Peter
Mosler
Tiefe Wunden haben 1974 griechischer Putsch und türkische Invasion mit
beiderseitigen ethnischen Säuberungen in das Leben der Menschen auf Zypern
gerissen. Bis heute hält die Teilung einer Insel an, deren prosperierende
Republik Zypern vor der Aufnahme in die EU im Rahmen der Osterweiterung steht.
Unser Autor, zypernerfahren, entwirft das Bild eines reichen
(Teil-)Landes, das einem armen Norden
gegenübersteht, der nur durch die türkische Militärpräsenz aufrechterhalten
wird. Initiativen über die Fronten hinweg geben Hoffnung, aber was geschieht
beim vorgesehen Beitritt mit dem Norden?
Ankunft
Airport Larnaca, dem Flughafen der Republik Zypern, seit der
International Airport Nikosia nach dem Krieg 1974 nicht mehr zur Verfügung
steht. Es ist die Wärme des Spätsommers, die mich umfängt, als ich abends durch
die Stadt schlendere, und noch immer begegnen mir mehr Touristen als Zyprioten.
Sie sind leicht zu erkennen: Ihre Haut ist rot, meist tragen sie kurze Hosen
und den dicken Bauch unbedeckt. Im Jahr 2000 waren es 3,5 Millionen, die
Deutschen an zweiter Stelle (in großem Abstand) nach den Engländern. Und das,
obwohl das Land nach dem Putsch der griechischen Junta und der türkischen
Invasion geteilt ist, „ethnisch gesäubert“, im Norden die türkischen Zyprioten,
im Süden die griechischen Zyprioten. Auf meinem Spaziergang durch Larnaca komme
ich an einem kleinen Restaurant vorbei, das Kyrenia heißt. Das müssen
Flüchtlinge sein, denn Kyrenia liegt im Norden, heißt heute Gürne, und liegt,
nach offizieller Sprachregelung, im „türkisch besetzten Gebiet“. Das Lokal hat
einen kleinen Raum, erhellt von Neonröhren, davor ein kleiner Garten mit vier
Tischen unter Weinlaub. Die Wirtin heißt Alexandra, und sie stammt tatsächlich
aus Kyrenia, zwei Jahre lang lebte sie nach dem Krieg „eingeschlossen“ in der
Stadt, danach wurde sie von den Türken vertrieben und flüchtete nach Larnaca.
„Hier werden wir sterben. Wir können nicht zurück.“ Sie fügt hinzu: „Die da
oben haben Fehler gemacht, auch die Unseren.“ Aber dann bricht aus ihr heraus:
„Die Türken wollen auch dies hier – Larnaca! Sie können nämlich nicht
arbeiten.“ Es kommen nur wenig Gäste, und Alexandra sagt: „Nein, es geht nicht
gut mit dem kleinen Restaurant hier in Larnaca. Ich verstehe die Mentalität der
Leute hier nicht.“ Aber immer wieder spricht sie von ihrer besten Freundin in
Kyrenia, der türkischen Zypriotin Gülten: „Sie war die Schönste, und sie war
meine beste Freundin.“ Doch Alexandra hat Gülten seit 26 Jahren nicht mehr
gesehen, seit sie aus Kyrenia vertrieben wurde. Das sollte ich immer wieder
hören. Auf meine Frage: „Was hat sich in den Jahren seit dem Krieg für Sie
persönlich am meisten verändert?“ bekam ich oft zur Antwort: „Ich habe meine
türkisch-zypriotischen Freunde verloren.“ Als ich von dieser Beschwörung der
Freundschaft zwischen den Ethnien auf Zypern später Serdar Atai in Famagusta
(heute türkisch: Gazi Maguza) schrieb, mailte er zurück: „Es ist ein Irrtum,
denen zu glauben, die früher nicht genügend dazu getan haben, an den
Beziehungen mit ihrem Gegenüber zu arbeiten und stattdessen heute sagen, sie
vermissten ihre alten Freunde. Zyprioten sprechen gerne gefühlvoll und führen
Ausländer so in die Irre. Ich möchte um Himmelswillen wissen, wer ist schuld
daran, die Rechte des anderen, seine Freiheiten. auch seine Schmerzen, das
Recht auf Existenz mit eigener Identität nicht zu respektieren, nicht
anzuerkennen? Griechische Zyprioten haben die ganzen Gelder der Fonds aufgebraucht,
die von internationalen Gesellschaften ins Land geflossen sind, unter dem
Besitztitel ‚Republik Zypern‘. Die türkischen Zyprioten sollten daran
normalerweise auch Anteil haben, aber in der Vergangenheit sind sie illegal
davon ausgeschlossen worden. Und umgekehrt haben die türkischen Zyprioten das
mobile und immobile Eigentum ihrer griechischen Freunde (?) geplündert, mit
Hilfe ihrer türkischen Kumpane, die sie eigentlich vor der ‚unmenschlichen
Behandlung‘ durch die Griechen schützen sollten. Was für eine Freundschaft!“
Ja,
was für eine Freundschaft? Was ist es, das bis heute das Zusammenleben
türkischer und griechischer Zyprioten stört? Und zugleich fällt mir auf, dass
es einen neuen Sprachgebrauch gibt: Man sagt heute„türkisch-zypriotisch“ und
„griechisch-zypriotisch“, nicht mehr lässig „Türken“ und „Griechen“, vielleicht
deshalb, weil inzwischen richtige Türken, Siedler aus Ostanatolien oder vom
Schwarzen Meer, in Zypern leben. Die griechischen Zyprioten, die ich gesprochen
habe, legten alle viel Wert auf ihre „Freundschaft“ zu den türkischen Zyprioten
– es hörte sich an wie Phantomschmerz, wenn sie von ihren „verlorenen Freunden“
sprachen.
