EDITORIAL 11/2002

 

Der „Kompromiss“ um Obrigheim, eigentlich eine Kleinigkeit, gibt zu denken. Eine Zeitung hat den Fall durchgespielt: Trittin könnte ihn auf Grund der Gesetzeslage kippen. Aber was würde dann passieren? Die Industrie würde aufheulen, die Koalition krachen. Warum? Weil ein Minister ein Gesetz über eine Vereinbarung stellt, die führende Funktionäre von Staat und Wirtschaft neben dem Gesetz getroffen haben. Der Minister müsste gehen, weil er in der Wahrnehmung des Gesetzes wichtige Interessen der Wirtschaft und des Staates, im Hinterzimmer vereinbart, verletzt hätte – im Namen des Gesetzes ...

Aber natürlich spielen alle Player der Deutschland AG mit. Die grüne Basis ärgert sich auf ihrem Parteitag, die Führung betont, es war ein Deal der alten Bundesregierung und habe nichts mit dem neuen Koalitionspakt zu tun, außerdem gäbe es Kompensationen. Schröder, ganz Partner, lobt die Solidität des Bündnispartners; in ihrer unvergleichlich sympathischen Manier ätzt die FAZ, Fischer habe die Partei sozialdemokratisiert, SPD und Grüne hätten den Begriff der politischen Lager – rot-grün gegen schwarz-gelb – wieder in Mode gebracht, doch könnte sich, auf Grund der wirtschaftlichen Krise, die „kulturelle Mehrheit“ rasch als Schimäre erweisen. So geht alles seinen gewohnten Gang.

In seiner Wahlanalyse (siehe Artikel S. 14) geht Peter Lohauß von einem hohen Grad an Immobilismus in Deutschland aus. Das betrifft nicht nur die Union, die trotz ihres Versuchs, einen offensiven Wahlkampf zu führen, auf der Stelle tritt. Fraglich, ob ihre „Strategiedebatte“ daran etwas ändert. Der Immobilismus betrifft auch andere gesellschaftliche und politische Akteure. Die Gründe dieser Lähmung, die „wie Mehltau über diesem Land liegt“ (siehe Artikel von Eva Horn, S. 51) sind vielfältig. Einer lässt sich aus dem Fall Obrigheim (und vielen ähnlichen Fällen) ablesen: Ein Gesetz zum Atomausstieg wird gemacht, das die Koalition als bahnbrechend verkauft, als ein Aushängeschild ihrer ersten Regierungszeit. Dennoch traut man ihm nicht so recht über den Weg und beginnt es mit Sondervereinbarungen zu löchern – die zweite, dritte, viele werden folgen. In zehn Jahren, nach zehntausend Seiten Mauschelpapieren, wird man sich erinnern: Es gab einmal eine Reform, der wurde bald die Luft ausgelassen ...

Dann jammert die Welt, dass im rot-grünen Koalitionspakt „von grundlegenden Strukturreformen keine Rede“ sein kann. Wie Recht sie hat. Und sie lässt den wirtschaftspolitischen Sprecher der Union, Matthias Wissmann zu Wort kommen, der „die verschleierte Rückkehr eines ausgesprochen kruden Keynesianismus“ konstatiert und der Regierung „ein Desaster“, den Marsch in eine starke Neuverschuldung vorwirft. Im Gegensatz dazu sieht die Financial Times Deutschland, sich auf Theo Schohnebeck von der Deutschen Bank berufend, die Konjunktur dadurch belastet, dass die Regierung zu sehr die Budgetkonsolidierung forciert. Ein anderer Kommentator der Welt wiederum beurteilt die Lasten des Koalitionspaktes „ungefähr nach dem Maß des Unions-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber“ verteilt. Dagegen steht das Lob der linken Memorandum-Gruppe für die Steuermaßnahmen. Links, Mitte, Rechts – jeder findet, was er braucht. Nur die Reformlade bleibt leer. Fehlanzeige, brachte es die SZ auf den Punkt, Fehlstart.

Rot-Grün hat in einer denkbar schwierigen Situation eine zweite Chance erhalten. Aber die Koalition – deren eine Partei noch für die reformfreudigste Abteilung der politischen Klasse gehalten wird – macht weiter so, als ob alles beim Alten wäre. Steuereinnahmen wesentlich niedriger? Pech gehabt. Von einem Perspektivenwechsel (siehe Artikel von Martin Altmeyer, S. 18) reden wir das nächste Mal. Wir sind Pragmatiker geworden, wir versuchen uns ein wenig am Gesundheitswesen (siehe Artikel von Harry Kunz, S. 23), an der Bildung, an der Kinderbetreuung, an den Steuern und am Hartz-sei-bei-uns. Und wir bleiben unerschütterliche Optimisten. Auch wenn die Wachstumserwartung von 1,5 Prozent für 2003 pure Illusion ist, Hauptsache, wir verbreiten Hoffnung.

Ob Irak-Krieg oder nicht, die Weltwirtschaftsdaten lassen wenig Raum für Zuversicht. Die Labilität der US-Konjunktur schlägt auch auf Europa durch, hier wiederum sind die Wachstumsschwächen Deutschlands eklatant: Zwischen 1995 und 2001 stieg das deutsche Bruttoinlandsprodukt im Schnitt jährlich um 1,6 Prozent (sinkend), damit um ein Drittel langsamer als im europäischen Durchschnitt, und nimmt den letzten Rang in der EU ein (siehe Kolumne Otto Singer, S. 20). Der Immobilismus betrifft jedoch mehr als die Wirtschaft, er lähmt die gesamte Gesellschaft, ihre Erziehung und Ausbildung, ihre Institutionen und Bürokratie, ihre Eigenverantwortung und ihren Unternehmergeist.

Diese Lähmung ist kein neues Phänomen. Eine Gesellschaft hat, vielleicht zu verwöhnt von ihren eigenen Erfolgen, schon vor Jahren die Zeichen der Zeit nicht richtig erkannt. An einem politischen Lager, an einer „Ära Kohl“ lässt sich das nicht einfach festmachen. Was fehlt, ist eine starre Parteirahmen und -vorgaben überschreitende Anstrengung, nach Gründen dieses Zustands zu suchen. Wie lange kann Rot-Grün diese neue „kulturelle Mehrheit“ bei der Stange halten, wenn man nicht diskutiert, wo die Gesellschaft heute wirklich steht, wohin sie will. Im anhaltenden Reformstau, im So-tun-als-Ob liegt keine Spur von Aufbruch.

 

Balduin Winter