Untaten & Orte:

Französische Zustände

Joscha Schmierer

In Nazis in der Métro läßt Didier Daeninckx den literarisch interessierten und gebildeten Privatdetektiv von dem Schriftsteller Sloga sagen: "Nach dem Krieg hat Gallimard ein halbes Dutzend Titel von Sloga rausgebracht, bis zu dem Tag, an dem sie einen abgelehnt haben... In diesem Buch sprach er zu offen über die Guillotine, die mit Volldampf in den algerischen Gefängnissen eingesetzt wurde, über die Gestapomethoden, mit denen sich die französische Armee bei den Berbern hervortat. Das war 1955. Daraufhin hat er sich von Gallimard verabschiedet. Zwanzig Jahre später hätte seine Entrüstung für Aufsehen gesorgt, aber Sloga machte den Fehler, immer von den aktuellen Ereignissen zu sprechen. Danach ist er von Verleger zu Verleger geirrt." Mit diesem Sloga könnte Daeninckx einiges gemeinsam haben. Er gehörte zu den Stammautoren der "Série noire" bei Gallimard, seine beiden zuletzt auf Deutsch erschienenen Romane, Das Schloß in Prag und eben Nazis in der Métro, sind bei Editions Denoel (1994), beziehungsweise bei Editions Balaine (1995) erschienen. Wenigstens scheint er im Deutschen nach Rotbuch (Karteileichen, 1987) und Aufbau-Taschenbuch (Die Stimme der Bianca, 1991) mit dem Transit-Verlag in Berlin eine feste Adresse gefunden zu haben. Bisher schon zwei Bücher lang.

In Karteileichen hatte Daeninckx auf die Affäre Maurice Papon reagiert, gegen den jetzt, zwölf Jahre nach Erscheinen des Romans, ein Ermittlungsverfahren eröffnet wurde. Papon war Polizeipräfekt von Paris und verantwortlich für die mörderische Niederschlagung einer friedlichen Demonstration der Algerier, allesamt französische Staatsbürger, die am 17. Oktober 1961 gegen die diskriminierende nächtliche Ausgangssperre protestiert hatten. Bis heute ist unklar, wie viele Menschen damals umgebracht wurden. Zweihundert wahrscheinlich. Papon spricht in seiner 1988 erschienenen Autobiographie von "lediglich drei Toten, darunter einem Franzosen, die damals der Durchsetzung des französischen Rechts zum Opfer gefallen seien". Ich verlasse mich bei dieser Angabe auf einen Artikel von Dorothea Hahn in der taz vom 23.10.96 über die Beschlagnahme einer Ausgabe der algerischen Zeitung Liberté in Frankreich. Die Zeitung war auf die Ereignisse vor 25 Jahren zurückgekommen. Daeninckx Roman knüpft eben an dem Tod dieses einen Franzosen an. Wie sich zeigt, war er der Vergangenheit eines Polizeioberen auf die Spur gekommen, und der hatte das Durcheinander während des Massakers genutzt, um den unliebsamen Zeugen aus dem Weg zu schaffen. Der überproportionale Beitrag zur Judenvernichtung durch das Dritte Reich der Deutschen wird dann auch in den achtziger Jahren als Geheimnis gehütet, wenn es sein muß, mit einem weiteren Mord. Maurice Papon, heute 86 Jahre alt, ist Frankreichs spät aufgeflogener Globke. Daeninckx hat dokumentarisch-fiktional Anklage erhoben, lange bevor auch nur ein offizielles Ermittlungsverfahren in Gang kam.

In allen vier auf Deutsch erschienenen Romanen ist die politische Botschaft ganz offensichtlich: Geht es in Karteileichen um die Kontinuität des repressiv-rassistischen Vichy-Syndroms bis in die Mitterrand-Ära hinein, so in Die Stimme der Bianca B. um den Zusammenhang zwischen der Vernichtung ehrlicher Arbeit in den Stahlrevieren und dem Aufkommen einer Medienindustrie, in der es auf Leistung nicht ankommt. Eine gestohlene Stimme und ein gegängelter Körper werden durch den Konzern erfolgreich gemischt. Die Menschen gehen dabei drauf. Das Schloß in Prag verfolgt das Zusammenspiel zwischen westlichem Opportunismus und östlicher Macht vor und nach der Wende auf dem abseitigen Gebiet des Science-fiction.

In Nazis in der Métro wird also gegen jenes rot-braune Gebräu gewettert, das in Frankreich als "Anti-Maastricht"-Front ganz offen, aber pseudoantagonistisch in Erscheinung tritt, während bei obskuren Treffen zwischen KPF- und FN-Intellektuellen eine gemeinsame ideologische Grundierung gesucht und gefunden wird. Auch da wird über Leichen gegangen.

Die Krimis von Didier Daeninckx entzünden sich an Zeitungslektüre. Ihr Stoff ist also präsent. So fesseln weniger der Fall, als die Nebensachen, etwa die Episode "Bretonenjagen" in Nazis in der Métro. Ein Schreiner wird durch den Hausbesitzer aus dem Viertel getrieben. Sein Geschäft ist zu altmodisch. "Um Tischbeine zu machen, braucht man keinen Laser und nicht jeden Morgen durchs Internet zu surfen, um zu sehen, ob nicht etwa ein Kunsttischler in Fatchakulla über Nacht eine neue revolutionäre Methode erfunden hat." Und er weiß, daß Paris immer schon seine "Ausländer" hatte, auch wenn es Franzosen waren, und daß Arbeiter keine Engel sind. Im letzten Jahrhundert waren die Handwerker aus der Bretagne Fremde in Paris. "In elegantem Bogen warf Alaric seine Kippe in das klare Wasser des Rinnsteins. Bretonenjagen. Verstehst du? Bretonenjagen, vierzig Jahre vor der Jagd auf die Nordafrikaner. Das ist der Beweis, daß sich nichts ändert, man gewöhnt sich nur daran, das ist alles..."

In Das Schloß bei Prag werden die Funken aus der kumpelhaften Freundschaft zweier ehemaliger Libération-Mitarbeiter geschlagen, der eine Franzose mit tschechischen Eltern, ohne Kenntnis der Muttersprache als Privatdetektiv in Prag unterwegs, der andere als Emigrant zurückgekehrt und Chef einer dortigen Wochenzeitung. In Die Stimme der Bianca B. sind es die Szenen in der sterbenden Stahlarbeiterstadt mit den italienischen Reminiszensen der Gastarbeiter der zweiten und dritten Generation. Didier Daeninckxs Solidarität nährt sich aus einer untergehenden Welt der Arbeit.

Didier Daeninckx, Karteileichen. Aus dem Französischen von Marie Luise Knott, Berlin (Rotbuch) 1987 (186 S., 20 DM); ders., Die Stimme der Bianca B., Deutsch von Elke Rappus-Weidemann, Berlin (Aufbau TV) 1991 (168 S., 12,80 DM; ders., Das Schloß bei Prag. Aus dem Französischen von Ronald Voullié, Berlin (Transit) 1995 (165 S., 28,00 DM); ders., Nazis in der Métro. Aus dem Französischen von Ronald Voullié, Berlin (Transit) 1996 (159 S., 28,00 DM)