Angelo Bolaffi
Vor allem zwei Daten machen Europas geistige und politische Identität
aus: die Atlantik-Charta 1941 als Geburtsurkunde des zukünftigen Europas und
der Fall der Berliner Mauer 1989, ein symbolisches Datum für den Zerfall des
Sowjetreiches und zugleich Signal für die Globalisierung der Welt. Das Projekt
Europa ist nicht nur ein Resultat der Globalisierung, sondern auch eine Antwort
auf die soziale, politische und wirtschaftliche Herausforderung derselben, und
wirft zugleich die Frage nach der Krise des Nationalstaats auf. Europa ist
nicht denkbar als homogenisierter Superstaat, sondern nur als politischer
Körper, der den Pluralismus der Kulturen bewahrt.
Vor
genau hundertachtzig Jahren sprach Hegel noch Europa Mut zu – über die Philosophie
der Weltgeschichte las er zum ersten Mal im Wintersemester 1822 –, indem er
die These vortrug, Amerika sei zwar „das Land der Zukunft, in welchem sich in
weiter vor uns liegenden Zeiten … weltgeschichtliche Bedeutung offenbaren soll;
es ist ein Land der Sehnsucht für all jene, welche das alte Europa als Kammer
der historischen Versatzstücke langweilt“. Aber, so meinte er weiter, „Amerika
hat von dem Terrain auszuscheiden, auf dem sich bis heute Weltgeschichte
zutrug. Was sich dort bis jetzt ereignet, ist nur der Widerhall der Alten
Welt“. Dagegen sei die Alte Welt – damit meinte er Europa – der eigentliche
Schauplatz der Weltgeschichte.
Heute,
am Anfang des 21. Jahrhunderts, müssen wir uns zwingend die Frage stellen –
nachdem die von Hegel aufgerufene Zukunft schon lange Vergangenheit geworden
ist –, wie es um Europa bestellt ist; ob die Alte Welt eben alt und deshalb
langweilig geworden ist (dieses alte Europa langweilt mich, war der Spruch von
Napoleon); und wie sich heute auf der Bühne der Weltgeschichte die Beziehungen
zwischen Alter und Neuer Welt, zwischen Europa und Amerika gestalten, nachdem
nicht nur dieser Kontinent schon lange von jenem Terrain ausgeschieden ist, auf
welchem heute die Weltgeschichte ausgetragen wird – das 20. Jahrhundert war
Zeuge, dass der Weltgeist und die damit verbundene Weltmacht während der
Dämmerung der Belle Époque und mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs den
Atlantik überquerte –, sondern dass Amerika am Anfang dieses
Jahrhunderts/Jahrtausends die einzige existierende Supermacht geblieben ist.
„Heute genießen die Vereinigten Staaten“ – so kann man im Vorwort lesen, das
Präsident George W. Bush Mitte September dem Bericht Die nationale Sicherheitsstrategie
der Vereinigten Staaten von Amerika vorangestellt hat – „eine Position von
unvergleichlicher militärischer Stärke und großem wirtschaftlichem und
politischem Einfluss. Indem wir unserem Erbe und unseren Grundsätzen treu
bleiben, setzen wir unsere Macht nicht ein, um einseitigen Vorteil zu erlangen.
… Wir werden den Frieden ausdehnen, indem wir freie und offene Gesellschaften
auf allen Kontinenten ermutigen. … Wir, die Vereinigten Staaten, übernehmen
gern die Verantwortung, bei dieser Mission voranzugehen“.
Eine
ontologische – würde ich sagen – und in der Geschichte (einzige Ausnahme ist
die Ära des alten römischen Kaiserreiches) beispiellose Asymmetrie der Macht
auf der Welt, eine »unusual position«, wie sie Condoleezza Rice, die mächtige
Beraterin von George W. Bush, treffend bezeichnet hat.
