Die Kosovo-Frage vor Ort

 

Eine Reise

 

Ernst Köhler

 

Ein wirklichkeitsnahes Bild des Kosovo bestätigt erstarrte Verhältnisse keineswegs. Auch die politische Szene hat sich mit den Kommunalwahlen vom Oktober noch einmal gewandelt. Die kosovarische UCK, bei uns oft als “Großalbaner” bezeichnet oder einfach als Banditen verschrien, hat sich längst in ein politisches Segment von mehreren politischen Parteien umgewandelt. Anziehungskraft üben sie vor allem auf die jungen, städtischen und qualifizierten Wähler aus, die für die Doppelperspektive: Moderne und Nation stehen. Unser Autor geht auch den Hindernissen nach, die die Zukunft des Kosovo so schwierig machen.

 

Sie hat soeben eine schwere Abfuhr erhalten. Die Studienplätze für das Fach Germanistik an der Universität von Prishtina sind längst vergeben. Ob sie wohl dennoch reden wolle? Sie zögert, es ist eine Zumutung, aber dann willigt sie doch ein. Teuta ist 19 Jahre alt. Vor zwei Jahren ist sie aus Neustadt an der Donau zurückgekommen, wo sie ihre Jugend verbracht hat. Als Flüchtling – aber es war die Jugend. “Neun Jahre in Deutschland. Das gehört zu meinem Leben.” Nach Kosovo zurückgekehrt ist die Familie gezwungenermaßen – oder in der Sprache der bayrischen Behörden: “freiwillig”. Sie persönlich hätte noch bleiben können, sie hätte es sich auch zugetraut – aber die Eltern wollten die 16-Jährige nicht allein zurücklassen. Sie wohnt in Podujevo nordöstlich von Prishtina – das Zimmer in Prishtina, die Finanzierung des Studiums wären ein Problem gewesen. Als sie erfährt, dass es an der Universität eine Liste von illegalen Gebühren gibt – wer einen Studienplatz in Medizin haben will, muss 500 Euro zahlen; die Beurteilung einer Prüfungsarbeit kostet 50 Euro –, überkommt sie für einen Moment der Zorn. Aber jetzt hat sie andere Sorgen. Der Ausbildungsplan ist ihr aus der Hand geschlagen worden. Sie kann nicht jahrelang warten, bis an der Universität vielleicht etwas frei wird. Was sie stattdessen machen könnte, weiß sie offenbar noch nicht.

Die Leute hier seien “verspannt”. “Hier wird sehr nervös reagiert.” Schon die Lehrer am Gymnasium in Podujevo hätten gegen Ende nur noch “Druck gemacht”. Die Lehrmethoden seien auch ganz andere als in Deutschland. Teuta spricht wohl vom landesüblichen Frontalunterricht und vom Einpauken abfragbaren Wissens – aber sie hebt einen speziellen Aspekt des hiesigen Schullebens hervor: alles gehe “viel öffentlicher” vor sich, “das Privatleben fehlt hier”. Und das bringt sie auf eine fundamentale Erfahrung ihrer sozialen Existenz als junge Frau: “Es gibt hier nicht genug Freiheit.” Wenn sie etwa mit ihren Brüdern in einem Café Billard spielen wollte, stünde sie am nächsten Tag vermutlich “auf der Titelseite der Lokalzeitung”. Sie komme mit dieser Ausgrenzung der Frau nicht klar – “seelisch” , wie sie hinzufügt. Sie sei da “zwischen zwei Stühle” gefallen – es sei ihr Land, aber es sei nicht ihre Welt. Es werde nie ihre Welt sein. Sie vermisst die Freunde und Schulkameraden in Deutschland, die “dich umfassend angesehen haben – wie ein Gehirn eben”. Sie meint wohl: ohne Dazwischenkunft des Sexismus und der Männerherrschaft, die hier die Beziehungen durchdringen, deformieren und vergiften. Nicht einmal aussprechen könne man sich darüber: “Man kann sein Leid hier nicht teilen.” Wenn man es versuche, treffe man auf eine Mauer der Verständnislosigkeit – auch in der eigenen Familie. Die Situation wäre unerträglich, gäbe es da nicht ein paar Freunde mit der gleichen Lebensgeschichte. Man unterhalte sich übrigens auf Deutsch, wenn man sich treffe.

Ungeachtet ihrer unversöhnlichen Kritik an der kosovo-albanischen Gesellschaft begreift sich Teuta politisch als eine Patriotin. Mit offener Verachtung spricht sie über Ibrahim Rugova, der sich “im Krieg nur um seine Familie gekümmert” habe. Und seine Partei nennt sie die “Besserwisser-Partei”. Gelitten hätten andere – nicht die Menschen in Prishtina, sondern die in den Dörfern. Und gekämpft hätten ebenfalls andere – es ist klar, dass hier von der UCK die Rede ist. Und von der massenhaften Unterstützung oder doch Resonanz, die die Guerilla 1998 und 1999 in der Provinz gefunden hat. Teuta selbst war in Sicherheit, und es muss hier offen bleiben, woher die ressentimenthafte Schärfe und Ungerechtigkeit ihres Verdiktes stammt – die Identifizierung mit den Opfern beeinträchtigt ja bekanntlich fast immer das Urteilsvermögen. Jedenfalls sympathisiert die junge Rückkehrerin entschieden mit den neuen nationalen Parteien, die im Westen bislang bekanntlich auf Misstrauen stoßen. Die Kommunalwahlen stehen vor der Tür (26.10.02), und Teuta wird ihre Stimme dem Ex-UCK-Kommandanten Ramush Haradinaj und seiner AAK (Allianz für die Zukunft von Kosova) geben. Sollte Teuta eine albanische Nationalistin sein oder werden, dann eine, die sich gegen die Unterdrückung der albanischen Frau auflehnt – phrasenlos, persönlich, erbittert.