Die Hauptstadt Nikosia ist, wie das ganze Land, geteilt. An der Grenzstation steht
ein Gerüst, von dem aus man einen Blick nach „drüben“, in das
türkisch-zypriotische Nikosia werfen kann. Von Krieg und Witterung zerstörte
Häuser. Über die Straße davor ist Stacheldraht gerollt. Kein Mensch ist zu
sehen. An der griechisch-zypriotischen Seite ist auf dem Gerüst die Inschrift
angebracht: NICHTS IST OHNE OPFER ZU ERLANGEN UND DIE FREIHEIT NICHT OHNE BLUT.
Von der Straße führt ein tunnelähnlicher Eingang im Haus zu einer öffentlichen
Toilette. An der Wand steht trotzig gesprayt: ZYPERN GRIECHENLAND ENOSIS. Nicht
weit von hier hat ein Mann ein Kafenion eröffnet und es BERLIN genannt. „In
Berlin war eine Mauer, und hier ist eine.“ Und es gibt noch einen Grund für den
Namen: „Die Deutschen kommen gerne hierher.“
Einmal
fahre ich westlich von Nikosia an die Grenze zu den türkischen Gebieten,
zusammen mit meinem Freund Christakis. Straßen voll Steingeröll, immer wieder
Schilder, auf denen stehen sollte: „Hier beginnt der türkische Sektor“, es
steht aber etwas anderes darauf. Wir fahren an die Spitze eines Berges aus
rissigem Gestein, oben ein militärisches Wachhaus in Tarnfarbe gestrichen,
darin ein Milchgesicht von 18 Jahren in Uniform, der über drei Telefone in
seinem Posten verfügt. Der Blick geht auf ein wüstes steiniges Gelände in
bleichem Grau, das etwas von einer Mondlandschaft hat. Sie ist türkisch
besetzt, zwischen den zerstörten Häusern flattert die rote türkische Fahne. Das
ist der letzte Kalte Krieg in Europa. Ich sage arglos: „Lohnt es sich denn, für
diese Steinwüste zu kämpfen?“ In den Augen von Christakis stehen Tränen und er
antwortet fest: „Ja.“ Irgendwo hinter dieser Mondlandschaft liegt sein früheres
Dorf, aus dem er vor achtundzwanzig Jahren vertrieben wurde. Christakis
Themistokleous, 48 Jahre, drei Kinder, Automechaniker bei CTC Automobile.
Er hat mit 20 Jahren sein Dorf Sirjanochori bei Morphou verlassen, das von dem
militärischen Wachposten, in dem wir standen, über Luftlinie vielleicht zehn
Kilometer entfernt liegt.
Irgendwo
liegt ein Buch, in das ich meine Unterschrift und einen Appell gegen die
unmenschliche Grenze schreiben will – doch Christakis nimmt mir rechtzeitig den
Kugelschreiber weg. Es ist ein dienstliches Buch, in dem die Soldaten ihre
Wache eintragen. Christakis sagt: „Die Grenze in Zypern ist eben nicht die
Grenze zwischen Ost und West, wie früher in Berlin, sondern die Grenze zwischen
Romiosini und Türkentum, und das ist letztlich etwas, was in der Welt nur
Hellas und die Türkei interessiert. Diese Grenze löst kein globales politisches
Interesse aus, deswegen ist der Konflikt auch so stationär.“ Müsste sich jetzt,
vor dem Eintritt Zyperns in die EU, nicht gerade dies ändern? Rauf Denktasch,
der Führer Nordzyperns, sagt: „Dieser Zug nach Europa kommt bei uns nicht an,
sondern bei den griechischen Zyprioten. Wir hingegen nehmen den Zug, der mit der
Türkei in die Europäische Union fährt.“ Von Ankara ist die Drohung zu hören,
dass bei Aufnahme der Republik Zypern in die EU der Staat im Norden als Provinz
in die Türkei aufgenommen wird. Heute werden die 3350 Quadratkilometer TRNC (Turkish
Republic North Cyprus) nur von einem einzigen Staat der Erde anerkannt: Der
Türkei. Griechenland droht, durch ein Veto die gesamte EU-Osterweiterung zu
blockieren, wenn Zypern nicht aufgenommen wird. Für die griechisch-zypriotische
Regierung gilt: Es wird die Republik Zypern aufgenommen, also die gesamte
Insel, da die Republik als einzig international anerkannter Staat auf
zypriotischem Territorium die ganze Insel vertritt. Sollte bis zum endgültigen
Beitritt keine Lösung gefunden werden, kann der gemeinsame Besitzstand (Aquis
Communitaire), auf Grund der Besatzung des Nordteils der Insel, vorläufig nicht
auf der ganzen Insel, sondern nur in den freien Gebieten angewandt werden. Mit
einer Lösung würde der Aquis automatisch auf den Norden erstreckt.
