Europa denken

 

Substanz, Form und Rolle einer erweiterten EU im Zeitalter der Globalisierung

 

Angelo Bolaffi

 

Vor allem zwei Daten machen Europas geistige und politische Identität aus: die Atlantik-Charta 1941 als Geburtsurkunde des zukünftigen Europas und der Fall der Berliner Mauer 1989, ein symbolisches Datum für den Zerfall des Sowjetreiches und zugleich Signal für die Globalisierung der Welt. Das Projekt Europa ist nicht nur ein Resultat der Globalisierung, sondern auch eine Antwort auf die soziale, politische und wirtschaftliche Herausforderung derselben, und wirft zugleich die Frage nach der Krise des Nationalstaats auf. Europa ist nicht denkbar als homogenisierter Superstaat, sondern nur als politischer Körper, der den Pluralismus der Kulturen bewahrt.

 

Vor genau hundertachtzig Jahren sprach Hegel noch Europa Mut zu – über die Philosophie der Weltgeschichte las er zum ersten Mal im Wintersemester 1822 –, indem er die These vortrug, Amerika sei zwar „das Land der Zukunft, in welchem sich in weiter vor uns liegenden Zeiten … weltgeschichtliche Bedeutung offenbaren soll; es ist ein Land der Sehnsucht für all jene, welche das alte Europa als Kammer der historischen Versatzstücke langweilt“. Aber, so meinte er weiter, „Amerika hat von dem Terrain auszuscheiden, auf dem sich bis heute Weltgeschichte zutrug. Was sich dort bis jetzt ereignet, ist nur der Widerhall der Alten Welt“. Dagegen sei die Alte Welt – damit meinte er Europa – der eigentliche Schauplatz der Weltgeschichte.

Heute, am Anfang des 21. Jahrhunderts, müssen wir uns zwingend die Frage stellen – nachdem die von Hegel aufgerufene Zukunft schon lange Vergangenheit geworden ist –, wie es um Europa bestellt ist; ob die Alte Welt eben alt und deshalb langweilig geworden ist (dieses alte Europa langweilt mich, war der Spruch von Napoleon); und wie sich heute auf der Bühne der Weltgeschichte die Beziehungen zwischen Alter und Neuer Welt, zwischen Europa und Amerika gestalten, nachdem nicht nur dieser Kontinent schon lange von jenem Terrain ausgeschieden ist, auf welchem heute die Weltgeschichte ausgetragen wird – das 20. Jahrhundert war Zeuge, dass der Weltgeist und die damit verbundene Weltmacht während der Dämmerung der Belle Époque und mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs den Atlantik überquerte –, sondern dass Amerika am Anfang dieses Jahrhunderts/Jahrtausends die einzige existierende Supermacht geblieben ist. „Heute genießen die Vereinigten Staaten“ – so kann man im Vorwort lesen, das Präsident George W. Bush Mitte September dem Bericht Die nationale Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten von Amerika vorangestellt hat – „eine Position von unvergleichlicher militärischer Stärke und großem wirtschaftlichem und politischem Einfluss. Indem wir unserem Erbe und unseren Grundsätzen treu bleiben, setzen wir unsere Macht nicht ein, um einseitigen Vorteil zu erlangen. … Wir werden den Frieden ausdehnen, indem wir freie und offene Gesellschaften auf allen Kontinenten ermutigen. … Wir, die Vereinigten Staaten, übernehmen gern die Verantwortung, bei dieser Mission voranzugehen“.

Eine ontologische – würde ich sagen – und in der Geschichte (einzige Ausnahme ist die Ära des alten römischen Kaiserreiches) beispiellose Asymmetrie der Macht auf der Welt, eine »unusual position«, wie sie Condoleezza Rice, die mächtige Beraterin von George W. Bush, treffend bezeichnet hat.

