Die Niederlage des bürgerlichen Lagers

 

Über Wählerpotenziale in Deutschland

 

Peter Lohauß

 

Fast unbemerkt und gänzlich unspektakulär könnte in dieser Bundestagswahl eine historische Weichenstellung erfolgt sein, meint unser Autor. Trotz des denkbar knappen Wahlausgangs sieht es so aus, als wäre das „linke Lager“ strukturell mehrheitsfähig geworden. Der Union, seit Jahrzehnten Repräsentantin des bürgerlichen Lagers, gelang es nicht mehr, ihre 1998 eingebüßte strukturelle Mehrheitsfähigkeit zurückzuerobern. Die Analyse des Parteiengefüges reißt einige Gründe für diesen Wandel an, stellt aber auch fest, dass Mehrheitsfähigkeit noch lange nicht Regierungsfähigkeit bedeuten muss.

 

Mit etwas zeitlichem Abstand von der spannendsten Wahlnacht bei Bundestagswahlen seit 1990 kann man besser sehen, wie gering wieder einmal die tatsächlichen aktuellen Verschiebungen der politischen Kräfteverhältnisse waren. Umso mehr gibt es Anlass, sich Gedanken über die längerfristigen und strukturellen Fragen der politischen Lager in Deutschland zu machen. Die Ergebnisse der Wahl 2002 legen die These nahe, dass die Union 1998 nicht nur vorübergehend, sondern strukturell ihre Mehrheitsfähigkeit in Deutschland eingebüßt hat. Wenn diese These richtig ist, stehen möglicherweise einschneidende Veränderungen der strategischen Orientierungen der deutschen Parteien an.

Die Parteistrategien müssen sich um der Mehrheitsfähigkeit willen immer noch auf die großen Lager beziehen, die wir traditionell als bürgerliches und als linkes Lager bezeichnen. Auch wenn diese fast alle ihre frühere ideologische Gegensätzlichkeit und ihre Milieubindung verloren haben, so strukturieren sie doch immer noch die strategischen Ausrichtungen zwischen Regierung und Opposition. Die große Oppositionspartei sucht strategische Bündnisse, die ihr die zukünftige Mehrheit erringen helfen, die große Regierungspartei versucht eben dies zu verhindern und ihren eigenen Mehrheitsblock zu festigen. Aus der Sicht der CDU/CSU bildet sie die Mehrheitspartei des bürgerlichen Lagers, zu der noch die FDP als Bündnispartner treten kann; sie bekämpfen das linke Lager mit der SPD als links stehender Volkspartei. Zum gegnerischen Lager gehören ebenfalls die Grünen sowie seit 1990 auch die PDS. Wenn auch die jeweils von den Regierungsparteien verfolgte Politik immer häufiger nicht jenen Lagern zuzuordnen ist und wenn auch die großen Parteien in den Wahlkämpfen noch so sehr um die Mitte werben und jeder beliebigen Wählergruppe alles Mögliche versprechen, verlangt doch die schiere Arithmetik des demokratisch-parlamentarischen Kräftespiels immer wieder den strategischen Bezug auf eines der beiden historischen Lager.

