Die Europäische Verlagsanstalt hat mit den "Duographien" eine sehr reizvolle Reihe entwickelt, in der eine Zeit im Spiegel zweier Persönlichkeiten festgehalten wird. Die Idee ist nicht neu, nur vergessen: Sie stammt aus dem Hellenismus; Plutarch hatte schon eine doppelte Biographie über "Alexander - Cäsar" geschrieben. Bei der EVA sind bisher in hübsch ausgestatteten schmalen Bänden - Umfang: unter 200 Seiten - unter anderen Bücher über Thomas und Heinrich Mann oder Stalin und Roosevelt erschienen, und der angeregte Leser denkt spontan an andere Paare, zum Beispiel Sartre und Camus, Hans-Jürgen Krahl und Theodor W. Adorno. Jürgen Miermeister hat jetzt eine Duographie Ernst Bloch - Rudi Dutschke vorgelegt.
"Für uns war er ein König und ein Vater", sagte Dutschke 1977 auf der Beerdigung Ernst Blochs. Ich hörte seit 1965 im Philosophischen Seminar Tübingen den großen alten Weisen, ein erblindender Mann mit schlohweißen Haaren, der mit seiner "Orgelstimme" (Walser) in die Tiefen der Philosophiegeschichte eintauchte - ein jüdischer Patriarch. Ich wußte, daß wir Bloch-Schüler im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) als "philosophische Seiltänzer" belächelt wurden, und Ernst Blochs Werk ist vor seinem Tod nie wirklich tief in die Neue Linke eingedrungen. "Aufrechter Gang", "Prinzip Hoffnung" - das sind Worte, mehr noch: Denkabbreviaturen, die als Parolen Eingang in sozialistische Kampfreden fanden, später auch in bürgerlichen Feiertagsansprachen vorkamen, aber als Schmonzes (leeres Geschwätz), nicht als docta spes, als die sie gedacht und aufgeschrieben waren. Die stärkste Kritik an Bloch kommt von Günther Anders. Er zog der "Hofferei" Blochs stets einen Samuel Beckett vor, der der Apokalypse ins Angesicht schaut. Der große Lehrer der Studenten in der Revolte war Herbert Marcuse, nicht Ernst Bloch. Dutschke: "Herbert Marcuse drückte das Moment der internationalen Dimension der sozialen Befreiung aus, darum sein so scheinbar überraschender Einfluß." Ich glaube nicht, daß diese Erklärung stimmt. Es war nicht die internationale Dimension, sondern eher die persönliche, die der Triebstruktur, welche Marcuse in der Revolte Gehör verschaffte. Und der greise Philosoph aus Tübingen war der geliebte und verehrte Mitkämpfer, seit er 1966 mit dem Gewerkschafter Brenner in Frankfurt/Main gegen die Notstandsgesetze sprach. Bloch war immer präsent, wenn er gebraucht wurde: bei den Protesten gegen die Intervention der Sowjets in der CSSR, gegen die Berufsverbote, sogar noch nach dem Tod des hungerstreikenden Holger Meins aus der Roten Armee Fraktion (RAF). Bloch war der bewunderte Kämpfer, der sich nie in den opportunistischen Winkel zurückzog. - Miermeister erzählt die Vita des Philosophen, der mit Ach und Krach das Abitur bestand. "Sie, Bloch, und Philosophie? Dazu sind Sie viel zu dumm!" teilt der Direktor kurz angebunden dem Abiturienten mit. Tatsächlich wurde der Student Bloch schon im sechsten Semester promoviert. Seine Stationen: München, Berlin, Heidelberg. In Berlin begegnete er Georg Simmel, dem Philosophen mit der "Lust zur Abschweifung" (Miermeister), in Heidelberg Georg Lukács, der Blochs Stil eine Mischung aus Hebbels Schatzkästlein und Hegels Phänomenologie nannte.
Sein Hauptwerk Prinzip Hoffnung schrieb Bloch im Exil, in den USA. Jene Heimat, "worin noch niemand war", hat Bloch nach dem Krieg mit aller Zukunftshoffnung am ehesten in der DDR gesehen. Als er nach Deutschland zurückkehrte, war die Universität Leipzig sein Ziel. Miermeister versäumt nicht, jenen fragwürdigen, eindeutigen Satz Blochs von der "selbstverständlichen Treue zur Sowjetunion auch zur Zeit der Moskauer Prozesse" zu erwähnen, 1957 in einem Brief an den damaligen Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, geschrieben - als dem Philosophen vorgeworfen worden war, er würde sich mit den Aufständen in Polen und Ungarn solidarisieren und er sei ein unmarxistischer Verführer der Jugend. "Wie können wir verstehen, daß zum aufrechten Gang Verbeugungen gehören?", räsonniert darüber später der Sohn Jan Robert Bloch. Diese, die politische Kritik ist die einzige, die Miermeister an Bloch übt. Heute ist auch die philosophische Kritik an Bloch nicht vorbeigegangen. Im Angesicht der zeitgenössischen postmodernen Philosophie hat das Blochsche Denken etwas Hausbackenes. Auch der Tübinger Philosoph ist nicht ohne marxistische Orthodoxie (ungeachtet seiner Philosophie der Ungleichzeitigkeit in Erbschaft dieser Zeit), dies Festhalten am System marxistischer Dialektik - das zwangsläufig zum unverrückbaren Glauben an das Ziel des Sozialismus führt. Aber in einer salomonischen Orthodoxie ist es bei Bloch ein Sozialismus, der die Humanisierung der Natur und die Naturalisierung des Menschen einschließt.
