EDITORIAL 12/2002

 

Michael Ackermann

 

Das neuerliche rot-grüne Chaos und gewisse Auflösungstendenzen in der Aura des Bundeskanzlers dürfen einen nicht wirklich überraschen. Schon in den Monaten vor der Bundestagswahl wurde deutlich, dass die Regierung, und insbesondere ihr sozialdemokratischer Anteil, sowohl über die abschmierende Konjunktur als auch die galoppierenden Probleme mit den sozialen Sicherungssytemen gerne hinwegsehen oder -reden wollte. Erkennbar wurde auch, dass diese Regierung für eine zweite Legislaturperiode nicht über konsistente Reformprojekte verfügte. Sie schwankte zwischen der Attitüde eines moderaten Wirtschaftsliberalismus und einer diffusen Verteidigung des Sozialstaats-Status-quo hin und her.

In der Folge der hektischen Koalitionsbeschlüsse zeigt sich nun, dass sich der Ärger über einen „unbegreiflichen Dilettantismus“ mit dem Ärger jener verbindet, die sich einen anderen Wahlausgang und wirtschaftsliberalen „Aufbruch“ erhofften. Bei dieser Mischung, die durch einen spezifischen medialen Empörungs-Gestus noch angestachelt wird, fällt es schwer, die sachlichen Einwände von allgemeiner Stimmungsmache zu trennen. Das gilt für alle Felder – ob Hartz-Reform, Sparmaßnahmen im Gesundheitssystem, die Streichung von Steuerausnahmetatbeständen oder die Erhöhung der Rentenbeiträge. Hinter der Kritik am rot-grünen Gestocher, der Klage über „reines Abzocken“ oder allgemeine Beschwerden über „Immobilität“ verbergen sich ganz gegensätzliche Ausgangs- und Interessenpunkte.

Neue Revolutionäre entdecken beispielsweise in Sachen Steuern das Recht auf „zivilen Widerstand“ und „Ungehorsam“. Ulrich Clauss möchte „auch im konservativen Millieu die Erinnerung an Widerstandsformen auffrischen“ (Welt, 1.11.02). Er bemerkt zwar durchaus, dass „einstweilen nur ein kleiner Teil der tatsächlich wertschöpfenden tätigen Bevölkerung zum Hauptopfer der Steuer- und Abgabenmarodeure wird“, „die Massenbasis für zivilen Ungehorsam gegen den Schulden- und Versorgungsstaat ... also realistisch betrachtet recht dünn“ ist, trotzdem  favorisiert er einen Steuerboykott. „Im Grund geschieht das schon massenhaft in Form individuellen Steuerbetrugs und -hinterzugs – er müsste allerdings politisch formuliert werden, um vom Geruch kruden kriminellen Verhaltens bewahrt(!) zu werden. Immerhin geht heute schon jeder fünfte Euro in der deutschen Wirtschaft am Staat schwarz vorbei.“

Man liest die feurigen offenen Worte für die Ehrbarmachung krimineller Tatbestände und findet solch Rebellentum andernorts bestätigt. Da sieht etwa Rainer Hank (FAZ, 16.11.02) den Steuerzahler per se als Adressaten regierungs-amtlicher Grausamkeiten, denn die „Transferempfänger zu enttäuschen kostet mehr Stimmen“. Das sagt sich locker, ist aber empirisch so falsch wie die Behauptung, die Steuern würden rundherum steigen (meine sind gesunken). Es ist jenes Schwadronieren von „den Steuerzahlern“, „den Transferempfängern“ oder den „Leistungsträgern“, in der sich eine antisoziale Stimmung ebenso breit macht wie beim Thema „Generationenvertrag“. „Verfall eines Staates. Wie die Regierung uns bestiehlt“, betitelt am 14.11. die FAZ einen Beitrag von Jürgen Kaube, der in der Frage mündet: „Kann es sein, dass die Politik sich in dieser Lage am besten in Personenkreise einfühlen kann, für die objektiv mehr endet als neu beginnt? Die mehr Vergangenheit als Zukunft haben?“ Regierungsprobleme werden hier umstandslos zur Altersfrage.

Wir finden also in der Politik selbst wie in Teilen der kommentierenden Zunft weniger die „Rückkehr des Politischen“, wie sie jüngst Marin Altmeyer in der Kommune anmahnte, sondern ein verstärktes Vorpreschen in das kategoriale soziale und demographische Ressentiment. In der Kritik an der Erhöhung der Rentenbeiträge wird es Mode, von der „Überalterung“ der Gesellschaft zu sprechen. Das folgt nicht der berechtigten Sorge um „Generationengerechtigkeit“, sondern dem Gestus eines selbstbezüglichen juvenilen Privilegs. Bekanntlich werden aber auch Jüngere schnell älter, werden sie zukünftig sogar noch mehr „überaltern“ als die jetzigen Alten. Die ganze Gesellschaft muss sich also darauf einstellen – und selbst eine steigende Geburtenrate würde daran nichts ändern –, dass sich die Phase des Alter(n)s proportional gegenüber der Phase der Jugend stetig ausdehnt. Aus diesem Prozess resultiert der Reformbedarf, aus dem offensichtlich manche einen „Verteilungskampf“ machen wollen. Solchen Tendenzen leistet allerdings eine Regierung Vorschub, die nur an Stellschrauben dreht, anstatt grundlegende Reformen offen zu thematisieren.

Das also ist die eigentliche Crux und Gefahr des rot-grünen Rumgestochers: Die permanente Vertagung einer Auseinandersetzung um die Prämissen von Reformprozessen arbeitet dem antisozialen Ressentiment entgegen und trägt so zur weiteren Erodierung des Politischen bei.

 

Mit dieser Ausgabe beendet Sascha Müller-Kraenner seine Kolumne „Brief aus Washington“, denn er kehrt Ende des Jahres nach Berlin zurück. Wir danken ihm sehr für seine schönen Beiträge.