Ein wirklichkeitsnahes Bild des Kosovo bestätigt erstarrte Verhältnisse
keineswegs. Auch die politische Szene hat sich mit den Kommunalwahlen vom
Oktober noch einmal gewandelt. Die kosovarische UCK, bei uns oft als
“Großalbaner” bezeichnet oder einfach als Banditen verschrien, hat sich längst
in ein politisches Segment von mehreren politischen Parteien umgewandelt.
Anziehungskraft üben sie vor allem auf die jungen, städtischen und
qualifizierten Wähler aus, die für die Doppelperspektive: Moderne und Nation
stehen. Unser Autor geht auch den Hindernissen nach, die die Zukunft des Kosovo
so schwierig machen.
Sie
hat soeben eine schwere Abfuhr erhalten. Die Studienplätze für das Fach
Germanistik an der Universität von Prishtina sind längst vergeben. Ob sie wohl
dennoch reden wolle? Sie zögert, es ist eine Zumutung, aber dann willigt sie
doch ein. Teuta ist 19 Jahre alt. Vor zwei Jahren ist sie aus Neustadt an der
Donau zurückgekommen, wo sie ihre Jugend verbracht hat. Als Flüchtling – aber
es war die Jugend. “Neun Jahre in Deutschland. Das gehört zu meinem Leben.”
Nach Kosovo zurückgekehrt ist die Familie gezwungenermaßen – oder in der
Sprache der bayrischen Behörden: “freiwillig”. Sie persönlich hätte noch bleiben
können, sie hätte es sich auch zugetraut – aber die Eltern wollten die
16-Jährige nicht allein zurücklassen. Sie wohnt in Podujevo nordöstlich von
Prishtina – das Zimmer in Prishtina, die Finanzierung des Studiums wären ein
Problem gewesen. Als sie erfährt, dass es an der Universität eine Liste von
illegalen Gebühren gibt – wer einen Studienplatz in Medizin haben will, muss
500 Euro zahlen; die Beurteilung einer Prüfungsarbeit kostet 50 Euro –,
überkommt sie für einen Moment der Zorn. Aber jetzt hat sie andere Sorgen. Der
Ausbildungsplan ist ihr aus der Hand geschlagen worden. Sie kann nicht
jahrelang warten, bis an der Universität vielleicht etwas frei wird. Was sie
stattdessen machen könnte, weiß sie offenbar noch nicht.
Die
Leute hier seien “verspannt”. “Hier wird sehr nervös reagiert.” Schon die
Lehrer am Gymnasium in Podujevo hätten gegen Ende nur noch “Druck gemacht”. Die
Lehrmethoden seien auch ganz andere als in Deutschland. Teuta spricht wohl vom
landesüblichen Frontalunterricht und vom Einpauken abfragbaren Wissens – aber
sie hebt einen speziellen Aspekt des hiesigen Schullebens hervor: alles gehe
“viel öffentlicher” vor sich, “das Privatleben fehlt hier”. Und das bringt sie
auf eine fundamentale Erfahrung ihrer sozialen Existenz als junge Frau: “Es
gibt hier nicht genug Freiheit.” Wenn sie etwa mit ihren Brüdern in einem Café
Billard spielen wollte, stünde sie am nächsten Tag vermutlich “auf der
Titelseite der Lokalzeitung”. Sie komme mit dieser Ausgrenzung der Frau nicht
klar – “seelisch” , wie sie hinzufügt. Sie sei da “zwischen zwei Stühle”
gefallen – es sei ihr Land, aber es sei nicht ihre Welt. Es werde nie ihre Welt
sein. Sie vermisst die Freunde und Schulkameraden in Deutschland, die “dich
umfassend angesehen haben – wie ein Gehirn eben”. Sie meint wohl: ohne
Dazwischenkunft des Sexismus und der Männerherrschaft, die hier die Beziehungen
durchdringen, deformieren und vergiften. Nicht einmal aussprechen könne man
sich darüber: “Man kann sein Leid hier nicht teilen.” Wenn man es versuche, treffe
man auf eine Mauer der Verständnislosigkeit – auch in der eigenen Familie. Die
Situation wäre unerträglich, gäbe es da nicht ein paar Freunde mit der gleichen
Lebensgeschichte. Man unterhalte sich übrigens auf Deutsch, wenn man sich
treffe.
Ungeachtet
ihrer unversöhnlichen Kritik an der kosovo-albanischen Gesellschaft begreift
sich Teuta politisch als eine Patriotin. Mit offener Verachtung spricht sie
über Ibrahim Rugova, der sich “im Krieg nur um seine Familie gekümmert” habe.
Und seine Partei nennt sie die “Besserwisser-Partei”. Gelitten hätten andere –
nicht die Menschen in Prishtina, sondern die in den Dörfern. Und gekämpft
hätten ebenfalls andere – es ist klar, dass hier von der UCK die Rede ist. Und
von der massenhaften Unterstützung oder doch Resonanz, die die Guerilla 1998
und 1999 in der Provinz gefunden hat. Teuta selbst war in Sicherheit, und es
muss hier offen bleiben, woher die ressentimenthafte Schärfe und
Ungerechtigkeit ihres Verdiktes stammt – die Identifizierung mit den Opfern
beeinträchtigt ja bekanntlich fast immer das Urteilsvermögen. Jedenfalls
sympathisiert die junge Rückkehrerin entschieden mit den neuen nationalen
Parteien, die im Westen bislang bekanntlich auf Misstrauen stoßen. Die
Kommunalwahlen stehen vor der Tür (26.10.02), und Teuta wird ihre Stimme dem
Ex-UCK-Kommandanten Ramush Haradinaj und seiner AAK (Allianz für die Zukunft
von Kosova) geben. Sollte Teuta eine albanische Nationalistin sein oder werden,
dann eine, die sich gegen die Unterdrückung der albanischen Frau auflehnt –
phrasenlos, persönlich, erbittert.
