"Californication!" Und die Bundesrepublik?

"Glokalisierung": Perspektiven und Chancen – Teil 2

Eike Hennig

Globalisierungsströme und -gehalte schaffen vor Ort internationale Räume (1): "Das Lokale ist nicht mehr nur lokal", umschreibt Robert Beauregard diese "Glokalisierung", der das Einwirken der Räume und ihrer Akteurskonstellationen auf globale Strukturen und Ströme entspricht ("Lokbalisierung"). Globale Absichten durchkreuzen lokale Pläne, lokale Interessen mediatisieren globale Perspektiven. "Überall wird das Lokale globalisiert und das Globale lokalisiert" (Soja). Solche Mehrebenenspiele gelten durchgängig in allen globalen Politikfeldern. Derselbe Raum kann für unterschiedliche Akteure, Aufmerksamkeitshaltungen und Perspektiven verschiedene Bedeutungen annehmen. Welches Prinzip sich durchsetzt, ist Ergebnis mannigfacher Konflikte in lokalen, globalen und global-lokalen und lokal-globalen Konstellationen.

"Die politische Welt wandelt sich ... Der öffentlichen Gewalt nicht zu enge, aber sichtbare und unverrückbare Grenzen zu stecken; der einzelnen Person bestimmte Rechte zu geben und ihr den unbestrittenen Genuß dieser Rechte zu garantieren; dem Einzelnen das wenige an Unabhängigkeit, Kraft und Originalität zu erhalten, was ihm noch geblieben ist; ihm in der Gesamtheit einen Stand zu geben und ihn ihr gegenüber zu stützen: das scheint mir die vornehmste Aufgabe des Gesetzgebers in der kommenden Zeit zu sein."Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika, 1835

Insbesondere am Beispiel der Leitmuster von "Urbanität" lässt sich die Spannweite lokaler Globalisierungseffekte und -einstellungen zeigen (Wirth, Salin, Häußermann/Siebel, Sieverts/Häußermann, Siebel). Die Effekte und Einstellungen schwanken zwischen Typen wie "Widerstand" und "lokale Beschaulichkeit", "ausgleichende Moderne" und "soziale Stadt" und "Innovation" alias "Anpassung" und "internationale Hektik." All diesen Mustern entsprechen (immer noch) bestimmte Sozialräume und Funktionen, was zur Spaltung der Stadt oder der Regionen im "urban sprawl" führt. (2) Sharon Zukin (1998) öffnet den Blick auf die Vieldimensionalität der (postfordistischen) Raummuster, indem sie Landschaften, das Environment, und Vorstellungen zu räumlichen Deutungsmustern zusammenfasst. Sie unterscheidet zwischen Räumen der Ober- und Unterklasse, Räumen, die den kapitalistischen "amerikanischen Traum" abbilden, und Räumen als Rahmen ethnischer Gruppen ("racialized spaces"). Dieser Raumbegriff überschreitet den Horizont klassischer (strukturell-fordistischer) Sozialraumanalysen, indem neben den Funktionen soziale Konstruktionen als alltägliche Sinnzuweisungen mit Rückwirkung auf die Nutzer der Räume berücksichtigt werden.

Entsprechende sozialräumliche Geographien sollen, wie es die Los Angeles School (vor allem um Edward Soja) von Architektur, Stadtplanung und Stadtsoziologie behauptet und ausführt, insbesondere die postfordistischen, tertiarisierten und multiethnischen Sozial- und Stadtlandschaften in Süd-Kalifornien bestimmen. Neue Tendenzen städtischer Umgestaltung und Globalisierungen treffen hier zusammen und bilden vor allem in der Bay Area (San Francisco, Berkeley, San Jose) und in der Agglomeration der fünf Countys um Los Angeles die Geographien der postmodernen Urbanisierung. Ein Bestandteil ist ein internationaler Stadttypus vom Schlag kultureller, technologischer und/oder wissenschaftlicher "Metroplexe" und "Postsuburbias" mit global bedeutenden Kommunikations-, Informations- und Verkehrszentren (Scott). Dieser Typus soll näher betrachtet werden, ist er doch seit rund 30 Jahren Ausdruck von Innovation und Vorbild für Glokalisierung.

Zur Produktion globalisierter Stadträume

Im Rhythmus der Globalisierung folgt die Produktion ökonomischer, kultureller und sozialer Stadträume und Regionen seit den Siebzigerjahren höchst variablen Stufen. Folgendes Schema wird gewählt, um solche Stufen beschreiben und zuordnen zu können:

1. Am Anfang steht in den Achtzigerjahren die in der Regel traditionsreiche erste Generation von "Global Cities", besonders Tokyo, London und New York werden genannt. Zunächst werden diese "Global Cities" vor allem über Finanzströme und multinationale Firmensitze definiert (Sassen 1991). Weitere Metropolen des Weltmarkts kommen hinzu (Sassen 1994), wenn der Globalisierungsbegriff ausgeweitet wird, indem Migration, Kultur, Verkehr, Technologie beziehungsweise regionale Subzentren (Friedmann) ebenfalls berücksichtigt werden.(3) – Strittig sind vor allem die weitgehend geschichtslos und positivistisch vorgehende ökonomistische und polarisierende Darstellung der "Global Cities" (White).

2. Ab 1970 schließen vor allem Zentren der Forschung und Informationstechnologie (IT) auf und gewinnen nach den "Global Cities" den Rang maßgeblicher internationaler Techno- und Wissenschaftszentren. Zu nennen ist beispielsweise San Jose; mit 900 Tausend Einwohnern(4) ist diese drittgrößte kalifornische Stadt (nach Los Angeles und San Diego, vor San Francisco) (5) die nachgerade gestalt- und geschichtslose Kapitale des zunächst überhaupt nicht globalisiert ausgedachten Silicon Valley. Zu bedenken sind weitere global werdende Klein- und Zwischenstädte im Umfeld moderner Forschungsuniversitäten wie etwa Palo Alto (58 tausend Einwohner) vor der Stanford University (u.a. in Boulder, San Diego [Scripps], Berkeley, Pasadena [CalTech], im Norden Chicagos und um Boston [MIT] finden sich vergleichbare globale Räume). Im direkten Einflussraum Stanfords, initiiert durch ein IBM-Werk und erste Hightech-Gründungen, vollzieht sich in San Jose, dem "Los Angeles des Nordens", ansatzweise seit 1960 der Übergang vom Obstanbaugebiet zum Silicon Valley (Matthews).