Wer eine Ortsbestimmung Europas versucht, muss gleich feststellen,
dass auch zur Beschreibung ihrer geopolitischen Befindlichkeit vor allem die
Geschichte und weniger die Geografie dazu etwas zu sagen hat. Tatsächlich ist
Europa (der Name ist semitischen Ursprungs: ereb, das Dunkle, nannten
die Phönizier das Land im Westen, hinter dem die Sonne unterging. Die Griechen
übernahmen das Wort und bezeichneten damit das gestaltlose Jenseits im Norden,
wo die Barbaren lebten) geografisch schwer zu definieren und das nicht nur,
weil nach der berühmten Definition Paul Valérys „Europa eine Halbinsel Asiens
ist“, sondern weil nur bestimmte geistige Traditionen und geschichtliche
Erfahrungen ihre Identität definieren und uns Bescheid sagen, wo eigentlich
ihre Grenzen im Osten verlaufen; im Westen ist bekanntlich alles klar. Die
Katastrophe des Erdbebens in Lissabon etwa wurde im Selbstbewusstsein der
Aufklärung – das hat uns Voltaire übermittelt – als ein europäisches Problem
wahrgenommen. Aber wie steht’s mit Russland? Ein Land, das Europa gerne
angehören möchte, obwohl der größte Teil seiner Territorien auf asiatischem
Gebiet liegt und seine geistige Europäisierung immer nur oberflächlich gewesen
ist? Man muss zwar mit geschichtlichen Prognosen vorsichtig umgehen, da sie uns
immer wieder mit plötzlichen und unerwarteten Kehrwendungen überrascht haben
und überraschen werden, und trotzdem wage ich die Behauptung, dass Russland –
im Gegensatz zu dem, was neulich Berlusconi unvorsichtigerweise behauptet hat –
nicht zu Europa und besonders nicht zur Europäischen Union angehören kann und
wird (der Fall der Türkei sieht vielleicht etwas anders aus, bleibt aber
trotzdem sehr kompliziert und sehr streitig).
Also,
welches Antlitz hat Europa wirklich, das nach dem von Ovid uns überlieferten
Mythos eine Königstochter sei, die in einer ungewöhnlichen Beziehung zu dem
Gott in Stiergestalt steht?
„Die
Wirklichkeit Europas wurzelt im Bewusstsein der Menschen“, bemerkt der heute in
London tätige deutsche Historiker Hagen Schulze in seinem beim Siedler Verlag
unter dem Titel Die Wiederkehr Europas erschienenen Bändchen, Europa ist
„ein kollektiver imaginärer Entwurf, der sich wandelt, wie sich die Menschen
wandeln“. Wenn wir uns also an die epochale Aufgabe heranmachen und nach der
finanziellen und wirtschaftlichen auch die politische Einigung Europas
erzielen, eine Aufgabe, die gerade in diesen Tagen eine ihrer dramatischsten
und kritischsten Entscheidungen mit dem Ergebnis des irischen Nizza-Referendums
und der Aufnahme von 10 neuen Mitgliedern in die EU erleben wird, dann ist es
sicher ratsam, wieder im geistreichen Buch von Federico Chabod Storia
dell’idea d’Europa zu blättern, in dem wir lesen können, dass Europa „ein
Werk der Geschichte, das heißt, des menschlichen Willens“ ist, „das im Verlauf
der Jahrhunderte seinen dauerhaften Stempel den Generationen aufgedrückt hat“.
Eine
kurze Bemerkung sei erlaubt: Wann werden wir alten EU-Mitglieder von der
absurden und inzwischen unerträglich klingenden Gewohnheit, von der aus der
Zeit des Kalten Krieges stammenden Vorstellung Abschied nehmen, die
jahrzehntelang Europa mit West-Europa verwechselt hat und immer noch
verwechselt, indem wir den geschichtlichen Termin des Eintritts zehn neuer Mitglieder
als Erweiterung statt als Vollendung Europas bezeichnen? Mag das auf der Achse
Paris-Bonn gebaute karolingische Europa eine würdige Rolle gespielt haben: Wenn
Europa aber wieder eine weltgeschichtliche Rolle spielen soll und wird, dann
soll die Vollendung so schnell wie möglich zu Stande kommen und dazu
selbstverständlich auch die nötigen und unaufschiebbaren institutionellen
Reformen, um dieses neue »große Europa« überhaupt regierungsfähig zu machen
(Übrigens sind diese Reformen schon seit langem fällig, auch wenn es bei den
alten 15 Mitgliedern geblieben wäre, wie Romano Prodi unlängst richtig bemerkt
hat).