Es ist ein warmer, sonniger Tag im September – dieses Jahr eher die
Ausnahme im Kosovo. Wir sitzen im Gartenrestaurant des Grand Hotels – ein
wahrer locus amoenus, einer der wenigen hier, der das unsäglich
heruntergekommene oder abgenutzte materielle Erscheinungsbild der Hauptstadt
einmal vergessen macht. 1989 war Blerte 10 Jahre alt. Die junge Dame ist eine
gute Erzählerin – sie greift immer wieder auf die Perspektive des Kindes und
der Jugendlichen zurück und setzt so die Erinnerung gegen die immer etwas
pathetische Schablone der Erinnerung. Die inoffizielle Schule war bei allem
Elan, bei allem Zusammenhalt der albanischen Gesellschaft eine arme Schule.
Blerte störte das wenig. Für sie war es einfach die Schule. Es fiel ihr nicht
weiter auf, dass die beengte Unterbringung in irgendwelchen Privathäusern nicht
normal war. Für sie war es normal. Bis dann eines Tages ein deutsches
Fernsehteam erschien und alles sorgfältig aufnahm. Auch Blerte sah sich
“interviewt”. Als es so weit war, versammelte sich die ganze Familie gespannt
vor dem Fernsehapparat. Und erst da – erst als sie die Notunterkunft ihrer
Schule in dieser Sendung dokumentiert sah und sich selbst zuhörte, sei ihr die
Mittellosigkeit und das Abnorme der ganzen Situation auf einmal bewusst
geworden. Das Fernsehen als Medium der Reflexion und Selbstwahrnehmung – da
staunt der deutsche Kulturkritiker. Später im Krieg wird Blerte diese Naivität
oder schützende Blickgebundenheit dann auch an Erwachsenen beobachten: Als die
eigene Familie mitsamt den Nachbarn in der Straße bereits mehrfach von
serbischen Soldaten vertrieben worden war – von einem Stadtteil Prishtinas zum
anderen –, begegnet sie einmal zufällig einer Verwandten, die von alledem
überhaupt noch nichts mitgekriegt hat und ganz erstaunt ist, die Kleine in dem
fremden Quartier anzutreffen. Zurzeit arbeitet Blerte als Hilfsassistentin am
Fachbereich Literaturwissenschaften der Universität. Mit dem Geld unterstützt
sie auch ihre jüngeren Geschwister – und setzt sich damit über den traurigen
Einspruch des Vaters hinweg. Aber wenn es finanziell irgendwie geht, will sie
ihr Studium wieder aufnehmen und ihren Magisterabschluss machen. Politisch
scheint die feinsinnige junge Frau sich freilich ernste Sorgen zu machen: “Es
ist diese Ungewissheit, die uns beunruhigt. Wir können nicht gegen alle
kämpfen. Wir müssen vorsichtig und geduldig sein. Die neuen politischen Größen
haben noch keineswegs bewiesen, dass sie auch Politik zu machen verstehen. Sie
gehen möglicherweise zu weit, sie riskieren zu viel. Jetzt ist ein System
aufzubauen – damit alles funktioniert.”
Schon sind wir unausweichlich mit der Frage der Methodik konfrontiert – wie
orientiere ich mich in der halbamorphen, noch kaum ausdiffenzierten politischen
Landschaft des Kosovo? Wer vertritt hier eigentlich was? Nehmen wir Ramush
Haradinaj, den Führer der drittgrößten Partei hier – bei den Kommunalwahlen im
Oktober 2000 hatte die AAK es bereits auf rund acht Prozent der Stimmen
gebracht; das Ergebnis hat sie in den Parlamentswahlen vom November 2001 halten
und in den jüngsten Kommunalwahlen sogar noch einmal leicht verbessern können.
Eine ihrer Parolen lautete: “Nicht links, nicht rechts – sondern richtig!” Die
Wähler sind jung und rekrutieren sich aus den städtischen, mobilen,
qualifizierten Schichten – eine Wählerin haben wir bereits kennen gelernt. In
Gjakova ist es der ausgezeichnete junge Übersetzer des örtlichen OSZE-Büros,
der nach drei Tagen enger Zusammenarbeit offenbart, dass er den lokalen
Vertreter der AAK wählen wird. In Prizren bekennt ein junger, höchst
aufgeschlossener Richter dem einigermaßen düpierten Besucher aus Deutschland
sogar, dass er persönlich die PDK (Demokratische Partei von Kosovo), die Partei
von Hashim Thaci, bevorzuge. Schon diese wenigen Beobachtungen lassen es kaum
angemessen erscheinen, den Wunsch nach einer umfassenden Modernisierung und
Reform des Landes einerseits und die Forderung nach nationalstaatlicher
Unabhängigkeit andererseits analytisch auseinander zu reißen. Es handelt sich
eher um ein mehrdimensionales Verlangen, um eine Doppelperspektive, und es
scheint nicht selten derselbe Mensch, der beides zugleich herbeisehnt. Künftig
wird übrigens noch eine weitere Partei versuchen, die viel umworbene dynamische
Jugend anzusprechen – die PReK (Neue Partei von Kosovo) von Bujar Bukoshi, des
früheren “Ministerpräsidenten” im Exil, die eben in diesem Moment die
politische Bühne betritt. Die harschen und abfälligen Bemerkungen des frisch
gebackenen Parteiführers über die beiden bereits recht erfolgreichen
Konkurrenten wird man kaum auf die Goldwaage legen.
