Yaacov Lozowick
Israel, Palästina und der Nahe Osten
Die Normalität westlicher Demokratien scheint noch in weiter Ferne. Israel und Palästina bewegen sich zwischen einer Macht- und Angstbalance. Wächst zwischen dem Streben nach palästinensischer Unabhängigkeit und israelisch-jüdischen Alpträumen dennoch die Chance für einen langfristigen Frieden?
Yaacov Lozowick, Leiter des Archivs von Yad Vashem, nimmt einige Fotos, die auch international Aufsehen erregten, zum Anlass für - auch persönliche - Reflexionen über die Bilder und Emotionen, die sie auslösten und mit denen der Konflikt auch historisch aufgeladen ist. Keine Seite ist ohne Schuld, aber diese Schuld muss, so Yaacov Lozowick, doch eingeordnet und gewichtet werden. Israel ist in seiner Sicht nicht einfach nur der Aggressor. Er fragt sich, ob die Palästinenser wirklich Frieden und damit Israel als dauerhafte Wirklichkeit akzeptieren wollen.
Ist der Friedensprozess der Ausgleich zwischen Israel und einem zukünftigen palästinensischen Staat auf der Grundlage der beiden 1993-1995 in Oslo ausgehandelten Verträge nun endgültig gescheitert? Oder handelt es sich nur um ein letztes Aufbäumen der "Extremisten auf beiden Seiten", bevor israelische Regierung und palästinensische Autonomiebehörde (PA) sich in das Unvermeidliche fügen und die notwenigen Zugeständnisse gegen interne Widerstände durchsetzen? Jörn Schulz geht in seinem Artikel auch auf die Veränderung der Kräfteverhältnisse innerhalb des palästinensischen und arabischen Lagers ein. (Redaktion)
Wut
Frühjahr 1943, im Konzentrationslager der Nazis in Sobibor. Während hunderttausende Juden ermordet worden waren, wurden ein paar hundert vorübergehend verschont, um die schmutzigsten Arbeiten zu verrichten. Eine Hand voll von ihnen begann einen Aufstand zu planen, und nun suchten sie nach einer Methode um festzustellen, welchen ihrer Mitgefangenen sie trauen konnten und wer sie auf keinen Fall an die deutschen "Herrenmenschen" verraten würde. Sie wählten ein einfaches, aber tiefgründiges Mittel. Potenziellen Kandidaten wurde die hypothetische Frage gestellt: "Wärst du bei einem Aufstand bereit, einen der SS-Leute zu ermorden?" Nur Insassen, die zögerten, wurden rekrutiert. Obwohl dieses Zögern kaum nachvollziehbar erscheint, zeigten die Ereignisse des Sommers 1945 ein weit verbreitetes, entsprechendes Verhalten. Hunderttausende Überlebende der Konzentrationslager, ihrer Familien, ihrer Heimat, ihrer Identität und ihrer Welt beraubt, waren in Lagern der Alliierten zusammengepfercht. Nur wenige Meter entfernt stolperte die Nation ihrer Mörder, nunmehr macht- und schutzlos, durch Schutt und Asche. Wenn in der Geschichte der Menschheit jemals furchtbare Vergeltung gerechtfertigt war, dann die dieser Überlebenden. Erstaunlicher- wie auch unerklärlicherweise hielten sie sich zurück.
Dogmatiker, die für das Recht der Palästinenser eintreten, sich gegen ihre israelischen Peiniger auch mit Gewalt zu erheben, sollten diesen Punkt in ihre Überlegungen einbeziehen. In einem Jahrhundert Krieg zwischen Israelis und Palästinensern bleibt die Zahl der getöteten Palästinenser weit hinter der Zahl der Juden zurück, die 1944 innerhalb von nur zwei Tagen in Auschwitz ermordet wurden. Dennoch scheint es, dass niemand die fehlende jüdische Vergeltung bemerkt, während man sich jedoch allgemein darüber einig ist, dass die Israelis die Wut der Palästinenser provoziert haben. Gerechtfertigte Wut liegt wie jedes menschliche Verhalten im Auge des Betrachters.
Wahrheit
Demokratien beeinflussen, wie alle politischen Formen sozialer Organisation, ihre Bürger auf eine sehr diffizile Art und Weise, die ihnen noch nicht einmal bewusst wird. Als Mitglied einer demokratischen Gesellschaft wird uns von frühester Kindheit an eingetrichtert, dass man alle Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann; dass jedem von uns das Recht auf eine eigene Meinung zugebilligt wird, wenn wir die unterschiedliche, vielleicht sogar gegensätzliche Position des anderen respektieren. Als Zuschauer sind wir darauf konditioniert anzunehmen, dass bei jedem Zusammenprall von Perspektiven oder Meinungen die Wahrheit irgendwo in der Mitte zu suchen ist.
Aber manchmal funktioniert die Wirklichkeit nicht demokratisch. Wenn in neun aufeinander folgenden Abenden bewaffnete Männer das Feuer von einem friedlichen Wohngebiet auf ein anderes friedliches Wohngebiet eröffnen und nach einer Woche die Streitkräfte der Angegriffenen beginnen, mit schwereren Waffen Vergeltung zu üben, so ist dies immer noch eine Reaktion und keine Aggression. Gestern hörte ich die Erklärung eines hoch gestellten palästinensischen Sprechers, dass die aggressiven israelischen Streitkräfte versuchten, Beit Gala, auf der anderen Seite von Gilo, zu zerstören. Trotz seiner eindrucksvollen moralischen Inbrunst und Entrüstung widersprechen die simplen Tatsachen einfach jedem seiner Worte. Siegessicher log er (dass sich die Balken bogen) in der Gewissheit, seine Zuhörer in den Demokratien dazu zu bringen, wenn nicht alles, so doch wenigstens die Hälfte seiner Geschichte zu glauben und sei es lediglich dadurch, dass er ihnen die plausible, aber falsche Annahme eintrichterte, dies sei eine Geschichte zweier gleichberechtigter Wahrheiten. Diese Technik wird zu allen Zeiten auf allen Ebenen angewandt: Israel ist der Aggressor (d. h., unser äußerstes Zugeständnis kann bestenfalls sein, einen Teil der Schuld auf uns zu nehmen); Haram el-Sharif ist ein für beide Seiten gleichermaßen heiliger Ort und so weiter, ad nauseum.