„Wir
können das Zypernproblem unter uns nicht lösen. Wir brauchen die Hilfe anderer
Mächte“, sagt Christakis entmutigt. Sein Vater, Themistokles Petrou, lebt in
einer Flüchtlingssiedlung Nikosias, die die zypriotische Regierung nach dem
Krieg für obdachlose Flüchtlinge gebaut hatte. In einem Kafenion im Quartier
befragt, spricht der Alte in einem stumpfen Ostinato: „Wir wollen, dass sie uns
in unsere Dörfer bringen. Es sind unsere Häuser, die wir wollen, und nicht
diese hier.“ Immer wieder sagt er: „Dass sie uns da hinbringen – so soll es
sein!“
Die Geschichte der Türken und Griechen auf Zypern und der Massaker in den
jeweiligen ethnischen Quartieren des Gegners ist lang. Man kann sie detailliert
nachlesen in Political Geography and the Cyprus Conflict (University of
Waterloo 1976) von Richard A. Patrick, einem Kanadier, der als Offizier in der
UNFICYP tätig war, und in der Geschichte der Republik Zypern (3.
aktualisierte Auflage, Francke Verlag, Tübingen 1998) von Pavlos Tzermias,
einem griechisch-zypriotischen Journalisten bei der Neuen Zürcher Zeitung,
der sein Werk souverän in politischer Neutralität verfasst hat. In aller Kürze
sei hier nur so viel gesagt: Die Geschichte der interkommunalen bewaffneten
Auseinandersetzungen war von Anfang an beherrscht von den Parolen „taksim“
(türkisch: Teilung) und „enosis“ (griechisch: Anschluss). Die blutigen Kämpfe
fanden ihren bisherigen Höhepunkt im Sommer 1974 im Putsch der griechischen
Junta auf Zypern, der die Invasion der türkischen Armee zur Folge hatte. Die
Invasion stellte einen neuen politischen Status quo zu Gunsten der
zypriotischen Türken her. Sie bewohnen jetzt 36 Prozent von Gesamtzypern – aber
sie werden durch die Siedler aus dem türkischen Festland zu einer Minderheit im
eigenen Land, politisch und kulturell, in einer geschlossenen Gesellschaft.
Aber seit 28 Jahren sind die Zyperntürken nicht Opfer eines bewaffneten
Überfalls geworden.
Die
griechisch-zypriotische Tageszeitung Philelefteros brachte im September
2002 eine statistische Übersicht: „Bevölkerung in Nordzypern: 210000.“ Dazu
35000 Soldaten, die Nordzypern zu einem der Gebiete mit höchster militärischer
Dichte machen. Rund 55000 türkische Zyprioten haben das Land seit 1974
verlassen, in Richtung England, Australien, Kanada. In Nordzypern verbleiben
87700 türkische Zyprioten. Die Gesamtzahl der „rechtmäßigen Einwohner“,
schreibt Philelefteros, beträgt in Zypern 777700, davon 690000 Griechen.
Diese Zahlenspiele bilden den Hauptartikel auf der Titelseite. Im Resümee heißt
es: „Für uns sind die Siedler illegal in Zypern“ – also mehr als 100000
Menschen zurückschicken ...? Kein Wort von der zweiten Generation, Kinder der
Siedler, die sich ebenso wenig den Türken vom Festland wie den türkischen
Zyprioten zugehörig fühlen. Immerhin hat der griechisch-zypriotische Präsident Glafkos
Klerides den in Zypern geborenen Kindern der türkischen Siedler einen
Landespass angeboten – aber Denktasch wollte nicht. In meinen Gesprächen im
Kaffeehaus habe ich immer wieder von der „deutschen Lösung“ erzählt: Die
Vertriebenen bekamen einen Anteil ihres verlorenen Eigentums im ehemals
deutschen Osten ausgezahlt, die „Wiedergutmachung“, aber darauf hörte ich stets
nur: „Wir wollen in unsere Häuser zurück.“ Immerhin vererbt sich der Status
„Flüchtling“ nicht oft bis in die zweite Generation, wie früher bei Pommern,
Schlesiern, Ostpreußen et cetera. Ökonomisch versprechen sich die griechischen
Zyprioten wenig vom Anschluss (Zypern wird, wie Malta und Slowenien,
Nettozahler unter den Beitrittskandidaten der EU sein), dafür aber
politisch-militärisch: „Die EU kann uns vor den Türken militärisch schützen.“
Um Zypern zu verstehen, gehen wir in das Tausend-Seelen-Dorf Evrychou, westlich von
Nikosia am Fuße des Troodos-Gebirges. Wir werfen einen Blick auf das Leben von
Andreas Ploutarchou, geboren 1938 und 1974 Vater von sechs Kindern. Das Dorf
Evrychou hat etwas Vertrautes, vermittelt das Gefühl von Ruhe und Sicherheit,
deswegen wird die Tür im Hause von Andreas niemals abgeschlossen. Es war nie
etwas passiert – bis zum 18. Juli 1974. Vor drei Tagen hatten griechische und
zypriotische Soldaten den Putsch auf dem Inselstaat durchgeführt, und Andreas
hört nachts, wie mehrere Männer die Türe zu seinem Haus öffnen und hineingehen.