Ramush
Haradinaj gilt als “charmant” – also sieht der Journalist sich vor und besinnt
sich auf seine Verstandeskälte. Es nutzt ihm wenig. Der Mann, Mitte 30,
untersetzt, eine gepflegte Erscheinung, kommt dermaßen ungezwungen und
freundlich auf den Gast zu, dass es mit der Kälte schon einmal nichts ist.
Während der Parteichef in groben Zügen und ohne erkennbare Eitelkeit seinen Weg
vom bewaffneten Kampf zur Parteipolitik skizziert, kämpft der Zuhörer gegen den
Eindruck der Glaubwürdigkeit an. Wieder vergeblich: Zwar bleibt die
Programmatik in dem etwas atemlosen Gespräch ungreifbar – es scheint um den
Aufbau einer Leistungsgesellschaft nach westlichem Muster zu gehen, wie Ramush
Haradinaj selbst sie in der Schweiz über lange Jahre kennen gelernt hat; aber
der Person nimmt man den guten Willen durchaus ab. Und das nicht erst nach der
Lektüre des Buches A Narrative about War and Freedom. Dialog with the
commander Ramush Haradinaj (1999), dem auch ausgewiesene Kenner der
albanischen und kosovarischen Zeitgeschichte wie James Pettifer oder Shkelzen
Maliqi Authentizität und Aufrichtigkeit bescheinigen. Der Bericht aus erster
Hand wäre vor allem jenen zu empfehlen, die der UCK ihren Befreiungskampf
nachträglich absprechen möchten. Der Autor dieser Texte kann kein aalglattes
Kommunikationstalent sein. Auf die jüngsten Verhaftungen von UCK-Leuten wegen
mutmaßlicher Kapitalverbrechen unmittelbar nach dem Krieg (1) und auf die
Strafanklage gegen ihn persönlich befragt, antwortet Haradinaj, er hoffe nur,
bald vor Gericht gestellt zu werden – dann sei wenigstens Schluss mit der
politischen Instrumentalisierung der Anklage im Vorfeld des Prozesses. Es kann
nicht die Aufgabe des Interviewers sein, bodenlose Sympathien zu entwickeln –
aber genau das tut er. Wenn er einen Mörder vor sich hat, dann hat er versagt.
Im Bewusstsein seines professionellen Ungenügens bittet er um die Vermittlung
eines Gesprächs mit Mahmut Bakalli, dem großen alten Mann der kosovarischen
Politik. Es ist nicht der schlechteste Einfall, die indirekte Methode
gewissermaßen – denn Bakalli ist zwar kein Mitglied der AAK, aber er
unterstützt diese Partei und arbeitet mit Ramush Haradinaj zusammen. Wer
arbeitet hier mit wem zusammen? Der hoch angesehene Exponent der alten
politischen Elite mit dem Parvenu also. Eng und in wechselseitigem Respekt,
bestätigt der alte Herr, als wir uns eine Stunde später gegenübersitzen.
Der
Grandseigneur eröffnet mit sanfter Ironie – sein Freund habe ihm soeben
telefonisch mitgeteilt, dass er einen wichtigen Gast habe, den er unter keinen
Umständen warten lassen dürfe. Es handelt sich in diesem Fall ja auch
tatsächlich nicht um einen einflussreichen Senator aus den USA oder den Rat
heischenden Botschafter eines bedeutenden europäischen Landes. Wer vermöchte
auch so über Zeitgeschichte und Politik zu sprechen wie Mahmut Bakalli, der zu
Beginn der Siebzigerjahre einmal der erste Mann im Kosovo war – der eigentliche
Architekt der Verfassung von 1974, des Besten vermutlich, das für das Kosovo
unter dem Kommunismus überhaupt herauszuholen war. Und er ist auch heute, in
seinen Siebzigern, noch politisch aktiv – und nicht nur als politischer Berater
nach innen oder als gesuchter Gewährsmann nach außen, sondern als unabhängiges
Mitglied des neu gewählten Parlaments in Prishtina. Der Weltöffentlichkeit hat
er sich zuletzt als einer der ersten Zeugen beim Milosevic-Prozess in Den Haag
in Erinnerung gebracht.
So
sind seine Ausführungen denn auch frei von Nostalgie oder gar selbstverliebter
Autobiografie. Das versunkene Jugoslawien Titos und das Kosovo der relativ
liberalen Phase nach Aleksandar Rankovic und vor Slobodan Milosevic beschwört
er in diesem Gespräch nur, um die im Westen mittlerweile ziemlich gebräuchliche
Exotisierung seines Landes zurückzuweisen: “Es verhält sich hier im Prinzip wie
überall sonst. Wie in Kroatien und in den übrigen Nachfolgestaaten Jugoslawiens
befinden wir uns auch im Kosovo in einer post-konfliktualen und nicht etwa
post-kolonialen Situation.” Soll heißen: Bitte schön, es gibt im Kosovo schon
eine moderne Zivilisation. Die Basis, die Wurzel oder Vorform der
“Zivilgesellschaft” existiert bereits. Es gab sie vor der barbarischen
Herrschaft Milosevics. Aber es gab sie auch in den Jahren des zivilen
Ungehorsams – jede Schule war damals schließlich eine “NGO”. Und es gab sie
schließlich im Kampf um die Freiheit – die internationale Gemeinschaft muss sie
nicht etwa aus dem Nichts heraus ganz neu erschaffen. Was für eine Anmaßung!
