Bundeskanzler Kohl konnte auf seiner Indonesienreise seinen "langjährigen Freund" Suharto umarmen, Marko Martin gelang es dagegen nicht, die Schriftsteller, die er in Jakarte besuchen wollte, auch nur zu sehen. Eine neue Repressionswelle verhinderte jedes Treffen mit ausländischen Besuchern.
Freiheit ist die Heimat und das Meer aller Stimmen
Fürchte sie nicht
Freiheit ist die Heimat des Dichters und des Wanderers
Fürchte sie nicht
Toto Sudarto Bachtiar
Es gab keine sanfte Annäherung an Indonesien; wir waren sofort mitten drin. Bereits im Flugzeug. - Spät in der Nacht ging das rote Signallicht, das alle Passagiere zum sofortigen Anschnallen aufforderte, über den Sitzen an, und eine übermüdete Stewardeß murmelte irgend etwas von "beträchtlichen Luftturbulenzen" ins Bordmikrophon. Auf der hell erleuchteten Leinwand sah man die Flugroute vor sich, wobei das Flugzeug als kleiner weißer Pfeil dargestellt war, der sich immer weiter östlich schob. Wir hatten den indischen Subkontinent bereits hinter uns gebracht, Madras und Hyderabad verschwanden langsam aus dem Blickfeld. Der weiße Pfeil zuckte jetzt beunruhigend über dem Golf von Bengalen hin und her. Was man auf der Leinwand sah, spürte man im gleichen Augenblick im Magen: der Jumbo sackte ab, schaukelte hin und her, in den Gepäckablagen klapperte es, während das Flugzeug langsam seine Balance wieder fand, nur um einige Sekunden später erneut in bedenkliches Schwanken zu geraten.
Mein in solchen Momenten üblicher Anfall von Todesfurcht wäre bestimmt noch schlimmer und schweißtreibender ausgefallen, hätte mich eine sehr entrückt wirkende Touristin nicht abgelenkt. Die junge hochgewachsene Frau mit den strähnigen Haaren strebte traumwandlerisch auf mich zu und fragte mich, ob sie einmal in meinen Reiseführer schauen dürfe. Unbeirrt von den Stürmen, die draußen durch die Luft fegten, stand sie im Gang des Flugzeugs und blätterte in meinem voluminösen Buch herum - ganz so, als befände sie sich im Seminarraum irgendeiner deutschen Universität. Dankbar für die Abwechslung, fragte ich sie, wie lange sie in Indonesien bleiben wolle. "Vielleicht ein halbes Jahr", sagte sie, wobei sie die Augen nicht von dem Buch ließ und selbstvergessen Asche von ihrer Zigarette wegkickte, die direkt auf meinen Jeans landete.
Sie schien von der Informationsfülle des Reiseführers - in der Tat waren hier von Borneo bis Timor alle Daten und Tips versammelt, wie sie sich bei langen Touren als nützlich erweisen konnten - überrascht und stellte mir einige Fragen, die wiederum mich überraschten. "Sind Sie sicher, wirklich ein halbes Jahr in Indonesien bleiben zu wollen?" fragte ich, erstaunt über ihre somnambule Blauäugigkeit. "Aber total", antwortete sie, während wieder ein Rest Asche auf meine Hosen fiel, "Europa kotzt mich an, der ganze Streß da, die Denkweise der Typen dort, der Verkehr ..." Ich verkniff mir die Frage, weshalb sie bei soviel Zivilisations-Ekel nicht gleich mit einem Kanu nach Indonesien, immerhin eines der bevölkerungsreichsten Länder der Erde, gereist sei. Statt dessen beschloß ich, das vorzunehmen, was ich immer - vielleicht in gnadenloser Verkürzung - den demokratischen Lackmus-Test nenne: Ich fragte sie nach der Revolte im Juli, als Arbeiter und Studenten in Jakarta auf die Straße gingen, um gegen die Schikanen zu protestieren, die sich das Suharto-Regime gegen die demokratische Oppositionspolitikerin Megawati ausgedacht hatte. Die Regierung sprach nach den Unruhen von offiziell fünf Toten, Menschenrechtsgruppen nannten zwanzig mal so viele Opfer, Gewerkschafter wurden inhaftiert, junge Studenten "verschwanden".