Zwei Daten sind in der Geburtsurkunde dieses Europas eingetragen: zwei Daten, die seine
politische und geistige Identität ausmachen. Das Datum vom 14.8.1941, als
Churchill und Roosevelt die Atlantik-Charta formulierten, ein Dokument, das im
finstersten Moment der europäischen Geschichte des 20. Jahrhundert nicht nur
Europa Hoffnung machte, sondern auch den Weg zeigte, jenen Weg, der nicht nur die
Alte Welt vor der Bedrohung der totalitären Diktatur gerettet, sondern auch das
zukünftige Europa ermöglicht hatte: Das transatlantische Bündnis, in dessen
Gefolge Europa sich vom Abendland zum Westen entwickelte. Dieses Bündnis, das
ein halbes Jahrhundert lang wie der Polarstern im geistigen und politischen
europäischen Firmament war, darf niemals aus den Augen der Europäer (und
insbesondere des vereinigten Deutschlands) verschwinden, egal was passieren
mag. Auch für das neue »große Europa« von 25 oder 27 Mitgliedern werden die
deutsch-französische Entente cordiale und die transatlantischen Beziehungen die
politischen Bedingungen bleiben, ohne die sich Europa ansonsten gleich auf
einem politischen und kulturellen Holzweg verirren würde. Selbstverständlich
setzt diese Treue (die kein Vasallenverhältnis ist) die Möglichkeit voraus, in
bestimmten Themenbereichen oder Entscheidungen eine andere Meinung zu haben und
diese Meinungsverschiedenheit konsequent austragen zu dürfen.
In
diesem »großen Europa«, dessen Schwerpunkt sich mehr nach Osten sowie nach
Süden verschieben wird, wird es eine neue politische und diplomatische
Aufgabenverteilung geben, in deren Gefolge eine neue Verantwortung auf
Deutschland (und teilweise auch auf Italien wegen der krisenhaften Lage auf dem
Balkan und der geopolitisch wieder zentralen Rolle des Mittelmeers) zukommen
wird. In dieser Hinsicht lassen sich zwei Szenarios ausmalen, die über die
traditionelle und heute nicht mehr aktuelle Alternative zwischen einem
deutschen Europa oder einem europäischen Deutschland hinausgehen. Es geht
nämlich darum, welche Rolle in dem zur Realität gewordenen Aufbau Europas
Deutschland spielen wird. Nicht mehr also um die Möglichkeit der europäischen
Union, sondern um die Form, um die Konstitution, könnte man sagen, die sie
annehmen wird. „Im Um- und Ausbau der EU bündeln sich insofern die wichtigsten
Interessen und die größte Herausforderung deutscher Außenpolitik“, schreibt
Gunther Helleman im September-Heft der Zeitschrift Internationale Politik.
„Im deutschen Interesse sollte es liegen“, behauptet der Frankfurter Professor,
„parallel zur Stärkung des Fundaments der EU (Verfassung) und der Reform ihrer
Institutionen den Erweiterungsprozess erfolgreich abzuschließen, damit die
Teilung Europas endgültig überwunden wird, die Statusunterschiede zwischen
Deutschlands östlichen und westlichen Nachbarn verschwinden und Deutschland
damit rundum in ein die einzelnen Nationalstaaten überwölbendes Netzwerk
gemeinsamen Regierens eingebunden ist“. Aber da die Nationalstaaten nicht in
der EU verschwinden, wird durch diese Entwicklung auch das akzentuiert, was
Hans Peter Schwarz als die „Zentralmacht“-Rolle Deutschlands bezeichnet. Damit
könnte sich aus deutscher Sicht auch der Charakter der Europäischen Union verändern.
Und da der nächste Kampf um die Zukunft Europas, der zwischen den
Souveränisten, den Verteidigern der intergouvernementellen Methode, und den
Föderalisten, den Verteidigern der europäischen Methode, sein wird, ist
entscheidend, auf welcher Seite Deutschland sein Gewicht setzen wird, auch in
seinem eigenen Interesse.
Das
zweite zukunftsträchtige Datum für das Schicksal Europas ist der 9.11. 1989,
der Tag, an dem die Berliner Mauer gefallen ist. Mit diesem Epoche machenden
Ereignis, das das Auseinanderfallen der Sowjetunion und die daraus folgende
deutsche Wiedervereinigung einleitete, endete in der Tat nicht nur »the short
century«, wie der englische Historiker Hobsbawm das 20. Jahrhundert bezeichnet
hat, sondern fing etwas Neues an: die Globalisierung der Welt. Und damit auch
die Möglichkeit der Vollendung Europas. Eine Entwicklung, die, so gesehen, ein
Ergebnis der in Gang gesetzten Globalisierung ist, aber gleichzeitig auch der
erste Versuch, sie nicht nur den Animal Spirits (den wilden Begierden) des Marktes
und den Interessen des wirtschaftlichen privaten Profites zu überlassen,
sondern sie humaner zu gestalten, sie mit den Mitteln der Politik zu regieren.
