Mielke und die Musen

Ein Gespräch mit Joachim Walther

Udo Scheer

Joachim Walther, 1943 in Chemnitz geboren, Autor von 20 Büchern, 1983 als Lektor im Buchverlag "Der Morgen" wegen Widerspruch gegen eine Zensurentscheidung gekündigt, wurde als "Lektor", "Schmetterling", "Verleger" über zwanzig Jahre von der Staatssicherheit observiert und "bearbeitet". Mit bemerkenswerter Akribie und Sachlichkeit hat er in dem 888 Seiten starken Kompendium "Sicherungsbereich Literatur" Strukturen und Mechanismen der Einwirkung des MfS auf Schriftsteller, Verbände und Verlage untersucht. Anhand zahlreicher Fallbeispiele belegt er die Motive für die Verführbarkeit von Intellektuellen durch den Geheimdienst, und er dokumentiert Methoden und Folgen der "Zersetzung" gegen mißliebige Autoren - auch in der BRD. Walthers Analyse der Beziehung von Geist und Macht in der Diktatur in einem ihrer sensibelsten Bereiche, der Literatur, darf als erstes umfassendes Standardwerk und als Grundlage für weitergehende Forschungen angesehen werden.

Das Medienecho auf den "Sicherungsbereich Literatur" ist außerordentlich groß. Welche Reaktionen waren für Sie bisher am aufschlußreichsten?

Natürlich freut es mich, daß das Buch von allen großen Zeitungen durchgehend positiv wahrgenommen wurde. Man nimmt es als Basis für künftige Diskussionen. Ein paar Einwendungen kamen von Kommentatoren in postkommunistischen Blättern. Das mag nicht weiter verwundern. Sie sind dabei noch zurückhaltend und versuchen, Ergebnisse zu relativieren und den Wahrheitsgehalt anzuzweifeln.

Es gab vorab eine Reihe Negativstimmen, die gegen das von Ihnen erwartete "Enthüllungsbuch" polemisierten.

Wer es in die Hand genommen hat, konnte sehen, daß mein Ansinnen nicht Enthüllung, sondern Aufklärung war. Es gibt die Fraktion der Immoralisten, die versucht, Literatur und Ethos, literarischen Text und biographischen Kontext, streng voneinander getrennt zu halten. Ich versuche nachzuweisen, daß Literatur etwas mit Ethos zu tun hat und der Schriftsteller ein ethisches Wesen ist.

Es ist also eine logische Folge, daß Sie sich während der Frankfurter Buchmesse zum deutschen PEN-Beauftragten von "Writers in prison" wählen ließen?

Für mich sind die Menschenrechte nicht teilbar. Deshalb müssen wir unsere Stimme für alle rassistisch, religiös oder ideologisch verfolgten Schriftsteller überall auf der Welt in die Waagschale werfen. Das ist eine moralische Pflicht. Wir tragen keine Waffen. Das wollen wir auch nicht. Wir haben nur das Wort. Und seine Kraft, wenn dahinter kompromißlos die Haltung der Humanitas steht.

Es gibt Stimmen, die monieren, daß die Gauck-Behörde einem Schriftsteller, noch dazu einem Betroffenen, und keinem Historiker, diesen Forschungsauftrag erteilt habe.

Den Auftrag habe ich mir selbst erteilt. Als durch das Gesetz die Möglichkeit gegeben war, stand ich als einer der ersten vor der Tür der Gauck-Behörde. Das kann jeder machen, der ein berechtigtes Interesse nachweist, auch jeder Historiker. Ich sehe die Aufgabe des Schriftstellers unter anderem darin, Chronist zu sein. Günter de Bruyn hat in seinem Geleitwort zur Buchpremiere geschrieben, daß hier eine intellektuelle Pflichtaufgabe übernommen wurde, die mit dem Aufhellen des Dunkels zu tun hat. Meiner Verantwortung war ich mir bewußt. Es mag problematisch sein, wenn jemand von seinen Emotionen getragen arbeitet. Das geht warscheinlich schief. - Genau so wie die Aktivitäten der Versöhnungsfraktion auf der anderen Seite. Übrigens ist Versöhnung ein falscher Begriff, weil Versöhnung etymologisch von Sühne kommt. Dazu muß die Schuld erst bekannt sein, also letztendlich: die Fakten müssen offen liegen, um darüber zu reden. Bislang war es ja so: Nach der Periode des Dunkels der Diktatur herrschte nach der Wende ein Nebel, in dem jeder mit seinen Vorurteilen herumstochern konnte. Jetzt erreichen wir eine Phase aufgeklärter Helligkeit, die es ermöglicht zu verstehen.

