Mut zur Führung

 

Über das Realitätsprinzip in der Politik

 

Martin Altmeyer

 

Wer ein Regierungsprogramm unter dem Motto „Ökologische Modernisierung und Gerechtigkeit“ vorlegt, der muss nicht nur damit rechnen, dass er an diesem Anspruch gemessen wird. Er muss sich auch der Frage stellen, ob er den Auftrag verstanden hat, den ihm der imaginäre Gesamtwähler gegeben hat. Dieser Wählerauftrag ist freilich ein höchst widersprüchliches Ding und bedarf der Interpretation. Insbesondere bei diesem Wahlergebnis, das nach allgemeiner Ansicht eine paradoxe Aufforderung zu enthalten scheint: Vieles müsse sich eigentlich, aber nichts solle sich wirklich ändern – Reformbedürfnis gegen Beharrungsvermögen, Innovationslust gegen Strukturkonservatismus, Veränderungswunsch gegen Veränderungsangst. Man könnte auch sagen, dass hier Erkenntnis und Interesse auseinander fallen, dass sich beim Souverän allgemeine Einsichten in die Notwendigkeit tief greifender Reformen mit der Hoffnung verknüpfen, der eigene Lebensalltag möge davon unberührt und die Politik dazu unfähig bleiben. Eine weitsichtige Politik muss sich bemühen, dieses Paradox aufzulösen, wenn sie diesen widersprüchlichen Erwartungen gerecht werden und der tödlichen Gefahr einer Selbstblockade entgehen will, die darin enthalten ist. Aber wie? Durch die Anerkennung eines Realitätsprinzips, das die Aufgabe von Illusionen verlangt, und durch politische Führung, die den Souverän den Zumutungen einer globalisierten Wirklichkeit aussetzt.

Verlierer, weil sie dazulernen müssen, pflegen ihre Niederlagen schärfer zu analysieren als Gewinner ihre Siege. Insofern markiert die „Strategiedebatte“ der christlichen Union den Beginn eines Lernprozesses, von dem man gespannt sein kann, wie er sich weiterentwickelt. Jedenfalls hat die strategisch denkende Angela Merkel nach der verlorenen Wahl sofort erkannt, wo die Schwächen des konservativen Projekts liegen: Es verfehlt das kulturelle Lebensgefühl der Großstadtbevölkerung, es folgt einem überholten Frauen- und Familienbild, es unterschätzt die Bedeutung von Umwelt-, Entwicklungs- und Menschenrechtspolitik, und – das hat die Parteichefin nicht laut gesagt, aber vernehmlich gedacht – es ist von einem Kanzlerkandidaten präsentiert worden, der nicht in die Zeit zu passen scheint und dessen abschreckende Wirkung bei entscheidenden Wählergruppen unterschätzt worden ist. Die anderen sind moderner – so lautet die Zwischenbilanz der Frau aus dem Osten, die immerhin ihren Entdecker Helmut Kohl beerbt (und abserviert) hat und schon für den nächsten Wahlgang rüstet. Die vorsichtig lancierte schwarz-grüne Option ist bereits eine Frucht dieser Analyse, aus der auch der Sieger – gewissermaßen spiegelbildlich – lernen könnte: Rot-Grün verkörpert etwas von dem, was den Konservativen fehlt. Aber was?

 

Weshalb ist die Regierung nicht abgewählt worden, wo ihr doch alle Auguren die Niederlage vorausgesagt haben?

Weil die rot-grüne Koalition der Abwahl gerade noch entgangen ist, hätte sie als Beinahe-Verlierer ein gutes Motiv zur Ausrichtung ihres bisherigen Schlingerkurses. Beim nächsten Mal gäbe es kein Pardon. Zu den unschätzbaren Vorzügen der Demokratie gehört nun einmal, dass das Volk eine von ihm gewählte Regierung ohne Gewalt auch wieder loswerden kann. Es gilt das poppersche Falsifikationsmodell, das man von der Wissenschaft auf die Politik überträgt: Was sich in der Praxis nicht bewährt, wird verworfen respektive abgewählt. Nun ist die erste Bundesregierung mit grüner Beteiligung zwar an der Abwahl vorbeigeschrammt, aus dem ersten nationalen Praxistest sind die Grünen aber – nach einer deprimierenden Niederlagenserie bei den Landtagswahlen – sichtlich gestärkt hervorgegangen. Das könnte der Schlüssel für eine Deutung des „wahren“ Wählerwillens sein, der freilich tiefenhermeneutisch erschlossen werden will.

