Gewalt als Inszenierung

Ein Diskursversuch zur rechten Radikalen

Martin Altmeyer

Der Spuk ist nicht vorbei. Die jüngsten Anschläge auf jüdische Synagogen belegen, dass es sich bei den rechtsradikalen Gewaltakten keineswegs um jahreszeitlich bedingte Eruptionen eines jugendlichen Bekenntnisdrangs handelte. Man muss kein Prophet sein, um eine Fortsetzung jener Taten vorauszusehen, die auf Fremde oder fremd Aussehende, Juden, Behinderte oder Schwache zielen. Die Brandanschläge und Menschenjagden sind aber nicht bloss gemein motivierte neofaschistische Verbrechen, die aus einer brisanten Mischung aus politischen Gründen und individuellen Motiven begangen werden, sondern identitätsstiftende Aktionen, die mit symbolischer Bedeutung aufgeladen sind.

Mit Feuer und Blut, Mord und Totschlag beantworten die Täter gewaltsam die Frage, wer zu ihnen gehört und wer nicht und damit auch, wer sie sind, in welcher inneren Welt sie leben und was für eine äußere Welt sie anstreben. Die neue Gewalt ist im klassischen politischen Koordinatensystem nur unzureichend zu beschreiben und hat mehr mit Identität als mit den Kategorien von Links und Rechts zu tun. Sie ist vielmehr als Inszenierung zu begreifen, zu der die Reaktionen der Opfer ebenso gehören wie die mediale Spiegelung, die soziale Wirkung und die politische Beantwortung ihrer Taten.

Eine Inszenierung aber sollte verstanden werden, auch und gerade wenn sie unbewusste Züge trägt und die Akteure ihre Dramaturgie nicht steuern wie eine Schauspieltruppe ihr Stück. Verstehen heißt ja beileibe nicht dulden und mündet nicht in jenem "akzeptierenden Ansatz", den eine naive Sozialarbeit im Osten so lange praktiziert hat, bis die Jugendhäuser fest in rechtsradikaler Hand waren und als Zentren für "national befreite Gebiete" oder "ausländerfreie Zonen" fungierten. Verstehen bedeutet, einen inneren Zusammenhang herzustellen zwischen der Gewalttat und den sie begleitenden Phantasien, dem gesellschaftlichen Umfeld, dem historischen Kontext sowie den vielfältigen sozialen Rückkoppelungen, denen sie sich verdankt. Ohne ein solches Verständnis bleibt das Waffenarsenal der "wehrhaften Demokratie" – der viel beschworenen Aktionseinheit aus demokratischer Bürgergesellschaft und politischem Rechtsstaat – stumpf und erzielt gegen den weißen Rassismus lediglich die Streuwirkung von Schrotgewehren.

Um meine hier entwickelte Auffassung vorwegzunehmen und aus der militärischen Metaphorik auszusteigen: Die Hauptwaffe im Kampf gegen den Rechtsradikalismus ist der öffentliche Diskurs über Grundfragen der Gesellschaft. Ich will auf einige dieser heiklen Fragen hinweisen, deren mangelnde Kommunikation das Wiederaufleben barbarischer, vormoderner Gewalttätigkeit begünstigt.

Da ist erstens die sozialpsychologisch weitgehend misslungene deutsche Wiedervereinigung. In der DDR sah sich eine ganze Generation, im Geiste von Klassenkampf, Antifaschismus und sozialistischer Autorität erzogen, genötigt, unter den Verlockungen der Marktwirtschaft, unter den Drohungen der Gesinnungsüberprüfung und unter dem Zwang zur gemeinen Anpassung ihre Biographie umzuschreiben und sich zu Opfern einer Gesellschaftsordnung zu machen, die sie doch in ihrer großen Mehrheit mitgestaltet hatten. Es sind die verlorenen Kinder der Nachfolge-Generation, die sich im Osten jetzt als Herrenmenschen aufspielen, ihrer trostlosen Existenz einen nationalen Sinn geben und mit der klammheimlichen Zustimmung ihrer Eltern vermeintliche Nicht-Deutsche jagen. In dieser projektiven Form von mörderischer Selbstvergewisserung demonstrieren sie den undurchschauten Zusammenhang zwischen narzisstischer Kränkung und Wut, zwischen Selbst- und Fremdenhass und lassen uns an der intergenerationellen Bewältigung eines kollektiven Identitätsverlustes teilhaben. Es wirkt wie eine zynische Parodie auf die Fruchtbarkeit des realen Sozialismus, wenn kaum ein Jahrzehnt nach seinem Zusammenbruch aus seinem Schoße etwas kriecht, das doch nach der Legende nur dem Kapitalismus entspringen durfte.