In der Geschichte der Bundesrepublik gab es bislang aus den sozialen Verhältnissen heraus immer eine strukturelle bürgerliche Mehrheit. Die politischen Kräfteverhältnisse der Bundesrepublik waren davon geprägt, dass die Union bundesweit seit Ende der Fünfzigerjahre diese bürgerliche Mehrheit repräsentierte und somit zur stärksten Formation wurde. Daher rührt ihre tiefe innere Überzeugung, dass nur sie den deutschen Staat wahrhaft repräsentiert und nur sie die Kontinuität der zwei Säulen des Modells Deutschland garantiert: das Wachstum der sozialen Marktwirtschaft und seiner außenpolitischen Einbindung in den Westen. Allerdings konnte sie die strukturelle Mehrheit nicht allein, sondern meist nur mit Hilfe eines bürgerlichen Bündnisses auch in eine Regierungsmehrheit umsetzen. So blieb die SPD lange Jahre im 30-Prozent-Getto gebannt und konnte selbst später nur durch das Abtrünnigwerden des bürgerlichen Mehrheitsbeschaffers FDP einen Machtwechsel herbeiführen. In der FDP entstand der Typ der „Funktionspartei“, einer Partei ohne großes Stammwählerreservoir, deren Wahlchancen in erster Linie in Bezug zu der von den Wählern gewünschten Regierungskoalition stehen. Der Erfolg einer Funktionspartei beruht darauf, dass in der bundesdeutschen Geschichte die Überzeugung gewachsen ist, dass Deutschland eine Alleinregierung durch eine Partei auf Dauer nicht gut tut, sondern ihre Regierung der Moderation durch eine Koalition mit einem kleineren Partner bedarf. Die Jahre der sozialliberalen Koalition empfand die Union allerdings immer als „unnatürliche“ Konstellation und in der Tat gelang ihr ja der Weg zurück in die Regierungsmehrheit und in die 16-jährige Periode unter Bundeskanzler Kohl. Ihre politischen Abnutzungserscheinungen wurden 1990 glänzend durch die Wiedervereinigung überspielt, wobei bereits das Menetekel sichtbar wurde: Nur wenn sich die CDU dauerhaft als stärkste Partei in Ostdeutschland würde durchsetzen können, wäre ihre gesamtdeutsche strukturelle Mehrheitsfähigkeit auf Dauer aufrechtzuerhalten gewesen. Die Hauptlinien der politischen Auseinandersetzungen der politischen Lager sind seitdem vor diesem Hintergrund zu sehen: Zunächst ging es darum zu verhindern, dass sich mit der PDS überhaupt eine eigene politische Kraft im Osten etablierte; als dann dieser Kampf verloren war, ging es darum zu verhindern, dass sich SPD und PDS gegen das bürgerliche Lager zusammenschließen. Als auch dies in einigen Ländern durch die SPD durchbrochen wurde, konnte als letzte Rettung nur noch das zahlenmäßige Übergewicht des Westens über den Osten in die Waagschale geworfen werden.

 

Verlust bürgerlicher Mehrheitsfähigkeit im Westen
Die wichtigste Lehre der Wahl 2002 ist demzufolge, dass die CDU gegenüber dem für sie katastrophalen Einbruch des Jahres 1998 im Westen nicht mehr gewinnen konnte, obwohl doch die Erregung über ihren Parteispendenskandal verklungen war und die rotgrüne Regierung aus bürgerlicher Sicht nichts als Fehler gemacht und total versagt hatte. Nennenswerte Stimmengewinne gelangen ihr überhaupt nur in Bayern und Baden-Württemberg und sonst in keinem einzigen Land, ja sie verlor sogar noch Stimmen in Rheinland-Pfalz, Bremen, Niedersachsen und Hamburg. Das bedeutet: Außerhalb Bayerns und Baden-Württembergs bewegt die Union nichts mehr (vgl. Abbildung 1). Die Analyse der Ursachen dieser Entwicklung ist der wichtigste Schlüssel für die Zukunft der Union als Mehrheitspartei. Offensichtlich ist gegenwärtig die regionale Spaltung stärker als die soziale Differenzierung. Das zeigt aber eindeutig, dass die CDU die sozialen Schichten des bürgerlichen Mehrheitslagers nur noch unter den politischen Sonderbedingungen Bayerns und Baden-Württembergs repräsentieren kann. Am deutlichsten wird dies gerade im überwältigen Erfolg der CSU: Sie erhielt in keinem Wahlkreis – selbst nicht in den sozialdemokratisch regierten bayrischen Städten – weniger als 42 Prozent der Zweitstimmen, das ist weit mehr als durch irgendeine Analyse der sozialen Struktur, der sozialen Milieus und der politischen Grundüberzeugungen der Lager erklärt werden könnte. Hier spielt eine entscheidende Rolle, dass die CSU in Bayern gegenüber der zweiten Volkspartei nahezu ein Monopol auf politische Interessenvertretung erworben hat, ein Schicksal, das der baden-württembergischen SPD ebenfalls bevorsteht.