Den von Forschungsuniversitäten ausgehenden wissensorientierten Infrastrukturen und Milieus kommt wachsende Bedeutung zu. Wissensproduktion, Transfer, Humankapital (z. B. das "Doktorenfließband" in Shockleys Semiconductor Laboratory [Wolfe 1992: 28 f.] und Ingenieure, deren Bedeutung für den Großraum Los Angeles von Soja und Scott unterstrichen wird), Milieubildung und Kooperation von Industrie und Forschung oder Kommerzialisierung von Wissenschaft werden wichtig (Luger/Goldstein). Vielfach bilden sich diese äußerlich oft unscheinbaren, global jedoch überaus bedeutsamen Techno- und Wissenschaftsräume im Protest gegen die Hauptquartiere und Milieus der ersten "Global Cities" aus (Wolfe). Gegenüber den "Global Cities" zeichen sich diese Wissenschafts- und Technikräume – bei großer Heterogenität – aus durch geringe Verdichtungen als Landschaft der "Postsuburbias", "Edge Cities" und "Themenparks" (Kling/Olin/Poster, Garreau, Sorkin). Diese dezentralisierten Räume der "New Downtowns" beziehungsweise einer "multinucleated metropolitan region" brechen mit dem am Chicago der Jahrhundertwende entwickelten Schema einer/eines aus ihrem Kern, dem Central Business District (CBD), gestalteten (Industrie-)Stadt(-Park).

3. Im Einflussbereich der Triade beziehungsweise der Weltkarte internationaler Städte (Friedmann) werden sodann seit Beginn der Neunzigerjahre immer mehr Orte durchdrungen. Bei Strafe des "Abhängens" oder "Abrutschens" ("Decline") können und wollen sie sich globalen Strömungseffekten nicht entziehen, passen sich an oder rüsten und ziehen nach. Eine wichtige Rolle spielen hierbei die über Verkehr und Finanzen definierten Unterzentren globaler und internationaler Städte (z. B. Frankfurt a. M. und sein Randgürtel) ebenso wie flexible Produktionsstandorte (Stuttgart) und sogar modernisierte Alt-Industriegebiete (Ruhrgebiet). Die europäische "Entwicklungsbanane" von Mailand bis London oder Paris bis Hannover mit ihren Unterräumen wie etwa Regio TriRhena (Basel, Mühlhausen, Freiburg i. Br., Karlsruhe, Straßburg), dem Rhein-Main-Gebiet und der niederländischen Randstad um Amsterdam und Rotterdam, US-amerikanische Verstädterungszonen (BosWash, Chicago, SanSan) und asiatische Entwicklungskorridore (Südchina – nicht nur Hongkong, das Wachstumsdreieck Singapur/Johor/Riau (6)) seien als entsprechende Raumprodukte genannt (Hall).

Schließlich schnappt die "Globalisierungsfalle" tatsächlich zu. Jeder Raum, jeder Ort positioniert sich gegenüber den geänderten Wettbewerbsverhältnissen, Standortkonkurrenz und neue Hierarchien werden bestimmend. Es vermittelt sich der Eindruck, als könne sich den homogenisierenden Erfordernissen der Globalisierungen niemand nirgendwo entziehen. Diese Entwicklungen führen seit Mitte der Neunzigerjahre verstärkt auch in der Bundesrepublik zur Ausbildung regionaler Netzwerke in Bereichen von IT, Kulturindustrie, Nano- und Gentechnologie, Biochemie, "Lifestyle" und Umwelttechnologien. München, Stuttgart – Karlsruhe – Freiburg i. Br. (7), das Rhein-Main-Gebiet, Köln, aber auch Jena und Dresden seien in diesem Sinne als Innovationsinseln im weiten Meer der Zwischenräume und Übergangszonen hervorgehoben.

Wissensproduktion und deren regionalökonomischer Transfer aus den Universitäten und Forschungsinstituten heraus durchziehen vor allem die beiden letztgenannten Stufen, in denen Glokalisierung, also die lokale Konkretisierung von Globalisierungen, Gesellschaft und Ökonomie bestimmt. Kulturelle Synergien, wie sie für moderne ökonomische Innovationen charakteristisch sind (Scott), ergeben sich vor allem in wissensorientierten Infrastrukturen und deren sozialräumlicher Verdichtung. Vielfach entwickeln sich Wissensräume aus historischen Kernen, deren internationale und "multikulturelle" Attraktivität sich im Zeichen der globalisierten Migration auch qualifizierter Fachkräfte jedoch sehr steigert. Dies führt keineswegs zur Homogenisierung größerer Räume, sondern im Gegenteil zu neuen Hierarchien der Konzentration und Wanderung. Wie und wo sich derartige Räume herausbilden, ist immer noch ein Geheimnis; politische Faktoren scheinen eine geringe Rolle zu spielen, kulturelle Voraussetzungen, wie sie zur Synergie führen können, spielen eine wesentliche Rolle, besonders der Umgang mit "Freiheit", "Ungleichheit" oder "Ausgleich" ist wichtig.

Wissensproduzierende Infrastrukturen und Wissensmilieus

Typisch für Infrastruktur und Milieu einer forschungs- und anwendungsorientierten Wissenskultur sind insbesondere niedrige Hierarchien in Gemeinschaften engagierter, hoch und sehr speziell gebildeter Personen, Orientierung an elaborierten technisch-wissenschaftlichen Niveaus, und damit die Nähe zu Forschungsuniversitäten, Arbeit in Gruppen oder Spitzenteams, die geringe Trennung von Arbeit und Freizeit, eine enge, arbeitsteilige Kopplung von Wirtschaftsbetrieben und Forschungsinstituten, die weltweite Rekrutierung des Forschungspersonals, ein ausgeprägtes Risiko in der Wissenschaft und bei Unternehmensgründungen, die flache, spezialisierte Organisation der Forschungsbetriebe oder Projektstäbe, verbunden mit Verflechtungen und Auslagerungen in der Region, das so entstehende Netzwerk von Instituten und Betrieben überschreitet eine Schwelle (von etwa 700 Firmen (8)) und kreiert dann einen seit 30 Jahren innovativen Wissenskorridor wie etwa das Silicon Valley. Solche glokalen Wissensmilieus unterscheiden sich von traditionellen intellektuellen Milieus durch die stringente Kopplung von Wissenschaft und Anwendung in einem Raum. Reflexivität und Kritik um ihrer selbst willen spielen eine geringe Rolle, Rückwendungen zum Forschungsprozess und Anwendungsbezüge, vor allem im IT-Bereich, spielen eine wichtigere Rolle. Im Unterschied zu Künstlerkolonien, Philosophenschulen und der Boheme europäischer Universitätsviertel (vom Schlage des Quartier Latin) besteht keine Scheu, wissenschaftliche Ergebnisse wirtschaftlich lukrativ zu verwerten. Die klassische Scheidelinie zwischen Grundlagenforschung und Anwendung wird aufgehoben, Reflexivität und Kritik fungiert nicht mehr als normative, externe Kontrolle. Freiheit, Risiko und "Behaviorismus" und Lösungspragmatik überwiegen gegenüber grundsätzlichen Abstraktionen. "Was forschst du gerade?" ist "Opus One" und diejenige Frage, die wichtiger ist als alle Gespräche über Essen und Wein; Fragen der "New Economy" nach Verdienst, Börsengang und einem "German Car"schließen sich an.