 

Es ist ein warmer, sonniger Tag im September – dieses Jahr eher die Ausnahme im Kosovo. Wir sitzen im Gartenrestaurant des Grand Hotels – ein wahrer locus amoenus, einer der wenigen hier, der das unsäglich heruntergekommene oder abgenutzte materielle Erscheinungsbild der Hauptstadt einmal vergessen macht. 1989 war Blerte 10 Jahre alt. Die junge Dame ist eine gute Erzählerin – sie greift immer wieder auf die Perspektive des Kindes und der Jugendlichen zurück und setzt so die Erinnerung gegen die immer etwas pathetische Schablone der Erinnerung. Die inoffizielle Schule war bei allem Elan, bei allem Zusammenhalt der albanischen Gesellschaft eine arme Schule. Blerte störte das wenig. Für sie war es einfach die Schule. Es fiel ihr nicht weiter auf, dass die beengte Unterbringung in irgendwelchen Privathäusern nicht normal war. Für sie war es normal. Bis dann eines Tages ein deutsches Fernsehteam erschien und alles sorgfältig aufnahm. Auch Blerte sah sich “interviewt”. Als es so weit war, versammelte sich die ganze Familie gespannt vor dem Fernsehapparat. Und erst da – erst als sie die Notunterkunft ihrer Schule in dieser Sendung dokumentiert sah und sich selbst zuhörte, sei ihr die Mittellosigkeit und das Abnorme der ganzen Situation auf einmal bewusst geworden. Das Fernsehen als Medium der Reflexion und Selbstwahrnehmung – da staunt der deutsche Kulturkritiker. Später im Krieg wird Blerte diese Naivität oder schützende Blickgebundenheit dann auch an Erwachsenen beobachten: Als die eigene Familie mitsamt den Nachbarn in der Straße bereits mehrfach von serbischen Soldaten vertrieben worden war – von einem Stadtteil Prishtinas zum anderen –, begegnet sie einmal zufällig einer Verwandten, die von alledem überhaupt noch nichts mitgekriegt hat und ganz erstaunt ist, die Kleine in dem fremden Quartier anzutreffen. Zurzeit arbeitet Blerte als Hilfsassistentin am Fachbereich Literaturwissenschaften der Universität. Mit dem Geld unterstützt sie auch ihre jüngeren Geschwister – und setzt sich damit über den traurigen Einspruch des Vaters hinweg. Aber wenn es finanziell irgendwie geht, will sie ihr Studium wieder aufnehmen und ihren Magisterabschluss machen. Politisch scheint die feinsinnige junge Frau sich freilich ernste Sorgen zu machen: “Es ist diese Ungewissheit, die uns beunruhigt. Wir können nicht gegen alle kämpfen. Wir müssen vorsichtig und geduldig sein. Die neuen politischen Größen haben noch keineswegs bewiesen, dass sie auch Politik zu machen verstehen. Sie gehen möglicherweise zu weit, sie riskieren zu viel. Jetzt ist ein System aufzubauen – damit alles funktioniert.”

 

Schon sind wir unausweichlich mit der Frage der Methodik konfrontiert – wie orientiere ich mich in der halbamorphen, noch kaum ausdiffenzierten politischen Landschaft des Kosovo? Wer vertritt hier eigentlich was? Nehmen wir Ramush Haradinaj, den Führer der drittgrößten Partei hier – bei den Kommunalwahlen im Oktober 2000 hatte die AAK es bereits auf rund acht Prozent der Stimmen gebracht; das Ergebnis hat sie in den Parlamentswahlen vom November 2001 halten und in den jüngsten Kommunalwahlen sogar noch einmal leicht verbessern können. Eine ihrer Parolen lautete: “Nicht links, nicht rechts – sondern richtig!” Die Wähler sind jung und rekrutieren sich aus den städtischen, mobilen, qualifizierten Schichten – eine Wählerin haben wir bereits kennen gelernt. In Gjakova ist es der ausgezeichnete junge Übersetzer des örtlichen OSZE-Büros, der nach drei Tagen enger Zusammenarbeit offenbart, dass er den lokalen Vertreter der AAK wählen wird. In Prizren bekennt ein junger, höchst aufgeschlossener Richter dem einigermaßen düpierten Besucher aus Deutschland sogar, dass er persönlich die PDK (Demokratische Partei von Kosovo), die Partei von Hashim Thaci, bevorzuge. Schon diese wenigen Beobachtungen lassen es kaum angemessen erscheinen, den Wunsch nach einer umfassenden Modernisierung und Reform des Landes einerseits und die Forderung nach nationalstaatlicher Unabhängigkeit andererseits analytisch auseinander zu reißen. Es handelt sich eher um ein mehrdimensionales Verlangen, um eine Doppelperspektive, und es scheint nicht selten derselbe Mensch, der beides zugleich herbeisehnt. Künftig wird übrigens noch eine weitere Partei versuchen, die viel umworbene dynamische Jugend anzusprechen – die PReK (Neue Partei von Kosovo) von Bujar Bukoshi, des früheren “Ministerpräsidenten” im Exil, die eben in diesem Moment die politische Bühne betritt. Die harschen und abfälligen Bemerkungen des frisch gebackenen Parteiführers über die beiden bereits recht erfolgreichen Konkurrenten wird man kaum auf die Goldwaage legen.