In den übrigen Ländern Westdeutschlands hingegen muss die CDU mit Programm und Personen gegen sozialdemokratische Alternativen konkurrieren und dabei zeigt sich, dass die entscheidenden Wählergruppen kein Vertrauen in ihre Problemlösungskompetenz haben. Arbeitslosigkeit und soziale Gerechtigkeit waren die Hauptthemen, die die Wähler bewegten (vgl. auch Peter Lohauß: Rechtsruck in Westeuropa, in: Kommune 9/02), und die CDU scheiterte schlicht daran, dass sie hier keine wirklichen Alternativen aufzeigte. Die CDU hatte das Hauptthema zwar richtig erkannt, die SPD verlor auf diesem Feld über 1,6 Millionen Stimmen, trotzdem wurde die CDU nicht gewählt, weil sie in den Augen der sozial verunsicherten Wähler eben keine Besserung versprach.

Die Union verzichtete darüber hinaus auf die Mobilisierung rechtspopulistischer Vorurteile, wie sie dies bei früheren Bundestagswahlen mit dem Asylrecht oder in der letzten hessischen Landtagswahl mit dem Einwanderungsgesetz getan hatte. Ausländerfeindlichkeit und Kriminalitätsfurcht wären griffige Themen gewesen, die sozialen Neid und Ressentiments mobilisiert hätten, möglicherweise in einem Ausmaß, das über das Handicap hinweggeholfen hätte, dass die CDU im Kern noch eine eher neoliberale Wirtschaftspolitik vorschlägt. Hier erwies sich, dass Stoiber eben auch politisch-programmatisch nur unzureichend ein breites bürgerliches Bündnis schmieden konnte: Die Unterschiede des in Bayern erfolgreichen „hemdsärmligen“ politischen Stils zu den Grundüberzeugungen im Rest der Republik sind zu groß, um sie nicht zu beachten. Der Versuch aber, im Rest des Landes mit einem besonders gemäßigten und unscharfen sozialen Programm zu landen und auf so klare Alternativen wie „Freiheit oder Sozialismus“ und rechtspopulistische Sprüche zu verzichten, konnte das eigene Lager nicht mobilisieren.

Hinzu kommt, dass das bürgerliche Lager durch die Wahlstrategie der FDP faktisch gespalten war. Ihren Versuch, sich als Volkspartei darzustellen, kann man schon dahingehend interpretieren, dass sie kein Vertrauen mehr in die bisherige Mehrheitsfähigkeit des bürgerlichen Lagers setzte; ihr Scheitern liegt darin, dass sie nicht mehr zur Mehrheitsbildung beitragen konnte. Da, wo die Union stark gewann, tat sie dies auch auf Kosten der FDP. Aus Sicht moderner – das heißt milieumäßig nicht auf eine Partei festgelegter – Wähler war dies konsequent: Wer eine bürgerliche Mehrheit sichern wollte, musste Stoiber stärker als Schröder machen und die FDP durfte gerade nicht stärker als die Grünen werden, denn sonst wäre sie womöglich in eine sozial-liberale Koalition geschwenkt. Allein in Nordrhein-Westfalen erzielte die FDP nennenswerte Gewinne, hier wiederum auf Kosten der CDU, sodass das bürgerliche Lager insgesamt hier nicht mehr Stimmen hinzugewinnen konnte als die Grünen allein. Die Absage der FDP an ihre Rolle als Funktionspartei des bürgerlichen Lagers trug wesentlich zu seinem Scheitern bei. Sie konnte zu wenig Wähler finden, die ihr einen Blankoscheck für welches Lager auch immer ausstellen wollten.

 

Die Grünen werden Funktionspartei
Die Verluste der SPD waren stärker, als dass man sie allein auf die Tatsache zurückführen kann, dass Regierungsparteien nie alle ihre vormaligen Anhänger zufrieden stellen können.

Die SPD verlor 1,6 Millionen Stimmen, davon allein in ihrem Stammland Nordrhein-Westfalen fast 600000, und in Bayern, wo sie sowieso nur ein Schattendasein neben der CSU führt, noch einmal fast 500000. Unter den Anhängern von Rot-Grün gab es massive Kritik an der sozialen Unausgewogenheit der Maßnahmen der Regierung. Die SPD verlor überproportional unter den Arbeitern sowie fast alle Stimmen, die sie 1998 von der CDU „abgeworben“ hatte.

