Otto Singer
Verschwindet unsere Marktwirtschaft? Dies glaubt jedenfalls Jeremy Rifkin und findet damit bei Linken und Konservativen gleichermaßen Aufmerksamkeit.1 Er sieht die traditionelle Marktökonomie mit ihren klaren und eindeutigen Eigentumsbeziehungen im Übergang in eine netzwerkartige Dauerkommunikation, in der das alte do ut des des Tauschens von handwerklich oder industriell produzierten Gütern nutzlos und überflüssig wird. Die Endzeitvision: Netze verdrängen Märkte, Dienstleistungen ersetzen Produkte und Angebot und Nachfrage verschwinden ebenso wie Eigentum und Kapital als ökonomische Kategorien. Es geht natürlich auch um die wirtschaftliche Kontrolle des Zugangs. Rifkin sieht jene Medien-Mogule auf den Kommando-Höhen, die bereits heute einen großen Einfluss auf die weltweite Verbreitung von Informationen nehmen. Das Zukunftsbild: Monopolistisch strukturierte, weltumspannende Kommunikationsnetze, die lokale kulturelle Ressourcen ausbeuten und den Zugang für jedwede Aktivität und Kommunikation kontrollieren. Dieses eher sozial- und kulturkritisch gefärbte Tableau der Neuen Ökonomie bestimmt heute vor allem das Feuilleton, während die optimistische Vorstellung einer freiheitlich orientierten Wissensgesellschaft die Diskurse der Financial Community und der Internet-Experten beherrscht.2 Hier wird die ganze Vielfalt neu entstehender Märkte geschildert und gleichzeitig werden einprägsame Schlagwörter für das künftige Wirtschaften erfunden. Dieses betriebswirtschaftlich geprägte Bild der New Economy bezieht sich vor allem auf Unternehmen, die Spitzentechnologie herstellen oder wie E-Commerce auf diesen basieren.
Die so verstandene "neue Wirtschaft" existiert zweifellos, sie verändert auch die Geschäftsmodelle in der alten Wirtschaft, und sie trägt einen wachsenden Teil zur Wertschöpfung bei. Allerdings ist diese neue Wirtschaft an den Märkten überschätzt worden, wie die kürzliche Marktbereinigung deutlich gemacht hat. In einem umfassenden, makroökonomischen Sinn meint das Zauberwort New Economy auch etwas ganz anderes. Es steht für die außergewöhnliche Entwicklung der US-amerikanischen Wirtschaft in den letzten neun Jahren, in denen sich ein relativ hohes Wachstum mit weitgehender Preisstabilität verband. Das hat bei vielen Beobachtern den Glauben genährt, es gebe so etwas wie ein neues ökonomisches Paradigma. Ähnlich wie schon in den Sechzigerjahren hat sich die Auffassung verbreitet, dass nun die üblichen Konjunkturschwankungen aufhörten und damit auch im ökonomischen Sektor ein Ende der Geschichte erreicht sei. Im Zentrum dieser schönen neuen Welt steht die Idee, es lasse sich in Zukunft nachhaltig ein besonders hohes Produktivitätswachstum realisieren. Die empirische Basis für all diese Zuversicht ist bisher jedoch dünn. Zwar scheint ein neuer Produktivitäts-Schub eingetreten zu sein, der allerdings im historischen Langzeitvergleich nicht übermäßig hoch ausfällt,3 wirklich neu dürften an der neuen Wirtschaft, zumal in einer längerfristigen historischen Perspektive, die die verschiedenen industriellen Revolutionen im Auge behält, jedoch nur wenige Aspekte sein. Das schließt keineswegs aus, dass sich die amerikanische Wirtschaft heute (vor anderen Ländern) tatsächlich am Anfang einer langen Phase befindet, in der die Informations- und Kommunikationsnetzwerke nach und nach eine ähnliche Schlüsselrolle für die Dynamisierung und Veränderung von Wirtschaft und Gesellschaft einnehmen wie einst das Auto.