Ramush Haradinaj gilt als “charmant” – also sieht der Journalist sich vor und besinnt sich auf seine Verstandeskälte. Es nutzt ihm wenig. Der Mann, Mitte 30, untersetzt, eine gepflegte Erscheinung, kommt dermaßen ungezwungen und freundlich auf den Gast zu, dass es mit der Kälte schon einmal nichts ist. Während der Parteichef in groben Zügen und ohne erkennbare Eitelkeit seinen Weg vom bewaffneten Kampf zur Parteipolitik skizziert, kämpft der Zuhörer gegen den Eindruck der Glaubwürdigkeit an. Wieder vergeblich: Zwar bleibt die Programmatik in dem etwas atemlosen Gespräch ungreifbar – es scheint um den Aufbau einer Leistungsgesellschaft nach westlichem Muster zu gehen, wie Ramush Haradinaj selbst sie in der Schweiz über lange Jahre kennen gelernt hat; aber der Person nimmt man den guten Willen durchaus ab. Und das nicht erst nach der Lektüre des Buches A Narrative about War and Freedom. Dialog with the commander Ramush Haradinaj (1999), dem auch ausgewiesene Kenner der albanischen und kosovarischen Zeitgeschichte wie James Pettifer oder Shkelzen Maliqi Authentizität und Aufrichtigkeit bescheinigen. Der Bericht aus erster Hand wäre vor allem jenen zu empfehlen, die der UCK ihren Befreiungskampf nachträglich absprechen möchten. Der Autor dieser Texte kann kein aalglattes Kommunikationstalent sein. Auf die jüngsten Verhaftungen von UCK-Leuten wegen mutmaßlicher Kapitalverbrechen unmittelbar nach dem Krieg (1) und auf die Strafanklage gegen ihn persönlich befragt, antwortet Haradinaj, er hoffe nur, bald vor Gericht gestellt zu werden – dann sei wenigstens Schluss mit der politischen Instrumentalisierung der Anklage im Vorfeld des Prozesses. Es kann nicht die Aufgabe des Interviewers sein, bodenlose Sympathien zu entwickeln – aber genau das tut er. Wenn er einen Mörder vor sich hat, dann hat er versagt. Im Bewusstsein seines professionellen Ungenügens bittet er um die Vermittlung eines Gesprächs mit Mahmut Bakalli, dem großen alten Mann der kosovarischen Politik. Es ist nicht der schlechteste Einfall, die indirekte Methode gewissermaßen – denn Bakalli ist zwar kein Mitglied der AAK, aber er unterstützt diese Partei und arbeitet mit Ramush Haradinaj zusammen. Wer arbeitet hier mit wem zusammen? Der hoch angesehene Exponent der alten politischen Elite mit dem Parvenu also. Eng und in wechselseitigem Respekt, bestätigt der alte Herr, als wir uns eine Stunde später gegenübersitzen.

 

Der Grandseigneur eröffnet mit sanfter Ironie – sein Freund habe ihm soeben telefonisch mitgeteilt, dass er einen wichtigen Gast habe, den er unter keinen Umständen warten lassen dürfe. Es handelt sich in diesem Fall ja auch tatsächlich nicht um einen einflussreichen Senator aus den USA oder den Rat heischenden Botschafter eines bedeutenden europäischen Landes. Wer vermöchte auch so über Zeitgeschichte und Politik zu sprechen wie Mahmut Bakalli, der zu Beginn der Siebzigerjahre einmal der erste Mann im Kosovo war – der eigentliche Architekt der Verfassung von 1974, des Besten vermutlich, das für das Kosovo unter dem Kommunismus überhaupt herauszuholen war. Und er ist auch heute, in seinen Siebzigern, noch politisch aktiv – und nicht nur als politischer Berater nach innen oder als gesuchter Gewährsmann nach außen, sondern als unabhängiges Mitglied des neu gewählten Parlaments in Prishtina. Der Weltöffentlichkeit hat er sich zuletzt als einer der ersten Zeugen beim Milosevic-Prozess in Den Haag in Erinnerung gebracht.