Das ist ein Ton, den man heute überall im gebildeten albanischen Kosovo
vernehmen oder doch heraushören kann. Auf den Eliten scheint die Last einer
Herabsetzung oder Entwürdigung zu liegen. Es wäre eine Entwürdigung durch eine
verfehlte, ahistorische, paternalistische Fremdwahrnehmung. Man verbietet es
sich, darüber zu klagen oder sich zu beschweren – aus Stolz, aus politischem
Pragmatismus, aus Dankbarkeit vielleicht auch. Aber das Unbehagen am
Protektorat – an einem Protektorat ohne klare zeitliche Begrenzung und ohne realistische
gesellschaftspolitische Selbstbegrenzung – ist oft genug spürbar. “Wir brauchen
nicht morgen die Unabhängigkeit, aber was wir brauchen, heute brauchen, ist ein
Signal der internationalen Gemeinschaft in diese Richtung. Es ist bislang
ausgeblieben – der Status quo ist kein Status.” Mit dem Aperçu greift Mahmut
Bakalli einen Kosovo-Report der International Crisis Group (ICG, Brüssel) vom
März dieses Jahres auf: Adressing Final Status. Das zunächst ganz
plausibel anmutende Etappenmodell der zivilen UN-Verwaltung (Unmik) und der sie
tragenden Regierungen – zuerst Aufbau und Verankerung stabiler
rechtsstaatlicher und demokratischer Institutionen, dann – erst dann Klärung
der staatlichen Zukunft des Kosovo – sieht sich hier grundsätzlich hinterfragt.
Das Argument lautet: Der politische Schwebezustand des Landes – auch die
maßgebliche und häufig im Sinne der Interessen Serbiens interpretierte
Resolution 1244 des Sicherheitsrates lässt die Frage genau genommen offen(2) –
ist selber ein erstrangiger Faktor der inneren Instabilität. Die fundamentale
Ungewissheit irritiert die Masse der Bevölkerung, die jetzt schon in mehreren
Wahlen ihre Friedfertigkeit und ihren Wunsch nach Normalität bewiesen hat. Die
Verschleppung der Kosovo-Frage heizt die Befürchtungen der einen (der
albanischen) und die Hoffnungen der anderen (der serbischen) Seite an und hält
so die feindlichen Extremismen am Kochen – von der Abschreckung potenzieller
Investoren ganz zu schweigen. Bakalli macht sich ausdrücklich die demgegenüber
hier vorgeschlagene “conditional independence” zu Eigen – statt des
augenscheinlich kontraproduktiven und möglicherweise nicht einmal wirklich
ernst gemeinten Nacheinanders ab sofort ein Nebeneinander von Staatenbildung
und Demokratieaufbau. Das ist es, was er mit seiner behutsamen Formulierung vom
bislang verweigerten “Signal” meint: Die USA und Europa geben die Linie der
Nichtbehandlung oder Tabuisierung der Kosovo-Frage auf und finden – gegen die
illegitimen Ansprüche des serbischen Staates und gegen die leeren Ambitionen
Russlands auf dem Balkan – zu ihrer friedenspolitischen Verantwortung zurück.
In
diesem großen Kontext ist wohl auch die praktische Option für Ramush Haradinaj
und seine AAK zu sehen. Es kann auf keine Kraft verzichtet werden. Das Land
braucht politische Pluralität. Die Epoche der Einparteienherrschaft ist
unwiderruflich untergegangen – ein Jahrhundert ist abgewählt worden. Mahmut
Bakalli, der mächtige Kommunist von gestern, scheint es diesen noch unreifen
neuen Kräften eher als der etablierten LDK (Demokratischen Liga des Kosovo) und
ihrem verbrauchten, unübersehbar in Untätigkeit erstarrten Führer Ibrahim
Rugova zuzutrauen, dass sie die jüngeren Generationen politisch erreichen und
einbinden. Es ist eine gewagte Prognose, und soeben hat die Mehrheitspartei
ihre Führungsposition erneut bekräftigt – vor allem in Prishtina selbst. Es ist
kaum überzeugend, wenn der alte Stratege dieses nur langsam abbröckelnde
Beharrungsvermögen auf die politisch-psychologische “Trägheit” (“Inertia”) des
Volkes zurückführt. Der Taxifahrer, Mitte 50, der mich zwei Wochen später von
Gjakova nach Prizren bringen wird, scheint jedenfalls kein Fall von geistiger
Unbeweglichkeit zu sein. Ein Sprachproblem gibt es diesmal nicht, der Mann hat
zwanzig Jahre in der Schweiz gearbeitet. Unterwegs weist er seinen Kunden auf
die Orte der Massaker hin, an denen wir vorbeikommen. Er nennt jeweils die Zahl
der Ermordeten – in einem Haus waren es sieben Männer, übrig geblieben ist nur
eine Frau. Er erzählt von seiner Flucht nach Albanien während der
NATO-Bombardements. Über Politik reden wir kaum, aber auf seine Präferenz in
den bevorstehenden Wahlen angesprochen, erklärt er sich nachdrücklich für
Rugova. Man kann es freilich auch andersherum betrachten: Immerhin gewinnen die
beiden aus der UCK hervorgegangenen Parteien zusammengenommen regelmäßig mehr
als ein Drittel der Stimmen. Und das Kräfteverhältnis verschiebt sich mit jeder
Wahl ein bisschen mehr zu ihren Gunsten.