Er hört leise Stimmen, das Knarren von Möbeln, dann vernimmt er, wie die Männer
das Haus wieder verlassen, auf dem Hof mehrere Schüsse. Schritte entfernen
sich. Als Andreas nach einiger Zeit sich traut, hinauszugehen, sieht er sein
Bild von Erzbischof Makarios auf dem Hof liegen, von mehreren Schüssen
durchlöchert. Er weiß, dass dies eine Drohung ist. Vor einem Monat hatte er von
Vassos Lyssarides, dem Chef der EDEK-Partei, eine automatische Waffe erhalten,
aus einer Lieferung der CSSR. Das Volk von Zypern war gespalten in
Makarios-Anhänger und solche, die Grivas und seine irregulären Truppen im
Untergrund unterstützten. Die Ziele der Irregulären sind: Rücktritt von
Makarios, Stopp der interkommunalen Gespräche, Kampf gegen Kommunismus und
Durchführung der Enosis.
Enosis war immer wieder die mehr oder weniger offen angestrebte Politik von
Griechenland. Schon 1964 schrieb Georgios Papandreou an den US-Präsidenten
Lyndon B. Johnson: „Nur durch die Enosis kann der Gefahr der Umwandlung Zyperns
in ein neues Kuba begegnet werden.“ Im selben Jahr sagte der griechische
Ministerpräsident in einer Rede in Saloniki: „Die Enosis wird kommen. Die
Enosis kommt ... Groß ist die historische Berufung Zyperns nach der
Vereinigung. Es ist prädestiniert, mit friedlichen Mitteln den Weg Alexander
des Großen gen Osten fortzusetzen ...“ taksim stellten die Türken
dagegen. Diesen Plan setzten sie mit der Invasion als Folge des Putsches 1974
durch. Die „ethnische Säuberung“ hatte 20<%15>0000
griechisch-zypriotische Flüchtlinge aus dem Norden zur Folge, 6<%15>0000
türkisch-zypriotische aus dem Süden. Sie sind oft nur mit dem, was sie auf dem
Leibe tragen, geflohen. Sie kommen auch nach Evrychou und sagen: „Die Türken
haben uns alles genommen. Nur unsere Äcker haben sie nicht in die Türkei
geschleppt.“ Schlecht ausgerüstete griechisch-zypriotische Soldaten, die gerade
einen Krieg verloren hatten, sprechen in einem patriotischen Stolz, der bis zum
Platzen mit einem nichtswürdigen Idealismus gefüllt ist:: „“Wir haben keine
guten Waffen, aber wir haben unsere Hände und unsere Herzen.“ Der starke Kaffee
in kleinen Tassen heißt jetzt nicht mehr „türkisch“, sondern „griechisch“. Im
Dorf leben 900 Flüchtlinge im Alter von sechs Monaten bis 90 Jahren, dreißig
von ihnen in Zelten. Sie sind die unterste Klasse der Flüchtlinge, danach
kommen solche, die zu mehreren in einem kleinen Zimmer wohnen, und schließlich
die Staatsdiener, Polizisten und andere, die weiter beschäftigt sind und ihren
Lohn erhalten. 30 Prozent der Zyprioten haben ihre Arbeit verloren, vom
Busfahrer, der eine Linie in das nunmehr besetzte Gebiet gefahren hatte, über
den Hotelmanager in Kyrenia bis zum Koch aus einem Fischrestaurant in
Famagusta.
Der
letzte Tag von Andreas in Evrychou am 29. Dezember 1975 beginnt normal.
Nachmittags gehen wir in seine kleine Taverne, grillen Souvlaki und kaufen
Brandy im Supermarket. Proklis sagt zu mir: „Wenn du nach Deutschland
zurückkommst, brennt Berlin nach der Invasion der Türken“, und alle brechen in
Gelächter aus. Irgendwann schlägt die Stimmung um, Andreas schießen die Tränen
in die Augen und er sagt trotzig: „Ich fahre nicht.“ Er ist nicht zu halten und
weint ohne Unterlass, auch seine Freunde brechen in Tränen aus, bis Andreas
sagt: „Ich will zu Christos, beim Feuerwehrhaus.“ Dort gibt der Feuerwehrmann
seinem Freund das Versprechen, am nächsten Morgen um halb sieben an der Straße
zu stehen und zum Abschied zu winken. Andreas stellt sich an die Dorfstraße und
hält jedes vorbeifahrende Auto an, um sich unter Tränen zu verabschieden.
Schließlich fährt er nach Hause. Dort wartet die ganze Familie auf ihn in einer
stummen Feierlichkeit an einem großen gedeckten Tisch. Alle essen und trinken
schweigend zusammen, bis nach einer halben Stunde eine tiefe Trauer ausbricht.
Alle beginnen zu weinen, vom Großvater bis zum jüngsten Sohn. Ich fühle mich
fehl am Platz, was habe ich in dem großen Unglück dieser Familie zu suchen? –
Am nächsten Morgen begleite ich meinen Freund zum Treffpunkt in Nikosia. Dort
steht bereits eine verlorene Gruppe Gastarbeiter, ausdruckslose Gesichter,
Männer in grobem Wollzeug, die hastig an ihren Zigaretten ziehen, Gepäckstücke
auf dem Boden, mit einer Kordel zugeschnürt. Wir trinken noch einen
griechischen Kaffee, doch ich zwinge mich zu verstehen, dass Andreas bereits in
einer anderen Welt ist. An der Häuserwand klebt ein Plakat mit dem Kopf von
Doros Loisou, dem Fahrer von Lyssarides, am 30. August 1974 von der EOKA-B
(Nationale Organisation Zypriotischer Kämpfer) umgebracht. „Brot und Freiheit“
steht auf dem Plakat.
