Es gibt gewisse Gemeinsamkeiten zwischen dem neuen Protektionismus im Namen von sozialen und ökologischen Standards und dem Tourismus. Beide zeigen eine starke Vorliebe für das Schöne und Gute. Nehmen wir den Touristen. Sein Reiseziel ist eine Dienstleistung, für die das bereiste Land sich in einen Vorrat dienstbarer Gegenstände, Menschen, Erlebnisse und Landschaften zu verwandeln hat. Der Vorrat wird also für einen Konsumzweck gebildet - und nicht für eine produktive Weiterverwendung und Zusammenarbeit mit dem Gastland. Deshalb geraten die Bewertungsmaßstäbe etwas eng. Das Land muß irgendwie schön sein. Das gilt auch da, wo eine Landschaft oder das Alltagsleben der Menschen vom Besucher herangezogen wird und zur Beschaulichkeit gezwungen wird. Touristische Ansichten selektieren also das Schöne. Hingegen selektieren protektionistische Absichten das Gute. Die Entsendegesetze des neuen Protektionismus wollen nur das Gute auf den Weltmarkt lassen. Sie wollen das betroffene Land in gewisser Weise vor sich selber schützen. Dabei muß das Gute ebenso unmittelbar abrufbar sein wie das touristisch Schöne. Es muß konsumierbar sein. Wie der Tourist zeigt auch der Protektionist einen starken Widerwillen, in das besuchte Land zu investieren. Denn jede Investition wäre hier ja erstmal eine Investition ins Böse. Der reale Entwicklungsweg eines Landes war bisher immer mit dem Bösen gepflastert - mit rauchenden Schloten und Abfallbergen, mit niedrigen Lohnstandards, mit vorenthaltenen politischen Rechten, mit Kulturkämpfen zwischen Religion und Aufklärung. Dies hat auch Folgen für die Wahrnehmung eines Landes. Für die selektive Wahrnehmung des Touristen wie des Protektionisten wird das Land klein. Überall findet sie allzuschnell nur ausgebürgertes Elend. Ihr Farb-Spektrum wird eng. Die Vorliebe für das Schöne und Gute legt sich wie ein Schleier über das Land.
Spanien ist ein ziemlich häßliches und böses Land. Wer Zugang zu seiner Größe finden will, muß sich dazu in die Rolle eines Geschäftsreisenden begeben. Oder in die eines Immigranten, eines Pilgers - auf jeden Fall in eine Rolle, die nicht die Möglichkeit des leichten Rückzugs bietet, und die dazu zwingt, irgendeinen Abschluß zu tätigen. Auch der Schwarzweiß-Fotograf kann hier seine Stärke ausspielen.
Der Vervuert-Verlag hat einen Bildband des Fotographen Peter Witte herausgebracht. Adiós España vieja (Adios, altes Spanien) heißt der Titel, und die Empfehlung "in Gottes Hand" (a Dios) kann man auch so verstehen, daß dies Land ziemlich gottverlassen ist und die Empfehlung ganz gut gebrauchen kann. Peter Witte kam 1965 als wissenschaftlicher Fotograf am Deutschen Archäologischen Institut nach Madrid, und die Fotos des Bandes entstanden zwischen 1965 und 1992. Im Vorwort schildert er seine erste Nacht in einem Motel wenige Meter neben der Hauptstraße Barcelona-Madrid:
"Aus der Bar unter den Gästezimmern drang das lautstarke Stimmengewirr der Fernfahrer. Es war ein ständiges Kommen und Gehen von Menschen und Fahrzeugen, ein Gemisch von Geräuschen aller Art, von Motoren, Fernsehern, Wasserspülung und dem Klingeln der Zapfsäulen der Tankstelle. Ich versuchte vergeblich einzuschlafen, und die Begeisterung über den Beginn eines neuen Lebensabschnitts jenseits der Pyrenäen verminderte sich proportional zu den Stunden der Schlaflosigkeit."