Die SPD retteten im Westen allein zwei Faktoren: In NRW liefen ihre vormaligen Wähler nicht zur CDU über und die Grünen kompensierten durch kräftige Zugewinne die Hälfte der SPD-Verluste. Zum ersten Mal machte sich der Effekt der Funktionspartei für die Grünen so stark bemerkbar: Für milieuungebundene Wähler, die einen Wechsel zu bürgerlichen Mehrheiten verhindern wollten, war es rational, mit Zweitstimme Grün zu wählen, damit diese a) überhaupt ins Parlament kamen und b) stärker als die FDP werden konnten. Zugleich konnte durch die Wahl des kleineren Koalitionspartners der Kritik an der SPD Raum gegeben werden, ohne die Bürgerlichen zu begünstigen. Diese Möglichkeit, funktionspolitisch zu wählen, wurde zum Ausweg aus dem politischen Dilemma von Rot-Grün. Für das weitere Schicksal der Grünen wird es sehr darauf ankommen, dass die Partei, der es doch ganz besonders um „Inhalte!“ geht, mit dem ihr neu zugewachsenen Wählerpotenzial angemessen umgeht.

 

Der Osten bleibt rot
Außer den Fehlern des bürgerlichen Lagers sowie dem neuen Glanz der Grünen als Funktionspartei rettete als Drittes der Osten Rot-Grün. Dies geschah freilich nur indirekt, insofern die Koalition nur wenig Stimmen gewann – immerhin erlitt sie keine großen Verluste. Über die Zufriedenheit der ostdeutschen Wähler mit der Regierung kann sich ja niemand Illusionen machen, die einzige Erklärung für die Wahlresultate scheint wiederum darin zu liegen, dass weder Stoiber noch christliche noch bayrische Politik als Alternative glaubwürdig waren – immerhin gewann doch die FDP reichlich Stimmen im Osten. Die Verluste der PDS in Ostdeutschland hingegen müssen nicht gleich als Ausdruck einer historischen Abwendung von der Ex-SED gesehen werden, genauso wenig wie aus ihren Erfolgen von 1994 bis in die jüngste Zeit auf einen unaufhaltsamen Trend nach oben hätte geschlossen werden sollen. Es war außerdem nichts als Wunschdenken, wenn manche eine Ausdehnung der PDS in den Westen für möglich gehalten hatten. In der Tat hat die Wahl 2002 nur bestätigt, was vorher schon deutlich war: Die PDS ist eine starke Regionalpartei des Ostens. Sie wird auf absehbare Zeit dort die politische Grundkonstellation prägen und deshalb wird das Spiel der politischen Lager in den östlichen Ländern dauerhaft anders sein als im Westen.

 

Die Zukunft der politischen Lager
Wenn kurz nach der Wahl in der CDU vereinzelte Gedankenspiele über zukünftige schwarz-grüne Koalitionen gemacht werden, dann muss das keinesfalls nur Ausdruck der Katerstimmung nach der Niederlage sein. Das bürgerliche Lager (CDU und FDP) hat in den deutschen Bundesländern nur noch in Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz eine sichere Mehrheit (Abbildung 2). In Hessen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein liegt das linke Lager (SPD und PDS) gleichauf, mit Hilfe der Grünen kann regiert werden. Im Rest der Republik könnte die SPD allein, mit Hilfe der Grünen oder mit Hilfe der PDS überall und immer unangefochten die Regierungsmehrheit stellen – dass sie in so wenig Fällen tatsächlich regiert oder große Koalitionen eingeht, ist im Grunde nur der politischen Unfähigkeit der SPD selbst geschuldet. Das bürgerliche Lager jedenfalls hatte bei der Wahl 2002 in acht Bundesländern weniger als 30 Prozent der Stimmen auf sich vereinen können.