"Mein Gott, Java", sprach das euromüde Mädchen. "Dort ist es immer überfüllt. Ich such' mir ein ruhiges Plätzchen auf Sumatra. Meditation und so." Die Dame gab das Buch zurück, das Flugzeug drang nun in ruhigere Gefilde vor, und ich entdeckte meine Sympathie für die längst ausgestorbene Spezies der Revolutionstouristen. Mochten sie auch einseitig gewesen sein, ideologisch blind und voller romantischer Illusionen; ihr soziales Gerechtigkeitsempfinden, wie naiv auch immer, war sicher auch ein guter Schutz gegen derlei pseudo-spirituelle Ego-Trips gewesen. Meditation und so...
Die nächste Lektion erfolgte im Taxi, das uns vom Flughafen Sukarno-Hatta hinunter ins Zentrum von Jakarta brachte. Wir waren schon über das Stadium normaler Müdigkeit weit hinaus und fanden uns in einer Art schmerzender Wachheit wieder, wo jeder Eindruck, jede Geste und jedes Wort mit einer Intensität aufgenommen wird, die den Kopf jedesmal zum Zerspringen zu bringen droht.
In erschreckend deutlichen Konturen sahen wir die hellerleuchteten Bankgebäude, die sich auf beiden Seiten der Schnellstraße in den nachtdunklen Himmel streckten, spürten, wie sich grelle Werbeaufschriften in die Netzhaut ätzten, und atmeten den Geruch, der durchs offene Taxifenster drang: mal süßliche, mal faulige Tropenmischung, die wir auf der Zunge wiederzufinden glaubten. Es war drei Uhr morgens in Jakarta, und der Taxifahrer lachte. Ein hartes, schrilles und unfrohes Kichern, das mir bis heute in den Ohren gellt.
Nach ein paar beiläufigen Fragen, die er zweifellos stellte, um unsere Vertrauenswürdigkeit zu testen, gab er uns eine Stadtkunde der besonderen Art: zu jedem der hochmodernen Glasbauten wußte er eine Geschichte und erzählte, welcher Suharto-Sprößling oder welches Mitglied der Herrscherkaste hier Profit abschöpfte. "If you are friend of president or his family - no tax, no problem", sagte er und lachte wieder los. Es war nicht ganz klar, ob er empört die Korruption anklagte oder schlicht neidisch war - jedenfalls hatte er nichts von dem an sich, was europäische Asien-Experten immer dann als "natürliche östliche Demut" verkaufen, wenn sie angesichts der autoritären Regimes in dieser Region in Erklärungszwang geraten. Unser Taxifahrer besaß nicht weniger kritische Wachheit als seine Kollegen in Berlin oder Paris, nur war sein Radius reduzierter - immer wieder blickte er in den Rückspiegel und zeigte mit der linken Hand auf den Innenraum seines Wagens, um uns zu bedeuten, daß er nur hier frei sprechen könne.
Von ihm erfuhren wir, was nun seit einigen Wochen auch die internationalen Schlagzeilen beherrschte, nachdem Indonesien jahrelang während seiner vermeintlichen Stabilität und des in der Tat beeindruckenden Wirtschaftswachstums gepriesen worden war: das System stagniert, der alte Autokrat Suharto zementiert seine Herrschaft. Die Tochter - Vorsitzende des Indonesischen Roten Kreuzes -, der Schwiegersohn - Brigadegeneral -, während sich andere Söhne die Fluggesellschaft Sempati unter den Nagel gerissen haben und das Immobiliengeschäft beherrschen. Wenn es dergleichen in Europa gibt, darf darüber gesprochen und dagegen protestiert werden, während wir hier in Jakarta am nächsten Tag im Hotel eine der regierungskonformen englischsprachigen Zeitungen aufschlagen und lesen, was der Minister für innere Sicherheit befiehlt: "Nepotism" sei kein Thema. "If there are any critics - Pancasila", kicherte der Taxifahrer orakelhaft. "Pancasila" ist der Name für die indonesische Staatsideologie, die 1945 bei der Republikgründung von Präsident Sukarno ins Leben gerufen wurde. Ihre fünf Grundprinzipien - nationale Einheit, Humanität, Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Glaube an einen Gott - sind längst zu einem Vorwand verkommen, jede Kritik am Regime mundtot zu machen. Im Laufe unserer Reise sehen wir immer wieder Pancasila-Spots im Fernsehen, die zu "Disziplin" aufrufen, während der ergraute und überall präsente Suharto die Juli-Revolte als "Angriff gegen die Pancasila" verurteilt. Kommunistische Unterwerfungsforderungen in einem strikt antikommunistischen Land.
