Briefe aus Österreich:

Nationale Amnesie

Gerhard Fritz

Daß Herr Waldheim in der Wehrmacht nur "seine Pflicht erfüllt" und sonst praktisch alles übersehen hat, ist so sprichwörtlich wie gegenwärtig.

"Wie kommt es", fragte einer der intellektuellen Stars des ORF, Peter Huemer, in seiner Sendung Im Gespräch Jan Reemtsma, "daß so viele Politiker, die über jeden Verdacht erhaben sind, Nazi-Gedankengut zu pflegen, sich praktisch oft so verhalten, als hätten die Nazis in Österreich noch größeren Einfluß?"

Der Anlaß war beschämend. Die von Reemtsma gesponserte Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht war in Wien, Klagenfurt und Innsbruck gezeigt worden, und jedesmal hatte kaum einer der politischen Größen offiziell die Ausstellung besucht, geschweige denn bei der Eröffnung das Wort zu ergreifen gewagt. In Kärnten, wo der hohe Anteil an Persilschein-gereinigten hochkarätigen Nazis an der Partei-Elite durch neueste Studien gerade wieder bescheinigt worden ist, war kaum ein Landespolitiker und auch nicht der Diözesanbischof bereit, den "Ehrenschutz" über die Ausstellung zu übernehmen. Einzig der junge sozialdemokratische Vizeministerpräsident machte Geld und politischen Schutz dafür locker, daß am offenbar vielen so teuren Andenken an die anständige Wehrmacht gekratzt werden konnte.

In Linz wäre die Ausstellung fast daran gescheitert, daß zwar die (rote) Stadt Linz, auf Antrag der Grünen, eine Subvention für die Ausstellung beschlossen, der (schwarze) Ministerpräsident des Landes aber kommentarlos jede finanzielle Förderung verweigert hatte. Es brauchte eine "Bausteinaktion" mit vielen kleinen Sponsoren, damit die Ausstellung doch noch in der zweitgrößten Stadt Österreichs gezeigt werden kann.

Ein Dokumentarfilm des ORF hält die Reaktionen der Wehrmachtsgeneration fest: Von Aggression gekränkter soldatischer Tugend bis zu - endlich - öffentlichen Tränen angesichts der späten Einsicht, doch - wenn auch individuell "schuldlos" (in dem Sinn, daß man sich selber nichts hat zuschulden kommen lassen: und wem könnte mehr abverlangt werden, schon gar seitens unserer Generation, die doch das Glück hat, in einer Zeit zu leben, in der es, im großen und ganzen, keine Helden braucht!) - Teil einer Vernichtungsmaschinerie gewesen zu sein und nicht "Verteidiger der Heimat", ist alles da. Alles normal - woher dann die Angst vor dieser Ausstellung?

Österreich, das Land mit der höchsten Dichte an ParteigenossInnen und KriegsverbrecherInnen (und der geringsten Dichte an Verurteilungen), hat sich 1945 die Gründungslegende geschaffen, es wäre das erste Opfer der Hitler-Aggression gewesen, sei aber auch aufgrund seiner eigenen Anstrengungen befreit worden. Zwischen 1938 und 1945 war Finsternis, vorher und nachher war Österreich. Bezeichnenderweise wurde bis in die 70er, ja, wird teilweise heute noch in den Schulen die Entstehungsgeschichte des Nationalfeiertags damit erklärt, daß das jener Tag sei, an dem der letzte Besatzungssoldat Österreich verlassen hätte. Und gemeint ist nicht die Wehrmacht, gemeint sind die Befreier der US Army und der Roten Armee (1955)...

