Schluß mit Nation und Klasse.

Und was nun?

Überlegungen in Anknüpfung an die Lektüre von Peter Wagners Soziologie der Moderne"

Willfried Maier

Zwei Einrichtungen verlieren heute immer mehr an Bedeutung, durch deren Zusammenwirken der Kapitalismus in seinen goldenen Jahren soziale Stabilität gewonnen hatte: der Nationalstaat und die Gewerkschaften. Beide Einrichtungen zusammen brachten den Sozialstaat hervor, der den negativen Auswirkungen der kapitalistischen Konkurrenz Grenzen setzte.

Nation und Klasse, das waren für die Menschen in der ersten Jahrhunderthälfte bis in die sechziger Jahre hinein die beiden entscheidenden Vorstellungen für soziale Zugehörigkeit, die meist in Konkurrenz gegeneinander vertreten wurden. Die Rechte setzte auf die Nation, die Linke auf die Klasse. Und beide waren bereit, für das Schicksal der Nation oder für den Fortschritt der Klasse erhebliche persönliche Opfer zu bringen.

Tatsächlich organisierte sich die Klassenbewegung der Arbeiter innerhalb der Nationalstaaten und nutzte deren Einrichtungen, um ihre Forderungen durchzusetzen. Und gleichzeitig brachten es alle industrialisierten Nationalstaaten in diesem Jahrhundert zu mehr oder weniger ausgeprägten sozialen Sicherungssystemen. Man kann deshalb mit guten Gründen davon sprechen, daß sich bis zur Mitte des Jahrhunderts in der ganzen industrialisierten Welt eine national-soziale Grundstruktur der Politik herausgebildet hatte.

Dieses Grundmuster der organisierten modernen Gesellschaft löst sich seit den sechziger Jahren auf. Schlüsselereignis dabei war 1968", die weltweiten Jugendproteste gegen überkommene Autoritäten. Darin wurde sowohl die Bindung an die Nation als auch an die Klasse untergraben. Die Bindung an die Nation war in Deutschland im Zeichen des Antifaschismus besonders heftig. Nation" oder Deutschland", das waren in der Vorstellungswelt der älteren Generation Heiligtümer. In den Augen der Protestgeneration waren es entweder überholte Gespenster oder böse alte Gefahren.

Aber auch die Bindung an die Klasse als soziales Kollektiv wurde endgültig zerstört. Zwar kostümierte sich ein beträchtlicher Teil der 68er bald als kommunistische Klassenkämpfer. Aber das war reine subjektivistische Wunschvorstellung, ein Ausdruck der gewachsenen individuellen Wahlmöglichkeiten gegenüber überkommenen sozialen Bindungen. Die reale Gestalt, welche die Arbeiterbewegung in der Bundesrepublik angenommen hatte, die Gewerkschaften und die SPD, wurden geradezu als Inbegriff von unzumutbarem Spießertum erlebt und mit heftigster Polemik attackiert.

So brachte 1968 eine Entwicklung zum Durchbruch, die ohnehin im Trend der Modernisierungen lag: Die Autonomieansprüche der Individuen ließen sich immer weniger einbinden in die Unterordnungsansprüche der bisher lebensformenden Großkollektive Nation oder Klasse. Den Schulen und Universitäten gelang es fortan nicht mehr, die nächste Generation in den Nationalstaat, seine Konventionen, sein Geschichtsbild und seine Disziplin einzupassen. Und den Gewerkschaften fiel es immer schwerer, die jüngere Generation zu organisieren und auf ihre Gebote zur Klassensolidarität einzuschwören.

Auch in der SPD spielte damals eine Juso-Generation historisches Theater, gleichzeitig mit den ML-Gruppen, die das Stück KPD" wiederaufführen wollten. Das Juso-Stück hieß Rosa Luxemburg gegen die Kriegskredite". Viele fanden es damals langweiliger als das KPD-Stück. Subjektivistische Revolten gegen die reale Gestalt der Klassenorganisation, auf die sich der westdeutsche Sozialstaat gründete, waren beide. Und die SPD hat bis heute damit zu tun, die damaligen Rosa-Luxemburg-Schauspieler, die heute Ministerpräsidenten sind, mit der Ausdrucksarmut einer Großorganisation kompatibel zu machen.

Trotzdem ist von diesen Revolten im Kern nichts zurückzunehmen. Denn wie merkwürdig kostümiert der Autonomieanspruch der Individuen gegen den Anspruch der organisierenden Apparate auf Ein- und Unterordnung auch auftreten mochte: letztlich ging es um individuelle Befreiungen von der Unterordnung unter Kollektivbindungen, die dem Selbständigkeitsanspruch wenig Raum ließen. Wobei nicht verschwiegen werden darf, daß dieser Angriff auf die Kollektivbindungen in SPD und Gewerkschaften häufig durch Gruppen geführt wurde, in denen Totalunterwerfung der Individuen praktiziert wurde. Glücklicherweise hielten diese Gruppen nicht lange, sondern lösten sich - wenn auch unter Krämpfen - selber wieder auf.

Spannender als diese Verlaufsform um 68 herum ist das heutige Resultat der langsamen Auflösung von Nation und Klasse als kollektiven Leitbildern in den Köpfen von sehr vielen Menschen.

Bei großen Teilen der Mittel- und Oberschichten in Westdeutschland ist an die Stelle der dort traditionell besonders heftigen nationalistischen Einstellungen eine vage multikulturelle Orientierung getreten. Man läßt sich nicht mehr aufs Deutschsein festlegen. Dazu beigetragen haben Auslandsreisen, Geschäftskontakte, die Pizzabäcker und Köche aller Nationen und Siebeck, der im Zeitmagazin über deutsche Saucen herzog. Dazu dann vielleicht noch die Putzfrau aus Ghana. Und sicher auch die nachwirkende Scham über den Nationalsozialismus. In den Mittel- und Oberschichten ist der Multikulturalismus die Auflösungsform des Nationalen durch zunehmende Individualisierung.

