Jürgen Meier
Die einen nennen sie "Rattenfänger", andere schimpfen sie den "braunen Sumpf". Da mit Ratten und einem braunen Sumpf wenig Menschen etwas zu tun haben wollen, scheint damit die Kritik an jenen, die man "Rechtsradikale" nennt, glaubwürdig zu sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Mit diesen Vergleichen tappen durchaus ehrliche Politiker und Journalisten in die Falle des mystischen Irrationalismus. Gewalt, gleichgültig, ob sie als Mord, an dessen Ermittlungen wir uns im Fernsehen Woche für Woche unterhalten, als Vergewaltigung an Frauen oder als Ausländerfeindlichkeit in Erscheinung tritt, ist ein gesellschaftliches Problem. Gewalt entsteht in menschlichen Beziehungen und ist kein Gesetz der Natur, das uns fremdbestimmt.
Im Jahr 1999, so ermittelte das Bundeskriminalamt, sind die Straftaten im "rechtsextremen Motivfeld", im Vergleich zum Vorjahr, um 9,2 Prozent auf 10037 gesunken, während die Gewalttaten um 5,4 Prozent auf 746 anstiegen. Im "linksextremen Motivfeld" lag die Zahl der Gewalttaten im gleichen Jahr bei 711. Statistiken erklären nichts. Sie alarmieren bestenfalls zur Vorsicht. Aber wovor?
Hitlers Biologismus Die Negation von Wissenschaftlichkeit war eine wichtige Aufgabe für Hitlers Philosophen, die sich alle sehr emsig darum bemühten, den Geist der hegelschen Dialektik aus der deutschen Ideologie zu kippen, um ein biologistisches Menschenbild der Rasse konstruieren zu können. Nicht die menschliche Weltgeschichte, sondern die Anschauung und Intuition wurden als Mittel einer biologischen Erkenntnis des arischen Menschen aufgebaut.
Der Philosoph Krieck: "Zeugung, Geburt und Tod sind zugänglich im Erleben: als Stationen des eigenen und fremden Lebensvorganges werden sie gegenständlich im Erleben und damit zugänglich in der Anschauung. Und vom Erleben aus weitet sich Anschauung und Verstehen zurück und hinauf zum Weltall." Diese "ganzheitliche Erkenntnis" (Krieck) trägt "zugleich die gemeinschaftliche, völkische, rassische, geschichtliche Struktur als Bedingung, als bestimmendes Element der Erkenntnisweise und des Erkenntnisergebnisses, der ,Wahrheit in sich" (Krieck).
Für Hitler waren keine "Rattenfänger" übrigens noch immer eine wichtige gesellschaftliche Arbeit am Werk, sondern Ideologen, die nicht auf das "Wozu" und "Warum" des menschlichen Lebenssinns eine Antwort geben wollten, deren Gehalt sich ja historisch je nach Entwicklungsstand der Gesellschaft verändert, sondern Geschichte der Menschen sollte in biologische Lebenskreise verwandelt werden. "Wir glauben dagegen", so Krieck, "dass die Geschichte jedes Volkes einen Lebenskreis für sich darstellt." Jeglicher Gedanke an die Einheit der menschlichen Gattung sollte zunichte gemacht werden.
Wer heute nur einen flüchtigen Blick in das NPD-Programm wirft, der entdeckt, wie an diesem Biologismus angeknüpft wird. "Wir stehen mit einem lebensrichtigen(!) Menschenbild gegen Fremdherrschaft und Fremdbestimmung, gegen Überfremdung ... Die Familie ist Träger des biologischen Erbes. Ein Volk, das tatenlos zusieht, wie die Familie zerstört wird oder ihre Kraft verliert, wird untergehen, weil es ohne gesunde Familien kein gesundes Volk gibt."
Der Biologismus, der die menschlichen Beziehungen mit den Naturgesetzmäßigkeiten identisch setzt, ist allerdings eine Ideologie, die in unserer Gesellschaft, in der die einen an den Biorhythmus ihres Horoskopes glauben, andere Steinketten um ihr Handgelenk legen, um "besser drauf zu sein", oder die eigene "intuitive Kraft" beschworen wird, um sich die "Welt" mystisch erklären zu können, weit verbreitet ist.