Wir bogen von einer breiten Hauptstraße nach rechts ein, wo sich unser Hotel befand. "Vor ein paar Wochen ist hier noch geschossen worden, als Demonstranten das Hauptquartier der PDI besetzten, um gegen den Rausschmiß von Megawati zu protestieren." "Wir haben in Europa davon gehört", sagten wir. "Glauben Sie nicht den offiziellen Todeszahlen. Ich weiß, daß es mehr waren", sagte der Fahrer, kicherte und öffnete uns dann unter devoten Verbeugungen die Tür, während ein Hotelboy das Gepäck entgegennahm. Mit welchen Scheuklappen muß man wohl durch ein Land gehen, um zu dekretieren, Demokratie wäre nur etwas für "uns Europäer", Asiaten dagegen bevorzugten "andere Traditionen"? Am Lachen dieses kleinen, für uns namenlos gebliebenen Mannes zerschellt alles werterelativistische Geschwätz.
Jakarta ist häßlich, eine Neun-Millionen-Metropole, in die jedes Jahr 200.000 neue Zuwanderer strömen, Landflüchtlinge mit der kleinen Hoffnung auf Arbeit und bescheidenen Wohlstand.
Tropenhitze und Abgasgestank mischen sich auf den Straßen, während Stoßstange an Stoßstange der Verkehr vorbeirollt, Millimeter für Millimeter; stockend und endlos. Die von der holländischen Kolonialmacht aus Amsterdam-Nostalgie angelegten Kanäle, die vor über zweihundert Jahren die Malaria in die Stadt Batavia brachten, sind im modernen Jakarta nun stinkende Kloaken geworden, öffentliche Müllkippen, über denen Moskitos ihre Kreise ziehen. Überfüllte öffentliche Busse hupen, todesmutige Bajaj-Fahrer schieben sich vor Lasttransportern in winzige Lücken, Kinder in abgerissenen Kleidern bieten Mineralwasserflaschen für ein paar lumpige hundert Rupiah feil, herausgeputzte Krawattenträger verschwinden mit ihren Handys in dunkelverhangenen Luxuslimousinen mit air condition ...
Die Stadt ist der gleiche menschenverschlingende Moloch geblieben, als der sie schon in den fünfziger Jahren von Mochtar Lubis, dem Doyen der indonesischen Gegenwartsliteratur, in seinem Roman Dämmerung in Jakarta in schockierendem Realismus beschrieben worden war. Ihn, den berühmten Autor, zu treffen, bin ich hier.
Eine Lektorin des Bonner Horlemann-Verlages - der deutschen Adresse schlechthin für indonesische Literatur - hatte mir einige Adressen von Schriftstellern mit auf den Weg gegeben. Ich hatte zu Hause die Romane von Mochtar Lubis, Rendras Gedichte, die Essays Goenawan Mohamads und die Kurzgeschichten der jungen Leila Chudori gelesen und war beeindruckt von ihrer sprachlichen Kraft und moralischen Courage.
Ein Indonesienaufenthalt, der auf die javanische Sultansstadt Yogya mit all ihren hinduistischen und buddhistischen Tempeln in der Umgebung, auf die paradiesischen Inseln Bali, Lombok und die Molukken beschränkt gewesen wäre, hätte etwas Unvollständiges an sich gehabt.
Man hatte mich gewarnt, daß es Probleme geben könnte: Das, was die indonesische Regierung "Wahlkampf" nennt, war in die erste Phase getreten. Gerade hatte die Jakarta Post ein offizielles Kommuniqué abgedruckt, das alle drei zugelassenen Parteien zur "Höflichkeit" mahnte und aufforderte, "gegenseitige Angriffe" zu unterlassen. Die Regierungspartei GOLKAR hält, unabhängig vom Wahlergebnis, zusammen mit dem Militär 70 Prozent der Sitze in der "Beratenden Volksversammlung". Den Rest dürfen sich die muslimische PPP und die christlich-demokratische PDI teilen. Obwohl es diesen beiden Parteien verboten ist, außerhalb der Städte für sich zu werben, befindet sich das Regime in dauernder Panik. Im Juni wurde die populäre PDI-Vorsitzende Megawati, eine Tochter des Republikgründers Sukarno, auf Geheiß der Regierung durch innerparteiliche Rivalen von ihrem Posten verdrängt, was dann zu den blutigen Unruhen am 22. Juli führte.