Von
1974 bis 1977 gingen 18000 Zyprioten zur Arbeit ins Ausland, nach Australien,
Großbritannien, Kanada, Südafrika, Griechenland und in arabische Länder. Sie
verdienten gut und schickten ihren Lohn Monat für Monat nach Hause. Die
wirtschaftliche Lage Zyperns nach dem Krieg war ein Desaster. Die
Zypern-Griechen hatten zwar 37 Prozent des Landes verloren, aber es waren die
fruchtbarsten Böden (Mesaoria, Kornkammer der Insel, die Zitrus-Kulturen von
Morphou u. a.), sodass der Verlust mit 46 Prozent des agrarischen
Produktionswerts angegeben wird. 50 Prozent der Kapazitäten in Industrie und
Handwerk gingen verloren, sowie 50 Prozent der Hotelbetten durch den Verlust
der touristischen Zentren Kyrenia und Famagusta. Dennoch vollzog sich in den
Jahren nach dem Krieg ein kleines Wirtschaftswunder. Schon drei Jahre nach dem
Krieg gab es im Süden Zyperns wieder Vollbeschäftigung. Und heute macht der
tertiäre Sektor 76 Prozent aus, das durchschnittliche Jahreseinkommen lag im
Jahre 2000 mit 14250 Euro über den vergleichbaren Zahlen von Griechenland oder
Portugal. Im Jahr darauf betrug das wirtschaftliche Wachstum 3,7 Prozent, die
Arbeitslosigkeit lag bei 3,9 Prozent, die Inflation bei 2,0 Prozent.
Ganz
anders sieht es in Nordzypern aus. Die Türken haben den Krieg gewonnen, aber im
Frieden verloren. Sie erhalten ein Drittel vom Jahreseinkommen der Zypern-Griechen.
22 Prozent der Arbeitskräfte sind bei den staatlichen Behörden beschäftigt.
Damit bindet die Denktasch-Regierung eine bürokratische Klientel an sich. Das
Land ist einerseits agrarisch, andererseits überbürokratisiert. So kommt es,
dass mehr als ein Drittel des jährlichen BIP durch Finanzhilfen, Darlehen et
cetera aus der Türkei gedeckt wird. Die Zypern-Türken sagen: Unsere Wirtschaft
leidet unter dem Embargo der Zypern-Griechen. Tatsächlich gibt es manche
ökonomische Bereiche, in denen diese einen „Alleinvertretungsanspruch“
durchsetzen: Reedereien, deren Schiffe nord-zypriotische Häfen anlaufen, werden
vom Süden und Griechenland boykottiert. Dasselbe gilt für Fluggesellschaften,
die einen nordzypriotischen Flughafen anfliegen. Reiseunternehmen, die Nordzypern
in ihr Programm aufnehmen, verlieren den südzypriotischen und griechischen
Markt. Dennoch ist das Embargo nicht so dramatisch: Nordzypern exportiert über
die Türkei 70 Prozent seiner Produkte an die EU-Länder. Einer Kartoffel oder
einer Apfelsine sieht man nicht an, ob sie in Nordzypern oder der Türkei
gewachsen ist. Sicher ist jedoch, dass die „Türkische Republik Nordzypern“
ökonomisch (geschweige denn politisch) die Kriterien für die Aufnahme in die EU
nicht erfüllt. Sollte es eine Vereinbarung zwischen den beiden Ländern Zyperns
geben, welche die Grenzen öffnet, wird eine Wanderung von Nord nach Süd
stattfinden. Die Republik Zypern kann das aber verkraften, gibt es doch heute
schon 30000 ausländische Arbeitskräfte und vermutlich 10000 Illegale. In
Nikosia sieht man im Stadtzentrum auf dem „Platz der Freiheit“ viele farbige
Gesichter aus Asien, Afrika, und bis in die Dörfer trifft man Philippinen,
Pakistani oder Leute aus Sri Lanka, mit niederen Arbeiten beschäftigt. Zypern
ist im Süden Teil der Globalisierung geworden.
Von dem Schüler Dinos wollte ich eine kurze Geschichte Zyperns hören, und er
erzählte mir vom Befreiungskampf der EOKA gegen die englische
Kolonialherrschaft, Unabhängigkeit 1960, Makarios, Erzbischof und Präsident des
Landes – „und dann haben die Amerikaner Zypern an die Türkei verkauft, 1974,
und die Türken besetzten in der Invasion die Insel“. Ich fragte irritiert: „Gab
es nicht vorher etwas?“ – „Ach ja, der Putsch der griechischen Junta, und wir
konnten uns nicht gegen die Türken wehren, denn es gab einen Bürgerkrieg, die
Junta gegen das Volk von Zypern. Und dann wurde Zypern geteilt, und so ist es
all die Jahre geblieben. Ich will“, fügte er hinzu, „dass die Türken, die
fanatischen Türken, zurück aufs Festland gehen, und dass Zypern wieder vereint
wird und unsere Leute wieder in ihre Häuser zurückkehren können.“ Ob er für den
Anschluss an Griechenland ist? „Nein, keine Enosis, ich will Unabhängigkeit.