Forschungsuniversitäten bilden wichtige Kerne solcher Milieus und Infrastrukturen, was in Palo Alto oder Silicon Valley gut zu beobachten ist. Wissenschaftstransfer, direkte Hilfen, Finanzierung und Beratungen, vor allem für ökonomisch tätig werdende Forscher gehören zum Forschungsinstitut ebenso wie alle "alten" Dienstleistungen. Die 1885 gegründete Stanford University beispielsweise weist ein Career Planning Center und eine Federal Credit Union auf. Bei 14 tausend Studierenden zählt der Lehrkörper 1300 Personen, darunter 8 Nobel- und 4 Pulitzer-Preisträger (1995/96). In einem Ranking liegt die Universität im Herbst 2000 hinter Princeton, Harvard, Yale, CalTech und MIT auf dem sechsten Platz. Wissenstransfer in außeruniversitäre, regionale Innovationsnetzwerke spielt an diesen Universitäten eine bedeutende Rolle – selbst sehr normalen deutschen Universitäten kommt eine hohe regionalökonomische Bedeutung zu (Blume/Fromm).

Das forschungsorientierte Milieu hat einen Untergrund, der für "billiges Geld" reproduktive Arbeiten erledigt und so einen Gutteil der Flexibilität erst ermöglicht. Vielfach handelt es sich dabei um MigrantInnen und "Working Poor", die diese Dienstleistungen erbringen. Funktional werden "Hightech", "Big Science" und "Sweatshops" strukturell verkoppelt, was wiederum Ausdruck in der Produktion entsprechender Räume findet.

Randnote: So, wie sich in den Sechzigerjahren in der Bay Area, getrennt nur durch 100 Kilometer, zwei aufbrechende (Jugend-)Milieus ausbilden, nämlich Hippies in San Francisco und "Chippies" im Silicon Valley, so unterscheiden sich auch heutige Innovationsmilieus hinsichtlich der Bewegungsmomente. Kommunikationsmilieus – wie sie etwa im Raum Los Angeles in Santa Monica, Culver City und Pasadena zu finden sind (9) - scheinen eher bewegungsorientiert zu sein. Vergleichbar ist die ethnisch-ökonomische Begründung der Flexibilität, vergleichbar dürfte auch die Mentalität als "Workaholic" sein. Dennoch: Innovationsmilieus sollten hinsichtlich einer stärkeren Wissensorientierung (IT) und Bewegungsorientierung (Werbung, Grafikstudios, Kunst/Kultur, Internet-Firmen) sowie der zugehörigen Infrastukturen und Räume unterschieden werden. Studien zur kulturellen Ökonomie in Städten (Scott) verdienen eine Ausweitung durch Betrachtung der politischen Kultur und Psychologie in diesen Räumen.

Fragmentierung und Segregation in globalen Orten

Alle Orte, Städte und Regionen müssen auf jeder dieser Stufe beziehungsweise Ausformung fragmentiert oder sogar hypersegregiert begriffen werden. Ein Gutteil der räumlichen Ungleichheiten hinsichtlich städtischer Funktionen und verschiedener Segregationen resultiert – wenngleich nicht linear und monokausal – aus der Beziehung von Stadträumen zu globalen Gehalten der Ökonomie, Kultur, Migration, Architektur/Stadtplanung und politischen Kultur. Globalisierung oder die lokale Wirkung, die Glokalisierung, wirkt punktuell oder regional, jedenfalls in engen, begrenzten Räumen, nicht flächig. Globalisierung kennt keinen Zielwert wie den der "sozialen Stadt" oder eine ausgeglichene "Stadtgesellschaft".

Alte und neue Segregationsmuster be- und entstehen, überlagern sich und tragen wie die Raumproduktion der "Edge Cities" und Korridore in der Summe ebenfalls bei zum Ende des Chicagoer Stadtmodells mit seinen großräumigen Entwicklungs- und Funktionsringen. Dabei zerbricht endgültig der für Afro-Amerikaner und deren Ghettos sowieso nie geltende "Melting Pot" an die Stelle der Fiktion eines endlichen ethnisch-kulturellen Eintopfes (der Assimilation) oder einer weit gehenden Integration tritt (negativ besetzt) das Bild eines Flickenteppichs oder (positiver hervorgekehrt) das einer Collage akzeptabler und zu akzeptierender, primär kulturalistisch (weniger sozial) gesehener Differenzen. In diesem Kontext internationaler, "normaler" und ethnisch-ökonomischer Räume spielen kollektive Identitäten ebenso wie (postmoderne) pluralistische Milieus eine besondere Rolle. Von einer "plural city" (Waldinger/Bozorgmehr) oder einem "ethnic quilt" (Allen/Turner), einem Flickenteppich, wird geredet, wenn "Ethnic Los Angeles" – eine der polyzentrischsten globalen Stadtregionen – angesprochen wird.

Ethnische Grenzlinien entsprechen mehrheitlich dem globalen Rangplatz der Stadtzonen. "Weiße" und "asiatische" Wohngebiete sind "reicher" als "Neighborhoods" von Afroamerikanern und Latinos; polyethnische Viertel, wie sie für Süd-Kalifornien ohne Mehrheiten und ohne Leitkultur immer typischer werden, streuen über die ganze Breite der sozialen Schichtung vom "Inner City Ghetto" bis zur "gated community" im Mitte-Oben-Wohngebiet. Eine derartige sozial-ethnische Schichtung charakterisiert auch die IT-Zentren und diejenigen globalen Kleinstädte, die etwa eine Forschungsuniversität als Wohn- und Lebensort abrunden. San Jose (Matthews 1999: 471) und Palo Alto und East Palo Alto seien erwähnt. (10)

Positiven Visionen der für die Globalisierung typischen Pluralisierung (Habermas, Taylor) werden durchaus apokalytische Bilder von "gefährlichen Räumen" oder vom Gegensatz einer neuen, (inner-)städtischen Armut, einer "Unterklasse", zu "reichen" und "normalen" Stadträumen entgegengesetzt. Multikulturalismus einerseits oder Ab- und Ausgrenzung andererseits sind Ausdruck dieser Sichtweisen. Taylors Forderung, Differenzen zu akzeptieren, sollte – was jedoch nicht zutrifft – weniger normativ gemeint sein, sondern mehr ein lokales Projekt kennzeichnen, das gestaltet, ge- und erlebt werden müsste. Globalisierte Räume etwa der Migration und Innovation bilden eben keine einheitliche "Global City" oder weltgesellschaftliche Urbanität heraus, sondern stellen Rahmen und Forum für Lernprozesse in locker strukturierten Netzwerken dar – nicht mehr, nicht weniger. Diese Lernprozesse finden statt in einer fragmentierten Stadtlandschaft (so wie es "die Stadt" als soziale Einheit und Akteur nie gegeben hat). In der geteilten Stadt kommt "alles" zusammen: Hinter Fackellilien brauen sich in Los Angeles Blade Runner’s Nieselregen und Mike Davis’ Ökologie der Angst zusammen; kleinräumlich, Wange an Wange ("cheek-by-jowl"), wie Scott/Paul dies ausdrücken, liegen seit den Siebzigerjahren "Sweatshops" und Finanzbastionen, Hochhäuser und eine Latino-Metropole, also Macht, Marginalität, Luxus, Elend und – vor allem – "Normalität" und Unstrukturiertheit nebeneinander.