Apropos, der Tempelberg, der für die Moslems nur heilig ist, weil er 1500 Jahre lang für die Juden heilig war, bevor die Moslems eher zufällig darauf stießen: In den vergangenen Jahren veränderten die Moslems seinen Zustand systematisch mit Bulldozern und Zementmischern; sogar Netanyahus Regierung stand hilflos daneben, weil sie befürchtete, die israelische Intervention zur Rettung archäologischer Funde des künstlichen Berges, erbaut von den Juden, könnte eine Explosion an muslimischer Wut auslösen. Und nun glauben sogar unsere besten Freunde wahrhaftig, in einem voreiligen (und zugegebenermaßen einfältigen) Besuch bei Arik Sharon das Übel zu erkennen, mit dem all dies begann. George Orwell würde es nicht für möglich gehalten haben.
Bilder/Fotos
Die gegenwärtigen Ereignisse wurden durch das Foto des 12-jährigen Muhammad Aldurah ausgelöst, der mit Entsetzen seinen Tod durch israelisches Feuer vorhersieht. Es war ein unglaublich starkes und eindrucksvolles Bild (Abb. 1). Als Vater eines 12-jährigen Jungen hatte ich deswegen viele schlaflose Stunden, starr vor Entsetzen. Ich möchte keineswegs versuchen, die Ungeheuerlichkeit von Muhammads Tod hinwegzudiskutieren. Oft hofft man für die Toten, dass sie in Frieden ruhen. Warum aber sollte ein 12-Jähriger überhaupt ruhen wollen?
Die vielfältigsten Gründe haben mich bewogen, dieses erschreckende Bild in diesen Artikel aufzunehmen:
Zum Andenken an ein unschuldiges Kind, das immer noch leben sollte.
Zur Anklage der Soldaten, die ihn umbrachten. Zwar standen sie zu diesem Zeitpunkt unter enormem Druck, jedoch nicht sie, sondern jemand anders musste den Preis dafür zahlen.
Zur Verurteilung der palästinensischen Demonstranten, die ebenfalls dort waren und ebenfalls schossen. Es scheint, dass nicht ihre Kugeln Muhammad trafen, aber sie hielten es auch nicht für angebracht, ihr Feuer einzustellen, um wenigstens durch eine kurze Ruhepause Vater und Sohn das Entkommen zu ermöglichen.
Als Verwunderung über Menschen, die bereit sind, für einen militärischen Vorposten (in diesem Falle Netzarim), dessen Auflösung als Teil des jetzt abgestorbenen Friedensprozesses bereits beschlossen war, zu morden und ihr eigenes Leben zu riskieren.
Und letztendlich brachte ich dieses Bild auch deswegen, um einem eventuellen Vorwurf aus dem Weg zu gehen, ich wolle die hässliche Wahrheit beschönigen.
Und dennoch so schrecklich Muhammad Aldurahs Schicksal war rechtfertigt das Spektrum eines individuellen Falles weder die Verurteilung einer Nation noch die Bestimmung einer politischen Position. So tragisch dieser spezielle Todesfall ist, die fundamentale Struktur der aktuellen Geschehnisse wird dadurch nicht verändert. Es war ein entsetzlicher Fehler, der aber keineswegs die israelische politische Linie repräsentiert.
Viele Fotos, die in diesen Tagen hier und da veröffentlicht werden, sagen mehr als tausend Worte, aber im Gegensatz zum Fall von Muhammad Aldurah bin ich anderer Meinung darüber, welche tausend Worte. Das nächste Foto (Abb. 2) wurde am 22. Oktober 2000 von Associated Press im südlichen Gaza-Streifen aufgenommen.
Es stellt dutzende von palästinensischen Demonstranten dar, die sich auf einer sandigen Fläche verteilen. Auf einer Anhöhe über ihnen steht ein israelischer Jeep, aus dem anscheinend gerade ein Soldat ausgestiegen ist. Einige der Demonstranten scheinen wegzurennen, die zwei im Vordergrund haben es damit nicht so eilig, und andere verteidigen trotzig ihre Stellung. Am oberen linken Rand des Fotos sieht man einen Zaun, wie ihn die Israelis entlang ihrer Grenzen bauen.
Das Ereignis findet offensichtlich nicht in einer Wohngegend statt, was darauf hinweisen könnte, dass die Demonstranten nicht ohne weiteres dort hingekommen sein konnten. Obwohl nicht erkennbar ist, wo es sein könnte, ist die Gegend für die Israelis aus irgendeinem Grund wichtig genug, einen dauerhaften Zaun darum zu bauen. Die Zusammensetzung der Demonstranten ist bezeichnend: Es sind keine Frauen darunter, soweit man es beurteilen kann auch keine älteren Männer; jedoch eine Anzahl Jungen, die zu dieser Sanddüne herauskamen, um sich den Israelis entgegenzustellen.
Schließlich beachte man das Verhalten der Soldaten. Sie meinen es ernst, aber es wird ebenso deutlich, dass sie ihren Einsatz nicht sehr fachkundig betreiben. Wenn sie jemals auch nur eine oberflächliche militärische Ausbildung hatten (die meisten Konsumenten von AP werden dies nicht haben), werden Sie sofort erkennen, dass sie sich für Soldaten in einer Gefechtssituation völlig falsch verhalten. Anstatt hinter der Anhöhe Deckung zu suchen und aus dieser sicheren Position zu schießen, haben sie sich jeglicher Deckung entblößt und sogar die relative Sicherheit des leicht bewaffneten Jeeps verlassen: Einer steht neben dem Jeep, der andere streckt seinen Kopf aus dessen Deckung heraus.