Da ist zweitens ein Zusammenhang mit der expansiven Spaß- und Erlebnisgesellschaft des Westens und ihren kulturellen Identifikationsangeboten. Hinter dem vordergründig rassistischen Motiv taucht bei den gewalttätigen Exzessen, wenn man die Beteiligten zum Reden bringt, häufig die reine Lust an der Vernichtung auf, der todessüchtige Thrill. Tragen die Skinheads ihre Glatzköpfe, Runen-Tattoos, Springerstiefel und Baseball-Clubs nicht wie Signaturen eines phallischen Narzissmus?  Handelt es sich nicht um Formen der Perversion – die bekanntlich ohne begleitende Schuld- oder Schamgefühle auskommen –, wenn sie sich an der Angst und Hilflosigkeit ihrer Opfer weiden? Sind diese perversen Derivate der narzisstischen Spiegelung, wie uns sozial- und sexualwissenschaftliche Untersuchungen der neuen Gewaltphänomene zeigen, nicht auch in anderen Szenen ohne jede politische Konnotation zu beobachten? Filme wie American Psycho oder Fight Club behandeln schließlich gesellschaftlich vermittelte Männerphantasien, nicht den Rechtsradikalismus. Auch satanistische Praktiken bei rechtsradikalen Gewaltakten sprechen für die These, dass die Täter den nationalsozialistischen Jargon bloß benutzen, um den bloßen Tabubruch zu symbolisieren und psychische Leerstellen zu plombieren. Was in den USA "rampage killing" genannt und als eine existenzialistische Form der Selbstfindung verstanden wird, die sich der medialen Reflexion bedient, verkleidet sich in Deutschland gerne als Neo-Faschismus.

Drittens muss die Gesellschaft und sollten insbesondere die Medien ihre verstärkenden Reaktionen auf die spektakulären Formen der Gewalttätigkeit überprüfen. Im Zusammenhang mit "Big Brother" und den reflexiven Formen postmoderner Identität habe ich (in der Kommune 6/2000) behauptet, dass auch die Underdogs der Gesellschaft – nicht nur die Prominenz aus Politik, Kultur und Fernsehen – durch mediale Spiegelung so etwas wie Anerkennung erfahren. Im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit profitieren die politisch aktiven Rechtsradikalen vom Identitätsgewinn durch ein beobachtendes Publikum ebenso wie randalierende Hooligans, wenn sie einen Polizisten vor den Augen der Fernsehkameras zum Krüppel prügeln oder sich mit ihresgleichen nach ritualisierten Regeln Straßenschlachten liefern, von denen sie ihre eigenen Video-Aufnahmen machen zur späteren Erbauung oder medialen Vermarktung. Auch negative Anerkennung bedeutet Identität. Deshalb sind Analysen wie die des Sozialwissenschaftlers Heitmeyer so wichtig, der in einer fehlenden "Kultur der Anerkennung" eine Quelle der gewalttätigen Selbstbehauptung erkennt, und Projekte wie die des Kriminologen Pfeiffer (siehe auch Kommune 9/2000) so unterstützenswert, die auf die Förderung einer solchen Kultur im zivilgesellschaftlichen Alltag setzen.

Als Viertes muss man die Frage der Integration und Desintegration einer Gesellschaft aufwerfen, die sich im Zuge ihrer Globalisierung und Medialisierung zunehmend neo-darwinistisch gibt und einer gnadenlosen Mentalität des Gewinnens oder Verlierens huldigt. Im Kampf gegen die Komplexität der Moderne und die kosmopolitische Offenheit der Welt erleben wir das Aufleben neuer Männerbünde und Bruderschaften, die sich an archaischen Bildungsmustern und Gemeinschaftsidealen orientieren. Die im Kollektiv begangenen Verfolgungsjagden, Mordtaten und Brandstiftungen schaffen neben dem Gefühl von Macht und Männlichkeit auch eine elementare Verbindung in Blut, Schweiß und Feuer. Im "Abfackeln" von Asylantenwohnheimen, im "Abklatschen" von Obdachlosen und in der mörderischen Jagd auf den schwarzen Mann scheinen Formen der heiligen Aktion gefunden, in denen die Beteiligten ihre soziale Isolation aufheben, ihr inneres Gleichgewicht sichern, ihre seelische Verstörung bewältigen und sich zugleich öffentliche Aufmerksamkeit verschaffen können.