Zypern soll unabhängig sein – eigene Impulse, eigene Ideen.“ Ob er einen Türken
kennt? „Nein, ich habe noch nie einen Türken kennen gelernt.“ Könnte er sich
vorstellen, einen türkischen Freund zu haben? „Ja klar, so wie farbige,
schwarze oder andere Freunde. Es bringt nichts, nach dem Äußeren zu gehen.“ Das
ist Dinos Hatzikostas, 15 Jahre, ausgezeichnet mit vielen Preisen als
Klassenbester. In drei Jahren macht er Abitur auf dem Gymnasium in Evrychou.
Die Schulbücher im Süden kommen aus Griechenland, im Norden aus der Türkei.
Übrigens
entspricht seine kurze Geschichte Zyperns der offiziellen Geschichte , wie man
sie in den Broschüren des regierungsamtlichen Pressebüros nachlesen kann: Der
Putsch der griechischen Junta wird ganz klein geschrieben, der Anteil Zyperns
am Coup d'État, die EOKA-B , kommt überhaupt nicht vor. Die Invasion der Türken
dagegen wird groß geschrieben. Zum politischen Credo vom Zypern dieser Tage
gehört: 1974 Invasion der Türken, Errichtung eines gesetzwidrigen Staates in
Nordzypern, das Land soll vereint und unabhängig sein. Außerdem ist folgender
Glaubenssatz üblich: „In Zypern gab es eine Minorität von 100000 Türken, die
immer harmonisch mit den Griechen gelebt hat.“ Das ist die regierungsoffizielle
Geschichtsschreibung. – Ich habe auch ehemalige Mitglieder der EOKA-B
getroffen, der irregulären militärischen Untergrundorganisation, die 1974 den
Putsch der Junta mitgetragen hat. In einem nationalen Café von Mammari, einem
Dorf in der Nähe der Hauptstadt, in dem die Porträts von vier im Krieg gegen
die Türken gefallenen Helden zu sehen sind, sagte mir ein Mann im Gespräch in
einer Mischung von Verlegenheit und Stolz: „Ja, ich war selbst dabei, bei der
EOKA-B.“ Auf meine Fragen sagte er voller Überzeugung: „Die EOKA-B hatte mit
dem Putsch nichts zu tun. Das war die Junta in Griechenland – und sie wollten
gar keine Enosis mit Zypern, sondern sie wollten sich die Insel einverleiben,
um von ihren eigenen Problemen abzulenken. Nikos Sampson ist von den Griechen
gezwungen worden, das Amt des Präsidenten zu übernehmen, eine Woche lang!“ Das
ist die Geschichtskonstruktion der ehemaligen EOKA-B-Kämpfer. Andere ehemalige
Irreguläre, mit denen ich ins Gespräch kam, haben das Gleiche gesagt. Auch in
Deutschland wollte nach 1945 niemand etwas mit dem NS-System zu tun gehabt
haben.
In
Evrychou hat sich vor zwei Jahren ein Ukrainer mit seiner Familie
niedergelassen. Er sagt mir auf der Dorfstraße: „Die Russen haben im Zweiten
Weltkrieg 20 Millionen Menschen verloren. Aber sie waren 1975 den Deutschen
gegenüber nicht so unversöhnlich wie die Zyperngriechen gegenüber den
Zyperntürken. Der Krieg 1974 hat etwa 2000 Tote gekostet. Warum geben die
Griechen den Türken nicht 20 Prozent der Insel, gegen Freizügigkeit im
Reiseverkehr?“ Das Gebilde im Norden heißt in der Regierungssprache der
Republik Zypern „Pseudostaat“, seine Regierung die „so genannte“, und Denktasch
der „Führer“ der besetzten Gebiete.