Nicht die beste Zeit, sich mit kritischen Intellektuellen zu treffen. Entsprechend erfolglos meine Versuche: Das Telefon der Intellektuellen-Initiative Yayasan Lontar ist abgeschaltet, desgleichen der Anschluß von Rendra, Indonesiens populärstem Lyriker, der trotz Repressionen und zeitweiliger Haft Tausende Zuhörer aktivieren kann, wenn wieder einmal eine seiner öffentlichen Lesungen angekündigt ist.
Wir sitzen in einem europäisch eingerichteten Hotel mit Minibar und air condition, im Fernsehen lauschen irgendwelche mausgrauen Delegierten einer der endlosen Reden des Präsidenten, und aus dem Telefonhörer klingt nichts als ein schrilles Pfeifen.
Nur im Büro des Publizisten Goenawan Mohamad meldet sich eine Sekretärin - freilich nur, um bedauernd mitzuteilen, daß ihr Chef gerade nicht erreichbar sei. Sie fragt weder nach meinem Namen noch nennt sie mir einen möglichen Alternativtermin. Ich muß überlegen, ob es vernünftig ist, zu insistieren; einerseits möchte ich den Kolumnisten des erst kürzlich verbotenen Magazins TEMPO gerne kennenlernen, andererseits riskiert er und nicht ich, sich Schwierigkeiten einzuhandeln - die Berichte in der Jakarta Post über kurzzeitig festgenommene Studenten, denen man auf der Insel Sulawesi "subversive" Diskussionen mit einem amerikanischen Universitätsprofessor vorwarf, waren abschreckend genug.
Wir könnten im Zweifelsfall mit unseren westeuropäischen Pässen wedeln, was aber ist mit jenen, die dieses Privileg nicht besitzen? Ohne größere Unruhe stellten wir später fest, daß jemand während unserer Abwesenheit im Hotel das Gepäck inspiziert haben mußte. Auch der zwielichtige junge Mann, auf den wir dann in Yogya "zufällig" immer wieder stießen, jagte uns alles andere als Schrecken ein: sein Französisch war zu bemüht, sein Versuch, uns regierungskritische Fragen zu entlocken, zu plump. Als in der DDR Aufgewachsener genoß ich die faktische Immunität, die uns als westliche Ausländer umgab, das Glück, nicht mehr wehrlos zu sein. Wie aber müssen sich jene fühlen, die in Indonesien versuchen, die Gesellschaft zu demokratisieren, während alle Welt nur gebannt auf das Wirtschaftswunder in diesem ehemaligen Dritte-Welt-Land blickt und vor lauter Achtung vor dem ökonomischen Aufschwung nicht die Repression und Angst sehen will?
In Jakarta prallen die Widersprüche aufeinander. Wir nehmen unseren Lunch im legendären Café Batavia ein, einem im Kolonialstil eingerichteten Restaurant direkt am idyllischen Alten Rathausplatz, den eindrucksvolle Gebäude aus der Zeit der Holländer säumen.
Topfpalmen flanieren den Eingang, die langgestreckte Theke vor der Bar ist noch eine verwaiste Messingfläche, über die Staubkörner im Dämmerlicht tanzen. Vor einer Sitzgruppe aus weinrotem Plüsch warten mattglänzende Musikinstrumente auf das Rampenlicht des Abends, während ein älterer Kellner im Smoking und gebeugter Haltung vor uns auftaucht, um den Weg über die breite, teppichbesetzte Treppe hinaus in die erste Etage zu weisen.
Ein weiträumiger Saal, blank gebohnerte Dielen, Butzenglasscheiben in den hohen, länglichen Fenstern und träg vor sich hinsummende Ventilatoren an der mit verzierten Holzquadraten geschmückten Decke. Ein Kellner bringt eine Karaffe eisgekühlten Wassers und ein kleines Bastkörbchen mit Toast, Butter und zwei blitzenden Silbermessern - die üblichen Hinweise also auf eine Speisekarte, die wenig Speise zu hohen Preisen verspricht. Wir werden nicht enttäuscht und starten wenig später dann auf den großen Tellern eine Suchaktion nach kleinen pikanten Fleischstückchen, winzigen Kopfsalatblättern und noch winzigeren Reiskörnern. Das Ambiente aber entschädigt uns für alles.
Die Wände des Restaurants sind über und über mit Fotos behängt, geschmackvolle Schwarzweiß-Aufnahmen, manche mit leichtem Braunstich im Stil der frühen Daguerreographien. Da wir bereits die Masche kennen, noble Abzocker-Kneipen zwecks Gäste-Fang mit einem Touch von Mondänität und Pseudo-Kultur zu überziehen, inspizieren wir die Bilder zuerst mit Mißtrauen.