So sind seine Ausführungen denn auch frei von Nostalgie oder gar selbstverliebter Autobiografie. Das versunkene Jugoslawien Titos und das Kosovo der relativ liberalen Phase nach Aleksandar Rankovic und vor Slobodan Milosevic beschwört er in diesem Gespräch nur, um die im Westen mittlerweile ziemlich gebräuchliche Exotisierung seines Landes zurückzuweisen: “Es verhält sich hier im Prinzip wie überall sonst. Wie in Kroatien und in den übrigen Nachfolgestaaten Jugoslawiens befinden wir uns auch im Kosovo in einer post-konfliktualen und nicht etwa post-kolonialen Situation.” Soll heißen: Bitte schön, es gibt im Kosovo schon eine moderne Zivilisation. Die Basis, die Wurzel oder Vorform der “Zivilgesellschaft” existiert bereits. Es gab sie vor der barbarischen Herrschaft Milosevics. Aber es gab sie auch in den Jahren des zivilen Ungehorsams – jede Schule war damals schließlich eine “NGO”. Und es gab sie schließlich im Kampf um die Freiheit – die internationale Gemeinschaft muss sie nicht etwa aus dem Nichts heraus ganz neu erschaffen. Was für eine Anmaßung! Das ist ein Ton, den man heute überall im gebildeten albanischen Kosovo vernehmen oder doch heraushören kann. Auf den Eliten scheint die Last einer Herabsetzung oder Entwürdigung zu liegen. Es wäre eine Entwürdigung durch eine verfehlte, ahistorische, paternalistische Fremdwahrnehmung. Man verbietet es sich, darüber zu klagen oder sich zu beschweren – aus Stolz, aus politischem Pragmatismus, aus Dankbarkeit vielleicht auch. Aber das Unbehagen am Protektorat – an einem Protektorat ohne klare zeitliche Begrenzung und ohne realistische gesellschaftspolitische Selbstbegrenzung – ist oft genug spürbar. “Wir brauchen nicht morgen die Unabhängigkeit, aber was wir brauchen, heute brauchen, ist ein Signal der internationalen Gemeinschaft in diese Richtung. Es ist bislang ausgeblieben – der Status quo ist kein Status.” Mit dem Aperçu greift Mahmut Bakalli einen Kosovo-Report der International Crisis Group (ICG, Brüssel) vom März dieses Jahres auf: Adressing Final Status. Das zunächst ganz plausibel anmutende Etappenmodell der zivilen UN-Verwaltung (Unmik) und der sie tragenden Regierungen – zuerst Aufbau und Verankerung stabiler rechtsstaatlicher und demokratischer Institutionen, dann – erst dann Klärung der staatlichen Zukunft des Kosovo – sieht sich hier grundsätzlich hinterfragt. Das Argument lautet: Der politische Schwebezustand des Landes – auch die maßgebliche und häufig im Sinne der Interessen Serbiens interpretierte Resolution 1244 des Sicherheitsrates lässt die Frage genau genommen offen(2) – ist selber ein erstrangiger Faktor der inneren Instabilität. Die fundamentale Ungewissheit irritiert die Masse der Bevölkerung, die jetzt schon in mehreren Wahlen ihre Friedfertigkeit und ihren Wunsch nach Normalität bewiesen hat. Die Verschleppung der Kosovo-Frage heizt die Befürchtungen der einen (der albanischen) und die Hoffnungen der anderen (der serbischen) Seite an und hält so die feindlichen Extremismen am Kochen – von der Abschreckung potenzieller Investoren ganz zu schweigen. Bakalli macht sich ausdrücklich die demgegenüber hier vorgeschlagene “conditional independence” zu Eigen – statt des augenscheinlich kontraproduktiven und möglicherweise nicht einmal wirklich ernst gemeinten Nacheinanders ab sofort ein Nebeneinander von Staatenbildung und Demokratieaufbau. Das ist es, was er mit seiner behutsamen Formulierung vom bislang verweigerten “Signal” meint: Die USA und Europa geben die Linie der Nichtbehandlung oder Tabuisierung der Kosovo-Frage auf und finden – gegen die illegitimen Ansprüche des serbischen Staates und gegen die leeren Ambitionen Russlands auf dem Balkan – zu ihrer friedenspolitischen Verantwortung zurück.

In diesem großen Kontext ist wohl auch die praktische Option für Ramush Haradinaj und seine AAK zu sehen. Es kann auf keine Kraft verzichtet werden. Das Land braucht politische Pluralität. Die Epoche der Einparteienherrschaft ist unwiderruflich untergegangen – ein Jahrhundert ist abgewählt worden. Mahmut Bakalli, der mächtige Kommunist von gestern, scheint es diesen noch unreifen neuen Kräften eher als der etablierten LDK (Demokratischen Liga des Kosovo) und ihrem verbrauchten, unübersehbar in Untätigkeit erstarrten Führer Ibrahim Rugova zuzutrauen, dass sie die jüngeren Generationen politisch erreichen und einbinden. Es ist eine gewagte Prognose, und soeben hat die Mehrheitspartei ihre Führungsposition erneut bekräftigt – vor allem in Prishtina selbst. Es ist kaum überzeugend, wenn der alte Stratege dieses nur langsam abbröckelnde Beharrungsvermögen auf die politisch-psychologische “Trägheit” (“Inertia”) des Volkes zurückführt. Der Taxifahrer, Mitte 50, der mich zwei Wochen später von Gjakova nach Prizren bringen wird, scheint jedenfalls kein Fall von geistiger Unbeweglichkeit zu sein. Ein Sprachproblem gibt es diesmal nicht, der Mann hat zwanzig Jahre in der Schweiz gearbeitet. Unterwegs weist er seinen Kunden auf die Orte der Massaker hin, an denen wir vorbeikommen. Er nennt jeweils die Zahl der Ermordeten – in einem Haus waren es sieben Männer, übrig geblieben ist nur eine Frau. Er erzählt von seiner Flucht nach Albanien während der NATO-Bombardements. Über Politik reden wir kaum, aber auf seine Präferenz in den bevorstehenden Wahlen angesprochen, erklärt er sich nachdrücklich für Rugova. Man kann es freilich auch andersherum betrachten: Immerhin gewinnen die beiden aus der UCK hervorgegangenen Parteien zusammengenommen regelmäßig mehr als ein Drittel der Stimmen. Und das Kräfteverhältnis verschiebt sich mit jeder Wahl ein bisschen mehr zu ihren Gunsten.