Wenn
wir uns also fragen um Substanz, Form und Rolle einer erweiterten EU im
Zeitalter der Globalisierung, dann müssen wir uns im Klaren sein, dass ein
geschichtlicher und systemischer Zusammenhang besteht zwischen der Vollendung
Europas und der Globalisierung – ich würde von einer Double-bind-Beziehung
reden –, weil das Projekt Europa nicht nur ein Resultat der Globalisierung ist,
sondern auch eine erste Antwort auf die soziale, politische und wirtschaftliche
Herausforderung, die sie an sich darstellt. Eine Antwort, die, indem sie die
objektive Unvermeidlichkeit der wirtschaftlichen Globalisierung anerkennt, auf
ihre Zivilisierung durch eine sozial-demokratische Steuerung zielt, um die
negativen Folgen zu vermindern und die sozialen Unterschiede auszugleichen, die
sonst ein blinder, nur von der unsichtbaren Hand der Interessen geleiteter
Prozess unvermeidlich vergrößern würde.
Der Aufbau der Europäischen Union wirft auch eine andere theoretische Frage auf, die
eng mit der der Globalisierung zusammenhängt, obwohl sie nicht identisch ist:
die Frage der Krise des Nationalstaates europäischer Prägung – man redet
deshalb sogar vom Tod des Leviathan, oder mit dem Politologen Philippe
Schmitter von einer post-hobbesschen Ordnung – und somit des Westfälischen
Systems (mit dem Westfälischen Frieden von 1648 endete der Dreißigjährige
Krieg, und durch die Trennung der säkularen von der religiösen Macht nach dem
Motto cuius regio eius religio wurde der Nationalstaat in Europa ins
Leben gerufen mit den einzigen Ausnahmen von Italien und Deutschland. Und diese
verspätete Staatsbildung wird schwer wiegende Konsequenzen für die Geschichte
dieser beiden Länder haben), auf dem das jus publicum europaeum gebaut wurde.
Dieses System ist eine internationale Ordnung, die auf den Beziehungen
souveräner nationaler Staaten basierte. Dieser europaspezifische Prozess, das
heißt, das Abnehmen oder die Auflösung der Form des Nationalstaates läuft
zeitlich und systemisch mit dem anderen Prozess parallel, der auf globaler
Ebene stattfindet und eine der wichtigsten Folgen der Globalisierung darstellt:
Die planetarische Dämmerung staatlicher Souveränität, wie ich dies in etwas
vorsichtiger Form bezeichnen würde. Wir Europäer neigen dazu, diese zwei
verschiedenen Prozesse zu verwechseln oder zu identifizieren und begehen damit
einen riesigen Fehler, der politische Fall-outs mit sich bringt. Anders gesagt:
Wenn ich unseren heutigen Planeten betrachte, stelle ich fest, dass die
staatliche Souveränität überall abnimmt, weil der Nationalstaat, egal wie
mächtig er sein kann, große Schwierigkeiten zeigt, die ökologischen, die
sozialen oder die wirtschaftlichen Herausforderungen zu bewältigen, vor denen
wir in Europa, in Asien, in Afrika oder in Amerika stehen. Aber nimmt der
Nationalstaat als solcher nur in Europa in dem Ausmaß ab, dass es zu einer
gemeinsamen Währung oder sogar zu einer gemeinsamen Verfassung und zu
gemeinsamen politischen Institutionen kommt? Eine der möglichen Erklärungen der
heutigen Spannungen in den transatlantischen Beziehungen besteht, meiner
Meinung nach, auch in der verschiedenen Wahrnehmung dieses Prozesses auf den
beiden Seiten des Atlantiks. Im Juni dieses Jahres hat Robert Kagan in der Policy
Review den Unterschied zwischen dem Denken von Europäern und Amerikanern
schärfer als irgendein Autor vor ihm herausgearbeitet: Europa habe sich von der
Macht (und damit meint er die Form der Machtausübung des Nationalstaats)
abgewandt und in die Richtung „einer in sich geschlossenen Welt der Gesetze und
Regeln, der transnationalen Verhandlungen und Zusammenarbeit“ bewegt. Auf Kagan
wirkt das wie der Eintritt in „das posthistorische Paradies des Friedens und
des relativen Wohlstands“, die Verwirklichung von Immanuel Kants Idee vom
„Ewigen Frieden“. Dagegen übten die USA die Macht aus in einer anarchischen
Welt, die immer noch so aussieht, wie sie Hegel in seiner Rechtsphilosophie beschrieben
hatte: wie ein riesiger Schlachthof.