Das vormoderne Welt- und Menschenbild der rechten Szene ist fünftens kein Randphänomen – es ist mittendrin im deutschen Alltagsleben. Die politische Kultur der rechten Szene ist, anders als noch vor zehn Jahren, kein Außenseiterphänomen, das sich ohne weiteres ausgrenzen oder reintegrieren ließe, sondern sie ist in der Gesellschaft gut verankert. Wem die dumpfen Bemerkungen von Zlatko aus der ersten "Big-Brother"-Staffel zu Frauen und Fremden, zu Kunst und Literatur noch im Ohr klingen, wird sich nicht darüber empören, dass er für eine gut gemeinte taz-Aktion sein "Gesicht nicht zeigen" und der Promi-Einheitsfront gegen Rechts nicht beitreten wollte; Christian aus der zweiten Staffel ist mit seinem kaum noch für möglich gehaltenen Male-Chauvinismus ein würdiger Nachfolger und wird vom Sender zynisch vermarktet. Als mit dem desaströsen Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft bei den Europameisterschaften der Verfall von Spielkunst und -kultur gegenüber anderen Mannschaften offenkundig wurde, eröffneten die Medien zugleich einen nationalen Erregungsdiskurs über die "deutschen" Tugenden von Kampf, Einsatzbereitschaft und Siegeswillen, die den verzärtelten, verwöhnten und arbeitsverweigernden Spielern abhanden gekommen seien. In jedem Fußballstadion können wir inzwischen die lärmenden Trinker erleben, die sich über die Kameltreiber, die Kanaken, die Bimbos mokieren – sind die "Zecken" da so weit weg?

Es geht deshalb sechstens nicht nur um die berüchtigten 9000 bekannten gewaltbereiten Mitglieder von offen rechtsradikalen Organisationen, wie sie in den Angaben von Polizei und Verfassungsschutz über die rechte Szene immer wieder auftauchen, die vor Brandanschlägen, Mord und Totschlag nicht zurückschrecken. Sie können sich auf stillschweigende Sympathien in einem Segment der Bevölkerung berufen, das nach über Jahre hinweg gleich bleibenden Umfrageergebnissen zwischen 12 bis 15 Prozent beträgt und durch ein stabiles rechtes Weltbild gekennzeichnet ist. Aber dieses Potenzial ist parlamentarisch nicht angemessen repräsentiert. Wegen der Verankerung des rechten Denkens in Teilen der Gesellschaft werden wir wohl hinnehmen müssen, dass es sich auch in Deutschland als Partei formiert, die ihre Wähler findet. Die historische Erfahrung mit dem Nationalsozialismus immunisiert gegen die Wiederholung des faschistischen Zivilisationsbruchs hier ebenso wenig, wie die Erfahrung mit Kollaboration und Vichy-Regierung in Frankreich dort ein Antidot gegen den Front National gewesen ist. Man muss die politische Auseinandersetzung auf der Ebene der parlamentarischen Demokratie suchen. Die Erfahrung zeigt, dass eine rechtsradikale Partei diese Herausforderung, wenn sie auf der Höhe der Zeit geführt wird, nicht bestehen kann, weil das vormoderne Denken keine Optionen zur Lösung gesellschaftlicher Probleme der Gegenwart bietet.

Von einer nationalistischen Partei muss aber siebtens zugleich verlangt werden, dass sie Recht und Verfassung akzeptiert und keine brandschatzenden und mordenden Banden aushält. Das rechtsstaatliche Gewaltmonopol ist eine Errungenschaft der bürgerlichen Demokratie und dient der Zivilisierung ihrer Konflikte. Seine schleichende Aushöhlung fördert  bei den Rechten die weit verbreitete Vorstellung, die Demokratie sei ein schwächliches und entscheidungsunfähiges System. Diesem Missverständnis darf der Staat keinen Raum lassen; er muss aufmerksam und "stark" sein, die Opfer schützen, die Täter verfolgen. Die Strategie einer Parlamentarisierung der Rechten muss also von einer Repressionsstrategie begleitet sein, bei der die Organe von Polizei und Justiz ihre Aufgaben wahrnehmen. Ein NPD-Verbot aber würde das dezentralisierte rechtsradikale Vagantentum fördern (siehe den Beitrag von Armin Pfahl-Traughber auf Seite 28).