Diese Gründungslegende mag ja in den Nachkriegsjahren lebensnotwendig gewesen sein, außenpolitisch sowieso, wohl auch innenpolitisch. Heute erweist sich das Verdrängte aber als bleierne Last. Wo es keine je öffentlich eingestandene Schuld gab, keine Verantwortung, nur Opfer und Pflichterfüller, da war ja auch kein Anlaß, über die Abgründe der "österreichischen Seele" nachzudenken. Über den dumpfen Antisemitismus nicht, der heute noch als "Antisemitismus ohne Juden" präsent ist, über die autoritären Denkmuster und Verhaltensweisen nicht, die jahrzehntelang den großkoalitionären und sozialpartnerschaftlichen Filz ergänzten. Über das ideologische Erbe des Deutschnationalismus nicht, der heute das Unterfutter zur Fremdenfeindlichkeit liefert...

Fast jedes Nest hat sein Kriegerdenkmal, auf dem die Toten von 1939 bis 45 genauso "fürs Vaterland" gestorben sind wie die Helden der italienischen Feldzüge Radetzkys oder die Kaiserjäger des 1. Weltkriegs. Ein Denkmal für die Deserteure der Wehrmacht sucht mensch im ganzen Land vergeblich. SS-Gedenksteine auf Kriegerfriedhöfen regen (fast) niemanden auf: Noch 1995 fand der Innsbrucker Gemeinderat nichts dabei, einen grünen Antrag auf Entfernen so eines SS-Gedenksteins vom örtlichen "Tummelplatz" mit deutlicher Mehrheit niederzustimmen.

Die Opfer der Gestapo warten in derselben Stadt noch auf ihre Gedenktafel. Ein (grüner) Antrag dafür ist zwar einstimmig angenommen worden, seine Ausführung wurde aber damit verschleppt, daß der Stadtarchivar in seinen "Gestaltungsvorschlag" auch die Würdigung eines gewissen Polizeimajors Hickel einschmuggelte, der vor der Gestapo-Residenz von einem Nazi ermordet worden war. Der Herr war sicher eines der Opfer des Naziterrors, ab 1934 allerdings hatte er im Dienste der klerikalfaschistischen Diktatur in diesem Haus GegnerInnen des Regimes geschurigelt und seinen nicht unmaßgeblichen Beitrag zur 1938 manifest gewordenen Wehrlosigkeit Österreichs beigetragen.

Nach einem empörten Aufschrei der wenigen noch lebenden WiderstandskämpferInnen geschah (planmäßig?) nichts. Die stadtarchivarische Inschrift wurde nach rotgrünen Protesten im Stadtsenat zu den Akten gelegt und die Anbringung der ursprünglich beschlossenen Tafel auf unbestimmte Zeit vertagt.

Kleinigkeiten, natürlich. Aber charakteristische. Jetzt wird hier gerade wieder über die denkmalmäßige Aufstellung eines weiteren historischen Kleinods diskutiert. Die schmiedeeiserne "Dornenkrone", beim 175jährigen Jubiläum von Adreas Hofers "Freiheitskampf" im patriotischen Festzug vom militantest-deutschnationalen Teil der Schützen zur Erinnerung an die Knechtung der deutschsprachigen Minderheit in Italien mitgetragen, soll heute - lange nach der KSZE und dem EU-Beitritt Österreichs, nach der Südtirol-Autonomie, die aus den Südtirolern die weltweit mit Rechten und Geld bestausgestattete Minderheit gemacht hat - einen "würdigen" Aufstellungsort finden. Was 1975 ein revanchistisches Symbol war ("Ein Tirol", notabene nur bis zur Sprachgrenze von Salurn, unter Ausschluß aller Italiener, die jahrhundertelang zum historischen Groß-Tirol gehört hatten), soll jetzt umdefiniert werden: zur Erinnerung an das Leid aller, die irgendwann, irgendwo, für "die Heimat" gelitten haben.

Eine Provinzposse, in der einige mit der Gnade der späten Geburt bar jeden Geschichtsbewußtseins tapsig durch den historischen Porzellanladen stolpern? Auch, aber mehr: ein würdiges Symbol der österreichischen Amnesie. Opfer jede Menge, Täter weit und breit keine. Gnade uns Gott, sollte wieder einmal eine Zeit kommen, in der es Helden braucht...