Auch im Café Batavia dürfen nicht die banalen James-Dean- und Marilyn-Fotos fehlen, auf denen sich die Stars ebenso verzweifelt wie hoffnungslos bemühen, Sinnlichkeit mit dem Anschein intellektueller Nachdenklichkeit zu verbinden. Doch dabei bleibt es nicht. Graham Greene, ziemlich grämlich in Antibes; Tom Wolfe dafür um so aristokratischer im weißen Anzug, mit einem edlen Windspiel zu seinen Füßen; Sir Winston mit Pokermiene und riesiger Zigarre; Truman Capote auf der Montague Terrace in Brooklyn Heights und Gore Vidal vor einem herrschaftlichen Landsitz.
Dieses Restaurant kann in der Tat für sich in Anspruch nehmen, die schönsten, und das heißt in diesem Fall: die kultiviertesten, Toiletten der Welt sein eigen zu nennen: Annie-Leibovitz- und Herbert-List-Aufnahmen an den Kabinenwänden aus schwarzem Mahagoni, Bilder voll latenter Erotik. Kleine Goldschildchen - manchmal von zu leidenschaftlichen Liebhabern schon abgeschraubt - nennen in der linken unteren Ecke des Holzrahmens die Namen der hier Verewigten. Die Jugend-Porträts von Joe Orton, E. M. Forster, Stephen Spender, Christopher Isherwood und Edmund White lassen weder Zweifel an der Belesenheit noch an der sexuellen Präferenz des Hausherren zu. Die daneben gehängten Fotos von Ronald Reagan, Roosevelt und de Gaulle, nicht zu vergessen den wie stets heroisch und intrigant in die Kamera blickenden François Mitterrand, wirken in diesem illustren Zusammenhang wie ein besonders gelungener Scherz. Diskret und very gentlemanlike.
Bevor wir das Restaurant verließen, wählte ich am Telefon im Erdgeschoß Mochtar Lubis' Nummer. Ich war überrascht, ihn sofort am Apparat zu haben und seine Stimme - sehr freundlich, sehr zögernd - zu hören. Ich stellte mich vor, nannte einige Namen aus Deutschland, die der alte Herr mit einem freundlichen "Oh yes" kommentierte, und fragte ihn, wann wir uns treffen könnten. Eine lange Pause. In der Leitung war nichts als ein Rauschen. "But I can't see you", sagte Mochtar Lubis nach einer Weile leise, wobei er I und you deutlich betonte. Das konnte kaum anderes als Hausarrest, als Observation durch die Polizei bedeuten. Was sagt man in solchen Augenblicken, wenn damit zu rechnen ist, daß Dritte mithören.
Wir denken an Sie, wir wünschen Ihnen Kraft ... Worte, die nichts als Worte bleiben in solchen Momenten von Ohnmacht. Wo ist die nächste Zeitungsredaktion, wo man in einer Kolumne für den Autor eintreten könnte, wo ein Rundfunksender, der einen kurz - zwei, drei Minuten für einen gegängelten Schriftsteller - zu Wort kommen ließe? Nirgendwo. Das letzte Mal hatte ich diese Gefühle in der DDR gehabt. Naiv, anzunehmen, daß sie nie wiederkehren würden, nur weil irgendwo in Europa irgendeine Mauer gefallen war. Das alte Spiel geht woanders weiter, und wer die Spielregeln bestimmt, hat wenig Lust, sich dabei kritisieren zu lassen.
Der 1922 geborene Lubis hatte bereits in den fünfziger Jahren unter Sukarno Probleme bekommen. Er hatte an die unschöne Tatsache erinnert, daß der erste, mittlerweile auf Lebenszeit ernannte Präsident während des Zweiten Weltkrieges zur Unterstützung der japanischen Okkupanten aufgerufen hatte, weil er sich von ihnen eine Schwächung des holländischen Kolonialsystems versprach. Die Folge: viereinhalb Jahre Hausarrest für den Schriftsteller. Gleichzeitig war er als Verfechter des Ideals eines "Universalen Humanismus" wüsten Angriffen der Kulturorganisation LEKRA ausgesetzt, eines Sprachrohrs der damals sehr einflußreichen Kommunistischen Partei. 1974 - mittlerweile herrschte in Indonesien die "Neue Ordnung" des Generals Suharto - verdächtigte man ihn als Sympathisanten der Sozialistischen Partei und sperrte ihn ohne Gerichtsverfahren für mehrere Monate ins Gefängnis.
