Eva
Horn
Die
etwas hypothetische Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen den
Terroranschlägen islamistischer Selbstmordattentäter und der Stellung der Frau in
islamischen Gesellschaften geben könnte, lieferte den Anlass, zunächst einmal
hier zu Lande das Verhältnis der Geschlechter zueinander etwas zu beleuchten;
einerseits, um ein Bewusstsein für den Standort zu bekommen, von dem aus wir
„das Andere“ betrachten und einschätzen; andererseits um ein Gespür für den
Zustand zu entwickeln, in dem wir uns, Männer und Frauen jeweils für sich
genommen, aber auch in unserem Verhältnis zueinander, den Blicken der anderen,
insbesondere den religiös geprägten aus islamischen Ländern, präsentieren. Was
lösen wir, mit dem Anblick, den wir bieten, und dem Eindruck, den wir
hinterlassen, bei ihnen aus?
Im
Zusammenhang mit diesen Fragen geriet ein merkwürdiges Phänomen in den Blick:
nämlich einerseits der ungeheuerliche und beängstigend mörderische Eifer, mit
dem islamistische Terroristen aktiv werden; und andererseits der Zustand der
Lähmung, auch der Taubheit oder einer gewissen Gebremstheit, der in unserem
Lande seit etlichen Jahren wahrzunehmen ist, und der jetzt als Krise der
Wirtschaft und des Wachstums auf Grund eines „Modernisierungsdefizits“
formuliert wird. Vor etlichen Jahren beschrieb es jemand als Mehltau, der über
diesem Land liegt.
Es
gehört zu den manchmal tragischen, manchmal komischen Erkenntnissen im Leben, dass
wir darauf, wie andere uns wahrnehmen, welchen Eindruck wir bei ihnen
hinterlassen und welche Reaktionen dieser Eindruck bei ihnen hervorruft, nur
begrenzt Einfluss haben. Das eigene Selbstgefühl, aus dem heraus wir leben, uns
nach außen kenntlich machen, und das sich aus der jeweiligen Lebenserfahrung,
dem persönlichen Schicksal, im Wechselspiel mit der Umgebung herausgebildet
hat, kann bisweilen erschreckend stark von dem Eindruck abweichen, den wir mit
diesen unseren Lebensäußerungen bei anderen hinterlassen. Das gilt nicht nur
für die Eindrücke, die wir innerhalb des eigenen Kulturkreises beim anderen
hinterlassen, sondern auch bei denen, die aus anderen Kulturen zu uns kommen.
Was
wir selbst als normal und sich aus dem organischen Fluss des eigenen Lebens und
dem unserer Umgebung ergebenden empfinden, kann auf Hinzukommende, die die
Entwicklungsvoraussetzungen und -bedingungen des Jetzt-Zustandes, der sich
ihnen präsentiert, nicht kennen und miterlebt haben, zwar faszinierend, aber
auch befremdend und abstoßend oder auch einfach nur unverständlich wirken.
Von
daher scheint es ganz hilfreich, sich unter dem Aspekt der Fremdwahrnehmung
noch einmal das „Unterfutter“ desjenigen Bildes zu vergegenwärtigen, das wir
heute nach außen abgeben, ein Bild oder Eindruck, in dem dieses „Unterfutter“,
nämlich die Entwicklung, Geschichte oder auch Herkunft des Jetzt-Zustandes,
nicht unbedingt sichtbar wird; zugleich aber den Blick dessen mit im Auge zu
behalten, auf den das Bild stößt, dem sich ein Eindruck vermittelt. Im
Extremfall ist es der Blick von Terroristen, die, bevor sie Terroristen wurden,
Einblicke gewonnen und ihre Schlüsse daraus gezogen haben.
Verfügungen
In dem Testament, das man in den Unterlagen von Mohammed Atta gefunden hat und
das auf April 1996 datiert ist, entwickelt er (unterstellt, es stammt von ihm)
sehr genaue Vorstellungen davon, wie sich die Menschen nach seinem Tod ihm
beziehungsweise seinem Leichnam gegenüber zu verhalten haben. So sollen
diejenigen, die seinen Körper für das Grab vorbereiten, gute Muslime sein. Die,
die seinen Körper für das Grab vorbereiten, sollen ... ihm neue Kleider
anziehen, nicht die, in denen er gestorben ist. Außerdem will er, dass niemand
schluchzt oder weint oder sich an den Kleidern reißt oder die Hände vors Gesicht
schlägt, denn das sei unwissend. Er will auch nicht, dass ihn jemand besucht,
mit dem er sich zu Lebzeiten nicht verstanden hat. Und er kann nicht gutheißen,
dass sich Schwangere oder andere unreine Personen von ihm verabschieden. Auch
„sollen keine Frauen in mein Haus kommen, um ihr Beileid für meinen Tod zu
bekunden“. Und im gleichen Absatz heißt es: „Ich bin nicht verantwortlich für
Menschen, die Tiere vor meinem Körper opfern, denn das ist gegen den Islam.“ Er
möchte nur von guten Muslimen gewaschen werden, und wer seine Genitalien
wäscht, soll Handschuhe tragen, damit er sie nicht berührt. Frauen will er
weder bei seiner Beerdigung noch später an seinem Grab haben.