 

Wer eine Ortsbestimmung Europas versucht, muss gleich feststellen, dass auch zur Beschreibung ihrer geopolitischen Befindlichkeit vor allem die Geschichte und weniger die Geografie dazu etwas zu sagen hat. Tatsächlich ist Europa (der Name ist semitischen Ursprungs: ereb, das Dunkle, nannten die Phönizier das Land im Westen, hinter dem die Sonne unterging. Die Griechen übernahmen das Wort und bezeichneten damit das gestaltlose Jenseits im Norden, wo die Barbaren lebten) geografisch schwer zu definieren und das nicht nur, weil nach der berühmten Definition Paul Valérys „Europa eine Halbinsel Asiens ist“, sondern weil nur bestimmte geistige Traditionen und geschichtliche Erfahrungen ihre Identität definieren und uns Bescheid sagen, wo eigentlich ihre Grenzen im Osten verlaufen; im Westen ist bekanntlich alles klar. Die Katastrophe des Erdbebens in Lissabon etwa wurde im Selbstbewusstsein der Aufklärung – das hat uns Voltaire übermittelt – als ein europäisches Problem wahrgenommen. Aber wie steht’s mit Russland? Ein Land, das Europa gerne angehören möchte, obwohl der größte Teil seiner Territorien auf asiatischem Gebiet liegt und seine geistige Europäisierung immer nur oberflächlich gewesen ist? Man muss zwar mit geschichtlichen Prognosen vorsichtig umgehen, da sie uns immer wieder mit plötzlichen und unerwarteten Kehrwendungen überrascht haben und überraschen werden, und trotzdem wage ich die Behauptung, dass Russland – im Gegensatz zu dem, was neulich Berlusconi unvorsichtigerweise behauptet hat – nicht zu Europa und besonders nicht zur Europäischen Union angehören kann und wird (der Fall der Türkei sieht vielleicht etwas anders aus, bleibt aber trotzdem sehr kompliziert und sehr streitig).

Also, welches Antlitz hat Europa wirklich, das nach dem von Ovid uns überlieferten Mythos eine Königstochter sei, die in einer ungewöhnlichen Beziehung zu dem Gott in Stiergestalt steht?

„Die Wirklichkeit Europas wurzelt im Bewusstsein der Menschen“, bemerkt der heute in London tätige deutsche Historiker Hagen Schulze in seinem beim Siedler Verlag unter dem Titel Die Wiederkehr Europas erschienenen Bändchen, Europa ist „ein kollektiver imaginärer Entwurf, der sich wandelt, wie sich die Menschen wandeln“. Wenn wir uns also an die epochale Aufgabe heranmachen und nach der finanziellen und wirtschaftlichen auch die politische Einigung Europas erzielen, eine Aufgabe, die gerade in diesen Tagen eine ihrer dramatischsten und kritischsten Entscheidungen mit dem Ergebnis des irischen Nizza-Referendums und der Aufnahme von 10 neuen Mitgliedern in die EU erleben wird, dann ist es sicher ratsam, wieder im geistreichen Buch von Federico Chabod Storia dell’idea d’Europa zu blättern, in dem wir lesen können, dass Europa „ein Werk der Geschichte, das heißt, des menschlichen Willens“ ist, „das im Verlauf der Jahrhunderte seinen dauerhaften Stempel den Generationen aufgedrückt hat“.

Eine kurze Bemerkung sei erlaubt: Wann werden wir alten EU-Mitglieder von der absurden und inzwischen unerträglich klingenden Gewohnheit, von der aus der Zeit des Kalten Krieges stammenden Vorstellung Abschied nehmen, die jahrzehntelang Europa mit West-Europa verwechselt hat und immer noch verwechselt, indem wir den geschichtlichen Termin des Eintritts zehn neuer Mitglieder als Erweiterung statt als Vollendung Europas bezeichnen? Mag das auf der Achse Paris-Bonn gebaute karolingische Europa eine würdige Rolle gespielt haben: Wenn Europa aber wieder eine weltgeschichtliche Rolle spielen soll und wird, dann soll die Vollendung so schnell wie möglich zu Stande kommen und dazu selbstverständlich auch die nötigen und unaufschiebbaren institutionellen Reformen, um dieses neue »große Europa« überhaupt regierungsfähig zu machen (Übrigens sind diese Reformen schon seit langem fällig, auch wenn es bei den alten 15 Mitgliedern geblieben wäre, wie Romano Prodi unlängst richtig bemerkt hat).