Je nach interessiertem Blickwinkel oder analytischer Schärfe kann man den knappen und im Frühjahr noch unvorstellbaren Wahlsieg auf verschiedene Weise interpretieren. Die erste Interpretation versteht das Wahlergebnis in Übereinstimmung mit der Demoskopie als unverhofftes Geschenk, das sich einer besonderen Gunst des Schicksals verdankt. Dessen glückliche Fügung in Gestalt einer Trias von Flutkatastrophe, Kriegsgefahr und Möllemann, vom Weltgeist mit erstaunlichem Gespür für Timing zusammengeführt, hätten Schröder und Fischer, ihrerseits mit feinem Gespür für die Volksseele ausgestattet, entschlossen genutzt. Aus dieser Sicht wäre die wahlentscheidende Trendwende Ergebnis einer passageren Stimmung, die rasch wieder verfliegen kann (und längst schon wieder verflogen ist, wenn man dem demoskopischen Nachkarten glauben kann). Eine denkbare strategische Konsequenz aus dieser Analyse wäre etwa eine situative Politik des „muddling through“. Ein Sich-Durchwursteln hätte in einer von Stimmungsschwankungen und abnehmender Parteienbindung gekennzeichneten Mediendemokratie zwar unvermeidlich populistische Züge, wird von manchen Kommentatoren aber dennoch vorgeschlagen, weil die postmoderne Unübersichtlichkeit der Verhältnisse etwas anderes gar nicht zulasse als ein Steuern auf Sichtweite.

Nach einem zweiten und eher politologischen Deutungsversuch ist die Bestätigung der Parlamentsmehrheit Ausdruck einer neuen gesellschaftlichen Konstellation, welche die alte bürgerlich-konservative Strukturmehrheit in Deutschland abzulösen beginnt. Es gilt nicht mehr die Regel: Rechts regiert, links opponiert – mit Ausnahmen, welche die Regeln bestätigen. Selbst unter denkbar ungünstigen wirtschaftlichen Bedingungen (die in anderen westeuropäischen Ländern den Rechtspopulismus begünstigen) trägt diese anwachsende Strömung den Kurs einer Koalition der linken Mitte, welche die unvermeidliche Modernisierung vorsichtig betreibt: mit verdünnten grünen Konzepten und unter weit gehender Vermeidung sozialer Kosten. Dann wäre der prekäre Wahlsieg letztlich eine Aufforderung zum konsequenten „Weiter so!“, allerdings mit einer deutlichen Mahnung verbunden, nämlich die angestrebten Ziele einer Ankurbelung der Wirtschaft und Senkung der Arbeitslosigkeit, ohne allzu schmerzhafte Einschnitte ins Netz der sozialen Sicherung allerdings, dieses Mal doch bitte zu erreichen. Im Sinne einer nachhaltigen Politik also eine Verlängerung mit einer zweiten Chance – sonst droht die Abwahl beim nächsten Mal.

