Niederlande:

Anschläge und Überfälle

Frank Eckardt

Nach Angaben des Europäischen Landwirtschaftskommissariats sind die Niederlande das am stärksten mit Schwermetallen verseuchte Land der Union. Unter Umweltschützern geht der Witz um, daß die Niederländer, wenn sie noch einmal darauf angewiesen wären, wie im Hungerwinter im Zweiten Weltkrieg ihre Zwiebelknollen zu essen, gleich ins Gras beißen könnten. Tödlich vergiftet sei beides. Umweltschutz ist ein niederländischer Papiertiger, der dem einzigen PVC-Recyclingunternehmen zugleich den Umweltschutzpreis an- und die staatliche Förderung aberkennt. Mögen die Umweltvereinigungen wie Greenpeace, Milieudefensie und Natuurbescherming Millionen Mitglieder haben, die Umsetzung von Umweltschutzmaßnahmen bleibt weit zurück. Erst in den letzten Jahren wurden Glas- und Papierrecycling-Container aufgestellt. Diese wurden schlecht entsorgt und vielerorts landeten Glas- und Papier einfach auf dem Müll.

Angesichts dieser Mißstände haben sich radikale Umweltschützer von der "weichen" Umweltlobby abgewendet. Sie haben ihren eigenen Kampf für eine Befreiung der Erde begonnen. Am 16. April wurden die Niederlande durch einen Bombenanschlag auf die BASF-Verwaltung wachgerüttelt. Zu diesem Attentat bekannte sich die "Earth Liberation Front" (ELF), die bis dahin nur durch das Zerstören von Autoreifen, das Beschmieren von Metzgereien und Tankstellen und das Anzünden von Fleischtransportern von sich reden gemacht hatte. Ursprünglich hatten sich die ELF-Aktivisten an ihrem englischen Vorbild "Earth First" orientiert. Inzwischen hat die 1993 gegründete Gruppe ihre eigene Strategie und Zielsetzung gefunden und sie in der Zeitschrift "Ravage" formuliert: "Dies ist unsere letzte Chance, um die Erde zu retten. Wir stehen am Rand des Abgrundes. Wir müssen härter kämpfen, um unsere Ziele zu erreichen. Wir wollen eine totale Veränderung des Systems." Mit Sabotage und Zerstörungsaktionen wollen die ELF "Lunte am Pulverfaß sein und die Bevölkerung in Bewegung bringen". Zweimal pro Jahr, im April und im Oktober, haben sie seitdem sogenannte "Earth Nights" organisiert. Bilanz: 69 Autos wurden in einem Autogeschäft in Voorschoten beschädigt, 20 Autos in Leiden erlitten dasselbe Schicksal, einem Hubschrauber wurden die Propeller durchgesägt. "Für eine bestimmte Zeit der Umweltverschmutzung entzogen", hieß es in den Bekennerbriefen.

Die Aktionen wurden radikaler. Dem Anschlag auf BASF ging eine Brandbombe auf die Nijmegse Niederlassung von Crédit Lyonnais voraus. Das Bekenntnis zur Gewalt gehört zum Selbstverständnis, auch wenn diese nur als "Verteidigung" bezeichnet wird. Kontakt zu den etablierten, auch den weniger gemäßigten Umweltorganisationen besteht nicht. "Wir sind gewaltlos. Die richtig Radikalen kommen nicht zu uns", behauptet Gerrit Deckers von der "Vereniging Mileubescherming", die mit gewaltfreien Blockadeaktionen zum Beispiel den Ausbau des Amsterdamer Flughafens Schiphol verhindern wollen.

Die niederländische Polizei nimmt die ELF ernster als vorherige Gruppierungen wie "ANGST" oder "Bendelion of Dendelion", die ab und an auch Zerstörungsaktionen durchführen. Am 4. Mai ließ die Staatsanwaltschaft die Amsterdamer Redaktion von Ravage durchsuchen und Computer und andere Gegenstände konfiszieren. Die Polizei wurde dabei mit nicht geringem Widerstand konfrontiert. Dreißig schnell herbeigerufene Hausbesetzer hinderten vier Beamte zwei Stunden lang beim Verlassen des Gebäudes. Daraufhin mußte die "Mobiele Eenheid", ein GSG-9-Pendant, angefordert werden.

Der Redaktion wird vorgeworfen, einen Bekennerbrief der ELF der Polizei vorenthalten zu haben. Chefredakteur Adrie van Veen bestreitet dies: "Jeder Verrückte hätte diesen Brief schreiben können. Wir fanden es nicht nötig, ihn weiterzuleiten und haben ihn vernichtet." Die Polizei hingegen vermutet, daß sich in diesem Brief auch zu Anschlägen auf die Banque Pais Bas in Arnheim und auf das französische Konsulat bekannt wurde.

Ravage, das bis vor kurzem noch Bluf! und dann NN hieß, wurde schon 1986 wegen seiner Kontakte zur und seiner Verbundenheit mit der Hausbesetzerszene durchsucht. Damals hatte die Redaktion gegen diese Maßnahme erfolgreich vor dem Europäischen Gerichtshof protestiert. Auch diesmal regt sich Protest. Ravage steht in der niederländischen Medienlandschaft keineswegs isoliert da. Der Unternehmerverband der Presse hatte im letzten Jahr mit einer einmaligen Zahlung von 41.300 Gulden das Überleben gesichert. Dementsprechend stößt die überzogene Reaktion der Behörden, die wohl mehr mit der Ohnmacht gegenüber den ELF-Anschlägen als mit tatsächlichem Ermittlungseifer zu tun hat, auf Unverständnis. Die Niederländische Journalistenvereinigung (NVJ) forderte von der Justiz Aufklärung über das beschlagnahmte Redaktionsmaterial. Der Anwalt von Ravage, T. Prakken, hat wegen Verletzung der Privatsphäre der Redaktion und der Abonnenten, vor allem aber wegen der Beschränkung der Pressefreiheit eine Klage gegen die Polizei eingereicht.

Die Angriffe der Polizei gegenüber Journalisten dienen nach Ansicht der Ravage-Redakteure auch dem Vorhaben, so viel wie möglich Informationen über linke Aktivisten zu erhalten. Von verstärkten geheimdienstlichen Undercover-Tätigkeiten in der linken Szene berichtet das in Nijmegen tätige OBIV, das sich als Wächter der niederländischen Geheimdienste und ihrer Aktivitäten versteht. Die NVJ bestätigte ebenfalls, daß die Polizei bei Redaktionsuntersuchungen stets Informationen mitnimmt, die keinen Bezug zum Untersuchungsauftrag haben.