Die alltägliche Flucht vor gesellschaftlichen Entfremdungen führt oft in die Natur, von der man Erklärungen, Hoffnungen und Befriedigungen vieler menschlicher Sehnsüchte erwartet. Auf die "Intuition" der arischen "Seele" stützte sich Hitlers Philosoph Krieck. Die Intuition kommt heute in fast allen Magazinen, gesundheitlichen Ratgebern oder psychosomatischen Zirkeln im freiheitlichen Gewand des Individualismus daher und verspricht Glück. Die Huldigung der Intuition gehört zu einem modernen biologistischen Menschenbild. Sie ist genauso unwissenschaftlich und unhistorisch wie die Rasse.
Mit Nationalismus und Nation haben jene, die Rechte genannt werden, allerdings nichts zu tun, auch wenn sie sich selbst Nationale nennen und von Gegnern Nationalisten genannt werden, denn die Nation war, zumindest im Frankreich 1789, das Ergebnis eines demokratischen Kampfes der jungen Bourgeoisie gegen den Feudalismus.
Das wissen die NPD und ihre befreundeten Organisationen genauso, wie es Hitler in einem Gespräch mit Hermann Rauschning (1887- 1982; 1933-34 nationalsoz. Senatspräsident in Danzig; Emigration 1936) zum Ausdruck brachte:
"Die ,Nation ist ein politischer Ausdruck der Demokratie und des Liberalismus. Wir müssen diese falsche Konzeption loswerden und an ihre Stelle die Konzeption der Rasse setzen, die politisch noch nicht verbraucht ist ... Ich weiß ganz genau, dass im wissenschaftlichen Sinn nichts derartiges wie Rasse existiert ... Ich als Politiker brauche eine Konzeption, die es möglich macht, die bisherigen historischen Grundlagen zu vernichten und an ihre Stelle eine vollständig neue und antihistorische Ordnung zu setzen und dieser eine intellektuelle Basis zu geben."
Hitler war in diesem Sinne Europäer. Er wollte Europa: "Es wird nur ein Deutschland geben, wenn es gleichzeitig Europa ist. Ohne Herrschaft über Europa müssen wir zugrundegehen" (Hitler zu Rauschning).
Wen meinte Hitler mit wir? Die Rasse war für ihn ja nur ein Konzept, mit dem er die Menschen zu manipulieren wusste. Dieses "Wir" stand für Konzerne, die Märkte brauchten. Hitlers Rassenmythos scheint uns heute wie die Vorstellung eines Wahnsinnigen vorzukommen, dessen Virus auf seine heutigen Nacheiferer gesprungen ist. Doch sein ganz offensichtlich unwissenschaftlicher Rassenmythos war nur Mittel er nannte es bereits ganz neudeutsch: Konzept , um eine Produktionsweise aus der Krise zu führen, die an ihren Widersprüchen zu zerbrechen drohte. Hitler war ein indirekter Apologet des Kapitalismus. Darin bestand seine Demagogie.
Wer heute gegen die Neuauflage der Hitler-Konzeption antreten möchte, der knüpfe an die historischen Grundlagen unseres gesellschaftlichen Seins an. Die Wurzel für den Menschen ist der Mensch, ein gesellschaftliches Wesen, selbst, nicht die Natur, nicht der "braune Sumpf" oder die "braunen Ratten".
Die Ideologie des Biologismus, die uns alltäglich oft recht wissenschaftlich klingend begegnet und auf die wir ganz leicht hereinfallen, ist die Basis einer Gewalt, die "ausrotten" will, was das biologische Erbe zu vernichten droht. Diese Ideologie lässt sich nicht verbieten, sondern nur kritisieren und zwar nicht nur gegen "rechts".
Jürgen Meier
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Zeitschrift Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur.
Kühl-Verlag (Frankfurt/Main)
Ausgabe November 2000 (18. Jg., Heft 11/2000)