Die Geschichte zum Foto ist vielleicht etwas überraschend: Junge Palästinenser, zusammen mit einigen Jungen, sind dabei, israelische Stellungen aufzuspüren. Sie bedrohen die Israelis bis zu dem Grad, an dem diese sich zu reagieren genötigt sehen, wobei ihre Reaktion jedoch in erster Linie darin besteht, mit Gewalt zu drohen, nicht sie anzuwenden. Die Körpersprache der meisten Demonstranten weist darauf hin, dass sie nicht besonders ängstlich sind, da sie wissen, dass die Soldaten sie wahrscheinlich nicht verletzen werden. Weit mehr als die Konsumenten der westlichen Medien wissen sie nur zu genau, wie sehr wir uns zurückhalten. In diesem speziellen Fall mag ihnen auch bewusst gewesen sein, dass es keine bewaffneten Männer unter ihnen gab und dass deshalb die Soldaten auch nicht schießen würden wäre jemand verletzt worden, hätte der AP-Fotograf uns mit Sicherheit ein Foto gezeigt, auf dem Blut fließt.
Das nächste Foto wurde von AP in der gleichen Gegend aufgenommen, in einer ähnlichen Situation, ein paar Tage später (25. Oktober).
Dieses Bild (Abb. 3) ist derber. Ein junger Mann trägt einen verwundeten Jungen. Der Junge ist, durch die Anspannung seiner Muskeln deutlich sichtbar, nicht tot, aber es ist schwer zu sagen, wie schwer seine Verletzung ist. In jedem Fall ist sie nicht ernst genug, das Interesse der anderen Demonstranten dafür zu wecken, die alle in die andere Richtung sehen. Niemand (außer vielleicht dem verwundeten Jungen) scheint es besonders eilig zu haben. Was noch mehr auffällt: Obwohl der Junge gerade von irgendetwas verwundet wurde, vermutlich durch israelische Soldaten, scheint sich niemand besonders bedroht zu fühlen. Sie alle kennen die Regeln für die Auseinandersetzung mit den üblen israelischen Besatzungssoldaten: Man muss sich gezielt welche aussuchen und zum Schießen provozieren. Und wenn sie dann schießen, treffen sie ihre Provokateure zwar manchmal, meistens jedoch nicht. In jedem Fall besteht die Gefahr für den Einzelnen, nicht für die gesamte Masse. So viel zu einer Armee, die sich nachweislich rühmen kann, einzelne Büros der Hisbollah in Beirut zu treffen. Laut meinem Lexikon ist dieses Verhalten das ultimative Wesen der Zurückhaltung, aber vielleicht bin ich zu subjektiv.
Was die Jungen betrifft, habe ich keine rationale Erklärung für ihre Anwesenheit. Seit dem Zusammenbruch des Friedensprozesses haben meine Frau und ich die Freiheiten unserer Kinder im Teenageralter beträchtlich eingeschränkt Kürzung von Kino, Besuchen in großen Einkaufszentren, sogar harmlosen Ausflügen in die City aus Angst vor den selbstmörderischen jungen Arabern, die zu "Shahids" werden und eine Menge Juden mit sich nehmen möchten. Es versetzt mich immer wieder in Erstaunen, wenn ich unser Verhalten mit dem der Eltern jener zehnjährigen palästinensischen Jungen vergleiche, die täglich unsere Soldaten konfrontieren. Das zeugt von einem Hass, der viel tiefer ist, als ich es mir vorstellen kann, und lässt ernsthafte Zweifel an unserer Fähigkeit aufkommen, jemals irgendeine gemeinsame Basis für einen Diskurs zu finden. Angesichts solcher Emotionen scheint der Bau von sehr hohen und undurchdringlichen Mauern die einzige plausible Antwort zu sein.
Das vierte Bild (Abb. 4.) wurde weder im Fernsehen noch anderweitig veröffentlicht: Ich verstehe nicht genug Arabisch, um zu erkennen, was unter der "Swastika" (dem Hakenkreuz) geschrieben steht anscheinend so etwas wie "Lang lebe Jibril Ragoub", einer der Spitzenoffiziere der palästinensischen Sicherheit. In Hebräisch, unter dem Arabischen, heißt es: "Hitler zerstört die Bazillen". Das Foto stammt von einer Synagoge, vom 27. Oktober 2000. Man braucht keine 1000 Worte für dieses Foto. Es spricht für sich selbst: guter alter Antisemitismus.
Rein gefühlsmäßig könnte es mir gefallen, wenn wir diesmal so reagierten, wie es uns vor 65 Jahren nicht möglich war vielleicht indem wir eine nahe gelegene Moschee zerstören , um klarzustellen, dass wir uns für jede geschändete Synagoge mit furchtbarer Härte rächen werden und das 21. Jahrhundert in anderen Bahnen verläuft als das 20. Rational akzeptiere ich natürlich, dass eine solche Aktion keinerlei Verbesserung bringen würde, also werden wir nichts tun. Die Missetäter leben auf palästinensischem Territorium und werden niemals aufgegriffen werden.
Redefreiheit
Die Israelis sind zu jeder Tageszeit geradezu pathologisch süchtig nach Nachrichten. Es gibt 24 Nachrichtensendungen im Radio, jeden Tag, zu jeder vollen Stunde. Und jeweils zur halben Stunde gibt es Kurznachrichten. Etwa sechsmal am Tag folgt nach den Nachrichten eine Zusammenfassung mit Originalton-Mitschnitten von den "Hardlinern" und den Gemäßigten. Dreimal täglich (oder sogar viermal?) gibt es einstündige Nachrichtensendungen. Zwischendurch noch Talkshows zu den Tagesereignissen. Und all dies läuft gleichzeitig auf mehreren Kanälen, sodass die "Zapper" nur ja nichts verpassen. Habe ich erwähnt, dass die Nachrichtenprogramme seit Jahrzehnten durchweg die höchsten Einschaltquoten haben?
Das beweist, dass wir gerne eine Menge reden, dass wir aber auch bereit sind, einander zuzuhören, und sei es nur, um dabei Munition für unser nächstes Wortgefecht sammeln. In jenen Tagen, als wir glaubten, irgendeine Art von Frieden mit den Palästinensern schließen zu können, nahmen ihre Sprecher an unseren internen Diskussionen teil. Einige von ihnen, etwa Herr Ragoub, sprechen exzellent Hebräisch vielleicht weil sie lange Zeit in unseren Gefängnissen verbrachten. Wir haben jedoch auch kein Problem, wenn jemand Englisch bevorzugt, und einige ihrer interessanteren Sprecher sind nur des Arabischen mächtig. Ein paar von ihnen schienen sich auf unseren Bildschirmen mehr zu Hause zu fühlen als mancher Hinterbänkler der Knesset.