Auf der Fahrt mit dem Bus von Prishtina nach Mitrovica, dem
eigentlichen politischen Brennpunkt des Kosovo, sieht man zahllose noch
unverputzte neue Häuser. Hier hat also die serbische Soldateska gewütet. Ein
Meiler in der Ferne, schwärzliche Mauerreste – kaum mehr auszumachen im
versteppten Umland –, muss schon vor langer Zeit von seinen Bewohnern verlassen
worden sein. “Nein, 1999. Es war eine Katastrophe”, korrigiert lakonisch der
Sitznachbar, ein Chemiestudent, der aus der Region stammt. In dem von
geschäftlicher Betriebsamkeit aus den Nähten platzenden Mitrovica selbst kommt
der Neuankömmling auf eigene Faust noch bis zum Fluss Ibar und zu der
inzwischen weltbekannten Brücke, die die Stadt in eine albanische und serbische
Hälfte teilt. Dort aber – wo die schweren Autos und die Uniformierten der
internationalen Gemeinschaft sich fast schon so imposant massieren wie in
Prishtina-City selbst – begibt er sich schnurstracks in die Obhut eines
hochrangigen Polizeibeamten aus Deutschland und bekommt so den serbischen Teil
der Stadt nur von einem dieser gediegenen weißen UN-Wagen aus zu sehen –
einschließlich des Cafés “Dolce Vita”, in dessen Nähe er sogar ein paar von den
berüchtigten “Wächtern der Brücke” erkennen zu können meint. Immerhin lässt
sich auch bei dieser Variante von Sightseeing nicht übersehen, dass der Norden
im Vergleich mit dem Süden und seinem schwunghaften Handel wie tot wirkt. Der
Begleiter weist im Vorbeifahren auf die armseligen, an sozialistische Zeiten
gemahnenden Schaufensterauslagen hin – die Internationalen geben ihr Geld eben
im Süden aus, nicht im feindseligen Norden.
“Als
Polizist verliert man hier jeden Tag sein Gesicht.” Lässt sich das bisherige
Scheitern der Unmik in Mitrovica prägnanter auf den Punkt bringen als in diesem
Bonmot? Die Bitterkeit ist verständlich – es ist in der Tat ein unhaltbarer und
paradoxer Zustand: Die Beamten der Internationalen Polizei haben ihren Dienst
jeden Tag auch im serbischen Teil und in der ganzen rein serbisch besiedelten
Region bis an die serbische Grenze zu tun – aber die politische Macht liegt
nach wie vor in Belgrad. Die serbische Polizei in Mitrovica, das dortige
Krankenhaus, das örtliche Wasserwerk, alle kommunalen Institutionen werden von
den zuständigen Ministerien in Belgrad finanziert – mit Mitteln der
internationalen Gemeinschaft. Sogar das Telekommunikationsnetz ist mittlerweile
unter serbischer Kontrolle. (Vgl. ICG: Unmik’s Kosovo Albatross: Tackling
Division in Mitrovica, 3.6.02) Immerhin, und das soll hier nicht unterschlagen
werden, wird man demnächst die ersten zwanzig kosovarischen Serben in die gemischte
Polizeitruppe eingliedern. Es ist ein Versuch. Was die hier stationierte
französische KFOR-Truppe angeht, so wird man freilich kaum von Inkonsequenz
oder Zurückweichen oder Versagen sprechen können. Wo denn bei dem schweren
Anschlag vom 8.4. dieses Jahres, bei dem 26 Beamte der Internationalen Polizei
verwundet worden sind – vier von ihnen schwer –, die KFOR gewesen sei? Der
deutsche Polizeikommandant zögert einen Moment, aber dann kommt es: “Sie haben
weggesehen. Sie verweigern uns einfach die Unterstützung. Als wir sie später
eingefordert haben, hat man uns gesagt, wir sollten das nächste Mal einen
Antrag auf militärischen Beistand stellen.” Da staunt der Laie: Einen Antrag
beim Anschlag? Die Vorgänge in Mitrovica werden im ganzen Land mit Geringschätzung
und wachsendem Misstrauen verfolgt: Zeichnet sich da etwa die Teilung des
Kosovo ab – vorangetrieben in schöner serbisch-französischer Komplizenschaft?
Und was stellt diese UN-Verwaltung überhaupt vor, die sich den Albanern
gegenüber so herrscherlich und missionarisch gebärdet, in Mitrovica aber nicht
einmal ihre elementarsten Hausaufgaben zu erledigen weiß?
Aber
es gibt da noch eine andere Dimension – und sie birgt vielleicht am meisten
Störpotenzial und politisches Gift. Es ist kaum ein Zufall, dass sie am
freimütigsten in Gjakova angesprochen wird, dem alten, stolzen Zentrum des
albanischen Nationalgedankens im Kosovo und der im Krieg von 1999 wohl am
furchtbarsten heimgesuchten Stadt im ganzen Land. Es ist auch nicht
irgendjemand, der es tut – es ist Mazllom Kumnova, der erste Bürgermeister nach
Kriegsende, hoch angesehen wegen seines selbstlosen Einsatzes für die
geschundene Kommune, heute Spitzenkandidat der AAK in der Stadt. Auf die Frage
nach den Existenzbedingungen der serbischen Enklaven im Kosovo hält er dem
Besucher zornig entgegen: “Wir sind es nicht, die die Enklaven geschaffen
haben. Und sehen Sie, wenn ich nach Nord-Mitrovica fahren will, dann muss ich
mich von der KFOR eskortieren lassen – in meinem eigenen Land! Das ist die
Freizügigkeit im Kosovo!” Der Zorn ist gewiss nachvollziehbar, aber es kommt
hier doch auch eine gewisse Verhärtung zum Vorschein – so etwas wie die
Verweigerung von Vorstellungskraft und Fairness. Vielleicht ist es generell
noch zu früh für eine gelöstere Haltung. Aber die Unmik mit ihrer doppelten
Moral, mit ihren zwei Gesichtern der Erziehungsdiktatur und des Papiertigers
trägt gewiss wenig oder nichts dazu bei, dass sich die albanische Seite langsam
auf die Großzügigkeit des Siegers besänne.