 

Auf der Fahrt mit dem Bus von Prishtina nach Mitrovica, dem eigentlichen politischen Brennpunkt des Kosovo, sieht man zahllose noch unverputzte neue Häuser. Hier hat also die serbische Soldateska gewütet. Ein Meiler in der Ferne, schwärzliche Mauerreste – kaum mehr auszumachen im versteppten Umland –, muss schon vor langer Zeit von seinen Bewohnern verlassen worden sein. “Nein, 1999. Es war eine Katastrophe”, korrigiert lakonisch der Sitznachbar, ein Chemiestudent, der aus der Region stammt. In dem von geschäftlicher Betriebsamkeit aus den Nähten platzenden Mitrovica selbst kommt der Neuankömmling auf eigene Faust noch bis zum Fluss Ibar und zu der inzwischen weltbekannten Brücke, die die Stadt in eine albanische und serbische Hälfte teilt. Dort aber – wo die schweren Autos und die Uniformierten der internationalen Gemeinschaft sich fast schon so imposant massieren wie in Prishtina-City selbst – begibt er sich schnurstracks in die Obhut eines hochrangigen Polizeibeamten aus Deutschland und bekommt so den serbischen Teil der Stadt nur von einem dieser gediegenen weißen UN-Wagen aus zu sehen – einschließlich des Cafés “Dolce Vita”, in dessen Nähe er sogar ein paar von den berüchtigten “Wächtern der Brücke” erkennen zu können meint. Immerhin lässt sich auch bei dieser Variante von Sightseeing nicht übersehen, dass der Norden im Vergleich mit dem Süden und seinem schwunghaften Handel wie tot wirkt. Der Begleiter weist im Vorbeifahren auf die armseligen, an sozialistische Zeiten gemahnenden Schaufensterauslagen hin – die Internationalen geben ihr Geld eben im Süden aus, nicht im feindseligen Norden.

“Als Polizist verliert man hier jeden Tag sein Gesicht.” Lässt sich das bisherige Scheitern der Unmik in Mitrovica prägnanter auf den Punkt bringen als in diesem Bonmot? Die Bitterkeit ist verständlich – es ist in der Tat ein unhaltbarer und paradoxer Zustand: Die Beamten der Internationalen Polizei haben ihren Dienst jeden Tag auch im serbischen Teil und in der ganzen rein serbisch besiedelten Region bis an die serbische Grenze zu tun – aber die politische Macht liegt nach wie vor in Belgrad. Die serbische Polizei in Mitrovica, das dortige Krankenhaus, das örtliche Wasserwerk, alle kommunalen Institutionen werden von den zuständigen Ministerien in Belgrad finanziert – mit Mitteln der internationalen Gemeinschaft. Sogar das Telekommunikationsnetz ist mittlerweile unter serbischer Kontrolle. (Vgl. ICG: Unmik’s Kosovo Albatross: Tackling Division in Mitrovica, 3.6.02) Immerhin, und das soll hier nicht unterschlagen werden, wird man demnächst die ersten zwanzig kosovarischen Serben in die gemischte Polizeitruppe eingliedern. Es ist ein Versuch. Was die hier stationierte französische KFOR-Truppe angeht, so wird man freilich kaum von Inkonsequenz oder Zurückweichen oder Versagen sprechen können. Wo denn bei dem schweren Anschlag vom 8.4. dieses Jahres, bei dem 26 Beamte der Internationalen Polizei verwundet worden sind – vier von ihnen schwer –, die KFOR gewesen sei? Der deutsche Polizeikommandant zögert einen Moment, aber dann kommt es: “Sie haben weggesehen. Sie verweigern uns einfach die Unterstützung. Als wir sie später eingefordert haben, hat man uns gesagt, wir sollten das nächste Mal einen Antrag auf militärischen Beistand stellen.” Da staunt der Laie: Einen Antrag beim Anschlag? Die Vorgänge in Mitrovica werden im ganzen Land mit Geringschätzung und wachsendem Misstrauen verfolgt: Zeichnet sich da etwa die Teilung des Kosovo ab – vorangetrieben in schöner serbisch-französischer Komplizenschaft? Und was stellt diese UN-Verwaltung überhaupt vor, die sich den Albanern gegenüber so herrscherlich und missionarisch gebärdet, in Mitrovica aber nicht einmal ihre elementarsten Hausaufgaben zu erledigen weiß?

Aber es gibt da noch eine andere Dimension – und sie birgt vielleicht am meisten Störpotenzial und politisches Gift. Es ist kaum ein Zufall, dass sie am freimütigsten in Gjakova angesprochen wird, dem alten, stolzen Zentrum des albanischen Nationalgedankens im Kosovo und der im Krieg von 1999 wohl am furchtbarsten heimgesuchten Stadt im ganzen Land. Es ist auch nicht irgendjemand, der es tut – es ist Mazllom Kumnova, der erste Bürgermeister nach Kriegsende, hoch angesehen wegen seines selbstlosen Einsatzes für die geschundene Kommune, heute Spitzenkandidat der AAK in der Stadt. Auf die Frage nach den Existenzbedingungen der serbischen Enklaven im Kosovo hält er dem Besucher zornig entgegen: “Wir sind es nicht, die die Enklaven geschaffen haben. Und sehen Sie, wenn ich nach Nord-Mitrovica fahren will, dann muss ich mich von der KFOR eskortieren lassen – in meinem eigenen Land! Das ist die Freizügigkeit im Kosovo!” Der Zorn ist gewiss nachvollziehbar, aber es kommt hier doch auch eine gewisse Verhärtung zum Vorschein – so etwas wie die Verweigerung von Vorstellungskraft und Fairness. Vielleicht ist es generell noch zu früh für eine gelöstere Haltung. Aber die Unmik mit ihrer doppelten Moral, mit ihren zwei Gesichtern der Erziehungsdiktatur und des Papiertigers trägt gewiss wenig oder nichts dazu bei, dass sich die albanische Seite langsam auf die Großzügigkeit des Siegers besänne.