Globales Mikromarketing: Glokalisierung

Räume ändern und differenzieren sich über ihren Bezug zu und in Globalisierungsströmen. Glokalisierung und Lokbalisierung setzen hierauf und sind bemüht, räumliche Nähe als Innovationsfaktor nach innen oder außen einzusetzen. Als "micromarketing" meint Glokalisierung, globale Märkte verdrängen lokale, globale – also "anderorts" erstellte – Produkte, Kompetenzen und Dienstleistungen ersetzen lokale Märkte. Es erfolgt eine Homogenisierung der Orte über das in diesem Kontext weitgehend raumfrei begriffene Globale. Lokale Räume reagieren in einem hegemonialen Ordnungssystem symbolisch und/oder real auf das Globale (Polau), hieraus folgert unter anderem die kulturelle Hybridität realer Orte (wogegen sich als eine Antwort Gemeinschaften und Festungen, "gated areas", zu wehren bemühen). Globalisierung projiziert in Form "unumstößlicher" globaler Module und Zeichen allgemeine Weltmarktbezüge auf besondere lokale Verhältnisse (11), denen bleibt entweder Adaption mit der Chance auf Gewinne, (bewusster) Widerstand (Beauregard) oder ein Statusverlust in der Stadthierarchie beziehungsweise eine Niederlage im Modernisierungswettlauf. Auch die gegenwärtige Bedeutung der Themen Identität sowie Ein- oder Ausschlüsse lassen sich von hier aus begreifen und diesem Wettbewerb um Erhalt oder Verlust des Status zuordnen.

Gegenüber der alten Heterogenität und Authentizität je besonderer Orte führt die globale Raum-Zeit-Beziehung dazu, dass sich über die verschiedensten Orte hinweg bestimmte Module global durchsetzen und zeitlich wie räumlich zur maßgeblichen Homogenität werden (Robertson) sowie von diesen Räumen (qua Lokbalisierung) wieder auf die globalen Muster rückwirken. Dieser Prozess geht auf Akteure beider Raumebenen zurück, wobei der globale Raum – insofern ist Castells’ Akzentuierung der Ströme berechtigt – durchaus als Logistik, als ein Netzwerk mit bestimmten Inhalten und Funktionen gegenüber dem diesbezüglich geschlosseneren Lokalraum genutzt werden kann.

Glokalisierung bezeichnet die Prägung durch besagte globale Module, diese werden "gelernt" und adaptiert, während "Lokbalisierung" die anschließende Phase bezeichnet, wenn die Produkte dieses Lernens auf die globale Ebene rückwirken (sollen). Glokalisierung schlägt in Lokbalisierung um, wenn sie davon ausgeht, "dass globale Herausforderungen lokal anzugehen sind" (so J. E. Schrempp, Vorstandsvorsitzender von DaimlerChrysler, am 19.6.00 (12)), um dann mit Absicht auf Profit oder mindestens kurzfristige Gewinne zum Weltmarkt zurückzukehren.

Innerhalb alteuropäischer Stadt- und Urbanisierungsdiskurse wird solche Differenzierung vielfach "negativ" aufgefasst als Bedrohung der mit der "sozialen Stadt" verbundenen kommunalen Sozialstaatlichkeit (Hanesch, Alisch, Dangschat). Häußermann sieht die Gefahr von "Entmischungsprozessen", das heißt eine "soziale Entmischung durch Selektivität der Wanderungen." US-amerikanisch entspricht der Diagnose der Fragmentierung der Befund der Hypersegregation mit "gefährlichen" Räumen und "unteren" Klassen (W. J. Wilson). Stärker normativ wird diese stadtgesellschaftliche Erosion und (Armuts-)Pluralisierung als "Dualizing" von Zitadelle und Ghetto von Superreichen und -armen bezeichnet, empirischere Analysen betonen die Teilungen, also ungleiche Lagen und Chancen, und zeichnen eine "Divided City" (Hennig). Häußermann/Siebel (1987) unterscheiden hinsichtlich dieser "Spaltung" mindestens zwischen international wettbewerbsfähigen, normalen und marginalisierten Stadträumen. – Es zeigt sich, wie Globalisierungsansichten in divergierende Debatten über Urbanität einmünden.

Risiken und Chancen von Glokalisierung

Wissenschaftsorientierte IT-Landschaften, welche die "Edge Cities" um Los Angeles, Orange County und Silicon Valley zu "Global Suburbia" werden ließen, Spitzenforschungsinstitute mit einem Kranz wissensintensiver Auslagerungen (z. B. Stanford in Palo Alto, Scripps in San Diego, CalTech in Pasadena), aber auch die oft zum Schaden der Arbeitnehmer sehr flexiblen Dienstleistungen (z. B. in der ethnisch dominierten Textilindustrie, den "Garment Industries"), wie sie Süd-Kalifornien (Los Angles) ebenfalls prägen, sind Beispiele für Glokalisierungen, die nachahmenswerte Erfolgsstorys schreiben. Diese Geschichte kombinieren jedoch Licht und Schatten. Die IT- bzw. Wissenschaftsräume und Akteure verstehen sich bei aller Internationalität als soziokulturell und ökonomisch begrenzte Gemeinschaften ("gated communities"). Sie sind bemüht, sich ab- und einzugrenzen, jedenfalls stoßen sie etwa in East Palo Alto (13), dem Süden und Osten von L. A. County, in Santa Ana (Orange County) und im Süden San Diegos an weite Armutszonen. Zu globalisierten Räumen gehört der Zusammenprall solcher antagonistischer Zonen, worüber (vor allem im Theorem der Polarisierung bzw. des "Dualizing") die Mitte (und Langeweile) oft vergessen wird. Auch "abgehängte" Räume sind und werden globalisiert. Liegen sie im Kontext globaler Innovation, so dominieren dort die "Worlds in Motion" (Massey) der Migration. Neben den "Global Players" der "Front Offices" bilden sich neue Migrationsformen mit ethnischer Produktion, Schichtung und Inseln. Ethnische Produktion kann dabei selbst ein Innovationsfaktor sein (was in Los Angeles, der "Sweatshop Capital" der USA, für die Bekleidungsindustrie zutrifft (14)). Zu dieser Innovation gehören viele Schattenseiten, 60 Prozent der 6 bis 7 tausend Textilfirmen in L. A. verletzten Lohn - und Arbeitszeitregelungen. (15)

Unter Anerkennung globaler Perspektiven, insbesondere "When Work Disappears" (Wilson), öffnet sich die geteilte Stadt nicht nur für Risiken (für Armut, Arbeitslosigkeit, Exklusion), sondern auch für Chancen. US-amerikanische Studien heben hierbei einen geringeren Effekt politischer Akteure und Gremien im Bezugsfeld des "New Localism" (Goetz/Clarke) hervor (D. Wilson, Savitch/Vogel). Vor allem das südkalifornische Innovationsregime kennzeichnet ein Mangel an (politischer) Kooperation gegenüber einem Surplus an Wettbewerb.