Das heißt, mit Ihrer Dokumentation über "Mielke und die Musen" ist dieses Kapitel Vergangenheit für Sie nicht abgeschlossen?

Nein, es gibt keinen Schlußpunkt, wie es auch zur NS-Forschung keinen Abschluß gibt. Ich habe lediglich einen Überblick gegeben, einen Anfang gemacht. Ich denke, daß der eine Grundlage darstellt.

Gibt es Aspekte in Ihrer Arbeit, die Sie selbst unbefriedigt gelassen haben?

Vor allem die an der Repression von Literatur beteiligten westdeutschen Partner der Staatssicherheit tauchen in meiner Arbeit nur schemenhaft auf. Dadurch entsteht der Eindruck, als gäbe es nur in Ostdeutschland diese Kollaboration. - Was eine gewisse einseitige Schuldzuweisung zur Folge hat. Es ist so, daß es auch in der westdeutschen Literaturszene, den Verlagen und Zeitungen, Kontakte zur Staatssicherheit gab. Außer Spuren ist es mir da aber nicht gelungen, Verbindungen nachzuweisen.

Lassen die durch die Staatssicherheit teilvernichteten und in Zirndorf wieder zusammengeklebten Akten da neue Aufschlüsse erwarten?

Möglicherweise werden noch einige Wahrheiten zutage treten. Aber die Hauptverwaltung Aufklärung hatte genügend Zeit, die wichtigsten Akten zu vernichten oder dem KGB zu übergeben.

Sie recherchierten eine Zahl von rund 1500 Inofffiziellen Mitarbeitern, die etwa 1000 Schriftsteller, Nachwuchs- und Szeneautoren in der DDR bespitzelten. Gibt es Anhaltspunkte für eine ähnlich flächendeckende Ausspähung des Literaturbereichs in den anderen sozialistischen Ländern?

Aus den Akten geht hervor, daß der KGB in ähnlicher Weise gearbeitet hat wie die Staatssicherheit. Es sind Fälle bekannt geworden, zum Beispiel der Lew Kopelews, OV "Kanaille", in dem DDR-Dichter gemeinsam mit dem MfS dem KGB zugearbeitet haben. Bei den polnischen und tschechoslowakischen Geheimdiensten habe ich den Eindruck, daß dort mit weniger Verfolgungseifer gearbeitet wurde. Beispielsweise gaben die Mitarbeiter der Staatssicherheit einen Überwachungsauftrag an die polnischen Genossen, einen Dissidenten in Warschau zu beobachten. Das haben die abgelehnt. Per Auftrag waren sie natürlich alle gleich. Aber in Polen und Ungarn wurde den Künstlern mehr Luft gelassen als in der DDR. Rumänien ist ein Sonderfall. Dort war der Geheimdienst das Instrument einer feudal-sozialistisch-absolutistischen Macht, die auf einen Mann zugeschnitten war.

Der Schriftsteller Kurt Drawert warf in der Neuen Züricher Zeitung die interessante Frage auf: "An welchem Schnittpunkt zwischen privatem und öffentlichem Leben, von subjektiver und objektiver Zwangslage konnte die Macht ins Innere des Einzelnen dringen und ihn für sich gewinnen?"