 

Gracanica, fünfzehn Taxi-Minuten südöstlich von Prishtina, ist eine Enklave ganz anderer Art – kein Überbleibsel der zerschlagenen Gewaltherrschaft, kein Brückenkopf eines fremden und verhassten Staates, der zu allem Überfluss auch noch behauptet, er sei der eigene. Gracanica ist einfach ein serbisches Dorf, das nur existieren kann, wenn die albanische Umgebung es als Teil ihrer Normalität akzeptiert. Im Blue Guide Albania & Kosovo von 2001 (James Pettifer) heißt es noch, man müsse sich den Soldaten der KFOR gegenüber ausweisen, wenn man die wundervolle Kirche aus dem 14. Jahrhundert besichtigen wolle. Inzwischen sind die Wachen abgezogen, und der Tourist kann den stillen Bezirk von Kirche und Kloster ohne alle Kontrolle betreten – egal von welcher Seite er kommt. Nur noch im Zentrum befindet sich ein Posten der – schwedischen – KFOR-Truppe. Es ist kein Vergleich zur Situation in Decani und Peja (serbisch: Pec), wo es für die Kirchen und Klöster nach wie vor strenge Schutzmaßnahmen durch die italienische KFOR gibt; ganz zu schweigen von Prizren, wo die Deutschen die orthodoxen Kirchen geradezu hermetisch abriegeln und überhaupt niemand durchlassen – es sei denn, er habe sich rechtzeitig beim Kommandanten im Militärlager einen persönlichen Berechtigungsschein verschafft. Wenn man Gracanica, einen gepflegt wirkenden Ort mit zahlreichen üppigen Gärten durchwandert, nimmt man nichts Auffälliges wahr – höchstens winzige Zeichen des Trotzes: eine vereinzelte serbische Fahne auf einem Haus; zehn Dinar als Wechselgeld beim Kauf von Bananen. Vor nicht allzu langer Zeit soll hier ein albanischer Bus mit Steinen beworfen worden sein.

Durch Vermittlung eines hilfsbereiten Beamten im “Deutschen Verbindungsbüro”, der Vertretung des Auswärtigen Amtes in Prishtina, kommt das Unwahrscheinliche zu Stande: ein Termin bei Rada Trajkovic, Führerin von “Povratak” (Rückkehr), der wichtigsten Organisation serbischer Bürger im Kosovo, und Repräsentantin der serbischen Minderheit im Parlament von Prishtina. Frau Trajkovic wohnt in Gracanica, und das Gespräch soll im Kloster stattfinden, wo auch ein weltläufiger junger Mönch als Übersetzer zur Verfügung steht. Es will in der spirituellen Atmosphäre schon Stimmung aufkommen – aber die Politikerin, die an diesem Tag in Belgrad war, dirigiert uns in ihr Haus am Rand des Dorfes um, das wir mit Hilfe eines kleinen Jungen schließlich auch finden. Rada Trajkovic, Mitte 50, muss einen stressigen Arbeitstag hinter sich haben, aber sie ist eine serbische Lady und empfängt uns mit der entsprechenden Grandezza und Gastlichkeit. Die Unterhaltung hält sich freilich strikt an die landesübliche Interviewform: kurze Frage – längerer Vortrag, kurze Frage – längerer Vortrag ... Auf die Eingangsfrage, wie sie überhaupt zu ihrem politischen Engagement gekommen sei, projiziert Rada Trajkovic die heute tatsächlich prekäre Lage der serbischen Minderheit im Kosovo unverfroren in die Vergangenheit zurück: Schon als Gymnasiastin, später dann als Medizinstudentin der Universität Prishtina, schließlich auch als Ärztin am dortigen Krankenhaus habe sie sich gegen die systematische Unterprivilegierung und Entrechtung der Serben hier gewandt – gegen den Widerstand ihrer Familie übrigens. Es ist eine Konserve mit der Propaganda von gestern, die sie da aufmacht – wie einer ihrer ehemaligen albanischen Kollegen am Krankenhaus sich erinnert, hat sie sich dort in den späten Achtzigerjahren jedenfalls als Scharfmacherin auf der Seite der Macht aufgeführt. Erst im weiteren Gespräch wird der Abstand dieser Politikerin von den Hardlinern in Nord-Mitrovica erkennbar. “In diesem Land haben sich nie alle gleichzeitig sicher fühlen können. Wenn die Serben sicher waren, waren es die Albaner nicht – und umgekehrt.” Das ist gewiss nicht die geschichtliche Wahrheit, reflektiert aber doch immerhin so etwas wie ein Zurückrudern. Wie nicht anders zu erwarten und wie sie es auch bereits bei einer Anhörung vor der US-amerikanischen “Helsinki Commission on Ethnic Harmony in Kosovo” im Juni dieses Jahres getan hat, fordert Rada Trajkovic eine umfassende Säuberung der kosovo-albanischen Institutionen von Kriegsverbrechern – die albanischen seien ebenso nach Den Haag zu überstellen wie die serbischen. Das ist im Prinzip schon richtig – nur dient die Forderung hier wieder einmal dazu, den politischen Gegensatz von Tätern und Opfern in der ganz anders gelagerten Frage nach der strafrechtlichen Schuld verschwinden zu lassen. Entschieden überzeugender wirkt Rada Trajkovic, als sie plötzlich das “Schweigen der gesamten albanischen Öffentlichkeit” gegenüber den realen Problemen und Ängsten der im Lande verbliebenen Serben angreift. Der Fremde kann kaum nachprüfen, ob es faktisch stimmt – es passt aber zu seinen Gesprächseindrücken. Und es ist das erste Mal an diesem Abend, dass die Frau nicht strategisch überlegt und in Stereotypen spricht, sondern spontan und aus ihrer persönlichen Wahrnehmung heraus. Dass jenes “Schweigen” wiederum etwas mit der stummen, verstockten Verweigerungshaltung der kosovarischen Serben selbst zu tun haben könnte, scheint sie allerdings nicht begreifen zu wollen. Dazu steckt sie zu tief im gängigen Opfermythos, der diese Wechselbezüge verdunkelt. Ob es da nicht, bei Licht betrachtet, zwei miteinander unvereinbare serbische Kosovo-Politiken gebe – die von Rada Trajkovic nämlich, die für die hier lebenden Serben und ihre Gleichberechtigung als Bürger des Kosovo kämpfe, und die in Belgrad betriebene, der es allein um den territorialen Anspruch des serbischen Staates auf das Kosovo gehe – ohne Rücksicht auf die dortige Minderheit, die nur instrumentalisiert werde? Es ist eine provozierende Frage, aber Rada Trajkovic reagiert überraschend nachdenklich: “Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Ich habe gar keine andere Wahl, als eng mit Belgrad zusammenzuarbeiten. Schon finanziell gesehen nicht – ohne Unterstützung aus Belgrad brächte ich hier keine einzige größere Veranstaltung zu Stande. Ich habe inzwischen vor dieser Abhängigkeit kapituliert.” Sie sagt tatsächlich “kapituliert” – das ist bemerkenswert freimütig und souverän. Ein Mann in vergleichbarer Position würde sich schwerlich so in die Karten blicken lassen. Aber eine Anerkennung der neuen Situation ist es nicht. Begreift Rada Trajkovic überhaupt, dass das Kosovo für Serbien definitiv verloren ist? Es ist zu bezweifeln. Sie deutet es jedenfalls mit keinem Wort an.

