Ereignisse & Meinungen

 

Peacekeeping am Golf

Redaktion: Balduin Winter 

 

 

Gerade mal neun Monate sind es her, dass George W. Bush in einer Regierungserklärung kundtat: „Nord-Korea ist ein Regime, das sich mit Raketen und Massenvernichtungswaffen ausstattet, während seine Bevölkerung verhungert. Iran nutzt diese Waffen und exportiert Terror, während einige Ungewählte die Hoffnung des iranischen Volkes auf Freiheit unterdrücken. Irak stellt wiederholt seine Feindschaft gegen Amerika zur Schau und unterstützt Terror. Das irakische Regime hat Pläne über Anthrax-Entwicklung, Nervengas und Nuklearwaffen seit über einem Jahrzehnt.“ ... „Staaten wie diese und ihre terroristischen Alliierten formieren eine Achse des Bösen, die sich bewaffnet, um den Frieden der Welt zu erschüttern.“ (29.01.02) Mit der „Nationalen Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten“ vom 17.09.02, vom Rheinischen Merkur als „bedeutendste Neuorientierung amerikanischer Außenpolitik“ (3.10.) bezeichnet, kam Dynamik in das Stillleben Bush‘scher Wortlandschaften: „Angesichts der Ziele von Schurkenstaaten und Terroristen können die Vereinigten Staaten nicht länger allein auf eine reaktive Haltung vertrauen, wie es in der Vergangenheit der Fall war. ... Wir dürfen unsere Feinde nicht zuerst zuschlagen lassen. ... Die Überschneidung zwischen Staaten, die Terrorismus unterstützen und jenen, die nach Massenvernichtungswaffen streben, zwingt uns zum Handeln. ... Die Vereinigten Staaten haben sich seit langem die Option präventiver Handlungen offen gehalten, um einer hinreichend großen Bedrohung der nationalen Sicherheit begegnen zu können.“ (New York Times, 20.9.) Das lange Strategiepapier enthält auch eine umfassende Liste ziviler Aufgaben, freilich in kriegerischer Sprache ausgeführt, der „Krieg“ gegen Seuchen, Armut und Unterentwicklung, den die USA weltweit führen, und von dem Michael Hirsh in Foreign Affairs Nr. 9-10/02 eine kleine Kostprobe bietet: „Hinter der Bühne agieren die Ideologen der Regierung, um die Beteiligung des Staates zu mindern. Washington hatte sich ursprünglich für Afghanistan zu dürftigen 296 Millionen Dollar verpflichtet und kämpfte nun gegen die Kongressführer, die mehr Hilfsmittel forderten, nämlich 150 Millionen Dollar für pädagogische und landwirtschaftliche Unterstützung. Doch Bushs Budgetdirektor Mitch Daniels erklärte ihnen, dass sie nicht mehr als 40 Millionen Dollar erhalten würden. Die Regierung behielt ihre harte Ablehnung bei, um die Gelder für alle möglichen militärischen Truppen als peacekeepers zu verwenden.“ Ihre Vordenker hatten schon unter Clinton ihre Absagen an den „humanitären Idealismus“ in der Außenpolitik formuliert. Gegen Nation building, Vertragspolitik und internationales Recht stellten sie das nationale Interesse und Machtpolitik. Der neokonservative Publizist und Pulitzer-Preisträger Charles Krauthammer brachte die „realpolitische Denkschule der Außenpolitik“ bereits 1999 in der Washington Post auf den Nenner: „Friedenssicherung, die Eindämmung von Bürgerkriegen oder das Vermitteln in lokalen Konflikten sind keine Aufgaben für die einzige Supermacht der Welt. Das ist ein Job für Kanada.“ Humanitarismus ist etwas für Mittelmächte, ohnehin sei es eine Chimäre, das internationale System nach dem Bild einer zivilen Gesellschaft zu schaffen: „Weil die zivile Gesellschaft zusammengehalten wird durch übergeordnete zentrale Autorität, während das Abgleiten der internationalen Arena in die totale Anarchie nur durch die überwältigende Macht einer Supermacht wie die Vereinigten Staaten verhindert wird, die internationale Stabilität als nationales Interesse definiert.“ (Zit. nach NZZ, 17.07.99)

 