In seinem Roman Straße ohne Ende läßt er einen jungen Studenten sagen: "Für mich ist das Individuum das Ziel, nicht das Instrument, um Ziele zu erreichen." Der Gandhi-Anhänger Mochtar Lubis, Schriftsteller und Journalist, ist dieser Maxime bis heute treu geblieben.
Wir liefen am Kali Besar, dem "Großen Kanal", vorbei in Richtung Norden, um uns am Hafen Sunda Kelapa die hohen Segelschiffe aus Sulawesi anzusehen. Wir drängten uns durch das Gewühl von Kleinhändlern und Marktfrauen, lehnten lächelnd die uns feilgebotenen T-Shirts, schadhaften Kassetten, Brathähnchen und schwarzfleckigen Mangos ab, und bekamen irgendwann eine trockene Kehle, nachdem wir zum hundertsten Mal auf die Frage "Where do you come from?" geantwortet hatten. Überdies begann die Sonne, die eben noch ihr gleißendes Licht auf die Erde geworfen hatte, langsam zu sinken. Wir wollten vor Einbruch der Dämmerung wieder im Hotel sein und bestiegen einen Bajaj.
Diese kleinen Motorroller haben hinten Platz für zwei Personen und jagen in halsbrecherischem Zickzackkurs durch enge Straßen, die so verstopft sind, daß ein Durchkommen eigentlich unmöglich sein müßte. Der Fahrer hupte, bremste mit verzerrtem Lächeln vor einem Armeelastwagen, der sich einfach die Vorfahrt erzwungen hatte, und schob sich ein Tuch vor Nase und Mund. Vorher mochte es einmal weiß gewesen sein, jetzt war es nichts als ein dunkler, zerschlissener Fetzen Stoff. Auch die Taschentücher, die wir uns als Schutz gegen die infernalisch verschmutzte Luft vor die Nase hielten, waren in einigen Minuten grau, als wäre Ascheregen auf sie niedergegangen. Die Sonne war jetzt nur noch ein roter Ball im Abgasgestank. Hoch oben auf den Hochhäusern blitzten die ersten Neon-Reklamen auf, und neben der Fahrbahn brutzelten Fleischstückchen auf niedrigen, qualmenden Feuerstellen.
Das war offensichtlich nicht die übliche Touristenroute. Wir fuhren durch Slums, in denen sich kleine Kinder mit räudigen Hunden auf Abfallbergen balgten, wo Frauen - das Baby in einem Tuch auf dem Rücken, die Schale mit Bananenstauden auf dem Kopf - ihrer mühseligen Tagesarbeit nachgingen. Wenn der Verkehr wieder einmal stockte und der Bajaj halten mußte, streckten sich uns spindeldürre Arme und Hände entgegen, die uns Sprite oder Erdnüsse anbieten wollten. Die Gesten waren bittend, niemals aggressiv. Während unseres gesamten Aufenthalts in Indonesien wurden wir niemals um Geld angebettelt, stets ging es darum, irgendeine Kleinigkeit zu erstehen, die dem Verkäufer seinen kargen Lebensunterhalt sichern würde. Um aus dieser asiatischen Höflichkeit die Tatsache zu folgern, daß die Menschen hier aufgrund ihrer Tradition Armut leichter ertragen könnten - dafür mußte man schon ein äußerst abgebrühter Europäer sein. Von den langmähnigen Traveller-Touristen, immer auf der Suche nach dem spirituell Ursprünglichen, entdeckten wir übrigens auf unserem Weg durch die Slums keinen einzigen.
Dann blieben die niedrigen Bambushütten auch schon wieder zurück, und Tausende und abertausende Menschen, deren Gesichter wir nie sehen und deren Geschichten wir nie erfahren würden, blieben unsichtbar hinter uns. Ebenso unsichtbar wie jene Gestalten, von denen uns der Taxifahrer berichtet hatte: Obdachlose, die unter den Brücken hausten und zu Beginn der Regenzeit nicht selten im Schlaf von stürzenden Wassermassen übermannt und wie lebloses Treibholz weggespült wurden.
