie als Konstrukt aus lokalen Bezügen heraus aufgebaut werden (Lokbalisierung), wohnen Chancen und Risiken inne.

Die neuen freien und ungleichen Perspektiven und deren Protagonisten setzen auf besondere Standorte, reiben sich an egalisierenden Maximen, wie sie etwa das Grundgesetz der Bundesrepublik als erforderlichen und angemessenen Ausgleich vorschreibt (Art. 104a, 106, 107 GG). Ausgleich oder (bei Grundsicherung) ein nach Sphären ausdifferenziertes Gerechtigskeitsmodell (Walzer) haben schlechtere Karten (scheinen nur noch für kleinere, homogenere Gemeinschaften im postmodernen Pluralismus zu gelten), Festungsmentalitäten dagegen feiern als negativer Spiegel von Konkurrenz, Freiheit und Unsicherheit traurige Wiederkunft (Singapur etwa symbolisiert ein politisch kontrolliertes Wandlungs- und Entwicklungsmodell, das beide Seiten in der Waage halten möchte).

Die Raumbeziehungen: Globalisieren und Glokalisieren

Es gibt aktive wie passive Zusammenhänge von Globalisierung und Orten und Regionen. Lokale Räume werden einerseits globalisiert (hierauf verweist das Kunstwort Glokalisierung), andererseits werden sie als Ausgang oder Standort, Umschlagsort und Hafen unverzichtbar für diverse Globalisierungsströme (hierauf verweist der Rückbezug der Glokalisierung, die "Lokbalisierung"), sobald diese eine stoffliche Form annehmen. Ströme und Felder, Zeit und Raum, Form und Inhalt sind folglich zusammenzufassen, wenn ein Verständnis von Globalisierung entstehen soll (wenngleich krude Materialität, etwa die fixen Kosten einer Investition, eine abnehmende Rolle spielt). In diesem Sinne sollten Castells‘ Ströme und Appadurais Felder zusammengedacht werden, nichts sollte verabsolutiert werden, weder sind nur Ströme noch nur Felder zu beachten. Vielmehr: Globalisierung bestimmt sich als Raum ("space"), Zeit ("time") und als deren Verbindung ("compression"), eben als Verdichtung von Raum und Zeit in solcherart neu produzierten Räumen dieser "time-space-compression."

Manuel Castells’ "space of flow" und sein Verständnis von Globalisierung als ein Netzwerk von Strömen beispielsweise von Kapital, Kommunikation und Wissen vermittelt zu sehr den Begriff, der globale (Einfluss-)Raum sei deshalb überall, weil er wesentlich abstrakt als virtuelle Logik und "vogelfreier" Prozessablauf existiere.9 Den Strömen eignet diese Immaterialität des Hybriden, Fungiblen und Allgegenwärtigen. Diese Form aber konkretisiert sich inhaltlich immer wieder, und dies nicht nur in den "nodes" und "hubs", den Nervenzentren und Drehscheiben etwa in den "Global Cities". Globale Ströme sind gleichermaßen Logik und Logistik, Form und Inhalt; ihre Bedingungen sind politische Kulturen, Wissenslandschaften, Kommunikation, Funktionen ebenso wie Verkehrswege, also Flughäfen, Containerhäfen, "freeways", Büro- und Dienstleistungszentren, Erlebniszentren und diverse weitere Zonen und räumlich-konkrete Voraussetzungen für "Global Players" als Betriebe und Personal. Diese formell-materiellen Gestalten und Gehalte prägen Stadtlandschaften, Stadtbezirke, Regionen, ja, ganze Stadtstaaten und deren Umland (Singapur). (Von ihrer Kraft und Intentionalität her beabsichtigen Glokalisierungsakteure jedoch nicht, Nationen und Staaten in sich "gleich" zu machen. Ungleichheit, Vorsprünge und Nachteile sind ja ihr Medium.) Margret F. Reid redet plastisch vom "Tapping the Global Problems of Some Urbain Areas", vom Aufpfropfen der Globalisierung auf Stadträume.

