Eva Horn
Hans-Joachim Klein ist angeklagt der Tötung von Menschen aus niedrigen Beweggründen. Im Dezember 1975 wurden beim Überfall auf die OPEC-Konferenz in Wien Geiseln genommen; die Terroristen erschossen drei von ihnen. Klein selbst wurde verletzt, nach seiner Behandlung zusammen mit den Geiseln und Geiselnehmern nach Algier ausgeflogen. Ab 1978 lebte er illegal in Frankreich, im Herbst 1998 wurde er festgenommen und im Frühjahr 1999 ausgeliefert. Am 17. Oktober wurde nun der Prozess am Frankfurter Landgericht eröffnet. Ein erster Bericht findet sich in der Kommune 11/00.
Tragisch ist, dass das Töten so leicht ist und so erschreckend schnell geht. Vor allem, wenn man ein geladenes Schießeisen in der Hand hat und man nur den Finger krumm zu machen braucht. In null Komma nichts ist da ein Mensch, der gerade eben noch gelebt hat, der Sohn war, ein toter Sohn. Nichts kann ihn wieder lebendig machen, auch das Erschrecken dessen nicht, der den Finger krumm gemacht hat. Manchmal braucht einer den Rest seines Lebens, um zu begreifen, was er da angerichtet hat.
An den ersten beiden Tagen des Prozesses hat Hans-Joachim Klein ausführlich erzählt, wie sich aus seiner Sicht die Dinge vor, während und nach dem OPEC-Überfall 1975 in Wien zugetragen haben. Er berichtete von einem Treffen im Frankfurter Stadtwald mit anderen Mitgliedern der Revolutionären Zellen, bei dem auch der Mitangeklagte Rudi Schindler dabei gewesen sei. Dort hatte man ihn in die Pläne für den Überfall eingeweiht und er hatte seine Bereitschaft erklärt mitzumachen.
Er erzählte von der Fahrt nach Wien über die Schweiz, er erzählte von seinem Aufenthalt in Wien an verschiedenen Plätzen, zunächst im Hotel, dann in einem Haus außerhalb, dann in einer Wohnung in Wien, und er erzählte von einem Zusammentreffen mit Ramirez Sanchez und dass dieser sich damals nicht Carlos genannt habe, das sei eine Erfindung der Presse gewesen (im nächsten Durchgang stellt er es aber anders dar).
Er berichtet, dass die Waffen von einer Frau aus Frankfurt gebracht worden waren, dass man sie aber nicht benutzt habe, weil in letzter Minute doch noch die Waffen von den Libyern beigeschafft worden waren, und er erzählte, dass alle an dem Überfall Beteiligten gemeinsam mit der Straßenbahn zum OPEC-Gebäude fuhren, die Waffen habe man in Taschen bei sich gehabt.
In das Gebäude seien sie problemlos hineingelangt, einen Polizisten habe man noch freundlich im Vorübergehen gegrüßt. Dann geschah das, was er einmal, auch an einem dieser ersten Verhandlungstage, mit "für zehn Minuten OPEC zahle ich seit 25 Jahren" umschrieb. Nach seiner Schilderung hatte er die Aufgabe, die Telefonanlage und den Raum vorm Konferenzraum, in dem die Erdölminister tagten, abzusichern; dort wurden auch die Leute zusammengetrieben, die sich in den umliegenden Räumen und in der Eingangshalle zur OPEC befanden, um sie anschließend in den Konferenzraum zu bringen. Er habe alle aufgefordert, die Hände hoch zu nehmen (hands up!) und versucht, die Rezeptionistin dazu zu bringen, mit dem Telefonieren aufzuhören. Sie aber habe dort gesessen, telefoniert und auf sein Kommando nicht reagiert. Daraufhin habe er erst die Telefonanlage zerschossen, sie habe dann nach dem einzelnen Telefon gegriffen, das dort auf ihrem Schreibtisch stand, und weitertelefoniert, bis er auch dieses Telefon zerschossen habe.
Gabriele Kröcher-Tiedemann sei zur gleichen Zeit mit der Sicherung der Aufzüge beschäftigt gewesen, und er habe sie das nächste Mal gesehen, als sie den irakischen Sicherheitsbeamten vor sich her trieb, er habe dann gesehen, wie sie ihm die Pistole auf die Brust setzte, dann habe der Mann sie umarmt, sie verschwanden aus seinem Blickfeld, und dann fiel ein Schuss.