Wo
die voranschreitende Verrechtlichung der Staatenwelt, hat der Historiker Klaus
Hildebrandt hervorgehoben, „beispielweise in Gestalt des Internationalen
Strafgerichtshofes, auch die eigentlich Großen zu binden trachtet, zeigt sich
die traditionelle Kehrseite der neuen Welt: Amerikaner, Russen und Chinesen
beispielsweise verharren, bis dato jedenfalls, in unverkennbarer Distanz zu der
neuen Einrichtung“. Denn für sie stellt der Nationalstaat nach wie vor die letzte
Instanz der Staatenwelt dar, für sie besteht die Souveränität der Staaten im
Prinzip fort, die ihrerseits auch das Recht, Krieg zu führen, beanspruchen.
Diese großen Nationalstaaten, jeder von ihnen ist fast so groß wie ein
Kontinent, und ich rechne deshalb auch Indonesien oder Indien dazu, glaubt Herr
im eigenen Haus sein zu können (ob das stimmt oder nicht, steht auf einem
anderen Blatt). Wir Europäer dagegen sind zu der Erkenntnis gekommen – trotz
Bauchschmerzen und fortwährender nationalstaatlicher Nostalgien –, dass wir nur
vereint stark sind, um die neuen Herauforderungen der Globalisierung meistern
zu können.
Die große politische und kulturelle Wette Europas besteht darin, eine neue
postnationale politische Gestalt zu bauen, die gleichzeitig nach-staatlich ist,
ohne auf die Errungenschaften der Moderne und insbesondere auf den Fortschritt
des Universalismus – das Recht ist allen gleich – zu verzichten. Diese Gefahr
ist nämlich im Verzug – wie die neopopulistischen und ausländerfeindlichen
Bewegungen in vielen europäischen Ländern beweisen –, gerade weil, wie die
meisten Theoretiker der Globalisierung festgestellt haben, ein systematischer
Zusammenhang zwischen global und lokal (glokal) besteht. Das heißt: Je mehr die
nationalen Grenzen porös und durchdringbar werden, desto mehr wachsen
antiuniversalistische und identitätsbezogene idiosynkratische Haltungen gegen
den Fremden. Der Hospes (der Gast) wird wieder zum Hostis, zum Feind. Je mehr
die Welt global wird, desto mehr scheint das Bedürfnis nach lokalen
Gemeinschaften zu wachsen, zu denen der nichthomogene Heterogen keinen Zutritt
hat und deshalb mit Gewalt abgestoßen wird. Welche institutionelle Form wird
das haben, was wir „das große Europa“ genannt haben? Die alte Idee der
europäischen Föderalisten der ersten Stunde – die Idee der Vereinigten Staaten
von Europa, also, wir bauen einen Super-Staat, taugt nicht mehr. Und das aus
zwei Gründen. Erstens einmal, weil diese Perspektive von den europäischen
Bürgern nicht akzeptiert wird. Die bestehen richtigerweise auf der Verteidigung
und auf dem Schutz ihrer geschichtlichen und kulturellen Differenzen. Der
spezifische europäische Reichtum besteht eben in dem Pluralismus der Kulturen
und in der Vielfalt der Identitäten, was sich in der Verschiedenheit der
Sprachen ausdrückt.. Eben im Gegensatz zu dem, was mit der Bildung des
nationalen Staates passiert ist, das heißt die rücksichtslose
Zwangshomogenisierung der Dialekte und der vorhandenen lokalen Kulturen als
Konsequenz des Aufbaus einheitlicher finanzieller und politischer
Institutionen, wird das neue Europa sein Spezifikum eben darin haben, dass mit
der Einführung einer einheitlichen Währung und hoffentlich bald einer
gemeinsamer Verfassung eben nicht die Gleichschaltung der kulturellen
Identitäten folgen wird. Sollte das nicht der Fall sein, dann wird das Projekt
Europa weder akzeptabel noch überlebensfähig sein. Geistig unerträglich und
praktisch disfunktional. Das Europa, das wir wollen und das kommen wird, wird
nicht ein Hyperstaat, nicht ein Leviathan kontinentalen Ausmaßes werden,
sondern es wird, um eine schöne Formulierung von meinem Freund Massimo Cacciari
– dem Philosophen und ehemaligen Bürgermeister von Venedig – Europa wird wie
ein »Archipelag« aussehen. Wie eine Einheit, die eben aus vielen besteht. Nicht
e pluribus unum sondern e pluribus plures. Den zweiteb Grund haben wir schon
genannt: Das Zeitalter des Nationalstaats ist vorbei. Und das gilt auch, wenn
dieser Staat ein europäisches Format haben sollte. Wir müssen uns deshalb auf
die Vorstellung einstellen, dass wir es mit einem political body zu tun
haben werden, der nicht mehr nach dem vertikalen Prinzip Spitze/Basis oder
Zentrum/Peripherie funktioniert, sondern wie ein multilevel system of
government (Philipp Schmitter) aussehen wird, ein System auf einer
horizontalen Pluralität von souveränen potestates.