Gleichermaßen spielt Globalisierung in verschiedenen inhaltlichen Feldern. Dabei handelt es sich nach Arjun Appadurai vor allem um "ethnoscapes", "finanscapes", "mediascapes", "ideoscapes" und "technoscapes" (ein politisches Feld wird gar nicht benannt!). Diese Bereiche umschreibt Barrie Axford (2000: 246) als eine höchst kontingente Ordnung, die sich im Schnitt dieser "scapes" ergibt. Migration, Finanzströme, Informationen und Bilder ("images"), die Bewegung von Ideologien, das Reich technologischer Innovationen: mit diesen Stichworten werden die Bereiche oder Felder umschrieben. Seine sprachliche Neubildung "scape" (in Anlehnung an Flüchtiges ["escape" und "stalk"] wie an Beständiges ["shaft" bzw. "scapus", den Schaft und Stiel]) erläutert Appadurai (1998: 11) selbst als das Dilemma von Perspektive und Darstellung, wenn nämlich Einstellungen gleichermaßen die Beobachtung bestimmen und deren Resultat verändern. Vergleichbar einem hermeneutischen Zirkel würde das Verstehen der Globalisierung ein (Vor-)Verständnis von Globalisierung erfordern: Hieraus ergibt sich das kaum planbare Potpourri von Strömen und Feldern, global-lokalen Kopplungen und wissenschaftlichen Irrungen und Wirrungen.

Globalisierung als "time-space-compression" vermittelt zwischen den Strömen beispielsweise der Finanzen, Informationen und Migranten oder "Global Players" innerhalb der "Worlds in Motion" (Massey) und entsprechend inhaltlichen Kraftfeldern. Diese Formen und Inhalte finden sich in der neuen Produktionsform verdichteter Räume zusammen. In diesen schnell wechselnden und ständig neu zu behauptenden, flexiblen und hybriden Räumen sind Form und Inhalt letztlich schwer nur noch zu trennen, immer mehr dürfte die Form bestimmte Inhalte einschließen. Castells und Appadurai verweisen eben jeweils (nur) auf einen wichtigen Aspekt. Es sind die Bezüge und Verdichtungen von Zeiten und Räumen, aus deren Zusammenspiel sich Formen und Inhalte von Globalisierungen ergeben:

Modalitäten der Raum-Zeit-Verdichtung

Zeit / Ströme(z. B. Castells)

Räume / inhaltl. Felder
(z.B. Divided City, Appadurai)

maßgeblich

weniger erheblich

maßgeblich

  1. + / +
    ("internationale Stadträume")
  2. + / -
    ("Kommunikation")

weniger erheblich

(3) – / +
("Produktion, Verkehr")
(4) – / -
("normale Stadt")

Diesem vereinfachten Schema unterliegt die Annahme10, dass besondere Inhalte (und Politiken) auf die Kombinationsmöglichkeiten von Zeit und Raum beziehungsweise von Strömen und Feldern weniger Einfluss nehmen. Die inhaltliche Spezifik sozialer, soziokultureller und sozioökonomischer Prozesse "verschwindet" in der Allgemeinheit globaler Module, wie sie Appadurais "spaces" vorstellen. In der Allgemeinheit (und Globalität) dieser Felder überwiegen Konfigurationen, die Muster der Vermittlung zwischen Strukturen und Personen (Elias) beziehungsweise zwischen Inhalten, Institutionen und Akteuren, gegenüber den Besonderheiten, in denen sich die Figurationen sehr wohl ausprägen. Spezifische Inhalte treten bei der Vermittlung von Globus und Lokus gegenüber den formalen Bestimmungen globalisierter Ströme und Felder zurück, auf global-lokaler Ebene wiederholt sich damit der Bedeutungsverlust materieller ökonomischer Komponenten gegenüber solchen Elementen des flexiblen Kapitals und der technisch-wissenschaftlichen Intelligenz wie Qualifikation, Organisation, Lernkulturen.

Je nach ihrem Rang im Geflecht globaler Ströme und Themenfelder bestimmt sich die hierarchische Position, der Rangplatz, der neu produzierten globalen Räume und Arenen. Auch wenn fixes Kapital gegenüber Wissen und Organisation weniger bedeutet und die Mobilität von Kern- und Randbelegschaften weiter zunimmt (beides dürfte Ursache globaler "Enträumlichung" sein), wenn Globalisierung folglich selbst sprunghafte Ortswechsel einschließen kann (vergleichbar dem Kommunikationsfluss im Internet), so verliert sie niemals ihre Physis, die aus der Allgemeinheit der "spaces" resultiert. Jede "Enträumlichung" trifft und verändert konkrete Räume. Gerade im Zusammenspiel von "Enträumlichung" und "Reterritorialisierung" entfaltet (in Ungleichheit und Hierarchie) die Verdichtung von Zeit und Raum jenes "Decline" und "Restructuring", das die globale Raumproduktion ausmacht.

