Brief aus Cochabamba:

Deutsche in Bolivien - mehr Aussteiger als Altnazis

Albert Recknagel

Während der Präsidentschaft Perons (1946-55) wurde Tausenden von ehemaligen SS- und Nazi-Funktionären in Argentinien Asyl gewährt. Unter ihnen bekannte Größen wie Adolf Eichmann, Joseph Schwammberger, Joseph Mengele und Erich Priebke. In Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz und dem Vatikan stellten die argentinischen Behörden ihnen falsche Dokumente aus, die es, nach Angaben der Stiftung Simon Wiesenthal, bis heute verhindern, Standort und Identität von schätzungsweise 1300 nationalsozialistischen Verbrechern ausfindig zu machen. Lediglich einige Größen wurden identifiziert und ausgeliefert. Andere, wie der Erfinder der mobilen Gaskammern, der SS-Oberst Walter Rauff, lebten und arbeiteten ungestört in Chile, Paraguay oder Bolivien. Rauff wurde von politischen Gefangenen, die während der Pinochet-Diktatur auf der feuerländischen Insel Dawson inhaftiert waren, als Berater der dortigen Folterknechte erkannt. Er starb, ohne je hierfür oder für frühere Verbrechen verfolgt worden zu sein, im Mai 1984 eines natürlichen Todes.

Boliviens bekanntester Nazi war Klaus (Barbie) Altmann, der unter dem Schutz der US-amerikanischen Spionageabwehr, deren Mitarbeiter er seit 1945 war, 1951 mit falschen Papieren nach Bolivien einreiste. Bis zu seiner Auslieferung an Frankreich 1983 lebte er friedlich in der Nähe von La Paz, bewundert von einigen bolivianischen Militärs, die ihn als Berater beim Aufbau einer "Anti-Terror-Einheit" engagierten.

Weniger bekannt sind frühere und spätere Einwanderungen von Deutschen nach Bolivien.

Eine erste "Einwanderungswelle" fand um die Jahrhundertwende statt, als deutsche Techniker und Geschäftsleute sich einbürgerten und Firmen und Handelsgeschäfte gründeten. Noch heute dominieren Lebensmittelketten wie Dillmann und Haas den bolivianischen Markt. Die beiden größten Bierbrauereien Paceña (in La Paz) und Taquiña (in Cochabamba) berufen sich stolz auf ihre deutschen Gründer. Die größte Buchhandlung Boliviens "Los Amigos del Libro", gehört dem Breslauer Juden und deutschen Antifaschisten Werner Guttentag. Die Geschäftsleute Happ und Wilstermann gehörten zu den ersten Sponsoren des Fußballsports und trugen das Ihre dazu bei, daß Fußball heute der populärste Sport in Bolivien ist.

Eine zweite, zahlenmäßig bemerkenswerte Einwanderergruppe waren deutsche Juden, die der Verfolgung und dem KZ entfliehen konnten, da die bolivianische Regierung ihnen bis 1944 Visa ausstellte. In Cochabamba gibt es bis heute eine aktive deutsch-jüdische Gemeinde, die trotz ihrer leidvollen Erfahrungen mit dem Nazi-Deutschland gewisse deutsche Sitten, wie Skatspiel und Stammtisch, nicht missen möchte. Beim Skat darf ich als 4. Mann mitspielen, denn es fehlt der Nachwuchs.

Unter Beschuß kamen viele Bolivien-Deutsche 1944, als das bolivianische Innenministerium, auf Druck der US-Botschaft, mindestens 60 deutsch- und 20 japanischstämmige Bolivianer verhaften ließ. Auf Grundlage der "Proclaimed List of Certain Blocked Nationals" wurden sie als Sympathisanten des Nazi-Faschismus festgenommen und anschließend von US-Agenten in ein Kriegsgefangenenlager in Texas verfrachtet. Inwieweit es sich bei ihnen tatsächlich um Nazis handelte oder nicht, ist bis heute unklar. Es scheint, als habe die Tatsache ausgereicht, mit einer deutschen Frau verheiratet gewesen zu sein. In München gab es ein von Himmler errichtetes Heiratsvermittlungsbüro für Deutsche im Ausland, wo diese per Post eine "reinrassige Arierin" suchen konnten. Diese Dienstleistung hatten zahlreiche Deutsch-Bolivianer in Anspruch genommen. Aufgrund dieser Erfahrung begannen in den Folgejahren nahezu alle deutschstämmigen Bolivianer ihre Herkunft "aus Sicherheitsgründen" zu leugnen: Firmennamen wurden geändert, man wurde stiller Teilhaber, die Heirat mit Bolivianerinnen vorgezogen und außer Haus nicht mehr deutsch gesprochen.

Dann, in den späten 70er Jahren, beginnt die Zuwanderung einer neuen Spezies von Flüchtlingen: den Aussteigern. Gestreßt vom Arbeitsalltag in Deutschland oder aus Angst vor dem Atomkrieg, lassen sich ganze Familien nieder und versuchen, "alternative Lebensformen" aufzubauen. Ein Beispiel: Im kleinen Örtchen Samaipata, landschaftlich und klimatisch der Toskana verdammt ähnlich, finden wir die Wurstfabrik "Gutfleisch", den Kinderladen von Waltraud, die außerdem noch Vollkornbrot, Kuchen, Joghurt und Quark anbietet, und bei Karin und Günther kann man wunderschöne selbstgemachte Keramik einkaufen. An den Wochenenden kann man in ihrer Teestube bei Kakao, Tee und Torte Heimatgefühle entwickeln. Günther war bis vor zwölf Jahren Tiefbauingenieur in einem norddeutschen Städtchen, bis ihm sein Arzt einen frühzeitigen Herzinfarkt voraussagte, wenn er nicht sofort seinen Arbeits- und Lebensstil ändere. Kurzentschlossen verkauften sie alles und zogen mit Kind und Kegel nach Bolivien. Warum gerade Bolivien? Lateinamerika sei Konsens gewesen, aber seine Frau hätte am liebsten nach Mexiko gewollt, aber er hat sich dann Unterlagen über die Lebenshaltungskosten in den südamerikanischen Ländern besorgt und festgestellt, daß sie in Bolivien mit ihrem Geld am längsten auskommen würden. Nach einiger Zeit in Sucre, wo auch viele junge Deutsche hängengeblieben sind, und einem finanziell verlustreichen Abenteuer im Urwald, kamen sie nach Samaipata, und "hier ist es ja wie zu Hause, nur noch schöner". Jetzt fliegt er noch mal ab und zu auf Anforderung seiner alten Firma für einen Kurzzeitauftrag ("zum Geldverdienen") nach Deutschland, aber Heimat und Auskommen haben sie mittlerweile in Samaipata.

Andere Neubolivianer sind die hier hängengebliebenen Entwicklungshilfeexperten. Nicht wenige haben eingeheiratet und versuchen nach Vertragsabschluß ("Was soll ich denn in Deutschland als Soziologe oder Agraringenieur machen?"), wirtschaftlich Fuß zu fassen. Mit den Ersparnissen von fünf bis zehn Jahren Expertentätigkeit bei der GTZ ist dies auch kein Problem: Fast alle haben Land- und Immobilienbesitz in Bolivien.