Als wir ins Dorf zurückgehen, ist es schon dunkel. Wir sind dem Zugriff der politischen Rhetorik entronnen. Der junge Geistliche – er ist erst kürzlich aus Novi Pazar im serbischen Sandzak nach Gracanica gekommen, um dem neuen Bischof zu assistieren – beginnt leise und tastend über die Situation hier zu sprechen. Die Existenz der Serben sei wirklich bedroht. Auch die der Kirche, und “wenn wir gehen müssen, verliert das Volk seinen Halt”. Er macht die “Extremisten auf beiden Seiten” dafür verantwortlich. “Nicht einmal die NATO-Bombardements haben unser Volk zur Umkehr bewegen können.” Den Premier der gegenwärtigen Regierung von Serbien hält er an sich für einen sehr fähigen Politiker und unterstützt offenbar seine Reformpolitik – “aber wie denkt Zoran Djindjic über das Kosovo?”

 

Der Hotelangestellte öffnet das Fenster: “Markttag!” Unmittelbar an der Hinterfront des “Pashtriku” und an dem kleinen Fluss Drina breitet sich der Wochenmarkt von Gjakova aus. Es sind die Bauern der Umgebung – bis hin nach Peja nicht weit von der Grenze zu Montenegro –, die hier ihre Erzeugnisse feilbieten. Der Markt mit seinen Bergen von prächtigen Feldfrüchten, lebenden Schlachttieren, ganzen Batterien von Flaschen mit Öl, Schnaps und anderen, unbekannten Essenzen scheint gut besucht, auch wenn der Apfelverkäufer über das schlechte Geschäft klagt – in fließendem Deutsch übrigens, aber das ist in diesem Land der Arbeitsemigranten und der politischen Flüchtlinge überhaupt keine Besonderheit. Wenn man den Fluss auf der kleinen Fußgängerbrücke überquert und sich links hält, kommt man bald in die Altstadt, wo der Tourismus und seine unermüdliche Suche nach dem Pittoresken auch schon an ihr Ende kommen. Es sieht hier nicht so aus, wie es nach Auskunft des bereits zitierten Reiseführers vor zwei Jahren ausgesehen hat. Und es fehlen hier ja auch die Ruinen der großen Gebäude aus österreichisch-ungarischer Zeit, die in Mostar die Verwüstungen des Krieges präsent halten. Die Holzhäuser der ottomanischen Carsija von Gjakova waren leichter wiederaufzubauen, und keine Moschee der Stadt befindet sich in einem Zustand wie die “Rote Moschee” in Peja, die auch von den Donatoren des Nahen Ostens aufgegeben worden zu sein scheint. Man lässt sich gern auch von der offenkundigen Vitalität der Menschen und dem quirligen Straßenbild täuschen. Das begierig aufgenommene Bild wieder hergestellter Normalität ist dennoch trügerisch. Mit der Zeit entdeckt man überall in den engen Gassen gesprengte Häuser und Trümmerfelder – die Spuren eines systematischen Terrorkrieges der serbischen Paramilitärs gegen die Zivilbevölkerung der in Serbien seit jeher, das heißt: das ganze 20. Jahrhundert hindurch, als widerständisch, unregierbar, “mafios” geltenden Stadt. Nicht zu Unrecht: Auch im Widerstand der UCK sind Stadt und Region aufs Neue ihrem alten Ruf der Unbeugsamkeit gerecht geworden – sie gehörten zum Operationsgebiet des Kommandanten Ramush Haradinaj.