Los Angeles gilt als "kapitalistischer Dynamo", als zentrifugale und fragmentierte Stadt. Politik zersplittert, gegenüber einem Gemeinwohl (und gesamtkapitalistischer Konzentration von Macht und Herrschaft) dominieren "single-purpose agencies" (Saltzstein), schlichte "urban outcomes" (Dear/Flusty) und Bewegungspolitiken (Keil). Besonders Davis malt dieses Bild tiefstschwarz, während Soja eher regionaldemokratischen Gegenbewegungen vertraut. Die Raumproduktion jedenfalls stellt "Plätzen des Terrors" "bewaffnete Zellen des Reichtums" gegenüber und verschränkt so die postmoderne Urbanität mit dem globalen Kapitalismus (Dear/Flusty). Südkalifornische Entwicklungen entsprechen somit mit Blick auf sozialökonomische Folgewirkungen nicht dem Zielkomplex einer innovativen, sich nachhaltig reproduzierenden Stadt (Hennig). Es dominiert der einzelne Raum, er wird "abgehängt", bewahrt seine internationale Geltung oder stagniert. Die Wissensmilieus verbleiben eine isolierte Variante der globalen Raumprodukte. Gerade Ungleichheit und Ungleichzeitigkeit sowie deren besonderes Environment (trotz aller globalen Module, die verarbeitet werden), gekoppelt mit geringer sozialintegrativer Regulierung, begünstigen, so scheint es, Aufbau und Wirkung von Wissensmilieus. Deren allgemeine Wirkung bezieht sich auf Globalisierung ("Intel Inside" gilt für die ganze Erde), ihre besondere Wirkung soll neben dem lokalem Wohlstand in indirekten Folgen liegen.

Für Süd-Kalifornien wird, quasi naturwüchsig, ein "trickle down" langsam und größtenteils indirekt wirkender, positiver Folgen hervorgehoben. Sogar abgehängte Stadtteile, wenn sie näher bei Innovationskorridoren liegen, sollen solcherart indirekt profitieren. Gegenüber innerstädtischen "zip codes of pathology", Zonen des Nicht-Lernens, der Nicht-Glokalisierung und des sozialen Elends, betont Henry Cisneros (Secretary für Housing and Urban Development) "some good news" von Potenzialen und Möglichkeiten. Die meist empirisch und abgewogen urteilende Los Angeles Times (LAT) unterstreicht ein derartiges Zusammenspiel in L. A. (das sich auf seinen Stadtschilden selbst als "A World of Difference" vorstellt): "Alameda Corridors Pave Way for Jobs" (LAT, 6.9.00, S. C 1, C 8). (16) Mit Blick etwa auf Compton (laut Ortsschild "A City of Character") und South-Central (neben der Bronx und Chicagos South Side eines der größten US-Ghettos) heißt es: "Economic Boom Boosts Even Blighted Areas" (LAT, 20.8.00, S. A 1, A2 4/25). (17) Das heißt: Arbeitsplätze werden geschaffen, Grundstückspreise steigen ebenso wie das mittlere Haushaltseinkommen. Insgesamt aber wächst im Stadtgebiet von L. A. der Armutsanteil, besonders unter Latinos und Afro-Amerikanern gibt es eine hohe Kinderarmut (18), die von 1993 bis 1998 rund 300 tausend neu entstandenen Arbeitsplätze liegen zumeist im unteren Lohnbereich (19); selbst in reichen Stadträumen, wie etwa im Fernando Valley, gibt es Slums (Pacoima) mit geballter Armut. (20) Immer noch gilt: "Alles kommt zusammen"; Los Angeles bleibt ein Stadtraum, der "die Welt in einem gebündelten urbanen Mikrokosmos" widerspiegelt (Soja). "Trickle Down": Ja und Nein! Zumal die Zahl industrieller Arbeitsplätze leicht abnimmt, gibt es ihn noch, "The Workingman’s Blues". (21)

Zusammenfassung und Folgerung

Als Verortung von Globalisierung setzt Glokalisierung Ungleichheiten und Freiheit voraus, beutet diese aus und (re-)produziert sie. Aus Ungleichheiten werden, wenn ein Glokalisierungsprojekt gelingt, Standortvorteile im Wettbewerb der Räume und Märkte. Politische Ausgleichsversuche wie das Konzept der "sozialen Stadt" spielen kaum eine initiierende, bestenfalls eine reaktive, "abmilderne" Rolle. Globalisierung verbindet zeitlich und räumlich verschiedener Themenfelder und Ströme. Glokalisierung bedeutet vor allem Gestaltung und Kopplung vormals besonderer Räume an diese Themen und Ströme. Ziel ist eine besondere Agglomeration, was hier am Beispiel von Wissensmilieus und IT-Korridoren oder Gründungszentren um Forschungsuniversitäten gezeigt werden sollte; Ziel ist somit eine sachliche Verdichtung und räumliche Konzentration besonderer innovativer Komponenten. Gehen diese Raum-, Wissens- und Kulturprodukte aus Ungleichheiten hervor, so heben sie diese Ungleichverteilungen nicht auf. Positive Raumeffekte, das "trickle down", sind zwar gegeben, sollten jedoch enger und kritisch betrachtet werden. Das Bild der Inseln im Meer bietet sich an, um die Verteilung zu veranschaulichen.