Insofern
finde ich die Debatte etwas verfehlt, in der diskutiert wird, ob eine
Verfassung ohne Staat oder ohne Staatsvolk kein Staat ist (ich verweise auf das
Maastrichturteil des deutschen Bundesverfassungsgerichtes, nach dem zwischen
einem Bundesstaat und einem Staatenbund unterschieden wird, um dann das
Spezifikum von Europa als Staatenverbund zu definieren.) Nicht nur läuft man
damit Gefahr, sich in juristischen Begriffen zu verheddern, sondern auch die
Realität zu verkennen.
Bevor
ich schließe, möchte ich ein Thema ansprechen, das uns Europäer besonders hier
in Deutschland in der letzten Zeit ziemlich beschäftigt hat. Ich meine damit
die wachsende Spannung zwischen den beiden Küsten des Atlantiks und die Haltung
Europas zu der neuen militärischen Strategie der USA, eine Strategie die die
Möglichkeit eines präventiven Kriegs vorsieht. Nach dem Anschlag vom 11.
September waren wir uns allen völlig klar, dass dieser terroristische Anschlag
Konsequenzen provozierte, die die gesamten geopolitischen Gleichgewichte des
vorigen Jahrhunderts destabilisieren würden. Aber dass eine von denen die
Trübung der transatlantischen Beziehungen sein sollte, hatte niemand
vorausgeahnt. Und dazu noch, dass die Spannung zwischen westlichen Verbündeten
ausgerechnet ein sozialdemokratischer Kanzler und eine rot-grüne Regierung
verursacht hätte, das hätten wir, wenn nicht als undenkbar, so sicher als
unerwünscht gehalten. Andererseits aber, wer hätte sich vorgestellt, dass die
amerikanische Regierung die kluge und vorsichtige Strategie verlassen würde,
die nach dem 11. September gewählt wurde, um die Formierung der größtmöglichen
Koalition gegen Al-Qaida zu ermöglichen? Eine Strategie, die auf einem Mix von
Dezisionismus und klugem Abwägen bestand.
Man
braucht nicht viele Worte zu verlieren: Die Realität ist gegeben und sie ist
verdammt schwierig. Man braucht nicht den neuen amerikanischen Unilateralismus
für richtig zu halten, um zu wissen, dass bestimmte amerikanische Kritiken und
Vorbehalte der europäischen Außenpolitik und militärische Vorstellungen völlig
richtig und begründet sind. Solange Europa nicht zur Überzeugung kommt, dass
Peace-keeping manchmal auch Peace-enforcement heißt, dass eine Friedenspolitik
manchmal durch eine militärische Intervention implementiert werden muss, wird
besonders in den USA Europa weder zuhören noch auf es verlassen.
Andererseits
darf man nicht gleich, wie die eifrigen Berufshüter des Anti-Antiamerikanismus
laut behaupten, jede Kritik an der amerikanischen Politik als Verrat am Westen
denunzieren oder noch schlimmer, wenn diese Kritik von deutscher Seite kommt,
sie als Ankündigung eines neuen deutschen Sonderwegs zu disqualifizieren
versuchen. Ich möchte deshalb meinen Vortrag mit den Worten von Heinrich August
Winkler, der neulich eine Artikel unter dem Titel „Warum Europa Washington
widersprechen muss“ in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht hat,
schließen: „Kein Land hat zur Verbreitung der politischen Kultur der Demokratie
beigetragen wie die Vereinigten Staaten. Kein Land hat so viel Grund, Amerika
dafür dankbar zu sein, wie Deutschland. Der Dank muss heute die urdemokratische
Form des Widerspruchs gegen die Politik der derzeitigen amerikanischen
Administration annehmen“.
Der
Text basiert auf einem Vortrag, den der Autor im Rahmen der Festveranstaltung
„Zwanzig Jahre
Kommune“ am 12. Oktober 2002 im Ökohaus, Frankfurt, gehalten hat.