Mr. Bush hat inzwischen im eigenen Land viel getan, um seinen Golfkrieg vorzubereiten. Er hat die Unterstützung beider Häuser und er hat ein Ermächtigungsgesetz. Allerdings sperrt sich der von den USA und Großbritannien vorgebrachte Resolutionsentwurf im UN-Sicherheitsrat, der ein Novum in der Geschichte der UNO darstellt, enthält er doch sowohl Maßnahmen als auch Sanktionen. Die übliche Praxis ist ein Dokument mit dem terminisierten Katalog, bei Nichteinhaltung eine weitere Sitzung mit Verabschiedung von Sanktionen. Die Koppelung weckt den Eindruck, die USA wollen den Krieg im Schnelldurchgang durch die UNO peitschen. Dem stehen nicht nur die drei anderen ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates, Frankreich, Russland und China, misstrauisch bis ablehnend gegenüber. Nahezu die gesamten Medien im Nahen und Mittleren Osten, Israel ausgenommen, lehnen die US-Vorgangsweise ab.

Allen voran natürlich der Irak. Anachronistisch wirken irakische Pressestimmen. Die Iraq News Agency, staatlich geführtes Blatt in Bagdad auf Englisch, bringt kurze Verlautbarungen über „die unverantwortlichen Drohungsgebärden der USA zur Erlangung des irakischen Öls“; Izzat Ibrahim, Vorsitzender des Revolutionären Rats, hält dem die „rasche Bereitschaft des Iraks entgegen, den internationalen Kontrollen entgegenzukommen und zusammenzuarbeiten, und zwar in Antwort auf den Aufruf der Vereinten Nationen, der Länder des Sicherheitsrates und der arabischen Länder, aber nicht in Antwort auf die Vereinigten Staaten“. In allen Kommentaren wird versucht, die „friedensliebenden Länder“ auf die Seite des Iraks und gegen die USA zu stellen. Nichts als Allgemeinplätze also. Dass aber in die Golfstaaten einige Bewegung gekommen ist, lässt sich aus einem Detail im Oman Daily Observer vom 18.10. lesen, wo eher nebenbei erwähnt wird, dass es zwischen Irak und Kuwait ein Treffen gibt, bei dem es um die Klärung kuwaitischer Kriegsgefangener geht. – Von geringem Interesse ist auch die saudische Presse, die ähnlich diktatorisch verwaltet wird. Derzeit bewegt sie sich ebenfalls auf Entrüstungskurs gegenüber den USA, wurde Saudi-Arabien doch im „Terrorist Financing Report“ des Council on Foreign Relation der „Geldwäsche und Terroristenfinanzierung“ bezichtigt. Dagegen verwahrt sich die Saudi Arabian News vom 17.10.: „Diese Informationen beruhen auf falschen und irreführenden Informationen. ... US-Regierungsbeamte, die mit dem Vollzug aktueller saudischer Gesetze vertraut sind, schätzen die enge Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und Saudi Arabien im Krieg gegen den Terrorismus.“ Und so weiter. Es folgt eine Litanei der guten Taten. Die News sind nichts anderes als das Organ des Prinzen Bandar, des saudischen Botschafters in Washington.

Zu einem gewissen Grad als Fürsprecher des Irak geben sich die Vereinigten Arabischen Emirate – Fürsprecher deshalb, weil den Scheichs aus ganz eigennützigem Interesse am Status quo in der Region gelegen ist. Das Öl gehört dem Staat, die Scheichs sind der Staat; ein Golfkrieg könnte das Opec-Kartell aufmischen, den Markt deregulieren (Financial Times Deutschland, 11.9.). Die Gulf News in den UAE vom 18.10. räumt breiten Raum ein für den UNO-Botschafter der Emirate, Abdul Aziz Al Shamsi, der den Sicherheitsrat ermahnt, den Bogen nicht zu überspannen, es ginge schließlich auch um die Sicherheit und um die sozioökonomischen Aspekte der gesamten Region. Man solle die irakische Initiative positiv aufnehmen, vorangegangene Fehler des Irak verhindern, das Programm „Öl für Nahrungsmittel“ um humanitäre Aspekte erweitern wegen der katastrophalen Situation im Irak, wo die grundlegenden Bedürfnisse der Menschen nicht gesichert seien. Al Shamsi stellt einen Fünf-Punkte-Plan vor, der zwar einerseits Druck auf den Irak vorsieht, sowohl seine Verpflichtungen hinsichtlich der UN-Kommission einzuhalten als auch die strittigen Fragen mit Kuwait zu klären; zugleich fordert er die volle Souveränität für den Irak und Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten, Aufhebung der Sanktionen und Anwendung von Punkt 14 der UN-Resolution 687 (1991) auf alle Länder der Region: „Auch für Israel ist das Entfernen seines Kernwaffenarsenals und seiner anderen Massenvernichtungswaffen festzulegen und unter die Ermächtigung der IAEA zu stellen, um so eine kernwaffenfreie Zone in der Region zu schaffen.“