In dieser Situation ist es für die CDU rational, darüber nachzudenken, ob sie ihre Bündnisfähigkeit erweitern kann – und da kommen allenfalls die Grünen in Frage. Sie muss sich auch die Frage stellen, wie sie mit den modernen Mittelschichten in Deutschland umgeht, die in erster Linie nach sozialer Sicherheit streben, für ihre Leistungen den gerechten Ertrag und gesellschaftliche Anerkennung erwarten und ansonsten zunehmend individualistischer, liberaler und weniger familienorientiert werden. Wenn die Unionsparteien dem rot-grünen Bündnis größere Mengen von Wählern direkt abspenstig machen wollen, kommen sie um eine Modernisierung ihres Profils nicht herum – das kostet freilich den Preis der politischen Unterscheidbarkeit.

Die FDP demonstriert zur Zeit, wie verlockend es selbst für die bisher erfolgreichste Funktionspartei ist, zur Volkspartei zu werden. Tatsächlich müssen aber wirkliche Volksparteien in der Lage sein, mindestens 30 bis 40 Prozent der Zweitstimmen auf sich zu vereinen und das wird auf absehbare Zeit keiner neuen Partei gelingen – selbst die PDS schafft dies in den östlichen Bundesländern nicht. Auf Bundesebene scheint für absehbare Zeit zunächst weiterhin ein System von zwei großen und zwei kleinen Parteien etabliert zu sein. Es bedarf ganz neuer Ereignisse oder politischer Entwicklungen, damit in das politische System wieder eine neue Bewegung kommt.

Nach der Bundestagswahl 2002 sieht es trotz des denkbar knappen Wahlausgangs so aus, als wäre das linke Lager strukturell mehrheitsfähig geworden. Es hat nicht nur die strukturelle Mehrheit in den Bundesländern, es hat auch die moderneren Politikkonzepte auf den Feldern der Umwelt-, Verbraucher- und Familienpolitik, die sich selbst dem bürgerlichen Lager aufdrängen. Eine grundsätzliche wachstumsorientierte Wende in der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik hingegen – mit der sich viele bürgerliche politische Parteien in vergleichbaren Ländern erfolgreich profiliert haben – ist in Deutschland nicht mehrheitsfähig. Das hat der letzte Wahlkampf endgültig klar gemacht, in dem die Union nicht einmal aus der Opposition heraus einen grundsätzlich alternativen Kurs zur Regierung vortragen konnte. Das soziale Sicherheitsbedürfnis ist bei den entscheidenden Wählerschichten so groß, dass es weder einschneidende sozialpolitische Veränderungen akzeptiert noch gar auf Bundesebene Experimente mit neuen populistischen Parteien wagt. Das hat letztlich zur Konsequenz, dass beide großen Lager mehr oder weniger die gleiche Wirtschaftspolitik machen: Die Reformblockade ist die einzige Form der mehrheitsfähigen Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Die strukturelle Mehrheitsfähigkeit des linken Lagers verdichtet sich aber nicht zu einer strukturellen Regierungsfähigkeit. Denn zum einen ist es gespalten in eine rot-grüne Version im Westen und eine rot-rote im Osten, ohne dass die Chance sichtbar wäre, dass sich hieran in mittlerer Perspektive etwas ändern lässt. Dazu kommt, dass der tiefe Süden fest in konservativer Hand ist und bleiben wird. Somit wird auf Bundesebene immer nur höchstens eine knappe Mehrheit erzielt werden können. Und zweitens fehlt dem linken Lager jede übergreifende politische Idee. Schon der Begriff ist heute selbst für Zwecke der Wahlanalyse nur mit großen Vorbehalten zu verwenden, im politischen Raum hat er gar keinen spezifischen Inhalt mehr. Es wäre deshalb angemessen, von einem „nicht-bürgerlichen“ Lager zu sprechen, wenn man damit nicht einseitig die Perspektive der Unionsparteien einnehmen würde. Damit klingt aber auch an, auf welchem Feld sich die strategische politische Debatte in der nächsten Zeit bewegen wird: Während Rot-Grün ohne inhaltliche Klarstellung seiner Perspektive weiter regieren wird, geht es in der Union und in der FDP in der nächsten Zeit darum, neue Handlungsoptionen in einem wenig beweglichen gesellschaftlichen Umfeld zu erschließen.