Ohne die Produktion besonderer Räume – offensichtlich sind die internationalen Stadträume (die oft zur "Global City" verabsolutiert werden) – gäbe es, so die These, gar keine Globalisierung. Globalisierung ist ein Netzwerk von Strömen und Feldern, Kriterien der Modernisierung und des Wandels, das besondere Räume voraussetzt, solche Räume aber auch schafft (wenn lokale Akteure entsprechende Impulse aufgreifen) und beständig umgestaltet im Rhythmus von "Planning, Building, Breaking, Rebuilding" (wie Carl Sandburg schon 1914 über Chicago dichtet).

Unter dem Stern der Globalisierung nimmt die Bedeutung konkreter Orte gleichzeitig zu und ab. Es handelt sich dabei um "kleinere" Raumprodukte in keineswegs stabilen, sondern vielmehr schnelllebigen Ungleichheits- und Konkurrenzbeziehungen. Flächenstaatliche Modelle des Ausgleichs, wie sie typisch sind für "Fordismus" und "Wohlfahrtstaatlichkeit", treten zurück. (Stabil wird die Lage, wenn Erdteile [Afrika], Regionen und Stadtteile als "abgehängt" gelten, sodass Innovation und Investitionen sinnlos erscheinen.) Kleinräumliche Standort- und Wettbewerbsvorteile werden gesucht, ausgenutzt und aufgebaut. Aktive und passive Komponenten, Chancen und Risiken, Kosten und Nutzen lassen sich dabei nicht trennen und gegeneinander ausspielen. Lokalen Unterlassungen oder bewusstem Widerstand von Bewegungen und/oder Politik kommt eine besondere Rolle zu, Globalisierung beziehungsweise externe Ströme sind nicht immer verantwortlich.

Der zweite Teil folgt in der nächsten Ausgabe der Kommune.

 

Fussnoten

1 Grundlage ist ein Vortrag vor dem Kongress "Die lernende Region" (Freiburg i. Br., 29.9.00). – Anke Schmeling, Robert Lohde-Reiff und Detlef Sacke danke ich für Kritik und Anregungen.

2 Der Kokolores einer "Rückkehr zur Landwirtschaft" oder von "Strategien der Entropie-Resistenz" wird hier nicht gepredigt! – Segregation misst die räumliche Ungleichverteilung zweier Merkmale, Entropie die vieler Elemente. Entropie wird auf einen empirischen Index bezogen, der von der Thermodynamik auf komplexe sozialräumliche Konstellationen angewendet wird (Allen/Turner). Der Entropieindex zeigt etwa, dass größenmäßig vergleichbare Städte wie zum Beispiel Frankfurt a.M., Amsterdam und San Francisco sehr unterschiedliche lokale Raummuster bezüglich der Migration ausgebildet haben (Hennig).

3 Beim Kampf beispielsweise gegen die WTO wird das Verb Globalisieren verwendet, um auf die Globalisierung der Multis und Finanzmärkte hinzuweisen. Das Verb wird kritisch benutzt, um auf Einseitigkeiten und Ungerechtigkeiten der dominanten Globalisierung hinzuweisen. Ziel dieser Globalisierung der Globalisierung ist es, "to democratize the global economy". Dieses Ziel wird jedoch weitgehend raumlos vorgetragen (Danaher/Burbach und www.globalizethis.org).

4 Kritisch dazu Axford 2000: 246 ff., der für ein multidimensionales (nicht nur ökonomisches) Verständnis von Globalisierung eintritt. Vgl. auch Waters 1995, Rousseau 1999. – Als ökonomische Kritik vgl. Albert u. a. 1999.

5 Die Historizität der "growing interconnectedness" betont Axford 2000. – Vor allem die Diskussion um "Global Cities" zeichnet sich negativ als geschichtslos aus, vgl. dagegen: King 1990.

6 Dieser Bezug zu voran- und weiter gehenden Wandlungen macht eine Datierung der Globalisierung nachgerade unmöglich. Datierungen werden nur möglich, wenn ein Leitsektor mit besonderen Schwellenwerten bestimmt wird. Dabei kann es sich immer nur um einen Ausschnitt aus einer breiten Palette handeln. Seit 1984 z. B. ist explizit von "globalem Wettbewerb" die Rede- In den obigen Hinweisen sind z. B. politische Globalisierungsaspekte gar nicht angesprochen worden. – Zusammenfassend, vgl. schmematisch Hübner 1998: 19.