Der Widerspruch war, daß sich Literaten an der Unterdrückung von Literatur beteiligt haben und dazu natürlich eine Rechtfertigung brauchten. Ein Hauptmotiv war die Utopiegläubigkeit, eine Art Selbstverführung, die glauben machen wollte, es sei notwendig, einer Macht auch konspirativ zu dienen, die sich getreu dem Marxschem Weltbild durch das Reich der Notwendigkeit hin zum Reich der Freiheit bewege.

Das war das hehre Motiv...

- Und ein besonders DDR-spezifisches, das dafür herhalten mußte, die niederen zu rechtfertigen: Macht- und Karrieregelüste, Neid, Gewinnstreben. Das sind zunächst zeitlose Eigenschaften, die in jeder Gesellschaft zu finden sind. In der DDR war man bestrebt, die niederen Antriebe moralisch aufzuwerten. Interessant ist, daß von der Staatssicherheit selbst dazu geforscht wurde, wie man die niederen Motive der Zusammenarbeit "veredeln" könne. Grundlage dazu lieferte die sowjetische Ethik: Wer für den sogenannten Fortschritt handelt, handelt ethisch. Man sprach nicht von "Verrat" oder "Erpressung". Man fand neue Begriffe oder wertete sie um. "Erpressung" hieß bei der Staatssicherheit zum Beispiel "Wiedergutmachung".

Gab es Inoffizielle Mitarbeiter, die während Ihrer Forschungsarbeit auf Sie zugegangen sind?

Nein.

Welche Erfahrungen haben Sie mit denen gemacht, mit denen Sie das Gespräch gesucht haben?

So wie die Diskussion vorher gelaufen ist, war mir klar, daß die meisten ehemaligen IM und hauptamtlichen Mitarbeiter sich so lange mit angelegten Ohren in der Furche ducken würden, wie sie hoffen konnten, nicht entdeckt zu werden. Wenn sie dann entdeckt waren, kamen Sie meist mit der ganzen Litanei von "Ich habe keinem geschadet" bis "Die Akten lügen doch". Ich denke, jetzt, durch die Veröffentlichung, ist die Möglichkeit gegeben, daß sie sich nicht mehr bedeckt halten müssen, sondern daß sie frei reden können.

In Ihrer Untersuchung finden sich neue Erkenntnisse über die üble Rolle einiger Mitglieder und den Auftrag des DDR-PEN bei der Abschöpfung und Manipulation des bundesdeutschen und des internationalen PEN-Zentrums. Die Fakten geben den Kritikern eines blauäugigen Zusammenschlusses beider deutschen PEN sehr recht. Kennen Sie bereits Reaktionen auf Ihre Veröffentlichung, zum Beispiel von den Doppelmitgliedern?

Das Buch befindet sich in der Rezeptionsphase. Ich habe Reaktionen aus dem West- wie Ost-PEN erhalten, die die Arbeit anerkennen und die sich damit jetzt befassen. Ich hoffe sehr, daß es zur Versachlichung der Debatte beiträgt.

Nach dem Erscheinen des "Sicherungsbereich Literatur" bescheinigen selbst die Ihnen wenig Wohlgesonnenen eine sachliche Analyse statt Abrechnung und Herrschaftswissen. Ihre eigene Erfahrung mit den Herrschaftsinstrumenten der SED haben Sie fast völlig ausgeklammert. Deshalb im nachhinein: Welche Erfahrungen haben Sie mit der Kulturadministration und dem MfS in der DDR gemacht?

Ich habe mich nie als Opfer verstanden. Es gab einen gewissen Schutz durch Bekanntheit. Gegen junge Literaten, gegen die nachwachsende Generation, ist viel härter zugeschlagen worden. Es war so, daß ich zu DDR-Zeiten zunehmend mehr geahnt, aber nicht gewußt habe, was da abläuft. Wir haben wohl MfS-Maßnahmen vermutet, aber welchen Einfluß das Mielke-Ministerium auf die Literatur hatte, wurde erst durch die Akten ersichtlich. Dabei habe ich fünfzehn Jahre als Lektor gearbeitet, bis zu meiner Kündigung.