Achtens schließlich muss man feststellen, dass der weiter gärende Parteispendenskandal eine unheilvolle Rolle spielt. Nicht zufällig war es Roland Koch, der den Medien eine hysterische Übertreibung der rechten Gefahr vorwarf und im Wirtshaus für eine Rückkehr aus der europäischen Verwirrung zur nationalen Identität plädierte. War es nicht derselbe Koch, der mit seiner populistischen Kampagne gegen den "Doppelpass" die Ausländerfeindlichkeit geschürt und damit die Wahlen in Hessen gewonnen hatte? Und versuchte er nicht mit dem gleichen Vorwurf der "Medienhysterie", seine tiefe Verwicklung in den Spendenskandal zu vertuschen, der einem diffusen Misstrauen gegen das politische System Nahrung gegeben hat – und weiter gibt, weil er nicht bis zu seinem eigentlichen Kern aufgeklärt wird, nämlich der korruptiven Verwicklung einer mächtigen Partei in die intransigenten Interessen ihrer Geldgeber, der Käuflichkeit von Politik. Statt eine reinigende und die Institutionen der Demokratie stärkende Wirkung zu provozieren, verursacht dieser in seiner Tiefe unaufgeklärte Skandal weiterhin Politikverdrossenheit und fördert rechtes Denken in den vordemokratischen Kategorien von Männerfreundschaft, Treue und Ehre.

Statt dass durch Aufklärung die Botschaft des demokratischen Verfassungsstaates befördert würde: dass die politische Macht unter transparenten Bedingungen, im offenen Streit der Meinungen und in der freien Konkurrenz der Optionen zur Lösung der Zukunftsfragen der Gesellschaft erworben werden und sich bei ihrer Ausübung diskursiv rechtfertigen muss – stattdessen wachsen Vorbehalte gegen die Demokratie und bestätigt sich das rechte Weltbild, wonach das verhasste System verrottet ist und die da oben ohnehin machen, was sie wollen.

Diskursive Herausforderung und parlamentarische Zivilisierung der Rechten, entschiedener Verfassungspatriotismus und offensive Einwanderungsdebatte, Ächtung der Xenophobie und zivilgesellschaftliche Nacherziehung, sozialpolitische Maßnahmen der Prävention und Rückeroberung des staatlichen Gewaltmonopols – all diese politischen Antworten auf das Anwachsen rassistischer Strömungen in der deutschen Gesellschaft sind notwendig. Aber sie sind schon deshalb nicht hinreichend, weil die rechtsradikal drapierte Gewalt, das ethnische Ressentiment, der mörderische Rassenhass tief in die soziale Wirklichkeit hineinragen und die neue Barbarei ihre Wurzeln auch in Lebensweltpathologien hat. Die gegenwärtige Konzentration auf eine Verbotsdebatte wirkt wie eine gesellschaftliche Form der Verdrängung solcher Fragen. Verdrängung aber bedeutet Abspaltung des Unerwünschten, Ausschluss aus der Sprache, Verbannung in den Untergrund des Unbewussten, Exkommunikation – mit symptomatischen Konsequenzen, wie wir sie beim individuellen Abwehrmechanismus für den klinischen Fall kennen. Der gesellschaftliche Verdrängungsprozess, der den Diskurs über schwierige soziale Fragen ersetzt,  hat andere Folgekosten. Jenseits einer "schwarzen Pädagogik" in Form unnachsichtiger Repression oder einer milden Sozialpädagogik in Form nachsichtiger Betreung verlangt der Kampf gegen die rechtsradikale Gewalt deshalb eine Selbstverständigung der Gesellschaft, bei der sich die Mehrheit im Spiegel ihrer Minderheiten betrachtet.

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Zeitschrift Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur.

Kühl-Verlag (Frankfurt/Main)

Ausgabe November 2000 (18. Jg., Heft 11/2000)