"1968" steht für den Aufbruch einer Generation. Die Ereignisse in diesen paar Jahren nach 1967 und nicht der Geburtsjahrgang haben sie geprägt. Zugleich war "1968" auch eine Sammelbewegung von vielen einzelnen, kleinen Freundeskreisen und winzigen politischen Grüppchen, die in den frühen sechziger Jahren überall zu finden waren und sich nicht fanden. 1966 hatte ich ein Jahr in Berlin gelebt, an einer Dissertation bei Werner Conze in Heidelberg über politischen Aktivismus und Expressionismus in der deutschen Intelligenz zwischen 1910 und 1920 gearbeitet und nebenher ein bißchen am Lehrbetrieb der FU geschnuppert. In einem Seminar über die Weimarer Republik bei dem Politologen Otto Stammer fiel mir ein ungefähr gleichaltriger Student auf, der grundsätzlich an einem Tisch in der ersten Reihe saß, immer einen Stapel Bücher vor sich hatte und für meinen Geschmack mit etwas Übereifer und einiger Penetranz aus ihnen zitierte und Fragen aufwarf, die mehr mit seinen spezifischen Interessen, als mit dem Verlauf des Seminars zu tun haben schienen. Rudi hat damals an seiner Dissertation über Lukács gearbeitet, aus der etliche Jahre später sein Buch über Lenin wurde. Nicht damals in diesem Berliner Seminar mit seinen höchstens dreißig Teilnehmern, sondern erst 1967/68 über den SDS, der bereits zum Sammelbecken einer Massenbewegung geworden war, haben wir uns persönlich kennengelernt. Er, als Berliner Zampano, ich, als einer der neuen Heidelberger Wilden. In den 60er Jahren konnte man sehr leicht aneinander vorbeigehen, mußte man sich verpassen, schlicht deshalb, weil es an einem öffentlichen Raum fehlte, um sich zu begegnen. Der entstand erst "68". Heute schwindet er wieder.
Zu den interessantesten Passagen in Gretchen Dutschkes Biographie gehören die, die von diesem Übergang aus dem Innenleben winzigster Grüppchen, in diesem Fall der "Subversiven Aktion" mit ihrem Münchner Zentrum und Berliner Ableger, zur Massenbewegung handeln. Gretchen Dutschke neigt dazu, diesen Übergang zu verschleifen und zu suggerieren, daß die späteren Ereignisse in dieser Vorgeschichte schon angelegt gewesen seien. Ihr Buch beweist aber eher das Gegenteil. Gegenüber dem ideologischen Hähnchen-Hick-Hack unter den paar Jungmännern der Subversiven Aktion waren die Post-festum-Streitereien in und zwischen den aus der Jugend- und Studentenbewegung hervorgegangenen maoistischen Organisationen über den richtigen Weg des Parteiaufbaus und das Verhältnis von Demokratie und Diktatur des Proletariats und so weiter geradezu ernsthafte politische Auseinandersetzungen auf hohem Niveau. Was Rudi Dutschke allerdings sofort von diesem damaligen Gruppenknatsch abhob, war, daß er von vornherein etwas tun und bewirken wollte. Und etwas bewirken zu wollen in diesen Zeiten war ganz schön kühn. Es mußte noch mit der Arroganz derer rechnen, die ganz ähnlich dachten, aber keinerlei Handlungschancen sahen. Was später in Berlin dem sozialdemokratischen und sonstigen politischen "Establishment" den Schaum auf die Lippen trieb und in heute fast unverständlicher Hetze mit Polizeiknüppeln um sich schlagen ließ, hatte zunächst fast komisch gewirkt. Komisch wirkt es noch in der nachträglichen Erzählung. Es geht um eine Veranstaltung von Berliner Sozialdemokraten, die gegen die Große Koalition in Bonn vom November 1966 waren: "Aber keiner redete von Abspaltung. Bis plötzlich ein mysteriöser Mann in schwarzer Lederjacke auf das Podium sprang und mit Überzeugung und Feuer dafür plädierte, eine neue sozialistische Partei zu gründen." Rudi Dutschke las der innerparteilichen Opposition der SPD die Leviten. Bekanntlich kam es dann nicht zu einer neuen sozialistischen Partei als Abspaltung von der SPD, sondern zur Apo, in der dann ganz andere Parteiansätze enstanden, während der "undogmatische" Teil der Bewegung auf bereichsspezifische Basisorganisation setzte.
Die Absicht, eine neue sozialistische Partei zu gründen, blieb die Idée fixe von Rudi Dutschke und ist auch der rote Faden von Gretchen Dutschkes Biographie. Sobald Dutschke nach dem Attentat gesundheitlich wieder einigermaßen hergestellt war, verfolgte er sie in einer veränderten Situation weiter. Sie verknüpfte sich später mit den ersten Gründungsversuchen einer grünen Partei. Erst über die Grünen ist schließlich eine ganze politische Generation, sofern sie sich nicht auf Juso-Doppelstrategie gemacht hatte, in die parlamentarische Parteienlandschaft zurückgekehrt, indem sie mit den ideologischen, politischen und organisatorischen Vorstellungen, die sie zuvor aus der politischen Tradition der Arbeiterbewegung, einer Klassentradition, und der Weimarer Republik, einer Hochzeit der Übermobilisation und der Konfrontation, gewonnen hatte, mehr oder weniger brach. Die Grünen sind aus einem glücklichen politischen Zufall entstanden. Rudi Dutschke hätte er immerhin nicht überrascht.
Wohl oder übel hat auch er sich ständig mit diesen Assoziationen und Analogien herumgeschlagen, die uns antrieben und fesselten. Gretchen Dutschke tut so, als hätte er immer konsequent an der Revolutionsidee einerseits und dem Undogmatismus andererseits festgehalten. Kein weißer Rabe, auch er nicht. Beide Vorstellungen entsprangen dem Leninismus. Die eine der Ansicht, Revolution machen zu können und zu müssen, die andere der Absicht, auf keinen Fall im Stalinismus und dann im realen Sozialismus zu landen. Es gibt sehr schöne Belege in Gretchen Dutschkes Buch, auf welche Art Dutschke sich mit diesem Problem herumschlug. Er hatte es nämlich, geauso wie andere auch. Heute ist es leicht zu verstehen, warum es aus diesem theoretischen Dilemma nur einen zufälligen Ausweg über den Gang der Ereignisse gab. Man muß aber auch verstehen, wie es entstand: Eine subkutane und subversive Bewegung von Individuen und winzigen Grüppchen sammelte sich "1968" als Massenbewegung in einer offenen Konfrontation mit der Staatsgewalt und fand überhaupt erst in dieser Konfrontation einen öffentlichen Raum der Selbstverständigung. Für die Theoriebildung wurde nicht das subversiv-gesellschaftliche, sondern die konfrontative Auseinandersetzung mit dem Staatsapparat ausschlaggebend, jedenfalls weitgehend. In Gretchen Dutschkes Biographie und ihren vielen Zeugnissen von Rudis Denkweise ist zu erfahren, wie er sich mit diesen Dilemmata in wechselnder Umgebung abquälte. Vielleicht ist er darin dann doch der bundesrepublikanische 68er, zu dem ihn die Medien und Ereignisse eher gegen seinen Willen gemacht haben und bis heute machen.
Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben. Rudi Dutschke. Eine Biographie von Gretchen Dutschke, Köln (Kiepenheuer & Witsch) 1996 (512 S., 48,00 DM)