Als
Mohammed Atta dieses Testament abfasste, hat er bereits vier Jahre in Deutschland
gelebt und studiert. Wir wissen nicht, was ihn zu diesem Testament veranlasst
hat, auch nicht, welche Bedeutung es für ihn hatte, aber es liefert einige
Anhaltspunkte für die Art und Herkunft des Blickes, der auch auf uns
geworfen wird und mit dem wir umzugehen haben.
Bemerkenswert
an diesem Vermächtnis ist zunächst, dass sich Atta für einen Tod entschieden
hat, von dem man zynisch sagen könnte: Gründlicher hätte er seine eigenen
Vorgaben nicht missachten, aber gleichzeitig die Missachtung durch andere nicht
ausschließen können.
Der
Katalog seiner Anordnungen ist lang und detailreich und zeugt von der
Vorstellung, er, Mohammed Atta, könne weit über seinen Tod hinaus
Entscheidungen über das Verhalten und die Gefühle von Menschen treffen, und es
zeugt ebenso von der Vorstellung, diese seine letztwilligen Verfügungen würden
in der von ihm festgelegten Form auch eingehalten. Dazu kommt nicht nur der
Ausschluss der Frauen (Atta hat eine Mutter und zwei Schwestern) von der Trauer
und den Ritualen, der seinen religiösen Hintergrund hat, sondern auch die
Reinheitsvorstellungen im Hinblick auf sein eigenes Geschlecht, dass ihm die
Waschung mit Handschuhen besonders erwähnens- und hervorhebenswert erscheint.
Geht
man von den Vorstellungen aus, die in diesem Testament ihren Niederschlag
gefunden haben, und geht man weiter davon aus, dass der Verfasser selbst diese
Vorstellungen und Anordnungen der Umsetzung in Wirklichkeit nicht für wert
befunden hat – aus welchen Gründen auch immer –, dann entsteht der Eindruck von
Verwirrung und Orientierungslosigkeit bei dem, der da auf uns geschaut hat, und
man könnte fragen, ob in dieser Verwirrung und Orientierungslosigkeit, auch
Zerrissenheit, sich etwas von dem widerspiegelt, was er, als er uns zuschaute,
wahrgenommen hat.
Zum „Unterfutter“ des heutigen Bildes von der westlichen Zivilisation
Die Entwicklungen der letzten 130 Jahre, etwa ob der Zeit nach dem
deutsch-französischen Krieg (das umfasst auf der generativen Ebene etwa die
Spanne der Groß- und Urgroßeltern der heute mittleren Generation), sind von
enormen Umwälzungen geprägt, von denen ich hier nur zwei betrachten möchte:
Zum
einen die Aufhebung der Einheit von Arbeits- und Lebensraum, die zwar schon mit
Beginn der Mechanisierung einsetzte, aber erst in diesen 130 Jahren, von
Ausnahmen wie Landwirtschaft und Heimarbeit abgesehen, sich als Regel
durchgesetzt hat.
Zum
andern und mit dem vorherigen eng verknüpft, die rechtliche Regelung der
Geschlechterverhältnisse, die, in groben Zügen, im zivil-, insbesondere im
familienrechtlichen Bereich die rechtliche Gleichstellung der Frau mit dem Mann
mit sich brachte, was für Männer und Frauen jeweils unterschiedliche Folgen
hatte. Dem Mann wurde die Verfügungsgewalt über die Frauen, insbesondere die
Ehefrauen und Töchter, aber auch die einseitige Verfügungsgewalt über die
ehelichen Kinder genommen; den Frauen wurde die Verfügungsgewalt über sich
selbst gegeben, etwa in Fragen der Erwerbstätigkeit; Entscheidungen über die
Kinder müssen heute, außer im Scheidungsfalle, partnerschaftlich getroffen
werden.