In
das System des Kalten Krieges auf Zypern gehört es, dass sich Jugendliche aus
beiden Regionen zu einem mehrtägigen Workshop treffen – aber in Deutschland,
Großbritannien, USA oder Irland. Für solche Begegnungen gibt es inzwischen
bereits die Tätigkeit eines bi-communal trainer. Katie Economidou, die
in einer solchen Funktion arbeitet, sagt: „Erst als ich in der Universität
Beirut einen zypriotischen Türken als Freund gewann, habe ich die Geschichte
Zyperns verstanden und erkannte diese ethnisch begründeten Verzerrungen und
Vorurteile, mit denen ich gelebt hatte.“ Diese Geschichtsfälschungen entstehen
zumeist aus der Dichotomie „wir“ und „sie“ und in der Schlussfolgerung: Schuld
sind die anderen. „Ich mache diese Begegnungen von Türken und Griechen gerne“,
fährt Katie Economidou fort, „es sind zwar nur vierzig Leute jeweils, aber es
ist wie eine Lawine.“
Die
türkische Schriftstellerin Neshe Yashin wollte vom Norden Nikosias in den
Süden, den griechisch-zypriotischen Teil – und das ging so: „Um aus der Stadt,
in der ich lebe, wieder in die Stadt, in der ich lebe, zu gelangen, musste ich
drei Flugzeuge besteigen. Meine Reise ging von Nikosia zum Flughafen Ercan nach
Istanbul, dann nach Athen, von dort nach Larnaca und zurück nach Nikosia. Was
ich beschrieben habe, ist ein Weg von 50 Metern. Die längsten 50 Meter der
Welt!“ Zypern-Türken dürfen nicht in den Süden, und Zypern-Griechen ist es
verboten, in den Norden zu reisen. Andreas Ploutarchou in Evrychou hat 17
Enkel, zwischen drei Monaten und 24 Jahren. Keiner von ihnen kennt einen Türken
oder einen türkischen Zyprioten.“ Maria Hadjipavlou-Trigeorgis schreibt in dem
Beitrag „Der Mensch im Zypern-Konflikt“: „Ich glaube, ich weiß wesentlich mehr
über die Probleme und Belange amerikanischer oder europäischer Frauen als über
die der türkischen Zypriotinnen, die auf Zypern leben – obwohl sie nur einen
Steinwurf entfernt wohnen.“
Am 1. September fahre ich auf das „Festival des Friedens“, ausgerichtet von
bikommunalen Jugendgruppen von Nord und Süd am Ledra-Palace in der Pufferzone
an der Grenze, mit Unterstützung der UN. Wie in Zypern üblich, sind im Freien
vor dem Podium viele Stühle aufgestellt. Langsam füllt sich der offene Raum mit
etwa 1000 Menschen. Zu Beginn wird kurz in den Landessprachen – türkisch,
griechisch und englisch – gesprochen, aber das Treffen von Zypern-Türken und
Zypern-Griechen ist nicht eine Abfolge von Reden, sondern über Stunden spielen
die beiden Ethnien gemeinsam Musik und tanzen zusammen, darunter ein
großartiger bikommunaler Chor, geleitet von Katie Economidou. Danach
„Dillirga-Tillirkotissa“, ans Herz gehende traditionelle zypriotische Musik mit
Geige, Piano, Gitarre und Flöte. Nicht dass das Treffen beherrscht wäre von
rührenden Wiederbegegnungen („Ahmet!“ – „Kokko!“), sondern es ist eine
entspannte Party von alten und jungen Menschen, Türken und Griechen in Zypern.
Eine türkische Familie, die Frau schön und schmal, der Mann kräftig und
muskulös, ein kleines Mädchen von sechs Jahren; alle sitzen bequem auf den
Stühlen und hören der Musik zu. Die junge Mutter, in London geboren, ist wieder
nach Zypern zurückgekehrt, um zu heiraten. „Wir sind gekommen, um uns das mal
anzusehen, wir haben nichts gegen Griechen.“ Ein hübsches sechzehnjähriges
Mädchen aus dem türkischen Nikosia erzählt: „Ich habe vor drei Jahren über das
Internet ein gleichaltriges griechisches Mädchen kennen gelernt, und wir haben
uns hier in der Pufferzone am Ledra-Palace getroffen, wir sind Freundinnen
geworden. Jetzt treffen wir uns jedes Jahr.“ Um sieben gehen die Ersten, andere
junge Leute kommen, die noch ein bisschen von der Party erhaschen wollten, wenn
sie sich auch den Sicherheitskontrollen der UN-Soldaten vor dem Ledra-Palast
unterziehen müssen. Es ist ein „Festival des Friedens“, behütet von
UN-Soldaten, das Türken und Griechen feiern. – An der Grenze vor der Pufferzone
steht ein griechisch-zypriotischer Polizist vor einer Tafel mit
Verhaltensmaßregeln. „Sie können das besetzte Gebiet von 8 bis 17 Uhr besuchen.
Kaufen Sie nichts im besetzten Gebiet!“
Außer dem Ledra-Palace gibt es nur noch einen Ort, an dem sich zypriotische
Griechen und Türken unter dem Schutz der UNO treffen können: das Dorf Pyla,
gemischt bewohnt, in der Pufferzone im Osten der Insel, in der Nähe von
Larnaca. Im Dorf steht ein kleines Haus, das „friendship house“, in dem Nicos
Anastassiou und ich den zypriotischen Türken Ulus Irkad erwarten. Als er kommt,
wird er mit Umarmungen und Küssen empfangen. Er sagt: „Sie spionieren mir
überall nach, sie überwachen mein Telefon und fahren mir hinterher. – Denktasch
ist paranoid, er ist der Mussolini unserer Zeit.“ Irkad ist Lehrer an einer
Privatschule, seit er an der Staatsschule entlassen wurde. Anastassiou und
Irkad sprechen über ihre Pläne, Griechen und Türken in Zypern
zusammenzubringen, Menschen, die Tür an Tür im selben Dorf gewohnt haben und
die jetzt viele Kilometer voneinander entfernt leben. Die öffentliche
Kommunikation zwischen den beiden Regionen auf Zypern ist unterbrochen, aber
die bikommunale Bewegung ist auf E-Mails und Handys ausgewichen. In der Datei Where
is my friend? schicken sie E-Mails: „Savas Bavoglouglas aus dem Dorf
Chrysophous (er hatte einen Gemüseladen vor 1974) und Dimitry Brouheria (er
hatte eine Olivenöl-Presse und war in der Dorf-Kooperative verantwortlich)
suchen ihren Freund vom Dorf Arga. Seine Name ist Chiffte (er hatte einen
Mähdrescher für Weizen und Gerste)“.