Weshalb?

Ich hatte mich 1982 gegen eine Zensurentscheidung gewandt, zwar spät, aber immerhin. Ein junger Schriftsteller vom Prenzlauer Berg hatte eine Geschichte eingereicht, die abgelehnt wurde, und ich sollte die Zensurentscheidung vor ihm vertreten, ohne die Zensur zu erwähnen. Das habe ich abgelehnt.

Und bei der eigenen literarischen Arbeit? Haben Sie als ein in zwei Operativen Vorgängen und einer Operativen Personenkontrolle Bearbeiteter eine Einflußnahme durch das MfS bemerkt?

So direkt habe ich die erst jetzt durch die Akten wahrgenommen. Damals hatte ich den Eindruck, das seien Funktionärsentscheidungen, auch wenn es darum ging, Textpassagen zu entschärfen. Nach und nach habe ich nach der Methode "Versuch und Irrtum" gelernt, was ich von diesem Literaturbetrieb zu halten habe.

Wie glaubhaft sind für Sie die gesammelte Spitzelprosa, die Situationsberichte, die Stasi-Informationen als Abbild für das Leben in der DDR?

Inzwischen gibt es Untersuchungen, die den hohen Wahrheitsgehalt der Akten bestätigen, vor allem der Informationen, die an die Parteiführung gingen. Das ist auch völlig logisch. Die Hauptspeise einer Geheimpolizei ist die Information. Und wenn die Hauptspeise keinen Nährwert hat, dann geht der Geheimdienst an Unterernährung ein. Etwas anders sieht es auf der Ebene der Informationsgewinnung aus. Natürlich waren die Berichte subjektiv gefärbt. Natürlich gab es Unstimmigkeiten, Übertreibungen, Unschärfen. Heute ist aber auch nachweisbar, daß wesentliche Informationen überprüft wurden. Dann stand unter der Information: "Die Quelle berichtete wahrheitsgemäß. Die Aussage wurde überprüft." - Manchmal durch drei oder vier andere "Quellen". Das größte Manko der Staatssicherheit war ihre ideologische Begrenztheit. Sie konnte die Dinge gar nicht richtig wahrnehmen, weil sie in ihrer reduzierten Weltanschauung einen eingeschränkten Blick hatte.

Durch die Veröffentlichung des "Sicherungsbereich Literatur" sind Sie einer der bekanntesten deutschen Autoren geworden. Belastet Sie das in Hinblick auf literarische Projekte?

Eigentlich nicht. Ich fühle mich nicht mehr belastet als vorher auch. Man steht immer unter Druck, wenn man etwas schreibt und sich der Kritik aussetzt. Man weiß vorher nie, wie die Öffentlichkeit reagiert. Daß sie in diesem Fall so aufgeschlossen reagierte, freut mich. So habe ich bei Diskussionen jetzt, nachdem das Buch da ist, den Eindruck, daß es leichter möglich wird, auf das Eigentliche zu kommen, nämlich auf das über das Faktische Hinausführende.

Das ist...?

Es geht ja nicht darum, daß wir an der Vergangenheit kleben. Aber um auf die Gegenwart und Zukunft zu kommen, müssen wir die Vergangenheit wahrnehmen und über sie reden, um wenigstens einmal aus der Geschichte zu lernen.

Bibliographie (Auszug):

"Pechkönig Till", Kinderbuch, Altberliner Verlag, Berlin/München 1990
"Risse im Eis", Roman, Hinstorff Verlag, Rostock 1990
"Protokoll eines Tribunals - Die Ausschlüsse aus dem DDR-Schriftstellerverband 1979", Dokumentation, Rowohlt, Reinbek 1991
"Kuddelmuddelkunterbunt und Außerordentlich", Kinder Buch Verlag, Berlin 1992
"Verlassenes Ufer", Prosa, Forum Verlag, Leipzig 1994

"Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik", Anaysen und Dokumente, Berlin (Ch. Links Verlag) 1996 (888 S., 68,00 DM)