Der Trend zur "postindustriellen Gesellschaft" (Peter Drucker) wird seit Jahren von Ökonomen, Soziologen und anderen Experten untersucht und begleitet. Auch Rifkin verweist auf einige neue Aspekte dieser Entwicklung, die er allerdings ins Karikaturhafte überzeichnet. Dies betrifft vor allem die Rolle des Eigentums: Eigentum an Produktionsmitteln werde zu einer Last und sei deshalb nicht mehr die Grundlage von Profit und Reichtum. Diese Überlegung ein Standardargument der Propheten der Neuen Ökonomie beruht auf der Verabsolutierung der Bedeutung von Wissen und der damit verbundenen dispositiven Potenziale im Wirtschaftsprozess. In dieser Sicht sind jene Unternehmen die eigentlichen Akteure der Neuen Ökonomie, die ungebremst und unbelastet von einer Kapitalbürde in grenzenloser Flexibilität beliebige Angebote marktfähig machen können. Kapitalfreies, hyperflexibles Projektmanagement als Grundmuster des künftigen Wirtschaftens? Keine Informationsprobleme und kein bisschen bounded rationality im Unternehmenssektor? Kaum wahrscheinlich. Und weil auch künftig ökonomisches Handeln unter Unsicherheit und weiterhin als Suchprozess stattfinden wird, und weil nicht allein Wissensgüter produziert werden, ist ein Kapitalismus ohne Kapital nicht sehr wahrscheinlich. Allerdings werden im Zuge der Durchsetzung neuer auch netzwerkgetragener Produktions- und Distributionsmuster viele alte Unternehmen und Unternehmensformen obsolet werden. Die Gurus der Neuen Ökonomie haben in ihrem Überschwang freilich eine wichtige Botschaft von Joseph Schumpeter vergessen: Creative Destruction. Denn dies macht den Kern des Kapitalismus aus: die Fähigkeit, den technischen Fortschritt ökonomisch zu verwirklichen und alte Produktionsformen zu überwinden. Und dies nicht nur als kontinuierlicher Prozess, sondern immer wieder als zerstörerisch-revolutionärer Umbruch. Und davon sind nicht nur die Unternehmen der old economy betroffen: Intel könnte recht schnell dem Beispiel IBM folgen.
Auch wenn Wissensgüter künftig eine größere Rolle spielen, heißt dies jedoch nicht, dass deshalb die Bedeutung von Eigentum verschwinden wird. Die unterschiedlichen Formen des Eigentums werden auch in Zukunft existieren. Sie sind eine essenzielle Grundlage für eine entwickelte Marktwirtschaft. Es wird aber neue Verschränkungen zwischen Hierarchie mit Marktprozessen geben. Angesichts solcher hybrider Strukturen verschwimmen auch die Grenzen der Unternehmen; auch dies erhöht die Anforderungen an die Definition von Verfügungsrechten. Es wird auch große Auseinandersetzungen darüber geben, wie künftig die Eigentumsrechte über geistiges Eigentum in einer digitalen Ökonomie definiert und auch geschützt werden können. Und es wird darum gehen, wie die Teilhabe an Wissen in der Marktökonomie funktionsfähig und nichtdiskriminierend gestaltet werden kann. Dazu wird aktive Partizipation, aber auch Vertrauen in die Verlässlichkeit und Reziprozität von Transaktionen benötigt. Dies alles bedeutet keinen fundamentalen Bruch mit der kapitalistischen Vergangenheit, graduelle Veränderungen und neue Akzentuierungen dürften der künftigen Marktwirtschaft jedoch ein etwas anderes Gesicht geben. Dies bedeutet beispielsweise: eine weitere Steigerung der Produktivität des Kapitals und eine bessere Nutzung von Produktionskapazitäten. Wissen und andere immaterielle Vermögenswerte spielen im Unternehmen eine immer größere Rolle, nicht zuletzt um die Differenz von Buchwert und Marktwert besser zu erfassen. Manche, wie etwa Rifkin, erwarten indessen eine totale Vermachtung des ökonomischen Sektors durch große Unternehmen, die Produktion und Konsum kontrollieren werden. Für diese Annahme, ein fortwährender Topos des antikapitalistischen Diskurses, spricht nicht allzu viel. Gerade in einer Zeit der gehäuften Anwendung technologischer Neuerungen werden die ökonomischen