Jetzt befinden wir uns jedoch im Krieg und sie sind die Feinde und in Kriegszeiten ist man nicht unbedingt geneigt, den Feind durch die Verbreitung seiner Propaganda zu unterstützen. Vermutlich wird sich nicht klären lassen, wie es in den letzten Monaten jeden einzelnen Tag möglich war, die Vertreter der Palästinenser in den Medien zu sehen und zu hören. In der Tat war es unmöglich, ihnen nicht zuzuhören, wie sie uns in ihrem eloquenten Hebräisch mitteilten, dass wir niemals Frieden wollten, sondern lediglich die Welt zum Narren hielten, während wir ihr Land stahlen, ihre Zivilisten unterdrückten und ihre Kinder ermordeten. Es fällt mir auf, dass uns noch niemand beschuldigt hat, ihre Frauen vergewaltigt zu haben (Warum eigentlich nicht? Man sollte das untersuchen). Unsere Soldaten sind Faschisten und Barak ist ein Kriegsverbrecher. Zumindest scheinen sie so viel Anstand zu haben, Sharon nicht als Nazi zu beschimpfen, wenn sie Interviews in Hebräisch geben.
Leider kann ich nicht sagen, was unsere Vertreter bei den Interviews in den palästinensischen Medien von sich geben.
Alpträume
Eine meiner Mitarbeiterinnen eine Frau von etwa 50 Jahren, die vor einigen Jahrzehnten aus Russland immigrierte erzählte uns in den letzten Tagen, dass die Entwicklung für sie einen unverhofften Glücksfall darstelle. Als sie und ihr Mann vor einigen Jahren entschieden, ein Apartment zu kaufen, konnten sie sich leider keine Wohnung in Gilo eine Mittelklassegegend leisten und mussten nach Neve Yaacov hinausziehen, eine schäbige Gegend am nördlichen Zipfel von Jerusalem. Nun jedoch, bei all den Schießereien in Gilo, sollte es ihnen möglich sein, dort etwas Günstiges zu finden. Da Neve Yaacov noch nicht beschossen wird, müsste für ihre Wohnung dort immer noch ein guter Preis erzielbar sein wenn sie sich beeilt, fügte sie hinzu, denn zweifellos wird Neve Yaacov nächsten Monat unter Beschuss liegen.
Palästinenser zu sein, muss extrem unerfreulich sein. Zu all dem Übel eines tyrannischen, korrupten Dritte-Welt-Regimes und dem immer währenden Elend tiefster Armut kommt für viele noch hinzu, dass sie eine Menge Beschwerden über ihre Behandlung durch die Israelis haben, bis zu einem gewissen Maß sogar in den vergangenen fünf Jahren, als sich mehr als 90 Prozent unserer Kontrolle entzogen. Eine objektive Liste des von Israel seit 1967 an vielen von ihnen begangenen Unrechts wäre leider ziemlich erschütternd. Vergliche man sie mit einer ähnlichen Auflistung des durch andere westliche Staaten unter ähnlichen Bedingungen begangenen Unrechts, wie würden wir wohl dabei abschneiden? Das zu beurteilen ist unmöglich, da es kein anderes Land gibt, das mit dem unseren vergleichbar wäre.
Die Situation im Mittleren Osten ist seit Generationen dadurch geprägt, dass wir alle umgebracht werden, sobald wir die Übermacht über unsere Nachbarstaaten verlieren. Das gilt für die Ägypter, mit denen wir ein Vierteljahrhundert einen "frostigen Frieden" hatten, ebenso wie für die Hamas und Hisbollah, die darauf stolz sind, uns als Juden zu hassen, unabhängig von der Politik, die wir verfolgen. Vielleicht wird sich das eines Tages ändern, in ein oder zwei Jahrhunderten, aber ich erwarte nicht, noch so lange zu leben. Für den Augenblick gibt es zwei Beziehungsarten, die wir zu unseren Nachbarn haben können: unterschiedliche Friedensgrade mit denen, die nicht mehr hoffen, uns zu schlagen, und Krieg mit denen, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben.
Wir sind nicht nur das einzige Volk der Welt, das vom Aussterben bedroht ist, wir sind auch die Einzigen, die ihre militärische Überlegenheit jeden Tag aufs Neue demonstrieren müssen. Auf dem höchsten, dem strategischen Level, erreichen wir dies allein schon durch den Besitz eines der ehrfurchtgebietendsten Atomwaffen-Arsenale der Welt. Aber je weiter man nach unten geht, umso schwieriger wird es, diese Überlegenheit zu projizieren. Unsere Zivilisten, die tagtäglich ihren Geschäften nachgehen, sind nicht nur nicht unbesiegbar, sondern sogar akut gefährdet. Anschläge junger Araber, die bereitwillig Messerstechereien und Schießereien beginnen, Busse, Einkaufszentren usw. in die Luft sprengen, führen uns das immer wieder vor Augen. Oh, wie ich manchmal jene Koryphäen, Journalisten, Politiker und Narren beneidet habe, die den exzessiven Einsatz unserer Streitkräfte verdammten. Sie waren nie gezwungen, besorgt auf die 8-Uhr-Nachrichten zu warten, um sicher zu sein, dass kein Bus explodierte und die Kinder sicher in der Schule angekommen sind.