7 Auch dasjenige Gut, das weltweit auf Kauf- und Konsuminteressen stößt, wird lokal geplant, organisiert und hergestellt.

8 In beiden Fällen gilt: In den Handlungsbezug werden auch Unterlassungen einbezogen. Seit Carl Schmitt ist ja bekannt, kein Handeln ist auch eine Form des Handelns, unterlassene Hilfeleistungen stellen eine Form des Handelns dar.

9 In Local & Global diskutiert Castells (1996: bes. 44) zwar den "Space of Flows" in Beziehung zum "Space of Places", spricht aber den Strömen sogleich die Dominanz zu.

10 Diese Annahme muss weiter untersucht werden, ebenso die Anschlussthese, das politische System spiele ebenfalls eine untergeordnete Rolle. Dagegen wird der weichere Standortfaktor der (dominanten) politischen Kultur und der Wissens- und Lernmilieus als bedeutsam angesehen. Komparativ muss analysiert werden, ob der hier verwendeten Sichtweise nicht zu sehr ein US-amerikanischer Bias unterliegt. – (Alt-)Europäische Beiträge unterstreichen den Wert politischer Regulierung (Cohen, Aglietta).

Literatur:

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Albert, Matthias u.a. (2000): Die neue Weltwirtschaft, Frankfurt

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Appadurai, Arjun (1990): Disjunctures and Difference in the Global Cultural Economy; in: Lechner, Frank J./Boli, John (Hrsg.) 2000: The Globalization Reader, Malden/Oxford, S. 232-230

Appadurai, Arjun (1998): Globale ethnische Räume (1991); übers. in: Beck, Ulrich (Hrsg.) (1998): Perspektiven der Weltgesellschaft, Frankfurt/M., S. 11-40

Axford, Burrie (2000): Globalization; in: Browning, Gary u. a. (Hrsg.): Understanding Society: Theories of the Present, London/Thousand Oaks/New Delhi, S. 238-251

Baumann, Zygmunt (1998): Globalization, Cambridge/Oxford

Beauregard, Robert A. (1995): Theorizing the Global-Local Connection, in: Knox, Paul L./Peter J. Taylor (Hrsg.): World Cities in a World System, Cambridge, S. 232-248

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Danaher, Kevin/Burbach, Roger (Hrsg.) (2000): Globalize this!, Monroe

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Hennig, Eike/Lohde-Reiff, Robert/Schmeling, Anke (1997): Ethnisch-residentielle Segregation von Migranten in Frankfurt am Main und Amsterdam, in: fsb, Heft 3, S. 139-162

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Hübner, Kurt (1998): Der Globalisierungskomplex, Berlin

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Walter, Malcolm (1995): Globalization, London/New York

Walzer, Michael (1992): Sphären der Gerechtigkeit, Frankfurt/New York

 

Siehe zum Thema Globalisierung unsere lose Folge von Artikeln:

Joscha Schmierer, "Zeitalter der Globalisierung"? (9/97) Antje Hellmann-Grobe, Mythos und Risiko der Globalisierung (9/97) Michael Hintz, Neoliberale Globalisierung und die Krise der linken Kritik (4/98) Jens Becker u. a., Globalisierung ohne Alternative? Anmerkungen zur Literatur (8/99) Christoph Scherrer, Das Spektrum möglicher Antworten. Globalisierung – eine Zwischenbilanz (7/00) Christoph Scherrer, Die Spielregeln der Globalisierung ändern? Global Governance – zu welchem Zweck (9/00

Zu Raum- und Stadtentwicklungen siehe auch:

Roger Keil: Urban-Blues und kein Ende. Regulationsansatz und Global-city-Theorie (1/92) Gerd Held: Die Risikostadt (4/99) Roger Keil: Zentrum und Peripherie. Der Mythos der nordamerikanischen Stadt (4/99) Markus Hesse/Stefan Schmitz: Die europäische Stadt zwischen Auflösung und Nachhaltigkeit (4/99) Markus Hesse, "Moving Beyond Sprawl". Aufbruch der nordamerikanischen Stadt ins 21. Jahrhundert – das Beispiel Atlanta/Georgia (8/00)

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Zeitschrift Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur.

Kühl-Verlag (Frankfurt/Main)

Ausgabe November 2000 (18. Jg., Heft 11/2000)