Ein erstes Gespräch findet in der wie durch ein Wunder intakt gebliebenen ehrwürdigen Derwisch-Tekké des islamischen Baktashi-Ordens ganz in der Nähe des Hotels statt. Ruzhdi Shehu, der Hausherr und Vorsteher des religiösen Zentrums, fragt den Besucher zunächst, ob er wissen wolle, was hier geschehen sei oder warum es geschehen sei. Da vor allem die Fakten unbekannt sind, beginnt Ruzhdi Shehu mit großer Ruhe zu erzählen, was er selbst erlebt und mit eigenen Augen gesehen hat. Es ist eine Geschichte von gnadenloser Verfolgung, aber auch von dem Versuch, selbst noch in den Momenten der äußersten Bedrängnis – mit nur noch einem verriegelten Tor zwischen sich und der mordbereiten, zum bewaffneten Mob degenerierten Truppe – Kaltblütigkeit und Umsicht zu bewahren. Die Tekké muss während dieser katastrophalen Wochen im Frühsommer 1999 alles in einem sein: Informationszentrum, basisdemokratischer Beratungsraum, Gebetshaus, Asyl, Lebensmitteldepot. Bis zu 100 Menschen halten sich zeitweise hier auf. Immer wieder treffen Nachrichten von wahllosen Erschießungen ein, und die Opfer sind immer Nachbarn, die man seit langem kennt. Es wird bekannt, dass man die Frauen zwingt, ihre Männer auszuliefern. Es kommt zu großen Massakern – einmal treibt man 400 Menschen zusammen und ermordet 165 von ihnen. Bis heute gelten in Gjakova viele als vermisst, meist sind es junge Männer – aber vielleicht ist es nur ein letztes, verzweifeltes Wunschdenken, das ihre nächsten Angehörigen glauben macht, sie lebten noch irgendwo in Serbien.

Inzwischen beteiligt sich auch Shefqet Vokshi, ein ehemaliger Geschichtslehrer, an der Darstellung des Grauens. Er schildert seine Verhaftung und Verschleppung von Gefängnis zu Gefängnis – schließlich, im Juli, außer Landes in das Gefängnis von Nis. Noch im Kosovo hätten die Gefangenen einmal an einem Spalier von spontan herbeigeeilten serbischen Frauen vorbeilaufen müssen, die alle wie wild mit ihren Schuhen auf sie eingeschlagen hätten. Die gemeine Szene passt gut zum Urteil des Übersetzers, dass es unter den Serben in Gjakovo – einer verschwindenden Minderheit, 2000 bis 3000 Menschen in einer Bevölkerung von 75000 – niemand gegeben habe, der nicht auf irgendeine Weise mit dem Milosevic-Regime zusammengearbeitet hätte. Das “Pashtriku”, das nach Auskunft eines Kellners bis zum Krieg eine Zitadelle der Macht war, bezahlt heute die Rechung dafür: Man kann dort gut und preiswert essen, aber die sorgfältig gedeckten Tische bleiben meistens leer.

 

Wer sich ein wirklichkeitsnahes Bild von der aktuellen politischen Situation im Kosovo machen will – jenseits der bei uns so populären Zerrbilder von dunkler Wildheit und archaischer Rechtlosigkeit, muss nach Gjakova kommen. Deutlicher vielleicht als anderswo kann man hier die Auseinandersetzung dieser Gesellschaft mit sich selber wahrnehmen. Die Stadt scheint dem Land näher als das um sich selbst kreisende Prishtina – den Dörfern, deren Schicksal sie ja auch geteilt hat. Und jedermann scheint hier gewohnt, die Schrecken der zurückliegenden Jahre in eine säkulare Kontinuität einzuordnen – der serbische Nationalstaat hat in dieser Region gemordet, gebrandschatzt und “ethnisch gesäubert”, seitdem es ihn überhaupt gibt. Der serbische Staat ist diese Gewalt – aus der Sicht der Menschen hier stellt sie sein eigentliches, sein unveränderliches Wesen dar, welches seiner vielen Gesichter er auch immer aufsetzen mag. Die Geschichte scheint hier gegenwärtiger als anderswo im Kosovo, und es ist kaum vorstellbar, dass die Bürger von Gjakova jemals etwas anderes akzeptieren werden als die volle nationalstaatliche Unabhängigkeit. Und sie sollte nicht allzu lange auf sich warten lassen. Auf der anderen Seite öffnet der im Gespräch immer wieder spürbare besondere Stolz der Stadt auf ihre herausragende Rolle in der Geschichte der albanischen Nation durchaus einen gedanklichen Spielraum für überlegte Politik. Besonnenheit und Stolz wachsen hier auf einem Holz, um das triviale deutsche Sprichwort abzuwandeln. Es handelt sich hier um einen alten, vielschichtigen, kultivierten Patriotismus – er muss freilich atmen können, er muss seinen Willen bekommen, wenn er sich denn in eine demokratische und liberale Richtung weiterentwickeln soll.

 

Werden die geflohenen Serben zurückkehren können? Masar Rizvanolli, emeritierter, aber aus Mangel an einem geeigneten Nachfolger immer noch lehrender Professor für Geschichte an der Universität von Prishtina, antwortet auf die Frage mit einer kleinen Geschichte: Er habe sich hier in Gjakova immer wieder dafür ausgesprochen, dass sie zurückkehren können – auch öffentlich. Aber einmal habe ihn eine Frau mittleren Alters, eine ganz einfache Frau vom Land, unterbrochen und ihn, den stadtbekannten Gelehrten, vor allen Leuten aufgefordert, den Mund zu halten. Ob er denn dafür sorgen könne, dass ihr Mann und ihre Söhne zurückkehrten? “Und wissen Sie, was ich da getan habe? Ich habe den Mund gehalten!” Sich selbst behelfe er da mit einem Exempel: Es sei wie mit dem Hunger. Es gebe welche, die sich vorzustellen versuchten, was es heißt, Hunger zu haben. Und es gebe welche, die Hunger haben.

 

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Fünf der Angeklagten haben sich inzwischen vor einem internationalen Gericht in Prishtina für schuldig erklärt. (Deutschlandfunk, 9.11.02)

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Text in: Angelika Volle/Werner Weidenfeld (Hrsg.): Der Balkan zwischen Krise und Stabilität, Bielefeld (W. Bertelsmann Verlag) 2002, Anhang.