Schwerpunktsetzungen der "Network Society" (Castells) lokaler und globaler Wirtschafts- und Wissenschaftsbetriebe bestimmen maßgeblich, ob sich eine Kumulation und Verdichtung zu Korridoren herstellen lässt. Jedenfalls legen US-amerikanische Studien diesen Eindruck nahe, wenn Ursachenbündel glokaler Chancenausnutzung gesucht werden. Zusätzlich zu kulturellen Rahmendaten ist Politik in entsprechenden dezentralen Verhandlungssystemen engagiert und bemüht sich um Legitimation. Politik betrifft weniger die traditionelle Verteilungspolitik, sondern mehr Vermittlung (Mediation), Verbindlichkeit, Angemessenheit und Partizipation (Lompe). Primär jedoch wirken ökonomische und kulturelle Akteure im Rahmen der politischen Kultur. Fehlende gesellschaftlich-soziale Impulse, einen Mangel an Wissensmilieus, die globale Beschränkung wissensorientierter Infrastrukturen und eine nicht von Freiheit ausgehende politische Kultur kann Politik jedenfalls kurzfristig gar nicht, mittel- und längerfristig nur schwer kompensieren. Die vorgestellten US-amerikanischen Beispiele sprechen wenig dafür, dass politische Bewegungen und Organisationen mit dem Ziel der Gleichheit in der Lage wären, gleichzeitig innovativ und egalisierend zu wirken. Vielmehr beleuchten diese Studien die Bedeutung dezentraler Entwicklungen und fragmentierter Stadtlandschaften. Vormalige Vorstädte mit "New Downtowns" und diversen Themenparks werden gegenüber der klassischen Innenstadt aufgewertet. Im "negativsten" Fall führt dieses neue Raummuster etwa in Süd-Kalifornien und Nord-Italien zu Isolationsbewegungen und Ausgleichsverweigerungen, die als lokale oder föderale Reaktionen auf globale Entwicklungen von Ungleichheit und Konkurrenz zu begreifen sind (in der Bundesrepublik ist an die Debatte über den Länderfinanzausgleich zu denken). Globalisierung als Verdichtung von Raum und Zeit in Heterogenität und Differenz wird dadurch vom "local state" verdoppelt, nicht aber positiv aufgehoben. In diesen Kontext gehören Schlagworte wie "Proliberate Capitalism" (Billboard am Rande von Highway 101 vor San Francisco); "Think Globally – Save Locally" (Werbung der Santa Monica Bank).

Die Produktion internationaler Räume stößt in der Bundesrepublik eher auf Widerstände als in den USA; das Politische ist in der BRD gegenüber sozioökonomischen Interessen stärker armiert und wird im "sozialen Rechtsstaat" (nicht im "freien Handelsstaaat") mit Ausgleich und allgemeinen Regelungen verbunden. Dies könnte Auswirkungen für politische Planungen haben, Beauregard unterstreicht dies. Untersuchungen beispielsweise zur Einstellung Frankfurter Dienstklassen zeigen, wie stark die Neigung zur Trennung positiver und negativer Aspekte der Glokalisierung ist (Noller, Ronneberger), wie sehr negative Begleitumstände (Hektik) aber auch mit internationaler Wirtschaftskraft verbunden werden (Hennig). Damit sind gleichermaßen Grundlagen gelegt, um die "Globale Stadt" zu (be-)leben oder aber um sie durch Sicherheitszonen gegenüber gefährlichen Räumen und Klassen sowie zum Schutz der modernen Erlebnisräume begrenzen und selektieren. In dieser politisch-kulturellen Konstellation ist Politik gefordert, um ihren Gestaltungsraum zu besetzen. Sollen Innovationen Inseln und Korridore bleiben? Der neue Lokalismus jedenfalls ist bislang mehr horizontal vernetzt, denn vertikal verdichtet, beschränkt sich mehr auf die Restrukturierung weniger Zentren, von denen ein "trickle down"-Effekt erhofft wird.

Beispiele wie die Konflikte und Verfahrensregelungen um den Ausbau des Frankfurter Flughafens unterstreichen die Rolle von Politik, sie tritt dort – gegenüber der ökonomischen Initiative – als Widerstand und/oder als Hüter des Ausgleichs auf. Dieselbe Region zeigt mit weiteren großen Bauprojekten, wie politische Planung privaten Interessenten primär reaktiv gegenübersteht. Zwischen lokalen und globalen Interessen oder privater und öffentlicher Raumnutzung ergibt sich keine klare, öffentlich diskutierbare Konstellation; Bornierung und Globalisierung bleiben einerseits engstirnige NIMBY-Haltung (Not in my backyard: Nicht bei uns), andererseits Großmannssucht, eine Vermittlung, eine Abwägung oder Gestaltung unterbleibt. "Politics without Governance" (Saltzstein) schimmert auch in der Bundesrepublik auf. Politik nimmt ihre Rolle als eigenständiger Akteur zu wenig wahr; gerade die Frankfurter Beispiele deuten an, wie sehr Politik reaktiv bleibt und glokale Gestaltungsräume wenig durch "eigene" Vorstöße auslotet.

Ein strategisches Zusammenspiel von Politik (gerade auf der Ebene des "local state"), Ökonomie, Forschungsuniversitäten und Wissensmilieus steht aus. Politische Gestaltung beschränkt sich zu sehr auf Verweigerungen und ist in dieser Form vermutlich eher ein Standortnachteil. Nimmt Politik ihre innovative Rolle nicht wahr, dann dominieren die politisch-kulturellen Voraussetzungen. Diesbezüglich sind US-amerikanische Regionen, wie etwa Süd-Kalifornien, mit ihrer stärkeren Betonung lokaler, regionaler und individueller Tugenden (gegenüber der Distanz zu politischen Institutionen) besser gestellt. Wenn "Freiheit" die globale Leitphilosophie darstellt, wenn die Gestaltung von Prozessen, wenn Internationalisierung, Wissensmilieus und Forschungsuniversitäten eine wichtigere Rolle spielen als Verteilungspolitiken, Allgemeinbildung und "wertfreie" Grundlagenforschung, dann erscheint eine amerikanische politische Kultur um "Freiheit" und "Ungleichheit" eher geeignet, Glokalisierung "auszubeuten".

Literatur:

Alisch, Monika (Hrsg.) (1998): Stadtteilmanagement, Opladen

Allen, James P./Turner, Eugene (1997): The Ethnic Quilt, Northridge

Appadurai, Arjun (1990): Disjuncture and Difference in the Global Cultural Economy; in: Lechner, Frank J./Boli, John (Hrsg.) (2000): The Globalization Reader, Malden/Oxford, S. 322-330

Beauregard, Robert A. (1995): Theorizing the Global-Local Connection; in: Knox, Paul L./Taylor, Peter J. (Hrsg.): World Cities in a World System, Cambridge, S. 232-248

Blakely, Edward J./Snyder, Mary Gail (1997): Fortress America, Washington/Cambridge

Blume, Lorenz/Fromm, Oliver (2000): Regionalökonomische Bedeutung von Hochschulen, Wiesbaden

Castells, Manuel (1996): The Rise of the Network Society, Oxford

Dangschat, Jens S. (1999): Modernisierte Stadt – Gespaltene Gesellschaft, Opladen

Davis, Mike (1990): City of Quartz, New York (dt. Berlin/Göttingen 1994)

Dear, Michael/Flusty, Steven (1997): The Iron Lotus – Los Angeles and Postmodern Urbanism; in: Wilson, David (Hrsg.): Globalization and the Changing U.S. City, Thousand Oaks/London/New Delhi, S. 151-163

Flanigan, James (2000): Alameda Corridors Pave Way for Jobs, in: Los Angeles Times v. 6.9., S. C 1, C 8

Friedmann, John (1986): The World City Hypothesis; in: Knox, Paul L./Taylor, Peter J. (Hrsg.) (1995): World Cities in a World-System, Cambridge, S. 317-331 (vgl. auch S. 21-47)