Ob
und wie weit diese Verlagerungen in der Rechtsstellung von Männern und Frauen
jeweils als Gewinn oder Verlust, als Bürde oder Entlastung empfunden wurden und
werden, und wie weit sie mit tradierten Rollen- und Wertigkeitsvorstellungen
vom jeweils anderen Geschlecht kollidieren, soll zunächst offen bleiben, ebenso
die Frage, wie solche schwer wiegenden Veränderungen im persönlichen und über
Jahrhunderte gewachsenen und überlieferten Leben und Selbstverständnis der
Betroffenen verdaut und verarbeitet, ob und wie sie gelebt werden können. Was
auch immer die Antwort ist, sie setzt sich in Realität um und ist Bestandteil
des Bildes, das wir nach außen abgeben.
Rhythmus und Prägungsmöglichkeiten
Die Aufhebung der Einheit von Arbeits- und Lebenswelt beinhaltete etwas, das
ich als Abschied vom eigenen Rhythmus und von persönlichen
Prägungsmöglichkeiten benennen möchte und das beide Geschlechter, Männer wie
Frauen, betrifft, wenn auch auf unterschiedliche Weise.
Die
bis ins späte 19. Jahrhundert dominante Lebens- und Produktionsweise war neben
dem Beamten- und Soldatentum landwirtschaftlich, handwerklich bestimmt (für
Frauen auch Heimarbeiten). Das heißt, die Herstellung von
(Grund-)Nahrungsmitteln erfolgte zum Beispiel nach eigenem oder der Natur
angepasstem Rhythmus, und sie wurde von den jeweiligen Menschen geprägt: Die
noch vorwiegend ländliche Bevölkerung arbeitete nicht nach den Vorgaben
festgelegter Arbeitszeiten, und die Ernährung, von den Kartoffeln über Butter
und Marmelade, Gemüsezubereitung und so weiter trugen die (Geschmacks-)Merkmale
der jeweiligen Herstellerinnen und Hersteller. Selbst handwerkliche
Serienproduktionen trugen die Handschrift des „Meisters“ und die Stückzahl
blieb vergleichsweise überschaubar.
In
welchem Ausmaß von individuellen Rhythmen, Prägungsgepflogenheiten und
Geschmacksvielfältigkeiten Abschied genommen wurde, möchte ich an nur einem
recht drastischen Beispiel anschaulich machen, den Erfindungen des Herrn Nestlé
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ihren Folgen. Nachdem Nestlé,
auf der Suche nach einem Muttermilchersatz für durchfallkranke Kinder, die
Formel für Trockenmilch gefunden hatte, begann diese „Ausnahmeernährung“ im
Laufe der nächsten Jahrzehnte ihren Siegeszug in der Säuglingsernährung und hat
sich spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg als Regelernährung für Neugeborene
und Kleinkinder durchgesetzt. Aus millionenfachen Geschmacksausprägungen der
Mutter- und Ammenmilch war binnen weniger Jahrzehnte ein auf vielleicht zwanzig
bis hundert Produkte beschränktes Geschmacksangebot geworden, und die ebenfalls
millionenfachen Ausprägungen von mütterlichen Brustwarzen und den damit
verbundenen taktilen und oralen Besonderheiten waren einem (kleinen) Sortiment
von Schnullern und Flaschen gewichen. – Der Rhythmus des Stillens, der sich
durch Hunger und seine Befriedigung ergibt, wurde nun durch „objektivierte“
Zeiteinteilung ersetzt, was dann insbesondere unter den Nazis und ihrer
Protagonistin Johanna Haarer dazu geführt hat, Zeiteinteilung bei der Säuglingsernährung
für einen Wert an sich zu halten.(1)
Der
Name Nestlé steht aber nicht nur für Trockenmilch, sondern für die Entwicklung
auf dem Sektor der Ernährung und der Lebensmittelindustrie überhaupt, und das
nicht nur im Hinblick auf Geschmacksprägungen, sondern auch im Hinblick auf die
veränderten Bedingungen der Herstellung, die Auslagerung aus Haus und Hof und
die Trennung von Arbeits- und Lebensbereich. Da waren es zunächst die Männer,
die in den rasch entstehenden Fabriken nach dem dort vorgegebenen Rhythmus das
herstellten, was sie zuvor selbst produziert und was ihre Frauen zu Nahrung
verarbeitet – gekocht, konserviert und so weiter – hatten. Die
Anpassungsprozesse, die diese Umstellungen erforderten, trafen, je mehr auch
Frauen in die industrielle Produktion gingen, Männer wie Frauen gleichermaßen,
und man könnte fragen, ob und wie weit die Auswirkungen dieses Verlustes des
eigenen oder von der Natur vorgegebenen Rhythmus, der ja ein ganz tief
greifender, weit in den menschlichen Organismus hinein wirkender ist, einen
Anteil an den immer wiederkehrenden wirtschaftlichen Depressionen hat, oder
auch: ob diese Depressionen diesen Verlust widerspiegeln.