Für Rudi Dutschke schlossen in der DDR Sozialismus und Christentum einander nie aus. "Zur Konfirmation gingen noch alle aus unserer Schulklasse, ein Druck dagegen war 1954 nicht gegeben." Miermeister vergißt nicht zu ergänzen, daß Dutschke auch an der staatlichen Jugendweihe teilnahm. 1957 setzte der Schüler den Keim der Revolte, als er öffentlich in einer Schul- und Parteiversammlung sprach und "die Lobhudelei gegenüber der Sowjetunion" kritisierte - nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands. Das - und die Verweigerung des Armeedienstes - kostete ihn die Erlaubnis zum Studium in der DDR. Am 11. August 1961 ließ er sich in Westberlin nieder, zwei Tage später wurde die Mauer gebaut. Als Dutschke begann zu studieren, war es nicht Marx, der ihn faszinierte, sondern Heidegger, Sein und Zeit, das existentielle Problem der Geworfenheit. Gretchen Dutschke schreibt ähnlich in ihrer Biographie, wie sich die jungen Existentialisten, darunter Rudi Dutschke, am Steinplatz in Westberlin trafen. Bis sie, an anderer Stelle, mitteilt: "Zu der Zeit (1964) war er vierundzwanzig, schon drei Jahre in West-Berlin und sah seinen weiteren Weg deutlich vor sich - ein Leben als Berufsrevolutionär..." In den revolutionären Zirkeln der "Subversiven Aktion" trafen, wie Miermeister treffend beschreibt, mit unseren heutigen Worten gesagt, "Ossis" und "Wessis" aufeinander, jene waren für die globale Revolution, diese für die Revolutionierung des Alltags. Daß, für die Aktivisten selbst überraschend, der SDS nach dem 2. Juni 1967, den Schüssen auf Benno Ohnesorg durch einen Polizisten, vom sozialistischen Zirkel zu einer Massenbewegung, Dutschke vom klugen Kopf jener subversiven Sekte zu einem revolutionären Führer wurde, das soll uns hier nicht weiter beschäftigen - es ist, vielfach beschrieben, Geschichte der BRD in jenem Jahr 1968, das ich die "Geburt der Republik" nenne, das Ende vom Nachhall des Dritten Reiches in den fünfziger, sechziger Jahren.
Anfang Februar 1968 lernten sich Ernst Bloch und Rudi Dutschke persönlich kennen, in einem Gespräch der Evangelischen Akademie Bad Boll. Jeder, der zuhörte, merkte, daß zwischen den beiden ein Funke übergesprungen war, und Bloch war dies Gespräch so wichtig, daß er es in den 1970 erscheinenden Band 11 seiner Gesamtausgabe (Politische Messungen, Pestzeit, Vormärz) mit aufnahm. Etwa zwei Monate nach diesem Gespräch in Bad Boll, am 11. April 1968, schoß ein fanatisierter dummer Kerl, Josef Bachmann, in Berlin auf Rudi Dutschke - ein Schuß, an dessen Folgen der damals 28jährige elf Jahre später sterben sollte. Für die Freundschaft zu Ernst Bloch blieb dem schwerverletzten Dutschke wenig Zeit, in Dänemark, zuletzt wieder in Tübingen. Das Buch von Jürgen Miermeister gibt eine Ahnung von der Tiefe der Begegnung dieser beiden Menschen. In der Duographie gewinnen die beiden großen Revolutionäre Gestalt - und zwar so, daß Rudi Dutschke nicht ein Che aus Luckenwalde in Brandenburg und Ernst Bloch nicht der marxistische Campanella wird.
Manchmal verfällt Miermeister leider in den Stil schlechten Feuilletons - so, wenn er (und nicht etwa im Vorwort) mitteilt, daß sein "böses, krankes Bankkonto, dem nur das Prinzip Hoffnung helfen kann, diesen Traum vernichtet" - Worte, die in dem flachen, gefälligen Ton des öffentlichen Geschwätzes, der Talk-Show, geschrieben sind, von dem ich in Büchern verschont bleiben möchte. Der Text ist unsorgfältig korrigiert, offenbar geschuldet einer überstürzten Drucklegung in den letzten Septemberwochen, damit die Duographie noch rechtzeitig zur Buchmesse vorgestellt werden konnte - das sollte sich in der zweiten Auflage ändern.
Jürgen Miermeister, Ernst Bloch - Rudi Dutschke, Hamburg (EVA, Duographie Band 7) 1996 (190 S., 28,00 DM)