 

Zwei Daten sind in der Geburtsurkunde dieses Europas eingetragen: zwei Daten, die seine politische und geistige Identität ausmachen. Das Datum vom 14.8.1941, als Churchill und Roosevelt die Atlantik-Charta formulierten, ein Dokument, das im finstersten Moment der europäischen Geschichte des 20. Jahrhundert nicht nur Europa Hoffnung machte, sondern auch den Weg zeigte, jenen Weg, der nicht nur die Alte Welt vor der Bedrohung der totalitären Diktatur gerettet, sondern auch das zukünftige Europa ermöglicht hatte: Das transatlantische Bündnis, in dessen Gefolge Europa sich vom Abendland zum Westen entwickelte. Dieses Bündnis, das ein halbes Jahrhundert lang wie der Polarstern im geistigen und politischen europäischen Firmament war, darf niemals aus den Augen der Europäer (und insbesondere des vereinigten Deutschlands) verschwinden, egal was passieren mag. Auch für das neue »große Europa« von 25 oder 27 Mitgliedern werden die deutsch-französische Entente cordiale und die transatlantischen Beziehungen die politischen Bedingungen bleiben, ohne die sich Europa ansonsten gleich auf einem politischen und kulturellen Holzweg verirren würde. Selbstverständlich setzt diese Treue (die kein Vasallenverhältnis ist) die Möglichkeit voraus, in bestimmten Themenbereichen oder Entscheidungen eine andere Meinung zu haben und diese Meinungsverschiedenheit konsequent austragen zu dürfen.

In diesem »großen Europa«, dessen Schwerpunkt sich mehr nach Osten sowie nach Süden verschieben wird, wird es eine neue politische und diplomatische Aufgabenverteilung geben, in deren Gefolge eine neue Verantwortung auf Deutschland (und teilweise auch auf Italien wegen der krisenhaften Lage auf dem Balkan und der geopolitisch wieder zentralen Rolle des Mittelmeers) zukommen wird. In dieser Hinsicht lassen sich zwei Szenarios ausmalen, die über die traditionelle und heute nicht mehr aktuelle Alternative zwischen einem deutschen Europa oder einem europäischen Deutschland hinausgehen. Es geht nämlich darum, welche Rolle in dem zur Realität gewordenen Aufbau Europas Deutschland spielen wird. Nicht mehr also um die Möglichkeit der europäischen Union, sondern um die Form, um die Konstitution, könnte man sagen, die sie annehmen wird. „Im Um- und Ausbau der EU bündeln sich insofern die wichtigsten Interessen und die größte Herausforderung deutscher Außenpolitik“, schreibt Gunther Helleman im September-Heft der Zeitschrift Internationale Politik. „Im deutschen Interesse sollte es liegen“, behauptet der Frankfurter Professor, „parallel zur Stärkung des Fundaments der EU (Verfassung) und der Reform ihrer Institutionen den Erweiterungsprozess erfolgreich abzuschließen, damit die Teilung Europas endgültig überwunden wird, die Statusunterschiede zwischen Deutschlands östlichen und westlichen Nachbarn verschwinden und Deutschland damit rundum in ein die einzelnen Nationalstaaten überwölbendes Netzwerk gemeinsamen Regierens eingebunden ist“. Aber da die Nationalstaaten nicht in der EU verschwinden, wird durch diese Entwicklung auch das akzentuiert, was Hans Peter Schwarz als die „Zentralmacht“-Rolle Deutschlands bezeichnet. Damit könnte sich aus deutscher Sicht auch der Charakter der Europäischen Union verändern. Und da der nächste Kampf um die Zukunft Europas, der zwischen den Souveränisten, den Verteidigern der intergouvernementellen Methode, und den Föderalisten, den Verteidigern der europäischen Methode, sein wird, ist entscheidend, auf welcher Seite Deutschland sein Gewicht setzen wird, auch in seinem eigenen Interesse.

Das zweite zukunftsträchtige Datum für das Schicksal Europas ist der 9.11. 1989, der Tag, an dem die Berliner Mauer gefallen ist. Mit diesem Epoche machenden Ereignis, das das Auseinanderfallen der Sowjetunion und die daraus folgende deutsche Wiedervereinigung einleitete, endete in der Tat nicht nur »the short century«, wie der englische Historiker Hobsbawm das 20. Jahrhundert bezeichnet hat, sondern fing etwas Neues an: die Globalisierung der Welt. Und damit auch die Möglichkeit der Vollendung Europas. Eine Entwicklung, die, so gesehen, ein Ergebnis der in Gang gesetzten Globalisierung ist, aber gleichzeitig auch der erste Versuch, sie nicht nur den Animal Spirits (den wilden Begierden) des Marktes und den Interessen des wirtschaftlichen privaten Profites zu überlassen, sondern sie humaner zu gestalten, sie mit den Mitteln der Politik zu regieren.