Etwa
gleichzeitig mit der industriellen Entwicklung begannen die Änderungen in der
Regelung der rechtlichen Verhältnisse zwischen den Geschlechtern. Die noch aus
dem römischen Recht bestehende Position des Paterfamilias wurde im preußischen
Recht abgebaut (langsam), man könnte es so beschreiben: In dem Maße, in dem die
Männer, Ehemänner und Väter von Töchtern, ihre Rechtstitel verloren, gewannen
die Frauen eigene hinzu, die Verfügungsgewalt ging vom Vater und Ehemann auf
die Frauen selbst über (in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts fiel
schließlich das Recht des Mannes, seiner Frau die Erwerbstätigkeit zu
untersagen).
Aus
dieser Entwicklung ergibt sich die bisher öffentlich eher selten diskutierte
Frage: Wie sind die Männer mit diesem Macht- und Bestimmungsverlust (dem
Verlust häuslicher Untertanen, auch das Dienstbotenrecht wurde geändert) fertig
geworden, wie sind sie damit umgegangen? Wie haben sie es empfunden? Welche
Kompensationen gab und gibt es? Und auf der anderen Seite: Wie sind die Frauen
mit dem rechtlichen Zugewinn verfahren, haben sie ihn als solchen empfunden?
Auch
diese Umwälzungen im Bereich des Rechts, der rechtlichen Regelungen im
Verhältnis von Mann und Frau und ihrer Umsetzung im alltäglichen Leben,
berühren Tiefenschichten der menschlichen Existenz, denn sie wirken weit in die
religiöse christliche Tradierung und Sozialisierung. Wie in den beiden anderen
Religionen, der jüdischen und der moslemischen, ist auch in der christlichen
die Stellung des Mannes eine der Frau übergeordnete; oder anders: Die Frau wird
als Ergänzung des Mannes gesehen, entweder dem Vater oder dem Ehemann oder
einem Vormund zugeordnet, während der Mann als der Eigentliche alleine stehen
kann, ohne dass dies der besonderen Erwähnung bedarf. Und diese Ordnung ist eng
mit dem Gründungsmythos verknüpft. Die Heiligen Schriften sind aus dem
Blickwinkel des Menschen, der männlich ist, verfasst, wobei Mann und Frau
gleichermaßen Gegenstand der Regelungen werden.
Wenn
nun dieses über Jahrhunderte gültige Muster verschoben wird, der Mann die
Verfügungsgewalt über Frau, Kinder und Gesinde qua weltlichem Recht verliert
und das Bestimmungsrecht über die Frau auf diese selbst übergeht, dann berührt
das die Grundfesten eines Systems, und die Frage ist, ob sich die Beteiligten
dieser doch ganz ungeheuerlichen Umwälzung (die ja nahezu zeitgleich und auch
dadurch bedingt mit den oben genannten Umwälzungen, sprich: Trennung von
Arbeits- und Lebenswelt, einherging und den damit verbundenen unverdauten
„Verlusten“) bewusst sind? Zu welchen Orientierungsunsicherheiten führen solche
Umwälzungen, sowohl im persönlichen Leben (z. B. der Kindererziehung) als auch
in der Gestaltung des öffentlichen Lebens? Welche Rücksichten, zeitliche und
wechselseitige, sind unverzichtbar, um mit solchen tief greifenden
Veränderungen fertig zu werden? Und was geschieht mit den Bildern und Vorstellungen,
die hinsichtlich des jeweils anderen Geschlechtes und seiner Rechte und
Pflichten im Laufe der Jahrhunderte entstanden, jetzt aber nur noch begrenzt
mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen sind? – Auch hier wieder ist
gut vorstellbar, dass die tief greifenden Veränderungen und ihre mangelnde
Berücksichtigung im allgemeinen und alltäglichen Bewusstsein einen Anteil an
der Lähmung, der Taubheit und der mangelnden „Unternehmungslust“ hat.