In der spanischen Version des Vorworts heißt es hier, daß das Ambiente etwas von "Dantes Inferno" hatte. Womit wir beim Teufelswerk sind. Und bei den Fotos. Es sind Schwarzweißaufnahmen, meistens mit harten Kontrasten, ohne viele Grautöne. Die Mittagssonne schlägt auf einen staubigen Ortsplatz. Sie hat ihn entleert, er ist wie erstarrt. Zwei Männer sitzen ein wenig zurückgezogen am Marmortisch einer Bar in Cordoba. Den einen hat das Dunkel des Schattens sofort zur Hälfte verschlungen. Alles ist in diesem Land entweder eine Spur zu hell oder eine Spur zu dunkel. Das hat der Fotoapparat schärfer begriffen als der unbewaffnete Blick. Und es kommen wirkliche Bürger vor, krummwüchsig, steif, mit ungelenken Gliedern und zerfurchten Gesichtern - eben normal häßlich, wie der gemeine Spanier leibt und lebt. Vor allem bei der Spanierin hat die Kamera genau hingeschaut. Das Lächeln der alten Frau in der Stierkampfarena ist ein bißchen grausam. Die kurzhälsige Fischhändlerin zeigt mit ihrem Sohn Geschäftsstolz. Die schwarzen Dorfweiber spielen öffentlich Karten. Die junge Frau bei der Verkündigung von Francos Tod qualmt eine Zigarette. Dieser Bildband zeigt, daß die Schwarz-Weiß-Kontraste dem Land gut bekommen. Die Stimmung bewegt sich nicht nur zwischen düster und milde. Ihr Ernst ist tiefer, ihre Heiterkeit auch. Auch im häßlichsten und bösesten Moment kann jeden Augenblick einer einen Witz reißen. "Sie hat das Verhängnis über sich, ihr Glück ist kurz, plötzlich, ohne Pardon" hat Nietzsche über die Intensität von Bizets "Carmen" geschrieben. Dieser Bildband hat es auch begriffen.
Freilich gibt es da noch den Begleittext - und manche Fotos, die allzu durchsichtig von ihm inspiriert sind. Dieser Text verwandelt das spanische Nebeneinander von Schwarz und Weiß in ein Nacheinander von düsterer Franco-Ära und milder Euro-Demokratie. Folgerichtig beginnt Peter Witte an diesem Punkt, dem "alten Spanien" nachzutrauern. Gut. Aber dies Spanien müßte dann ja mehr gewesen sein als düsterer Klerikal-Militarismus. War es auch. Aber warum sollte dann nicht auch das heutige Spanien mehr sein als das sozialdemokratische Schöne und Gute? Hier sagt der Autor etwas zu schnell "Adios". Glücklicherweise macht es der Fotograf allemal wieder wett.
Ich möchte nur ein kleines Ergänzungsprogramm vorschlagen. Es gibt ein Buch, das (leider nur in spanischer Sprache) zeigt, daß eine zivile Tradition in Spanien lebt, deren böse Zunge immer eine größere Spannweite von Ernst und Witz besaß als die klerikale Franco-Macht. Manuel Vázquez Montalbán's Crónica sentimental de España wurde schon 1970 geschrieben. Sie dokumentiert die alltagskulturelle Modernisierung des Landes: Fußball-Europacup für Real Madrid, eheliche Untreue als Radio-Hit, Amerikanisierung mit Coca-Cola und Seat 500. Die Zivilgesellschaft zeigte eine gewisse Vorliebe für Unfälle und böse Geschichten. Während man die Macht am milden Lächeln und Kinder-Streicheln erkennen konnte, war der zivile Witz zugleich mitleidloser und respektloser. Eben schwarz-weiß.
Peter Witte, Adiós España vieja, Frankfurt/M.
(Vervuert Verlag) 1996 (124 S., 68,00 DM
Manuel Vázquez Montalbán, Crónica sentimental
de España, Barcelona 1971