Wenn wir uns also fragen um Substanz, Form und Rolle einer erweiterten EU im Zeitalter der Globalisierung, dann müssen wir uns im Klaren sein, dass ein geschichtlicher und systemischer Zusammenhang besteht zwischen der Vollendung Europas und der Globalisierung – ich würde von einer Double-bind-Beziehung reden –, weil das Projekt Europa nicht nur ein Resultat der Globalisierung ist, sondern auch eine erste Antwort auf die soziale, politische und wirtschaftliche Herausforderung, die sie an sich darstellt. Eine Antwort, die, indem sie die objektive Unvermeidlichkeit der wirtschaftlichen Globalisierung anerkennt, auf ihre Zivilisierung durch eine sozial-demokratische Steuerung zielt, um die negativen Folgen zu vermindern und die sozialen Unterschiede auszugleichen, die sonst ein blinder, nur von der unsichtbaren Hand der Interessen geleiteter Prozess unvermeidlich vergrößern würde.

 

Der Aufbau der Europäischen Union wirft auch eine andere theoretische Frage auf, die eng mit der der Globalisierung zusammenhängt, obwohl sie nicht identisch ist: die Frage der Krise des Nationalstaates europäischer Prägung – man redet deshalb sogar vom Tod des Leviathan, oder mit dem Politologen Philippe Schmitter von einer post-hobbesschen Ordnung – und somit des Westfälischen Systems (mit dem Westfälischen Frieden von 1648 endete der Dreißigjährige Krieg, und durch die Trennung der säkularen von der religiösen Macht nach dem Motto cuius regio eius religio wurde der Nationalstaat in Europa ins Leben gerufen mit den einzigen Ausnahmen von Italien und Deutschland. Und diese verspätete Staatsbildung wird schwer wiegende Konsequenzen für die Geschichte dieser beiden Länder haben), auf dem das jus publicum europaeum gebaut wurde. Dieses System ist eine internationale Ordnung, die auf den Beziehungen souveräner nationaler Staaten basierte. Dieser europaspezifische Prozess, das heißt, das Abnehmen oder die Auflösung der Form des Nationalstaates läuft zeitlich und systemisch mit dem anderen Prozess parallel, der auf globaler Ebene stattfindet und eine der wichtigsten Folgen der Globalisierung darstellt: Die planetarische Dämmerung staatlicher Souveränität, wie ich dies in etwas vorsichtiger Form bezeichnen würde. Wir Europäer neigen dazu, diese zwei verschiedenen Prozesse zu verwechseln oder zu identifizieren und begehen damit einen riesigen Fehler, der politische Fall-outs mit sich bringt. Anders gesagt: Wenn ich unseren heutigen Planeten betrachte, stelle ich fest, dass die staatliche Souveränität überall abnimmt, weil der Nationalstaat, egal wie mächtig er sein kann, große Schwierigkeiten zeigt, die ökologischen, die sozialen oder die wirtschaftlichen Herausforderungen zu bewältigen, vor denen wir in Europa, in Asien, in Afrika oder in Amerika stehen. Aber nimmt der Nationalstaat als solcher nur in Europa in dem Ausmaß ab, dass es zu einer gemeinsamen Währung oder sogar zu einer gemeinsamen Verfassung und zu gemeinsamen politischen Institutionen kommt? Eine der möglichen Erklärungen der heutigen Spannungen in den transatlantischen Beziehungen besteht, meiner Meinung nach, auch in der verschiedenen Wahrnehmung dieses Prozesses auf den beiden Seiten des Atlantiks. Im Juni dieses Jahres hat Robert Kagan in der Policy Review den Unterschied zwischen dem Denken von Europäern und Amerikanern schärfer als irgendein Autor vor ihm herausgearbeitet: Europa habe sich von der Macht (und damit meint er die Form der Machtausübung des Nationalstaats) abgewandt und in die Richtung „einer in sich geschlossenen Welt der Gesetze und Regeln, der transnationalen Verhandlungen und Zusammenarbeit“ bewegt. Auf Kagan wirkt das wie der Eintritt in „das posthistorische Paradies des Friedens und des relativen Wohlstands“, die Verwirklichung von Immanuel Kants Idee vom „Ewigen Frieden“. Dagegen übten die USA die Macht aus in einer anarchischen Welt, die immer noch so aussieht, wie sie Hegel in seiner Rechtsphilosophie beschrieben hatte: wie ein riesiger Schlachthof.