Machtpositionen großer Konzerne, die auch innerhalb der neuen Netzwerke relativ unflexibel sind, recht schnell durch das Vordringen kleiner, innovativer Unternehmen aufgelöst. Allerdings: Wir müssen beide Wirkungen berücksichtigen, nämlich die neuen Potenziale für Wettbewerb und Marktzutritt, aber auch die Machtpotenziale, die in einzelnen Bereichen beispielsweise durch Netzwerkexternalitäten etwa durch die Größe eines Netzes entstehen. Es ist deshalb noch nicht klar ersichtlich, wie sich beide Effekte in den verschiedenen Sektoren der künftigen Ökonomie bemerkbar machen werden.4
Ein zentrales Argument der Kritiker der neuen Ökonomie ist schließlich die Warnung vor der Kommerzialisierung des gesamten Lebens durch einen Kapitalismus, der alle Lebensbereiche kontrolliert und den Menschen in eine Kaufkraft-Rechengröße verwandelt. Es ist dies die ökonomische Vereinnahmung, von der schon Karl Marx, Rosa Luxemburg, Karl Polany und die gesamte Frankfurter Schule gesprochen haben. Der neue Totalitarismus der Ökonomie ist diesmal durch das Internet geprägt, wodurch auf neuer technischer Grundlage die letzten, bisher übrig gebliebenen Reste nichtkommerzieller Beziehungen dem Zugriff des Ökonomischen ausgesetzt werden. Das manichäische Bild von der unmenschlichen ökonomischen Vereinnahmung der traditionsgebundenen Gesellschaft durch eine neue Bewusstseinsindustrie ist jedoch nicht überzeugend. Es gibt keinen Grund zur Annahme eines Totalitarismus der Wirtschaft, auch wenn mit der kommunikativen Globalisierung die interkulturellen Verflechtungen und osmotischen Beziehungen weltweit noch weiter zunehmen werden. Dass dies alles von einzelnen Großunternehmen dauerhaft kontrolliert werden könnte, ist schon aus ökonomischen Gründen sehr unwahrscheinlich. Dagegen spricht die Vielfalt des ökonomischen Lebens und der schnelle Strukturwandel innerhalb der Marktwirtschaft, der keine dauerhaften Machtpositionen zulässt.
Zu berücksichtigen ist statt dessen etwas anderes: Auch die Ökonomie und die ökonomischen Beziehungen sind nicht einfach Vergegenständlichungen einer neuen profitgetriebenen Technostruktur. Die ökonomische Entwicklung ist in starkem Maß von den vorhandenen Kulturen geprägt. Und diese kulturellen Grundlagen dürfen nicht einfach als Restgröße oder gar als normative Gegenwelt interpretiert werden. Sie sind in ihrer jeweiligen Ausprägung ein konstitutiver Teil des Ökonomischen. Dies gilt auch für die neuen Formen der Internet-Ökonomie. Die neue Wirtschaft steht in hohem Maß für Individualismus, Eigenverantwortung und Wettbewerb. In Deutschland ist bisher eher eine technisch-bürokratische Orientierung zu sehen, die Hoffnung, man könne sich dank technologischer Quantensprünge direkt ins goldene Zeitalter der neuen Ökonomie katapultieren und dabei ungeliebte Reformen vermeiden. Soll jedoch das Potenzial, das in der New Economy steckt, genutzt werden, wird sich die Wirtschaftspolitik an einer durchaus traditionellen marktwirtschaftlichen Reformagenda orientieren müssen.
1 Rifkin, J. (2000): Access. Das Verschwinden des Eigentums, Frankfurt/M.: Campus
2 So etwa bei Zerdick, A. u. a. (1999): Die Internet-Ökonomie, Berlin: Springer; vgl. auch Shapiro, C./Varian, H. (1998): Information Rules A Strategic Guide to the Network Economy, Cambridge: Harvard Business School Press. Sehr lesenswert auch: DeLong, B./Froomkin, A. (2000): Speculative Microeconomics for Tomorrow´s Economy, Web-Site: http:/econ161.berkeley.edu/
3 Vgl. dazu Gordon, R. (2000): Does the "New Economy" Measure up to the Great Inventions of the Past?, NBER-Working Paper W7833, Cambridge Ma.: NBER
4 Eine gute Übersicht: Economist (2000): The New Economy (Survey), 23. September
COPYRIGHT:
Zeitschrift Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur.
Kühl-Verlag (Frankfurt/Main)
Ausgabe November 2000 (18. Jg., Heft 11/2000)