 

Erstaunlich viel Einigkeit kann man derzeit aus den arabischen Ländern vernehmen. Die Liebe zum Irak spielt dabei die geringste Rolle. In der Kairoer Al Ahram vom 16.10. kommentiert Ibrahim Nafie, dass es möglich ist, einen Krieg zu verhindern, zum einen, wenn der Irak seine Auflagen willig erfüllt und mit den internationalen Kräften eng zusammenarbeitet. „Die Araber müssen für ihren Teil eine starke Übereinstimmung ihrer Opposition gegen eine erneute militärische Aktion gegen den Irak erreichen. Gleichzeitig würde es die Spannungen in der Region als Ganzes verringern, wenn die internationalen Kräfte in ihrer Behandlung der Konflikte zwei zusammenhängende Hauptherde gemeinsam bearbeiteten. Die Diplomatien sollten nicht nur den Weg zu einer Resolution zur irakischen Situation einschlagen, sie sollten auch klare Maßnahmen ergreifen, um die israelische Besatzung der palästinensischen Gebiete zu beenden.“ Kein Zufall, dass der Autor auf den Friedensnobelpreis für Jimmy Carter hinweist als Kritik für die falsche Politik von George W. Bush.

An der arabischen Presse fällt auf, dass die Argumente der US-Regierung, der Irak sei wegen seiner Massenvernichtungswaffen eine große Gefahr, entweder keine Beachtung finden oder mit Befremden entkräftet werden. In derselben Ausgabe von Al Ahram schreibt Hassan Nafaa, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Kairo, dass der Irak keinesfalls mehr eine Bedrohung der Sicherheit für jedermann darstellt wie noch vor zwölf Jahren; die Beweise der Bush-Regierung seien dürftig, ihre Absicht, Saddam Hussein zu stürzen, diene wohl einem anderen Zweck; was es bedeute, das Öl und die Ressourcen neu aufzuteilen, das wissen die Erdöl produzierenden Länder nur zu gut. Verdächtig sei die Verbissenheit, mit der die US-Regierung auf den Krieg hinarbeite, sogar in Verletzung internationalen Rechts. Interessant sind zwei Szenarien, von Nafaa skizziert, die günstig für eine arabische Entwicklung wären. Im ersten Fall gelingt es den irakischen Streitkräften, „das Schlachtfeld in die Städte hineinzuverlagern, in denen der Feind beträchtliche Verluste erleiden würde“ und einen langwierigen Häuserkampf hinnehmen müsste; inzwischen würde „der arabische, islamische und internationale Druck stark genug werden, um die Kräfteverhältnisse so weit zu verändern und den Krieg zu beeinflussen“. Der andere Fall wäre ein „Rücktritt des Regimes im Interesse der Sicherheit und der Zukunft der irakischen Bevölkerung“. ... „Danach sollten unter internationaler Überwachung, jedoch ohne die USA, freie und faire Wahlen vereinbart werden, um die Übergabe der Macht an eine Regierung zu gewährleisten, die die irakische Bevölkerung repräsentiert und keine Marionettenregierung der USA ist.“

In einem weiteren Artikel in Al Ahram setzt sich der in den USA ausgebildete Rechtsanwalt Ahmed N. Roushdy mit der Prävention und dem Völkerrecht auseinander. Bushs Auftreten vor der UNO beruhe auf der Haltung: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Das gäbe der US-Position den Schein einer Unanfechtbarkeit, den sie gar nicht besitze. Er zitiert Henry Kissinger, der in der Washington Post argumentiert hatte, schon der Westfälische Friede von 1648 als Ausgangspunkt modernen internationalen Rechts verbot die Intervention eines Landes mit dem Ziel des Regimesturzes als unzulässige Einmischung in die inneren Angelegenheiten. Gewaltandrohung ist nur das äußerste Mittel der UN-Charta, der Begriff der Selbstverteidigung ist eng gezogen, Bushs Position, den Artikel 51 für einen Krieg gegen den Irak heranzuziehen, ist durch kein Beweismittel abgedeckt. Roushdy checkt detailliert die UN-Charta auf die geringen Möglichkeiten des gewaltsamen Eingreifens durch – spätestens hier wird klar, warum die Falken in der US-Regierung die Irak-Frage an der UNO vorbei lösen woll(t)en.