Bereits da tauchten erste Wiedersprüche in seinen Angaben auf, zum einen will er von dem Schuss verwirrt gewesen sein, so als wäre es der erste Schuss gewesen, der gefallen war, es war aber bereits mehrfach geschossen worden, nach seiner Schilderung ja auch von ihm selbst, nämlich in die Telefonanlage und das Telefon, zum andern gibt er zunächst an, er habe den toten Mann erst später hinter der Glastür liegen sehen, in der nächsten Runde sagt er, er habe gleich nachgesehen und ihn auch liegen sehen.
Inzwischen wurden nun mehrere Zeugen zu diesen Vorgängen gehört, besonders beeindruckend waren die Schilderungen der Rezeptionistin. Sie gab an, Klein während des Überfalles nicht gesehen zu haben, die Telefonanlage sei von einem Mann mit Pelzmütze und einem Mantel mit Pelzkragen zerschossen worden, später, als alle im Konferenzsaal waren, habe sie gehört, dass jemand ihn mit "Halid" ansprach. Auch habe sie nicht an ihrem Schreibtisch gesessen, sondern sei am Boden gewesen, nachdem sie einer der algerischen Delegierten, die sich im Vorraum aufgehalten hatten, dazu aufforderte.
Es rückt jetzt also die Möglichkeit näher, dass Klein ein anderes als das tatsächliche Geschehen geschildert hat, auch schon in seinem Buch Ende der Siebzigerjahre, und dass sein Anteil weniger harmlos ist, als bisher von ihm dargestellt, dass doch möglicherweise er es war, der den irakischen Sicherheitsbeamten erschossen hat.
Und möglich ist auch, dass er so sehr darüber erschrocken ist, dass er sich selbst gleich anschließend in der Schusslinie sozusagen aus dem Geschehen schießen ließ.
Sollte dem tatsächlich so sein, dann dürfte Klein derzeit stark selbstmordgefährdet sein. Denn der Zwang, der Realität ins Auge zu sehen, träfe dann auf das mit seinem Buch so deutlich demonstrierte Verlangen, eben diese Konfrontation mit der Realität zu vermeiden und sich stattdessen mit einer Legende zu schonen. Zudem hat er schon in Frankreich in den Jahren der Illegalität mehrere Selbstmordversuche unternommen und ist durch seine Mutter familiär vorbelastet.
Es fällt an Hans-Joachim Klein auf, dass das Bild, das er von sich selbst wiedergibt, nicht mit dem Eindruck übereinstimmt, den er hinterlässt. Er sieht sich, so scheint es zumindest, als Gescheiterten; gemessen an seiner Lebenssituation wirkt er aber durchaus respektabel.
Während für ihn selbst, sollte er den Sicherheitsbeamten tatsächlich erschossen haben, der Abgrund zwischen "getan" und "nicht getan" liegen dürfte, liegt er, von außen betrachtet, eher in der Frage, "weitergemacht" oder "aufgehört". Und der Respekt, der ihm dafür gebührt, dass er nach einem mörderischen Einsatz aufgehört und eben nicht weitergemacht hat, sondern sein Ausstieg damals zumindest in der Frankfurter Szene zum Anlass für intensive Auseinandersetzungen mit dem Terrorismus wurde, dieser Respekt scheint nicht bis zu ihm vorzudringen. Obwohl er durchaus so etwas wie Würde ausstrahlt, scheint er selbst vor allem Resignation zu empfinden.
Tatsache ist aber, dass er selbst sich nicht als Unschuldslamm darstellt, dass er frei ist von jener unangenehmen Empörung darüber, mit rechtsstaatlichen Mitteln zur Verantwortung gezogen zu werden, wie sie etwa im Haas- und Hogefeldprozess zu erleben war, und mit der dann alle Mittel, sich aus der Affäre zu ziehen, recht sind. Und erfreulicherweise ist die Atmosphäre im Gerichtssaal bisher zumindest frei von den entsprechenden nervtötenden Spielereien. Man geht in distanzierter Achtung miteinander um. Auch die Verteidigung Schindlers, für deren Mandanten es ja um alles oder nichts geht, vertritt ihre berechtigten Interessen nachdrücklich, aber bisher zumindest ohne größere Polemik.