Gracanica, fünfzehn Taxi-Minuten südöstlich von Prishtina, ist eine Enklave ganz
anderer Art – kein Überbleibsel der zerschlagenen Gewaltherrschaft, kein
Brückenkopf eines fremden und verhassten Staates, der zu allem Überfluss auch
noch behauptet, er sei der eigene. Gracanica ist einfach ein serbisches Dorf,
das nur existieren kann, wenn die albanische Umgebung es als Teil ihrer
Normalität akzeptiert. Im Blue Guide Albania & Kosovo von 2001
(James Pettifer) heißt es noch, man müsse sich den Soldaten der KFOR gegenüber
ausweisen, wenn man die wundervolle Kirche aus dem 14. Jahrhundert besichtigen
wolle. Inzwischen sind die Wachen abgezogen, und der Tourist kann den stillen
Bezirk von Kirche und Kloster ohne alle Kontrolle betreten – egal von welcher
Seite er kommt. Nur noch im Zentrum befindet sich ein Posten der – schwedischen
– KFOR-Truppe. Es ist kein Vergleich zur Situation in Decani und Peja
(serbisch: Pec), wo es für die Kirchen und Klöster nach wie vor strenge
Schutzmaßnahmen durch die italienische KFOR gibt; ganz zu schweigen von
Prizren, wo die Deutschen die orthodoxen Kirchen geradezu hermetisch abriegeln
und überhaupt niemand durchlassen – es sei denn, er habe sich rechtzeitig beim
Kommandanten im Militärlager einen persönlichen Berechtigungsschein verschafft.
Wenn man Gracanica, einen gepflegt wirkenden Ort mit zahlreichen üppigen Gärten
durchwandert, nimmt man nichts Auffälliges wahr – höchstens winzige Zeichen des
Trotzes: eine vereinzelte serbische Fahne auf einem Haus; zehn Dinar als
Wechselgeld beim Kauf von Bananen. Vor nicht allzu langer Zeit soll hier ein
albanischer Bus mit Steinen beworfen worden sein.
Durch
Vermittlung eines hilfsbereiten Beamten im “Deutschen Verbindungsbüro”, der
Vertretung des Auswärtigen Amtes in Prishtina, kommt das Unwahrscheinliche zu
Stande: ein Termin bei Rada Trajkovic, Führerin von “Povratak” (Rückkehr), der
wichtigsten Organisation serbischer Bürger im Kosovo, und Repräsentantin der
serbischen Minderheit im Parlament von Prishtina. Frau Trajkovic wohnt in
Gracanica, und das Gespräch soll im Kloster stattfinden, wo auch ein
weltläufiger junger Mönch als Übersetzer zur Verfügung steht. Es will in der
spirituellen Atmosphäre schon Stimmung aufkommen – aber die Politikerin, die an
diesem Tag in Belgrad war, dirigiert uns in ihr Haus am Rand des Dorfes um, das
wir mit Hilfe eines kleinen Jungen schließlich auch finden. Rada Trajkovic,
Mitte 50, muss einen stressigen Arbeitstag hinter sich haben, aber sie ist eine
serbische Lady und empfängt uns mit der entsprechenden Grandezza und Gastlichkeit.
Die Unterhaltung hält sich freilich strikt an die landesübliche Interviewform:
kurze Frage – längerer Vortrag, kurze Frage – längerer Vortrag ... Auf die
Eingangsfrage, wie sie überhaupt zu ihrem politischen Engagement gekommen sei,
projiziert Rada Trajkovic die heute tatsächlich prekäre Lage der serbischen
Minderheit im Kosovo unverfroren in die Vergangenheit zurück: Schon als
Gymnasiastin, später dann als Medizinstudentin der Universität Prishtina,
schließlich auch als Ärztin am dortigen Krankenhaus habe sie sich gegen die
systematische Unterprivilegierung und Entrechtung der Serben hier gewandt –
gegen den Widerstand ihrer Familie übrigens. Es ist eine Konserve mit der
Propaganda von gestern, die sie da aufmacht – wie einer ihrer ehemaligen
albanischen Kollegen am Krankenhaus sich erinnert, hat sie sich dort in den
späten Achtzigerjahren jedenfalls als Scharfmacherin auf der Seite der Macht
aufgeführt. Erst im weiteren Gespräch wird der Abstand dieser Politikerin von
den Hardlinern in Nord-Mitrovica erkennbar. “In diesem Land haben sich nie alle
gleichzeitig sicher fühlen können. Wenn die Serben sicher waren, waren es die
Albaner nicht – und umgekehrt.” Das ist gewiss nicht die geschichtliche
Wahrheit, reflektiert aber doch immerhin so etwas wie ein Zurückrudern. Wie
nicht anders zu erwarten und wie sie es auch bereits bei einer Anhörung vor der
US-amerikanischen “Helsinki Commission on Ethnic Harmony in Kosovo” im Juni
dieses Jahres getan hat, fordert Rada Trajkovic eine umfassende Säuberung der
kosovo-albanischen Institutionen von Kriegsverbrechern – die albanischen seien
ebenso nach Den Haag zu überstellen wie die serbischen. Das ist im Prinzip
schon richtig – nur dient die Forderung hier wieder einmal dazu, den
politischen Gegensatz von Tätern und Opfern in der ganz anders gelagerten Frage
nach der strafrechtlichen Schuld verschwinden zu lassen. Entschieden
überzeugender wirkt Rada Trajkovic, als sie plötzlich das “Schweigen der
gesamten albanischen Öffentlichkeit” gegenüber den realen Problemen und Ängsten
der im Lande verbliebenen Serben angreift. Der Fremde kann kaum nachprüfen, ob
es faktisch stimmt – es passt aber zu seinen Gesprächseindrücken. Und es ist
das erste Mal an diesem Abend, dass die Frau nicht strategisch überlegt und in
Stereotypen spricht, sondern spontan und aus ihrer persönlichen Wahrnehmung
heraus. Dass jenes “Schweigen” wiederum etwas mit der stummen, verstockten
Verweigerungshaltung der kosovarischen Serben selbst zu tun haben könnte,
scheint sie allerdings nicht begreifen zu wollen. Dazu steckt sie zu tief im
gängigen Opfermythos, der diese Wechselbezüge verdunkelt. Ob es da nicht, bei
Licht betrachtet, zwei miteinander unvereinbare serbische Kosovo-Politiken gebe
– die von Rada Trajkovic nämlich, die für die hier lebenden Serben und ihre
Gleichberechtigung als Bürger des Kosovo kämpfe, und die in Belgrad betriebene,
der es allein um den territorialen Anspruch des serbischen Staates auf das
Kosovo gehe – ohne Rücksicht auf die dortige Minderheit, die nur
instrumentalisiert werde? Es ist eine provozierende Frage, aber Rada Trajkovic
reagiert überraschend nachdenklich: “Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.