Nach
einem Austausch von drei Stunden im friendship house steht Irkad auf:
„Ich muss jetzt los. Mein Bodyguard wartet auf mich.“ Er meint die türkische
Grenzpolizei, bei der er seinen Ausweis hinterlassen musste. Er wird nach jedem
Besuch in Pyla verhört, manchmal fünf Minuten, manchmal drei Stunden („Mit wem
haben Sie gesprochen? Was war Ihr Thema? Was sagten die anderen? Was haben Sie
selbst gesagt?“). Man muss den Uniformierten nicht mitteilen, dass das Gespräch
im friendship house alle Emotionen durchlaufen hat: Verzweiflung, Trotz,
Begeisterung, Zukunftsgewissheit. Es gibt Momente, in denen es schwer ist,
zwischen Hoffnung und Verzweiflung zu unterscheiden, aber: „Das kleine Pyla in
der Pufferzone gibt eine Vision ab für ganz Zypern. Ein türkisches Café,
gegenüber ein griechisches, die griechisch-orthodoxe Kirche steht friedlich
neben der Moschee.“ Irkad und Anastassiou arbeiten seit mehr als fünf Jahren in
einer grassroot-Bewegung, die Griechen und Türken diesseits und jenseits
des Stacheldrahts wieder zusammenbringen will. Die bikommunale Bewegung ist
gewachsen, aber alle wissen: Zypern ist ebenso weit vom Frieden wie vom Krieg
entfernt.
Serdar
Atai, der auch in der bikommunalen Bewegung arbeitet, schreibt: „Leider ist es
unwahrscheinlich, dass sich eine gemeinsame zypriotische Identität entwickeln
wird. Aber die ‚europäische Identität‘ als eine Identität jenseits der
nationalen Grenzen, die Kraft aus dem Begriff der ‚europäischen Werte‘ zieht
und die mit dem Euro konkreter geworden ist, wird ein vollständiger Ersatz für
die innerzypriotische Identität sein.
Ich
glaube, dass die türkisch-zypriotische Gemeinschaft die europäische Identität
ebenso sehr wie die anderen Europäer verdient hat, und sie wird sie gerne
annehmen, da sie die Demokratie und die offene Gesellschaft in ganz Zypern
sichert.“
Die
beiden „Mutterländer“, Griechenland und Türkei, haben Zypern 1974 (und vorher)
großen Schaden zugefügt. Die Zukunft des Inselstaates liegt in der
Unabhängigkeit – die freilich immer beschränkt sein wird durch die
geostrategischen Interessen der USA. Doch Griechen und Türken in Zypern – das
sind nicht nur die grausamen bewaffneten Überfälle untereinander, das sind
auch:
„Wir,
die wir unsere Wäsche auf derselben Leine aufgehängt haben, und die wir das
Wasser
in
Kanistern vom selben Brunnen, aus derselben Gasse getragen haben –
wir
nehmen nicht das halbe Vaterland hin.“
Geschrieben
hat dies auf Türkisch Sener Levent aus dem Norden, ins Griechische übersetzt
von Ibrahim Aziz, der in der Republik Zypern lebt. Das Buch heißt Mein
Vaterland ist besetzt. Was weiß schon ein türkischer General vom Duft
der Yasminblüten in den Nächten Nikosias. Das Buch ist 2002 zweisprachig im
griechisch-zypriotischen Teil Zyperns erschienen und war im Nu vergriffen.
„Nach den
Kriegen gegen die Perser entstand eine neue griechische Kultur, noch heute
bewundert von der ganzen Welt. Diese Kultur breitete sich durch Alexander den
Großen bis ins tiefste Asien aus. Als die Griechen römische Untertanen wurden,
trugen sie ihre Kultur bis nach Europa, und sie sollte zur Grundlage des
heutigen kulturellen Selbstverständnisses werden. In der byzantinischen Ära
kämpften Griechen gegen die barbarischen Nationen, um Kultur und Christenheit
zu erretten. Als Sultan Mehmet II. diese lange und glorreiche historische
Periode beendete, flohen griechische Intellektuelle mit der Fackel der
griechischen Kultur in den Westen, und sie halfen den Geist der Renaissance zu
entfachen. Griechen wurden fast 400 Jahre lang von den Türken versklavt, aber
das griechische Volk ist kraft seines erhabenen Patriotismus wieder neugeboren
worden.“
Aus
einem zeitgenössischen griechischen Schulbuch
„Barbarische
Stämme fielen in die Region ein, die heute Griechenland heißt, und sie
verwüsteten die Gegend und töteten erbarmungslos die dort ansässigen Menschen.
Die Römer nannten diese neuen unbekannten Stämme „Griechen“. ... Diese mischten
sich mit den Makedoniern, Römern, Slawen und Albaniern. So haben die Griechen
von heute mit ihren klassischen Vorfahren nichts gemein, außer einer
gemeinsamen Sprache und einigen Gewohnheiten.“
Aus
einem zeitgenössischen türkischen Schulbuch
Beide
Zitate aus: Hade. Bicommunal Magazine of Cyprus, No.
0, Jan. 1998.