Garreau, Joel (1991): Edge City, New York

Goetz, Edward G./Clarke, Susan E. (Hrsg.) (1993): The New Localism, Newbury Park/London/New Delhi

Hall, Peter (1998): Globalization and the World Cities; in: Lo, Fu-chen/Yue-man Yeung (Hrsg.) (1998): Globalization and the World of Large Cities, Tokyo/New York/Paris, S. 17-36

Hanesch, Walter (Hrsg.) (1997): Überlebt die soziale Stadt?, Opladen

Häußermann, Hartmut (1995): Die Stadt und die Stadtsoziologie, in: Berliner Journal für Soziologie, Bd 5, S. 89-98

Häußermann, Hartmut/Roost, Frank (1998): Globalisierung, Global City; in: Häußermann, Hartmut (Hrsg.), Großstadt, Opladen, S. 79-91

Häußermann, Hartmut/Siebel, Walter (1987): Neue Urbanität, Frankfurt

Hennig, Eike (1998): Fortress L. A. = Die Engelsburg; in: Vorgänge 144, Heft 4, S. 52-61

Hennig, Eike (1999): Globalisierung und Innovation in internationalen Städten Oder: Wie ließe sich eine Differenz von Frankfurt a. M. und Los Angeles bestimmen?; in: Grimmer, Klaus u. a. (Hrsg.): Innovationspolitik in globalisierten Arenen, Opladen, S. 163-179

Hennig, Eike (2000): Wirtschaftskräftig und hektisch: Frankfurt am Main im Urteil seiner Bevölkerung, in: frankfurter statistische berichte, Heft 2/3, S. 187-203

Keil, Roger (1993): Weltstadt – Stadt der Welt, Münster

Kling, Rob/Olin, Spencer, Poster, Mark (Hrsg.) (1991): Postsuburban California, Berkeley/Los Angeles/Oxford

Lompe, Klaus u. a. (1996): Zur Diskussion abnehmender Handlungsfähigkeit des Zentralstaates und der Rolle neuer dezentraler Verhandlungssysteme, Braunschweig 1996

Luger, Michael J./Goldstein, Harvey A. (1997): What Is the Role of Public Universities in Regional Economic Development?; in: Bingham, Richard D./Mier, Robert (Hrsg.): Dilemmas of Urban Economic Development, Thousand Oaks/London/New Delhi, S. 104-134

Massey, Douglas S. u. a. (Hrsg.) (1998): Worlds in Motion, Oxford

Massey, Douglas S./Denton, Nancy A. (1993): American Apartheid, Cambridge/London

Matthews, Glenna (1999): "The Los Angeles of the North": San Jose’s Transition from Fruit Capital to High Tech Metropolis; in: Journal of Urban History, Vol. 25, S. 459-476

McKenzie, Evan (1994): Privatopia, New Haven/London

Noller, Peter (1999): Globalisierung, Stadträume und Lebensstile, Opladen

Noller, Peter/Ronneberger, Klaus (1995): Die neue Dienstleistungsstadt, Frankfurt/New York

Park, Robert E./Burgess, Ernest W./McKenzie, Roderick D. (1925): The City – Reprint 1967, Chicago/London

Polau, Dana (1996): Globalism’s Localism; in: Wilson, Rob/Dissanayake, Wimal (Hrsg.): Global Local, Durham/London, S. 255-283

Robertson, Roland (1995): Globalisation: Time-Space and Homogeneity-Heterogeneity; in: Featherstone, Mike u. a. (Hrsg.): Global Modernities, London/Thousand Oaks/New Delhi, S. 25-44

Romney, Lee/Silverstein, Stuart (2000): Economic Boom Boosts Even Blighted Areas; in: Los Angeles Times, 20.8., S. A 1, A 24/A 25

Salin, Edgar (1970): Von der Urbanität zur "Urbanistik"; in: Kyklos, Vol. 33, S. 869-881

Saltzstein, Alan L. (1996): Los Angeles: Politics Without Governance; in: Savitch, H. H./Vogel, Ronald K. (Hrsg.): Regional Politics, Thousand Oaks/London/New Delhi, S. 51-71

Sassen, Saskia (1991): The Global City, Princeton

Sassen, Saskia (1994): Cities in a World Economy, Thousand Oaks/London/New Delhi (dt. Metropolen des Weltmarktes, Frankfurt/New York 1996)

Savitch, H. V./Vogel, Ronald K. (Hrsg.) (1996): Regional Politics, Thousand Oaks/London/New Delhi

Scott, Allen J. (1988): Metropolis, Berkeley/Los Angeles/London

Scott, Allen J. (1993): Technopolis, Berkeley/Los Angeles/Oxford

Scott, Allen J. (2000): The Cultural Economy of Cities, London/Thousand Oaks/New Delhi

Scott, Allen J./Paul, A. S. (1991): Industrial Development in Southern California, 1970-1987; in: Hart, John Fraser (Hrsg.): Our Changing Cities, Baltimore/London, S. 189-217

Siebel, Walter (1999): Anmerkungen zur Zukunft europäischer Urbanität, in: Vorgänge 145, März: S. 199-124

Sieverts, Thomas (1997): Zwischenstadt, Braunschweig/Wiesbaden

Soja, Edward W. (1995): Postmoderne Urbanisierung; in: Fuchs, Gotthard/Moltmann, Bernhard/Prigge, Walter (Hrsg.), Mythos Metropole, Frankfurt, S. 143-164

Sorkin, Michael (Hrsg.) (1992): Variations on a Theme Park, New York

Taylor, Charles (1993): Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung [Mit einem Beitrag von Jürgen Habermas], Frankfurt

Waldinger, Roger (1993): Ethnische Gruppen im Konflikt; in: Häußermann, Hartmut/Siebel, Walter (Hrsg.), New York, Frankfurt, S. 108-145

Waldinger, Roger/Bozorgmehr, Mehdi (Hrsg.) (1996): Ethnic Los Angeles, New York

White, James W. (1998): Old Wine, Cracked Bottle?; in: Urban Affairs, Vol. 33: S. 451-477 und die anschl. Debatten: S. 478-491

Wilson, David (Hrsg.): Globalization and the Changing U.S. City, Thousand Oaks/London/New Delhi

Wilson, William Julius (1987): The Truly Disadvantaged, Chicago/London

Wilson, William Julius (1997): When Work Disappears, New York

Wirth, Louis (1938): Urbanism as a Way of Life; in: The American Journal of Sociologie, Vol. 44, S. 1-24

Wolfe, Tom (1992): Die neue Welt des Robert Noyce, München

Zukin, Sharon u. a. (1998): From Coney Island to Las Vegas in the Urban Imaginary; in: Urban Affairs Review, Vol. 33, S. 627-654

 

 

Anmerkungen

1

Teil I dieser Abhandlung erschien in Kommune 11/00: S. 53-59. – Für Hinweise und Anregungen möchte ich mich bei Nora Räthzel, Ulrike Schmid und Detlef Sack bedanken.