Das Hyatt-Hotel leuchtete, nun, da es völlig dunkel geworden war, aus tausend kleinen Fensterzellen, während sich über der glänzenden Wasserfontäne auf dem Vorplatz Drahtseile spannten. Sie stützten eine Statue - heroische Soldaten im Kampf gegen die Holländer, in ihren Haltungen erstarrt seit Jahrzehnten. Vor den Banken, die sich in ihren gläsernen Fassaden selbst spiegeln, standen Militärs wie Zementblöcke; ganz so, als wollten sie noch dem Naivsten deutlich machen, daß Marktwirtschaft sehr wohl auch ohne Demokratie durchführbar ist, Kommerz ohne Kompromisse.
Diese Stadt macht angst. Wer sie erlebt hat, wird die Bücher eines Mochtar Lubis oder einer Leila Chudori mit anderen Augen lesen. Die Kälte des Asphalts, die Brutalität der Scheinwerfer, die über die nächtliche Stadt zucken - das ist nicht das Vorurteil blasierter Zivilisationskritiker, sondern bittere Realität. Mit einer Stadt im europäischen Sinn hat Jakarta ohnehin nur die Mode-Insignien gemeinsam. Es gibt keine Boulevards, auf denen sich flanieren ließe, keine Abstufung zwischen schwerreich und bitterarm; die Stadt als Ort gelebter Demokratie und permanenten Diskurses, als Ort mühsam ausbalancierter Interessengegensätze und Wünsche - nichts davon in Jakarta. Vielleicht erschreckt uns deshalb auch die sogenannte "Dritte-Welt-Prosa" so sehr, befremdet ihr zolascher Naturalismus, ihre überdeutliche Symbolik, das nicht zu knappe Pathos - melancholische Nuancen für beschauliche Lektüre-Nachmittage bietet sie nicht. Sie beschreibt das, was ist; und was ist, ist alles andere als amüsant. Das Individuum, reduziert auf die Rolle des verbittert Schweigenden, der an seiner eigenen Angst erstickt, oder auf die des kohlhaasschen Empörers, der Kopf und Kragen riskiert; widerwärtige Alternativen sie beide. Die moderne indonesische Literatur beschreibt sie schonungslos.
Wieder angekommen im Hotel, versuchte ich erneut, Goenawan Mohamad zu erreichen. Seine Sekretärin scheint jetzt über mein Ansinnen, ihn treffen zu wollen, regelrecht entsetzt. "But Mr. Mohamad is too busy at the moment", sagt sie hektisch und legt, noch ehe ich etwas entgegnen kann, sofort wieder auf. Ich hätte den fünfundfünfzigjährigen Publizisten gern getroffen, in dem kleinen Büro, in dem man ihn nach dem Verbot von TEMPO noch arbeiten läßt. Suharto grollte dem widerständigen Blatt schon lange; als dort ein Bericht über den Kauf ehemaliger NVA-Schiffe erschien, war die Grenze des Erlaubten überschritten. "Die Deutschen kriegten das Geld", sagte Mohamad vor einiger Zeit zu ausländischen Korrespondenten, "aber wir wurden verboten."
Goenawan Mohamads Essays sind auch in Deutsch erschienen, meisterhafte Beispiele für die demokratische Reife der indonesischen Opposition. Bereits unter Sukarno war der Journalist auf die schwarze Liste gekommen, weil er gegen die kommunistische Theorie und den Import des "Sozialistischen Realismus" argumentierte. "Verworrene marxistische Rhetorik voller Haß auf den Westen, die der faschistischen Ausdrucksweise der Japaner in nichts nachsteht", bescheinigte er der damaligen Kulturpolitik. Das Ende der Sukarno-Ära erlebte er als Befreiung. General Suharto, der 1965 die Macht an sich riß - während der Monate des Machtwechsel wurden mehr als eine halbe Million Menschen ermordet und hunderttausende jahrelang in KZs interniert - hatte zwar als rabiater Antikommunist die Unterstützung der Amerikaner, war und ist aber alles andere als ein Demokrat. Goenawan Mohamad blieb kritisch. Wie er unter den Augen der Diktatur ebenso listig wie integer die Universalität der Menschenrechte einklagt, wie er den Mauerfall 1989 als Symbol der Vergänglichkeit von Diktaturen interpretiert - das kann keinen Leser unberührt lassen. Kürzlich erklärte Roman Herzog in der Zeit: "Für hungrige Menschen hat ein Recht wie die Meinungsäußerung zwangsläufig geringere Bedeutung als für satte." Goenawan Mohamad, der sich soziale Rechte nicht ohne das politische Recht, sie zuvor einzufordern, vorstellen kann, dagegen schreibt: "Freiheit mag wohl dazu führen, daß die Gerechtigkeit bedroht wird; doch gibt es ohne Freiheit auch keine Gerechtigkeit."