Die eigene Unsicherheit und die anderen
Es ist davon auszugehen, dass wir alle ein, wenn auch un- oder vorbewusstes,
Verständnis davon haben, wie sich die Folgen dieser fundamentalen Umwälzungen
in einer nur wenige Generationen umfassenden Zeitspanne auf unser Leben
ausgewirkt, zu welchen Empfindungen von Unsicherheit und
Orientierungslosigkeit, auch im Umgang mit den eigenen Kindern, geführt haben;
und wir haben ein ebensolches Gespür dafür, wie sich diese Folgen nach außen
hin zum Ausdruck bringen.
Aber
müssen wir nicht davon ausgehen, dass Verwirrung und Unsicherheit, die ihren
Niederschlag ja auch in unseren unklaren Rollenbildern und -praktiken finden,
nicht nur nach außen sichtbar werden, sondern sich als Verwirrung auch bei
denen einstellt, die, von außen kommend, mit völlig anderen Entwicklungsgeschichten
und eindeutigeren Rollenzuweisungen und die Herkunft unseres heutigen Zustandes
nicht unbedingt kennend, uns beim „Spielen“ und Ausprobieren neuer Rollen- und
Lebensformen zuschauen? Was teilt sich da mit und was richtet es an?
Das
attasche Testament mit seinen extrem erscheinenden Reinheitsvorstellungen, der
apodiktischen Tonlage und dem Ausschluss der Frauen (als Angehörige der eigenen
Religion) von der Trauer und den Besuchen am Grab ist da nur das eine Ende der
Fahnenstange. Am anderen finden wir die in den letzten drei Jahrzehnten
vielfach aus Anatolien eingewanderten Männer und Frauen, die ihre vertraute
Umgebung und ihren eigenen Rhythmus hinter sich gelassen haben, denen der
Zusammenhalt der (Groß-)Familie wichtig ist, selbst wenn diese zerstritten ist,
und die auf den Halt ihrer Religion angewiesen und angesichts der hier
vorgefundenen Verhältnisse auch stolz darauf sind. Nach welchen kulturellen und
religiösen Orientierungen sollten sie ihre Kinder erziehen, wenn sie hier auf
scharenweise von ihrem eigenen Glauben abgefallene „Wilde“ stießen, die, vor
allem in den Städten, sich in häufig „ungeregelten“ Beziehungen austobten.(2)
Wer konnte und kann für einen gläubigen Moslem bei solchen Zuständen da noch
als respektabler Ansprechpartner gelten? Und in welche Art von Verhältnissen
wäre sich zu integrieren?
Es
tun sich Abgründe auf, die ohne weiteres nicht zu überwinden sind, denn die
Entwicklungen und Zustände, Befindlichkeiten und Mentalitäten auf Grund
gemachter Erfahrungen, die da aufeinander treffen, lassen sich kaum mit gutem
Willen (und schon gar nicht mit Attentatsdrohungen) aus der Welt schaffen. Dass
diese Abgründe, auch in der wechselseitigen Einschätzung und Abwertung, kaum
zur Sprache kommen, und wenn, das Sprechen von großen Ängsten begleitet ist,
könnte aber auch wieder einen Anteil an dem Zustand der Lähmung und Taubheit
haben.
1
Die
angesprochenen Reduzierungen individueller Rhythmen, Geschmacks- und
Prägungsmöglichkeiten werfen ein ganz eigenes Licht auf die
Individualisierungsdebatte und führen zu der Frage – die hier aber nicht
diskutiert werden soll – ob es sich da nicht eher um schlichte Verschiebungen
handelt.
2
Schwer
wiegender noch als Ungläubigkeit gilt im Koran der Abfall vom Glauben der
eigenen Religion, auch der nicht islamischen, weswegen um Fortschritt bemühte
moslemische Frauen um Veränderungsmöglichkeiten auf der Basis des Korans
ringen, statt kurzerhand den Glauben aufzukündigen.
Literatur:
Jochen
Müller: „Backpfeifen. Geschichte und Gegenwart des arabischen Minderwertigkeitskomplexes
und antiwestlicher Ideologien“, Kommune Nr. 10/02
Ulla
Küchler: Fadime. Eine türkische Familie in Deutschland, München 1991
Meral
Akkent u. a.: Frühkindliche Erziehung ausländischer Kleinkinder. Endbericht
November 1979 – Dezember 1983, hrsg. vom Institut für Sozialarbeit und
Sozialpädagogik Frankfurt am Main.