2

Der Ansatz der Chicago School (Park) geht von einer hohen Kongruenz von Raum und Struktur aus, wie sie sich in typischen Mustern residentieller und funktionaler Segregation ausdrückt. Auch wenn räumliche Nähe heute als Kriterium an Bedeutung verliert, so bestimmen sozialräumliche Muster dennoch das Stadtgebiet und machen die Spaltung bzw. Teilung der Stadt erkenntlich. Sozialraumanalysen lassen sich immer noch sinnvoll durchführen und zeigen Binnengrenzen im Stadtgebiet auf.

3

Zur Kritik besonders an Sassen 1991 vgl. Häußermann/Roost 1998.

4

1930 zählt die Stadt 58, 1970 450 Tsd. Einwohner (Matthews 1999).

5

Wenn Globalisierung als "mental map" (der Welt) begriffen wird, so fällt auf, dass der öffentliche Rangplatz vieler Städte ihrem Rang in einer faktisch-globalen Stufenleiter nicht entspricht. Viele globale Räume sind "ödere Orte" als es die Vor-Urteile, vielleicht auch erste wissenschaftliche Blicke auf "Global Cities" verheißen. Gerade im "urban sprawl" Süd-Kaliforniens und der "Bay Area" werden globale Spitzenpositionen gegenüber touristischen Magneten übersehen. Das Globale im Lokalen darf nicht mit einer besonders imposanten Zeichenhaftigkeit gleichgesetzt werden. – Dies gilt nicht nur für die Aura der modernen Forschungsuniversitäten, gemeint sind auch Stadtbilder und die vorherrschende Architektur etwa in San Jose und Santa Clara. Bei der Pflege ihres Symbolgehalts greifen diese Städte auf sich selbst zurück; in beiden Städten gibt es neue Museen, die die Entwicklung von IT, Computerisierung und Chips darstellen. So im Intel-Museum in Santa Clara (60 Tsd. Einwohner) und in San Joses "Museum of Innovation": "TheTech."

6

Zu den asiatischen Wachstumszonen vgl. Sang-chule Choe, Urban Corridors in Pacific Asia, in: Fu-Chen Lo, Yue-Man Yeung (Hrsg.), Globalization and the World of Large Cities, Tokyo/New York/Paris 1998: S. 155 ff.

7

Vgl. www.biovalley.com. – Georg Endress’ (Firmengruppe Endress+Hauser, Messtechnik) Vortrag "Die Regio TriRhena - eine lernende Region?" im Rahmen des Kongresses "Die lerndende Region" (Freiburg i. Br. am 29.9.2000) verdanke ich viele Anregungen zum Bio Valley (in Anlehnung an Silicon Valley).

8

Von den 500 schnellstwachsenden Firmen der USA liegen 61 im Silicon Valley. Ein Drittel der Bewohner dieses Gebiets stammt aus dem Ausland (www.compaq.de 3/2000: S. 45).

9

Die dort lokalisierten wissensorientierten Industrien werden – auch mit Blick auf Boston – der moribunden Downtown mit ihren FIRE- und Sport-Großprojekten als Vorbild empfohlen: LAT 7.11.1999: M 1, M 6. – Allerdings sind auch wissensorientierte Stadträume nicht frei von zwiespältigen Restrukturierungen: Lokale, alteingesessene Geschäfte weichen dem Yuppie-Treffpunkt (am Beispiel von Montana Ave. vgl. dazu LAT, 5.9.00: C1, C4).

10

Von einer dominant weißen Gegend 1970 (82 %) ändert sich Silicon Valley ethnisch in erheblichem Maße. 2000 beträgt der Anteil der Weißen 49 % (Latinos 25 %, Asians 23 %), gegenüber dem US-Durchschnitt ergeben sich damit wesentliche Abweichungen vor allem hinsichtlich der Afroamerikaner (sie sind im Valley fast gar nicht vertreten) und der Asiaten (auf die im US-Schnitt 4 % und in Kalifornien 12 % entfallen). Der Anteil der Hispanics liegt deutlich über dem Schnitt der USA (12 %, aber unter dem Kaliforniens 30 %). – Zum Gesamtproblem vgl. Dale Maharidge, The Coming White Minority, New York 1996.

11

In den Bereichen Architektur, Stadtplanung und Konsumstil wirken diese Module und deren Semiotik besonders homogenisierend. Andere globale Vereinheitlichungen ergeben sich via IT – deshalb ist Silicon Valley zum globalen Raum geworden – und durch US-Englisch als Umgangssprache.

12

www.daimlerchrysler.at/index_ghtm?/news/top/2000/t00619a_ghtm (am 25.9.2000).

13

Dazu Newsweek, 18.9.00: S. 53; Der Spiegel 31/00: S. 60-63. Mit einem Familieneinkommen von $ 18 gegenüber $ 76 Tsd. p. a. ist East Palo Alto deutlich ärmer als Palo Alto, die Gemeinde weist auch höhere Anteile an Afro-Amerikanern und Latinos auf. Andererseits muss gegenüber der dramatischen Berichterstattung des "Spiegel" erwähnt werden, dass derartige Differenzen für die US-Stadtlandschaften der "Divided Cities" nicht außergewöhnlich sind. East Palo Alto macht mehr den Eindruck einer verschlafenen, gegenwarts- und zukunftslosen Gemeinde, als den eines Ghettos. Dennoch, Highway 101 markiert klar eine Grenze zwischen sehr unterschiedlichen Wohnwelten.

14

Vgl. LAT, 21.7.99: A 1, A 12 und 24.10.99: M 6.

15

LAT, 24.10.99: M 6.

16

Es handelt sich um drei teilweise erst projektierte Eisenbahnkorridore, die die Containerhäfen von San Pedro und Long Beach mit L. A.-Downtown und Commerce, dem HighTech-Gürtel in Pasadena, und mit Ontario, einem Trucker- und Eisenbahnumschlagsplatz, verbinden. Räumlich umfasst das Projekt 30 km, investiert werden sollen $ 2,4 Mrd. – James Flanigan (LAT) sei für Informationen gedankt.

17

Zugleich bleiben Compton und South-Central L. A. Gebiete mit überdurchschnittlichen Armutsanteilen; diese liegen 13 bzw. 18 Prozentpunkte über dem Schnitt von L.A. County.

18

LAT, 7.9.99: A 1, A 24.

19

LAT, 26.9.99: A 1, A 19.

20

LAT, 27.8.00: B 1, B 7.

21

LAT, 3.6.99: C 1, C 12. – Vergleichbar Chicago und Detroit ist L. A. einer der größten industriellen Arbeitsplätze in den USA. Zum "Workingman’s Blues" vgl. Albert Collins, Cold Snap - Alligator, 1986.

 

COPYRIGHT:

Zeitschrift Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur.

Kühl-Verlag (Frankfurt/Main)

Ausgabe Dezember 2000 (18. Jg., Heft 12/2000)