Zurückhaltung
Die Grausamkeit unseres Dilemmas besteht darin, dass wir mit exzessivem Einsatz unserer militärischen Macht die Gefahr des Terrorismus tatsächlich weitgehend reduzieren könnten, wenn wir uns nur erlauben würden, extreme Maßnahmen zu ergreifen, oder, deutlich ausgedrückt, wenn wir tatsächlich grausam wären. Jedermann weiß, dass Grausamkeit nur weitere Grausamkeit gebiert, die letztendlich für uns alle die Hölle bedeutet, doch scheint die Geschichte des 20. Jahrhunderts das Gegenteil aufzuzeigen. Je mehr Unterdrückung durch das Regime, desto weniger Aufruhr. Es existieren keine Bilder von Zivilisten, die Steine oder Bomben nach den Soldaten der brutalsten Okkupanten werfen. Sie wären innerhalb einer Minute ausradiert worden. Als einige fanatische Moslems 1982 im syrischen El-Hama ein bisschen Intifada machen wollten, rief der syrische Präsident Assad die Luftwaffe zu Hilfe. 20000 Zivilisten wurden ermordet, und seitdem herrscht Ruhe.
In diesem Punkt laufe ich Gefahr, als Propagandist abgestempelt zu werden, und niemand glaubt Propagandisten (wenn sie als solche erkannt werden). Deshalb werde ich mich vorsichtig ausdrücken und sagen, dass wir über eine militärische Macht verfügen, die jenseits der Vorstellungskraft der meisten westlichen Zivilisten liegt. Viele Anzeichen sprechen dafür, dass ein etwas sorgloserer Einsatz auch nur eines kleinen Teils davon bei den Palästinensern einen kolossalen Eindruck hinterlassen und wahrscheinlich jüdische Leben retten würde. Und doch trauen wir uns nicht, diesen Pfad zu betreten, aus Angst, unseren Feinden immer ähnlicher zu werden. Da mein Interesse an diesem Thema nicht akademisch, sondern existenziell ist, glaube ich in der Lage zu sein, unsere Verbrechen gegen die Palästinenser weit besser beurteilen zu können als die meisten Konsumenten westlicher Medien. Dennoch auch auf das Risiko, als hoffnungsloser Chauvinist eingestuft zu werden möchte ich konstatieren, dass wir uns moralisch nicht nur auf einem höheren Niveau als die Palästinenser befinden, sondern dass dieses moralische Niveau höher ist als bei den meisten unserer Kritiker. Überdies sind wir im Gegensatz zu jenen immer wieder geprüft worden.
Todesopfer
Während ich schrieb, sind fast 130 Palästinenser und weniger als 10 Juden oder israelische Soldaten umgekommen. Die Zahlen sprechen für sich, erzählt uns der Economist. Das ist völliger Unsinn. Zwischen 1936 und 1939 gab es in Palästina eine populäre arabische Revolte gegen die Briten, die zu dieser Zeit das Land kontrollierten. Tausende Araber wurden ermordet, nur einige dutzend Briten. Sie werden sagen, das ist lange her. Hunderte, vielleicht sogar tausende Serben kamen während des Kosovo-Krieges um und nicht ein einziger westlicher Soldat. Was für eine Geschichte erzählen diese Zahlen? 60 Westler, jedoch viele tausend Irakis starben bei der Operation "Desert Storm". Ein Paradebeispiel für ausschweifenden Waffeneinsatz, würde ich sagen. Wenn ich mich nicht irre, starben um die 54000 Amerikaner in Vietnam und 2 Millionen Vietnamesen. Ich muss zugeben, dass ich nicht in der Lage bin, etwas über die Bedeutung, die mir diese Zahlen vermitteln, zu sagen. Überlegenheit militärischer Technologie? Sorgfältige Vorbereitung durch eine gut geführte Armee für genau dieses Szenario? Grundsätzlich andere Standpunkte darüber, wie viel Soldatenblut vergossen werden darf, um politische Ziele zu erreichen? In jedem Fall ist es bizarr anzunehmen, dass die Staatsmänner, die das Leben ihres Volkes leichtfertig aufs Spiel setzen, denjenigen moralisch überlegen seien, die dies nicht tun.
Zwei "Intifadas"
Die erste "Intifada" dauerte von 1987 bis 1993 und endete mit dem Osloer Abkommen. Israel kontrollierte das ganze Territorium. Die Palästinenser mit Stöcken und Steinen bewaffnet hatten keinerlei Führung, die die Israelis als Gesprächspartner akzeptiert hätten. Die israelischen Soldaten verbrachten ihre Zeit damit, das Hissen von palästinensischen Flaggen zu vereiteln, was lächerlich war, und sie täuschten erfolglos vor, von der Schutzpolizei zu sein. Auf dem Höhepunkt der Ereignisse waren etwa 1<%20>0<%0>000 Palästinenser inhaftiert. Die Todesrate war im Vergleich zum Oktober 2000 auf beiden Seiten gering. Die Ereignisse erhielten nur deshalb eine historische Bedeutung, weil sich in Israel bei einer Majorität die Akzeptanz herausbildete, dass wir die Palästinenser nicht auf Dauer beherrschen können und dass dieses sehr kleine Land zwischen uns aufgeteilt werden muss. Bei den Palästinensern verankerte sich ein korrelierendes Verständnis, dass sie zwar niemals alles, jedoch einen Teil des Territoriums erhalten könnten, wenn sie auf Gewalt verzichteten. Oder lagen wir falsch? Hatten wir nur gehofft, dass es das war, was sie zu verstehen und zu akzeptieren gelernt hatten? Hatten wir nur uns selbst überzeugt, dass die Palästinenser jetzt bereit waren, sich uns in dem vernünftigen Versuch anzuschließen, unsere Streitigkeiten friedlich zu lösen? Trotz der Tatsache, dass es für sie keinen grundlegenden Wechsel, sondern lediglich eine neue Taktik bedeutete, die sie bei passender Gelegenheit wieder aufgeben konnten?