Natürlich kann man, was Klein angeht, sich darüber empören, dass da einer, statt seine (mögliche individuelle) Tat frank und frei zu gestehen, sich eine Legende zurechtlegt, aber wenn einer in den Siebzigerjahren aufgehört hat, einen offiziellen Lebensweg zu gehen, dann leuchtet es schon ein, dass auch die Mentalität von damals an ihm kleben geblieben ist vom heutigen Feinschliff ist er Lichtjahre entfernt. Und die Mentalität war damals klandestin. Es war die Zeit, in denen die Artikel in den Zeitschriften der Szene nicht mit Namen unterschrieben wurden, in der man mit falschen Angaben in Betrieben agitierte, in der der Staat der oberste Feind war, man sich selbst als Erlöser vom Kapitalismus wähnte, und der Terror, gegen den man kämpfte, war der "Bullenterror".
Liest man heute in alten Schriften, etwa von "Wir wollen alles", dem Pflasterstrand,, den im Roten Stern Verlag erschienen Schriften "Antiimperialistischer Kampf" oder in der Kommunistischen Volkszeitung, dann hat man einerseits den Eindruck, dass vieles von dem, was beklagt und angeprangert wurde, seine Gültigkeit nicht grundsätzlich verloren hat, dass aber die Sprache und die Mentalität, mit der damals argumentiert und agitiert wurde, mehr das Verlangen nach dem Feind Staat und Kapitalismus verriet als das Verlangen nach Veränderung. Ob kindlich trotzig analysiert und gedroht oder mehr oberlehrerhaft die Avantgarde demonstriert wurde rückblickend erschüttert einen die ungeheure Rigidität und Hemmungslosigkeit, aber auch die Abwesenheit jeglichen Einfühlungsvermögens in die andere, die feindliche Seite. Die Vorstellung, dass auch diese andere Seite nur das tut, was sie kann, und dass sie nicht unbedingt nur das Schlechteste, jedenfalls nicht die Vernichtung will, war gänzlich abwesend.
Es überwiegt beim heutigen Lesen der Eindruck von einer gewissen Zwanghaftigkeit, mit der die andere Seite zum Feind stilisiert wurde, und zwar so sehr, dass man selbst und dieser Feind nicht mehr einer Gemeinschaft, der Gemeinschaft im Menschsein, angehörte. Und wenn der Feind kein Mensch mehr ist, dann droht eben sehr schnell die Gefahr, ihn wie ein Schwein zu behandeln.
Heute stellt sich die Frage, wo das danach alles hingegangen ist, die (ja berechtigte) Empörung über Ausbeutung und Ungerechtigkeit, der Hass auf die Kapitalisten, der altkluge Ton, so als wäre man der Einzige, der wüsste, wo die Schlechtigkeit der Welt ihren Ursprung hat. Und die ätzende Monotonie, mit der seitenlang die Streikberichte abgespult wurden (was ja ungeheure Fleißarbeiten waren). Vor allem aber: Wohin ist die Kraft gegangen, die da hineingesteckt wurde?
Hat sich das alles in Luft aufgelöst, in "ordentliche" Lebensläufe, oder haben sich einige Überreste davon noch erhalten und entfaltet der ätzende Hass auf die Gegenseite auch heute noch seine Kraft, wenn es darum geht, die "Schweine" mit der anderen Meinung, der anderen Sichtweise zu entlarven, sei es letztes Jahr beim Einsatz im Kosovo oder jetzt, bei der Debatte um die Leitkultur. Denn auch da sieht es bisweilen so aus, als könnte der mit der anderen Meinung nur die schlechtesten Absichten hegen, während man selbst das Wahre, Gute, auf jeden Fall aber die richtige Sichtweise für sich gepachtet hat.
Vielleicht liegt das Erstaunliche an der Person des Hans-Joachim Klein darin, dass er von jeglicher Art solcher Besserwissereien frei zu sein scheint und sich, wie aus einer anderen Zeit herüberschwappend, dreingefunden hat, mit seiner Vergangenheit konfrontiert zu werden, und sei sie auch noch so peinigend. Nicht jeder hat das Pech, dass ihm all das unter die Nase gerieben wird, an das er sich nicht mehr erinnert. Das Peinigende liegt ja, nach so langer Zeit zumal, weniger in der Schwere dessen, was man getan hat, als vielmehr darin, dass man an Diverses einfach nicht mehr erinnert werden möchte, und schon gar nicht vor versammeltem Publikum.
COPYRIGHT:
Zeitschrift Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur.
Kühl-Verlag (Frankfurt/Main)
Ausgabe Dezember 2000 (18. Jg., Heft 12/2000)