Ich habe gar keine andere Wahl, als eng mit Belgrad zusammenzuarbeiten. Schon
finanziell gesehen nicht – ohne Unterstützung aus Belgrad brächte ich hier
keine einzige größere Veranstaltung zu Stande. Ich habe inzwischen vor dieser
Abhängigkeit kapituliert.” Sie sagt tatsächlich “kapituliert” – das ist
bemerkenswert freimütig und souverän. Ein Mann in vergleichbarer Position würde
sich schwerlich so in die Karten blicken lassen. Aber eine Anerkennung der
neuen Situation ist es nicht. Begreift Rada Trajkovic überhaupt, dass das
Kosovo für Serbien definitiv verloren ist? Es ist zu bezweifeln. Sie deutet es
jedenfalls mit keinem Wort an.
Als
wir ins Dorf zurückgehen, ist es schon dunkel. Wir sind dem Zugriff der
politischen Rhetorik entronnen. Der junge Geistliche – er ist erst kürzlich aus
Novi Pazar im serbischen Sandzak nach Gracanica gekommen, um dem neuen Bischof
zu assistieren – beginnt leise und tastend über die Situation hier zu sprechen.
Die Existenz der Serben sei wirklich bedroht. Auch die der Kirche, und “wenn
wir gehen müssen, verliert das Volk seinen Halt”. Er macht die “Extremisten auf
beiden Seiten” dafür verantwortlich. “Nicht einmal die NATO-Bombardements haben
unser Volk zur Umkehr bewegen können.” Den Premier der gegenwärtigen Regierung
von Serbien hält er an sich für einen sehr fähigen Politiker und unterstützt
offenbar seine Reformpolitik – “aber wie denkt Zoran Djindjic über das Kosovo?”
Der Hotelangestellte öffnet das Fenster: “Markttag!” Unmittelbar an
der Hinterfront des “Pashtriku” und an dem kleinen Fluss Drina breitet sich der
Wochenmarkt von Gjakova aus. Es sind die Bauern der Umgebung – bis hin nach
Peja nicht weit von der Grenze zu Montenegro –, die hier ihre Erzeugnisse
feilbieten. Der Markt mit seinen Bergen von prächtigen Feldfrüchten, lebenden
Schlachttieren, ganzen Batterien von Flaschen mit Öl, Schnaps und anderen,
unbekannten Essenzen scheint gut besucht, auch wenn der Apfelverkäufer über das
schlechte Geschäft klagt – in fließendem Deutsch übrigens, aber das ist in
diesem Land der Arbeitsemigranten und der politischen Flüchtlinge überhaupt
keine Besonderheit. Wenn man den Fluss auf der kleinen Fußgängerbrücke
überquert und sich links hält, kommt man bald in die Altstadt, wo der Tourismus
und seine unermüdliche Suche nach dem Pittoresken auch schon an ihr Ende
kommen. Es sieht hier nicht so aus, wie es nach Auskunft des bereits zitierten
Reiseführers vor zwei Jahren ausgesehen hat. Und es fehlen hier ja auch die
Ruinen der großen Gebäude aus österreichisch-ungarischer Zeit, die in Mostar
die Verwüstungen des Krieges präsent halten. Die Holzhäuser der ottomanischen
Carsija von Gjakova waren leichter wiederaufzubauen, und keine Moschee der
Stadt befindet sich in einem Zustand wie die “Rote Moschee” in Peja, die auch
von den Donatoren des Nahen Ostens aufgegeben worden zu sein scheint. Man lässt
sich gern auch von der offenkundigen Vitalität der Menschen und dem quirligen
Straßenbild täuschen. Das begierig aufgenommene Bild wieder hergestellter
Normalität ist dennoch trügerisch. Mit der Zeit entdeckt man überall in den
engen Gassen gesprengte Häuser und Trümmerfelder – die Spuren eines
systematischen Terrorkrieges der serbischen Paramilitärs gegen die
Zivilbevölkerung der in Serbien seit jeher, das heißt: das ganze 20.
Jahrhundert hindurch, als widerständisch, unregierbar, “mafios” geltenden
Stadt. Nicht zu Unrecht: Auch im Widerstand der UCK sind Stadt und Region aufs
Neue ihrem alten Ruf der Unbeugsamkeit gerecht geworden – sie gehörten zum
Operationsgebiet des Kommandanten Ramush Haradinaj.
Ein
erstes Gespräch findet in der wie durch ein Wunder intakt gebliebenen
ehrwürdigen Derwisch-Tekké des islamischen Baktashi-Ordens ganz in der Nähe des
Hotels statt. Ruzhdi Shehu, der Hausherr und Vorsteher des religiösen Zentrums,
fragt den Besucher zunächst, ob er wissen wolle, was hier geschehen sei
oder warum es geschehen sei. Da vor allem die Fakten unbekannt sind,
beginnt Ruzhdi Shehu mit großer Ruhe zu erzählen, was er selbst erlebt und mit
eigenen Augen gesehen hat. Es ist eine Geschichte von gnadenloser Verfolgung,
aber auch von dem Versuch, selbst noch in den Momenten der äußersten Bedrängnis
– mit nur noch einem verriegelten Tor zwischen sich und der mordbereiten, zum
bewaffneten Mob degenerierten Truppe – Kaltblütigkeit und Umsicht zu bewahren.