Die zweite "Intifada" begann Ende September 2000 und könnte noch sehr lange dauern. Israel beherrscht etwa 60 Prozent des Territoriums uneingeschränkt und weitere 20 Prozent mit Einschränkungen. Über 90 Prozent der Bevölkerung lebt in Gegenden, über die wir keinerlei Kontrolle mehr haben obgleich anzumerken ist, dass wir diese Enklaven noch immer auf allen Seiten umgeben. Zehntausende automatische Waffen stehen den Palästinensern zur Verfügung, deren Einfuhr wir ihnen erlaubt haben, um ihre eigenen "Verrückten" in Schach zu halten. Vor sieben Jahren wählten sie sich eine Führung, die international anerkannt ist. Auch von Israel. In den Städten greifen Israelische Soldaten nicht mehr in den Alltag der Palästinenser ein, beide Gruppen geraten jedoch bei Straßensperren aneinander. Hauptaufgabe der Soldaten ist die Verteidigung der jüdischen Siedlungen, doch in den letzten sieben Jahren waren dort nur wenige Soldaten für diesen Zweck stationiert. Es gibt keine Massenverhaftungen, da das Militär nicht vorgibt, eine Polizeitruppe zu sein. Dabei fällt mir ein, dass mit Ausnahme einer kleinen Zahl von Teilnehmern der Lynchjustiz von Ramallah mir keine einzige weitere Verhaftung durch die Armee bekannt ist. Jeden Tag sterben etwa zwei bis vier Palästinenser und die Anzahl der toten Israelis ist, wenn ich mich nicht irre, höher als in den ersten beiden Jahren der ersten "Intifada" zusammen.
Die schreckliche Gefahr der Versöhnung
Aus einem unbewaffneten, aber populären Aufstand der Palästinenser gegen eine tyrannisierende Besatzungsmacht wurde ein bewaffneter und ebenso populärer Krieg ... gegen wen? Wenn man es wörtlich nimmt, dann sicher nicht gegen eine Besatzungsmacht. Gegen eine frühere Besatzungsmacht, die ohnehin bereits im Rückzug begriffen war? Vielleicht gegen einen verhassten Nachbarn, mit dem man unter keinen Umständen zusammenleben möchte?
Ich selbst glaube nicht an diese dritte Möglichkeit, jedoch sprechen recht viele Fakten dafür. Im letzten Monat wurde uns deutlich vor Augen geführt, dass, sollten wir nicht in unser politisches Konzept passende Fakten außer Acht lassen, wir schließlich alle mit unserem Leben dafür bezahlen könnten. Sieben Jahre lang gab es Hinweise darauf, dass sich die Palästinenser zumindest zu viele von ihnen nicht in einem gemeinsamen Friedensprozess mit uns befanden, aber wir ignorierten sie. Wir machten uns vor, durch hartnäckige Annäherung eine neue Wirklichkeit stärker als all ihre Feinde kreieren zu können, indem wir mit "stiff upper lips" die Haltung bewahren. Aber während dies nur eine schöne Metapher ist und es gab zahllose nobel klingende Plattitüden über den Frieden für die Tapferen und Soldaten für den Frieden , zogen die Israelis in Wirklichkeit ihre Streitkräfte zurück und erlaubten den Palästinensern, zehntausende ihrer zornigen jungen Männer zu bewaffnen und auszubilden. War das edel oder eher selbstmörderisch?
Von dem belagerten Gilo ist es nach Beit Gala nicht weiter als von Pisgat Zeev, wo ich lebe, nach Anata. Und doch ist Pisgat Zeev friedlich, abgesehen von einer gewaltsamen Demonstration am Abend von Jom Kippur, während Gilo Kriegsgebiet ist. Der Unterschied besteht darin, dass Beit Gala der vollständigen Kontrolle der Palästinenser unterliegt, während Anata nur ihrer Zivilverwaltung untersteht. Wo immer unsere Armee auftaucht, ist es relativ friedlich, und Zivilisten können auf beiden Seiten ihr eigenes Leben leben. Ist es also nicht die offensichtliche Moral der Geschichte, dass wir niemals wieder auch nur einen einzigen Zentimeter abtreten sollten?
Machtbalance, Angstbalance
Die Machtbalance im Mittleren Osten militärisch, technologisch und ökonomisch schlägt zugunsten Israels aus. Hinsichtlich der Palästinenser ist sie so unausgewogen, dass selbst ein normalerweise klar denkender Mensch völlig verwirrt wird. "Jedermann" weiß, dass sich die Israelis aus den palästinensischen Territorien zurückziehen müssen, um Frieden erlangen zu können. Sie müssen den Palästinensern gestatten, einen unabhängigen Staat zu gründen. Sie dürfen ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu den Palästinensern nicht abbrechen deren Bruttosozialprodukt zu 20 Prozent aus Israel kommt, zusammen mit 100 Prozent des Stroms, der Telekommunikation, das meiste Wasser und ein Großteil der medizinischen Dienstleistungen. Sie müssen den Palästinensern erlauben, ihr Militär begrenzt auszubauen. Und sie müssen in irgendeiner Form zum Schicksal der Millionen palästinensischer Flüchtlinge (in zweiter und dritter Generation) Stellung beziehen. Nur so kann der Dämon der Okkupation ausgetrieben werden. Dann werden alle aus diesem Alptraum erwachen und ihr Geld an der Börse investieren. Vorausgesetzt, die Palästinenser ziehen die Börse einem judenfreien Palästina vor.
Gefühlsmäßig protestiere ich heftigst gegen diesen letzten Absatz, gleichwohl stimme ich rational zu. Unter einer unumstößlichen und allumfassenden Bedingung: Die Palästinenser beweisen uns, dass sie dasselbe wollen. Oslo 1993 war der erste Schritt auf dem Weg zum heutigen Blutvergießen, gerade weil wir hofften, es führe zum Frieden. Ab jetzt sollten wir unsere Friedensbemühungen nur dann fortsetzen, wenn auch die Palästinenser uns unzweifelhaft demonstrieren, dass sie nur eines wollen: Frieden, Frieden, Frieden.
Es steht Ihnen frei, jeden einzelnen meiner Sätze anzuzweifeln und jede Aussage auf den Kopf zu stellen. Von einer Sache lasse ich mich jedoch nicht abbringen. Die grundlegende Prämisse des Osloer Abkommens war, dass jede Seite das Recht der anderen auf einen Teil dieses Landes akzeptiert, da wir alle hier bleiben werden. Von dieser revolutionären Prämisse ausgehend, willigten wir ein, unsere militärische Verteidigung zu verringern, um im Gegenzug das Versprechen der Palästinenser zu erhalten, mit dem Blutvergießen aufzuhören und ab diesem Zeitpunkt unsere beträchtlichen Differenzen gemeinsam und friedlich zu lösen. Verzicht auf militärische Dominanz auf der einen, Verzicht auf Terror auf der anderen Seite. Die Verpflichtung setzte nicht voraus, dass das, was wir ihnen anbieten würden, auch nach ihrem Geschmack war. Sie war endgültig und unwiderruflich, ebenso endgültig und unwiderruflich wie unsere Verpflichtung, Territorium abzugeben und die Aufrüstung zu gestatten. Nun haben sie die Basis dieses Prozesses zerstört und es liegt an ihnen, ihn wieder in Gang zu bringen und das angesichts unserer enormen Skepsis.