Wo die voranschreitende Verrechtlichung der Staatenwelt, hat der Historiker Klaus Hildebrandt hervorgehoben, „beispielweise in Gestalt des Internationalen Strafgerichtshofes, auch die eigentlich Großen zu binden trachtet, zeigt sich die traditionelle Kehrseite der neuen Welt: Amerikaner, Russen und Chinesen beispielsweise verharren, bis dato jedenfalls, in unverkennbarer Distanz zu der neuen Einrichtung“. Denn für sie stellt der Nationalstaat nach wie vor die letzte Instanz der Staatenwelt dar, für sie besteht die Souveränität der Staaten im Prinzip fort, die ihrerseits auch das Recht, Krieg zu führen, beanspruchen. Diese großen Nationalstaaten, jeder von ihnen ist fast so groß wie ein Kontinent, und ich rechne deshalb auch Indonesien oder Indien dazu, glaubt Herr im eigenen Haus sein zu können (ob das stimmt oder nicht, steht auf einem anderen Blatt). Wir Europäer dagegen sind zu der Erkenntnis gekommen – trotz Bauchschmerzen und fortwährender nationalstaatlicher Nostalgien –, dass wir nur vereint stark sind, um die neuen Herauforderungen der Globalisierung meistern zu können.

 

Die große politische und kulturelle Wette Europas besteht darin, eine neue postnationale politische Gestalt zu bauen, die gleichzeitig nach-staatlich ist, ohne auf die Errungenschaften der Moderne und insbesondere auf den Fortschritt des Universalismus – das Recht ist allen gleich – zu verzichten. Diese Gefahr ist nämlich im Verzug – wie die neopopulistischen und ausländerfeindlichen Bewegungen in vielen europäischen Ländern beweisen –, gerade weil, wie die meisten Theoretiker der Globalisierung festgestellt haben, ein systematischer Zusammenhang zwischen global und lokal (glokal) besteht. Das heißt: Je mehr die nationalen Grenzen porös und durchdringbar werden, desto mehr wachsen antiuniversalistische und identitätsbezogene idiosynkratische Haltungen gegen den Fremden. Der Hospes (der Gast) wird wieder zum Hostis, zum Feind. Je mehr die Welt global wird, desto mehr scheint das Bedürfnis nach lokalen Gemeinschaften zu wachsen, zu denen der nichthomogene Heterogen keinen Zutritt hat und deshalb mit Gewalt abgestoßen wird. Welche institutionelle Form wird das haben, was wir „das große Europa“ genannt haben? Die alte Idee der europäischen Föderalisten der ersten Stunde – die Idee der Vereinigten Staaten von Europa, also, wir bauen einen Super-Staat, taugt nicht mehr. Und das aus zwei Gründen. Erstens einmal, weil diese Perspektive von den europäischen Bürgern nicht akzeptiert wird. Die bestehen richtigerweise auf der Verteidigung und auf dem Schutz ihrer geschichtlichen und kulturellen Differenzen. Der spezifische europäische Reichtum besteht eben in dem Pluralismus der Kulturen und in der Vielfalt der Identitäten, was sich in der Verschiedenheit der Sprachen ausdrückt.. Eben im Gegensatz zu dem, was mit der Bildung des nationalen Staates passiert ist, das heißt die rücksichtslose Zwangshomogenisierung der Dialekte und der vorhandenen lokalen Kulturen als Konsequenz des Aufbaus einheitlicher finanzieller und politischer Institutionen, wird das neue Europa sein Spezifikum eben darin haben, dass mit der Einführung einer einheitlichen Währung und hoffentlich bald einer gemeinsamer Verfassung eben nicht die Gleichschaltung der kulturellen Identitäten folgen wird. Sollte das nicht der Fall sein, dann wird das Projekt Europa weder akzeptabel noch überlebensfähig sein. Geistig unerträglich und praktisch disfunktional. Das Europa, das wir wollen und das kommen wird, wird nicht ein Hyperstaat, nicht ein Leviathan kontinentalen Ausmaßes werden, sondern es wird, um eine schöne Formulierung von meinem Freund Massimo Cacciari – dem Philosophen und ehemaligen Bürgermeister von Venedig – Europa wird wie ein »Archipelag« aussehen. Wie eine Einheit, die eben aus vielen besteht. Nicht e pluribus unum sondern e pluribus plures. Den zweiteb Grund haben wir schon genannt: Das Zeitalter des Nationalstaats ist vorbei. Und das gilt auch, wenn dieser Staat ein europäisches Format haben sollte. Wir müssen uns deshalb auf die Vorstellung einstellen, dass wir es mit einem political body zu tun haben werden, der nicht mehr nach dem vertikalen Prinzip Spitze/Basis oder Zentrum/Peripherie funktioniert, sondern wie ein multilevel system of government (Philipp Schmitter) aussehen wird, ein System auf einer horizontalen Pluralität von souveränen potestates.