In Teilen der Unterschichten dagegen, in denen früher die Orientierung an der sozialen Klasse als zentralem Kollektiv dominierte, hat die Berufung auf die Nation und die Zugehörigkeit zu ihr Konjunktur. Auch hier haben Individualisierungsprozesse stattgefunden - mit dem Ergebnis, daß sich die sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Milieus weitgehend aufgelöst haben und ihre Verhaltenskonventionen insbesondere bei den jüngeren Generationen nicht mehr akzeptiert werden. Da aber hier die Abhängigkeit vom Sozialstaat eine zentrale Rolle spielt, wird in Zeiten der Knappheit gerne die Zugehörigkeit zu diesem sichernden Kollektiv thematisiert. Und die ist national definiert. Den Nationalismus in den Unterschichten kann man deshalb als die Auflösungsform des Sozialismus beschreiben.

Am deutlichsten tritt diese Konstellation in Ostdeutschland auf. Dort ist der Nationalismus der Unterschichten nicht gebremst durch einen Multikulturalismus aus Mittel- und Oberschichten. Die alten SED-Funktionseliten sind verunsichert und waren nicht auf Individualisierung, sondern auf kollektive Disziplin aus. Das alte Bürgertum war entweder in den Westen geflohen oder mußte sich unterordnen und blieb sozusagen aus Mangel an anderer Gelegenheit altdeutsch". Die Nazi-Jugendlichen stoßen deshalb auf weniger soziale Verachtung im Gesamtmilieu der Gesellschaft als im Westen, was ihre Ausbreitung begünstigt.

Hinzu kommt selbstverständlich, daß der soziale Absturz in Arbeitslosigkeit und Unsicherheit den Ruf nach dem Sozialstaat besonders nahelegt und das Kriterium der nationalen Zugehörigkeit zu diesem Kollektiv besonders wichtig macht: fürs Geld, aber auch fürs Selbstbewußtsein.

Die Geschichte der Auflösung zweier tragender Kollektividentitäten in diesem Jahrhundert ist nicht nur eine Befreiungsgeschichte, wie aus der Wiederkehr nationalistischer Orientierungen vor allem in den Unterschichten ja schon ablesbar ist. Es ist auch die Geschichte eines Verlusts.

Es handelt sich dabei nicht nur um den Verlust von Werten und Einstellungen. Es handelt sich vielmehr um den Verlust von politischen Handlungsmöglichkeiten und des öffentlichen Raumes, in dem sich Politik in diesem Jahrhundert hauptsächlich abgespielt hat.

Die öffentliche Auseinandersetzung über die Gestaltung des Gemeinwesens fand - mit der Chance auf Beteiligung - vor allem in den großen Mitgliederparteien und den Gewerkschaften statt. Dort sammelten und bildeten sich die politischen Leidenschaften, dort formten sich die Vorstellungen von der Klasse, der man zugehörte, und von den Zielen, die man innerhalb des Nationalstaates verfolgte. Dort prägten sich aber auch die unterschiedlichen Sichtweisen auf den Nationalstaat aus und damit die Grunddispositionen, unter denen die parlamentarische Auseinandersetzung zwischen den Parteien über das politische und soziale Arrangement insgesamt als repräsentativ erlebt wurde.

Diese Konstellation öffentlicher Räume hat in den letzten Jahrzehnten erheblich an Bedeutung verloren. Nicht nur weil die Handlungsmöglichkeiten der Nationalstaaten im Zeitalter der Globalisierung geschrumpft sind. Sondern vor allem auch, weil die Identifikaion mit Klasse und Nation zurückgegangen ist und die von diesen getragenen öffentlichen Räume von den anders und weiter individualisierten Menschen immer weniger betreten werden. Die Grünen, als jüngste unter den Parteien, sind weit entfernt von einer Mitgliederpartei. Sie werden nicht als ein neuer öffentlicher Raum erlebt, den man aktiv betreten und sich über das Gemeinsame streiten kann, sondern vorwiegend als ein politisches Dienstleistungsunternehmen. Und die älteren Parteien tendieren in dieselbe Richtung.

Politik wird als Veranstaltung von Politikern am Bildschirm wahrgenommen und dabei schneidet sie neben dem übrigen Unterhaltungsangebot schlecht ab. Das ist aber nicht nur betrüblich für die Politiker. Es stellt sich vielmehr die Frage, wie Politik als Möglichkeit von sehr vielen Menschen, über ihr gemeinsames Schicksal zu streiten und zu entscheiden, überhaupt noch möglich sein soll.

Dazu gehört als Mindestbedingung zweierlei: zum einen eine von vielen geteilte Vorstellung darüber, welches Kollektiv es denn nun sein soll, um dessen gemeinsame Gestalt und Handlungsweise es gehen soll. Das ist eine Frage der sozialen Identitäten. Und man kann sicher sein, daß heute nur solche eine Chance haben, die dem individuellen Agieren und Urteilen viel Raum lassen.

Und zum anderen geht es um Institutionen, die von solchen sozialen Identiäten getragen werden und dem aktiven Handeln einen Raum lassen.

Beides sind offene Fragen. Beides sind aber auch zentrale Fragen. An ihnen hängt mehr als an der einen oder anderen Streitfrage in der Sozialpolitik das Schicksal der Republik. Und ohne ihre Lösung wird gerade die Sozialpolitik aus ihrer gegenwärtigen Defensive nicht herauskommen.

Peter Wagner, Soziologie der Modern, Frankfurt/M. (Campus Verlag) 1995 (360 S., 48,00 DM)