Palästinensische Unabhängigkeit oder jüdische Vernichtung?
Wenn auch die Palästinenser nach Oslo zustimmten, niemals zu Gewalt und Terror zurückzukehren, und wir als Gegenleistung ihr Recht anerkannten, auf einem Teil dieses Landes teilweise unter sofortiger Abtretung einen Staat zu gründen, so wurden sie von Ehud Barak in Camp David dem entscheidenden Test unterzogen, indem er von ihnen verlangte, ihre Träume politisch und faktisch zu begraben. Als Gegenleistung dafür ging er auf fast alle ihre Ansprüche ein natürlich unter der Voraussetzung, dass sie wirklich meinten, was sie in Oslo theoretisch akzeptiert hatten: Ansprüche an israelisches Gebiet innerhalb der Grenzen vom 4. Juni 1967 waren auf immer verloren. Alles deutete darauf hin, dass Barak die Unterstützung einer deutlichen Mehrheit der Israelis hatte. Daraus ergeben sich zwei Alternativen:
1. Sie werden nur die vollständige Kontrolle über die Westbank, Gaza, völlig frei von israelischen Siedlern, und Ostjerusalem (das Schicksal seiner Juden ist ungeklärt) akzeptieren, niemals weniger. Wie auch immer, sollten wir ihnen dieses Angebot unterbreiten, könnten wir bis ans Ende unserer Tage glücklich leben. Das ist das optimistische Szenario, da es impliziert, dass wir uns nur noch über die letzten fünf Prozent des Territoriums streiten und dass wir gemeinsam eines Tages eine Lösung finden. Wie ich bereits mehrfach dargelegt habe, sind viele von uns nicht länger bereit, unsere Verteidigungslinien noch weiter zu schwächen lediglich mit der Spekulation, sie dadurch ruhig stellen zu können. Nein, diesmal müssen sie uns beweisen, dass für uns damit keinerlei Risiko verbunden ist. Und um ehrlich zu sein, kann ich im Augenblick keinen Ansatz erkennen, wie sie das tun könnten.
2. Sie haben was einige unserer Politiker des rechten Flügels schon die ganze Zeit behaupten die Prämisse von Oslo niemals akzeptiert, sondern lediglich zur Stärkung ihrer Positionen genutzt. Sie können nicht neben uns leben und hoffen immer noch darauf, uns zu verdrängen. Bekümmert teilen uns dieselben rechtsgerichteten Politiker nun mit, sie hätten uns gewarnt, und wir seien mit unserem kindischen Wunsch nach Frieden für die Bewaffnung unserer schlimmsten Feinde verantwortlich. Wir gestanden ihnen sichere Zufluchtsorte zu, von denen aus sie sich aufmachen können, Synagogen zu schänden, unsere Soldaten anzugreifen und höchstwahrscheinlich mitten in unseren Städten Bomben zu legen (was bisher, während ich diese Zeilen schreibe, noch nicht geschehen ist, aber ich fürchte, das ist nur eine Frage der Zeit).
Meine Freunde links wie rechts werden die Köpfe schütteln, weil ich im Augenblick beim besten Willen nicht entscheiden kann, welche Erklärung die richtige ist. Ich ertappe mich dabei, bis zu Zeev Jabotinskys "Iron Wall"-Artikel aus dem Jahr 1937 zurückzugehen, in dem er die Juden aufforderte, eine lebensfähige Gesellschaft hinter einer eisernen Mauer aufzubauen und zu warten, bis die Araber ihr Recht, hier zu leben, akzeptierten. Nun gut, wir haben die Mauer, wir haben eine vitale und pulsierende Gesellschaft und dank Baraks Experiment derzeit einen Konsens darüber, den Palästinensern ein weit reichendes Angebot gemacht zu haben. Und nun werfen sie die Grundlage unserer früheren Vereinbarungen, dass Meinungsverschiedenheiten nicht durch Gewalt, sondern durch Verhandlungen gelöst werden, über den Haufen.
Zwar fehlt noch die notwendige historische Perspektive, einige erste Kommentare sind dennoch möglich.
Rabin zwang die Israelis, ihren Traum von vollständiger Beherrschung des gesamten Gebietes als nicht lebensfähig und nicht erstrebenswert anzuerkennen. Das hat sich nicht geändert. Er legte die Bedingungen fest, unter denen beide Seiten das Gebiet aufteilen können, wenn sie dazu bereit sind. Die Israelis haben ihren Traum aufgegeben. Die Palästinenser auch?
Netanyahu gab den Israelis eine letzte Chance, die von Rabin aufgestellten Regeln noch einmal zu brechen. Zwar spielten sie mit dem Gedanken, lehnten ihn dann jedoch überwiegend ab. Eine überraschende Mehrheit wählte Barak, wohl wissend, dass er fortfahren würde, den Palästinensern Land als Gegenleistung für den Frieden anzubieten.
Barak bot mehr an als erwartet. Wäre sein Angebot akzeptiert worden, hätten die israelischen Wähler ihn zweifellos unterstützt. Sein Verhalten stärkte uns in unserer Entschlossenheit. Sollten Arafat und seine Leute denken, sie könnten uns die Laune verderben oder unseren Willen untergraben, ihrem Ansturm zu widerstehen, ist das schlichtweg falsch. Ich weiß zwar nicht, was passiert wäre, wenn sie während Netanyahus Amtszeit revoltiert hätten, aber nun betreten wir das Schlachtfeld mit sauberen Händen. Der Verdacht liegt nahe, dass sie aus diesem Grund jetzt und nicht damals explodierten: Sie fürchteten, von Barak nur das Offensichtliche zu erhalten und keinen Deut mehr.