Insofern finde ich die Debatte etwas verfehlt, in der diskutiert wird, ob eine Verfassung ohne Staat oder ohne Staatsvolk kein Staat ist (ich verweise auf das Maastrichturteil des deutschen Bundesverfassungsgerichtes, nach dem zwischen einem Bundesstaat und einem Staatenbund unterschieden wird, um dann das Spezifikum von Europa als Staatenverbund zu definieren.) Nicht nur läuft man damit Gefahr, sich in juristischen Begriffen zu verheddern, sondern auch die Realität zu verkennen.

Bevor ich schließe, möchte ich ein Thema ansprechen, das uns Europäer besonders hier in Deutschland in der letzten Zeit ziemlich beschäftigt hat. Ich meine damit die wachsende Spannung zwischen den beiden Küsten des Atlantiks und die Haltung Europas zu der neuen militärischen Strategie der USA, eine Strategie die die Möglichkeit eines präventiven Kriegs vorsieht. Nach dem Anschlag vom 11. September waren wir uns allen völlig klar, dass dieser terroristische Anschlag Konsequenzen provozierte, die die gesamten geopolitischen Gleichgewichte des vorigen Jahrhunderts destabilisieren würden. Aber dass eine von denen die Trübung der transatlantischen Beziehungen sein sollte, hatte niemand vorausgeahnt. Und dazu noch, dass die Spannung zwischen westlichen Verbündeten ausgerechnet ein sozialdemokratischer Kanzler und eine rot-grüne Regierung verursacht hätte, das hätten wir, wenn nicht als undenkbar, so sicher als unerwünscht gehalten. Andererseits aber, wer hätte sich vorgestellt, dass die amerikanische Regierung die kluge und vorsichtige Strategie verlassen würde, die nach dem 11. September gewählt wurde, um die Formierung der größtmöglichen Koalition gegen Al-Qaida zu ermöglichen? Eine Strategie, die auf einem Mix von Dezisionismus und klugem Abwägen bestand.

Man braucht nicht viele Worte zu verlieren: Die Realität ist gegeben und sie ist verdammt schwierig. Man braucht nicht den neuen amerikanischen Unilateralismus für richtig zu halten, um zu wissen, dass bestimmte amerikanische Kritiken und Vorbehalte der europäischen Außenpolitik und militärische Vorstellungen völlig richtig und begründet sind. Solange Europa nicht zur Überzeugung kommt, dass Peace-keeping manchmal auch Peace-enforcement heißt, dass eine Friedenspolitik manchmal durch eine militärische Intervention implementiert werden muss, wird besonders in den USA Europa weder zuhören noch auf es verlassen.

Andererseits darf man nicht gleich, wie die eifrigen Berufshüter des Anti-Antiamerikanismus laut behaupten, jede Kritik an der amerikanischen Politik als Verrat am Westen denunzieren oder noch schlimmer, wenn diese Kritik von deutscher Seite kommt, sie als Ankündigung eines neuen deutschen Sonderwegs zu disqualifizieren versuchen. Ich möchte deshalb meinen Vortrag mit den Worten von Heinrich August Winkler, der neulich eine Artikel unter dem Titel „Warum Europa Washington widersprechen muss“ in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht hat, schließen: „Kein Land hat zur Verbreitung der politischen Kultur der Demokratie beigetragen wie die Vereinigten Staaten. Kein Land hat so viel Grund, Amerika dafür dankbar zu sein, wie Deutschland. Der Dank muss heute die urdemokratische Form des Widerspruchs gegen die Politik der derzeitigen amerikanischen Administration annehmen“.

 

Der Text basiert auf einem Vortrag, den der Autor im Rahmen der Festveranstaltung „Zwanzig Jahre Kommune“ am 12. Oktober 2002 im Ökohaus, Frankfurt, gehalten hat.