Beide Erklärungsansätze sind möglich und haben einiges für sich. Eine dritte Deutung, die der demoskopisch inspirierten oder der politikwissenschaftlichen gar nicht widersprechen muss, geht analytisch noch einen Schritt weiter. Im Wahlergebnis äußert sich eine kompliziert verfasste Mentalität, welche ihrerseits eine komplexe Wirklichkeit widerspiegelt. Diese mentale Verfassung reflektiert – freilich nach Art eines „gebrochenen“, und nicht eines „glatten“ Spiegels – die wirtschaftliche und soziale Lage der Nation und ihre Rolle in der Weltgesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts, aber auch das Verhältnis der deutschen Bevölkerung zu ihrer politischen Führung: Gerade weil die ökonomische Krise der Arbeitsgesellschaft mit den klassischen Rezepten offenbar nicht zu bewältigen ist, gerade weil die Erosion des sozialen Zusammenhalts unaufhaltsam scheint, gerade weil die ökologischen Probleme sich inzwischen der Alltagserfahrung aufdrängen, gerade weil die Globalisierung nicht bloß draußen stattfindet, sondern die eigene Lebenswelt mitbestimmt, und gerade weil Deutschland gar nicht umhinkommt, seiner gestiegenen kosmopolitischen Verantwortung gerecht zu werden – aus all diesen Gründen entwickelt der imaginäre Gesamtwähler eine Ahnung davon, dass die befürchteten Veränderungen unvermeidlich sein werden. Neben einer schleichenden Zukunftsangst entsteht deshalb auch ein Bewusstsein von der Realität einer globalisierten Welt, die einen Perspektivenwechsel verlangt: von einer nationalen Binnen- zu einer kosmopolitischen Außensicht, aus der erst sich die Probleme dieser einen Welt erschließen, die keine festen Zwischenwände mehr kennt; von einem kurzsichtigen, auf die unmittelbare Gegenwart fixierten Blick zu einer Perspektive, die weitsichtig aus einer antizipierten Zukunft entwickelt wird und das Schicksal unserer Kinder im Auge hat; von einer ohnmächtigen, durch ein undurchsichtiges Weltgeschehen getriebenen Passivität zu einer gestalterischen Haltung mit der Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme.

 

Ein neuer historischer Kompromiss – ein rot-grüner New Deal

Das sind gewiss hohe Ansprüche. Aber ich behaupte, dass der Souverän sie stellt, auch wenn der Durchschnittswähler sich dessen nicht bewusst sein mag. Meine These lautet, dass das Duo Schröder/Fischer (man könnte auch sagen: Eichel/Künast oder Clement/Trittin oder ...) deshalb gewählt und die Grünen deshalb gestärkt worden sind, weil man von ihnen erwartet, dass sie solchen Ansprüchen am ehesten gerecht werden. In diesen unsicheren Zeiten wächst ein Bedürfnis nach reflexiver Politik, die keine Illusionen über die Welt verbreitet, sondern tatsächlich führt und gangbare Wege aufzeigt. Man will aus diesem Grund Politiker, denen man nicht nur im Sinne der Glaubwürdigkeit vertrauen, sondern eine solche Führungsaufgabe als Personen auch zutrauen kann. Politikverdrossenheit drückt lediglich den Zweifel daran aus, ob die Politiker dazu wirklich in der Lage sind, beziehungsweise die Erfahrung, dass sie es eben nicht können – sie ist nur die Kehrseite dieser Sehnsucht nach Führung, nach „good governance“.

Führung heißt in diesem Fall nicht zuletzt, dem zwischen Einsicht und Widerstand hin- und hergerissenen Souverän mit Zumutungen zu begegnen. Solche Zumutungen bestehen freilich nicht im lustvollen Zufügen von Schmerzen, das schnell sadistische Züge annehmen kann. Sie bestehen zunächst in der Konfrontation mit der bundesrepublikanischen Realität, diesem Gefüge aus schrumpfendem Arbeitsmarkt, steigendem Haushaltsdefizit, ausgedehnter Schattenwirtschaft, zunehmender Überalterung, überlasteten Sozialsystemen, Versicherungsbetrug, Subventionsmissbrauch, Festungsmentalität, korporatistischen Gesellschaftsstrukturen, das mit Verteidigungsrufen gegen den Neoliberalismus weiter in die Entropie und Desintegration getrieben wird. Wir brauchen – auf weltgesellschaftlichem Niveau – einen neuen historischen Kompromiss zwischen einer dynamischen Wirtschaftsweise, die ohne Regulierung und Sicherheitsnetze zum gefährlichen Raubtier wird, und einem Sozialstaat, der ohne Deregulierung, Eigenverantwortung und Risikobereitschaft nicht überleben kann: also die Kombination aus sozial gezähmter Ökonomie und unternehmerischer Gesellschaft. Mit dem erneuerten Mandat hat das rot-grüne Bündnis hier eine Verantwortung übernommen, aus dem es sich nicht mehr mit dem Hinweis auf eine konservative Erblast und weltwirtschaftliche Widrigkeiten herausmogeln kann. Die Konzepte sind da, das Mandat auch. Es fehlt nur der Mut, den Auftrag umzusetzen. Hic Rhodos, hic salta!