Das Ende der Geschichte
Eines Tages werden die Israelis und Palästinenser Frieden schließen. Die Eckpunkte der politischen Lösung werden in etwa dem Angebot Baraks aus dem Sommer 2000 entsprechen. Einige Visionäre behaupten das seit Jahrzehnten; ich selbst seit circa zwanzig Jahren, eventuell auch länger. Nichts von dem, was in den vergangenen Wochen hier geschehen ist, kann mich umstimmen, jedoch musste ich meine Vorhersage hinsichtlich des Zeitablaufs ernsthaft revidieren. Eine Zeit lang dachte ich, wir seien am Ziel, aber es scheint, dass ich mich getäuscht habe. Bevor wir das lange Jahre klar erkennbare Ziel erreichen werden, wird noch eine Menge Blut fließen.
Ich denke, die Israelis sollten bis dahin jene Siedlungen weitgehend aufgeben, aus denen wir uns irgendwann sowieso zurückziehen müssen. Nicht als Siegprämie für die palästinensischen Widersacher, obwohl sie eine solche Maßnahme zweifellos als Teilerfolg auf dem Weg zum endgültigen Sieg deuten werden wie schon so oft, werden sie sich auch hier irren. Meine Argumentation ist taktischer Natur: Wir sollten unsere Verteidigungslinien verkürzen und nach Möglichkeit die Reibungspunkte reduzieren, die die Gefahr des Blutvergießens bergen um auf beiden Seiten menschliches Leben zu retten.
Ich finde auch, dass der Rest der Welt sich daran beteiligen sollte, die Palästinenser von der Sinnlosigkeit ihres Krieges und auch (ich weiß, das wird nie passieren) von dessen Ungerechtigkeit zu überzeugen. Haha!
Jerusalem
Jerusalem ist eine jüdische Erfindung. 2000 Jahre lang war es ein unbedeutendes Dorf, auf einem flachen Hügel neben einer Quelle, bis es David, Sohn von Ishai, zu seiner Hauptstadt machte. In diesem historischen Augenblick betrat Jerusalem den Weg zu seiner heutigen Bedeutung. Davids Sohn baute einen Tempel, und in den nächsten 1000 Jahren stand fast ohne Unterbrechung an dieser Stelle ein jüdischer Tempel. Derselbe Tempel, der eine signifikante Rolle in der Geschichte von Jesus spielen sollte. Erbaut von den Juden, leistete Jerusalem in den 2000 Jahren, in denen die meisten von uns nicht hier waren, einfach dadurch einen enormen Beitrag zur Bewahrung der Juden, dass wir unsere Gebete, unsere Träume und unser Sehnen darauf fokussieren konnten. In den vergangenen 3000 Jahren lebten fast ständig Juden in Jerusalem. Zum Beispiel wurde das heutige jüdische Viertel in der Altstadt bereits 1267 gegründet, lange bevor Kolumbus Amerika entdeckte.
Wenn Juden von langfristiger Bedeutung sprechen, dann heißt das wirklich lange.
Welche langfristigen Implikationen durch eine israelische Rückzugsbereitschaft aus Teilen Jerusalems als Gegenleistung für den Frieden hätten ausgelöst werden können, kann ich nicht beurteilen. Wäre der Frieden selbst dauerhaft gewesen, hätte es wohl funktionieren können vielleicht aber auch nicht. Würden zukünftige Generationen im Rückblick auf unsere Ungeduld, den Frieden noch zu unseren Lebzeiten zu verwirklichen und dafür den einzigen und heiligsten Ort unserer Welt aufzugeben unser Verhalten billigen oder uns für unseren Egoismus verdammen? Mich persönlich überraschte Baraks Angebot, ich war jedoch entschlossen, ihn wenn auch mit bangem Herzen und zitternden Händen zu unterstützen zur Errettung menschlichen Lebens, das mir heiliger als selbst die heilige Stätte Jerusalem ist. Sollten uns die Palästinenser eines Tages tatsächlich durch eine wild entschlossene Friedenskampagne davon zu überzeugen versuchen, uns hier wirklich zu akzeptieren und neben uns in Frieden leben zu wollen, würde ich erwarten, dass sie ihre Ernsthaftigkeit an Jerusalem demonstrieren. Dann werden wir auch einen Weg finden, unsere Differenzen beizulegen. Bis dahin werden wir abwarten.
Ich war überrascht, in unseren Medien von einem ihrer Repräsentanten zu erfahren, dass aus palästinensischer Sicht Barak unterstützt durch seine gewaltige militärische Überlegenheit und die einseitige Rückendeckung Bill Clintons versucht hat, ihnen eine demütigende Lösung zu diktieren. Vielleicht. Wenn sie unsere Bereitschaft zur Aufgabe Jerusalems so verstehen, haben sie nach meiner Ansicht noch nicht einmal begonnen, zu verstehen, worum es uns geht.
Normalität
Zuweilen unterliege ich der sehnsüchtigen Versuchung, die Normalität zu teilen, die in westlichen Demokratien seit Jahrzehnten den Alltag prägt. Wäre es nicht schön, sich über die Auswirkungen der steigenden Lebenserwartung auf die soziale Sicherheit Gedanken zu machen? Oder über das Für und Wider der Flexibilisierung der Arbeit, den Effekt der Einwanderung aus der Dritten Welt? Aber dann sage ich mir, es sollte wohl nicht sein noch nicht. Stattdessen bin ich mit den Bemühungen des ältesten Volkes der Welt beschäftigt, sich seine Heimat aufzubauen und sein eigenes Schicksal zu bestimmen. Das tue ich in Jerusalem. Und das ist mehr, als meine Vorväter in den letzten hundert Generationen über sich sagen konnten.
Beendet am 30. Oktober 2000
Übersetzung aus dem Englischen: Eberhard Hirschel und Karin Reinhard
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Zeitschrift Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur.
Kühl-Verlag (Frankfurt/Main)
Ausgabe Dezember 2000 (18. Jg., Heft 12/2000)