Die Tekké muss während dieser katastrophalen Wochen im Frühsommer 1999 alles in
einem sein: Informationszentrum, basisdemokratischer Beratungsraum, Gebetshaus,
Asyl, Lebensmitteldepot. Bis zu 100 Menschen halten sich zeitweise hier auf.
Immer wieder treffen Nachrichten von wahllosen Erschießungen ein, und die Opfer
sind immer Nachbarn, die man seit langem kennt. Es wird bekannt, dass man die
Frauen zwingt, ihre Männer auszuliefern. Es kommt zu großen Massakern – einmal
treibt man 400 Menschen zusammen und ermordet 165 von ihnen. Bis heute gelten
in Gjakova viele als vermisst, meist sind es junge Männer – aber vielleicht ist
es nur ein letztes, verzweifeltes Wunschdenken, das ihre nächsten Angehörigen
glauben macht, sie lebten noch irgendwo in Serbien.
Inzwischen
beteiligt sich auch Shefqet Vokshi, ein ehemaliger Geschichtslehrer, an der
Darstellung des Grauens. Er schildert seine Verhaftung und Verschleppung von
Gefängnis zu Gefängnis – schließlich, im Juli, außer Landes in das Gefängnis
von Nis. Noch im Kosovo hätten die Gefangenen einmal an einem Spalier von
spontan herbeigeeilten serbischen Frauen vorbeilaufen müssen, die alle wie wild
mit ihren Schuhen auf sie eingeschlagen hätten. Die gemeine Szene passt gut zum
Urteil des Übersetzers, dass es unter den Serben in Gjakovo – einer
verschwindenden Minderheit, 2000 bis 3000 Menschen in einer Bevölkerung von
75000 – niemand gegeben habe, der nicht auf irgendeine Weise mit dem
Milosevic-Regime zusammengearbeitet hätte. Das “Pashtriku”, das nach Auskunft
eines Kellners bis zum Krieg eine Zitadelle der Macht war, bezahlt heute die
Rechung dafür: Man kann dort gut und preiswert essen, aber die sorgfältig
gedeckten Tische bleiben meistens leer.
Wer sich ein wirklichkeitsnahes Bild von der aktuellen politischen Situation im Kosovo
machen will – jenseits der bei uns so populären Zerrbilder von dunkler Wildheit
und archaischer Rechtlosigkeit, muss nach Gjakova kommen. Deutlicher vielleicht
als anderswo kann man hier die Auseinandersetzung dieser Gesellschaft mit sich
selber wahrnehmen. Die Stadt scheint dem Land näher als das um sich selbst
kreisende Prishtina – den Dörfern, deren Schicksal sie ja auch geteilt hat. Und
jedermann scheint hier gewohnt, die Schrecken der zurückliegenden Jahre in eine
säkulare Kontinuität einzuordnen – der serbische Nationalstaat hat in dieser
Region gemordet, gebrandschatzt und “ethnisch gesäubert”, seitdem es ihn
überhaupt gibt. Der serbische Staat ist diese Gewalt – aus der Sicht der
Menschen hier stellt sie sein eigentliches, sein unveränderliches Wesen dar,
welches seiner vielen Gesichter er auch immer aufsetzen mag. Die Geschichte
scheint hier gegenwärtiger als anderswo im Kosovo, und es ist kaum vorstellbar,
dass die Bürger von Gjakova jemals etwas anderes akzeptieren werden als die
volle nationalstaatliche Unabhängigkeit. Und sie sollte nicht allzu lange auf
sich warten lassen. Auf der anderen Seite öffnet der im Gespräch immer wieder
spürbare besondere Stolz der Stadt auf ihre herausragende Rolle in der
Geschichte der albanischen Nation durchaus einen gedanklichen Spielraum für
überlegte Politik. Besonnenheit und Stolz wachsen hier auf einem Holz, um das
triviale deutsche Sprichwort abzuwandeln. Es handelt sich hier um einen alten,
vielschichtigen, kultivierten Patriotismus – er muss freilich atmen können, er
muss seinen Willen bekommen, wenn er sich denn in eine demokratische und
liberale Richtung weiterentwickeln soll.
Werden die geflohenen Serben zurückkehren können? Masar Rizvanolli, emeritierter,
aber aus Mangel an einem geeigneten Nachfolger immer noch lehrender Professor
für Geschichte an der Universität von Prishtina, antwortet auf die Frage mit
einer kleinen Geschichte: Er habe sich hier in Gjakova immer wieder dafür
ausgesprochen, dass sie zurückkehren können – auch öffentlich. Aber einmal habe
ihn eine Frau mittleren Alters, eine ganz einfache Frau vom Land, unterbrochen
und ihn, den stadtbekannten Gelehrten, vor allen Leuten aufgefordert, den Mund
zu halten. Ob er denn dafür sorgen könne, dass ihr Mann und ihre Söhne
zurückkehrten? “Und wissen Sie, was ich da getan habe? Ich habe den Mund
gehalten!” Sich selbst behelfe er da mit einem Exempel: Es sei wie mit dem
Hunger. Es gebe welche, die sich vorzustellen versuchten, was es heißt, Hunger
zu haben. Und es gebe welche, die Hunger haben.
1
Fünf der
Angeklagten haben sich inzwischen vor einem internationalen Gericht in
Prishtina für schuldig erklärt. (Deutschlandfunk, 9.11.02)
2
Text in:
Angelika Volle/Werner Weidenfeld (Hrsg.): Der Balkan zwischen Krise und
Stabilität, Bielefeld (W. Bertelsmann Verlag) 2002, Anhang.