Die Bilder in den Zeitungen, die wir morgens beim Frühstück im Hotel sehen, sprechen eine andere Sprache. Der australische Premierminister Howard beim Händeschütteln mit Suharto, seine Beteuerung, daß es "Einmischung in innere Angelegenheiten" nicht geben würde - und eine Seite weiter eine dürre Notiz über die gewaltsame Schließung eines Oppositionsbüros. Gleichzeitig protestiert die australische Hafenarbeitergewerkschaft gegen die Verhaftung und Verschleppung ihrer indonesischen Kollegen - demokratische Wachheit von unten.
Auf der Königsebene der roten Teppiche hat sich dagegen nichts geändert. Während Howards Staatsbesuch blickt sein penibel gemaltes Porträt Seite an Seite mit Suharto auf die Straßen von Jakarta herab; ein Kungeln und Verbrüdern mit Massenmördern, wie es noch die schändlichsten westlichen Anbiederungen an den Ostblock vor 1989 übertrifft. Präsident Suharto bei einem Klinikaufenthalt im deutschen Bad Oeynhausen, besucht von Helmut Kohl, die die Jakarta Post abgelichtet und mit der Unterschrift versehen hat: "Good old friends". Der Demokrat und der lächelnde Killer, dessen Schreckensregime allein auf Osttimor Hunderttausende Menschenleben forderte. Oder indonesische Foltergeneräle, die bei der GSG 9 ausgebildet wurden, zusammen auf einem Foto. Müssen normale Wirtschaftsbeziehungen mit anderen Staaten stets die Verbrüderung mit Tyrannen im Gefolge haben - vielleicht sogar in der naiven Annahme, sie zu "zähmen"? Es scheint, als hätte der Westen seine Fähigkeit, sich selbst etwas vorzugaukeln und erklärte Demokratieverächter zu Partnern oder gar "Freunden" hochzupäppeln, mühelos über das Jahr 1989 und den Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen hinübergerettet.
Letztes Bild vor unserem Abflug auf die Molukken: das Hard Rock Café. Wie in aller Welt leuchten die gelben Lettern in einem weißen Kreis, wie überall tragen die Kellner in forcierter Anpassung Hippie-Pferdeschwänze und nehmen mit gespielter Lockerheit die Bestellungen auf, meist Hamburger, Sandwiches und Coca-Cola light. Die jeunesse dorée ganz Jakartas ist hier versammelt, androgyne Mädchen als Kate-Moss-Verschnitt, junge Aufsteiger, wichtige Nichtigkeiten in ihre Handys quasselnd. Auch westliche Touristen fühlen sich hier sichtlich wohl und lauschen versonnen den Springsteen-Songs aus dem Lautsprecher. Man feiert das behagliche Leben unter kühlenden Ventilatoren, läßt die Hitze und die Armut und den Gestank der Stadt hinter sich. Eiswürfel klirren, Gelächter brandet auf. Indonesien ist ein aufstrebendes Land, ein Mekka für Investoren. Die Bilder der Slums, die Schicksale der Gefolterten und Ermordeten - vergessen und verdrängt. Die angsterfüllte Stimme von Mochtar Lubis - nichts als ein Rauschen in der Leitung.
Literatur:
Mochtar Lubis: Dämmerung in Jakarta, Roman
Mochtar Lubis: Straße ohne Ende, Roman
Rendra: Weltliche Gesänge und Pamphlete
Ramdhan K. H. (Hrsg.): Gebt mir Indonesien zurück! Eine Anthologie
moderner indonesischer Lyrik
Goenawan Mohamad: Am Rande bemerkt ... 35 Essays
Leila Chudori: Die letzte Nacht, Kurzgeschichten
(alle Titel im Horlemann Verlag Bonn)
Außerdem beim Horlemann Verlag erschienen:
Zuhause, wo der Pfeffer wächst. Ratgeber Indonesien - Auf
knapp 250 Seiten werden Land, Leute und Geschichte vorgestellt,
dann die Reisevorbereitungen getroffen und in das "Ankommen"
eingeführt. "Gesund bleiben" und "Leben in
der neuen Kultur" stehen vor den Eindrücken "Jenseits
der Metropolen", wo man "Indonesien entdecken"
kann. Schließlich erfährt man noch etwas über
"Deutsch-indonesische Ehen" von der Gruppe "DIANA".
- Mit Tips und Abbildungen: 24,00 DM